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Jüdische Rundschau · 1927-12-21 · Heft 102-103 (21.12.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 102-103 (21.12.1927)
Date
1927-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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w 102/103. 21. m דמו 7Ü1DI5CHE RUNDSCH/CO Seite 727 Mifj Szold in Palästina Die Clevclander Konferenz. — Aufklärung der Mi&rastSndnisse- — Die Reorganisation des Erziehungswesens. Am 30. November traf Miss Hcnrietta Szold , wie von uns bereits berichtet, in Jaffa ein. Bereite am Nachmittag hatte sie in Jerusalem Besprechungen mit ihren Kollegen in der Exekutive, Coi. Kisch und Harry Sacher, und noch am selben Abend sandte sie ihr erstes Telegramm über die Lage an die Zionistische Organisation in Amerika ab. In einem Interview mit der offiziellen ״Pa• jästina-Correspondenz“ tP. C.) gibt Miss Szold ihrer Freude darüber Ausdruck, aaß die der Zionistischen Organisation unterstehenden Schulen gerade zur Zeit ihres Eintreffens in Palästina wieder eröffnet wurden, zugleich aber auch ihrem Bedauern, daß ihre Verpflichtungen in London ur ihr sich daran anschließender Besuch in New York die Inangriffnahme ihrer Arbeit in Jerusalem hinausgezögert haben. Als sie heule, was für Konsequenzen die Einschränkung des Budgets für die Schulen hatte, wollte sie sich sofort nach Palästina begeben. Aber ihre Londoner Kollegen hatten sie dringend gebeten, noch zuvor an den ersten Sitzungen der neuen Exekutive teilzunehmen und sodann noch e.rst nach New׳ York zur Eröffnung der Kampagne des United Palestine Appeal zu reisen und vor allem an der Konferenz von Cleveland am 1. November teilzunehmen, auf der die Pläne für die Kampagne festgelegt wurden. Miss Szold glaubt, daß die Ergebnisse dieser Cleve* land-Konferenz, die die amerikanischen Ueberweisungsquoten für den Keren Hajessod, den Keren Kalemcth, die Hadassah usw. bestimmt hat, ihre persönlichen Bemühungen und die für die Hin- und Rückreise aufgewendete Zeit gerechtfertigt haben. Die Clevcland-Konfcrenz hat die besten Kräfte des amerikanischen Zionismus gesammelt zu einer Stunde, wo eine Lockerung der Kräfteanspannung von unabsehbaren Konsequenzen für das Aufbauwerk hätte werden können. Miss Szold ist mit diesem Beginn der amerikanischen Arbeit durchaus zufrieden, wenngleich die jetzige Kampagne des United Paiestine Appeal, angesichts der im Augenblick einsetzenden ökonomischen Depression in den Vereinigten Staaten eine der schwersten Kampagnen der letzten Jahre zu werden droht. Ermutigt durch die Erfolge in Amerika, ist Miss Szold der Meinung, daß mit der loyalen Unterstützung und der vollsten Sympathie und dem Verständnis aller Teile des Jischuvv für die Aufgaben, denen die Exekutive gegenübersteht und auch für die von ihr angewandten Methoden der Lösung, die neue Exekutive imstande sein wird, ihreii Verpfüchtungen in jeder Hinsicht nachzukommen. Sie erkennt an, daß die Aufgaben dieser Exekutive ״hart, schwer und. unmenschlich“ sind und daß das stark reduzierte Budget ״ins Fleisch des Jischuw schneidet“. ״Die ersten zehn Jahre unserer Arbeit innerhalb der Balfour-Deklaration-Aera waren romantische Poesie, Abenteuer,‘* hatte Miss Szold in ihrer wirkungsvollen Rede in Cleveiapd gesagt. ״Jetzt stehen wir an der Schwelle der zweiten Dekade, und wir merken, daß wir zur strenglogischen Prosa herabsteigen müssen, zur