Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 104 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 740 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 104 30. XU 1027 Gründung das größte Interesse entgegengebracht habe und daß sie meiner Ansicht nach ein großes und legitimes Arbeitefeld im Lande: hat. Ich habe mich in der Debatte nur gegen die Ausführungen von Frau Helene Hanna Thon gewendet, die eine Parallele zog zwischen der Zionistischen Organisation und der Wizo und daraus folgerte, daß ebenso •wie erstere verpflichtet ist, sich um alles Im Lande zu kümmern, letztere dies auf dem Gebiete der Frauen- und V^oh]fahrtarbeit tun müsse. Ich •habe darauf geantwortet, daß Ich sowohl die Vor- Aussetzungen wie auch die Folgerungen für unrichtig halte, da es im Leben des Landes außer der Zionistischen Organisation viele Faktoren gibt und letztere nur die Aufgabe haben, den Aufbau des Landes zu fördern, nicht aber alle Angelegenheiten des Landes zu regeln. Die Wizo ist nicht eine Parallele zur Zionistischen Organisation, sondern ein Teil derselben, und als solcher hat sie jenen Teil der Aufbauarbeit auf sich genominen, der mit der Vorbereitung der Frauen für das Leben in Erez-Israel zusarnmenliängt. Aus dieser Aufgabe ergibt eich das Programm der Wizo für die Organisationsarbeit unter den Frauen des Oaluth, die ebenfalls Erziehungsarbeit ist, denn die Vorbereitung für Erez-Israel beginnt in dem Momente, ln dem wir uns an die jüdischen Frauen wenden, um sie für den zionistischcn Gedanken zu gewinnen. Dies kann nur dadurch geschehen, daß wir ihr Interesse für all das wecken, was wir als schöpferisch in der Entwicklung des neuen Gemeinwesens betrachten. Daß die Aufgabe, die die Wizo auf sich genommen hat, eine ungeheure ist, und daß eine richtige haus- und landwirtschaftliche Ausbildung der Frauen eine der Grundbedingungen für das Gelingen des Aufbauwerkes ist, wissen alle, die die Probleme Erez-Israels kennen, nicht zum wenigsten die führenden Frauen der Histadruth Naschfm. Eine Diskussion, wie sie auf der Wizo-Konferenz und nachher vor sich gegangen ist, muß unter den Frauen des Oaluth die Ansicht erwecken, als gäbe es hier in Palästina Meinungsverschiedenheiten auf diesem Gebiete. Solche Meirrungsverschiedenheiten existieren in der Tat nicht. Daß die Wizo bis heute nur einen kleinen Teil ihres Programmes verwirklichen konnte, ist vor allem eine Frage der Mittel, aber auch der Kräfte. Man kann nicht im Laufe von fünf oder sechs Jahren den Tausenden von Mädchen und Frauen, die ins Land gekommen sind, die richtige Grundlage für das Leben im Lande geben, besonders wenn man noch die richtigen Wege suchen muß, wie das in Palästina der Fall ist, wo es keinerlei Arbeitstraditionen gibt, an die man sich halten kann. Eine Schule wie Nahalal aufzubauen, wäre auch in anderen Ländern eine Tat; was es in Palästina bedeutet, können nur jene beurteilen, die wissen, mit welch ungeheurer Mühe und unter welchen beinahe unüberwindlichen Schwierigkeiten dieses Werk zustande kam. In Europa wurde viel von Umschichtung gesprochen: hier wird sie wirklich durchgeführt, und sie bedeutet nichts weniger als eine völlige Umgestaltung des Wesens der jüdischen F r a u, die aus dem Oaluth hierher kommt. Und deswegen ist e* * wichtig, daß wir der jüdischen Frau, die noch im Oaluth ist und jenen, die nie die Möglichkeit haben werden, nach Erez-Israel zu kommen, vor allem von ihr erzählen, nicht, um etwas von ihr für Palästina zu bekommen, sondern um ihr zu geben. Dies können