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Jüdische Rundschau · 1928-01-03 · Heft 1 (3.1.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 1 (3.1.1928)
Date
1928-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. I, 3.1.1928 sprechen hatte, antwortete mir erat auf meine *wöl f te Er• inncrung hin. lind die von der Sache am meisten begeistert waren, trugen zu ihr am wenigsten bei. — Im allgemeinen habe ich konstatiert, daß ich durch 190 diverse Bemühungen 1—2 Stöcke erhielt. Vielleicht auch darum, weil mir fast stets nur bescheidene Mittel zur Verfügung gestanden sind. Im ganzen sind von mir während der 39 Jahre über 63 003 Briefe und Drucksachen zu Zwecken der Sammlung versandt worden. Viel größere Schwierigkeiten noch als beim Simmein der Authographen von westlich-weltlichen — literarischen, wissenschaftlichen, künstlerischen — jüdischen Großen ergaben sich beim Suchen nach Schriftstücken der östlichen Be* riihmtheiten, die bi* vor wenigen Jahrzehnten naturgemäß überwiegend zur Kategorie der Rabbiner, Chassidimrabbis, Talmud- «tlenrten und dergl. gehörten. Jene Westlichen konnte ich urch Kauf bei Händhrn erreichen oder, einen kleinen Teil der lebenden zumindest, durch direkte Bitten. Anders die östlichen. Dl# lind im Autögraphcnhandel nicht vorhanden und ein Rabbtner oder dergl. würde eine Bitte ,.für mein Album‘'‘ nicht verstehen. Da war ich ganz auf das Suchen Sozusagen von Haus «1 Haus angewiesen; mußte vagem Hörensagen mühevoll nach- Spören oder dem Zufall manche* verdanken. Das Ist eine unendlich mühielloe, undankbare Arbeit, von unglaublich ge ringern Ertrage, Dazu sind Briefe von größeren jüdischen Persönlighkcitcn des Ostens im allgemeinen recht selten. Weil ihre Besitzer, im Gegensatz« ׳/.um Westen, im letzten Jahrhundert sö vielen Pogromen, Ueberfällcn, verheerenden Feuersbriinsien, Kriegsereignissen und dergl. ausgesetzt waren. Heute umfaßt die Sammlung über 2SÖÜ Autographen und über 1103 Porträts. lieber das essentielle Wesen meiner Schriftstücken- Sammlung kann im allgemeinen das gesagt werden, was von jeder wissenschaftlich * systematischen Autogfsphensa nmlung (die von dem Unterschriften-Sammeln schmachtender Backfische bei den Heldeotenören ganz verschieden ist) gesagt werden muß. Goethe z. B., ein eifriger Autographen* Sammler, schrieb einmal; ״Da mir die sinn'iche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise gegenwärtig." Die wesentliche Sphäre einer Autographen-, ebento eitler Rortritssammlung, ist die des Gemüts, der Empfindung, des lenen», AI« Motto zum Kataloge der Ausstellung einer Auswähl au» meiner Sammlung, welche die National- und Universititebibliottiek hier zu Ostern d. J. veranstaltet hat, schrieb Ich; ״Wie!«der Einzelmensch, dem das OefÖhl Unzeremonieller Pietät nicht fremd ist, wohl gerne das Bild und die Schriftzüge einer Ihm werten, lieben Person fixiert und erhalten wissen will, so muß ei für jeden, der zu den Größen seines Volkes ein Verhlltnis von herzlich-intimer Verehrung hat, von Reiz und Wert Min, die Gesichts- und Schriftzüge dieser Menschen — das In- «m*te und Persönlichste, das von ihnen zurückbleibt — zu kennen und für die Dauer und kommende Generationen auf* bewahrt zu wissen. Auch bildet die Zusammenfassung und Schaustellung einer solchen — natürlich möglichst vo'lständiten — Sammlung gleichsam einen nach außen und inn n wir* enden Pantheon der bedeutenden Persönlichkeiten der betreffenden Nation: sehet, diese haben wir hervorgebracht! Und neben dem Tempel der Verehrung findet sich eine Ecke, worin das Andenken jener gewahrt werden soll, welche die Gemeinschaft ihres Volkes verlassen haben. Auch sie gehören unserer Geschichte an und zu unserem Anteil an der Kultur der Welt“, Und die Wirkung der lebendigen Schrift ia Verbindung mit dem Bildnis Ist ein# ganz andere al!t es dl« eines Verzeichnisses, einer biographischen Zusammenstellung wäre, die a'l die Namen äff Samtnh'Bg enthie'te and noch vife mehr. Er wären doch nur ״Worte, nichts als Worte“. Hier Aber lat Anschauungsunterricht, Hier sind die UnÄbiti de« Schicksals der Schreiber, hier um entsprechend der mir hier zur Vertagung ‘ ‘ ihlteM, auch Jen hervor»!