Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 104 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 104 30. m 1927 JITEDISCHE RUNDSCHAU Seite 737 Oie Jaden und die Sejmwahlen in Polen (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, Ende Dezember. Die bevorstehenden Wahlen zum polnischen Sejm haben die jüdische Bevölkerung Polens und nicht zuletzt die zionistische Bewegung in diesem Lande vor eine sehr schwere und konmliaerte Situation gestellt. Seit Wochen werden langwjeriije Verhandlungen und Beratungen geführt und mit jedem Tage — wachsen die Schwierigkeiten. Kaum ist eine alle Faktoren und Umstände zu berücksichtigende Lösung zu finden. Keine Einigung im zionistischen Lager selbst und — was noch gefährlicher ist — die politische Emanzipationsidec des Zionismus geschwächt! Was anno 1022 — bei den letzten Pariaraentswahlen — gedankenklar und leicht durchführbar war, erwies sich jetzt Bei so manchem als problematisch und wirklichkeitsfremd. Die Wahlordnung hat sich nicht geändert. Das durch sic für die Juden und andere nationalen Minderheiten Polens gesdiaffene Unrecht blieb also dasselbe. Eine spitzfindig und schlau zugeschnittene Wahlgeometrie macht es — bei einer sonst sehr fortschrittlichen Wahlordnung den Juden unmöglieh, eine ihnen proportionell entsprechende Parlamentsvertretung zu erlangen. Statt etwa 60 ihnen prozentual gebührcride Abgeordnete, können die Juden, vorausgesetzt, daß sie geschlossen auftreten. nur 3—6 Mandate erhalten, ln derselben Lage sind die Deutschen und in sehr vielen Gegenden auch die slavischen Minoritäten, Eine solche Wahlkreiseinteilung, deren Spitze ausdrücklich gegen die Minoritäten gerichtet war, führte im Jahre 1027 natürlicherweise erst zu einem Zusammenschluß fast samt-!!eher Parteien innerhalb jedes Minderheitsvolkes und dann logischerweise zu einem technischen Block sämtlicher M i n 0 r i t i ♦ e n. ׳Die Absicht der Antisemiten wurde zunichte gemacht und jede Minorität erhjclt, wenn nicht die ihr faktisch gebührende, doch aber eine ansehnliche Vertretung im Sejm. Es soll aber nicht geleugnet werden, daß dem Minderheitsblock in Polen vor 5 Jahren nicht nur eine rein prakfische Erwägung zugrunde lag. Es war auch eine große Idee, welche Vertreter mehrerer Nationen und Klassen zusaimncnführte^ die Idee des Nation alitäten rechts, das Gefühl gemeinsam erlittenen Unrechts, der Wille eines gemeinsatnen Kampfes zur Erlangung nationaler Rechte in der als Nationalitätenstaat wiedererrichteten polnischen Republik. Daß Zionisten dieser großartigen Schöpfung Pate standen, war für jeden selbstverständlich. Nur Zionisten, die Pioniere des modernen jüdischen Organisatinnsgcdankens, konnten jüdische Parteien und Gruppen für einen höheren Zweck zusamnienschliaßcn. Und daß ferner Zionisten die Begründer und Vorkämpfer des Minoritätenrechts in Europa, im Sinne dieser Ideen einer! Zusammenschluß der Nationalitäten Polens führend bewirkten, bedarf keiner Begründung. Die verflossenen fünf Jahre brachten aber innerhalb und außerhalb des jüdischen Lagers sehr wichtige Veränderungen, welche in ihrer Gesamtheit die Schwierigkeit der neugeschaffenen Situation in Polen ausmaehen. Im Sejm gab es keinen Nationalitätenblock mehr und mit seltenen Ausnahmen auch keine einhert’izhe Po'itik der nationalen Minderheiten. Es zeigten sich wirkliche und scheinbare Interessengegensätze und so manche polnische Regierung verstand es — nach dem alten Muster — diese Gegensätze noch mehr zu verschärfen. Einmal pralctierte malt nur mit den slavischen Minderheiten gegen die Juden und Deutschen (die Regierung Sikorskf) ein anderes Mal wollte man die Juden etafangeu und ate von 4m anderen Minderheiten isolieren {Regierung urabskf). Auf dem parlamentarischen Boden hat aidr’Htit!MinoriäiMitet:,! ׳;atebt/;?