wir nicht, indem ■wir voll ihr Spenden für Wohlfahrtsarbeit verlangen. Kein sozialdenkender Mensch wird den Wert und die Notwendigkeit von Wohlfahrtsarbeit verneinen. Aber sie an erkennen, bedeutet noch nicht, sie zu einem Programmpunkt der zionistischen Arbeit unter den Frauen des Gal uth zu machen. Sie kann es deswegen nicht sein, weil es das Bestreben einer jeden Gesellschaft sein muß, private Wohlfahrtsarbeit unnötig zu machen, Indem sie gerechte soziale Bedingungen schafft und die Sorge für die Kranken und Kinder auf sich nimmt. Es mag unter den gegenwärtigen Bedingungen nötig sein, daß die Histadruth Naschim einen Teil dieser Sorge auf sich nimmt, aber meiner Ansicht nach ist die Aufgabe der Histadruth Naschim eine viel breitere. Sie muß das Interesse der Frauen an öffentlichen Dingen wecken, die Frauen organisieren und ihren Einfluß zur Oeltung bringen in alten maßgebenden Körperschaften des Landes. Diese Aufgabe ist nicht nur in keiner Weise ein Konflikt mit der Aufgabe der Wizo, sondern kann der Arbeit der letzteren eine Grundlage schaffen. Das ״Jahrbuch für jüd. Geschichte und Literatur" enthält einen Aufsatz von $idd y Wronsky über ״Soziologie der jüdischen Frauenbewegung“. Die ״WIZO" für den Keren Kajemeth Die dritte Resolution, die die vierte Konferenz der ״Wizo“ Womens International Zionist Organisation) in Basel gefaßt lat, lautet: Die ״Wizo“, welche Ihre Hauptaufgabe darin sieht, der Regeneration des jüdischen Volkes durch die Rückführung seiner Frauen zur Landwirtschaft voranzuhelfen, beschließt anläßlich des 25jShrigen Jubiläums des K. K. L. eine verstärkte Anstrengung zu machen, um die Arbeit für die ״Oeulat Haarez“ (Befreiung des Bodens) unter den jüdischen Frauen zu fördern. Zu diesem Zwecke wählt die Konferenz eine K. K. L.-Leiterin in der neuen Exekutive, die für die Ausführung des Konferenzbeschlusses die Verantwortung Übernimmt und im Einvernehmen mit der Exekutive alle praktisehen Wege festlegt Der Beschluß der ״Wizo“ ist Ausdruck einer Auffassung von zionistischer Frauenarbeit, die die natürlichen Instinkte der Frau mit den nationalen Erfordernissen der Bewegung in Einklang bringt. Die ״Wizo“ fühlt, daß es vor allem Aufgabe der Frau ist für ein Heim, d. h. aber für die Beschaffung des Bodens zu sorgen, auf dem ein Heim errichtet werden kann. Nicht nur die Landwirtschaftliche Mädchenschule in Nahalal, sondern last alle Mädchenkwuzoth und Lehrstellen in Palästina, in denen Frauen für die Landwirtschaft und Hauswirtschaft ausgebildet werden, befinden sich auf Boden des Keren Kajemein. Das bedeutet aber, daß die Zöglinge dieser Institute nicht nur ihre fachliche Ausbildung erhalten, sondern, daß sie zu gleicher Zeit auch im Geiste der Prinzipien und Ideale des K, K. L, erzogen werden. Damit aber treten diese Frauen in die Reihen derjenigen ein, die für eine neue soziale Ordnung des Landes, für die Regenerierung des jüdischen Menschen überhaupt kämpfen. Dieselben Tendenzen, die durch die Verbindung mit dem K. K. L. der Arbeit der Frauen in Erez-Israel eine vertiefte Orundlage geben, werden bei der Arbeit der ״Wizo“ im Oaluth zu denjenigen Frauen gebracht, die von dieser Arbeit erfaßt werden. Technisch bedeutet der Beschluß der ״Wizo“ vor allem die Einbeziehung der Büchsenarbeit In den Aufgabenbereich der ״Wizo“-Frauen. Eine jede ״Wizo“-Gn1ppe wählt ein K. K. L.-Komitee. Die Aufgabe dieses Komilees besteht zunächst darin, K. K. L.