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Jüdische Rundschau · 1927-12-02 · Heft 96 (2.12.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 96 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 680 JUEtHSCHE KUNDSCffÄÜ Nr 96, 2.XII.1927 Kolonisation und Aufbau in Rußland Von Dr. J. Lewis, (Forts, aus Nr. 92; wegen Raummangel verspätet.) II. f!1 einer Unterredung mit dem Vertreter der Jüdischen Tele* graptienagentur am Anfang dieses Jahres erklärte Herr Dr. A. Singalowsky, Mitglied des Präsidiums der Zentralverwaltung des ״ORT“, welcher damals von einer Reise aus Rußland zurück gekehrt war: >;Die Eigenart der amerikanischen Zivilisation machte seinerzeit auf mich starken Eindruck; als ich aber jetzt Rußland bereiste, hatte ich ständig das Gefühl, daß ״die neue Welt“ eigentlich hier ist.... Der Gesamteindruck in kurzen Umrissen: im Zusammenhang mit der in der Sowjetunion ,vor sich gehenden allgemeinen Wiederaufbauarbeit wird der wirtschaftliche Wiederaufbau der jüdischen Massen in einen* Vmfange intensiv und zielbewußt durchgeführt, wie es noch ln keinem anderen Lande je der Fall war. Dieser Wiederaufbau trägt den Charakter einer Reorganisation, einer Wesenswandlang des ursprünglichen jüdischen wirtschaftlichen und poütitischen Lebens.“ Diesen Gedanken, daß man es in den jetzigen Vorgängen im jüdischen Leben Sowjet rußlands mit dem Beginn einer neuen Periode in der jüdischen Geschichte, der Periode einer Produktivierung der jüdischen Massen, zu tun hat, führt derselbe Singalowsky in seinem schon oben zitierten Aufsatz im ,,Morgen“, ״Aufbau und Umbau, zum Problem des iüdlscheu Wirtschaftslebens in Osteuropa“, In diesem Aulsatz schreibt er: ״Hier hat das Zusammentreffen des inneren Dranges der jüdischen Bevölkerung mit den äußeren günstigen Umstanden die Agrarisierurcg bedeutender Teile der jüdischen Bevölkerung in den Mittelpunkt gestellt. Der Liebergang der Juden zur Landwirtschaft hat in Rußland den Charakter einer Massenbewegung angenommen.“ Wir haben den wirklichen Umfang dieser Massenbewegung schon geschildert. Es bleibt aber noch einiges darüber zu sagen, Agrarisierung beeinflussen und ob wirklich ein Aufbaunrozeß der russischen Juden wie der Juden in Osteuropa überhaupt stattfindet. Zuerst muß bemerkt werden, daß Herr Dr. SLngalowsky merkwürdigerweise die Zahl der jüdischen Landwirte in Osteuropa immer größer sieht als sie ist. So führt er als einen der Beweise für ״das Drängen der jüdischen Massen nach neueren, gesunderen Lebensformen“ u. a. folgende Tatsache an: ״Eine vom ״ORT“ im Jahre 1920 an 40 Punkten des Bezirks Wilna durchgeführte Enquete hat gezeigt, daß 30 ״/o der jüdischen Bevölkerung In der Landwirtschaft beschäftigt sind, was eine 2V*fa־he Verme',1• rung gegenüber der Vorkriegszeit bedeutet.“ Im Bezirk Wilna waren nach der Volkszählung 1921 von einer Gesamtbevölkerung von 983 000 Menschen 92 000 Juden. Was es fuj Punkte aut diesem Gebiete waren, welche der ״ORT“ untersucht hat, ob sie für die ganze Gegend charakteristisch sind oder nicht, gibt Herr Singalowsky nicht an, wohl abfer finden wir über die landwirtschaftliche Beschäftigung der Juden in diesem Gebiet sehr guten Aufschluß in einem Werk, welches 1926 vom Verband der jüdischen Genossenschaften in Polen in Wilna herausgegeben worden ist unter dem Titel: ״Die ökonomische Lage der Juden in Polen und die jüdische Genossenschaftsbewegung“ (jiddisch). In diesem Werk wird dargelegt, wie die jüdische Bevölkerung während des Weltkrieges plötzlich von seinen bisherlgen Beschäftigungsmöglichkeilen abgeschnit'en wurde. Die deutsche Okkupation des Wilnaer Gebietes hat selbstverständlich jeden Handel mit Rußland unterbrochen, es entstanden die be* sonderen Verhältnisse, die jeder aus dem Krieg kennt Gleich* zeitig sind Infolge des Krieges eine große Menge Bauern als Soldaten <ז£|א als Flüchtlinge aad* Rußland verzogen, so daß groß« des'■Landesbrach׳«!»