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Jüdische Rundschau · 1927-11-15 · Heft 91 (15.11.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 91 (15.11.1927)
Date
1927-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 646 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.©!, 15. XI. 1927 ,4m Dienste der Verheißung" Die neue Schrift Nathan Birnbaums*) ist eine Zusammenfassung und ein Schlußstein der Entwicklung in seinem Leben, die mit seinem Buch ״G o 11 c s Volk“ eingesetzt hat. Damals war Birnbaum seinen Weg zu Ende gegangen. Er, der lange vor Herzl in Westeuropa ein Pionier des territorialen Zionismus und des Gesinmmgsnationalismtis gewesen war, war schon Jahre vor seiner letzten Wandlung dahin gekommen, nicht mehr auf das formale Bekenntnis und auf politische Zielsetzungen das Gewicht zu legen, sondern auf das Leben und das wesen des Volkes und darauf hin, daß man diesem Leben und Wesen nach zu seinem Volke gehöre. Leben und Wesen des Volkes war aber durch alle Jahrtausende hindurch von der Religion beherrscht gewesen, das jüdische Wesen hatte sich nicht gleichmäßig auf der ganzen Breite des Lebens geäußert, es hatte sich um die religiöse Geistesachse herum aufgebaut. So weit war Birnbaum ein Erkennender gewesen; er wurde ein Gläubiger. ״Gott hatte sich in mir angekiindigt und trat dann plötzlich in mein Bewußtsein ein. Nim erkannte ich auch erst mein Volk, die Einzigartigkeit seines Wesens und Lebens. Wir waren mit Gott in die Welt und in ciie Geschichte eingetreten, um jene durch ihn zu schauen und diese nach seinem Willen zu zimmern. Wir allein haben unsere kleine Gemeinschaft für ihn und nicht für unseren beschränkten Machtnutzen eingerichtet. Einsam und unerkannt sind wir unter den Heiden- Völkern des Altertums geblieben. Als die Jahrtausende des Zusammenstoßes kamen, blieben wir doch wieder in unserer gtänzenden Vereinsamung. Wohl gaben wir den Völkern neue rcii« giöse Grundlagen, wohl senkten wir unseren jüdischen Gottesgedanken als ewigen Gärungsstuft in ihre feindliche Welt, aber immer wieder und immer sehnsüchtiger suchte sich der ursprüngliche Instinkt des Heidenmenschen den Weg ins Freie, zu seinem sogenannten freien Spiel der Kräfte, darin nicht gerade nur Kam den Abel, sondern auch ein Kain den anderen und, wenn es darauf ankommt, sogar ein Abel den anderen niederschlägt. Wir aber waren wie Menschen in einer windstillen Bucht, die den Sturm auf dem offenen Meere toben sehen. Mit verwunderten Augen sahen wir dem Kampfe da draußen zu, der Ricsenschlacht um ein Zwergteilchen unseres Judentums und blieben, blieben allein mit dem Schauern der Ewigkeit. Gott hatte uns, wir hatten ihn gewählt.“ Am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts brach der Sturm, auch in das Judentum ein. Die entscheidende Periode seiner Geschichte, worin seine Gestalt und ihre geistigen Grundlagen in einen Wandlungsprozeß ein bezogen wurden, stellte die Führer des Volkes vor das Ringen um eine erneuerte Erkenntnis seines Wesens und vor die Aufgabe, einen Weg zu weisen. Nathan Birnbaum hat sich durch vier Jahrzehnte unablässig darum bemüht. Jede Etappe seines Weges hat fruchtbare Saat ausgestreut, die später erst, unter der Hand anderer Männer, ihre Ernte getragen hat. In einer aufsteigenden Linie ging seine Entwicklung von Teilproblemen und Teillösungen immer mehr aut das Ganze. Seine Forderung zielt auf ein verjüngtes Gottesvolk, das nicht wie die heutige Orthodoxie erstarrt und verwittert, sondern das den Geboten der Heiligkeit mit neuer Inbrunst auf allen Gebieten des Lebens und in voller Menschlichkeit nachlebt. Zu diesem Ziele soll das Judentum von einer kleinen• beispielgebenden