Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 94 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 664 JUEDI5CHE RUNDSCHAU Nr. 94, 25. XI. 1927 wird. Gewiß ist das Gesundheitswesen und die medizinlsche Fürsorge eine der wichtigsten Voraussetzungen unserer Arbeit. Aber wenn die palästinensischen Lehrer bereit sind, von ihren! kärglichen Gehalt fast £ 5000 selbst zur Erhaltung des Schulwesens beizutragen, dann ist nicht zu begreifen, warum die Sanitätseinrichtungen auf einen! Niveau bleiben müssen, das den Verhältnissen des Landes nicht gemäß ist. Hier liegt ein ernstes Problem vor, das von der zionistischen Tagesordnung nicht verschwinden wird, Bialik 11,1t a!1 die Hadassah, der das Gesundheitswesen untersteht, bekanntlich ein Telegramm geschickt, sie möge wenigstens einen Teil der Kindergärten übernehmen. Es ist nicht bekannt gevvorden, welche Antwort darauf erfolgt ist. In dieser Zeit der Not» wo sich unser Gesamtwerk wenigstens vorübergehend mit großen Einschränkungen abfinden muß, darf es keinen Ressort-Egoismus geben. Alle zionistischen Gruppen müssen zusanmieiistchen und einander helfen, um diese Zeit zu überdauern. Eine Gruppe, die mit der Gesamtleitung unseres Werkes sogar personell so eng verbunden ist wie die Hadassah, wird sich auf die Dauer diesen Zusammenhängen nicht entziehen können. # Die Berliner Rede Dr. Weiznianns, in welcher er zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Palästina vor einem größeren Kreise öffentlich die zionistische Situation darlegte, enthielt zwei Einzelheiten von besonderem Interesse, eine außenpolitische und eine innenpolitische. Außenpolitisch vermochte Dr. Wcizmann von einem Erfolg zu berichten, der bisher noch nicht in dieser Klarheit bekannt geworden ist: die palästinensische Regierung hat den Abschluß des Handelsvertrages zwischen Palästina und Syrien, von welchem man eine schwere Schädigung der jungen jüdischen Industrie befürchtete, auf geschoben. Bisher waren über das Resultat der Unterredungen Weizmanns mit Lord Plumer in dieser Sache nur verschwommene Mitteilungen in die Oeffentlichkeit gedrungen. Es hieß in Meldungen palästinensischer Journalisten, die Regierung habe die Versicherung verlangt, daß im Falle der Vermeidung des Handelsvertrages die Industrien von Tel-Awiw ihre Betriebe nicht schließen werden. Dieser Nachweis sei geliefert worden. Die Angelegenheit des HändeIsverträges hat seit Wochen bekanntlich große Erregung in Palästina hervorgerufen. Wenn nun die Gefahr, von der sich die Industrie bedroht fühlte, gebannt ist, so kann man dies gewiß freudig begrüßen. Eine andere Aufklärung, die Dr, Weizmann gab, ist mehr innerzionistisch von Interesse. Man soll sie nicht aufbauschen, aber man kann auch nicht daran vorübergehen. Bekanntlich würde vor einigen Wochen von der J. T. A. ein Telegramm verbreitet, Dr. Weizmann habe bei den Verhandlungen zwischen der Exekutive und den Vertretern der Arbeiterschaft erklärt, wenn die Exekutive nur £ 700 wöchentlich Arbeitslosen unter- Stützung zahlt, so werde er die fehlenden £ 300 aus einem speziellen Fonds ergänzen. Offenbar auf Grund dieser Meldung hat dann bei der Konferenz der U. P. A. in Cleveland am 30. Oktober das Mitglied der Palästinaexekutive, Miß Szold, gesagt: ״Unter dem Eindruck der Demonstration hat Dr. Weizmann der Forderung der Arbeitslosen zugestimmt. So etwas darf nicht Vorkommen. Wenn die £ 300 wöchentlich verfügbar sind, wieso weiß die Exekutive nichts davon? Sind sie nicht verfüghar, darf niemand eine Budgetüberschreitung akzeptieren. Gegen dieses Uebet müssen wir kämpfen.