&-, .Teilweise-durch die cjtatt׳» sehen Okkupa tionsbehörderi da tu' gezwungen, teilweise freiwillig, weil sie nichts anderes zu tup hatten, ging ein Teil der Juden zur landwirtschaftlichen Beschäftigung über, um so mehr, als Lebensmittel und Getreide sowohl während des Krieges als auch während der ersten darauffolgenden Jahre sehr hohe Preise erzielten. In Polen hat die Rückkehr zu dem, was wir normale Verhältnisse nennen, erst 1921 begonnen, die ersten Jahre nach dem Krieg waren noch durchaus chaotisch, 1920 gab es noch bekanntlich den Krieg zwischen Polen und Rußland. Nun schreibt der jüdische Genossenschaftsverband in seiner Veröffeatlichung: ״Als das ökonomische Leben des Landes sich gewissermaßen zu stabilisieren begann, ist deT breite Strom der Bewegung noch schneller abgeflaut, als er früher hochgegangen ist. Die Ursache bestand einfach darin, daß bei Auflebung des Verkehrs zwischen Randgebieten und Zentrum des Landes sich aut dem Gebiet der Industrie und des Handels für den jüdischen ״Kriegslandwirt“ neue Aussichten eröffnet haben, wobei gleichzeitig auch das mitgewirkt hat, daß die Prelskonjunktur für landwirtschaftliche Produkte zu jener Zeit eine schwächere geworden ist.“ (S. 75/76.) Also, diese rein vorübergehende künstliche Situation wird bei Herrn Singalowsky zu einer Aeußcrung des Strebens der jüdischen Massen zur Land- Wirtschaft, zu einem ״neuen Leben“. Ah einer anderen Stelle seines Aufsatzes schreibt Herr Dr. Singalowsky: ״Ira Gebiete des ehemaligen Rußland (einschl. Polen, Beßarabien u. a.) waren im Laufe des 19. Jahrhunderts beinahe 200 000 Juden zur landwirtschaftlichen Tätigkeit übergegangen.“ Woher diese Zahl stammt, ist mir nicht recht klar. Nach der bekannten statistischen Beschreibung der russischen Juden, die von def Ica durchgeführt worden ist, betrug die Zahl der Juden, die sich mit der Landwirtschaft beschäftigten, 149 0)0, darunter mit dem eigentlichen Getreidebau nur 51 539, während auf den Rest nicht hur Personen kommen, die sich mit besonderen Zweigen der Landwirtschaft beschäftigen, wie Gartenbau, Tabakbau usw., sondern auch Personen, die sich mit Fischerei oder Waldgewerbe beschäftigen, ebenso wie landwirtschaftliche Saisonarbeiter, z. B. Erntearbeiter, bei denen diese Arbeit, die übrigens meistens sehr schlecht bezahlt wurde, nur eine Aushitfsoeschäftigung war. Nach den Angaben des Prof. Brutzkus in seinem oben erwähnten Buch lebten am Vorabend des Krieges in den Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaierinoslaw 41 952 Juden, in den übrigen Kolonien des damaligen Rußlands 36153 Personen, wovon noch etwa 12 0/0 der in den Kolonien lebenden jüdischen Bevölkerung ab/urechnen sind, die sich nicht mit Landwirtschaft beschädigen. Daneben gab es im damaligen Russisch-Polen etwas mehr als 2503 Familien jüdischer kleiner Landwirte und Erdarbeiter. Das sind Zahlen, die von denen des Herrn Singalowsky doch beträchtlich abweichen. III. Viel wichtiger vielleicht als der Streit um die Zahlen ist aber der umstand, daß die jüdische Bevölkerung Rußiands <gar nicht erst produktiv gemacht werden muß, da sie es schon früher in ihrer überwiegenden Mehrzahl war. Der Jude in Rußland war kein Parasit, sondern er