herben, unbarmherzigen Wirklichkeit Aber es ist eine leidenschaftliche Prosa, eine Lortk, die von Emotionen durchtränkt ist, eine packende Wirklichkeit“ Miss Szold wendet sich in dem Interview weiter dagegen, daß ihre Clevelander Rede in Palästina zu Mißverständnissen Anlaß gegeben : . mann votgeridäimeise Erhöhung des Betrages fljr die Arbeitslosenunterstützung in Tel-Awiw als auch die Kabel über diesen Teil ihrer Rede hätten ein falsches Bild gegeben und einen völlig irreführenden Sinn dessen, was sie wirklich geragt hatte. Auch ihre Bemerkungen über den Solei Boneh hätten fälschlicherweise zu Mißverständnissen Anlaß gegeben. Sie habe klargestellt, daß sie sich der Bedeutung des Solei Boneh bewußt sei, und erklärt, daß wir einen neuen Solei Boneh brauchen, der jedoch auf einer gesunden und vernünftigen Qescbäftsbasis aufgebaut sein müsse. Gemäß der vom XV. Kongreß der Exekutive aufgetragenen Pflicht, für Leitung aer verschiedenen Departements geeignete Menschen ausfindig zu machen, die rachleute aut ihren Gebieten sind, hat sich Miss Szold die Mitarbeit von Dr. Bcrkson aus New York gesichert, eines führenden jüdischen Pädagogen, der ihr bei der Reorganisation des Erziehungs-Departements helfen wird. Er wird ihr Ratgeber bei der Verwaltung sein, wobei jedoch die endgültige Verantwortung für die Arbeit «uf ihr gemeinsam mit ihren Kollegen In der Exekutive ruhen wird. Dr. Berkson darf seinen Pflichten in New York nicht länger als ein halbes Jahr fentbleiben, vor Ablauf dessen hoffentlich nach Lösung der Budgetfrage ein Plan für die künftige Erziehungsarbeit ausgearbeitet vorliegen wird. Die Kosten für die Hin- und Rückreise Dr. Berksons wie auch für seinen Aufenthalt und seine Arbeiten in Palästina trägt eine amerikanisch-jüdische Persönlichkeit Miss Szold hat die Absicht ihre ganze Aufmerksamkeit vor allem dem Erzichungsproblem zu zuwenden und wird ihre Arbeit auf dem Gebiet der öffentifchen Ge- MJiidheit. die ja auch in den Kreis ihrer Aufgaben fällt, erst aufnehmen, nachdem die Erziehnngsangelegenheiten befriedigend geregelt sein werden. (Ziko.) Nahum Sokolow in Prag Von unserem Korrespondenten. Nahum Sokolow kam in Prag in Begleitung seiner Tochter, Fräulein Dr. Celine Sokolow׳, am Mittwoch, den 14. Dezember, 11m 15.30 Uhr an und wurde am Bahnhof von den Vertretern aller zionistischen und jüdisch-nationalen Institutionen, Fonde und Vereinigungen begrüßt. Kurz nach Ankunft im Hotel überreichte eine Vertretung des jüdischen Schulwerkes in der Tschechoslowakei ein Memorandum über die Lage der jüdischen Schulen in der Republik. Nachher empfing Präsident Sokolow die Vertreter der tschechoslowakischen Presse, denen er ein ausführliches Interview erteilte. Um S Uhr abends fand in der Prager Produktenbörse vor einem überfüllten Saale ein großes Meeting statt, welches Stadtrat Dr. Ludwig Singer eröffnete. Er begrüßte die Gäste, überbraclite sodann der Versammlung die am gleichen Tage aus Wien eingetroffene Trauernachricht von dem unersetzlichen Verluste, den das ganze jüdische Volk durch das plötzliche Ableben seines großen Führers Oberrabbiner Dr. C h a j e s erlitten hat. Sein kurzer, warm empfundener Nachruf w׳urde von den Versammelten stehend angehört. Darauf schilderte Herr Dr. Singer die Persönlichkeit des Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Herrn Nahum Sokolow, und erteilte ihm das Wort Sokolow׳, schwer erschüttert