“ Auch diese Bemerkung der Miß Szold wurde bereits am nächste« Tag als eine der wenigen Episode« der zwei Tage währenden Konferenz von dem Draht der j.T. A. durch alle Lande getragen. Wie nun Dr. Weizmann in seiner Berliner Rede auseinandersetzte, liegt hier eine falsche Darstellung des Sachverhaltes vor. Die Vergrößerung der Arbeitslosenunterstützung auf £ 1000 wöchentlich geschah seitens der Palästinaexekutive, da sie die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß dieser Betrag ein Minimum darstellt und nicht plötzlich gekürzt werden könne, wenn nicht schwere Erschütterungen erfolgen sollen. Auch die Palästina-Regierun g teilte diese Anschauung. Dr- Weizmann hat lediglieh zugestimmt, aber keineswegs selbst die Initiative ergriffen. Wer für eine derartige Maßnahme in erster Linie verantwortlich ist, scheint uns eine interne Angelegenheit der Exekutive. Aber es ist unbegreiflich und sehr bedenklich, wenn ein Mitglied der Exekutive eine solche Sache zu einem öffentlichen Angriff gegen den Präsfdenten der Organisation benützt, ohne sich zuvor über den Sachverhalt Gewißheit verschafft zu haben. Durch derartige Unvorsichtigkeit könnte einmal bedauerlicher Schaden entstehen. * Vorsicht ist in dieser Zeit auch in unseren politischen Aktionen am Platze. Seit Jahr und Tag bemüht sich die Zionistische Organisation, bei der englischen Regierung gewisse politische Postulate durchsetzen, deren Erfüllung zum Aufbau der jüdischen Nationalen Heimstätte nötig ist. Die englische Regierung, die bei ihren Ent- Scheidungen auch noch andere Momente als die zioni|tischen Argumente berücksichtigt, ist nicht schnell zu gewinnen und nur in zäher politischer Arbeit lassen sich unsere Forderungen durchsetzen. (Zu dieser polltjsehen Arbeit gehört freilich Geld, und die Exekutive hat Grund, sich über die mangelnde Unterstützung der Zio* nisten in dieser Hinsicht zu beklagen. Wem die Losung einer notwendigen Verstärkung unserer politischen Arbeit mehr ist als eine Phrase, den verweisen wir auf den von der Exekutive in unserer heutigen Nummer veröffent* lichten Aufruf.) In der letzten Zeit wurden auf politi• schem Gebiet gewisse Fortschritte gemacht; die neue Zollordnung, die Vorbereitungen der Steuerreform und die Untersuchungen bezüglich Landansiedlung und bezüglich Beschäftigung jüdischer Arbeiter sind Anzeichen einer stärkeren Berücksichtigung der zionistischen Gesichtspunkte. Selbstverständlich können wir diesen politischen Kampf mit Aussicht auf Erfolg nur dann führen, wenn über den Ernst und die Durchdachtheit unserer Forderungen kein Zweifel besteht. Eine politische Agitation, von den besten Motiven geleitet, aber doch nicht ln den Einzelheiten auf Kenntnis der Realitäten beruhend,, kann unserer Sache eher schaden als nützen, da sie Zweifel an der Seriosität unserer Politik erzeugt. Mit Bedauern müssen wir sagen, daß die politische Agitation, die Stephen Wise in der letzten Zelt in Amerika entfaltet, zu derartigen Be* denken Aidaß.gibt WJ! wollen an dieser Stelle dif Inner* zionistischen Hintergründe 1diir־.i&u^pig»d;־־«rtf:''׳%«phitt; Wise dicht untersuchen. Wir habet! scHSn M früBerfef Gelegenheit gesagt, daß auch wir der Meinung sind, die Interterritorialität unserer Organisation müßte in höherem Maße in den Dienst unserer politischen Schlagkraft gestellt werden, welches Ziel Stephen Wise offenbar auch mit seinem politischen Komitee verfolgte, wenn er auch seinem Antrag und der Begründung