erfüllte im allgemeinen eine sehr wichtige soziale Funktion. Er arbeitete nicht nur schwer als Handwerker oder physischer Arbeiter. Man braucht dabei keine statistischen Angaben anzuführen, die sehr überzeugend sind. Es genügte vor dem Krieg, durch Straßen von Städten wie Wilna, Minsk, Odessa usw. zu gehen, um zu sehen, wie schwer diese Massen um ihr Dasein kämpften. Aber der Vermittler im Handel, der so verschrien wird, war bei der sozialen Struktur Rußlands im ganzen durchaus keine negative Erscheinung. Die Rolle des jüdischen Kleinhändlers in der Kleinstadt, des sogenannten Ansie.dlungsrayoits, bestand darin, daß er den Bauern die Waren verkaufte, welche dieser brauchte, und ihm dafür seine landwirtschaftlichen Produkte abnahm. Zweifellos hat es dabei viel zu viele Vermittler gegeben, eine sehr große Zahl von denen, die man mit Recht ״Luftmenschen“ nennt Das war aber eine Folge dessen, daß durch die barbarische und (auch vom russischen Standpunkt aus blöde) antijüdische Gesetzgebung, auf einem verhältnismäßig beschränkten Gebiet künstlich eine allzu große Zahl Juden konzentriert wurde, so daß ein großer Teil von ihnen nichts zu tun hatte und materiell und oft auch moralisch verkant. An sich aber ist die Rolle des Vermittlers im Wirtschaftsleben überhaupt, insbesondere aber eines solchen Staates wie Rußland, eine durchaus notwendige gewesen. Es soll selbstverständlich damit nicht gesagt werden, daß die wirtschaftliche Rolle der Juden im AnsiedTungsrayon eine ausnahmslos positive war. Davon ist keine Rede, die Verhältnisse waren in vieler Beziehung pathologische, eine wirtschaftliche und moralische Oesunaung der jüdischen Massen war durchaus notwendig. Das wäre aber zu erreichen gewesen durch Abschaffung der Ausnahmegesetze gegen die Juden, Entwicklung des Genossenschaftsvvesens, Verbesserung der beruflichen Ausbildung des Handwerkers, der kaufmännischen Ausbildung des Handeltreibenden, Abfluß der ״überschüssigen“ jüdischen Massen nach den unermeßlichen Gebieten des eigentlichen Ruß- Iands usw״ es ־war und ist ab«־ gar nicht notwendig, den rttSstsbhÄ""''-Jüdin ausschlftßlih '*ia?'״ffeny'Weg■ XfrotiuktiV'** zu machen, daß man ihn überhaupt, sozusagen rtstlos, in einen physischen Arbeiter bzw. Landwirt verwandelt, er war als Handwerker, als physi cher Arbeiter und auch als Kleinhändler in seiner Mehrzahl durchaus produktiv, . (Schluß folgt.) Eine Israel Zwangwill-Stillung London, 27. November. (J. T. A.) Unt^r der Präsidentschaft von Marquis v. Reading und unter Mitwirkung von Frau Zangwfll wurde eine den Namen Israel Zangwills, des verstorbenen hervorragenden englisch-jüdischen D.chters, tragende Stiftung ins Leben gerufen. Das Stiftungskapital beträgt i3 OCO Pfund, wovon 1200 Pfund bereits aufgebracht sind. Die Stiltung soll dazu dienen, hilfsbedürftige jüdische Gelehrte und Schriftsteller in der ganzen Welt zu unterstützen. Dem Komitee gehören außer Marquis v. Reading noch an; Herr Joseph Cowen, Dr. M. D. Eder, Sir Israel Gollancz, Herr Philipp Guedalla, Dr. Redcliffe Salaman, Herr 'Mayer A. Spielman, Herr Cyrus L. Sulzberger, Herr Altred Sutro, Herr Lucien Wolt, Frau Israel Zangwill und Herr Marcus Lipton. Die Alfalre Kendell-Becker Der bedauerliche Zwischenfall anläßlich der Tagung der völkischen Studentenschaft zeigt wieder deutlich, wie sehr die Judenfrage in alle Gebiete des Lebens und der Politik hineinspielt und wie verblendend sie wirkt. Aus einem genngfüpigen Anlaß droht beinahe ein Verfassungsstreit in Deutschland auszubrechen, als ob das Deutsche Reich keine anderen Sorgen