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Jüdische Rundschau · 1927-12-30 · Heft 104 (30.12.1927) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 104 (30.12.1927)
Date
1927-12-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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JUHDTSCHE RUNDSCHAU Belte 741 Kr. 104, 30, XU 1827 lebend, spricht am wärmsten an und vertritt den Urtypus der lebensstarken, jüdischen Frau und Mutter, deren Bemühungen um die Befreiung der Frau aus häuslicher Enge und ihr Wirken in Fragen der Kindererziehung nur wie eine Verbreiterung der Tätigkeit Innerhalb der eigenen Familie erscheinen. Uebrlgens ist Gina Lombraso auch Mitarbeiterin an den psychiatrischen Werken ihres Vaters Cesare und Verfasse rin eigener medizinischer Schriften. Ein ähnliches Buch, gleichfalls Sammlung von Frauengestalten, ist uns fast gleichzeitig zugekommen; es heißt: ״Frauen jenseits der Ozeane“, und ist herausgegeben von Margarete Driesch! der Gattin des bekannten Philosophen. (Niels Kampmann Verlag Heidelberg.) Aber, so gut die Absichten der Herausgeberin gewiß sind, es steht in seiner allzu großen Zufälligkeit der Beiträge hinter dem Buch von Kern zurück. Wenn auch einige der Aufsätze schon als Studienmaterial großen Wert besitzen, so staunt man doch zuweilen über die Prätention, mit der hier Banalitäten vorgebracht werden. Zum Beispiel diskutiert E. Leonard allen Ernstes die amerikanische Dienstbotenfrage In der Weise, daß er schließlich voller Befriedigung feststellt, wie schön die sozlalen Verhältnisse in seiner Heimat doch seien, da zwischen Familien, die sich den Luxus von Dienstboten leisten könnten und solchen, die dazu nicht in der Lage seien, beste Be* Ziehungen gepflegt würden und nicht (wie wohl nahe läge?) Hochmut auf der Seite der Reicheren zu finden sei. wenn wir noch etwas Spezielles Vorbringen dürfen, so sei es die Anregung, daß künftig unter Frauen ״jenseits der Ozeane“ auch etwas von unseren palästinensischen Frauenproblemen aufgenommen werde, das sicherlich in seiner Eigenart von allemeinem Interesse wäre, wie die Aeußerungen vieler Frauen er europäischen Frauenbewegung, die Palästina besucht haben, beweisen. Ma. We. Hne Artikelserie über Palästina Die Zeitschrift ״Die Frau im Staate“ (München, Kaulbachstr. 12) bringt in ihren letzten fünf Heften einen großen Aufsatz seiner Mitherausgeberin Ly da Oustava H ey mann über ״Das neue Pallstin a“ Die Verlasserin gibt darin einen genauen Bericht über Ihre Palästinareise, bei der sie vor allem die Frauenprobleme studiert hat, und eine verständnisvolle Darstellung der Stellung der jüdischen Frau im werdenden jüdischen Gemeinwesen, ihres Kampfes um politische und soziale Gleich- Stellung, ihr Ringen um neue Berufe und Lebensformen. Es ist erfreulich, daß durch diese ausgezeichnete Zeitschrift, die auch in ihrem übrigen Inhalt eine große Menge von für jede Frau interessantem Material bietet, einer weiteren Frauenwelt die zionistische Arbeit bekannt wird. Zlonisttsdie Franatarbett in Berlin Von der Jüdisch-Nationalen Frauen Vereinigung werden tut• zeit folgende Arbeitsgemeinschaften unterhalten: C ha rlottenburg: Vertrauensperson: Frau Erna Mittwoch, Kant- Straße 88; Leitung: Frau Recha Freier; Thema: Bibelkurs. G runewald: vertrauenspersonen: Frau Trude Feuerring, Orunewald, Teplitzer Straße 25; Frau Anni Kober, Grunewala, Hagenstraße 27; Leitung: Frau Helene Kol gen; Thema: Geschlchtskurs. Lichterfelde-Dahletn: Vertrauensperson: Frau Elise Schmierer, Lichterfelde, Unter den