* hsbtB — ein langer Brief Heinrich Heines vom 9. Januar t*M an seinen Freund Mo* sr, In welchem er a. a. »cnreibt:, lebe gmt isoliert ... Ich bin jetzt fccy Christ und Judo verhaßt Ich bereue sehr, daß Ich mich getauft habe; ich sch noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sey, im Gegenteil . . . Ist es nicht närrisch, kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrien“. Weiter ein Brief Moses Mendel*tohns an Herder über die Erziehung seiner Kinderais Juden und ein zweiter von demre'ben ('eul . h* hebräisch mit hebräischen Lettern), worin er von seiner B r e i n - d e 1 (späteren Dorothea Schlegel) *chreibt, sie sei ״nicht hübsch, abtr klug und gut gezogen“ und von Josef, von dem er hofft, ״er werde sie alle mit Gottes Hilfe übertreffen“. Und «chließlich efa Dokument eines besonderen tragischen Schick- *als. nämlich der Brief Emin Paschas, des ursprünglich deutschen Arzte* und späteren anglo-ägyptisehen Gouverneurs im Sudan, vom 13. April 1882 aus Lado am oberen Nil. Da schreibt er an einen deutschen Freund, dem er gleichzeitig wissenschaftliche öbtekte übersendet: ״Vor . Schluß der Post. Morgen geht der Dam pfer ab“ 11m. Und wahrlich, das war das letzt« Schiff, das damals nach Chartum abging und ihn noch hätte retten können. Seit jenem Tage blieb er von Aegvpten und Europa abgeschnitten, bi* er im Jahre 1802 von den- Arabern abgeschlachtet wurde. Der folgende kurze Namensauszug au« dem KatalopderAutographen-Abteilung möge eine Vor- Stellung vom Gebietsumfang und dem Maße der Sammlung vermitteln: Rabbi Josef Caro, R. Jehuda Ibn Atta»־, R. Elliahu Gaon von Wilna, R. Chaim Hacohcn Rapaport, R. Chaim J. D. Azulai, R. Jacob von Lissa, R. Moses Sofcr und seine zwei Söhne, R. Ltvi Jizchak von Berditsehew, R. Sehnetir Zalman von Lady, David Sintzheim (Präsident des Syahedrlons von Napoweoo), Moses Chaim und Samuel David Luzzatto, S. J. L. Rapaport, J. S, Reggio, Steinschneider, Steinthal, Gritz, Lord Beaconsflcld und dessen Vater, Isaac Disraeü, Heinrich Heine, dessen Mutter Betty, dessen Schwester Charlotte Embden, dessen Bruder Max und dessen Onkel Salomon, Börne, Henriefte und Marcus Herz, Eduard Gans, Rahcl von Varnhngen, Moses Mendelssohn mit seinen zwei Töchtern, Dorothea lind Henriette und zwei Söhnen, Abraham und Josef und zwei Enkeln, Felix Mciidclssohn-Bartholdy und Fanny Hensei, A. Geiger, R. Philippson, Moses Monte'iore, Cremieux, W. Rathcnau, Manin, Bailin, Pcriire, Fould, Heß, Leon und Simcha Pinsker, Herzl, Nordau, (mber (Verfasser der ״Hatikwah“), Feld (Verfasser von ״Dort wo die Zeder“), Netter, Smolenskin, Ben Jehuda, Achat! Haam, Adam Hacohen Lebensan, J. B. Levinson, Manu, J. L Gordon, Mendele Mocher Sfarini, Perez, Scholem Alejehem, Zatnenhof, Marx, Lassalle, Eisner, Landauer, Rosa Luxemburg, Libermann-Freemann, Kaminer, Hermann Cohen, Cassierer, Bcrgsan, Weiningcr, Einstein, Heinrich Hertz, Pringsheim, Sachs, Strasburger, Willstättcr, Max Margulies (Schöpfer der theoretischen Meteorologie), Siegfried Marens (Erfinder des Automobils), Paul Ehrlich, A. Wassermann, Heute, Romberg, Valentin, Neißer, Lombroso, Freud, Alfred Adler, Vambery, Paul