-Büchsen vor allem unter den Mitgliedern der Gruppe zu verteilen und im Einklang mit der K. K. L-Kommission ihres Landes möglichst oft zu leeren. Jede.; Mitglied verpflichtet sich, bis zu zehn Buchsen unterzubringen und immer dieselben Büchsen zu leeren. Um in den jüdischen Häusern die Propaganda machen zu können, die für die gute Durchführung der Büchsenarbeit erforderlich ist, werden die Mitglieder des Komitees sich mit den Problemen des K. K. L., des Zionismus und Palästina vertraut machen müssen. Denn die eigentliche Aufgabe des Büchsenverteilers und Leerers ist die Gewinnung und Aktivierung des ganzen jüdischen Hauses, in dem sie Büchsen untergebracht hat. Wo eine Büchse aufgestellt ist, ist ein Anlaß una eine Möglichkeit gegeben, mindestens viermal jährlich (heute schön an vielen Platzen viel öfter) in dasselbe Haus zu kommen. Der ständige Einfluß, der so ausgeübt wird, wird auch die bisher inaktiven Mitglieder der Gruppen aktivieren, die zu regelmäßigen Besuchern der ״Wizo“*Veranstal* tungen und zu tätigen Mitarbeitern machen. Die Büchsenieererin wird sich natürlich nicht nur aut die Beeinflussung des betreffenden Mitgliedes beschränken, sondern auch auf die übrigen Familienmitglieder einwirken una sie den für sie passenden Organisationen zuführen. Wese Propaganda und Erziehungsarbeit ist die Hauptaufgabe, ״by the way“ wird die Büchse geleert. Natürlich wird die Stärke unseres erzieherischen Ein- Busses am besten an der Steigerung des Büettaenlnhaltes zu messen sein. Erst wenn alle Mitglieder mit Büchsen versorgt sind, soll der Kreis erweitert werden. Zu dem Zweck veranstaltet man am besten kleinere Zusammenkünfte in Privathäusern, bei denen man nach einem Vortrag neue Mitarbeiter wirbt. Die Frauen, die sich zur Mitarbeit gemeldet haben, werden zu einem Studien-Zirke! zusammengefaßt und bei ihm in drei oder mehr Zusammenkünften geschult. Nachdem sie so in die ideellen und theoretischen Grundlagen und die praktischen Erfordernisse der Arbeit eingeführt sind, verteilen und leeren sie Büchsen nach denselben Grundsätzen, sei es in ihrem Bekanntenkreise, sei cs in ihrer Nachbarschaft. So wird jedes Mitglied ein Büchseninhaber und jeder neue Büchseninhaber ein Mitglied der ״Wizo“ resp. der Zionistischen Organisation. Eine so gestaltete Arbeit für den K. K. L. zwingt uns, die Mitarbeiter, unser eigenes zionistisches Wissen zu vertiefen, d. 11, bringt uns dazu, uns über Palästina zu informieren, Zeitungen und Bücher zu lesen, Hebräisch zu lernen usw. und macht uns durch unsere regelmäßigen Besuche im jüdischen Hause zu Propagandisten für unsere Idee und Ideale. Eine solche Arbeit, die sich zum Ziel gesetzt hat, die jüdische Frau zu organisieren, sie jüdisch zu beeinflussen und sie zu einer dauernden Leistung für den K. K. L. und Palästina zu erziehen, wird im Endeffekt das jüdische Volk organisieren. Haben wir die jüdische Frau, die jüdische Mutter für den Zionismus gewonnen, wird allmählich das ganze Haus unser. Die jüdische Frau, die jüdische Mutter ist das Tor, das das Ideal in das Haus hineinläßt, benutzet die Büchse als Schlüssel zur Oeffnung dieses Tores. Die ״Wizo" hat als Leiterin der K. K. L.