leider eine sehr unglückliche Fassung gegeben hat Obwohl wir also in manchen sachlichen Punkten mit Wise über* einstimmen, und es für äußerst wünschenswert halten, in ruhiger Aussprache diese in der erhitzten Atmosphäre des Kongresses offen gebliebenen Fragen zu klären, verstehen wir doch nicht, was Dr. Wise damit bezweckt, wenn er z. B. die amerikanischen Interessen an den Mineralschätzen des Toten Meeres gegen England ausspielt. Ein so informierter Zionist wie Dr. Wise muß doch wissen, — was auch in allen Zeitungen stand — daß bezüglich der Konzession auf die Ausbeutung des Toten Meeres die Konkurrenz einer ainerikanischen Gruppe das ernsteste Hindernis für die Verleihung der Konzession an den von der Zionistischen Organisation unterstützten jüdischen Aspiranten gewesen ist. Wenn die Zionistische Organisation als Jewish Agency diese vielleicht wichtigste Konzession Palästinas für den jüdischen Bewerber erstritten hat, so ist dies zweifellos ein großer Erfolg, und es Ist unklug, Amerika deswegen in Bewegung zu setzen. Dem gegenüber sagt Dr. Wise, nicht Herr Novomiejski oder ein anderes Individuum, sondern ״das jüdische Volk Palästinas“ habe nach dem Mandat Anspruch auf die Konzession. Wir haben große Sympathien für die einer solchen Konzeption zugrunde liegenden allgemeinen Oefühle, aber es muß doch ausgesprochen werden, daß sie nicht in das Reich der Realität gehören. Ein gewaltiges, Millionen erforderndes Unternehmen, kann nur von einer hierfür organigierten, Gesellschaft in die Wege geleitet werden. Das jüdische Volk als solches ist kein Unternehmer, und so einfach kann man sich eine so schwierige Sache nicht machen. Wir müssen gewiß bestrebt sein, dafür zu sorgen, daß das Nationale Heim die größtmöglichen Vorteile aus der Toten Meer-Konzession zieht. Aber durch so unfundierte Konstruktionen wie die von Wise, die gelegentlich auch noch die allgemeine politische Spannung zwischen England und Amerika hereinziehen wollen, kann unserer Sache nicht genützt werden. Dr. Weizmann in Deutschland Dr. Weizmann hat in dieser Woche mehrere Städte Deutschlands besucht Er sprach in München, Nur nberg, Frankfurt a. M. und Mannheim. Ueberall wurde dem Qast ein glänzender Empfang zuteil und die Veranstaltungen verliefen überaus eindrucksvoll. Es wurden erhebliche Beträge für den Keren Hajessod gezeichnet. Wir werden noch genauere Berichte über die verschiedenen Veranstaltungen nachtragen. * Herr Dr. Weizmann wurde bei seinem Eintreffen in Nürnberg am Bahnhof von einer großen Zahl von Menschen empfangen. Im Hotel wurde er sodann von dem Oberbürger־ meister von Nürnberg, Dr. Luppe, aufgesucht, mit dem er eine einstündtge Unterredung hatte. Ferner stattete ihm auch Herr Oberrabbiner Dr. Freudenthal'einen Besuch ab. Nachmittag fand ein Zirkel Im Hause von Herrn Katzenberger statt und abends ein Bankett, veranstaltet von der Zionistischen* Ortsgruppe und dem Neutralen Keren Hajessod-Komitee, das einen Imposanten Verlauf nahm. Das Zeichmingsergebnls für den Keren Hajessod ergab an diesem Abend 25000 M. Einigung ln Rpniflnlen Bukarest, 20. November. (J. T. A.) Dieser Tage wurde hier eine Sitzung des Oberrates der Zionistischen Organisation ganz Rumäniens abgehalten. Es nahmen an ihr teil: Aus Altrumänieu Adolf Bernhardt, Dr. Nlemirover, Dr. Bresis; aus Transsylvanien Weinberger, Dr. Kahn, Dr. Marion; aus Beßarabien Berland, Tarkanovski; aus der Bukowina Prot. Silberbusch, WischnitZer und Dr. Reifer. Zum Präsidenten des Oberrates wurde A. Bernhardt, zum