hätte. Der demokratische Preußische Kultusminister kämpft gegen die Deutsche Studentenschaft, die nicht nur in ihren privaten, sondern auch in öffentlichen Angelegenheiten den Rassenstandpunkt durchsetzen und die aus Oesterreich oder der Tschechoslowakei stammenden jüdisehen Studenten entrechten will. Die Studentenschaft rüstet sich zum Kampf für ihre ״bei'igsten Güter“, Was geschieht? Der Reichsinnenminister drü'kt den Studenten seine Syrapathien aus, er unterstützt die Unbotmäßigkeit gegen den Kultusminister. Nun sind private Sympathien auch dem Innenminister unbenommen, aber wie wichtig muß ihm die Sache sein, wenn er sich zu so einem ungewöhnlichen demonstrativen Akt hinreißen läßt! Welche Öffentliche Brüskierung müssen sich die deutschen Juden gefallen lassen! Wir nähern uns, wie es scheint, ungarischen Verhältnissen. Es ist charaktenstisch für das gegenwärtige Stadium der Judenfrage, daß 61 e Menschen zu Affekthandlungen bewegt, die jede Besonnenheit ausschalten. Wir sind gespannt, In welcher Weise man diese Angelegenheit beilegen wird. Trancrlcfer für H. D. Nomberg Der Verein für jüdische Kultur ״Schalo« Aletehem“, Berlin, veranstaltete aus Anlaß des Ablebens des jüdlschen Dühters und Publizisten H. D. Nomberg eine Trauerfeier. Dr. J. L e s t s c 11 i n s k i betrauerte den Hingang eines der Oberhäupter der jüdischen literarischen Famüie und würdigte Nomberg als Persönlichkeit, als Dichter und als den Mitschöpfer des jiddischen publizistischen Stils. Nach Verlesung eines Schreibens von Professor S. D u b - now gab Dr. J. Brutzkus im Namen der jüdischen Organisationen Emigdirekt, Ose und Ort der Trauer über das Ableben des sozialen Kämpfers Ausdruck. Herr Dr. Bernhard Kahn, der Direktor des Joint Distribution Committee, würdigte Nomberg als Erzieher der Massen und sprach über seine Zusammenarbeit mit dem Verstorbenen zur Zeit der Okkupation in Polen. Stark und mutig trat Nomberg gegenüber den hohen Offizieren für die jüdischen Interessen ein und setzte Verbesserungen durch. Der klein gewachsene, äußerlich unscheinbare Mann hat den vielvermögenden Herren Achtung abzwiagen gewußt. Seine Kritik an dem Aufbauwerk des Joint war immer eine aufbauende. Er war eia Talent und ein Charakter, — Im Namen des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts feierte Dr. E. Tscherikower Nomberg als letztes Glied in der Familie des Jüdischen Genies, die die moderne jiddische Sprache geschaffen haben, ohne welche auch ein wissenschaftlicher jiddischer Stil nicht möglich gewesen wäre. Im Pantheon der jüdischen Seele wird Nomberg als einer der Unsterblichen ruhen. — Der Dichter Tscharny schilderte Nomberg als Anreger der jungen Generation, der hierin das Erbe von Perez verwaltet hat — Dr. J. Rubin sprach im Namen der jüdischen Schulbewegung in Polen und sagte, daß Tausende Lehrer und Zehn tausende Schüler heute um Nomberg trauern. — Dr. Hochgelehrter sprach im Namen des Arbeiterkulturvereins ״Perez“ und schilderte, wie Nomberg in den Zeiten der zanschen Reaktion mutig für die Verfolgten eiagetreteu ist — Zum Schluß gab Redakt«mr ££«*׳ Qtt '&««ef-״<tar-vJ0)>ntaM■»; u*1 dn ihres Meisters Ausdruck. Die Vflntcrsnot and die Jfidlsdie Gemeinde Berlin, 29. November. (J. T. A.) Die Repräsentanten Rechtsanwalt Dr. Klee und Genossen haben namens dm■ Fraktion der Jüdischen Volkspartel folgenden Antrag in der Repräsentanten Versammlung eingebracht: ״Die auch in diesem Winter zu erwartende Steigerung der A. r b e i t s 1.0 81 gkeit der jüdischen Bevölkerung erfordert zur Linderring des Loses der Betroffenen rechtzeitige Maßnahmen. 