*Minderheit«* SSftenäsÜ fit Genfhatten Ja dkshr Beziehung 1a 'Polen keine gr&Bere Wirkung. Pie Lage der Minderheiten hat sich auch in gewissem Maße in der letzten Zeit gebessert Das Zurückdrängen der antisemitischen und chauvinistischen Nationale!emokratle aus der Regierung und Verwaltung, die Sanierung der allgemeinen Verhältnisse in Staate, der Liberalismus der Pils'iaskischen Regierung hat eine Entspannung bewirkt weche dem NationalitätenprobSeoi in Polen seine bisherige Schürfe nahm. Das Gros der Postulate der Minoritäten, also auch der Juden, b!ieb zwar auch weiter unberücksichtigt. Altes gesetzliches Unrecht wurde meistens nicht behoben, neue, van den Minoritäten seit langem verlangte Gesetze wurden nicht eingebracht wohl aber hat sich die Verwaltungspraxis gebessert Und dies schuf eine neue Stimmung. Die gegenwärtige Regierung ist sich dessen bewußt und erklärt verwundert, nicht begreifen zu können, warum jetzt dn Nationalitätenblock geschaffen wird. Es gibt doch eigentlich keine Nationalitätenfrage mehr in Polen. Innerhalb der einzelnen ,Minoritäten vollzog sich in dem letzten Jahren ein Differenzierungsprozeß von großer Bedeutu dg. Ueberall kann man einen gewaltigen Ruck nach' links, 'eine' soziale Radikalisierung beobachten. Starke weißrussteehe' und ukrainische Bauernparteien sind mehr oder weniger komrounistkeh, die deutschen Arbeiter haben sich inzwischen als mächtige sozialistische Partei organisiert Diese zahlenmäßig starken Parteien und einflußreichen Gruppen, im Jahre 1022 die aktivsten Teile des Blocks, bleiben ihm nunmehr ferne. Inf jüdischen Teile des Blocks vom Jahre 1922 gab es wiederum einen Ruck nach rechts. (Der Bund und Poale Zion standen damals und stehen heute abseits, und da sie sogar miteinander sich nicht, verbinden wollen, können sie kein Mandat erlangen.) Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die zionistische bestgemeinte und ehrliche Organisationsarbei: im Jahre 1922 auch dieses Resultat zeitigle, daß außer Vertretern der Allgemeine!! Zionisten, Misrachi und Hitachduth, auch Deputierte der Aguda und der Kaufmannschaft gewählt wurden, und naiv war es, zu glauben, daß alle diese jüdischen Parlamentarier in Harmonie leben werden. Der jüdische pariamcnlarische Klub war selten mehr als ein formales Gebilde, die Gegensätze waren nicht uur religiöser oder wirtschaftlichsozialer Natur. Sie betrafen vielmehr die Grundprinzipien der zu führenden nationalen Politik. Während die zionistischen Mandatare mehr oder weniger den strengen Auffassungen eines würdigen nationalen Emainipationskampfcs treu blieben, zogen es die anderen Parteien vor, eine kleinliche, egoistische Opportunitätspolitik zu betreiben. Die Idee der notwendigen jüdischen Einheit hatte jahrelang die Zionisten dazu bewogen, bei jeder allgemeiiipolitischen Aktion die Agudah mit einzube/.iehen und ihr sehr oft um des Friedens willen — mehr Rechte zuzugc-riehen, als ihr in IX-'irklichkr.it gebührte. Nun hielt ihrerseits die Agudah nicht allzuviel von dieser Idee und kaum hörte man von neuen Sejmwählen, begannen die Führer der Agudah Unterhandlungen mit — polnischen Parteien, um mit ihnen gemeinsam den Wahlgang zu organisieren. Dieser unerhörte Schritt hat insbesondere im zionistischen Lager große Empörung hervorgerufen und einen Plan reit gemacht, welcher noch bei den letzten Sfadtratswahlen in Polen nur seitens der Hitachduth vertreten war: die jüdische Front mit Ausschluß der Agudah zu organisieren. Dies war die erste