Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 104 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 104 3a m 1027 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 739 Blätter des ״Bundes Zionistischer Frauen‘״ Memchcnsdiiite und Menschen- Ökonomie in Palästina Von Anitta Müller-Cohen. In dem leuchtenden Bilde, das wir uns einst von Palästina gemacht haben, ist für die soziale Arbeit kein Platz gewesen. •enn es war in ihm kein Platz für die Not Dieses Land sollte ja der ewigen Knechtschaft und Wanderschaft, der ewigen Not des Judentums ein Ziel setzen. Wie die Wandertuijg und die Knechtschaft, so sollte auch die physische Not hier ihr Ende erreicht haben, die Bürde der Unterdrückung sollte von den neuen Juden hier abfallen, ebetiso wie die Bürde des Schnorrertums, an der sie so lange getragen. Wozu also In dem Kreise dieser erneuten, starken, aufrechten Juden die Chalukab weiterführen, als trauriges Ueberbleibsel von Ghettoleid? Denn unser Traum, der es verschmähte, sich mit Wirklichkeiten auseinanderzusetzen, operierte auch hier mit einem veralteten Begriffe und wollte absichtlich vergessen machen, daß unsere soziale Arbeit von heute nichts mehr gemein hat mit der Wohltäterei von einst. Daß sie gewachsen »st, nicht nur in ihren Mitteln und Wirkungen, sondern auch in ihren ethischen Voraus- et zun gen. Heute aber müssen wir das Interesse für soziale Arbeit aufbringen. Heute, wo wir ein ehen, daß sich die Not nicht mit schönen Worten und Hoffnungen von der Schwelle eines Landes jagen läßt, müssen wir der sozialen Arbeit das Lebensrecht, Geltung und Wertung erkämpfen. Denn, wenn wir auch wissen, daß soziale Arbeit nicht die Lösung der sozialen frag« bedeutet, so sind wir doch davon überzeugt, daß sie ein wichtiges TeUproblem löst. Wir wissen, daß Fürsorge immer nur ein Surrogat für die Mängel und Unzulänglichkeiten einer Wirtschaftsordnung ist; solange diese Mängel aber nicht beseitigt sind, wird man die soziale Arbeit nicht entbehren können. Soziale Arbeit hat längst gesellscl1aftspflichti״en Charakter angenommen; es ist daher beinahe unverständlich, warum wir um ihre Anerkennung in Palästina erst kämpfen müssen. Die praktische Anerkennung natürlich besitzt sie — sie wird ihr gegeben, durch ihre Hilfesuchenden, sie - wird ■ ihr gegeben durch die Notstände. Aber (He ethische Anerkennung Ist es, die man ihr sonderbarerweise verwehrt. Wir kämpfen uni diese Anerkennung — weil wir wünschen und woben, daß die soziale Arbeit in Palästina gleich auf eine gesunde Grundläge gestellt werden möge. Wir haben dies in allen Ländern angestrebt — am leichtesten aber glauben »vir dies erreichen zu können in einem Lande, welches erst im Aufbau begriffen ist. Die soziale Arbeit liegt in Palästina in den Händen Privater. Es fehlt ihr die rechtlich? Grundlage. Wir aber sind immer dafür eingetreten. daß diese Grundlage geschaffen werde, daß endlich einmal an die Steile eines entwürdigenden Verhältnisses des Beschenkten den Schenkenden gegenüber der blanke Rechtsanspruch der Bedürftigen gegenüberderAllgemeinh eit statuiertwerde. In keinem anderen Lande liegt dieses Recht Aller auf die Grundbedingungen des Lebens so klar zutage wie in Palästina. Gerade Palästina könnte und sollte also Wer richtunggebend vorangehen. uns sozialen Arbeitern in Palästina handelt es sich nicht «yp!