13t der Gemeindevorstand bereit, Auskunft zu geben, ob und welche Maßnahmen er zu treffen beabsichtigt? ist besonders für die ärmste Bevölkerung angesichts der drohenden Winterkälte Vorsorge getroffen, daß genügend Abendheime, Wärmehallen usw. zur Verfügung stehen?“ Der Referent des Wohlfahrtsamtes hat sich bereit erklärt, die Interpellation in der nächsten Sitzung zu beant- Worten. Dr. Julius Jakobovits, der Rabbiner der Königsberger konservativen Gemeinde-Synagoge, ist von der Rerfaner Jüdischen Gemeinde berufen worden. Sternheim and Toner (Renaissance-Theater und Volksbühne.) Von zwei verschiedenen Seiten versuchen zwei jüdische Dichter das Grauen unserer Zeit bloßzulegen. Sternheim, aus weitester Distanz, begibt sich mit den Waffen der Satire in die Welt altpreußischen Adels; er arbeitet mit so grotesker Verzerrung, daß jede Wirkung ausbleiht. Wäre ich aus blauem Geblüt, diese Satire würde an mir abprallen, so wie antisemitische Pöbelei mich kalt läßt. Dies hier ist umgekehrter Antisemi- (Ismus; 'ein von seinem Judentum tiefer und bewußter bestimmter Dichter dürfte es sich nicht so leicht machen. Ein hochmütiger vertrottelter General (,,Das Fossil“ wird nach ihm das Stück genannt) erschießt seine Tochter, weil, nachdem sie dem bolschewistischen Vetter das gefährliche Manuskript auf Vaters Veranlassung durch Verführungsspiel entlockt hat, aus dem Spiel Ernst wird. Der Sohn des Alten ist schon verbürgerlicht, die Enkel schäkern mit niederen Plebs und mauscheln schon, als Zeichen der auch durch Spiel-Maschinengewehre, Schaukelpferd uni Doorn-Feier nicht aufzuhaltenden Degeneratlon. Das Ganze ist ausgeklügelt, unecht, und die Sprache hölzern; aber vielleicht liegt in diesem zu weit getrieben-em, leider auch witzlosen Hohn etwas von infernalischer Untergangsstimmung, Ratlosigkeit, die sich im Drahtverhau des Sternneimschen Deutsch verschanzt.... Ein Stück Judenfrage. Es wird gut gespielt im Renaissance-Theater unter Hartungs Regie; die Kinderszenen (Hilde Körber und Karl Baghaus) vor allem erfrischen, die Kinz und Gülstorf! tun Ihr Bestes. Ist Sternheini — wenigstens in der Intention — der Ironiker, so Toller der Pathetiker. Er dringt in tiefere Schichten. Sein ״Hinke mann“ (In der Volksbühne) klagt an. Hier wird Innerstes aufgerührt, erschüttert. In diesem Schicksal eines Menschen, den das ״Vaterland“ zur Verstümmelung ausgeliefert hat, begibt sich etwas Wirkliches, Gültiges — die verwundete Seele der beleidigten Kreatur rebelliert und verzweifelt und zerbricht. Alle Greuel des Krieges und der ihn heraufbeschwörenden gierigen Mächte werden in gespenstischen! Taumel leben dig; die Dämonie des rücksichtslosen, gefühllos dam Profit dienenden Kapitalismus wird dem entsetzten Blick des Zeitgenossen ebenso entlarvt wie der entseelte, papierene Doki.l;:..ricinus des selbstgerechten und ahnungslosen Parteibenzentums. Das zentrale Problem dieses Stückes M nicht das soziale; nicht sozialistische Revolution allein ist die Befreiung. Sondern wo die ״Verhältnisse“ (von denen der Parteisekretär im Namen der materialistischen Geschichtsauffassung spricht) machtlos sind, da fängt das Leid der Kreatur erst an .... Selbst wenn die Kriege abgeschafft würden, wäre der Mensch vor Verstümmelung nicht sicher, und wäre der Härte und dem Spott seiner Genossen preisgegeben, solange.... ja, solange die Menschen nicht anders, die Herzen nicht gewandelt werden. Und da kommt dem Hinkemann auch das Wissen, daß alle Opfer vergeblich wäre«, daß die Greuel des Krieges, der gegenseitigen