Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 94 (25.11.1927)
- Date
- 1927-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ctKS* AKIA Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MelnekeatraSe 10, Erscheint ieden Dienstag und Freitag, Bezugsprda bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, ▼ierteljihrlieh 5,25 Goldmark. Aa1t»nd«»bom>*m«e»* werden in der Wlhrtm» der ■imelaea Linder berrchaeL Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m*b,lL, Berlin W15, Melnekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70 Aftf 0r50 G״-M. Stall eeg#M*dM»lXÄ5Cs#־M־ Aa1t!g«B»cU1S3 Di eosta{ oad Freitag n teb ימו Hai ♦ Ubr. Telephon 1 Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich! P05tst>*rka-5s«n»mt Wien, Koala Nr, 156030־ Für Tschechoslowakei 1 Po«Up*rkas8<*.n*mt Pr«^ Kooto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkssseaauat Warschau. Konto Nt 190KÄ RedaktionsschluQ Sonntag and Mittwoch nachmittag. Nummer 94 I Berlin, 25. XI. 1927 א׳ כסלו ר״ה תיס״ח XXXII. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für da• indische Volk die Schaffuna einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.“ Rundschau Fonds für politische Arbeit (Keren Avodah Hamedinlth.) Gesinnungsgenossen! Die Vollendung des ersten Jahrzehnt; seit der Veröffentlichung der Balfour-Deklaration, die wir erst vor elnigen Tagen ln Gegenwart Ihres edlen Verfassers feiern durften, hat sicherlich Viele zum Nachdenken darüber veranlaßt, daß, so befriedigend auch Ihr Fortschritt ist, den wir seither erzielt haben, doch noch eine recht lange Strecke eines schweren Weges vor uns liegt. Nichts so sehr wie ein besonnener Rückblick auf die Ergebnisse der letzten zehn Jahre lehrt uns die Notwendigkeit der Ausbreitung und Intensivierung unserer Tätigkeit nach den verschiedensten Richtungen erkennen und spornt uns mehr an, uns der großen Aufgabe ohne Verzug hinzugeben. Die Arbeit, an die wir denken, ist vornehmlich eine der Erziehung und der Aufklärung. Unser Werk, der Aufbau Palästinas, beruht auf politischer Grundlage. Es ist ein politisches Instrument die Balfour-Deklaration, mit deren Hilfe wir unser nationales Aufbauwerk in Palästina ver riehten und wir müssen uns deshalb angelegen sein lassen, politische Mittel zur Hilfe zu nehmen, um unsere Bewegung vorwärtszubringen und zu stärken. Wir müssen nicht nur Büros 1 n London, Jerusalem, Genf, Paris und Rom unterhalten, sondern auch eine offizielle Presse ia englischer und hebräischer Sprache, und wir müssen ferner bemüht sein, politische Kreise und die öffentliche Meinung im allgemeinen über unsere Ziele und Leistungen zu informieren und aufzuklären. Es muß leider gesagt werden, daß unsere durchaus erfolgversprechenden Anstrengungen auf diesem Gebiet vielfach durch den Mangel der uns zur Verfügung stehenden Mittel gehemmt wurden. Nur zu oft waren wir verhindert, Aktionen durchzuführen, die im besten Interesse unserer Bewegung gelegen wären. Es ist höchste Zeit, das dieser unerwünschte Zustand beendet wird. Die Exekutive bat dämm beschlossen, einen neuen Fonds, den ״Fonds für politische Arbeit“, Ins Leben zu rufen. Die Exekutive würdigt vollauf die großen Verpflichtungen, die unsere Gesinnungsgenossen bereits durch ihre Beitragsleistungen für den Aufbau Palästinas auf sich genommen haben und hätte gern davon abgesehen, neue Bürden bhmizufügen. Sie betrachtet jedoch die Aufgabe einer großzügigen Aufklärung der öffentlichen Meinungen in verschiedenen Ländern als so entscheidend im Interesse einer ununterbrochenen und gesunden Entwicklung unserer Bewegung, daß sie es auf sich nehmen zu müssen glaubt, an die Zionisten heranzutreten mit einem Appell zur