J. Reuter, Claretie, M’ncles, Schiltz'er, Beer- Hofmann, Meyerbeer, J, F. Halevy, Rubinstein, Mahler, Offenbach, Schönbetg, Sulzer, Joachim, Henry und Josef Wleniawskl, Rachel, Sara Bernhardt, Josef Israels, Moritz Gottlieb, Samuel Hirschenbetg, Litbtrmann, Plssaro, Chagal, Antokolskl usw. Aach enthält die Sammlung, deren Grundcharakter die Autographle respektive Ikonographie (bildervergleiehende Beschreibung) bildet, viele Schriftstücke, die auch i n - halt!ich für die jüdische Kulturgeschichte in ihren vielen Nuancen in den verschiedensten Ländern während der letzten *kr Jahrhunderte von großem Interesse sind. Ebenso darf die direkte wirtschaftliche Bedeutung einer solchen Sammlung als Magazin von Handschriftproben nicht unerwähnt bleiben. Finden sich nämlich Manuskripte ohne Unterschrift und sind deren Verfasser unbekannt, 10 kann man oft die letzteren durch Vergleich mit Ihren Autogrannen f«»tstellen. In der kurzen Zeit, in der meine Sammlung sich in Jerusalem befindet, konnte die Nationalbibliothek bereits die Autoren elniyer anonymer Manuskripte identifizieren. In der außerjüdischen Welt gibt es viele Faksimilien-Sammlungen (Fakalmiliarlen) berühmter Persönlich* keiten, die auch diesem Vergleichungszwecke dienen. Auch könnte die Sammlung ein reichet Material bieten, um Studien zur Graphologie der Schrift von Juden im allgemeinen und der hebräischen Schrift (in diversen zeitlichen und regio* nalen Varianten) im besonderen vorzunehmen. Es dachten auch verschiedene Interessenten über den Grundtypus des jüdischen Gesichtes und seine Entwicklung nach. In dieser Sammlung wäre allenfalls ein bedeutendes Material dazu. — Bel dieser Oelegenheit Ist es vielleicht von Interesse, eine besondere Art von Fälschung bei Porträts zu erwähnen. In meiner Sammlung be* findet sich z, B. ein Porträt mit dem polnischen Aufdruck ״Mendclson filosof“, während «s in Wirklichkeit ein Bildnis von Melanchthon ist. Schließlich noch eine Bemerkung: Mit diesem Sammeln ist eine jüdisch-biographische Forschungsarbeit verbunden, die bereifs in ihrem jetzigen rudimentären Rahmen manchen wertvollen Aufschluß über die jüdische Abstammung (oder das Gegenteil) einiger bedeutenden Persönlichkeiten und manches Andere dergleichen gebracht hat. Diese Forschungsarbeit ist sehr erweiterungsfähig, sehr und sehr erweiterungsbedürftig. Besonders hinsichtlich der letzten 150 Jahre etwa, seitdem es Jüdische Größen auf den verschiedensten außerjüdischen Ge* bieten in großer Zahl gibt, die ihre Abstammung zu verleugnen suchen, ist dies eine ungewöhnlich schwierige Sache. Bei den östlichen Rabbinern und dergl. Sind wieder Schwierigkeiten anderer Art, die auf die Nachlässigkeit urtd Systemlosigkeit der Biographen beruhen. Da hier auf den Grabsteine! meistenteils nur das Todesjahr, nicht aber auch das Geburtsjahr angegeben zu werden pflegt, io kennt man sehr off letzteres nicht, — Naehschlagebücher gibt es wen'ge, und diese sind unvollständig und meist unzuverlässig. Dafür ließen sich äußerst drastische Beispiele anführen. —- Es ist mir•, dam Laien auf diesem Gebiete (ich bin ein simpler Chemiker von Beruf) ganz unverständlich, warum die Wissenschaft de•!udenfum«, die sieh oft ganz entleeene Und töte Felder zur Bearbeitung sucht, diesen Zweig jüdischer Forschung, der, in den Resultaten sehr dankbar, den lebendigen Strom unserer Zeitbediirfnisse warm berührt, so ganz außer acht läßt. Als ein Ideal — und ein sehr dringend notwendiges — schwebt mir vor: daß an der Jüdischen National- und Unhersitätsbibliothek ein jüdisch -biographisches Institut errichtet werde, das eine Allgemeine Jüdische Biographle herausgibt und, mit meiner Sammlung als Grundlage, ein Inventarium sowie Faksimilarium al'er in der Welt vorhandenen