Schar geführt werden, einer über die ganze Judcnheit hin gegliederten und sie leitenden Glaubenshüterschaft, den ״Olim“, deren Bedeutung auf anderem Gebiete der der Chaluziuth entspricht; heroischer Vortrupp, Kernnunkt und Beispiel für das ganze Volk zu sein. An diesem seinem Ideal hat Birnbaum in den sieben Jahren, die zwischen den Publikationen der beiden Werke liegen, die Judenheit gemessen. Er hat nirgendwo die Bereitschaft zur Tat im Dienste der Verheißung gefunden. In allen Lagern, in denen der Orthodoxie nicht anders wie un Zionismus und der Assimilation, findet er Geschäftigkeit statt reiner Innigkeit, eilige Effekthascherei statt stiller Arbeit. Die Worte, die Birnbaum egen den ״neuen jüdischen Typus" findet, der seit dem Einruch der Assimilation als Vertreter des Judentums vor den Völkern erscheint, enthalten zweifellos viel Richtiges. Dennoch scheint es uns, daß Birnbaum, entsprechend einer Terminologie, die in Deutschland und Osteuropa in der Literatur der letzten Jahrzehnte modern geworden ist, eine künstliche und scharfe Trennung zwischen ״Kultur“ und ״Zivilisation" zieht, eine Trennung, die gerade den westeuropäischen Völkern, die auf beiden Gebieten an führender Stelle stehen, mit Recht unbekannt ist. Der ״neue Jude“ erscheint Birnbaum als der laute und vordrängerische Zivilisationsjude, was er auch gern mit Freigeist gleichsetzt, der ״alte Jude“ ist für Birnbaum der Kulturjude. Birnbaum übernimmt auch viel zu leicht die Terminologie und Wertschätzung konservativer und jimgkonservativer Politiker, die in ähnlicher Weise wie er zwischen Typen unterscheiden und in romantisch verklärender Weise das Lob zu sehr den ״Alten“ reservieren. Obwohl Birnbaum hie und da zwischen dem ״alten“ Juden und dem ״Juden an sich“ zu unter- *) Hermon-Verlags-A.-G., Frankfurt a. M., 1927. halt im Lande. Der zweite, der jenseits des Mittelmeeres blieb, weiß schon den Heldengesang des Eroberers vor!) Berge Kenaan anzustimmen. Aber selbst in die-en Großen wirkt noch die Qaluthvergangenheit nach, trübend und hemmend die unmittelbare Einfühlung in das Land und seine wurzelhafte Boden-, Felsen-, Berg- und Talseele. Wohl aber war es Schimonovicz, dem früheren ,,Schomer“ (Wachter) in den Siedlungen Galiläas, vergönnt, uns seine ״Idyllen“ zu schenken, seinen ,,Wald in Hedera“ und ,,Jubelfest der Droschkenführer in Re~hobotl1“, die unser Landesbuch freudig aufnimmt. Jacob Fi.hmann, der Redakteur, mußte seiner Bescheidenheit Zwang antun und der Wahrheit niliebe auch aus seinen Dichtungen eine schöne Blütenlese vorführen. Avigdor H. Amciris vuikatienhaffe Seele preßt sich so Seidenschaftli׳i» an den Boden der Heimat, daß die Worte fast aus ihren gleichmäßigen Drurkreihen auseinander gezerrt werden. Auch die nicht in die verborgenen Schattierungen und Feinheiten der Sprache Eingeweihten werden aus seinen Liedern das hebräische Dichterherz pochen hören. Das ״Duell vom Lande“ wird zweifellos ein Dauer-Denkmal Palästinas in der Dichtung bleiben. Von der Jüdischen NaüonalbiblioUiek Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek erhielt durch Vermittlung von Dr. Hugo Schachtel, Breslau, eine größere Sendung, welche insbesondere wertvolle Zeitschriften- Serien u. a. die Serie des ״Kunstwart“ enthielt. Frau .Antonie Engel, die Witwe des kürzlich verstorbenen Komponisten Joel Engel, übergab der Bibliothek eine Sammlung von musiktheoretischen Schriften aus dem Nachlaß ihres Mannes. Herr Professor Felix Perl es hat nach seiner Rückkehr aus Palästina der Bibliothek eine vollständige Sammlung seiner in vielen Zeitschriften zerstreuten Abhandlungen zur Verfügung gestellt. Die Bibliothek hat in letzter Zeit Tauschbeziehungen mit