Grundlage der nunmehr gemeinsam von sämtlichen drei zionistischen Parteien (organisle;t im sogenannten ״Jüdischen Nationalrat״) begonnenen Wahlvorbcreiftmgert. Nachher schlug aber Abg. Grün bäum im Namen des Nationalrates eine Taktik ein, we'che das gerade Gegenteil derjenigen des Jahres 1.922 war. Damals wurde zuerst ein jüdischer Block geschaffen und nachher schloß sich dieser dem Nationalitatenblock an. Jetzt ging Abg. Grünbaum zuerst daran, einen allgemeinen MinderlicitsWock zu schaffen und nachher sollte der jüdische, wie auch andere nationale Teile dieses Blocks organisiert werden. Da aber tauchten mannigfache Schwierigkeiten auf. Abg. Orünbaum ging von der prinzipiellen Voraussetzung aus, daß sich grundsätzlich die Lage der Minoritäten, auch der uden, in Polen nicht geändert habe und die ungerechte Wahlreiscinteiluiig für sämtliche Minderheiten die Schaffung eines gemeinsamen Blocks notwendig mache. Wollen die Minoritaten und insbesondere die Juden, sich nicht ihrer Rechte bcrauben lassen, müssen sie sieh Zusammenschlüßen und das gelungene Experiment des Jahres 1922 wiederholen. Die an und für sich richtige Idee stand aber einer geänderter Wirklichkeit gegenüber. Im Jahre 1922 hatte diese Idee einen großen Enthusiasmus ausgelost, nach fünf Jahren bcgegnet sie vielen Zweifeln, stößt auf Gleichgültigkeit und auch auf Widerstand. Die nationale Idee ist nicht mehr so stark (bei allen in Betracht kommenden Völkern), daß wirtschaftliche und sozia'e Interessen ihr geopfert werden können. Daher die Unmöglichkeit eines vouständigen Zusammenschlusses der Deutschen, Ukrainer;. u»dvW4fi«®sW.. Der. Ctocfbjiiteft«!, «die «aMtoalrf und':a1rtlnai<|flaie Jfoltäk dar• Ägud» ptd die fnte«ss«a>»lili£ sowie Aengst'iehkeit der kaufmännischen Wirtschaitsverbi nde bewirkten, daß diese Parteien Und Gruppen sich außerhalb des jüdisch-nationalen Teiles des Minderneitsblocks befinden. Berliner Zionistische Vereinigung Am Sonntag, den 8. Januar, vorm. 11 Uhr. findet im Gartensaal dea Logenhauses. KJeistatrafte 10, eine Trauerfeier für Prof. Cfliaies, Wien Wladimir YemfeKn statt Dies Ist vom zionistischen Standpunkt aus nicht zu bedauern. Vorausgesetzt nur, daß der auf diesem Gebiete jetzt vereinigte polnische Zionismus diese Situation zu nützen ver• steht, mit großem Elan und Schwungkraft in den Wahlkampf eintritt, bestrebt sein wird, unter zionistischem Aspekt nunmehr ungehemmt moderne, der Zeit angepallte politische Propaganda zu treiben, die Volksmassen zionistisch-politisch bewußt zu machen und ferner alles daran setzen wird, sä tutliehe fortschrittlichen und wahrhaft nationalen Elemente io poN nischcn Judentum um sich zu scharen. Dazu bedarf es einer mutigen Revision des zionistischen Laiidesprogramms in gcwissen Punkten und, was viel wichtiger ist, eines utivorein« genommenen Wechsels so mancher leitender Personen. Denn da nunmehr die Agudah (mit der kleinen Priluckischen Gruppe als Nachhängsd) selbständig auftritf, die Kaufleutc eigene Listen aufstellen wollen (ohne übrigens die mindeste Chancen auf Erfolg zu haben) — muß der jüdischen Oeffentfichkeit klar gemacht werden, was diese Gruppen bewogen hat, so zu handeln. Sie geben vor, Gegner des Minder iuritsblocks zu sein, sind aber in Wirklichkeit Gegner einer stolzen, auf• richtigen und mutigen jüdisch-nationalen Politik. Der jüdischnationale Block, bestehend aus Allgemeinen Zionisten, Misrächt, Hitachduth, Demokratischer Volkspartei und Handwerker• verband ist in der Lage, bei den bevorstehenden Wahlen den größten Teil der jüdischen Bevölkerung um sich zu sammeln, wenn er nur taktische Fehler vermeidet und imstande ist, zionistische Kräfte /u aktivieren. Anders gestaltet sielt die Lage in Kleinpolen. Die Zionisten Ost- und Westgaliziens sind, wie bekannt, seit jeher Gegner der politischen Methoden ihrer Gesinnungsgenossen aus Kon* greßpoleu. Dies zeigte sich sehr oft in der parlamentarischen Arbeit, nahm schrotte Formen im Zusammenhang mit der bekannten ״Ugoda“ an und wirkt jetzt fort. Der größte Teil der Allgemeinen Zionisten Kleinpolens (im Gegensatz zu Hitachduth, Misrachi und der sogenannten all gemein zion ist!