Autographen bedeutender jüdischer Persönlichkeiten veröffentlicht, Zusammen mit einer AllgC* meinen Jüdischen Ikonographie. Französische PalSsHna-Liicraiur Von Dr. S. Gomelskf, Paris. L 11? Frankreich, wo, numerisch und national, das;•Wische j Lebe« »e» 1־m l*t, wo d«־ Zionismus noch I« dr״« Windeln Heft,, gibt m, 1# der 8184.1*1*% vea Jtofe» «84 NfeMJudes'-virfattte, LlfefaW, afe׳ mr lettii#*־ Inf *rette für Paüitfna zeigt Frankreich entsandte in den letzten Jahr«! nach Palästina einige *einer bekanntesten modernen Schriftsteller, Juden und Nichtjuden. Meisten! waren e* Nichtjuden, im Katho'izismu* des und Nazareth“ überhaupt den e*8ten poetischen Kontakt mit Palästina bedeutete. Jetzt sind sie selbst nach Palästina gereist und in direkte Berührung mit dem Lande gekommen. Da« krasseste Beispiel eines künstlerischen Selbstmordes haben die BrüderTharaud in ihrem Buche ,,L’an prochsin ä Jerusalem“ gc'iefcrt. Für die Tharaud ist das Judentum eine Horde schrecklicher Fanatiker und Obskuranten, die hartnäckig ihr nationales ״ich“ nicht aufgeben wollen. Das Judentum bedeutet ihnen eine exotisch«, extravagante Welt, die noch heute von den alten Ghetto-Toren umschlossen liegt. Mit einer derartigen Auffassung über die ״Mission“ des jüdischen Volkes sind die Brüder Tharaud nach Palästina gckommen und haben auch dort nur dieses, von ihnen erdachte, 'exotische jüdische Volk gesehen. In Palästina haben sie mir eine positive Erscheinung gefunden: den Chahika-Jischuw. Sie haben dort das Svmbol ihres ״jüdischen“ Ideals gefunden: den Rabbi Sonnenfeld! Ihre Auffassung des Zionismus haben sie in folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: ״Jene die sich seit 2003 Jahren für verfolgt halten (Hl), werden, wenn sie die Macht bekommen, versuchen, sich zu rächen — und damit in dem Lande beginnen, von dem aus die Epoche ihrer Leiden ihren Anfang nahm.“ Wir hab״n diesen Satz aus dem Pamphlet zitiert, da er das Leitmotiv Ihres moralischen Niveaus klar hervortreten läßt; das Angstgefühl. Das Neue, das Revolutionäre im Leben ist den Tharaud der Schrecken aller Schreclren — und deshalb haben sie ein Denunziations-Pamphlet auf das Galuthjudentum in ihrem Buche .,Quand Israel est roi“ und ein zweites Pamphlet auf das Palästinajudentum in ihrem ״L’an prochain ä Jerusalem“ geschrieben. Um so sonderbarer wirkt die Erklärung, die die Tharaud in der am 9. Juli d. J. erschienenen Nummer der literarischen Wochenschrift ״Nouvelles Litttraires“ abgegeben haben, in der sie sich auf ihre Weise gegen die Beschuldigung, Antisemiten zu sein, verteidigen. Sie schreiben dort über ihre Reise nach Palästina: ״Der Wunsch, alles, was sich dort unseren Augen offenbaren würde, gut zu sehen und gut zu verstehen, hat unser Interesse für Palästina erweckt.“ Diese Behauptung ist ebenso falsch wie sämtliche andere Versuche, sich von jedem Anschein der Judenfeindschaft reinzuwaschen. Wir Juden kennen dieses Manöver aller Judenfeinde, ein naives Gesicht zu machen und scharf gegen die ״jüdische Verleumdung“ zu protestieren. II. Ohne diesen Zweck irgendwie zu verfolgen, brachte jetzt Pierre La MazRre in seinem Buche ״Israel aut dem Boden seiner Ahnen“״) ein entschiedenes Dementi des Tharaud’schen Werkes. Pierre La M azl£ re Ist einer der erfolgreichsten modernen französischen Schriftsteller. Er reiste viel in der Welt umher. Während des französisch-syrischen Krieges im Jahre 1926 unternahm er eine Reise nach Syrien, über die er ein erfolgreiches Buch veröffentlichte. Er war auch in Palästina. Bevor er nach Palästina fuhr, besuchte er eine Anzahl osteuropäischer Lander und während seines Aufenthaltes in Polen hat La MazPre zweierlei ge'emtt erstens — Verurteilung