von dem Tode des Oberrabbiners Chajes, gedachte in tiefbewegten Worten seiner Bedeutung als Gelehrter und Mensch und als Zionist, der am Anfänge des Zionismus stand. Doch ist es wohl im Sinne des Verstorbenen, an die Arbeit zu gehen. Sokolow setzt dann die ideelle und moralische Grundlage des Zionismus auseinander. Seine weltgeschichtliche Bedeutung liegt nicht darin, daß die Juden nach Palästina emigrieren, sondern daß sie dort ein neues jüdisches Leben auf historischer Stätte aufbauen, das beispielgebend ist für die ganze Welt, daß dort die Wege gesucht 11nd gefunden w׳erden, den wahren Scholera zu schaffen, nicht nur zwischen den Völkern, sondern zwischen Mensch und Mensch, das ist zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das größte Wunder ist, daß der Jude, seit zweitausend Jahren entwurzelt aus seiner Erde, dem man jede schöpferische Kraft abgesprochen hat, zur Natur zurüekkehrt und bereits deu modernen Typ des palästinensischen Bauern geschaffen hat, der die Höchste Bewunderung aller erregt, die Gelegenheit h^ben, *Bin ■,•in Palästina zu «heu, in seiner Arbeit auf seinem Lande, in seiner Sprache und in seinen neuen Lebensformen. Sokolow schloß seine Rede mit einem wannen Appell an die Versammelten, an die Juden der altehrwürdigen Gemeinde Prags, den Keren Hajessod zu fördern und mitzuarbeiten an dem Aufbaue des jüdischen Palästinas. Donnerstag, den 16. er., empfing Präsident Sokolow die Vertreter der jüdischen Presse. Am Abend fand im Repräsentantenhause der Stadtgemeinde Prag ein zionistischer Empfang statt, welchen Herr Ing. Oskar Aschermann namens des böhmischen Distriktskomitees eröffnete. Herr füg. Aschermann begrüßte die Versammelten, vor aUem den Ehrengast Sokolow und seine Tochter, seine treue Mitarbeiterin und Begleiterin, von der Zuhörerschaft lebhaft akklamiert, w׳orauf er Sokolow das Wort erteilte. Sokolow sprach in der ihm eigenen, geitsreich bezwingenden Weise über das neue Leben in Palästina, das sich trotz der äugenblicklichen Krise, die durch die Arbeitslosigkeit von 7000 Menschen gekennzeichnet ist, fortentwickelt Er malte die Schönheit des Karmel, das Sinnbild Palästinas, den wir Schritt für Schritt erobern und die heilige Bedeutung der Zedern Libanons, die unsere Vorfahren aus dem Räche HIrams holten und die nachher zum Baue des Tempels dienten. Palästina ist der Karmel und die Juden in der Diaspora, in Prag, London und New York, wie Bialystok und in jedem anderen Orte der Welt sind der Libanon, Der Libanon muß den Karmel aufbauen, sowie vor tausend Jahren seine Zedern den Tempel Salomons errichtet haben. Dr. Felix Re sek, Obmann des böhmischen Distriktekomitees, dankte sodann Präsidenten Sokolow in wannen Worten für seinen Besuch, den die Zionisten Prags dadurch feiern «׳erden, daß auch sie das Wort, das für Sokolow ״Tat“ bedeutet in die Tat umsetzen werden. Er teilt mit, daß au «üesem Abend 200 000 Kronen für den Keren Hajessod gezeichnet wurden. Am Freitag, den 16. Dezember, vormittags, wurde Sokolow von dem Präsidenten der tschechoslowakischen Republik Th-G. Masaryk und dem Minister des Auswärtigen Dr. Beneich in Audienz empfangen. Einer der Hauptgegenstände der Besprechung mit Masaryk war die Unterhaltung über dessen Reise und die von ihm gewonnenen Eindrücke 111 Palästina. Die Unterhaltung mit Dr. Beneseh erfolgte im Zusammenhang mit dem Völkerbund und mit den Pro Palästina-Komitees, welche