Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1927)
- Date
- 1927-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 674 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 03, 29. XI 1927 ״Fair play" Von M. Beilinson, Tel-Awiw. In einer Reihe zionistischer Zeitschriften — ״New Judaea“, f,New Palestine“, ״Haoiam“, ״llaarez“, andeutungsweise auch in der ״Jüdischen Rundschau“ — konnte man in letzter Zeit Anklagen gegen die Arbeiterschaft und gegen ihre Presse lesen, weil sie die neue Exekutive ״unfreundlich“ auf״ genommen hätten. Darin sieht man eine Art Wortbruch. Man dem Kongresse die Wahl der Exekutive d irch Stimmenthaltung ermöglicht und ihr Fair Play versprochen haben. Diese Klagen der offiziellen und offiziösen zionistischen Presse sind geeignet, den Verdacht zu erwecken, als ob hier ein Versuch vorliege, das eventuelle Mißlingen des Baseler Experiments wiederum auf Konto der Arbeiterschaft zu buchen — ihre Vertreter sitzen nicht mehr in der Exekutive, sie kann man nicht mehr beschuldigea, dafür aber ist die Arbeiterpresse da — diese ist schuld daran, wenn .... usw. Vielleicht ist der Verdacht ungerecht, vielleicht ist er begründet — jedenfalls entbehren die Klagen Über den angeblichen Wortbruch jeder Grundlage. Gewiß wurde die neue Exekutive von der Arbeiterpresse unfreundlich aufgenommen. Anders war es auch kaum zu erwarten, und es erübrigt sich wohl, in diesem Zusammenhänge die verschiedenen Motive und Argumente dieser Haltung noch* mals anzuführen, Es lohnt sich aber, zwei Momente zu betonen. Erstens — die ״unfreundliche“ Haltung der Exekutive gegenüber ist in Arbeiterkreisen und in der Arbeite-presse keine neue Erscheinung — auch die alte Exekutive, trotzdem in ihrer Mitte Arbeitervertreter saßen, wurde von scharfer Kritik nicht verschont, und es war und bleibt ein Fehler, die Arbeiterschaft ®it der früheren Exekutive zu identifizieren und jetzt die Sache so hinzustellen, als ob die Arbeiter einfach den Fortgang der alten Arbeitsweise wünschten. Das zweite Moment, das hervorzuheben ist, besteht darin, daß die jetzige Kritik der Linken, trotz der gelegentlichen Andeutungen, nicht gegen die Personen der Exekutive, sondern gegen die Tendenzen gerichtet ist. Wohl wurde in der Arbeiterpresse hie und da bemerkt, daß es seltsam ist, daß in der palästinensischen Exekutive nur Leute sitzen, deren organische Verbindung mit dem Jischuw und mit den breiten Schichten des jüdischen Volkes nicht fühlbar ist. Diese Bemerkungen stellen aber einen sehr geringen Teil der frinzipiellen und sachlichen Einwendungen dar, die gegen die xekutive erhoben wurden. Den Schwerpunkt der jetzigen Lage sieht man überhaupt in Arbeiterkreisen keinesfalls in einer Auseinandersetzung mit der Exekutive, sondern in der Auseinander- Setzung mit den heute bestimmenden Kräften der Zionistischen Organisation. Hier kommen jedenfalls große und zum Teil entscheidende Unterschiede zutage und es lohnt sich, sie einmal darzulegen. Sie liegen aber in einer ganz anderen Fläche als der Kampf gegen diese oder jene Exekutive. Die Arbeiter- Schaft unterscheidet scharf zwischen ihrem ideologischen Kampf im Zionismus in der Bewegung, und ihrer Haltung zu der palästinensischen Exekutive. Als diese gewählt wurde, hat sie bestimmte Verpflichtungen gegenüber der Arbeiterschaft übernommen. Dr. Weizmann hat sie von der Kongreßtribiine vorgelesen. In der Hauptsache handelte es sich 11m zwei Sachen: Anerkennung der Histadruth und eine außerordentliche Aktion zur Hebung oder wenigstens Erleichterung der Arbeitslosigkeit. Und