Bibliotheken des Ostens angeknüpft, für welche «ie Sammlunccn judaistischer Literatur im Tauschwege bereitstellt. Aut diese Weise erhielt die Bibliothek eine Sendung von Literatur über Australien von der Bibliothek in Melbourne und eine Kollektion von Bachern über Indien von der Bibliothek in Kalkutta. scheiden scheint, 80 fließen ihm doch im allgemeinen diese beiden Begriffe in einen zusammen, wodurch Birnbaum die Relativität des ,,alten“ Judentypus aufhebt und andererseits den Juden an sich relativiert, ihn mit einem zeitlich bedingten Typus, mag diese Zeit auch den größten Teil der Diasporagescfiichte umfassen, gleichsetzt und so die Wandlungs- und Verjüngungs- Fähigkeit der Formgestaltung des Juden an sich aufhebt. Es verdient Anerkennung und Zustimmung, wenn Birnbaum einen solchen Nachdruck auf das Vorrecht des Alters und des Herkommens und ihren Anspruch auf Gültigkeit als in der Zeit Gereiftes und Gewordenes legt. Aber daneben muß das Recht der Revolution als sittlicher Erneuerung, als höherer Zielsetzun^ anerkannt werden. Mit diesen prinzipiellen Vorbehalten, die sich nicht gegen Birnbaums Gläubigkeit richten (denn Oläubigkelt ist sehr wohl mit revolutionärer Gottesreichsnoffnung vereinbar; selbst bei Birnbaum lassen sich dahingehende Elemente in seiner Anschauung klarstellen, die mit seiner traditionell konservativen Grundhaltung nur schlecht Zusammengehen), sondern gegen seinen uneingeschränkten Konservativismus, sdll hervorgehoben werden daß die Grundgedanken seiner — vor allem an die Adresse der Orthodoxie selbst gerichteten — neuen Schrift außerordentlich viel Beachtenswertes enthalten. Birnbaum gehört wie Achad Haam und Buber zu der verschwindend geringen Zahl von Männern im Judentum, die nicht nur, wie etwa Hermann Cohen, um das Wesen des Judentums und seine Deutung ringen, sondern auch im jüdischen Alltag der Gegenw a rt den Weg suchen und zeigen wollen, der der Bestimmung und Entfaltung seines Wesens dient. Hier ist es bezeichnend, daß, so sehr Birnbaums prinzipielle Einstellung von der geläufig zionistischen (nicht von jeder zionistischen) abzuweichen scheint, der von ihm vorgeschlagene Weg in die gleiche Riehtung weist wie der zionistische, mir daß bei Birnbaum die einzelnen, die Wegrichtung bestimmenden Momente verallgemeinert und andersartig betont sind. Dies mag ein Zeichen der Treue sein, mit der Birnbaum an seine Ursprünge zurückdenkt, es mag auch die Gewähr der inneren Einheit sein, die Birnbaums Lebenslauf trotz aller Wandlungen umschließt. ־1! Birnbaums letzte Schrift ist äußerlich zweierlei: ein scharfer Tadel gegenüber der Orthodox®, die unvermögend ist, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, und deren wachsende Schwäche offen zugegeben wird, und ein Abrücken von zionistischer Denkweise und zionistischen Methoden, wobei der Orthodoxie vorgeworfen wird, daß sie immer mehr in den Bann zionistischer Denkweise und Methoden verfalle. Birnbaum bestätigt den Sieg, den der Zionismus in den letzten Jahren auf der gesamten Front des jüdischen Lebens errungen hat; weite Kreise der Assimilation haben sich von der Bedeutung des Zionismus überzeugt und nehmen an seiner aufbauenden Tätigkeit teil, bei ihnen äußert sich aber vor allem der geistige Einfluß des Zionismus als einer neuen Bewußtwerdung des Judentums. Bei der Orthodoxie fällt letztere Wirkung nach der Lage der Dinge weniger ins Gewicht, dafür hat sie ״das Wesentliche der zionistischen Mentalität selbst als Wesensbereicherung erhalten“. ״Nicht nur kömmt in den Zeitschriften der selbständigen Orthodoxie die zionistische Betrachtungsweise der Palästinasaclic von Nummer zu Nummer zu immer mehr Geltung und der zionistisch appretierte Palästinastoff immer mehr in den Vordergrund, sondein die theoretische Einbeziehung des Palästinaprimats in das selbständig orthodoxe Programm wird immer ausgesprochener und zugleich immer dutzendzionistischer.