Generalsekretär Dr. Mi bas ch an gewählt Es wurde eine Resolution angenommen, die zionistische Tätigkeit in Groß-Rumänien einheitlieh und auf breitester Grundlage zu führen. Das Präsidium wurde beauftragt, sich um die Legalisierung einer einheitlichen Zionistischen Organisation für ganz Rumänien zu bemühen und von der Regierung bis Ende Dezember eine diesbezügliche positive Erklärung zu erlangen. — Es wurde beschlossen, in der nächsten Sitzung des Oberrates, die im Beiseln von Dr. W e 1 z mann in Bukarest abgehalten werden wird, die Frage der Vereinigung der hebräischen Kultur Organisationen T a r b u r t h zu erörtern. H. D. Nomberg Von Sch. Gorelik. Irrt Alter von 51 Jahren ist H. D. Nomberg, als einer der namhaftesten jüdischen Publizisten und Verfasser zahlreicher Novellen der weiten jüdischen Leserwelt bekannt, in Warschau gestorben. Er ging aus jenem literarischen Kreis hervor, der vor 25 Jahren Perez umgab, und zusammen mit Asch, Reisin und Wcißcnbcrg bildete auch er die Hoffnung der jüdischen Literatur, die auf gewissen Gebieten auch erfüllt wurde. Nomberg zählte zu den klarsten, gleichzeitig auch subfitsten und feinsten publizistischen Talenten, die die jüdische Journalistik aufweisen kann. Seine Feder duldete keinen Schmuck, leine Maniriertheit, verriet aber einen äußerst klugen und intelligenten Kopf. An allen Fragen des jüdischen Lebens während der letzten 20 Jahre, ganz gleich, ob sie geistiger, politischer oder gesellschaftlicher Natur waren, nahm er regen Anteil. Am nächsten aber standen ihm solche Probleme, die nicht der fernen Zukunft angehörten, sondern Irgendwie mit der Gegenwart, womöglich sogar mit dem Alltag verbunden waren• Er war ein ausgesprochener Realist uBd glaubte, daß nur das Reale und Naheliegende die einzige und wirkliche Anziehungskraft auf die Menschen hat. Itt der Belletristik hatte er sich einen Namen gemacht als Verfasser vieler Novellen von dauerndem Wert. ״Fliegelmann“, ,,Zwischen Berg“, ״Schweig Schwester“ zahlt pan heute noch zu dem Besten jüdischer Novellistik. Sie wurden von der jüdischen Kritik viel und anerkennend besprochen. Die Helden der Nombergschen Novellen sind größtenteils Menschen, die zu zarte Seelen haben, um sich in der Welt des Kampfes und der starken Ellenbogen irgendwie einrichten zu können. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes ״übrige Menschen“ oder wie Hamsun solche Menschen nennt ,Ausländer des Lebens“, und der Verfasser, der nicht ohne Verständnis für Ihre seelischen Feinheiten ist, läßt sie untergehen, ohne besonders zu wehklagen und ohne auch diese Welt dafür besonders schuldig zu erklären. Er belächelte die Erfolglosigkett des Privatlehrers Fliegelmann, der sich mit Idealen und romantischen Stimmungen hemmtrug. Im Grande neigte Nomberg zum Pessimisten, aber die starke Vitalität, die ihm eigen war, zwang Ihn, diese kostspielige seelische Haltung, die manchmal zu Offenheiten und harten Lamentationen treibt, lieber in ein etwas lässig zynisches Verhalte« der Welt und den Menschen gegenüber umzuwandeln. Nicht, daß Nomberg kein Gefühl hatte für Zelten und Ereignisse, in denen sich die Menschen über ihren Alltag erheben und irgendwelchen großen Ideen zustreben, er konnte sogar klug und gut darüber schreiben, allerdings mit dem Vorbehalt eines Skeptikers, der genau weiß, daß es den Menschen doch immer wieder zum Unbedeutenden, gerade zum grauen Alltag zieht. Immer ging er in solchen pathetischen Zeiten geduckt, ein wenig verwundert umher und konnte nicht erwarten, bis