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Jüdische Rundschau · 1927-11-18 · Heft 92 (18.11.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 92 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 652 JTCTRDISCHE RUNDSCHAU Nr. 92, 1a XI. 1927 Kolonisation und Aufbau in Rußland Von Dr. J. Lew in. Ohne uns die Meinung des nachstehenden Aufsatzes über das politisch •wirtschaftliche System der Sowjetunion und die Bedeutung der jüdischen Kolonisation ganz zu eigen zu machen, geben wir den Ausführungen, die uns von n i c h t / i o 11 i s t i s c h e r?eite zur Verfügung gestellt wurden, wegen ihres informatorischen Tatsacheninhaltcs Raum. Die Redaktion. I. Die jüdischen Kolonien in Rußland wurden schon fast zu einer stellenden Rubrik in den Zeitungen. Von Zeit zu Zeit, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, liest man Nachrichten über Pressctccs und ähnliche Veranstaltungen, bei welchen kiilme Forschung «;reisende, die sich nach dem ״Darkest Russia“ hinringewagt mul dort die jüdische Kolonisation ihrer Meinung nach genügend studiert haben, über ihre Eindrücke, die gewöhnlich sehr positiv sind, berichten. Es entsteht der Eindruck, daß man cs in Rußland mit einer jüdischen Massenhewt'gnng zur Landwirtschaft zu tun hat, daß diese Bewegung■, wie sich Herr Dr. A. Singalovesky ausdrückt (״Der Morgen‘־, Heft 4, 1927), ״die bedeutendste Seite des wirtschaftlichen Aut- und Umbauprozesses“ der Juden in ganz Osteuropa darstellt und daß diese Bewegung, wie sich ein anderer Berichterstatter ausdrückt, in großzügiger Weise von der Sowjetregierung unterstützt wird. Man erhält den Eindruck von der russisehen Sowjetregierung als einer Regierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die russischen Juden aus Luftmenschen zu Menschen produktiver Arbeit zu machen und daß in diesem Plan die jüdischen Kolonien eine Rolle spielen können, die für diesen Uinwandlungsprozeß ausschlaggebend werden soll. ״Die Sowjetregierung begnügt sich nicht“, schreibt Herr Dr. Wischnit/er in der Zeitschrift ״Osteuropa“, Heft -I, Jalirg, 1926/27, ״den Juden gegenüber mit einer Zusicherung von kulturellen Minderheitsrechten...., sondern suchte den jüdischen Volks- Organismus in seinen wichtigsten ökonomischen Funktionen zu erfassen, um ihn von Grund aus iim/ugesfaltcn. Soziale Um- Schichtung, Schaffung eines jüdischen Bauernstandes, Landau- Siedlung, Industrialisierung ganzer jüdischer Bcvölkerungsgruppen, — das sind die Etappen aer in Angriff genommenen Arbeit.“ Zuerst muß also festgestellt werden, was eigentlich positiv auf diesem Gebiet erreicht worden ist. Wir finden eine Zusammenfasfiung dessen, was in den letzten Jahren, in denen für die jüdische Kolonisation in Rußland eine so eifrige Propaganda geführt wurde, getan \Vorden ist, in der in Moskau erscheinenden Zeitschrift ״Tribüne der jüdischen Sowjet-Oeffcnt* lichkeit“ (Tribuns jewrciskoi sowjetskof obschtschestwennostl), welche vom sogenannten OZET herausgegeben wird, einer ״privaten“ Gesellschaft, die in Sowjetrufltand gebildet worden ist, um die landwirtschaftliche Kolonisation der Juden in Sowjetrußland zu fördern. Von diesem OZET wurde auch der bekannte Kongreß in Moskau im November v. J. einberufen zwecks Fürderung der jüdischen Kolonisation, an dem sich Vertreter jüdischer ausländischer Organisationen in erheblicher Zahl beteiligten, u, a. der inzwischen verstorbene Paul Nathan. In dieser Zusammenfassung heißt es: Im Jahre 1926 wurden An- Ordnungen getroffen, 5034 Familien anzusiedeln, von denen 1072 Familien (21,6 «/<>) aus eigenen Mitteln ie 10 Rubel hatten beisteuern können, 2253 Familien (44,4 0/0) bis