Eichen 9; Leitung: Frau Clara Boschwitz, Frau Mirjam Czuczka; Thema: Bibelkurs, aktuelle Tagesfragen. Norden: Vertrauensperson: Frau Marga Sobcrsky, Klosterstraße 44; Leitung: Frau Clara Boschwitz; Thema: Erziehungsfragen (Bedeutung der jüdischen Feste). Schöneberg: Vertrauensperson: Frau Grete Haase, Gleditsehstraße 37; Leitung: Frau Dr. Bergel-Oronemann; Thema: Bibelkurs, jugendgruppe: Vertrauensperson und Leitung: Frl. Else Nathan, Uhlandstraße 191, Pension Schmelz; Thema: Abriß aus der Geschichte des Sozialismus mit besonderer Berücksichtigung des alten und neuen Palästina und der jüdisch-revolutionären Bewegung In Osteuropa; hebräischer Unterhaltungsabend unter Leitung von Frau Dr. Sardowski; zwanglose Besprechung aktueller zionistischer Fragen und Beebenheiten. Westen: Leitung: Frau Bhimenfeid, Brandenurgische Straße 46; Thema: Besprechung der palästinensischen Presse. Die Jüdisch-Nationale Frauenvereinigung hat ferner eine besondere Chaluzarbeltsgemeinschaft, deren Leitung Frau Lotte Engel, Cuxhavener Straße 13, und Frau Grete Peltesohn, Landhausstraße 38, inne haben. Diejenigen Mitglieder, die noch keiner Gruppe angehören und an dieser Arbeit Interesse haben, werden um freundliche Benachrichtigung gebeten, damit sie den zuständigen Gruppen zugewiesen werden können. Die Frauenarbeltflgemeinsehaft Lictitertelde-Dahlem der Jüdisch-Nationalen Frauenverelnlgung veranstaltete am 17. Dezember Im Hause von Frau Juia Herrmatin, Lichterfelde- Ost, ein Chanukkahfest. Die Feier wurde eingcleitet durch einen Knabenchor, der hebräische Lieder vortrug, daran schlossen sich einige mit großer Wärme gesungene jiddische Lieder von Frau Rahe! Kauffmann. Ein gemütliches, zwangloses Beisammensein beschloß die gelungene Feier. Die Bewirtung der Gäste, sowie die Stiftung der Tombola* gewinne hatten die Mitglieder der Gruppe übernommen, so daß die Unkosten nur gering waren und nicht nur der gesellschaftliche, sondern auch der materielle Erfolg der Veranstaltung (186 M.) ein sehr erfreufkher war. Außerdem hatte der Kulturverband Palästina-Arbeiten ausgestellt, die auch eine gute Einnahme brachten. Elise Schmierer. Keren Hafessod-Arbeit ln Hamburg (Von unserem Korrespondenten.) Der gegenwärtige Augenblick, wo die Keren Hajessod* Arbeit durch Weizmanns Besuch einen neuen Antrieb erhalten hat, scheint geeignet, in seinem Rückblick einmal über die Erfahrungen des Hamburger Keren Hajessod in den letzten Jahren zu sprechen. Das Jahr 5687 erbrachte einen Betrag von 67 039,60 M. (von Zionisten 30 701,35 M., von Nicht- Zionisten 36 338,25). Gegenüber dem Jahre 5686 bedeutet das eine Steigerung der Bruttoeinnahmen von zirka 40 «/o. Da durch eine Umorganisatfon die Spesen gleichzeitig zurückgingen, so erhöhten sich ..dl« nach Berl|»1-.4ber#i««ef1ca Betrag« ma Wr W%, De? Weizmann-Abend erbrachte bisher Zeich-!rangen in Höhe von 56185,— M. Dies Ergebnis läßt, in Verbindung mit den außerhalb des Abends aufgenommenen Zeichnungen, auch für das laufende Jahr ein günstiges Ergebnis erhoffen. Der Hauptgrund für das gleichbieibend günstige Ergebnis In den letzten Jahren ist die enge Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten, die erst kürzlich auf dem Begrüßungsabend für Weizmann den rechten Ausdruck fand. Dieser hatte in Hamburg einen infernen Charakter, indem nur Zionisten, und die bisherigen Angehörigen des neutralen Keren Hajessod eingeladen waren, aber gerade dabei zeigte es sich besonders deutlich, wie viele Berührungspunkte die gemeinsame Palästina-Arbeit bereits geschaffen