wenn man schon von Fair Play spricht, war die Arbeiterschaft berechtigt, die Erfüflung — oder jedenfalls den Willen zur Erfüllung *— dieser Veipflichtungen zu erwarten. Als Dr. Weizmann im Lande war, schien es, daß die Baseler Bedingungen kein leeres Wort bleiben werden. Er ist in innige Fühlung mit den Arbeitern getreten, er hat überall, in allen Städten und in allen Kolonien, über die Sondeiaktion gesprochen. Seit seiner Abreise sind ,Ejrscheinungen hervqrgetreten, die Zweifel hervorrufen müsse!, oh die palistlnettsbcte' EXgfeutiVedtesöVe^lHchtungen-wirklich ernst zu nehmen geneigt ist. Die Anerkennung der Histadruth kann nur einen Sinn haben und der ist, daß keine die Arbeiter betreffende Entscheidung von der Exekutive vorgenommen wird und keine Maßnahme durchgeführt wird ohne vorherige Beratung mit der Arbeiter- Organisation. Vor ihren ersten Schritten, noch vor ihrem Erscheinen im Lande, hat die Exekutive in ihrer Londoner Sitzung tiefgreifende, die Arbeiter betreffende Entscheidungen getroffen, ohne sie vorher mit den Arbeitervertretern zu beraten und zu besprechen. Als Beispiel sei die Kürzung der Arbeitslosenunter- Stützung angeführt Hier eingetroffen, hat die Exekutive die bedingungslose Erfüllung ihrer Entscheidungen verlangt. Es sind Tatsachen vorhanden, die darauf hindeuten, daß dies der Weg der Exekutive sein soll. Dieses Regime ist vielleicht des Namens ״starke Hand“ wert — mit der Anerkennung der Histadruth hat es nichts zu tun. Was die ״außerordentliche Aktion“ anbetrifft, so erklärt die Exekutive offen, daß die Arbeiter keine Hoffnungen darauf zu setzen haben. Nun, Skeptiker haben wohl das Recht, sich gegenüber der außerordentlichen finanziellen Anstrengung der Zionistischen Organisation skeptisch zu verhalten, es Ist aber sehr fraglich, ob diese extrem-skeptische Einstellung mit dem Amte der Mitglieder palästinensischer Exekutive, gerade im jetzigen Augenblick, wo Mut, Stärke, Ausdauer, Charakter, aber auch Glauben nötig sind, vereinbar Ist. Ls steht außer jeder Frage, daß diese extrem-skeptische Haltung die Verwirklichung der außerordentlichen Aktion nicht fördert und in scharfem Widerspruch mit den Kongreß-Verpflichtungen steht. Wenn man also von ״Wortbrach“ spricht, so haben dazu die Arbeiter viel mehr Recht als die Exekutive. Die Arbeitervertreter haben wohl d e Exekutivewabl ermöglicht. Auch vom Fair Plav war die Rede. Zugleich aber wurde doch ganz offen erklärt, daß man kein Vertrauen zu dieser Exekutive fühlt und daß man ihre Taten abwartet. Diese Taten sind teilweise gekommen — und sie sprechen nicht zugunsten der Exekutive. Teilweise sind sie noch abzuwarten — und die Arbeiterschaft tut es. Es ist unfair in höchstem Sinne, die Arbeiterschaft, wegen ihrer prinzipiellen Kritik der neuesten Tendenzen in der Zionistischen Organisation, einer illegalen Haltung der Exekutive gegenüber und eines Mangels an Verantwortungsgefühl der zionistischen Sache gegenüber zu beschuldigen. Einige Beispiele aus der kurzen Amtspraxis der neuen Exekutive sollen diese Sachlage beleuchten. Die ״Jüdische Rundschau“ hat zweimal — einmal durch Robert Wcltsch, das zweite Mal durch Kurt Blumcnfeld — die Angelegenheit Solel-Boneh erwähnt und die Exekutive aufgefordert, den bindenden Verpflichtungen der früheren Exekutive nachzukommen. Bei denjenigen Mitgliedern der Arbelterorganisation, die den Sachverhalt genau kennen, ist die Ueberzeugung vorhanden, daß die Weigerung der Exekutive, diese Verpflichtun gen anzuerkennen, ein schreiendes Unrecht ist und daß jeder objektiv denkende