-Arbeit, gerade so wie das seinerzeit die ״Hadassah“ in Amerika getan hat, eine ihrer Führerinnen — Mrs. Sieff — gewählt Mrs. Sieff hat zusammen mit der Schreiberin dieser Zeilen in diesem Jahre die Arbeit in England eingeleitet. Auch außerhalb Englands beginnen die Federationen der ״Wizo“ jetzt die Tätigkeit im Sinne des zu Anfang dieses Artikels zitierten Beschlusses der Baseler Konferenz. Sari Berger. Die Farm in Nes Zionah Von der Weltorganisation jüdischer Frauen wird uns geschrieben: Aus Kreisen unserer Mitarbeiter wurden wir aufgefordert, richtig zu stellen, daß es sich bei der Gründung unserer neuen Institution in Nes Zionah nicht um eine kommunistische Mädchensiedlung handelt, sondern um eine landwirtschaftliche Mädchenfarm, die, wie alle übrigen Institutionen unserer Organisation, auf demokratischer Orundtage basierend, offen für Arbeiterschaft und Mittelstand in gleichem Maße sein wird. Wir kommen dieser Aufforderung gern nach, da uns damit neuerdings die Gelegenheit geboten wird, den Unterschied zwischen den erwähnten Begriffen klarzulegen. Die Farm in Nes Zionah, die Raum für zirka 200 Mädchen hat, setzt sich das Ziel, in einer zwei- bis dreijährigen Ausbildung die Schülerinnen zu praktischen Bäuerinnen auszubilden, eine Notwendigkeit, die ln Palästina immer brennender wird und zur Lösung der Frage der Chaluzah, die jetzt infolge geringer Sachkenntnis und Erfahrung ihre Kräfte schwächt, in bedeutendem Maße beitragen wird, Hauswirtschaft wird im Lehrgang obligatorisch sein, daneben wird Land- und Kleinwirtschaft unterrichtet werden und besonderer Wert auf die Erlernung von Handwerken gelegt werden. Die Einführung von Heimindustrie soll der Schülerin die Möglichkeit eines Nebenerwerbes bieten. Oute Lehrkräfte werden die Leitung übernehmen und die an die Farm grenzende Versuchsstation der Zionistischen Exekutive wird praktische Unterstützungen gewähren. Nach vollendeter Ausbildung werden die Mädchen die Farm verlassen, um dem Lande zu dienen. Und darin liegt der Unterschied zwischen Lehrfarm und Kwuzah; würde es sich um eine Kwuzah handeln, so würden die Mitglieder in dauernder Gemeinschaft bleiben Und die Vorteile einer fachmännischen Ausbildung der Chaluzoth nicht dem ganzen Lande nutzbar werden. Was den ״Kommun i s m u a“ anbelangt, so sind wir davon überzeugt, daß er in einem tiefen Gemeinschaftsgefühl, Liebe und Hingebung zur Arbeit, Einfügung in die Gesamtheit und Hintansfellung des eigenen Ich jeder Schülerin zum Ausdruck kommen wird, das beste Oel für Spaten und Hacke des palästinensischen Bauern. Zwei FraoenbUther Da so oft erklärt wird, es sei unsinnig und auch unnötig, über Frauenfragen als solche zu sprechen, weil einerseits gleiche Leistungen auf gleichen Gebieten bei Mann und Frau etwas Unnatürliches seien, andererseits aber eine Scheidung dieser Leistungen schon eine demütigende Herabsetzung für die Frauen bedeute: so ist es zu begrüßen, daß ein Sartunelbuch herausgekommen ist, welches In der Form von Autobiograpliien ein klärendes Bild über die Stellung der Frau im politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Leben von ..heute, ..bietet..••.. Dujßuch ..Jieißt!,,.Ffthrend* Frauen Europas (herausgegeben von Elga Kern, Verlag Ernst Reinhardt, München). Sechzehn europäische Frauen aller Nationen kommen zu Wort, die in der Oeffentlkhkeit auf den verschiedensten Gebieten bereits Hervorragendes geleistet haben. So groß auch die Verschiedenheit der einzelnen Gestalten untereinander erscheint, so eignet doch vielen von ihnen das Gemeinsame, daß sie erst schwer darum ringen mußten, ihrer Begabung und Neigung entsprechend in dieselbe Vergleichsreihe mit den männlichen Kollegen auf• genommen zu werden. Das bedeutete für manche unnütze Kraftvergeudung, wenn auch — gerade von den Frauen dieses Buches — eine jede sich schließlich durchgesetzt hat. Wie viele aber mögen das Rennen aufgegeben haben? Wir haben hier eine deutliche Analogie zur Judenfrage. Auch Juden müssen erst Vorurteile überwinden