zu je 100 Rubel, 1031 Familien (20,4 «/#) bis zu je 300 Rubel, 450 Familien (8,6 o0׳) bis zu je 500 Rubel und 248 Familien (5 0,״) auf eigene Kosten sich ansiedeln konnten. Davon kommen auf die Ukraine 4109 Familien, auf die Krim 945 Familien, Von dieser Zahl haben bis zum 15. Dezember 1926 Besitz ergriffen vom Land in der Ukraine 3566 Familien (86,8 0/0), in der Krim 801 Familien 4847 #/«)• AuJIerdem wurden 1926 in Weißrußland 402 Familien, im Gouvernement Pskow 60 Familien, Im Nordkaukasus 138 Familien (Bergjuden), in der Nordkrim 36 Familien (aus der lokalen jüdischen Bevölkerung), zusammen 636 Familien angesiedelt. Zusammen sind 1926 und mit den im vorhergehenden Jahr 1925 eingerichteten Familien im ganzen 10 922 Familien übergesiedclt. (״Tribüne“, Nr. 3.) Nach den Angaben derselben Zeitschrift (״Tribüne“, Nr. 4/5) werden von der Gesellschaft ״ORT“ im Gebiet von Odessa 1927 mehr als 2000 Familien in •jüdischen Ansiedlungen unterstützt. Man hat es also nach diesen offiziellen Mitteilungen im besten Fall mit einer Menge von etwa 12 bis 13 000 jüdischen Familien zu tun, die sich angesiedelt haben, bzw. im Begriff sind, sich anzusiedeln, da die offizielle Zusammenfassung selbst zugibt, daß ein beträchtlicher Prozentsatz der Familien, die Land erhalten haben, von ihrem Land noch keinen Besitz ergriffen haben. In der Tat wird von anderer Seite die Richtigkeit dieser Zahlen bestritten. So heißt es in einem von der russischen zionistisch-revisionistischen Zeitschrift ״Razswjei“ in Paris veröffentlichtem Memorandum der zionistischen Arbeiterpartei ״Hitachduth“ in Rußland, welches dem zionistischen Kongreß eingereicht wurde, — daß sogar nach den optimistischesten Zähhingen die Jüdische Kolonisation nach dreijähriger Arbeit etwa 7000 Familien (35000 Personen) umfaßt hat. Aber, fahrt das Memorandum fort, — auch diese Zahl ist übertrieben. In den meisten Fällen zieht in die Kolonie nicht die ganze Familie, sondern einzelne Mitglieder. Die übrigen Mitglieder bküben in der Stadt und treiben dort Handel in der Hoffnung auf Steuercrleichterungen, denn eine Bescheinigung über eine Beschäftigung als armer Bauer befreit gleicnzeitig von den Steuern. Die weiteren Aussichten der jüdischen Kolonisation sind, sagt, ferner das Memorandum, angesichts der Landnot des russischen Bauerntums, sehr beschränkt, die materielle Lage der jüdischen Kolonisten ist eine äußerst schwere. Soweit ■das Memorandum der ״Hifachduth“, das immerhin den Vorzug hat, von Leuten zu stammen, die in Rußland leben und nicht von Ausflüglern, die interessante Reisen nach Rußland machen. Wenn man aber schon die offiziellen Zahlen uneingeschränkt annehtnen soll, so würde das heißen, daß bis jetzt ungefähr 12000 Familien ־zur Landwirtschaft ühtrgegangen sind, d. h. etwa 60 000 Personen. Selbstverständlich kann noch keine Rede davon sein, daß auch bei denjenigen, die von den ihnen ziigewiesenen Laitdanteilen schon ,,Besitz ergriffen haben“, der Prozeß der Einwanderung in die Landwirtschaft etwa vollendet ist. Es fehlt noch an allem Notwendigen. So schreibt z. B. die ״Tribüne“ (Nr. 2): ״Es ist klar, daß die Wohnungsverhältnisse in den Kolonial noch ziemlich lange sehr ungünstige sein werden“. Die Verwandlung eines Städters in einen Landwirt kann — auch in den Fällen, wo sie überhaupt möglich ist — erst nach sehr langer Dauer vor sich gehen. Es handelt sich also, richtiger gesagt, nach den offiziellen Angaben, um zirka 12000 Familien, mit denen jetzt der Versuch gemacht wird, sie in Landwirte zu verwandeln. Nun betrug die Zahl der Juden im gegenwärtigen Sowjetstaat nach einer soeben in Moskau vom Zentralkomitee des