Mensch die Haltung der Exekutive mißbilligen muß. Alle Anstrengungen, den Londoner Beschluß des ״Triumvirats“ zu ändern, haben zu keinem Resultat geführt — der Beschluß bleibt Beschluß, der Verpflichtung wird nicht nachgekommen. Ueber diese ganze Sache hat die Arbeiterpresse kein einziges Wort veröffentlicht, so daß die Arbeiterschaft darüber sogar uninformiert bleibt. Diese Woche standen die Tel-Awiwer Arbeitslosen drei Tage vor dem Arbeiterhause und warteten auf die Unter- Stützungsgelder, die aus Jerusalem kommen sollten und sich verspätet haben. Es ist schwer zu beschreiben, was diese dreitägige Verspätung für die Leute bedeutet, die von 25 Piastern eine Woche leben müssen. Es ist nur natürlich, daß unter ihnen Vorschläge aufgekommen worden sind, zum Exekutivbüro in Tel-Awiw zu marschieren, die sofortige Auszahlung zu verlangen usw. Die ganze Energie der Histadruthleute wurde darauf gerichtet, diese Leute zu beschwichtigen und der Exekutive zu helfen. Die Sache gelang, und die übrige Stadt wußte gar nichts davon, was sich beim Arbeiterhaus abspielte. Die Arbeiterpresse hat darüber erst nach der Regelung der Sache berichtet. Schwere Tage erlebt jetzt das jüdische Erziehungswesen. Das allgemeine Empfinden ist, daß die Budgetkommission des Kongresses der jüdischen Erziehung Unrecht getan hat — insbesondere im Vergleich mildem reichen (überreichen!) und unberührten Sanitätsbudget. Die Erklärungen von J. Feuerring in der ״Jüdischen Rundschau“ haben an dieser Empfindung nicht gerührt. Das allgemeine Empfinden ist, daß die Schließung von vielen Kindergarten und von zwei höheren Klassen der Volksschulen, d. h. das Außer-Schule-Bleiben von über tausend jüdischen Kindern eine große nationale Getahr in sich birgt. Leicht wäre es — und vielleicht nicht ungerecht — für die Arbeiterpresse, den Kampt der Lehrer mit allen Kräften zu unterstützen und von der Exekutive einen Zuschlag von £ 5000 (nur darum handelt es sich, und das Recht eines Zu- Schlages in diesem Ausmaße wurde der Exekutive vom Kongreß bewilligt), zwecks Erhaltung des vollen Erziehungswesens, zu verlangen. Weder die Arbeiterpresse noch die Arbeiterführer in den Versammlungen und Sitxüngen Iah» es geten. Sieer* * kennen die Gefahtemd^. wÄcHwIÄmg, sie anerkennen die Opfer, die die Lehrer schon gebracht haben (Beitrag von £ 4000 zum Budget aus eigenen Mitteln!) und trotzdem verlangen sie von den Lehrern weitere Gehälterkürzung, obwohl auch jetzt diese Gehälter mit denen der Hadassahärzte oder der höheren zionistischen Beamten in den Fonds und in der Bank nicht im entterntesten zu vergleichen sind. Diese Beispiele ließen sich mehren. Liegt wirklich da ein ״Wortbruch“, eine ״illoyale Haltung“, ein Wille, die schwere Lage im Kampfe gegen die Exekutive ״auszuspielen“? Dies alles — sowolil die Sachlage wie die Anklagen — empfindet man in Arbeiterkreisen sehr schmerzlich, ln Wirklichkeit aber ist nicht dies wichtig — weder die Arbeiterkritik noch die Forderung, daß die Arbeiterschaft diesen Kongreß demütig als ״den besten aller Kongresse“ hinnimmt. Das echte, das wirkliche ״Fair Play“ spielt sich nicht Mer im Lande, zwischen Exekutive und Arbeiterschaft, ab. Es spielt sich ab zwischen dem Lande, zwischen dem zionisti- Werk, dessen Aufbauer am Ende ihrer Kraft stehen, nnd der zionistischen Welt, deren Möglichkeitenbelweitemnichterschöpftsind. Die Aotonomle Translordanlens London, 23. November. (J. T. A.) Oberstleutnant Kenworthy erkundigte sich im Unterhaus nach den staatsrechtlichen Verhältnissen zwischen England und