und dabei Kräfte vergeuden, bevor ihnen die Karriere offen steht Unter diesen sechzehn Selbstbiographien finden wir drei Jüdinnen: Alice Salomon, aus deutschem, jüdisch-assimilatorischem Hause kommend, enthüllt in ihrer Lebensgeschichte vor uns das Milieu dieses ״aufgeklärten“ Bürgertums als ein Stück Zeitgeschichte. Marianne Beth, (geborene Weis!, Schwester des bekannten Journalisten), eine Wienerin, die durch Heirat zur Taufe gelangt ist, aber in ihrer Mentalität den jüdischen Menschen nicht verleugnen kann noch es anscheinend will; die dritte, Gina Lombroso• Ferrcro, in Italien geboren und dort getrunken haben. Es ist bezeichnend, daß der Bankier Levin in seinem dem geistigen Berlin offenstehenden, vom blau- Wütigen Berlin beglückten Hause den Familienangehörigen die Feier des Geburtstages untersagte. Verflucht sei die Erinnerung! Rahe!, das klügste, gemütvollste, wesen härteste Judenmädchen der Zeit, hielt mit, mußte miih,11te11. Und wollte es auch. Die Zweiundzwanzig jährige schrieb an David Veit: ״Es wird mir nie Einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin. Da cs »nir nach den langen Jahren und dem vielen Denken darüber nicht bekannt wird, so werd' Ich’s auch nie recht, wissen." Es kam ihr später doch ein und sic klarte: ״Ich habe solche Phantasien: als wenn ein außerirdisch Wesen, wie ich ln diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Öo'ch ins Herz gestoßen hätte: ,Ja, habe Empfindungen, sieh diese Welt, wie sie wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, eins hat inan aber vergessen: Sei eine Jüdin!‘ Und nun ist mein ganzes leben eine Verblutung.“ * Das Judentum als Geburtsfehler, als Strafe des Schicksals zu empfinden — das war die Sünde und Tragik der so erfolgreichen, umworbenen, mit feinsten Sinnen für Kunst und Kultur begabten Tochter Israels. Die Zeitkrankheit der Emanzipation־periode hat ihr das Leben verbittert — und bei dieser adergebildeteston, allerdifferenzicrtc'ten, alleraufrichtigsten unter den Jüdinnen von damals muß man sagen: die genialische Hysterikerin war mitschuldig.. Einst, in Breslau, schleppte sie der Onkel, — welche Zutnutung — zu einem echt jüdischen Hochzeitsball Anver- Wandler. Traurig die Unbcteiügtheit, die Fremdheit, der Hochmut, mit dem die reiche Bankierslochter rektioniert, — in drei Zeilen — mau habe sie aufgenommen, ,,als käme der Großsultan in ein lang verlassenes Serail (was sic doch irgendwie beschämte) und im übrigen bloß notiert: ״Ich ing aus Neugierde; jüdisch, eng usw. Hitze zum Ersticken, elohnt wurde ich aber doch durch eine beautö, die ich dort sah." Just damals konnte sie sich an den Breslauer Klöstern nicht saftsehen und schrieb an ihren Bruder: ״Nun brenne ich vor Begier» das katholische Italien zu sehen.“ Und doch waren die Thermen nicht verschüttet und doch war in dieser Brust natürliche Neigung zum uralten, angestammten, bei Rahel Levin in ursprünglicher Reinheit und Temperatur erhaltenen Blute nicht in Haß pervertiert. Ungefiiiir zwanzig Jahre nach dem Breslauer Intermezzo schrieb sie recht freimütig an Alexander von der Marwitz: ״...Dazwischen lese ich ein altes Buch, den Streit von Mendelssohn und Jacobi betreffend, den ein gradgesinnter, Vernunftechter Mensch darlegt. Mendelssohn hat unrecht Dieser letztere aber hat die Schrift eines englischen Juden (Manasseh Ben Israel) übersetzt und eine Vorrede dazu geschrieben, die meine Bewunderung ausmacht, so elegant und besonnen ist sie geschrieben. Des Juden Buch betrifft seines Volkes Zustand in Europa und die Auseinandersetzung der Gründe, an die englische Regierung, aus weichen sie sie bei - sich aufnehmen sollte. Es ist im Original englisch; der Verfasser lebte zu Cromwells Zeit in Amsterdam und bekam die Erlaubnis, nach England hinüberzugehen. Er schreibt einen sehr schönen Brief an einen vornehmen Engländer,... Könnt ich doch einmal ganz aussprechen, wie die Oeschichte vor meinem Geiste liegt!