hat, oei voller Freiheit in der Stellung zu anderen jüdischen Fragen. Gerade diese ״Bündnispo'.itik“ gab der Ortsgruppe in den letzten Jahren die Möglichkeit, sich auf ihre Propaganda- und Kulturaufgaben zu konzentrieren. Als wir für die von uns vor einigen Jahren gegründete hebräische Sprachschule um die Unterstützung der Gemeinde nachsuchten, fanden wir mit dieser unserer Forderung gerade bei unseren Freunden vom Keren Hajessod Verständnis. Als es bekannt wurde, daß Welzmann nach Hamburg kommt, wurde gerade von diesen unseren Freunden der Empfang Weizmanns durch den Vorstand der Gemeinde angeregt, derselben Gemeinde, die seinerzeit nicht einmal den hier tagenden Kongreß begrüßt hatte. Wenn sich also unsere These verwirklicht hat, daß die emeinsame Keren Hajessod-Arbeit auch in anderen jüdischen ragen ein besseres Verständnis anbahnen wird, so hat sich auch eine and .re Behauptung von uns als wahr erwiesen: Die Stärkung jüdischen Gefühls und Selbstbewußtseins durch die Wirkungen unserer Arbeit. Oft genug ist es in unserer Tätigkeit schon vorgekommen, daß wir Menschen durch den Keren Hajessod dem Judentum überhaupt zurückgewonnen haben, aber ein besonders eklatanter Fall ist es doch, wenn im vorigen Winter ein Besucher eines Keren Hajessod-Zirkels, der aus der Gemeinde bereits ausgetreten war, am folgenden Tage unter Berufung auf den Zirkel wieder ein tritt. Es ist wohl überflüssig, noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß all diese gemeinsame Tätigkeit die Eigenarbeit der Ortsgruppe auch auf dem Gebiet des Keren Hajessod nicht überflüssig macht: Nur die Erfüllung der Maasseroflicht durch die Zionisten gibt uns das Recht und die Möglichkeit, auch von den Nichtzionisten namhafte Beträge zu fordern, und die Erfüllung der Maassernflicht hängt ab von der zionistischen Gesinnung des Einzelnen, die von der Stärke zionistischen Lebens in der Gruppe entscheidend be* einflußt wird. So bleibt diese ausschlaggebend für die Erfolge jeder praktischen und überparteilichen Zusammenarbeit. C. V.־ Veranstaltung in Beoüien Von unser« Korrespondenten. Beuthen (O.-S.), Ende Dezember 1927. Der Weizmann Besuch Ist vorüber.- Auch dem Außenstehenden hat er stärkste Eindrücke übermittelt Ja selbst der schärfste Kritiker vermochte sich der Wirkung dieser im besten Sinne überparteilichen Kundgebung des oberschlesischen Judentums zu Ehren des hervorragendsten Repräsentanten des Palästinagedankens nicht zu entziehen. Damit ihr indes das Satyrspiel nicht fehle, benutzte der Zentral verein zwei Wochen später die Anwesenheit seines stellvertretenden Vorsitzenden, des Herrn Dr. Bruno Weil , um i hn im vertraulichen Kreise seiner Mitglieder Über Eindrücke von seiner Palästinareise sprechen zu lassen. Wohl aus besonderer Liebenswürdigkeit w den Keren Hajessod hielt man es Wr notwendig, in der Einladung hervorzuheben, daß die Veranstaltung lediglich informatorisclien und keinerlei finanziellen Zwecken diene 1 Wie die Information aus dem Munde des bekannten Palästinasachverständigen ausgefallen ist, kann man sich ungefähr vorstellen. Und wenn man auch im übrigen nur auf Vermutungen angewiesen Ist, so geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß Herr Dr. Weil gerade seinen Oetrcuen in Oberschlesien sagen wollte, warum ״man“ für den Keren Hajessod nichts geben dürfe. Fürchtete er etwa mit Recht, daß sie durch die Eindrücke des Weizmann-Bcsuchcs im Glauben an die anlizionistische Parole des Nichtgebens sich im allgemeinen größerer Beliebtheit erfreut als «fie umgekehrte, dürfte es nicht ausgeschlossen sein, daß er damit einigen Anklang Eefunden hat. Aber im Ernst gesprochen, sollte der C.