• scheu Opposition) ist entschieden Gegner eines Zusammengchens mit der! Minderheiten und für einen Zusammenschluß mit sämtlichen jüdischen Parteien (man sprach auch von Assimilanten). Dieser Standpunkt kann nur in Kenntnis der besonderen Verhältnisse in Osigaiizien beurteilt werden. Es soll alles vermieden werden, meinen die dortigen Zionisten, was den Eindruck Hervorrufen könnte, die Juden gehen zusammen mit den Ukrainern gegen die Polen. Bei den letzten Wahlen beteiligten sich in diesem Landesteile die Ukrainer überhaupt nicht. Daher gewannen damals die Juden so viele Mandate in Ostgalizien, was ihnen tikrainisehersats setir übel genommen wurde. Jetzt gehen die dortigen Ukrainer zusammen mit dem Minoritätenblock und die Zionisten bleiben ihm ferne. Alle Bemühungen seitens der Zionisten Kongreßpolens, ihre Oenossen in Galizien zur Aenderung ihrer Haltung zu bewegen, waren leider ergebnislos. Es galt zuerst zu vermeiden, daß Zionisten innerhalb eines Staates in derselben politischen Aktion keine einheitliche Stellung einnehmen. Dann wollte man vermeiden, daß sich Zionisten gegenseitig bekämpfen Denn dies droht leider, da der Minderheitsblock sich auf ganz Polen erstreckt und in manchen Wahlkreisen in Ostgalizien Zionisten, Anhänger des Minderheitsblocks, auf dessen Listen figurieren werden. Die in dieser Beziehung gemachten Komprontißvorschläge wurden soeben vom zionistischen Parteitag in Lemberg nicht angenommen. Wenn auch die spezifischen Bedingungen in Ostgalizien vollauf gewürdigt werden, muß aber vom zionistischen Standpunkt die dort geschaffene Lage tief bedauert werden. Zumal Begleitumstände zwingen, gerade dort eine unnachgiebige standhafte zionistische Politik zu führen. Alte Gespenster leben in Galizien wieder auf. Die Regierung, welcher moderne jüdisch-nationale Politik nicht genehm zu sein scheint, und die. da sie nicht antisemitisch ist (sie ist ״liberal״...), den Verzähl auf,-eigene # ational# Politik fordert —. übt einen Öntck aös untf greift Ätir'(übrigens auch in änderen' xSt» Polens) ein. Da erleben wir ein Schauspiel, das wir von alten österreichischen Zeiten her gut kennen, das wir abes längst verschwunden glaubten. Di« niederträchtigsten und finstersten Kreaturen in der jüdischen Gesellschaft schwimmen wieder empor, die berühmten ״galizischen Wahlmacher“, welche zu allerlei Diensten für den ,,Poritz“ bereit sind Dk alten Moszkos’ sind schon wieder da und die gaiizischen Rabbis schicken sich schon wieder an ״Majufes״ zu singen. Man traut den eigenen Augen nicht bei diesem Gespenstertanz. Die Jahre 1967 und 1911 kommen da in Erinnerung und es soll nicht vergessen werden, daß gerade damals der Zionismus in Galizien groß und stark geworden ist Soll nun das Rad der Geschichte zurückgcdreht werden? Wir glauben es kaum. Die Zionisten in Galizien haben jetzt doppelte Pflicht, strengstens die Prinzipien des Kampfzionismus zu wahren, uni die Hegemonie im jüdischen Leben zu behalten und wieder die sich keck hervorwagenden bösen Geister zu verscheuchen. Das kann nur geschehen, wenn eine mutige und stolze Sprache gesprochen wird, nach innen und nach — außen. fernung, Gültigkeit, überpersänliche Verknüpfung mit einem Weltvorgang. Eins aber ist anders geworden: (las Jüdin che, das in den trüberen Arbeiten Hauptgegenstand der Gestaltung war, tritt als Gegenstand der Entwicklung zurück, ln den ersten biblischen Themen hatte er sich Symbole geschaffen. In seiner Ruth begriff man Else Laslcer-Schülers gewaltige Bibclbelebung a11s der Sehnsucht. Mit solchen Bcvvegongen sah man ihre Gestalten. Auch bei Marek Swarc sind das äymboigestalten, Gestalten in einem imaginären Spiel, wie es zunächst auch Mintschins Figurinen sind für BePazar. Jetzt aber sind seine jüdischen Gestalten ohne die Prononzicmng der scharf hervorgehobenen Geste, ״Letzte Hilfe“ schildert nur realistisch den Vorgang, wie man einen To len bettet. Nur die Vordergrundfigur erinnert an die znrückgehaltcne Phantastik: ein Cbassid, in Ekstase zu Boden geworfen, das Gesicht totenähnlich, stützt den Leuchter. Die andern Juden schinen porträtiert. Jüdisches wird selbstverständlich, tritt zurück. Den Hang zum Stilisieren, zum , Zurücktreten des Inhalts zeigt auch ein orientalischer Tanz. Hier gestaltet er den Glanz, die Pracht., Schönheit der Gebärde, Schönheit Asiens, genauer: Schönheit Indiens, aber in moderner Farm. Kostbarkeit der Form kommt, führt Um aus Asien. Bei seinem Handwerk nicht mehr als selbstverständlich. Der Orient ist die Heimat der schönsten Treibarbeiten. Eine Ruhe nach der Arb.it: ״Ruhe im Korn“ ist voll von einer wiegenden Bewegung, die ganz harmonisch folgt aus den plastischen Werten. Man sicht, daß Marek Swarc in Form und• Technik unabhängig wurde. — Der Weg von dem zeichnerisch tastenden Anfang der allerersten Arbeiten bis zu den breiten ruhigen Flächen öffnet den Blick auf einen sicheren Weg, von dem Schönes und vielleicht auch Großes kommen kann. Pasternak gehört zu den Veteranen der jüdischen Kunst. Schon im zaristischen Rußland war er als einziger Jude über zwei Jahrzehnte lang Professor an der Moskauer Akademie. In Berlin sah man ihn ab und zu mit wenigen aber hervorragend schönen Aquareüe.1. Die in der Galerie Hartberg eröffnet« Ausstellung ist lange erwartet worden. Das schönste sind auch hier die Aquarelle und die Graphik. Die Ausstellung der wenigen graphische! Arbeiten wird allerdingdem Reichtum des graphischen Werkes nicht gerecht. Hoffentlich läßt die eigene Graphikausstellung nicht lange auf sich warten. Die schönsten Blätter, Arbeiten, die ihn Liebermann an die Seite stelle«, wie das wunderbare Rötel Doppelporträt, blieben aus Raumgründen im Atelier. l>afür sieht man fast vollständig die ״Palästina-Serie“: Pastelle, Aquarclle, Zeichnungen, deren farbige Reproduktion im goldenen Buch einstweilen zum Stillstand gekommen ist. Es sind Einzelblättcr von großer Feinheit: Bucharische Juden, junge und alte, ״Volksleben am Davidstor״, die ״Prozession zu Schimon ha-zadiks Grab", das auch den Arabern heilig ist, die gleißende Straße bei ״Raheis Grab“, dem monumentalschönen Heiligtum zu dem auch die Moslim wallfahrten, die virtuose Farbenzartheit der ״Safed-Landschaft“, -- eine noch schönere, hellere, perlnmtterblauschünmernd b’ieb im Atelier. Sehr interessant sind die Pastellen aus Tiherias. Hier finden wir Farben und Formen, die wir als tv-pisch palästinensisch bei verschiedenen Palästinamalern einheitlich behandelt sehen. Bei Pevsack, bei Frau Peretz-Brutzkus und nun auch bei Pasternak, ln anderen Pastellen sieht mau — auch das ist typisch, — daß auch Pasternak sich ebenso wie alle anderen zuerst von der europäischen Farbe freimacheu mußte. Seine Zeichnungen, Past-lle und Aquarelle entstanden in Palästina. Der Maler Pasternak aber regt zu mancherlei Fragen