Menschenvernichtung wiederkehren, und arm, preisgegeben, lächerlich wankt der wissende Mensch •durch die Zeit. Dies Drama menschlicher Not ist ein religiöses Drama. Die teilweise von Toller selbst inszenierte Aufführung der Volksbühne läßt das Drama zu außerordentlich starker Wirkung kommen. Die Plastik und Perspektive der Jahrmarktszene, die apokalyptischen Schauer des Lemuren-Gepiärrs sind ergreifende Eindrücke. Vor allem aber ist George als Hinkemann eine ganz große, tief erschütternde darste'lerische Leistung. —- Das Buch ist (ebenso wie Tollers bei Piscator gespieltes, jüngst hier besprochenes Drama ״Hoppla, wir leben!“) im Verlag Kiepen he 11 er in Potsdam erschienen. Mi. Wa. Jüdisches Museum Neben den Räumen der jüdischen Bibliothek ln der Oranien- Bürger Straße führte in einem ziemlich großen, aber vollgepfropften und dadurch engen und unübersichtlichem Zimmer die jüdische Kunstsammlung der Gemeinde, seif 30 Jahren wenig beachtet, ein fast anonymes Dasein. Seit etwa einem Jahr wurde ״umgebaut“. Das Ergebnis ist sehr erfreulich. Das zur Wiedereröffnung am Sonntag, den 27. November, zahlreich erschienene Publikum konnte konstatieren, daß die neu geschaffenen vier Räume ein sehr schöner Anfang sind. Das betonte auch Herr Dr. Karl Schwarz bei seiner Führung, die übrigens jeden Mittwoch und jeden Sonntag wiederholt wird, für Schulen und Vereinigungen nach vorheriger Anmeldüng auch außerhalb dieser Zeit. Die Räume reichen natürlich bei weitem noch nicht aus. Vieles, namentlich Graphik und die wertvolle Photographiensammlung, die durch aktuelle Photos, Schwarzbart, Steiger-Prozeß, letzte Pogrome, allmählich eine Kulturgeschichte in Bildern werden soll, ruht noch in den Schränken. Selten schöne, gemalte Thorahwimpel aus dem 18. Jahrhundert, durch ihre Formen interessante Bsomimbüchsen in Frucht- und Blutenform, viel Filigranarbeit italienischen Ur- Sprungs, silberne Amulette, Bsomimbüchsen aus versteinertem Glas oder Malachit, in Palästina ausgegraben, eine orientalische Räucherbüchse, ein schön geformter Wasserkrug, der Ursprunglieh von einem Friedhof in Konstantinopel stammt (13. Jahrhundert) sind nur Proben aus der Fülle des Interessanten, das man selber sehen muß. Die moderne jüdische Kunst, die heute schon ein großes Gebiet für sich darstellt und selber ein eigenes Museum füllen könnte, ist naturgemäß nur in Proben vertreten. Erfreulicherweise findet man auch sehr beachtliche jüngere Künstler; die ekstatisch-mystischen Juden Kirschenbaums und Peysacks und ein Strandbild von Akko. Sehr gut vertreten ist Meidner, auch von Rahel Szalit sind schöne Einzelblätter vorhanden. Radierungen von Hermann Struck, eine Zeichnung von Liebermann, der Jude mit Thorah von Barczinsky, daneben sehr viel Gutes vom alten Bestand, eine vortreffliche Mendelssohnbüste, alte Stiche und Lithographien — Einzeiblätter, von denen manches zu sagen wäre — geben wie gesagt einen für dan Anfang sehr reichen UeberbUclr über die״ Vielseitigkeit jüdischer Kunstbetätigung. Besonderes Interesse aber finden die Bar Kochba-Münzen und die römischen Judaea capta. Ruth Morold. Die Sonclno-Gesellschaft der Freunde des jüd. Buches eröffnet die Reihe ihrer diesjährigen Vorträge am Mittwoch, den 14. Dezember, *nlt einem Lichtbüdervortrag von Herrn Dr. Karl Schwarz, Kustos an der Kunst ammiung der hiesigen jüdischen Gemeinde, der über die ״Illustration der Hagadah“ sprechen wird. Einladungen sendet auf Wunsch die Geschäftsstelle der Gesellschaft, Berlin C 2, Kaiser-Wi! helm-Straße 1Z

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