Darbringung neuer Mitte! im Wege des ״Fonds für politische Arbeit“. Es kommt dazu, daß der Schekel — das Symbol der Zugehörigkeit zu unserer Bewegung — sowie der goldene Schekel, der als Zusatz gedacht ist, sich sogar in Kongreßjahren als ungenügend für unsere Zwecke erwiesen haben und an sich eine Ergänzung durch neue Einnahmen hedürfen. Anstrengungen in dieser Hinsfcht sind in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern versucht worden. Diese Bemühungen müssen jetzt systematisiert und auf alle Länder ohne Ausnahme ausgedehnt werden. Wir wenden uns daher an die ausführenden Organe unserer Landes-Organisationen und Sonderverbände mit dem Ersuchen, die Sammlungen für den ״Fonds für politische Arbeit“ in ihren Ländern sofort aufzunehmen und uns über das Ergebnis ihrer Bemühungen ehestens zu berichten. Chaim Weizrnann Nahum Sokolow London, 15. November 1927. 20. Heschvan 5688. Der berühmte jüdische Maler Mark Chagall hat seine während des Schwarzbaxt-Prozpsses entstandene Skizzenserie ״Megilath Schwarzbart“ dem Jüdischen Nationalfonds zur Verfügung gestellt. — Bei dem Nationalfonds- Komitee in Frankreich sind im verflossenen Jahre an Spenden 265512 Frcs. eingegangen. Rothschild und die Schulen — Die Stellung der Hadaua — Die Episoden von Cleveland * Da durch Rothschilds Intervention die Frage des Schulbudgets glücklicherweise geordnet wurde, und die Schulen hoffentlich bereits eröffnet sind, wenn diese Zeilen in Druck gehen, wäre es kaum mehr erforderlieh, auf den diese Angelegenheit behandelnden Teil vot! Weizmanns Berliner Rede zurückzukommcn, wenn nicht auch hier, abgesehen vom aktuellen Notfall, wichtig® prinzipielle Verwaltungsprobleme des Zionismus siel» verbergen. Dr. Weizmann sagte, man müßte eine Erhöhitng des Budgets auf £ 58 000 ins Auge fassen, falls sieb ergibt, daß eine absolute Lebensnotwendigkeit des Jisehuw vorliegt. Dieser Auffassung werden׳ auch die zustimmen müssen, die eine äußerste Oekononrie in unser»! Budget im gegenwärtigen Augenblick für das oberste Erfordernis unserer Verwaltung ansehen. Denn wir sind augenscheinlich noch nicht so weit, daß wir schwere und schmerzliche Schnitte auf allen Gebieten durchführen müssen. Wenigstens steht das Gesundheitsbudget von £ 118000 dazu in einem ünverstündlichen Widersprach. Weiten Kreisen der zionistisehen Welt leuchtet es nicht ein, daß in dieser Zeit, angesichts einer unser gesamtes Renaissancewerk in seinen Pfeilern, den Schulen, erschütternden Gefahr, gerade das Gesundheitsbudget als unantastbar betrachtet Die läge der Joden in Polen Der jüdische Nationalrat an Pilsudski Warschau, 22. November. (J.T. A.) Vor kurzem hat der jüdische Nationalrat Polens ein Schreiben an den Minister- Präsidenten Marsch,111 Pilsudski gerichtet, in welchem um die endliche Erfüllung der von der polnischen Regierung den Juden gegebenen Versprechungen ersucht wird. Nachdem bis heute vom Ministerpräsidenten eine Antwort nicht getroffen ist, entschloß sich der Nationalrat zur Veröffentlichung des Schrift- Stücks. Der Brief lautete im wesentlichen: Herr Marschall! Am 19. Juli 1926 hatte der damalige Ministerpräsident Prof. Bartel im Sejm das Versprechen gegeben, daß die Regierung den Juden gegenüber Objektivität und Gerechtigkeit üben und den wirtschaftlichen Antisemit i s m u s als eine auch dem polnischen Staat abträgliehe Erscheinung bekämpfen werde. Die Regierung werde alle noch aus der Zeit der Zarenherrschaft und der fremden Okkupationen gegen die Juden bestehenden Beschränkungen abschaffen. Sie. Herr Marschall, waren damals Kriegsminister und gewiß mit den Ausführungen Prof. Bartels einverstanden. Die jüdische Bevölkerung hat geduldig äuf die Verwirklichung dieser Zusagen gewartet, die Regierung hat wiederholt kundgetan, daß sie ihren Standpunkt gegenüber den Juden nicht geändert habe. Seither sind 15 Monate verflossen; verwirklicht wurden aber nur vier Punkte: 1. Das Zirkular des Ministers Glombiaski über Beschränkungen gegen Juden an den Hochschulen wurde annulliert. 