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Jüdische Rundschau · 1928-01-03 · Heft 1 (3.1.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 1 (3.1.1928)
Date
1928-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 3. Januar 1923 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 1 Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Qorellk.! Erstes Kapitel; Nachdenken über die Betriebsamkeit der anderen veranlaßt das Niederschreiben dieser Erinnerungen. — Bin im Vorbeigehen gegebener Rat wird von einem Freunde aufgegriffen und ein phantastisch scheinender , Plan wird zur Wirklichkeit. — Aufgezwungene Aktivitat. — Zehn Tage auf einem Ozeandampfer. — Sonderbares Verhältnis zu den Meereswellen. ♦ Unltngst bekam ich zwei Bücher In die Hand, die mich inregten, mir ernste Gedanken über mich selbst und vor allem Über meine Untüchtigkeit zu machen. Das eine Buch vermittelt der lesenden Menschheit die Eindrücke und Erlebnisse eines bedeutenden Schriftstellers während seines kurzen Aufentbaltes in einer europäischen Hauptstadt, das zweite Buch enthält Betrachtungen und Impressionen während einer Rei e aus j einem Schweizer Dorf nach der alten Heimat, die ein schwer* j mutiger Dichter der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten wollte. Bei dieser Lektüre wurde ich nachdenklich, und ich Staunte über die Geschicklichkeit der schreibenden Welt, die versteht, Erlebtes sofort in Buchform dem PuMikum zu pväsentieren. Besonders verblüffend wirkte auf mich jener schwer* 1 mütige Dichter, der eine geradezu erstaunliche Fähigkeit besitzt. Melancholisches in kurzer Zeit bekannt und rentabel zu machen. Ein Aufseufzen der Seele während eines Spazierganges durch den herbstlichen Wald, Stimmungen, heraufbeschworen durch einen Sonnenunterga 1g, ein g aues Haar, das zu trüben Gedanken über Krankheit, Alter und Tod führt, dieses und Aehn'.iches wird mit unvergleichlicher Bet I bsamkeit ln Vers und Prosa an die Redaktionen der großen Zeitschriften und Verlage versandt und kehren zu dem glücklich unglücklichen Schriftsteller in Form einer wahrscheinlich ansehnlichen Rente zurück, die jeder Humorist sich hätte wünschen können. Da ich aber selbst zu den aufrichtigen und warraan Verehrern dieses melancholischen Dichters gehöre, waren meine etwas I onischen Betrachtungen über seine Betriebsamkeit nur flüchtig, dafür aber kam ich bald dazu, mich selbst mit Vorwürfen über die schlechte Angewohnheit zu überhäufen, Erlebtes, sei es während einer schönen, weiten Reise, sei es durch den Umgang mit interessanten Menschen, immer als intim-privat und für alle anderen als belanglos anzusehen. ״Was hast Du“, herrschte ich mich an, ״getan, um Dein einstiges Herum wandern in der Welt, um all die Frühlinge und Sommer, die Da in Konstantinopel, in Palästina, in der Provence, auf dem Gardasee, in Holland, in einem dänischen Fischerdorf verlebtest, literarisch zu verwerten? Wo sind Deine Versuche, aus Erinnerungen an wunderbare Herbste und Winter in der Wcraine, auf;einem Gutshofe in Weiß-Rußland, in Finnland etwas Brauchbares zur Erleichterung Deiner Sorgen ums Dasein zu machen? Ein anderer hätte schon etwas zu machen gewußt aus jenen zwei seltsamen Sommertagen in Moskau im Jahre!901, wohin Du Dich aus Wilna in einem langen schwarzen Rock und einem Kranz begabst, um an der Beerdigung Tschechows, Deines geliebtesten Schriftstellers, teilzunehmen. Fürwahr, es waren zwr< Tag und noch seltsamere Nächte, wo Du als Jude ohne Wohnrecht, obwohl heißer Verehrer der russischen Literatur, von den Hotels abgewiesen wurdest und die ganze Nacht in den Straßen mit einem Kranz und in einem langen schwarzen Rock herumwandern mußtest, zum Erstaunen der Polizisten und Ergötzen der Straßendirnen. Und was die Ein* samkeit, die Schwermut