russischen ״ORT“ veröffentlichten Untersuchung im Jahre 1923 2 600000 bis 2650000 Menschen. Man kann den normalen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in Rußland mindestens mit 1 י>'י> 2/י jähr- Sich bemessen, d. h. man muß mit einer normalen jährlichen Vergrößerung der Zahl der Juden um nicht weniger als 40 000 Personen rechnen. Mit anderen Worten heißt das, daß in den letzten drei Jahren bei all dem Lärm, der um die Sache geschlagen worden ist, ungefähr soviel Juden zur Landwirtschaft gebracht worden sind, als der natürliche Zuwachs in U/s Jahren beträgt, — eine Menge also, die für die Verhältnisse des russisehen Judentums kaum in Betracht kommt und eine merkliche Aenderuiig seiner wirtschaftlichen Lage in keiner Weise herbeiführen kann. Daß diese Menge noch weiter beträchtlich steigen kann, erscheint ausgeschlossen, und zwar belehrt darüber ein vom Verband ״ORT“ in Berlin 1926 herausgegebenes Werk des Professors B. Brutzkus ״Die jüdische Landwirtschaft in Osteuropa“ (in jiddischer Sprache). Wie die Zentralverwaltung des ORT“ in der Einleitung zu diesem Buch — und zwar mit Hecht — schreibt, ist Professor Brutzkus ein hervorragender Kenner sowohl der jüdischen Landwirtschaft als auch der Fragen der russischen Landwirtschaft überhaupt. Es ist schade, daß dieses in vielen Beziehungen aufschlußreiche Buch nicht in einer anderen Sprache erschienen und daher nur dem beschränkten Kreis derjenigen zugänglich ist, die jiddisch lesen können. Prof. Brutzkus schreibt in diesem Werk, die Orientierung der Arbeit des KÖMZET (russische Abkürzung für das ״Komitee zur Ueberführung der Juden aufs Land“, welches 1924 von der Sowjetregierung gegründet wurde) darauf, 100000 jüdische Familien in der Landwirtschaft unterzubringen ״hat nur einen theoretischen Charakter, denn es ist vorläufig nicht zu sehen, aut welchem Land man eine solche Masse ansiedeln könnte und woher man die Mittel nehmen sollte, ■um eine solche kolossale Bewegung zu finanzieren.... Et muß bemerkt werden, daß in den Gebieten, welche in der Nähe der jetzigen jüdischen Wohnorte liegen, in der Ukraine, Weißrußland, Krim, Aüssfcht, «äsendes Laai-%»• bekontaet,־ nur Är 12000,. 1*5**- sfent für 15 MO Familien, vorhanden Ist FÖr die weitere Kolonisation wird man schon zu dem Land greifen müssen, das entweder weit in den Östlichen Gebieten gelegen ist oder welches melioriert werden muß, also würde dann die Kolonisation schon viel mehr kosten müssen und weit schwerer durchzuführen sein.“ Es muß noch hinzugefügt werden, daß Prof. Brutzkus sich grundsätzlich zur jüdischen Kolonisation in Rußland positiv stellt, so daß sein Urteil absolut nicht als voreingenommen abgelehnt werden darf. Es darf also angenommen werden, daß in den nächsten Jahren, auch bei der Fortsetzung der Kolonisationstätigkeit, der Umfang der jüdischen Kolonisation in Rußland sich wesentlich nicht wird vergrößern lassen. Es kann sich dabei höchstens noch um einige tausend Familien mehr oder weniger handeln, die aber bei den noch immer Millionen betragenden Massen des russischen Judentums irgendwie merklieh nicht in die Wagschale Wien, Die jüdischen Kommunistenführer in Rußland tun sich übrigens sehr viel darauf zugute, daß sie größere Resultate als die Zionisten erreicht haben. In einer Konferenz in Moskau am 20. Mai 1927, an welcher sich Felix Warburg, Bernhard Kahn und James Becker beteiligt Hatten, führte einer der bekanntesten jüdischen Kommunisten in Rußland, Mereshin, nach dem Bericht der ״Tribüne״ (Nr. 4/5) aus: ״In acht Jahren haben die jüdischen ausländischen Organisationen in Palästina etwa sieben Millionen Pfund ausgegeben. Dabei sind in Palästina 16000 Menschen auf dem Lande angesiedelt worden, und das nach 50iähriger Arbeit. Unsere Arbeit übersteigt diese Zahl um das Mehrfache, dabei haben die ausländischen jüdischen Organ!