-V. nicht eber, statt unsere ohnedies genug schwere Arbeit des Palästinaaufbaiis systematisch zu stören (siehe die ״kritische Reife" des Herrn Dr. Alfred Wiener!), darin denken, sich seinen eigentlichen Aufgaben zuzuwenden? Für richtig verstandene, produktive Abwehrarbeit wäre immerhin noch ein weites Feld. Bei der ganzen Einstellung des C.-V. müssen wir Indes bezweifeln, ob er zu dieser Arbeit noch in der Lage ist Nehmen wir z. B. die sogenannten ״interkonfessionellen Versammlungen“ welche offenbar den Haupt* zweck des Besuches von Dr. weil in Oberschlesien bildeten. In seinem Bcuthener Vortrage sprach Dr. Well über ״Die Grundrechte des deutschen Volkes“. Der Vortrag war in der Hauptsache eine Auseinandersetzung mit der deutschvölkischen Idee. Eine solche Fragestellung wirkt für däs aufrechte jüdische Empfinden ohnedies peinlich. Man mag im übrigen über die Zweckmäßigkeit derartiger ״Aufkllrungsversammlungen“ denken, wie man will, Wert können solche Aussprachen zwischen Juden und Nichtjuden nur dann haben, wenn man den Dingen wirklich auf den Grund geht, die Stellung der Juden zur umweit soziologisch behandelt und sich nicht darauf beschränkt, Antisemitismus mit deutschvölkischer Propaganda gieichzusetzen (wieviele der anwesenden Nichtjuden werden es entschieden ablehnen, sich den Deutschvölkischen zurechnen zu lassen und sind doch in ihrem Inneren Antisemiten?). Warum sollte z. B. nicht auch ein nichtjüdisches Publikum für die Frag® der Berufsumschichtung der Juden Interesse haben? Oder warum spricht man nur davon, daß Moses ein Hirt war, aber nicht davon, daß es heute wieder jüdische Hirten im Lande der Väter gibt? Legt man dieser Tatsache so gar kein Oewicht im Kampfe gegen den Antisemitismus bei? Und warum sucht man Juden und Nichtjuden elnzttreden, Männer wie Marx, Lassale, Gustav Landauer und Frauen wie Rosa Luxemburg hätten sogar nichts mit dem Judentum gemein? Steckt nicht auch in diesen scheinbar ganz außerhalb der jüdischen Idee stehenden Menschen etwas von dem großen jüdischen Pathos der Propheten und braucht sich das Judentum der Tatsache zu schämen, daß es — neben seinen anderen wirtschaftlichen Verdiensten — auch in der modernen sozialen Bewegung bahnbrechend gewesen ist? Doch wir wollen nicht ungerecht sein und deshalb fest* stellen, daß der C.-V. Immerhin schon einiges von uns gelernt hat. So war es interessant, daß jetzt nicht nur die jüdische Religlons), sondern auch die Stammes gemeinschaft zum selbstverständlichen Sprachschatz des offiziellen Redners gehörte und daß Herr Dr. Weil unter Hinweis auf das Genfer Abkommen sogar den Völker- und staatsrechtlich verbrieften Minoritätenschutz für die — deutschen Juden in Anspruch nahm! Wie könnte Deutschland, so argu* mentierte er, Wahrung der Rechte der deutschen Minoritäten im Auslande fordern, wenn er der jüdischen Minorität im Inlande nicht ihr Recht werden lasse? Das sind Töne, die wir bisher aus dem Munde eines C.-V.