Trans- Jordanien. Ormsby-Oare ab folgende Auskunft: 6# wird in kurzem ein Vertrag unterzeichnet werden, durch den das Bestehen einer autoyomitn Regierung in Transjordanien formell anerkannt werden wird. Die Verwaltung wird gemäß den Bestimmungen des Palästina* Mandats, wie sie vom Völkerbund tm September 1022 modifiziert worden sind, eingerichtet werden. Auf die Frage Kenworthys, ob bei diesen Verhandlungen die Frage der Landansiediung in Palästina und Transjordanien erörtert worden sei, erwiderte Ormsby-Gore: Dies ist nicht geschehen. Erörtert wurden mit dem Völkerbund nur die Beziehungen zwischen der Transjordanischen Regierung, unserem Ratgeber und dem Oberkommissar für Palästina. Auf detaillierte Verwaltungsfragen ging man nicht ein. PalSstlna- Fragen Im Uoterbaas Lond on, 23. November. (I.T. A.) Auf eine Frage Calonel Wedgwoods im Unterhaus stellte der Unterstaata* sekretär für die Kolonien, Ormsby-Gore, fest, daß die neue Verordnung bezüglich des Unterrichts in Palästina, die der Regierung eine Kontrolle über gewisse Schulsysteme einräumt, die Genehmigung des Kolonienminister* ira August dieses Jahres erlangt hat. Eine Anzahl jüdischer Schulen hat ein gewisses Maß von Kontrolle seitens der Regierung als Entgelt für die erhöhten staatlichen Zuschüsse akzeptiert Die Regierung hofft, allmählich den Unterricht der englischen Sprache fördern zu können. * Colonel Wedgwood richtete an den Unterstaatssekretär für die Kolonien ferner die Frage, ob schon in Palästina Schritte unternommen worden sind, um die Steuersysteme des Zehent und der Werko abzuändern. Mr. Ormsby-Gore erwiderte: Eine Verordnung über die Abänderung des Zehent in gewissen von dem Oberkommissar namhaft gemachten Gebieten ist bereits gebilligt worden. Das Experiment wird in mehr als 30 Dörfern angewandt. Im Stadium der Erwägung ist ein Gesetz über die Besteuerung städtischen Besitzes. Eine Abänderung der Bodensteuer in einem Lande wie Palästina ist keine leichte Sache. Wir fahren in den Ermittelungen fort, um die beste Form einer neuen Bodensteuer ausfindig zu machen, da die bisherige Form, wie wir zugeben, unbefriedigend ist. Auf die Frage Wedgwoods, ob das neue Experiment auch in jüdischen Dörfern Anwendung finde, erwiderte Ormsby-Gore, er werde hierüber Erkundigungen einziehen. _ Sparmaßnahmen der Zionistischen Exekutive Jerusalem, 14. November. (J.T.A.) Die zionistische Exekutive in Palästina verkleinert aus Ersparungsrücksichten ihren Beamtenstab. 32 Angestellte wurden in den letzten Tagen entlassen; weitere Entlassungen stehen, besonders im Finanzdepartement, bevor. Herr Henriques, der Chef des Technischen Departements der Exekutive, hat sein Amt niedergelegt. Jerusalem, 12. November. (J.T.A.) Ira Zusammenhang mit dem Sparsamkeitsprogranyn der palästinensischen Zionistischen Exekutive ist das Einwanderungsdepartraent der Exekutive in Jerusalem geschlossen worden. Die SpirUussteuer ta PMn ■“ ״'׳-'Ble;-'I^Äslfef*Fi|^eft1h'g:*lat:׳ef»e für dfe'n'l# den palästinensischen Brennereien bergestellten Spiritus festgesetzt. In jeder einzelnes Breanerei soll ein besonderer Beamter der Regierung die richtige Erhebung der Steuer beaufsichtigen. (Ziko-) Dr. Alexander Goldstein In Adelaide Dr. A. G o 1 d s t e i n weilte zu Beginn des Monats Oktober in Adelaide, der Hauptstadt von Südaustralien. Obwohl es dort nur 12) jüdische Familien gibt, gelang es doch Dr, Goldstern, für den Keren Hajessod einen Betrag von £ 750 aufzubringen, wovon bereits £ 550 in bar eingezahlt und nach Jerusalem überwiesen worden sind. Dr. Goldstein wurde in