an. Hier stehen wir vor einer merkwürdigen Entwicklung. Bekannt und wiederholt gewürdigt sind seine Porträts. Ich erinnere an das Einsteinporträt das die Universität Jerusalem besitzt. In seinem Atelier steht es noch einmal in einer Wiederholung. Mir scheint es das schönste, freieste und lebendigste Einsteinporträt, das ich kenne. Das jetzt bei Hartberg ausgestellte Sokqlowporträt kommt ihm aber zumindestens gleich. Hier ist Pasternak der große moderne Porträtist In die gleiche Linie gehört auch das schöne B a erw a Id portrüt. Pasternak aber ist in hohem Grade Russe, russischer Jude. Das heißt bei ihm sowohl Russe als Jude. Der Russe malt den Charme der Russin und dies Undefinierbare der Stimmung: Labilität, Luft aus Parfüm und Zigarettenrauch, verdeckte apathische Züge, Imponderabilien, kurz all das, was wir russische Atmosphäre des alten Rußland zu nennen gewohnt sind. International bekannt wurde er durch seine Tolstoi- Serie, von der wir bei Hartberg sehr interessante Zeichnungen sehen und dae bedeutende Tolstoi-Porträt Psychologe fst er fast bis zur Sribstaufgabe. Ein Doppelporträt: Ein Herr und eine Dame sehen aus wie zur Zeit der großen englischen Parträtkunst gemalt. Eia Knabenporträt ebenfalls. Der Name des Knaben deutet auf England, Geschlossene Linien, plasti ch, ohne Luft, Atmosphäre, über allen Raum, Man fragt sich sofort: wieso? und wird begierig, die Anfänge zu sehen» Hat er etwa um 1890 so gemalt? Aber nein! Das zu erfahren hatte ich ge• beten die alten Bilder zu sehen. Gerade aber die alten Bilder, die um 1890, sind in unserem Sinne modern gemalt. Pasternak begann mit der Vereinfachung, war damals unter den Vorläufern und die englische Periode nur ein Zwischenspiel. Was ihn hier gelockt haben mag, wirkte fort in romantischen Kom• Positionen, Romantik, die vor dem Gemälde im Genrestlei her• vorgebracht hatte, mit russischer Färbung. In seinen Blumen• sülleben führt diese Romantik mit der freien Behandlung — nur nach Licht und Farbwerten — und dem breiten Strich zu einer Farbenbereicherung. Eine schlichte, modern-sachlich«.; Gebirgslandschaft zeigt, wie weit er die Grenzen seines Stoff• gebiete« gezogen hat. Ich sagte vorher, daß er trotz seiner weitgehenden Assi• milation an das Russenttini als Jude ungebrochen stark jü■ discher Künstler ist. Dazu braucht er nicht einmal spezifisch jüdische Motive, obwohl sich unter seinen Zeichnungen» 11«• sonders den jungen Juden aus dem polnischen Viertel in Jerusalem, wahre Kostbarkeiten der nnchschatfenden Kleintun st' befinden. Eins seiner schönsten Bilder, ein Pastell — leider auch nicht ausgestellt — stellt eine festlich gedeckte Tafel dar mit Blumen. Zwei ältere Frauen lesen Und schreibet! wahrscheinlich in Erwartung von Gasten. Die eine aber mit schlichtem Scheitel, den Kopf etwas geneigt, ist eine jüdische Mutter. Das sieht man, das muß man fühlen. Pasternak ist, wie sein Werk zeigt, keineswegs einfach einz.ureihcn. Der steile Aufriß des Einsteinporträts, die Linienklassik des Rötelbildes die Gefühlseinheit mit der Gesamtheit der jüdischen Menschen formen aber doch ein Profil des Künstlers Pasternak trotz dei Nervenverästelurigen — Sucharbeit auf weitestem Feld — diesem Galuthschicksal des europäischen Juden. Ruth M o r 0 1 d. Der hebräische Dichter S. Schneur beging in diesen Tagen das Jubiläum seiner 25 jährigen schriftstellerischen Tätigkeit Aus diesem Anlaß veranstaltete der Verband jüdischer Studenten Frankreichs eine Feier, in der Scbalotn Asch de* Vorsitz führte, der Dichter David Einhorn Schneurs Rang in der hebräischen Kultur kcnn/eichncte und Schneur selbst noch unveröffentlichte Poem« vorlas.