■ :pb,:wir ״Ö#; ׳ *Pf f efhalicn. Das stnCTngea sdamdirer Ordnung. Uns handelt cs sich heute auch um die Anerkennung unserer Arbeit als sozialpolitischen Faktor. Wir treten der absonderlichen Gruppierung der Probleme gegenüber, wonach man dem Aufbau durch produktive Arbeit die soziale Arbeit mit. der Demoralisierung der Befürsorgfen gegenüberstellt, und beide in einen diametralen Gegensatz zueinander bringt. Wir wünschen, daß die Allgemeinheit anerkenne: die soziale Arbeit ist kein Feind, sondern ein wertvoller Helfer bei der Aufbauarbeit. Dadurch, daß sie Menschenleben erhält und produktiv macht, leistet sie selbst produktive Arbeit. Im Mittelpunkt dessen, was »vir Menschenökonomie nennen, steht die steigende Achtung und Beachtung des einzelnen Individuums. Man kann sich dieser Ansehauun״ gegenüber zu einer gefühlsmäßigen Auffassung, bei e inen: nämlich zu dem Eingeständnisse, daß der Einzelne das Recht auf das Leben und auf die Gewährung eines bestimmten Existenzminimums hat; oder zu der praktischen, daß mit der Anerkennung dieses Rechtes, durch werktätige Beihilfe solche Oeseilschaftsschichten produktiviert werden, welche ohne Hilfe vielleicht zugrunde gehen und für das Aufbauwerk verloren sein müßten. Die sozialen Arbeiter in Palästina gehen von der A11schauung aus, daß gerade ein werdendes, ein im Aufbau begriffenes Land Menschenökonomie nicht außer acht lassen darf, und daß soziale Arbeit gleichbedeutend ist mit Menschen- Ökonomie. Damit »vollen sie festlegen, daß Palästina ircht nur die soziale Arbeit dulden soll, sondern daß es ihrer sogar bedarf. Die immer weiter getriebene Beachtung des Einzelnen hat die größere Berücksichtigung des ln li;.rams im positiv Kirsorgerischen Sinne zur Folge. Viele Menschen sagen: ״Es sollte etwas geschehen!“ Wir sozialen Arbeiter sagen: ״Es muß etwas geschehen 1“ Wir setzen an die Stelle des Wunsches die Tat. Wir begnügen uns nicht mit ethischen Ideen, wir streben die praktische Verwirklichung an. Deshalb haben wir in Palästina zugegriffen, als die Begriffe über die soziale Arbeit noch ungeklärt waren, aber eines klar und sichtbar war: Not. Wir haben nicht danach efragt, ob man unsere Arbeit schätzen wird, ob wir uns an en ״maßgebenden“ Stellen mit ihr Lob erwerben werden, wir haben gesehen, daß sie notwendig war und haben das Notwendige getan. Das hindert uns aber nicht, über das Praktische binausgeheiid immer wieder nach den Grundlagen zu blicken. Niemand weiß besser als »vir, daß jedes Beschenktwerden und sogar auch jedes Beschenken etwas Demütigendes an sich hat. Niemand kann daher mehr als »vir danach streben, daß die soziale Arbeit von jedem Charakter der Charitas befreit werde. Wir fühlen uns als Arbeiter der Sozialpolitik und träumen, während »vir an unsere praktische Arbeit gehen und die Notwendigkeiten des Tages tun, davon, wie man diese unsere Arbeit auf eine rechtliche sozialpolitische Basis stellen könnte. Uns stellt der Idealzustand vor Augen, der jeden Menschen von Gesetzeswegen das Recht auf das für das Leben notwendigste zuspricht und der Allgemeinheit die Pflicht aufcrlegt, dieses Existcnzminimum für den Einze’nen bdzustellen, sobald er selbst durch Notstand verhindert ist, für seine Beschaffung zu sargen. Ehe »vir aber diesen idealzustand erreicht haben, wissen wir, daß zwei Dinge angestrebt