anbetrifft, was sind denn Stimmungen eines Spaziergangs im herbstlichen Wald im Vergleich zu den Gefühlen der Verlassenheit, des Verlorenseins, die sich Deiner bemächtigen, als Du 1m Park, im Hafen von Marseille herum- Irrtest? Aus all dem hätte sich was machen lassen. Du aber, Du machtest aus Deinen Erinnerungen einen kleinen Tempel zum privaten Gebrauch, und wahrend alle anderen die kleinsten Regungen ihrer Seele, die unbedeutendsten Ergebnisse ihrer Betrachtungen in Verse und Prosa kleideten, eifertest Du in Deiner Abgeschlossenheit des Intim-Privaten. Wach auf! Rühre Dich!“ Derartig aufgewühlt, aufgerüttelt, beschloß ich, einiges aus dem Erinnerungsschatz aufzrgreifen, und zwar solche Begebenheiten. die nicht der fernen Vergangenheit angehören, sondern die sich erst vor ein paar Jahren absui eiten. Und so fiel denn meine Wahl auf die unerwartete, höchst sonderbare Reise, die ich am Anfang des Jahres 192t nach Canada unternahm, wo ich ein halbes Jahr verblieb. An diese Reise wie auch an den Abstecher nach den Vereinigten Staaten kann ich nicht ohne gewisse Heiterkeit zurückdenken, und vie’leicht bes'ä kte mich gerade diese Heiterkeit in dem Entschluß, die Eindrücke und Erlebnisse während meiner Canada-Reise der Aufmerksamkeit des Lesers zu unterbreiten. Wenn ich diese Reise als eine unerwartete und höchst spnderbare bezeichne, so geschieht es auch deswegen, weil sie zu einem Zeitpunkt stattfand, als ich mich besonders fest an den klugen Rat eineß Weisen zu halten glaubte, nämlich an jenen Gedanken Pascals, wonach alles Uebel, alle Mißhelligkeiten, die dem Menschen in seinem Leben zustoßen, nur aus seiner Unfähigkeit herrühren, zu Hause sitzen zu bleiben. Schon längst hatte ich aufgehört, jene Ansicht zu teilen, die in einem häufigen Ortswechsel die innere Bereicherung des Menschen sieht. Ein kleines, bescheidenes Landhaus in der Nähe eines Dorfes, und ich hätte nicht gezögert, mich schriftlich zu verpflichten, bis ans Ende meiner Tage dort zu verbleiben und es niemals zu verlassen. Aber das war auch in den ersten Monaten nach der unglücklichen Inflation, und jeder sah sich einer neuen Wirklichkeit gegenüber, einer Wirklichkeit, die nichts mit jener Zeit zu tun haben wollte, während welcher ein paar Dollars, die man für einen Artikel in einer ausländisehen Zeitung bekam, den Lebensunterhalt für einige Wochen bestreiten konnte. Das hörte auf. Eine gesündere Zeit brach an. Der Schriftsteller «Iber fühlte sich der neuen Epoche nicht gewachsen. Da begab cs sich eines Tages, daß ich auf einen Bekannten stieß, dem ich unvorsichtigerweise die Bemerkung machte, daß manchmal eine an und für sich gesunde, begrüßenswerte neue Epoche einen Menschen doch in größte Verlegenheit bringen kann. ״Wissen Sie was“, sagte der Bekannte, ohne es sich besonders zu überlegen, ״reisen Sie nach Canada. Sie könnten unter der dortigen jüdischen Bevölkerung Vorträge über jüdische Literatur halten.“ Dieser im Vorbeigehen hingeworfene Rat hatte nie Wirklichkeit wer* den können, hätte nicht ein wirklicher Freund davon Kenntnis bekommen. Der griff ihn auf. Er wischte seine Brilleng'äser und sagte: ״Heute noch werden Briefe nach Canada wegen Einreiseerlaubnis verschickt und an die S’hiffsgesellschaft wird wegen einer Freikarte geschrieben.