- satfonen itn ganzen etwa acht Millionen Rubel ausgegeben, d. h. etwa nur ein Zehntel der Palästina gewidmeten Summe..., Die jüdischen Organisationen sollten sich daher größere Mittel verschaffen als bisher.“ Schreiber dieser Zeilen ist kein Zionist, steht der zionistischen Bewegung fremd gegenüber, muß jedoch bemerken, daß hier ein durchaus unzutreffender Vergleich angestellt wird. Abgesehen von anderen Unterschieden, sei nur daraut hingewiesen, daß infolge der russischen Revolution die Sowjetregierung über Land verfügt, welches diese Regierung nichts kostet, während in Palästina das Land gekauft werden muß. Diesen doch wesentlichen Unterschied, der für die Kolonisatkmskosten nicht ganz bedeutungslos ist, läßt Genosse Mereshin aus dem Auge. Ein Vergleich hätte sich nur dann durchführen lassen können, wenn in Palästina die Mandatarmacht bzw. die Zionisten die arabischen Grundbesitzer ebenso abgeschlachfet oder entschädigungslos gewaltsam enteignet hätten, wie cs in Rußland infolge der Agrarrevolution durch die Sowjetregierung mit den russischen Grundbesitzern geschehen konnte. Das ist aber bisher nicht geschehen und wird auch in der Zukunft nicht beabsichtigt. (Fortsetzung folgt.) Megtertentag des Schweizer Zionistenverbandes Am 30. Oktober fand in Bern der 32. Delegiertentag des Schweizer Zionistenverbandes statt. Nach Berichterstattung durch den bisherigen Präsidenten Dr. Steinmarder, Dr. Barth und Kadischewitz und nach Mitteilungen Dr. Teitlers über den Keren Hajessod, der in der Berichtsperiode (1. Oktober 1926 bis 30. September 1927) 58042 Schw. Fr. vereinnahmt hat, wozu noch Rückstände in Höhe von 13 WO Fr. kommen, und Reichenbauchs über den Keren Kajemeth, der 55 871 Fr. aufgebracht hat, wurde dem abtretenden Zentralkomitee einstimmig die Decharge erteilt. Zum neuen Vorort wurde Basel bestimmt. Zum Präsidenten des Verbandes wurde Dr. Isak Strauß und zu Mitgliedern des Zentralkomitees H. Ditisheim, B. Bornstein, Dr. Eisner, Dr. Karl Meier, Berlowitz und A. Blum gewählt. Der K. K. L. verbleibt unter der bisherigen bewährten Leitung von Reichenbauch in Zürich. Der Delegiertentag nahm u. a. auch einen Antrag von Dr. Teitler an, wonach Mandate nur nach geleisteter Keren Haiessod-Zahlung validiert werden dürfen._ Die Konferenz beschloß, Dr. Steinmarder und Reichenbauch in Anerkennung ihrer Verdienste ins Goldene Buch des K. K. L. einzutragen. (Ziko.) Kleine Nachrichten Der Vorstand der Berliner J üdischen Gemeinde hat für die Erdbebengeschädigten in Palästina den Befrag von 6000 Mark zur Verfügung gestellt, von dem 3000 Mark fü׳• besondere Zwecke des alten Jischuw zur Verfügung gestellt werden sollen. Im englischen Unterhaus gab der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Orrasby Oore, auf die Anfrage eines Abgeordneten folgende Auskunft: Die offizielle Residenz des Oberkommissärs in Jerusalem ist Eigentum der Kaiserin- Augusta-Viktoria-Stiftung, an welche von der Palästina-Regierung Miete gezahlt wird. Im Jahre 1926 wurde £ 2200 als Miete gezahlt. Auf der Durchreise nach den Vereinigten Staaten weilte 'in Paris, rier.Präsident der •W^ter«ni8atiß»..