die Feiertage vorüber waren, denn Nomberg liebte die Feiertage der Seele nicht, er nannte das ״romantischen Dunst“ und tat solche Aufdringlichkeit mit den Worten ״Das ist alles Literatur“ ab. Um so mehr schenkte er seine Aufmerksamkeit und widmete er seine begabte Feder allem, worin er eine bald erfüllbare Hoffnung, eine bald zu erreichende Erleichterung für die Lage der jüdischen Volksmassen erblickte. Er war ein Volksmensch, ein starker Anhänger der jiddischen Sprache, aber keineswegs ein fanatischer Jiddischist; denn jeder Fanatlsmus war seiner eigentlich ungläubigen Seele fremd, war lästig für ihn, der die Sehnsüchte der Menschheit nicht besonders hoch einschätzte. Niemals konnte er sich za dem romantischen Flug seines Freundes Schalem Asch und zu den lyrischen Klingen seines Freundes Abraham Reisln, mit denen er gleichzeitig seine literarische Karriere anfing, aufschwingen. Alles, was Nomberg als Publizist und Feuilletonist schrieb, zeichnete sich durch feinen, vornehmen Stil aus, aber niemals gelang es ihm, einen Leser hinzureißen. In Polen erfreute er ach großer Popularität; aber auch über die Grenzen des Landes hinaus fand er in der ganzen jiddischen Leserwelt ernste Beachtung. In den Kreisen seiner Kollegen, der jüdisehen Schriftsteller und Journalisten, wurde er stark geschätzt und war beliebt wegen seiner Einfachheit, seiner Volkstümlichkeit und auch dafür, daß er alles ein wenig leicht nahm. Nomberg förderte niemals Irgendeine literarische Richtung, es gab für Ihn nichts Höheres als eine gute, realistische Schilderung, aber dafür sorgte er, daß im jedem großen jüdischen Zentrum, wo es jüdische Zeitungen und jüdische Journalisten gab, ein professioneller Verein für Journalisten und Schriftsteller gegründet wurde und diesen Bemühungen Ist es zu verdanken, daß die materielle Lage der von der Feder Lebenden sich heben konnte. ä Sein Tod, so schmerzlich er auch für viele seiner Freunde, Verehrer und Bekannten ist, kommt nicht überraschend. Nicht, daß Nomberg ein kranker Mann war, es galt vielmehr überhaupt als ein Wunder, als Rätsel wie er es anstellte, seinen kleinen, äußerst gebrechlichen Körper durch die Jahre vorwärts zu bringen. Dabei mutete er diesem armseligen Körper sehr viel zu. Er unternahm die weitesten, anstrengendsten Reisen, fn den letzten Jahren allein besuchte er die Vereinigten Staaten, Argentinien, Brasilien, Palästina und erst vor kurzem kehrte er von einer mehr-wöchentlichen Reise nach Rußland zurück. Die Abstecher, die er Immer nach Paris, nach der Schweiz, Italien, Deutschland machte, zählen natürlich nicht. In den europäischen, literarischen Kaffees, die er durch nie aufhörendes Zigarettenrauchen verqualmen half und die er immer als letzter verließ, war er eine sehr bekannte Figur, besonders aber in Berlin in dem ehemaligen Kaffee des Westens; und im Romanischen Kaffee kannte man gut den kleinen, sich langsam bewegenden Mann, der an denn ,jüdisehen Tisch" immer den Vorsitz hielt. Er war ein Bohemien, aber 0S1u? den äußerlichen Aufputz, der diese Gattung charakterisiert, und der ihm zuwider war. Auch hier ließ er sich nichts vormachen, war sachlich, und die Tatsache, daß er den größten Teil seines Lebens in den Kaffeehäusern verbrachte, begründete er mit nichts anderem, als daß ein solches Leben ihm »!sagte, behagte und er dabei seinen journalistischen Pflichten auf das pünktlichste nachgehen konnte. Eine interessante, kluge Persönlichkeit hat die jüdische publizistische und literarische Welt in Nomberg verloren.