2. An dem hebräischen Gymnasium wurden die ersten drei Klassen als öffentlich erklärt (dieses Recht hätte der ganzen mustergültig geleiteten achtklassigen Mittelschule gebührt). 3. In den Grenzprovinzen sind schon jiddische und hebräische Ansprachen in Versammlungen erlaubt. 4• Das Dekret über die Bildung jüdischer Gemeinden wurde für rechtsgültig erklärt, aber in einer Fonnulierung, die dem Geist unserer Forderungen Widerspricht,“. trioliüf ecktlt e'fi’Jt nr^WeWchb'Ülliffffff l|e«rdie ]1# sehe Bevölkerung sind noch immer nicht abgeschafft, .obwohl sic rnit der Verfassung der polnischen Republik nicht vereinbar sind. Auf Gruftd eines Gesetzes aus der Zaren zeit weigern sich die Staatsbehörden, von dem Üebertritt eines Christen zym jüdisehen Glauben Kenntnis zu nehmen. 2. Die Zwangssonn־ tags ruhe, die aus Gründen des wirtschaftlichen Antisemitismiis ein geführt wurde und die Juden wirtscjiaftlkb ruiniert, ist noch immer nicht abgeschafft. 3. ln Widerspruch zu den Artikeln 9 und 10 des Versailler Vertrages erhalten die hebräischen und jiddischen Schulen keine Staats Zuschüsse. I. Hebräische Mittelschulen erhalten kein Oeffentliclikeitsrecht. 5. Die Wahlen zu den jüdischen Gemeindever waltungen in den Grenzprovinzen (außerhalb Kongreß-Polens) sind noch immer nicht ausgeschrieben. 6. Die Regierung verbietet immer noch nicht die Anwendung der Prozent norm bei Aufnahme jüdischer Hörer an Hochschulen. 7. Der Wojwode von Posen weist die Registrierung von Juden erworbener Immobilien grundsätzlich ab. 8. Die Wochen markte in den Städten werden in nur v&n Christen bewohnte Viertel verlegt. 9. Grundsätzlich werden Juden in den polnischen Staatsverband nicht mehr aufgenommen. 10. In Widerspruch mit der in der Verfassung verankerten Gleichberechtigung der Juden wird für die Bedürfnisse der jüdischen Religion ein Staats Zuschuß von drei Groschen pro Kopf bewilligt, während für die Bedürfnisse der katholischen Religion 1 Zloty 30 Groschen pro Kopf bewilligt werden; dabei sind die Juden die Hauptsteuerträger. Zum Schluß wird die Hoffnung ausgedrückt, daß Marschall Pilsudski ohne Zögern eine Antwort auf alle diese Fragen erteilen wird. Unterschrieben ist der Brief von den Abgeordneten J. Grünbäum und A. Hartglas auch im Namen der Deputierten Brodt, Farbstein, Dr. Feldmann, Hellmann, Lcwinson, Dr. Rosenblatt, Stuczynski, Dt. Schipper, Dr. Weinzieher, Dr. Wjgodski, der Senatoren Körner und Rubinstein. Das hebrüsche Schulwesen Warschau, 21. November. (J.T.A.) Eine Abordnung der hebräischen Schulorganisation ״Tarbuth“ besuchte den Unterrichtsminister Do brückt und übergab ihm ein Memorandum, in welchem die Forderungen betreffend das hebräische Schulwesen formuliert sind. Verlangt werden Staatssubventionen für die hebräischen Volksschulen, Oeffentlichkeitsrecht für die hebräischen Schulen und Gymnasien, Schaffung einer Staatskrimmission zur Durchführung des Maturitäts examens in .1er Sprache an diesen Gynjtiastai u. a. m. Der Münster enri •j'^erae» Mb&tfeäiiin finiten, Mpertd Fanda.'