-Mannes zu hören nicht gewohnt waren, und wir freuen uns immerhin über den Fortschritt. Hoffen wir, daß es nicht der letzte sein wird! Iwrf. Baroness Edmond de Rothschild hat dem Archiv der 1 üdischen Gemeinde von Frankfurt die Originalabschrift der von den Juden Frankfurts an Napoleon I. übersandten Ode überwiesen. Die Ode hat die folgende Ueber- Schrift: Frankfurt, M. Juli 1807. Ode an Seine Majestät Napoleon den Großen, Kaiser von Frankreich und König von Italien, von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt aus Anlaß seines Durchzuges durch die Stadt. Der Text ist hebräisch; eine französische Uebersetzung ist beigefügt. Zeit - Spiegel Jnsflz in Hflnchen lernten 24 Juden aus Nassau kennen, die den ״Völkischen Beobachter" wegen dessen verleumderischer Behauptung, ״Juden aus dem Bezirke Nassau“ hätten von der französisehen Besatzungsbehörde das Verbot eines Hitiertages verlangt! verklagt hatten. Entgegen sonstigem Brauch sprach ein Erstgerkht den 24 nassauischen Juden die aktive Klagelegitimatlon ab. Das Berufungsgericht schloß sich dieser Auffassung an, fügte aber völlig unmotiviert hinzu, daß — wenn auch der ״Völkische Beobachter" keinen Wahrheitsbeweis für die angeblich verräterische Verhaltung der nassauischen Juden erbringen könne —, ihm jedoch ein Wahrscheinlichkeitsbeweis gelungen sei, und er überdies in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe, weswegen auch für den Fall aktiver Klagelegitimation der klägerisenen Juden der ״Völkische Beobachter“ freigesprochen werden müßte. Das ist im Jahre 1927 von einem deutschen Gerichtshol (Bayern liegt bekanntlich in Deutschland) zum Ausdruck gebracht worden. Wodurch wieder einmal bewiesen Ist, daß Recht und Logik merkwürdige Purzelbäume schlagen, wenn sie auf Juden angewendet werden sollen. Der Fortschritt schreitet eben in Deutschland mächtig vorwärts und wir Juden werden seiner Segnungen teilhaftig. b. k. Einen ״Dentsdien |11(lälschen Gebiats“ nennt sich Kurt Hiller, der bekannte Pazifist und Mitarbclter der ״Weltbühne", der vor einiger Zeit eine Reise nach Litauen tat und ein bißchen ln Weltgeschichte machte. Hierbei fühlte er sich, wie er angibt, als ״Kon-Europäer“, der mit den litauischen MIt-Europiem wichtige Angelegenheiten besprach. ״Deutscher judäischen Geblüts“ wurde er erst in dem Augenblick, als ihm ein jüdischer Autobusbesitzer, Chaimke, Aug In Aug gegenübertrat und ihn, den Deutschen Kurt Hiller, übers Ohr zu hauen versuchte. Kurt Hiller erzählte über die politische Mission in der ״Weltbühn«" drei Seiten lang und hingt ohne weiteren Uebergang an seine Darstellung de! ״Despotie in Litauen“ eine Schilderung des genannten Chaimke Bel dieser Gelegenheit verläßt Ihn sein Europäertum, und ei siebt Pogrome voraus, die durch Chaimke und seinesgleichen hervorgerufen werden. Ferner lehrt ihn Chaimke, daß de! jüdische Nationalismus blödsinnig ist. Nun sage einer, Kurt Hiller leide nicht an verdrängtem Judentum! Der erste Anlaß genügt, um sein jüdische! Ressentiment zu entflammen und ihn mit Abscheu vor Chaimke und dessen Volksgenossen zu erfüllen. Der ״Deutsche" Kurt Hiller kann es nicht ertragen daß Chaimke, ähnlich wie viele seiner Berufsgenossen, in de! ganzen Welt neppen will. Er ist tief entrüstet, man könnt« Gott behüte glauben, die zweite Komponente seines Wesen! (das judaische Öeblüt) sei indciibel gaunerhaft. Man sieht förmlich die Scelenqualen Kurt Millers angesichts des verlöt• terten Chaimke, der nicht mir ihn, Hiller, sondern auch einen ntchtjüdischen Begleiter zu überhalten sich vermaß. Hille! schämt sich vor seinem deutschen Reisekameraden des Chalmk« und erklärt mit Emphase, er aei in bezug auf diesen Chalmk« nur Deutscher und ״eine Rasse und eine Seele“ mit seinem nichtjüdischen Reisekameraden. Und so was ist Pazifist, wil' Kultureuropier sein und verliert Innere Haltung und Urteilsfählgkcit, weil Chaimke «in Nepper ist! Vor kurzem wurde er nervös, weil der ״Menschhelts^-Redakteur Frtt* Böttchei — übrigens in