der anlijüdischen Hetze, — ein Protest, der die Stimme eines *) Pierre La Mazläre: Jsraäl sur Ia terre des ancetres“, 1927, Paris öditions Baudiniere. wahrhaft kultivierten Menschen vernehmen!ißt, und zweitens — die geschichtliche und wirtschaftliche Notwendigkeit des Zionismus. La MazRre fürchtet hauptsächlich die Araber und . , , einen vermutlichen jüdischen agressiven Nationalismus. Aber diese Angst, ebenso wie die sehr scharfen Worte, die Ls Martere gegen den jüdischen ״Partikulärismus*‘ in Osteuropa richtet, haben nichts Gemeinsames mit dem gehässigen Anti* semitismui dir Tharauds: sie erweisen sich als nur durch einige antizionistische Aeußerun״en, beispielsweise des von La Mazii-re zitierten Theodor Reinach, suggeriert, und erklären sich aus der ungenügenden Kenntnis der zionistischen politischen Literatur. La Maztere selbst spricht mit Entrüstung von den jüdischen ״Kleinmütigen und Feiglingen“, von den Assimilanten, die gegen den Ziönlsmui sind, da sie , überhaupt gegen jeden Fortschritt wären, wenn sie nicht fürchteten, von den rechtsstehenden Kreisen glatt abgewiesen ZU werden“. La Martere findet sehr richtige Worte zur Charakterisierung der jüdischen Renegaten und der opportunistischen ״Hurra- Patrioten". Während die Tharauds ihren ״Guide“ in Palästina hatten, von dem sie selbst mit Begeisterung sagen; ״er hat Seine wahre Seele im Ghetto gesucht“ — hat La Mazifcre sich nur seinem eigenen Gefühle, Verstand und Gewissen an vertraut. Nicht der jüdische Internationale ״Kahal“, sondern das Schicksal des Landes und des Volkes im Falle eines Mißlingen» des Unternehmens beunruhigt ihn. Wo La MaiRre über da» politische Wesen des Zionismus, über die Araberfrage, Über die englische Politik spricht, versucht er nicht tu entscheiden, sondern gibt offen zu, daß er nicht weiß, daß et nur fragt und — daß ״die Geschichte alles beantworten wird“. Um ein wahres Bild vom werdenden Palästina zu be* kommen, vergleicht der Autor den Chaluka-Jitchuw mit dem neuen. Entschieden ist er gegen den ersten — und der zweite nötigt ihm, vor allem der Chaluz, Bewunderung ab. Er bt* ginnt Sein Buch mit der Erklärung, daß die Menschheit ״vor einem bewunderungswürdigen menschlichen und sozialen Experimente, das in der Geschichte nicht seinesgleichen hat“, stehe. Die Tharauds definieren den Chaluz folgendermaßen: ״Wie die Greise, die ihre Tränen an der Klagemauer vergießen, loben auch die Pioniere Israels von den jüdischen Almosen.... So daß man wirklich nicht Weiß, worüber man eigentlich mehr erstaunen sollte: über den Elfer, mit dem der Baron de Rotschild ein jüdisches Bauerttvolk in Palästina schaffen will, oder über die Unmöglichkeit für das jüdische Volk, seine alte Seele aufzugeben und ein solches zu werden,“ La Mazi'-re dagegen verwirft kategorisch den Gedanken eines mcrkaniListisenen Charakters des Aufbauwerkes, jubelt den ״Aposte'n des neuen Glaubens“ zu und spricht mit Begeisterung über ihren Idealismus, Ihre Hingabe und die moralische Wirkung der ökonomischen Umschrhtung In Palästina aut die Psyche des jüdischen Volkes. Er sieht in all diesem eine der vielen Ausdnicksformen des mystischen Messianismus, der sich in einer noch nie dagewesenen moralischen Naivität offenbart Während die Tharauds behaupten, es gäbe In Palästina keine Jugend, keinen Gesang und keine Freude, schreibt La MazRre: ״man spürt hier «Tn Leb« voll Harmonie, Brüder• liehkeit und Zärtlichkeit; . . . Ihre Gesichter manlfeatl*ren nicht den geringsten Ausdruck der Treuer“. Nach de« Tharägds sind die Chafurfra aur junge Leute aus Rußland und Polen, die sowieso in ihrem Adoptivfendt nicht* n -cr/ei cn bart-n: ״Kein einziger Jude au« DeutscMiÄl, Am. ■ h.... nai sein Vaterland verfetten, «n jeruMfen m > 14 mä״» ׳»<*♦ gm*, jmtfen, •Wirt« m «;®י•!