werden müssen: die Aufrüttelung des Gewissens der Allgemeinheit und die Erhöhung des Selbstbewußtseins derjenigen, welche Hilfe brauchen. Darum wollen war die soziale Arbeit hinstellen als das, »vas sie in Wirklichkeit ist: als eine Pflicht der Allgemeinheit. Es fällt uns sozialen Arbeitern schwer, die Begriffe zu erläutern, die uns allen so geläufig sind wie das Einmaleins. Wir haben wirklich geglaubt, daß 6Ie auch der breitesten Öffentlichkeit ins Bewußtsein eingedrungen sind und daß es müßig wäre, heute über das Wesen der sozialen Arbeit noch viele Worte zu verlieren. Erst die Widerstände, die uns so unvermutet' entgegengetreten sind, setzen uns vor die Not- Wendigkeit, Altes, Längstbekanntes, tausendmal Verhandeltes zu wiederholen. Wir haben es solange gepredigt, daß es uns als das höchste und letzte Ziel der sozialen Arbeit erscheint, sich selbst überflüssig zu machen, das heißt, die von ihr Befürsorgten zu produktivieren und auf eigene Füße zu stellen, daß es uns quälend erscheint, heute alle diese Thesen wieder aufzurollen. Wenn wir es dennoch tun, so geschieht es, »veil wir im Kampfe der Ideen, der heute in Palästina herrscht, auch die Idee der Menschenökonomie und des Menschen Schutzes vertreten sehen wollen. Weil, das müssen wir immer wieder betonen — uns ein geordnetes Gemeinwesen ohne diese Be• griffe nicht denkbar erscheint Gerade in Palästina möchten wir den Begriff festwurzeln, daß soziale Arbeit ,nicht die schöne Geste einer besitzenden Schicht gegenüber einer besitzlosen ist, sondern vielmehr eine heilige Pflicht aller gegen alle. Es hat uns soziale Arbeiter deshalb merkwürdig berührt, daß der WJZO-Koogreß eine so ablehnende Stellung der sozialen Arbeit gegenüber eingenommen hat. Als dieses Problem bei dem Kongreß aufgerollt wurde, haben einzelne Rcferentinnen die Begriffe derart gruppiert, als ob auf der einen Seite die produktive Arbeit, auf der andern, als ihr Gegensatz, die soziale Arbeit stünde. Ich muß ehrlich sagen, daß diese Stellungnahme mich ganz vorsintflutlich angemutet hat. Es war, als ob wir 15 lange schwere Lehrjahre verschlafen hätten, als ob wir keinen Krieg mitgemacht hätten, keine Neugestaltung sozialer und sozialpolitischer Begriffe. Waren wirklich Kriegs- und Nachkriegszeit vorübergegangen und hatten nichts in unseren Herzen hin'.erlassei — nicht die Wertung des Menschenlebens und Menschenglückes, nicht die hohe Einschätzung menschlicher Existenzen, nicht das Gefühl der Verantwortlichkeit und des tiefen Verbundenseins mit allen Teilen eines Volkskörpers? An und für sich wäre ja dieser Ausspruch nicht allzu ernst zu nehmen, um so mehr als die Referentlnnen, die ihn getan haben, Laien auf dem Gebiete der sozialen Arbeit sind. Kritisch wird aber dieser Ausspruch und diese Stellungnahme der WIZO zur sozialen Arbeit, wenn man bedenkt, daß sich die WIZO ״Weltorganisation zionistischer Frauen“ nennt Pflicht einer solchen Weltorganisation wäre es» auf ihren Kongressen nicht nur über ihre Arbeit zu referieren und weitere Wege über die Fortsetzung der Arbeit zu suchen, sondern alle Probleme der Frauenarbeit zu erörtern, und zu ihnen Stellung zu nehmen. Es handelt sich nicht so sehr darum, die Mittel für die Durchführung sozialer Maßnahmen zu beschaffen, sondern um die Gleichstellung aller Gebiete der sjiezieJlen Frauenarbeit Es geht