sehr ehrender Weise — Hillen* Zugehörigkeh zum Judentum feststellte. Kann man schwerer unter seinem Judentum leiden als es Kurt Hiller tut? Und er will sich unc der Mitwelt einreden, er habe mit Chaimke und anderen Ost* juden gar keine Innere Gemeinschaft. In Wirklichkeit Ist Kur Hiller (und seinesgleichen) voll von jüdischen Komplexen unc sozusagen mit einer jüdischen Hypothek belastet, für die ei dauernd seelische Zinsen zahlen muß. Es ist erstaunlich, daß die ״Weltbühne", die sonst für Auswüchse, entstanden durch Milieu und Unterdrückung, volles Verständnis hat, Herrn Hillei die Gelegenheit zu diesem unmotivierten Unsinn gegeben hat Wie würde Hiller zetern, wollte man aus der Tatsache, daß e» unter Kommunisten oder Pazifisten irgend ein räudiges Schal gibt, den Schluß ziehen, daß man mit Kommunismus und Pazifismus gar keine Gemeinsamkeit haben möchte? In bezug auf die Juden argumentiert er aber genau wie Wuile oder Ludendorff. Die ganze Tünche des Europlertum* und der fort* schriftlichen Gesinnung fällt von Kurt Hiller ab, und er schlägt einen Ton aij, der viel eher mit dem Ausdrucke ״ludenhaftes Feldwebel-Jobbertum“ bezeichnet werden könnte als die Lumperei des Chaimke. Gerade diese innere Unsicherheit eines Kurt Hiller in Jüdischen Dingen ist die beste Rechtfertigung einer zionistischen Einstellung zur Judenfrage. Denn diese verhindert die Besinnung zu verlieren, wenn man in der jüdisehen Gemeinschaft, wie übrigens in jeder Volksgemeinschaft, Typen ä la Chaimke findet. Im Übrigen ist auch der gewiß unsympathische Chaimke doch den Fememördern vorzuziehen. Deren Existenz aber verhindert Herrn Hiller nicht, sich gegenüber dem Chaimke als ״Deutschen und nur als Deutschen" zu fühlen. 1. p. Chanukka and die Königin Esther Die ״LiterarischeWel t“, die von Willy Haas geleiten ausgezeichnete Berliner Wochenschrift, bringt in ihrer letzten Nummer eine Weihnachtsbeilage heraus, in welcher sic originellerweise religiöse Dichtungen katholischer, protestan׳ tischer und jüdischer Herkunft vereinigt. Die Redaktion hat sich verpflichtet gefühlt, die Heranziehung jüdischer Dich• tungen zu rechtfertigen und tut dies in einer sehr gut gemeinten Vorbemerkung, die die Isolierung der weltanschaulichen und politischen Gruppen bedauert und eine Annäherung wenigstens durch geistiges Kennenlernen für wünschenswert erklärt. Wen diese Begründung für die Publikation jüdischer Dichtungen zu« Christfest nicht genügt, der sei, so fährt die ״Literarisch« Welt“ fort, ״hingewiesen auf die Tatsache, daß fast gleichzeitig mit dem Lichtfest des christlichen Glaubens auch das jüdisch« Volk sein — äußerlich überaus ähnliches — Lichtfest feiert, di« Chamikkah, zur Erinnerung an die Königin Esther und ihre Be freiungstat für ihr Volk“. Ein komischer Lapsus, heiliger Freud! Einem christlichen Verfasser wäre solcher Irrtum wohl nicht passiert Ob wohl verdrängte Jugenderinnerungen vorliegen? Man kann bei Willy Haas, der sein Judentum stets offen bekennt und unbefangen klug über jüdische Dinge schreibt, nicht annehmen, daß er durch zur Schau gestellte Unkenntnis jüdischer Dinge — die übrigens Allgemeingut sind — sein Alibi nachweiscn will. Wir nehmen an, daß die ״Literarische Welt“ inzwischen über den Ursprung des Makkabäerfestes informiert worden ist. Im übrigen möchten wir feststellen, daß die ,,Weihnachtsbeilage“ gut gelungen ist und von jüdischen Dichtungen Beiträge von Martin Buber, Max Brod, Ludwig Strauß und Elijahu Rappe- Port enthält ft

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