“ Dieser Freund besaß einige Sonderüchkäten, die darin bestanden, daß er erstens ein richtiger Freund war und zweitens, daß er, obwohl um die Rettung des ganzen jüdischen Volkes sehr bemüht, ein starkes Wohlgefühl empfand, wenn es Ihm gelang, auch einem einzelnen Juden, einem einzelnen Menschen Gutes zu tun. So entstand also für mich eine ernste Hoffnung, aus der Verlegenheit, In die die neu anbrechende Epoche mich gebracht hatte, herauszukommen. Andererseits sah ich nicht ohne Bestürzung das Pascalsche Prinzip von der Widrigkeit des Zuhausesitzens wanken. Insgeheim aber dachte ich, daß aus der ganzen Sache wahrscheinlich nichts werden wl d, und man mich nicht stören würde, von einem kleinen Landhaus iu der Nähe eines Dorfes und der schriftlichen Verpflichtung, bis ans Ende meiner Tage dort zu bleiben, zu träumen. Es traf sich aber anders. Eines Morgens bekam ich Nachrieht, daß dem canadischen Emigrationsagenten eine tele- Der Roman ״Hotel Savoy“ von Joseph Roth beginnt In der nächsten Nummer der Unterhaltungs• Beilage am 10 Januar. graphische Interaktion aus Ottawa erteilt worden sei, mir ein Visum zu geben, und nach ein paar Tagen folgte ein Brief, daß die Schiffsgesellschaft ״Royal Mail“ mir eine Fahrkarte zweiter Klasse auf dem Dampfer ״Orduna“ bewil igt habe. Was blieb mir übrig, als mich auch meinerseits zu einer Aktivität aufzuraffen, die darin bestand, schnell die Sachen zu packen, mich nach Hamburg zu begeben, Schiffsärzten zwecks Un'ersuchung gegenüberzustehen und nach Erledigung vieler anderen Formalitäten an Bord des schönen Dampfers ״O duna“ zu gehen, der beauftragt war, mich kostenlos nach Canada zu bringen, nach Canada, wo man sich nach guten Landarbeitern, nach Kolonilten sehnt, aber von wo walirscheinli h sehr selten eine Aufforderung nacheinem literarischen Lektor aüsging. Auf dem Rundgang durch die luxuriösen Räume des Dampfers, hei der näheren Betrachtung der Passagiere, die fast aussch'ießlieh aus Angel-Sachsen bestanden, wurde mir die Sonderstellung immer klarer, die ich unter der Schar dieser höchst nützlichen, zielbewußten Menschen einnchmen m ßte. Sie konnten schwerlieh in mir einen Menschen sehen, dessen Absichten und Vorhaben sich auf gleicher Linie mit den ihrigen bewegten. Sie fühlten, daß der fremd aussehende Herr, der noch dazu hochmutig genug war, seine Sprachenunkenntnis als ei len gewissen Vorteil anzusehen, weil sie ihm das Schweigen erleichterte und ihn von der Notwendigkeit, Bekanntschaften zu machen, befreite, sie fühlten, daß er sich mit Plänen in bezug auf sein Wirken in dem neuen Lande herumtrug, die nicht ohne gewisse Komik waren. Ich war überdies der einzige Jude auf dem Dampfer. Den anderen iüdisch aussehenden Passagier, der immer vor und nach den Mahlzeiten in Fords Lebenserinnerungen las und sich niemals ohne ein Rfesenfernglas auf dem Deck zeigte, mußte ich aufgeben. Nein, er war kein Jude; Nicht so wegen Ford, wie wegen der Begeisterung, mit der er durch das Fernglas die Wasserunendiichkeiten betrachtete. Die gleichgültige, ja feindliche Stimmung gegenüber den Seeherrlichkeiten wohnte nur in meiner Seele. Ich bin bereit, dafür auch die volle Verantwortung zu tragen, und die jüdischen Leser und Leserinnen von Joseph Conrad, von Stevenson und Jack London möchte ich als Entschuldigung für meine Gefühllosfgkeit dem Meere gegenüber nur daran erinnern, daß in der Geschichte des jüdischen Volkes das Meer immer mit Schicksalsmomenten der Flucht verbunden ist Flucht aus Aegypten, Flucht aus Spanien, Flucht aus Rußland während der Pogromjahre. Die zwei Juden, die wir auf Liliens lllustrationsblatt zu «Morris Rosenfelds Gedicht ״Der Sturm“ sehen, sitzen ganz in ihren Schmerz versunken auf dem Zwischendeck, und niemals wahrscheinlich haben sie während der langen Fahrt das Naturspiel, das das Meer bietet, mit einem Slick gewürdigt. Unsere großen Propheten und Strafprediger haben nur immer über den Verlust der Heimat, über den Verlust des Tempels, aber niemals über den Verlust einer Flotte geklagt. In der jüdischen Volkspoesie, in den Werken unserer Dichter und Prosaiker ist fast niemals von der Schönheit des Meeres die Rede, dafür aber Klage, bittere Klage darüber, daß das Golus- und Stadtleben den Juden der Erde entfremdet hat. Immer und immer kehrt dieses Motiv der Sehnsucht nach