״<VDsrachl,4 Rabbi Meir Berlin. ־Der::Parisei• NDbncffl ־gab zu Ehren des Präsidenten einen Empfang. Die Oelfabrik Sliemen in Haifa legt jetzt eine drifte Schicht ein. Die Fabrik wird also demnächst ununterbrochen Tag und Nacht tätig sein. (Ziko.) Wir erhalten eine Broschüre, die den Titel führt ״Die Vollendung des künstlichen Juden durch Zwangsbeschneidüng von Erich Ludendorff“. Da das Pamphlet keinen anderen Vermerk führt als ״Im Selbstverläge des Verfassers“, so ist der Verfasser und die Stätte der Drucklegung nicht zu erschließen. Die Broschüre soll offenbar eine von jüdischer Seite stammende Ironisierung der antisemitischen Angriffe Ludendorffs darstellen. Wir bedauern aber sagen zu müssen, daß dieses blödsinnige Machwerk nichts anderes erregt als Ekel, wobei wir davon absehen wollen, daB es auch den Antisemitismus, den es lächerlich machen will, unfreiwillig zu fördern geeignet ist. Wenn der Verfasser dem Judentum einen Dienst leisten wollte, so hat er offenbar weit gefehlt; denn das schlimmste ist auch vom jüdischen Standpunkt die Sünde wider den Geist. Buches. In unserer Bewegung wurden allzu häufig Annahmen und Hoffnungen als existierende Wirklichkeiten angesehen, in der Politik nicht weniger als in der Wirtschaft, wo wir gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Erscheinung begriffen sind. Diese Krankheit wird von der ״Zionistischen Politik“ mit vorbildlicher Entschiedenheit bekämpft, ln der Behandlung unserer aktuellen politischen Probleme wird der Bewegung immer wieder die eine Lehre gepredigt: auch zionistische Politik Jnuß, so stark sie mit einer Idee verbunden und auf sic gestützt sein mag, Realpolitik sein. Von diesem Gesichtspunkt aus wird die arabische Frage, werden die wirtschaftlichen Verhä'tnisse Palästinas in ihrer vollen Bedeutung klar gemacht, wird der bedingte Wert von Deklarationen gegenüber realen Verhältnissen gezeigt, wird die politische Arbeit Weizmanns ihrer Bedeutung entsprechend gew ürdigt. Wenn es heute einiges Verständnis für realpolitische Denkmethoden in der zionistische« Bewegung gibt, so ist cs nicht zun! wenigsten das Verdienst dieser Art der Behandlung unserer politischen Oegenwarts- Probleme. Man mul! hinzufügen, daß die Arbeit, die in diesen Aufsätzen begonnen worden ist, noch keineswegs beendet ist, Noch immer ist es in hohem Maße nötig, die Notwendigkeit realpolitischer Methoden eindringlich zu betonen, Deswegen sind die aktuellen Aufsätze der ״Zionistischen Politik“ auch für die nächsten Abschnitte unserer politischen Arbeit vielleicht noch ebenso wichtig, wie sie für die jüngst vergangenen waren. Diese Aufgabe, die die Verfasser auf sich genommen haben, trägt in hohem Maße einen erzieherischen Charakter. Menschen, die cs übernehmen, an der Erziehung einer Volksbewegung mitzuarbeiten, erfreuen sich im allgemeinen, und besonders solange sie noch mitten in ihrer Arbeit stehen, keiner besonderen Popularität. Auch die Verfasser der ״Zionistischen Politik“ sind immer wieder gezwungen, Dinge zu sagen, die bei der großen Masse der Anhänger der Bewegung keineswegs auf besonderen Anklang rechnen können. Ihre Aufsätze sind in keinem Sinuc darauf berechnet, Gefallen zu finden, sie wollen nicht das Wiedergaben, was gern gelesen wird. Sondern sie wollt n eine bestimmte sachliche Wirkung. Deswegen stellen sic sich ohne Schwanken gegen den allgemeinen Strom und genügen der Pflicht, die für sie verbindlich ist, der Pflicht zur Kritik der Bewegung, Dieser Kritik merkt man an, daß sie keineswegs der Lust am kritisieren entspringt. Ihr bestimmender Grund ist die Liebe zur Wahrheit. Durch eine leidenschaftliche Liebe zur Wahrheit und durch eine tiefe Liebe zur zionistischen Sache ist das Buch ausgezeichnet. Und mit diesen beiden Eigenschaften bietet es ein Beispiel für alle, die über zionistische Politik zu reden und zu schreiben berufen sind. j)r< Moritz Bileski, Rabbi Abraham, der ״Engel“ (Zu seinem 153-jährigen Todestag, 