Adelaide vom Lordmayor der Stadt, Sir Wallece Bruce, und dem Orterabbiner Rev. Dr. Hirsch empfangen und von dem Prisidenten der Jüdischen Gemeinde warm begrüßt Auch die kleine Gemeinde der christlichen Zionsfreunde, die Christadelphians, haben ln Adelaide Dr. Goldstein £ 150 für den Keren Hajessod überreicht (Ziko,) Naturalisten gegangen. Er und Rudolf Schlichter, der gleichfalls als politischer Kämpfer aus Linksblättern bekannt t, zeigen in merkwürdiger Uebereinstimmung große, peinlich genau ausgeführte —■ übrigens sehr schöne — Porträtzeichnuhgen. — Mopp, der Maler, ist in seinem Karton zu seinem bisherigen Hauptwerk, dem bekannten herrlichen Orchesterbild, ein ganz großer Klassiker der Zeichnung. Fel gl, der seit der Sommerausstellung seinen Platz unter den Begabten der jungen jüdischen Moderne gut behauptet, zeigt hier nur ein Aquarell, gut beobachtet und natunvahr. Einzig Jakob Steinhardt und Isenstein erinnern an das Vorhandensein der jüdischen Kunst. Steinhardt mit Holzschnitten: ״Illustrationen zum Buche Jona“ — mit einem Propheten, der wie der Sturmwind kommt! — und Isenstein, der in seinen Radierungen zu Goethes Gedicht: ״Das Tagebuch“ sein Signum, den Mo^en Dovid, wie ein antikes Hand- Werks Zeichen am Hause auFhängt. Der dreiarmige Leuchter, zur Goethezeit ein vielgebrauchter notwendiger Haushaltsgegcnstand, findet sich wie'ein jüdisches Ornament allein auf einem Blatt Im Nebensaal stehen wir ergriffen vor der Plastik der Rend Sintenis: dem ,,Esel von Seelow“. Interessant ist Kanzienbergs Widmungsblatt zu Max Liebermanns 80. Geburtstag mit den lustigen Versen des jüngeren Akademikers Dzubas. * Gert WoIIheim in der Galerie Wiltschek gewfnnt dagegen immer mehr an interesse. Dieser Maler, der fortfällrt, sich in den Selbstbildnissen als ekstatischen ostjüdisehen zweiflerischenTalmudisten abzubfden, trägt diesem eksta- Hachen Wahrheitstrieb in zwei großen Gemälden Rechnung: fm ״Requiem", wo er die Bühnenartistik des ״Abschieds von Düsseldorf“ wiederholt, und im ״Bettler“, wo Ekstatik des Traumlebens im Bild Gestalt gewinnt und in Einzelgesichtern menschliche Form. Für das schöne Weiß und die alte Hebe zu Pracht und Glanz gibt es reichlich Gelegenheit, u. a. in Kleid und Schuhen eines prächtig gekleideten Mädchens. Zwisehen Schönh-itsliebe und bohrendem, ekstatischem Wahrhe:tsdrang liegt die seelische Landschaft bei Gert WoIIheim. Vertrocknet und braun wie Holz ist sein ״älter Franzose“. Voll bester Kammerspiel-Tradition und Feinheit sitzt die Tänzerin Barbakoff in schwarzer Krinoline im Salon. Ein Geistlicher, hoch zugeknöpft mit roten Litzen am Hals, verkniffene Falten um die dünne Hakennase, scheint geradewegs aus einem Friedericusiilm zu stammen und Richard HI. ist gemalt in vollem Bühnenfuror. Fürwahr, Gert WoIIheim ist ein feuriger Bekenner, ein Maler, den wir mit Freude immer mehr zu unseren guten jüngeren Künstlern zählen dürfen. * Die sehr sehenswerte Picasso- Ausstellung bei F1 e c h t ־ heim enthielt auch einige Blätter aus der Heimat der meisten Picasso-Leihgaben, der Sammlung Reber in Lugano. Dort, vor den großen Gemälden der klassischen Periode, mit der ohne Phrase wahrhaft überwältigenden Größe der neuen Einfachheit und Gültigkeit, erfuhr Ich den seit langem größten Eindruck, den ich heutiger Kunst verdanke. Ich wußte es damals noch nicht, daß Picassos Mutter Jüdin ist, aber einige Köpfe erinnerten an die Ostheimat der jüdischen Kunst, an die großen Formen, in denen Lazar Segal seine jüdischen Frauen malt und Rah el Szalit ihre Graphik. Am deutlichsten wird