der Mutter Erde, nach der heiligen Kraft, die ihr innewohnt, zurück. Wie liebt es doch der Volksdichter, sich in Träumereien zu wiegen, daß es auch den Juden einmal vergönnt sein wird, über das breite heilige Feld zu wandeln 1 Von Fischern aber, die mit ihren Netzen in die See stechen, ist niemals die Rede (obwohl wir doch einst Fischer waren in Galiläa). Zwar singt einmal der Dichter von einem jüdischen Schiff, das niemals untergeht, aber er benutzt dieses Wort nur als Alegorie, er meint nur jene ewige Substanz, die das jüdische Volk an allen gefährlichen Klippen des Daseins vorbeiführen und es in einen sicheren Hafen bringen wird. Dieses Schiff, von dem der Dichter spricht, ist ein ganz anderes. Nit kein Krieg-Schif is si Brider Nit kein Panzer-Schif, o nein Doch antgegen größten Feier (Feuer) Ken si frei und sicher gehn Fregt nit wie, es ist unmöglich Sich zu machen a Begrif Unser Schif ist ein und einzig, Unser Schif, die stille Schif. Wie oft habe ich während dieser vielleicht langweiligsten Tage meines Lebens, die ich auf dem Ozeandampfer verbrachte, vor mich hin gemurmelt: Unser Schif ist ein und einzig, Unser Schif, die stille Schif. Was die Orduna anbetrifft, so war sie nicht immer still. Es waren Tage, wo sie mächtig schaukelte, und dieser Zustand bewirkte mannigfaltige Veränderungen. Erstens verwandelte sich der Dampfer, der in den friedlichen Tagen einem Tanzpalais glich, in ein Riesenspital, und zweitens wurde das Ideal der vollkommensten Gleichheit verwirklicht. Daß der Kapitän, die Offiziere, die «Mannschaft sich alle aufrecht hielten, konnte das Bild der erreichten Vollkommenheit nicht stören, denn während der Seekrankheit werden diese aufrecht stehenden Offiziere, Matrosen und Hilfe spendenden Stewards bekanntlich nicht zu der Gattung ״Mensch“ gerechnet, sondern zu Lebewesen eines anderen glücklicheren Planeten. Se'bstverstindlicf» war in solchen Tagen des Unwetters von meiner Sonderstellung nichts zu merken. Der Liegestuhl, auf dem ich ausgestreckt lag, befand sich in derselben Reihe mit den Liegestühlen der zielbewußten und sonst gewiß sich als unentbehr ich dünkenden Anglo-Sachen. Ich empfand auch nicht die Vorteile, die mir**' meine Sprachenunkennfnis gewährte, denn alle schwiegen, ln dieser Zeit herrschte nur eine Sprache, die des Le'dens und Entsetzens. Sobald es sich aber wieder au'hellte und ״Orduna“ die Geselligkeit eines Klubs und die Freuden eines Tanzpa'ais wiedererlangte, wurde ich mir meiner absonderlichen, einer gewissen Komik nicht entbehrenden Situation wieder bewußt. Nicht ohne Beklommenheit. Ich dachte an das Riesenland Canada, das dreihundert Millionen Menschen aufne'imen kann und das eine Bevölkerung von nicht ganz neun Millionen hat. Die Menschen, die in diesem Lande wohnen, sind unternehmungslustig, energisch, von Optimismus durchdrungen und i:h, ich komme aus einem übervölkerten Europa, aus einem pessimistischen Europa. Und bin Jude noch dazu, mit Trübseligkeiten aller Art angenehm belastet. Auf diesem Dampfer war ich der einzige Jude. Sonderbar, sonderbar, einmal bemächtigte sich meiner ein Gefühl, als sä ich nicht nur der einzige Jude, sondern zugleich auch der letzte Jude. Offenbar, um mich von dieser drückenden Stimmung zu befreien, sandte ich ein Radio- Telegramm an die einzige mir bekannte Adresse in Montreal mit der Bitte, nach Halifax, dem Hafen, wo die canadischen Passagiere ausgeschifft werden, zu depeschieren, damit mich die dortige jüdische Jugend vom Dampfer abhole. Meine Auiographen- und Porträisammlung (Der National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem als Geschenk übergeben.) Von Dr. Abraham Schwadron, Jerusalem. Wer in dreißig Jahren recht behalten will, muß es sich gefallen lassen, in der ersten Zeit verlacht zu werden, so ungefahr