• Srcz-lsrad! Selten begegnet man der Lt ־Mlrtfm bei Behandlung dA» Erziehung»- und TCnlturpröblem* In Piliiaa» IS .öftÄ* Selten seine* Buche» sind diesem Problem gewidmet Die W edergeburt der hebräischen Sprache macht einen!ttrtnferenden Eindruck auf ihn. Zwei Kapitel hat tr den ״Benjamins der neuen Republik“ gewidmet. Der Unterschied zwischen den jüdischen Kindern Palästinas und denen der Galuth entgeht Ihm nicht und er ruft aus: ״.... Nun mußte ich erst zu den Zionist, 1t kommen um zu sehen, wie das Ideal der Genfer Deklaration: ,die Menschheit muß dem Kinde das Beste geben was sie besitzt‘ verwirklicht wird« La MaziCre erklärt: ״Der Boden Palästinas hat jetzt sein Geheimnis offenbart“ und schließt diesen Teil seines Buches mit einem enthusiastischen ״Hallclluja", das wie ein Jubelruf des zu seiner Verantwortung aufgerüttelten Gewissens der europäischen Zivilisation klingt. Wir stoßen übrigens auf eine merkwürdige Zahl: der Ver* fasser behauptet, Tel-Awiw habe eine Bevölkerung von .... 75 000 Seelen, darunter — 74 977 Juden und 23 Christen! Dieser komische Lapsus beeinträchtigt aber den Ernst, mit dem der Autor das ganze Problem Tel-Awiw behandelt, nicht. Trotz wirtschaftlicher Blüte und raschen Aufstieges warnt er vor der Möglichkeit einer wirtschaftlichen Krise. Das einzige, was ihn im ,Lande und in Tel-Awiw frappiert, ist die herrschende Devise: ״Realisieren, bauen, schaffen!“ — dieselbe Devise, ln der die Tharaud nur den Ausdruck des fieberhaften jüdischen Temperamentes sehen. Während für die Tharaud der Herzlische Zionismus nicht mehr bedeutet als ״einen enthusiastischen Schwung eines Vaudevillisten“, der Zionistenkongreß, ״ein Oeräusch, welch ein Fieber, was für Hände, was für Gesten“, glaubt La Mazifire an die Verwirklichung des Zionismus und an das Gedeihen Palästinas. Er glaubt daran, nicht nur deshalb, weil er in dem Zionismus eine starke mystische Kraft verspürt, auch nicht darum allein, weil ״die zionistischen Führer Leute sind, die die verborgene Begabung besitzen, Ereignisse aus der Ferne vorauszusehen, die eigentlich nicht vorauszusehen sind, Wahrheiten zu entdecken und zu verkünden, die niemand vorher vermutet hätte“, sondern aus politischen und wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Die Werke der Tharaud und La Mazieres unterscheiden sich wie die zwei extremen Gefühle der Menschennatur: Haß und Liebe! La Maziftrc schließt sein Buch mit dem Ausdrucke seines Glaubens, daß dank ״dem Schweiße und den Tränen“, — mit denen die ״neopalästinensischen Juden“ den Boden des Landes düngten, ״die Zeit des Experimentlerens vorbei ist .... und morgen Palästina reich sein wird“. Das Leitmotiv des Buches ist der Glaube, entstanden aus den schmerzlichsten Zweifeln und dem Wunsche, daß ob seine« großen sozial-humanitären und national-kulturellen Wertes und un Namen der künftigen Generation ״der Zionismus leben muß!“ (Fortsetzung folgt.) Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages Mose* Mendelssohns sollen, wie bekannt, die gesammelte* Schriften des Philosophen als Jubiläumsausgabe erscheinen. Herausgeber sind im Aufträge der Akademie für die Wissen- Schaft des Judentums und der Gesellschaft zur Fördeiung der Wissenschaft des Judentums Professor Ismar Elbogen, Professor Julius Guttmann und Professor Eugen Mittwoch in Gemeinschaft mit Dr. F. Bamberger, Dr. Ch. Borodiansid, Dr. J. Rawidowitsch, Dr. Bruno Strauß und Dr. Leo Strauß. Die Vorarbeiten sind nunmehr soweit gefördert, daß zu Beginn des neuen Jahres drei Bände druckfertig vorliegen.

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