vor kurzem in verschiedenen Ländern gegründet wurden. Sowohl Masaryk wie auch Bcncsch bekundeten wieder ihre Sympathien für den Zionismus. Weizmann in Kattowitz und Beatiien Aus Beuthen wird uns geschrieben: Trotz der diskreten Art. in der die Nachricht von der Durchreise Weidmanns am 13. Dezember durch Katowice und Beuthen weitergegeben wurde, erschienen zahlreiche Menschen auf den Bahnhöfen der beiden Städte und bereiten Weizmann begeisterte Ovationen. Weizmann, der eine 15 ständige Reise hinter sich hatte, mußte den Bitten der Kattowiczcr Zionisten nachgeben, sein Kupee verlassen und sich ins ״Hotel Monopol“ begeben, wo er von Vertretern der jüdischen Institutionen, darunter dem Synagogengetncindevorstand, begrüßt wurde. Alsdann fuhr Dr. Weizmann, von Kattowiczcr Zionisten begleitet, im Auto nach Beuthen, wo er am Bahnsteig von einer großen Anzahl Herren und Damen erwartet und stürmisch begrüßt wurde. In zwangloser Unterhaltung erwähnte Weizmann den Eindruck, den die Reise durch Polen und nach Rumänien auf ihn gemacht habe. Kurz vor Abgang des Zuges wurde die ״Hatikwah“ gesungen und dann drückte man nochmals Weizmann die Hand zum Abschied. Alle Anwesenden waren sich der Größe dieses für Beuthen vielleicht nicht mehr wiederkehrenden Moments bewufit und es herrschte deshalb bei Abgang des Zuges eine etwas wehmütige Stimmung, die sich dann aber in Hochrufe auf den Führer der Kattowiczer Zionisten Rabb. Dr. Levin, der zu seinem Wagen begleitet wurde, auslöste. Die Keren Hafessod-Aktlcra In RamSnlen Auch in Jassy, Kischinew (Chisinau) und Czernowitz wurde Dr. Weizmann ein geradezu unbeschreiblicher Empfang bereitet Für die Fahrt such Czernowitz hatte die rumänische Regierung Dr. Weizmann einen Extrazug zur Verfügung gestellt Wegen der antisemitischen Exzesse wurde weizmann au* seiner ganzem Rebe von einer Qendarmetle-Wache Bl seinem Schutz begleitet In Czernowitz selbst wurden für den Keren Hajessod gegen £ 3000 Jo bar und £ 2000 l« Bons aufgebracht Verbesserung der Handelsbilanz Im September 1927 wurden nach Palästina Waren!תז Betrage von £E 411 122 importiert gegenüber £E 518 454 im September 1926. Der Warenexport betrug im September 1927 £E 99 488 gegenüber £E 49 371 im gleichen Monat des Vor- Jahres. Der Rückgang des Imports betrifft hauptsächlich folgende Waren: Nahrungsmittel, Baumaterialien, Kleider, Automobile, Brennstoffe usw., und die Steigerung des Exports hauptsächlich Mais, Linsen, Sesam, Weizen, Gerste, Erbsen und Chilwe, ferner Olivenöl, Sonnenblumenöl, Tabak, Leder, Zigaretten, Teppiche und Socken. Die höchste F.xportziffer dieses Monats weist der Mais auf. Aus dem Export der Industrieprodukte ist die Ausfuhr von Zement nach Aegypten zu erwähnen (bis jetzt wurde Zement nur nach Syrien und Zypern exportiert), von Mehl nach Syrien, Socken nach Aegypten, Sonnenblumenöl nach Syrien und künstlichen Zähnen nach der Tschechoslowakei (Ziko.) Martin Buber in Berlin Martin Buber hat an zwei Abenden in Berlin gesprochen. Es waren, um es gleich vorauszuschicken, ganz große Abende, über die cs schwer fällt zu berichten, weil das Wesentliche, das sie den Teilnehmern gaben, in einem Referate nicht dargestellt werden kann. Doch hat jeder Tei nehmer empfunden, daß hier sich ein Tor öffnen könnte zu einer Erschütterung der jüdischen Seelen, zu einem neuen Erblühen wirklicher Bewegtheit, im deutlichen Gegensatz zu den meisten