schreibt irgendwo Herz] in seinen Tagebüchern. — Als ich vor 32 Jahren, noch ein Knabe, vom Vorhandensein der Autographensammlungcn in der Pariser Staatsbibliothek, im Britisehen und Germanischen Museum erfuhr, da war noch von einem Bezalel-,Museum, von einer Jüdischen Universität kein Anfang. Und da dachte ich mir: Da wir eben kein Institut haben, das Autographen und Porträts sammelt, ergo muß ich es schaffen. Ich fürchtete aber zu sehr die Lächerlichkeit, als daß ich damals zu irgendeinem Menschen von diesem träumfernen Ideale gesprochen hätte. Dazu wäre in meinen Kreisen, in Galizien, eine solche Sammlung als eine alberne Skurrilität und nicht als Ideal angesehen worden. Doch selber ging ich mit fanatischer Energie an die Arbeit. Tastend, weglos, ohne Erfahrung, Weisung, Führung. Zunächst wandte ich mich an verschiedene jüdische Größen mit der Bitte um eine Unterschrift ״für mein Album“. Spater erfuhr ich von Autographen-Auktionen und Händlern. Durch die Taschennot mußte ich mich darauf beschränken, nur die Autographen der Kleinen anzukaufen. Brieffragmente von Lo־d Beaconsfield und Rahel von Varnhagen ä je ein englisch Pfund waren damals meine ״geldlich“ teuersten Stücke. An ganz Teueren, wie Moses Mendelsohn, Heinrich Heine und dergl., mußte zu iener Zeit in den Katalogen mein Blick mit sehnsüchtiger Wehmut vergebens vorbeirichen. (Erst in späteren Jahren konnte ich viele der billigen und fragmentarischen Stücke durch wichtigere von derselben Hand ersetzen.) Damit begann ein dauerndes «Mühen und Suchen und Fragen: Welche von den Trägern der unzähligen Namen in den Auktionskatalogen sind, waren von jüdischer Abstammung und welche sind von Bedeutung genug, um in die Sammlung aufgenommen zu werden? Dabei war ich fern von jeder Bibliothek, fern von den Wissenden und nur mit ganz, ganz wenigen, primitiven Nachsch'agebüchern versehen. Wahrlich, das Problem und die Entscheidung jeden Anfangs liegen eben darin, im ersten Sandkörnchen unüberheblich aber bewußt und unbeirrbar den Berg zu sehen, der ersehnt wird. Was waren die ersten 10—20 Stücke im Vergleich zu dem, was noch aufgebracht werden sollte? Aber die Phantasie mußte in ihnen bereits die Tausenden schauen, die kommen sollten. Als die Sammlung bereits auf etwa 200 Stücke angewachsen war, da verbrannte unser Haus und mit diesem die ganze Sammlung, die ich mit der Erfahrung des grünen Jungen und um sie« vor den Augen der Welt zu schützen natürlich auf dem Dachboden aufbewahrt hatte. Das war ein großer Schlag. Aber ich gab nichts auf. Begann von neuem und mit verzehnfachtem Effer, hatte bald den Verlust eingebracht, wenn auch vereinzelte Stücke bis heute noch nicht ersetzt werden konnten. Dann brach der Weltkrieg aus. Die Russen drangen gleich in unser unweit der Grenze gelegenes Dort ein, das ganze Innere unseres Hauses wurde zerstört — nur meine Sammlung hatte ich drei Tage vor der Invasion meiner flüchtenden Schwester nach Wien mitgegeben. Bald war aus den Katalogen recht wenig mehr zu holen: ich hatte bereits die gewöhnlich Angebotenen. Ich mußte über die Offerten der Händler hinaus auf die Suche gehen: durch Inserate in Sammler-Zeitschriften, durch Versenden von Desideratenlisten in vielen Hunderten von Exemnlaren, durch spezialisiertes Nachforschen bei Verwandten und Bekannten der Berühmtheiten, teils persönlich, teils vermittels vieler Tausende von Briefen, durch Reisen usvv. Dabei wurde die Arbeit durch die allgemeine Indt.enz, durch die Unzuverlässigkeit und Ungenauigkeit derer, die helfen sollten und konnten, schmerzliehst erschwert und verhundertfacht. Auch die meisten der vermeintlich Besten antworteten z. B. einfach nicht. Ein Wiener Gesinnungsgenosse, der mir eine gewisse kleine Bemühung ver■

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