“ Birnbaum bekämpft die zionistische Mentalität, er sieht in ihrem Ueberhandnehmen unter der Orthodoxie eine Gefahr. Birnbaum bekämpft aber nicht den Zionismus. Wie für jeden wirklich orthodoxen Juden, steht auch ihm Palästina an be- -.4wtWB«v<>lj!ft Stelle.-. .Es4®t.,41jp« eieM..d^r;Mtf^punkL; seines jüdischen' Denkens und LefefS, denh'imverrßckBate'r. Mittelpunkt ist ihm die Thöra und die von der Thora gebotene Lebens- Ordnung, deren Glied Palästina Ist Aber ״nie hat das Land Israel für uns seine Rolle in der Geschichte Israels ausgespielt, nie wird es für uns sie ausspielen. Uns ist Palästina immer Erez-Israel geblieben. Das Land war uns stets gegenwärtig, war stets Gegenstand unseres heißen Streben«, uns mit ihm zu verknüpfen, immer mehr zu verknüpfen.“ Als ritterlicher Gegner erkennt Birnbaum auch die großen Fortschritte des Zionismus an und auch die Tugend der zionistischen Leitung, die ״inmitten der großen hoffnungsfreudigen Erregung kühle Ruhe bewahrt und vor zu viel Illusionen warnt“. Was ihn vom Zionismus trennt, ist die zionistische Methode, das pseudomessianische Gefühl mancher Zionisten von der ״welthistorisehen Wende“. Er vermißt in dem Zionismus die geduldige, voraussehende langsame Art, er lehnt die Manifestationen und Forderungen ab, durch die erst viele der antizionistischen Widerstände geweckt werden, und er wünscht eine Palästinaarbeit ״ohne große Politik, ohne gefährliche Illusionen, ohne Leichtsinn, nur der alten, großen und heiligen Liebe folgend, für das Land und im Lande zu arbeiten, zu arbeiten und wieder zu arbeiten“. Birnbaums eigentliches Ziel geht über Palästina hinaus auf eine Rettung und Erhöhung des gesamten Judentums. Auf welchen Grundlagen und in welcher Richtung Birnbaum diese Erhöhung sieht, das ist in dem schönen Kapitel ״Im Dienste der Verheißung“ in inniger und kräftiger Sprache gesagt; hier, wo es uns um die Auseinandersetzung mdht über das Wesen, sondern über den Weg geht, können wir nur darauf verweisen. Mit dem Ziele Birnbaums stimmen wir überein, mit dem seelischgeistigen Aufstieg Israels, den er erstrebt, mit der ״anhaltenden Äenderting zum Besseren in der inneren Physiognomie des Volkes“. Er hat recht, daß diese nur möglich ist, wenn im Volke die Forderung des Geistes in ihrer Reinheit lebendig erhalten wird, wenn in ihm Menschen erstehen, die diese Forderung erkennen und verkünden. Daneben müssen aber für die Masse die Dinge so gestaltet und die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse so geschaffen sein, daß sie der Forderung des Geistes nicht widerstreben. Welche Voraussetzungen verlangt nun Birnbaum für diesen seelisch-geistigen Aufstieg Israels? Mit dem Zionismus gemeinsam ist ihm die Erkenntnis von der Lähmung der jüdischen Seele ln den letzten Jahrhunderten des Golus. Aber, — mit dieser Ansicht dürfte er auch unter den Zionisten Anhänger finden — nicht alle Nöte des Golus sind dem Golus zuzuschreiben und unbehebbar im Golus. Aus dem geistigen Golus heraus gibt es einen Weg, dessen zwei Voraussetzungen, wie wir schon oben gesagt haben, im Grunde zionistische Forderungen sind, wenn sie auch von Birnbaum auf einen weiteren Kreis angewendet werden. Birnbaum fordert als erste Voraussetzung die Verländlichung, den Uebergang der Juden zum Ackerbau und Landleben, und er findet für die Bedeutung dieser ewigkeits- und naturnahen Siedlungsart Worte, die von A. D. Gordon geschrieben sein könnten. Die Verländlichung hätte sich nicht nur