schablonenhaften, in ihrem Mechanismus erstarrten Veranstaltungen des Betriebes, der sieh vergeblich um geistiges Leben müht. Am ersten Abend sprach Buber im Institutum Judaicum der Universität. Er unternahm es, den Chassidismus in die Religionsgeschichte einzug iedern, aber nicht historisch oder gene* tisch, sondern typologisch. Der Chassidismus als religiöse Bewegung ist in seinen charakteristischen Erscheinungen eine res sui generis, eine besondere und eigentümliche A isp ägung des Grundverhäi nisses des Mcn5cl.en zur WirkI h';cit. Se n Wesen drückt sich nicht aus in einer Theorie, sondern in der Lebens- Haltung, und darum ist auch nicht seine theoretische Literatur, die die übliche Form von Bibelkommen aren hat, sondern seine legendäre Literatur, die mythisierendai Berichte vom Leben seiner Lehrer, die wichtigste Quelle. Der Chassidismus ist nicht fenetisch einzugliedern, weil seine Erlösungsvorstellung geennzeichnet ist durch einen Bruch mit der Vorstellung des Auto- Messias, welche die Zeit etwa von der Entstehung des Christentums bis zum Betrug des letzten Pseudo-Messias erfüllt. Typologisch gesehen gibt es aber manche Parallele. Ais solche erwähnt Buber die franziskanische Religiosität, die freilich nur motiv-vergleichend herangezogen werden kann, ferner die Religiosität aer islamischen Sufis und schließlich den Zend-Buddhismus. Alle diese drei unterscheiden sich jedoch grundsätzlich vom Chassidismus durch ihr asketisches Ideal. Sie s'n I o densbildend, der anti-asketische Chassidismus gemeindebiklend. An vielen Beispielen wies Buber nun in seinen Vortrag die Aehnlichkeit zwischen den genannten religionsgeschichtlichen Phinometien nach. Eines der wichtigsten und bedeutsamsten ,gemeinsamen E'emente ist der unworthalte, überworthafte Vcrkehr zwischen Menschen. Es gibt eine Wirklichkeit, der auf dialektischem Wege nicht beizukommen ist. Auf Fragen wird in diesen legendarischen Anekdoten nicht mit einem Ja oder Nein geantwortet, sondern mit dem Hinweis auf eine Konkretheit, die es unmittelbar zu erfassen gilt. Wie das geschieht, wird ganz deutlich aus den Geschi h'.en und Aussprüchen, die Buber aus der Ueberlieferut^ der hier genannten religiösen Gruppen wiedergibt. Vom Sufismus unterscheidet sich der Chassidismus durch seine akfivisiische Tendenz, vom Zend-Buddhismus, der ihn — sogar in der Form der religiösen Unterweisung durch Berichte über das Leben der Lehrer — am ni hvten steht —, unterscheidet er sich darin, daß der Kon'cretismus des Zend- Buddhismus ein dialektischer ist, der des Chassidismus ein messiauischer. Hier gilt es nicht, die Konkretheit ein zusetzen gegen die Problematik, sondern hier gilt es, die göttliche Essenz, die in der Konkretheit da ist, handelnd zu erlösen. — Das für Ungeübte etwas schwierige Thema wurde der meist jugendlichen Hörerschaft, die den Saal bis rum letzten Platze* füllte, durch die anschauliche, durchgeistigte und belebende Darstellung Bubers erschlossen. Man folgte denn auch den zweistündigen Ausführungen mit größter Aufmerksamkeit. Der zweite Abend, dqn die ״JüdischeWaisenhilf c“, der dafür herzlicher Dank gebührt, veranstaltete, hatte einen ganz anderen Charakter. Er war angekündigt als ״Diskussion“ über das Problem der religiösen Erziehung, aber er wurde viel mehr als eine Diskussion üblicher Art, er erhielt durch Bubers Leitung den Charakter eines wirklichen Gesprächs, eines gemeinsamen