diese Aehnlichkcit in dem Gemälde die ״Frau im CaftS“, einer Reproduktion aus dem kleinen Picassobuch von Schürer. Picasso, der Sohn eines Spaniers und einer jüdischen Mutter, war schon in der spekulativen Periode, die er begründete, an der Spitze der revolutionären Künstlergruppe, zu deren Gefolgschaft von Anfang an auch die namhaften Führer der jungen jüdischen Renaissance gehörten: Chagall, Rybak, Marek Schwarz, Kulviansky. Hier vor den klassischen Bildern, vor dem Kopf, in dem uralte ägyptische Malerei neuerstanden schien, vor anderen Köpfen, in denen sich griechische Plastik mit moderner Psychologie und östlichem Traum mischte, spürt man das Oeheimnis seiner Kulturnähe zu drei so verschiedenen Kulturen. Ruth Morold. Oskar Neumann, ela junger zionistischer Dichter, selbst erfolgreicher Organisator der jüdischen Jugendbewegung der Slowakei, ließ unter dem Titel ״Aus dem Buche Ewigkeit“ eine Reihe hymnischer Konfessionen erscheinen, die ein starkes Talent verraten. Es ist der ewige Kampt einer inbrünstigen jungen Seele gegen das Chaos der Welt, religiöse Sehnsucht nach dem Geheimnis des Lebens, das durch die Mechanik des Zweckgetriebes geschändet wird. Diese Dichtung der Liebe, aus Sturm und Drang der Gefühle geboren, ist Zeugnis einer tiefen Menschlichkeit, (Verlag Steiner, Bratislava.) Büchersdian Georges Duhamel, Prinz Dschaffar. Deutsch von Erwin Rieger, Kotapfel-Verlag, Zürich. Die zauberprächtige, farbenreiche Märchenwelt des Oriente tut ach in diesen Geschichten aus Tunis vor uns auf. Wirklich- Reit, Phantasie und Traum weben ineinander in der zarten poeäsehen Sprache eines großen Erzählers. Auch die Juden ge* hören in diese Welt, und von besonderem Reiz ist das Kapitel, das von Khemais Madar handelt, dem Straßenjungen aus dem Judenviertel, der in Paris ein gebildeter Aufgeklärter wird, das Judentum abschwört und später, als er die Rahe! aus der Farnilie Nakasches geheiratet hat, einen Kampt gegen die Juden- Sitten der neuen Sippe führt. Seinen Sohn will er natürlich nicht beschneiden lassen, er will ihn Fernand nennen, aber plötzlich wird er doch beschnitten und heißt Abraham, und der Vater erkennt: ״Es ist stärker als ieji!“ Er wird fromm und tritt schließlich einem zionistischen Verein bei. Die liebenswürdige und tiefe Geschichte dieses Sieges der Unnacht allein rechtfertigt schon eine Empfehlung des Buches an dieser Stelle, aber das ganze Buch verdient sie. Von Alfred Polgar ist ein neuer Saranselband unter dem Titel ״Ich bin Zeuge“ (im Verlag Ernst Rowohlt, Berlin) soeben erschienen. Wieder enthält er viele Köstlichkeiten für ruhige Stunden, kleine Essays voll leiser Ironie, Lebenskenirt״ nis und Weisheit. Man wünscht Polgar viele Freunde. ״Aus dem jüdischen Rußland vor vierzig Jahren“ »tarn־ men die Skizzen von Dr. J. H. Bondi, die im nermon-Vertag (Frankfurt a. M ) kürzlich erschienen sind- Sie zeigen uns, wie ein Westjude vor vierzig Jahren liebevoll das jüdisch« Volksleben sah und erlauben uns gleichzeitig einen Einblick in die Sitten und Lebensweise der jüdischen Gemeinschaft des kleinen Städtchens, die uns seitdem durch die jiddische Literatur freilieh vertraut geworden ist Hans Schmidt, Die Thronfahrt Jahwes am Fest der Jahreswende im alten Israel. 1. C. B. Mohr, Tübingen 192? (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, pro Heft 1,53 M.). — Der Gießener Theologe sucht in interessanter Weise, besonders an der Hand der Psalmen, nachzuweisen, daß ursprünglich eine Gottes-Prozession, eine Art kultisches Drama, im Mittelpunkt des Neujahrsfestes stand.