auf Palästina zu erstrecken, sondern die Flucht aus den Städten zum unmittelbaren Leben hätte in allen Ländern einzusetzen gehabt. Es ist unzweifelhaft richtig, wenn Birnbaum ausführt, daß ein Bauernzolus besser ist als ein Krämergolus, daß die Schaffung jüdischer Bauernbevölkerungen in der Diaspora in Zukunft Reserven an Palästina abgeben können, und daß die Lage des jüdischen Volkes keine durchgehende Scheidüng zwischen Palästina und Diaspora, keine Beschränkung nur auf Palästina, sondern im Gegenteil ein lneinanderfügen aller notwendigen Tätigkeit erfordert. Aber Birnbaum selbst gibt zu, daß heute nur Palästina als Oebiet für Verländlichung in Betracht kommt, und er übersieht, daß nur eine gelungene Verländlichung in Palästina Antrieb zu ähnlicher Siedlungstätigkeit in anderen Ländern werden kann. Sollte ei, ungeachtet der in Palästina schon geschaffenen Grundlagen und der besonderen Antriebe, die zur Verländlichung gerade in Palästina führen, nicht gelingen, hier aus dem Kramervolk ein Bauernvolk zu machen, dann kann cs sicherlich auch in keinem anderen Lande der Welt gelingen. Dies war eben der Zentral- . das jüdische Volk zu produktivem, erdgebundenem Leben über* gehen könne und daß nur liier die geschichtlichen und psychologischen Kräfte es dazu treiben. Birnbaum, der sonst auf organisch geschichtliche Kräfte solchen Nachdruck legt und revolutionäre Umgestaltungen ablehnt, müßte in seiner eigenen Linie zu gleichen Schlußfolgerungen kommen, wenn er dabei auch verlangte, daß die Zionisten in Palästina nicht den Staatsgedanken, sondern den der Verländlichung in den Vordergrund stellen und daß ihnen daher nicht die quantitative Mehrheit, sondern der qualitative Weg, ״soziale Gerechtigkeit, Versittlichung, religiöser Aufschwung, Vematürlichung und Verländlichung“ das Ziel werden. Als zweite Voraussetzung fordert Birnbaum eine einheitliche Zusammenfassung des gesamten jüdischen Volkes zu geeintem geistigen und politischen Handeln. Dies gerade war gegenüber der Assimilation und gegenüber der Orthodoxie, die beide Trennungslinien inner- ״alb der Judenheit zogen, der große Gedanke des Zionismus. Es ist eine zionistische Erkenntnis, die Birnbaum in dem Satze ausspricht; ״das jüdische Volk hat es nicht verstanden, im Golus, wo es gerade besonders darauf angewiesen war, ein einheitliches, von einheitlichem Willen zusammengefaßtes und einheitlichen Willen ausströmendes Gebilde aus sich zu machen“. Wohl dienten die Zionistenkongresse zeitweilig nur einem beschränkten Ziele, dem Palästinagedanken, und einer beschränkten Form, indem sie sich als Vorläufer eines staatsähnlichen Gebildes sahen. Aber in der Erkenntnis, die sie schuf, war bereits der größere Gedanke enthalten, ein alljüdischer Kongreß zu sein, der alle Fragen der Judenheit und des Judentums zu beraten hat und der dabei eine neue, dem eigentümlichen Wesen des jüdischen Volkes entsprechende zusatnmenfassende Form repräsentierte. Daß Birnbaum diese jüdische erdumspannende Allgemeinde geistlich theokratisch organisiert sehen will, ist bei seiner Grundeinstellung selbstverständlich. Interessant für die allgemeine konservative Ein- Stellung Birnbaums ist dabei der Umstand, daß er diese AUgemeinde der katholischen Kirche vergleicht und der Geist- Iichkeit eine exklusive Führerrolle zuweist. W i r dagegen glauben, daß diese Allgemeinde nur dann Lebenskraft naben wird, wenn sie in der Liebe zu einem Zentrum in Palästina die vereinheitlichende Aktionsrichtung findet. * Birnbaum selbst kennt die Schwierigkeiten, die seiner Lösung des Wegprohlems gegenüberstehen. Sie sind keineswegs geringer als die Schwierigkeiten, die der zionistischen Lösung egenüberstehen. Birnbaum