5537—5687.) Von Simon Ernst, Tel-Awiw. Eine legendarische Gestalt von seiner Geburt an bis zu seinem Tode war Rabbi Abraham Malach (der ״Engel“), der Sohn des großen Maggid, Rabbi Dow Bär von Mcscritsch. Von Kindheit an war er bestrebt, sich von allen irdischen Angelegenheiten f ׳■eizuhalten. Schon als Kind liebte er es, sein Gebet in der Stille der geheimnisvollen Nacht zu verrichten, Er widersetzte sich längere Zeit dem Wunsche seines Vaters, ihn zu verheiraten, indem er wohl zugab, daß der Gottesfunke auch in irdischen Dingen zu finden wäre, aber erst nach mühsamem Suchen; dagegen in der Welt der geistigen Dinge sei nur der Qottcsfunke da und beeinflusse aen Menschen ohne jedes Suchen. Er fügte sich diesem Wunsche erst dann, als der Vater sich auf das Gebot ״Ehre Vater und Mutter“ berief und kategorisch verlangte, daß der Sohn ihm Nachkommen verschaffe; dann erst heiratete er und hatte vier Kinder, Es sammelten sich um den ״Engel“, noch zur Zeit des Lebens seines Vaters, immer mehr Chassidim, welche von der auf dem Antlitz des jungen heiligen Zaddik ruhenden göttlichen ״Schechlna‘* bestrahlt sein wollten. Es war aber sehr schwer, dies Antlitz zu sehen, denn Rabbi Abraham pflegte meistens sich in seinem Zimmer abzusperren und saß dort ganze Tage einsam, vom ״Taliiz“ ganz umhüllt, Die hauptsächliche Anziehungskraft besaß für die Chassidim das Gebet Rabbi Abrahams, in welchem, wie er sich ausdrückte, nicht er selbst, sondern durch ihn die göttliche Schechinah sprach. Der ״Engel“ war originell nicht nur in seiner Lebensführung, sondern auch in seiner Lehre. Nach derselben ist die empirische Welt nur eine Abspiegelung des göttlichen ״Sohar en-sof“ (unendlichen Glanzes). Dieser Glanz kann nur zeitweilig uns verhüllt sein, schließlich muß er doch die äußere Schale der Dinge durchbrechen, da er deren innerstes Wesen ist. Wenn man sich nur nach Gott sehnt, so sieht man Ihn, wie Er sich in jedem Ding offenbart. Die Seele des Menschen ist Gottes klarste Offenbarung, und ihr Hauptbestreben sollte stets sein, diejenigen Hüllen, welche Schöpfer und Geschöpf zeitweilig trennen, zu beseitigen; dies geschieht am besten durch Askese. Und gerade darin besteht das Originelle in der Lehre des R. Abraham, und eben hier weicht er von der Lehre des Basischem und aller seiner Nachfolge«׳ ab, die der Askese abhold waren und gerade die Heiligung inmitten der Genüsse dieser Welt verlangten. Das Volk Israel ist ihm der Kernpunkt der Schöpfung und deshalb ist jeder einzelne Jude wertvoll, wenn er sich nur Gott zuwendet. Auch aus seiner Erniedrigung könnte sich das Volk Israel jederzeit emporheben, wenn es nur eine einzige Verbindung mit Gott anstreben würde. Der Zaddik seinerseits ist der Kernpunkt des Volkes Israel, es ist Gottes Sendbote, durch den die Welt von göttlichem Geiste durchtränkt wird; der Zaddik sammelt in sich die in allen Dingen seiner Umgebung ruhenden göttlichen Funken. Nach aem Tode seines Vaters wollte er die Führerschaft der Chassidim nicht übernehmen, da er, wie er sagte, den Dingen dieser Welt zu fremd gegenüberstehe, als daß er ihnen in ihren weltlichen Angelegenheiten guten Rat geben könnte. Er gab dann auch das gemeinsame Wohnen mit seiner Frau auf und erst kurze Zeit vor seinem Tode vereinigte er sich wieder mit seiner Familie. Er starb im Jahre 5537, kaum 40 Jahre alt. In Ergänzung des Aufrufes, der in Nr. 89 der ״jüdischen Rundschau“ vom Stybei-Verlag veröffentlicht worden ist, teilen wir nachstehend die Adresse des Verlages mit: Verlag A. J. Sty bei, G. m. b. H., C h a r 1 ott c n b u r g , Dahlmannstr. 5.

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