nicht an, daß man in gewollter Einseitigkeit das eine Gebiet als besonders wichtig hervorhebt, während man den Wert und die Bedeutung eines anderen ganz offen leugnet Wir wissen, daß wir in der sozialen Arbeit in Palästina wie überall auf der ganzen Welt, gesetzliche Grundlagen brauchen. Wie aber können wir erwarten, daß die staatlichen und kommunalen Faktoren Verständnis für unsere Arbeit aufbringen, wenn nicht einmal die einzelnen Fraucngruppen selbst sich über den Wert dieser Arbeit im klaren sind? wir waren endlich auf dem Wege, zu einer allgemeinen Verständigung und zweckmäßigen Zentralisation zu gelangen. Durch die Mißstimmigkeiten auf dem letzten Kongresse ist dieses erstreben»- werte Ziel »vieder in die Ferne gerückt. Es ist sclbstverständlieh, daß die Leiterinnen der einzelnen Institutionen in Palästina, »»־eiche die soziale Arbeit aus dem Gefühle tiefer Verantwortlichkeit und dem Zwange ihres Ge»vissens folgend, auf sich genommen haben, für die Anerkennung dieser Arbeit water kämpfen werden. Es ist auch selbstverständlich, daß sie versuchen werden, die für diese Zwecke notwendigen Geldmittel herbeizuschaffen und bei diesem Bemühen ihre eigenen Wege zu gehen, da die WIZO sich geweigert hat, den gemeinsamen Weg zu gehen. Dies »vird zu einer neuerlichen Zersplitterung der Kräfte führen und einen neuen, unerfreulichen Zwiespalt Hervorrufen und Gegensätze aufreißen, welche bereits in den Hintergrund gedrängt worden waren. Es wird Jahre brauchen, um diese Miß»׳erständnisse zu klären und die Frauenarbeit für Palästina wieder auf eine einheifliche Basis zu stellen. Die soziale Arbeit in Palästina wird geleistet werden müssen. Die Frauenorganisationen allein werden wohl nicht stark genug sein, um alle ihre Aufgaben restlos zu erfüllen, doch darf uns diese Erkenntnis nicht dazu führen, daß »vir die Pflicht zu dieser Arbe.it überhaupt abschütteln und uns mit den billigen Phrasen von der klugen Selbstbeschränkung trösten und die Ansicht, daß nur die Produktivierung der Frauen zu den wichtigen Problemen Palästinas gehört, zu unserem Leitsatz erheben. Heute, da die Einwanderung in Palästina gesperrt ist, gehört es für uns zu den wichtigsten Problemen, die Menschen, die bereits im Lande sind, zu erhalten und ihnen mit den wenigen verfügbaren Mitteln die beste und zweckmäßigste Hilfe zu leisten. Die Notwendigkeit der sozialen Arbeit steht für uns unverrückbar da. Was eventuell zu erörtern wäre, sind ihre neuen Formen. Darüber wird noch vieles zu sprechen sein — mehr als der Raum diesen Ausführungen gestattet. Sddaßwort Von Hedwig Gellner*). In Nr. 92 der ״Jüdischen Rundschau" wendet sich Frau Natiny Margulies in sehr temperamentvoller Weise gegen jene palästinensischen Vertreterinnen bei der Konferenz der Wizo in Basel, die angeblich die Tätigkeit der Histadruth Naschim als ״Chalukkah“ bezeichnet hätten. Ich antworte auf ihre Ausführungen nicht, weil ich persönlich angegriffen werde, sondern »veil sie geeignet sind, Verwirrung unter den Frauen des Galuth anzurichten. Soweit ich in Betracht komme, habe ich weder von ״Chalukkah“ gesprochen, noch irgendeinen anderen der von Frau Margulies zitierten Aussprüche getan. Frau Marguiies hätte von den führenden Frauen der Histadruth Naschim leicht in Erfahrung bringen können, daß ich dieser Organisation seit ihrer ד Wir haben