“ . . . * ״Eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier. ... Es hat sich ausgegnädigefraut, nennt mich nur Rahel I" . . . Ich bin zugegen, da diese ungemeine Persönlichkeit auf dem Krankenlager die letzten Tage erleidet, Gattin eines seltenen nichtjüdischen Menschen, der sie liebte und verstand und auch geliebt, verstanden hätte, wenn sie sich zeitlebens ihres Judentums bewußt, den Müttern nahe gewesen wäre, wenn diese Frau mit dem sonst so tiefen Blick sich nicht willig den Lockungen der Entfremdung hingegeben, die Bande, welche die dünne Schicht der Hinaufgekommenen, im Glanze der ungewohnten Wohlgeüttenheit Schwelgenden an die große Masse des verstreuten Volkes hefteten, nicht durchschnitten, sondern fester geknüpft hätte. Bis auf jene Liebesaffäre mit dem preußischen Adelsmann, dem der Familienrat die Verehelichung mit der Jüdin untersagte, war sie niemals von den ungezählten; nichtjüdischen Menschen ihres Umganges kränkend an ihre jüdtsche Abstammung erinnert worden. Und litt doch zeitleben« an ihrem Judentum! Well sie ihr Jüdin-Sein nicht erfüllte- Ich träume an diesem Krankenlager von einer Rahel Levin, die ihr Jüdin-Sein erfüllt hat, die — well ste eine außerordentliche Persönlichkeit war — die Kraft hatte und die Gabe, sich der eiligen, feigen, verlogenen Entfremdung jener jüdischen Kreise entgegenzustemmen, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen, hin zu den Quellen ihrer jüdischen Vollnatur. Ich träume von einer Rahel, die nicht in Hysterie, Exaltation verfallen, von Ueberempfindlichkcit nicht zermürbt worden wäre, hätte sie diese eine Leere ihrer sonst so bewegten Seele ausgefüllt, hätte sie ihr Judentum sich nicht selbst vorenthalten. ״Ich freue mich, daß mein edler Freund — denn ,Freund‘ ruf ich ihm bitter und mit Tränen nach — das Unwürdige nicht duldet,“ schrieb sie nach Kleists Tode in einem der holt ei ts vollsten, ergreifendsten Frauenbriefe der Weltliteratur. Ich träume von einer Rahel Levin, die eine Judith- Gestalt war. Chanukkah-Kinderfeat. Am 20. d. M. fand ki den Räumen des Logenhauses, Joachimsthaler Straße, ein Kinderfest statt, das der Zionistische Frauenbund alljährlich, veranstaltet. Kinder sind vergnügt, wenn sie zu einem Fest geladen sind und sich miteinander freuen können. So ist allein durch diesen Umstand eine solche Veranstaltung meist gelungen, und schon gar, wenn obendrein von den Veranstalfern für die nötige Ordnung, Schokolade und Kuchen gesorgt wird, was hier aufs beste geschah. Als Vorführung wählte man eine Reihe lebender Bilaer aus der biblischen Geschichte, deren Arrangement eine gute künstlerische Leistung darstellte, wie auch die Saaldekorafion mit all den bunten Tieren an den Wänden. Für die künstlerische Leitung gebührt Frau Annie Rosenblüth Anerkennung und Dank. Auf den Projektionsapparat, der bei einem Kinderfest etwas deplacierte Propaganclabilder zeigte und überdies nicht recht funktloliierte, hätte man leicht verzichtet. Warum die Kleinen an Stühle fesseln anstatt sie frei und lusti.j sein lassen. Um glatte Abwicklung des Technischen hat sich Frau Lena Bernstein erfolgreich bemüht. —