Mühens tim die Besinnung auf wichtigste menschliehe Grundfragen. Bubir vermochte darmtun, «faß die Einkerkerung unseres Denkens in feste Begriffe uns den Zugang zur Wirklichkeit verschließt und vor allem dort ein Hindernis bildet, wo es mehr als irgendwo auf Erfassen der einmaligen konkreten Wirklichkeit ankommt: bei der Erfahrung des Göttliehen. Nicht in der Sphäre des Allgemeinen, der Abstraktion, ist wahre Religion, sondern in der Wirklichkeit des Menschen in ihrer ganzen Lebendigkeit. Man dürfe nicht mit psvcholagischen und nicht mit u issenschaftli :hen Kategorien an Relfg-on Herangehen; Wissenschaft ist in ihrer eigenen Sphäre legitim, aber sie muß stets sich dessen bewußt sein, daß ihre auflösende Funktion einen bestimmten Zweck hat, nicht aber der Wirklichkeit gewachsen ist. Wie d'es gemeint ist, das konnte in der Aussprache, an der neben mehreren anderen Rednern die Herren Arnold Zweig und Dr. Emil Cohn sich mit wichtigen, den Fortgang der K ärung erleichternden Darlegungen beteiligtea, mit wunderbarer Kiarbeit ausqnandergesetzt werden. Bubo־ konnte dabei auch deutlich machen, daß er die von Emil Cohn hervorgehobene Bedeutung der jüdischen Formenwelt durchaus anerkennt, jedoch vor der großen Gefahr warnt, daß Religion als Teilgebiet des Lebens aufgefaßt wird, mit dem man sich auf Grund der Erfüllung des Rirtia's oder auch poihend auf religiöse ״Erlebnisse“ befriedigt abfindet Es komme vielmehr darauf an, daß man hört, daß man an geredet wird, und Antwort gibt Dieses Angeredetwerden ist das ganze persönliche Leben. Und das Du-Sagen zu Gott dem Anredenden als zu einer konkreten Wirklichkeit ist Religion. Während auf die Frage wie ein Kind religiös zu erziehen ist, eine allgemein-gültige Antwort unmöglich ist, kann man wohl sagen, wie das Kind jüdisch zu erhalten ist. Zunächst muß es wirklich hehräisch lernen. Dann irull es wirklich die Bibel kennen. Wie Buber auf die Frage eines Vaters, ob nicht das I1eranvvachser.de Kind die Erzählungen der Bibel als Lüge empfinden müsse, zeigte, man müsse dem Kind in jeder Altersstufe die Bibel in anderer Weise erklären, und dies alles könne immer wieder Wahrheit sein, denn die Bibel ist ein vieischaliges Buch, bei dem man immer tiefer dringt indem man Schale um Schale ablöst; wie Buber dies deutlich machte, war sicherlich für viele Teilnehmer eine erleuchtende und auch fruchthare Lehre. Buber zeigte sich an beiden Abenden auch physisch von außerordentlicher Frische. Der Abend der Waisenhilfe lehrte uns wieder, wie bedeutungsvoll Aussprachen sein können, wenn eine zentrale Figur sie wirklich leitet, und zwar nicht nur im parlamen'arischen Sinn. Es bleibt zu bedauern, daß die Absicht, einen Abend der zionistischen Jugend mit Buber zu veranstalfen, nicht ausgeführt wurde, wir meinen, daß die zionistis~he Jugend heute nicht so übermäßig viele Gelegenheiten hat, geistig aufgcrüttelt zu werden, was einer zionislischen Jugend immer nottut. W. ״The Jewish Quarferly Review“ (Philadelphia) bringt in ihrem neuesten Heft eine Rezension von Martin Bubers ״Reden über das Judentum“ von Rabbiner Ch. J. Hoffman. Es ist ganz interessant, wie der amerikanische Rabbi die Tiefe und Kraft von Bubers Gedanken bewundert und doch den Mangel an Konkretheit in der Erfassung des Judentums beklagt. Das Heft enthält ferner eine Reise wissenschaftlicher Arbeiten.

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