über das Problem der Stellung der sozi• alen Arbeit innerhalb der jüdischen Frauenarbeit in Palästina nunmehr eine ganze Reine wichtiger Acußerungcn veröffentlicht und müssen jetzt die Debatte über diesen Punkt mit den beiden heute abgedruckten Artikeln von Frau Müller-Cohen und Hedwig Gellner vorläufig abschließen. — Red. Am Sterbebett der Rahel Levin Von Otto Abeies. Die Matrone, welche jetzt auf schmerzhaftem Krankenbett die letzten Tage erleidet, — es ist zu Berlin, im Monat März des Jahres 1833 — hatte zeitlebens in ihrer Vaterstadt Berlin, in Paris, Prag, Wien, Frankfurt, Karlsruhe, Mannheim, Brüssel, Karlsbad, Töplitz, Bade« mit den Besten ihrer Zeit verkehrt und in weit größerem Maße, als dies ln der großen Gesellschaft oder im engsten Beisammensein, im Salon oder Appartement, auf Spazierfahrten oder bei gelegentlicher Begegnung in der Sommerfrische möglich »var, von ihrer Briefmappe aus, die wie ein Radiosender nach allen Richtungen der. Windrose funktionierte, durch ihre sehr berühmt gewordenen Epistel ein Netz intimer geistiger Be- Ziehungen geknüpft. Sie hatte viel gelebt und sehr viel erduldet. Freitkh muß man bei Beurteilung ihrer Uebespassionen (und wohl auch ihrer körperlichen Leiden, von denen sie merkwürdig viel berichtet) einen tüchtigen Posten Exaltation und hysterisehen Hanges zlir Uebertreibung in Rechnung stellen, ״ihr Maß war das Uebermaß“, hat einmal Jakob Wassermann vermerkt. Schließ!! h war sie doch die Tochter des Berliner Bankiers Latin und mag er auch ein eitler ubd tyrannischer, ein selbrt־ü־htiger, oberflächlicher, abcolut nicht nachgiebiger Papa gewesen sein, — etwa ein Mann nach der Art des Gatten der Agnes Jordan itji gleichnamigen jüdischen Drama Georg Hirschfelds — so hat das begabte Kind in der gepflegten, rachen Häuslichkeit unter Familien- Verhältnissen bestimmt nicht mehr gelitten, als sonst die differenzierte Jugend aller Zelten unter dem Gegensatz ״verschiedene Temperamente“ oder, wenn man will, ״zwei Generationen“. Und mag die verehrte Ellen Key gelegentlich Aeußcrungen der großen Rahel ernst nehmen, die etwa so lauten: ״Eine gepeinigterc Jugend erlebt man nicht, kränker war man nicht, dein Wahnwitz näher ni:ht“ oder: ,,Kein Schlag, kein Stich, kein Nagel und kein Sta hcl blieb mir erspart“ — uns gibt der Lebenslauf, die geistige Entwicklung der Rahel Levin, nachmals (mit verändertem Familiennamen) Rahel Robert, nachmals (nach der Vcreheli'hung und Taufe) Friederike von Varnhagen, — uns gibt die Fülle von Ergebenhelt, Wertschätzung und Liebe, die ihr ununterbrochen zuströmte, die Wolke von Huldigung, die diese Frau stets umhüllte, die begründete Hoffnung, daß die zitierten ergreifenden Klagen recht arg übertrieben »varen. Lagen ihr nicht die berühmtesten Männer zu Füßen? Goethe, dessen Genius sie allerdings so ziemlich als die erste erkannte und für den sic sich mit flammendem Enthusiasmus eiiicetzte, machte ihr seine Aufwartung, den Prinzen Louis Ferdinand durfte sie bemuttern (vorerst' wahrscheinü'h lieben); für Gentz und Marwitz, aber auch für Schlegel und die beiden Humboldt war sie fast ein Orakel. Heine sandte ihr herrliche Rosen ans Krankenlager, mit denen sie ״Antlitz und Augen kühlte“. Und du dreima’igcr Ucbesfrühling nebst vorübergehen־ den, aber gar ׳ nicht seltenen sonnigen liebesstunden — war der körperlich