.ffir .Sab*. staäfll®en"^1lss31räei' jüdische Scüftlä- In «b'Äehfialäer Zahl uufnehtnen. Wa! d*s CjefCeptllchkeltsreght für die hejjri-!sehen Schulen betrifft, so hat. eine Vis!tierung festgestellt, 438 diese Schulen zwar ein respektables Niveau erreicht haben, aber noch immer nicht alle Vorbedingungen, die an eine öffentliche Schule zu stellen sind, erfüllt haben. Sollten im Verlauf dieses Jahres die noch bestehenden Mängel beseitigt werden, so werden diese Schulen, auch die hebräischen Gymnasien, Oeffentlichkeitsrechte erhalten. Der Minister hat einen speziellen Inspektor für die hebräischen Gymnasien ernannt, der ui einem gewissen Maße der hebräischen Sprache mächtig ist. Der Minister konferierte mit den Mitgliedern der Abordnung u. a. auch über die Festsetzung eines Programms für jüdische Unterrichtsfäeher an den staatlichen Volks- und Mittelschulen, sowie über die Subventionierung des in Warschau ins Leben gerufenen Institutes für judaistische Studien. RW. Berlin, 21. November. Palästinensische Tageszeitungen erschienen in der vorigen Woche mit ständigen großen Aufschriften auf der ersten Seite ״D i e Schulen n o c h i tu it! e r nicht geöffnet“ —- ,,Wann werden die Schulen geöffnet?“ usw. In der Tat, die Schulfrage stand in den letzten Wochen durchaus im Vordergrund des Interesses. Das Schuljahr hat begonnen, die Kinder sitzen untätig iit den Häusern ihrer Eltern oder müssen sich auf den Straßen herumtreiben. Diese tief in das tägliche Leben einschneidenden Tatsachen, die so augenfällig die Not der Zeit demonstrieren, haben natürlich alle Gedanken auf sich gezogen. Wir haben bereits mehrfach über die Lage in! Schulwesen und über die mit der Ver- Zögerung verbundenen Gefahren berichtet. Es erübrigt sich, die Tatsachen hier zu wiederholen. Die zionistische Exekutive ist infolge ihrer üeberlastung mit Verpflichtungen, die vor allem durch die Arbeitslosigkeit hervorgerufen wurden, außerstande, das Schulwerk im alten Ausmaß aufrechtzuerhalten. Nun wird gemeldet, daß der Baron Rothschild, mit dem schon seit einiger Zeit Verhandlungen geführt wurden, sich bereit erklärt hat, den fehlenden Betrag des Schulbudgets zu decken. Der Korrespondent der ,,Times“ spricht von £ 15000 (nicht £ 18000 wie die J. T. A. berichtete), und dieser Betrag hat darum viel Wahrscheinlichkeit, weil sich dadurch das Budget auf £ 68000 erhöhen würde, was den ursprünglichen Vorschlag der Erziehungskommission entspräche. Wenn sich die Nachricht bestätigt, dann hat der . Baron zu seinen großartigen Taten zugunsten des jüdischen PÄstim;elfte neue Mnaigefpgt Baron Rothverbunden, ”er ist immer wieder in schweren. SitäüJtatÄn eingesprungen. Sein Name ist durch ein lebendiges Denkmal in der Geschichte seines Volkes unsterblich geworden. Leider ist Edmond Rothschild ein vereinzelter Fall geblieben. Hätte das jüdische Volk mehrere Männer von seinen Herzensqualitäten gehabt, oder würde beule eine Persönlichkeit dieser Art mit derselben Großzügigkeit am Palästinawerke teilnehmen, so würden dem jüdischen Volk viele aufreibende, die eigentliche Aufbaukraft schwächende Sorgen erspart werden. Es verlautet, daß Rothschild seine Gabe an die Bedingung geknüpft hat, daß der Religion ein größerer Spielraum als bisher im Lehrplan der Schulen eingeräumt wird. Dies entspricht der Auffassung, die der Spender schon bei mehreren Gelegenheiten, zuletzt in seiner Rede beim Besuche Tel-Awiws im Jahre 1925 dargelegt hat. ln manchen Kreisen Palästinas wird diese Bedingung Mißfallen erregen, weil man der Ansicht ist, daß die jüdischen Wissensgebiete sich nicht in den unjüdischen Begriff eines ״Religionsunterrichtes“ einpressen lassen. Es wäre aber sinnlos, darüber jetzt eine Diskussion zu führen. Die oberste Leitung des Schulwesens bleibt zweifellos in den Händen des Waad Hachinuch. Mit der Zeit wird sich das Schulwesen in Palästina immer mehr differenzieren können, und eine zunehmende wirtschaftliche Unabhängigkeit des Jisehuw wird diesem auch die Möglichkeit von unab« hängigen Kulturinstitutionen geben.