weiß, daß die Erfahrung zu der ealisierbarkeit seiner Vorschläge Nein sagt und daß nur der Glaube mit einem [a antwortet. Aber Ratlosigkeit, Gleichgültigkeit und Verfall in unserem Volke sind so stark, daß jede Stimme, die zu Richtung, Tat und geisterfülltem Leben aufruft, von uns gehört werden soll. Laßt uns, ruft Birnbaum, ״die Bereitesten und Geeignetsten aus den Städten hinausschicken, um Stätten zu begründen, auf denen Gemeinschaften jüdischer Menschen durch gott- und naturnahe Arbeit für die Erfüllung des Sinns jüdischen Seins heranreifen. Laßt uns Erez-Israel, dem Lande der Verheißung, dienen, still, hingebend und ohne jene Eile, die der Illusion notwendig erscheint, aber in Wirklichkeit auf Kosten der Sicherheit des Volkes und Mer allseitigen Gediegenheit der Leistung geht!“ Nach unserer »?iÄidtf’SkatBf *Mur äterAdbett»4Br änd W«l#äti«a;';die HfStig verstandene und im Dienste des Geistes geleitete Arbeit, die Einbildungskraft und den Willen der Juden so weit entfachen, daß er für den seelisch-geistigen Aufstieg bereit wird, den wir mit Birnbaum gemeinsam — wenn auch vielfach in anderen Formen — wünschen. Hans Kohn. Pro Palästina-Abend in Min Das Deutsche Komitee Pro-Palästina veranstaltet am 22. d. Monats in Köln eine Kundgebung unter dem Vorsitz seines Präsidenten des Grafen Bernstorff und unter Teilnahme des Oberbürgermeisters Dr. Adenauer, Vorsitzenden des Preußischen Staatsrates, der gleichfalls Mitglied des Komitees ist. Es werden mehrere prominente Mitglieder des Komitees Ansprachen halten. Kleine Nachrichten Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich hat die Mit* teilung erhalten, daß Dr. Chaim Weizmann die Einladung des Landeskomitees, nach Wien zu kommen, um bei der Konstituierung des Pro Palästina-Komitees zugegen zu sein, angenommen hat. im Jahre 5687 (Oktober 1926 bis September 1927) betrug die Einnahme des Jüdischen Nationalfonds fn Palistina £ 7286, gegenüber einer Einnahme von £ 2203 im vorhergegangenen Jalire. Die Grands Moulins de Palestinc in Haifa haben am 30. Oktober ihre diesjährige Mazzoth-Produktion wieder aufgenommen. Vorläufig wird in einer Schicht gearbeitet, es sollen aber bald zwei Schichten eingelegt werden. Am 23. Oktober haben die Arbeiten beim Straßenbau Jawneei-Kinereth begonnen. Insgesamt werden dort 150 Arbeiter Verdienst finden. Die Arbeit wird aus den Geldern der Pica, die sie der Rcgierungsabtetlung für öffentliehe Arbeiten zur Verfügung gestellt hat, durchgeführt. Am 13. und 14. November fand in Kowno die Landeskonferenz der litauischen Zionisten statt. Die Landeskonferenz der lettländischen Zionisten wird am 20. November in Riga abgehalten. Am 12. und 13. November fand in Krakau die VI. Jahreskonferenz der Hitachduth-Organisation Westgnliziens und Polnisch-Schiesiens statt. Die Jahreskonferenz des Zionistenverbandes in Junos 1 a w i e n findet am 4. und 5. Dezember d. J. in S u b 011 c a statt. Zwischen Jerusalem und de in Eraek wurde ein regelmäßiger Autodienst aufgenommen. Das Auto verläßt jede Nacht 11 Uhr Beth Alpha, passiert die Siedlungen int Nuris-Komplex und Afuleh und kommt frühmorgens in Jerusalem an, das es wieder in der Gegenrichtung um 12Uhr mittags verläßt. Der Fahrpreis Jerusalem—Afuleh beträgt P.T. 30. (Ziko,) Das Gemeindebudget der Kolonie Petach Tikwah in Pali* stina für die Zeit vom 1. April 1926 bis 31. März 1927 betrug an Einnahmen £E 12944 und an Ausgaben £E 13 042. Der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde gibt bekannt, daß die Beerdigung verstorbener Konfessionsloser, die früher Juden waren, auf dem Israelitischen Friedhof von jetzt ab verboten sei.

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