unansehnli hen, wahrscheinlich unschönen Frau gegönnt, der dritte vereinigte sie mit dem um vierzehn Jahre jüngeren Varnhagen v. Ense zu neunzehnjährigem ungetrübtem Eheglück bis zu ihrem Tode. Wohl gab es Liebeskummer und schmerzliche Entsagung, afe sich der blonde Graf v. Finkenstein von ihr entfernte, der die Berliner Jüdin niemals hätte als Gattin heimbringen dürfen, doppelt nach dem Bruch mit dem schönen, heißen spanischen Legationseekretär Don Raphael D’Urquija. Aber auch den strahlendsten, verwöhntesten Schönheiten, so sie ein Herz im Leibe haben, bleibt solche Pein nicht erspart und die göttliche Rahel hat sich mit Tagebuchemtragungen, die ihr im Liebesleid aus der Feder "flosrcn und etwa so lauteten: ״Wenn ich meine Wunden zur S'hau tragen sollte, « wäre eine Schlachtbank!“ bestimmt übernominen. . . . Sie war bei aller Kultur und Selbstlosigkeit recht »»•ehleidig, die edle, feinsinnige, feinnervige Rahel. Man wird mit den stärksten Scheinwerfern mühselig die be»vo!1nte Erde abtasten müssen, bis man eine secnzigjährtge Frau findet, von »ve'-cher der Ehegatte sp־i’ht, wie Varnhagen von seiner Rahel-Friedeike sprach: ״Sie ist mir noch heute das Neueste, Frische-te, meines ganzen Leben,;.“ * Er umgibt sie auch jetzt, auf ihrem Schmerzenslager, das ihr Totenbett werden soll, mit der erdenklichsten Sorgfalt und Liebe. Nur die Willkommensten finden Zutritt. Licht, Blumen, zarteste Betreuung. Und ihm, der ihr seelisch verbunden war, — ein Märchen ist diese no״h nicht dagewesene Harmonie zweier bedeutender Menschen verschiedenen Geschlechtes, und sie »vußte um ihr Glück — dem Gatten August Varnhagen v. Ense verdanken wir, daß der innere Zwiespalt ihres Lebens in den letzten Tagen vor dem Absterben offenbar, der Schlüssel zu ihrem uneriiört reichen, aber von bestäadiger Traurigkeit und entnervenden Schmerz-Ekstasen verdunkeltem Dasein gefunden wurde. Sie sagte ihm in ihren letzten Tagen (er wußte sofort, daß dieses ihr Geständnis entscheidend ist, und er vermerkte es für uns): ״Eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier... Mit erhabenem Entzücken denke ich an diesen meinen Ursprung upd diesen Zusammenhang des Gecchikes, durch »velchen die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die »veitesten Zeit- und Raumfernen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück »var, eine Jüdin geboren zu sein, — um keinen Preis möchte ich das jetzt missen — Hier endlich, knapp vor dem letzten Atemzug, findet die große Frau, die von frühester Jugend mit Inbrunst die Wahrheit suchte, die Quelle des heimlichen Jammers, der sie niemals heiler und frei sein ließ. Jetzt war sie mit sich im Reinen: ״Ach »vas!“ rief sie einige Tage vor ihrem Tode der treuen Zofe zu, ״Ach was, es hat sich ausgegnädigefrairt! Nennt mich nur Rahel!“ . . . Aristoteles, Rousseau, Fichte; Jesus, Angelius Silesius, Schteiermacher; deutscher Befreiungskrieg. Napo.'eonshaß; Werthers Leiden, die Romantik, JungdeuLschland; Aufklärung, Sain-SImoiiistnus: Alles »vlrd leidenschaftlich aufgesogen, wunderbar, höchst pcrsönli'h verarbeitet, drückt dem Geist des Lebens, der Lebenshaltung, der Sprache, den Stempel auf. Plötzlich der Urlaut: ״Es hat si.h ausgegnädigefraut“ ... Was ihr Judentum an langt, hatten die Berliner jüdischen Menschen des ״Salons“ Lethe getrunken. Wollten Lethe