Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1927)
- Date
- 1927-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 044 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 91, 15, XI. 1927 verurteilen. Aber ihre Schuld am Untergange weiter Teile der Judenheit wird unbestritten bleiben. An die Stelle der mißglückten unechten Versöhnung zwischen Judentum und Welt muß eine echte Versöhnung treten und ihre Formel lautet: Judentum und Moderne sind keine gegensätzlichen Begriffe, man kann hundertprozentig jüdisch und hundertprozentig modern sein. Wie dieses Produkt aussieht, wolle man gefälligst in Palästina beobachten. Dort ist man ohne erst lange zu überlegen und viele Worte zu machen, trotz Soziaiisnius, Kommunismus oder irgendeines Ismus, dem man sich verschrieben hat, mit Selbstverständlichkeit Voll- Jude. Sicherlich ist der Typus des neuen Juden in Palästina der günstigste Grenzfall, dessen Verkörperung nur für wenige Geltung hat und dem in absehbarer Zeit nicht alle Juden gleichen können. Aber auch außerhalb Palästinas läßt sich in Anlehnung und mit Hinweis auf vorhandenes modernstes Volljudentum, bei Proklamation eines lebendigen jüdischen Inhalts und einer jüdischen Zukunft sehr viel für die Verjudung der Juden tun. Judentum kann nicht erlernt, Judentum muß erlebt werden. Wo das Erlebnis fehlt, da helfen die schönsten Traktate nicht. Die Forderung muß also heißen: Er- Ziehung, von der frühesten Jugend an. Der Weg hierzu sind jüdische Schulen, in den Judentum Primat ist. Von einem Missionär wird folgende Geschichte erzählt: er predigte Menschenfressern in Afrika, daß, Menschenfleisch zu essen, nicht gut sei. Erstaunt und verwundert schüttelte der Häuptling der vom Prediger!«rangierten Gemeinde, den Kopf und sagte: ״Im Gegenteil, Menschenfleisch zu essen, ist sogar sehr gut“. Damit bewies der Schwarze, daß er überhaupt für die moralische Seite der Forderung des Missionars kein Verständnis hatte, und daß das Wort gut für ihn nur die Bedeutung von lustgefühlerzeugend besaß. An diese Geschichte erinnerte ich mich vor einigen Tagen, als ich einem Austrittsjuden Vorwürfe machte, warum er aus der Gemeinde ausgetreten sei. ״Das ist nicht schön von Ihnen“, sagte ich ihm. Der Austrittsjude schaute mich verwundert an und entgegnete: ״Ich wüßte nicht, daß es besonders schön wäre, der jüdischen Gemeinde anzugehören“. Ich verstand, daß von mir zu ihm keine Brücke führen könne. 111m fehlen die jüdisehen Erlebnisse. Und die kann man einem nicht durch Traktate, Predigten und durch Logik beibringen. Die muß man in langer Erziehungsarbeit in das Herz und die Seele jedes Juden ejnprägen. Nur mit dem Hinweis auf eine jüdische Zukunft kann man eine jüdische Gegenwart bauen. Ein anderer Weg ist nicht vorhanden. M. W. Dte Resolution von Cleveland \'"CTeafc fff Öfciober TOr-deZKoWerenz des ÜniteL'Pa* Jestine Appeal in Cleveland angenommene Resolution über d! e englische Politik In Palästina (vgl. den telegraphlsehen Bericht in Nr. 89 der ״J. R,״) lautet: ״Die Konferenz des United Palestine Appeal, die alle dem Aufbau des Jüdischen Nationalhcims in Palästina gewidmeten Kräfte der amerikanischen Judenheit vertritt, entbietet der britisehen Regierung ihre Grüße und gibt ihrer Wertschätzung für die Bemühungen der britischen Regierung, mit dem jüdischen Volke an der Erfüllung dieser historischen Aufgabe zusammenzuarbeiten, Ausdruck. Der United Palestine Appeal, der diejenige Institution der amerikanischen Judenheit ist, die für die Aufbringung der Fonds zum Wiederaufbau Palästinas zu sorgen hat, ist seiner Wählerschaft gegenüber für die zweckentsprechendste Verwendung dieser Fonds verantwortlich. Es ist die einmütige Ueberzeugung dieser Konferenz, daß die zweckentsprechende Benutzung dieser Fonds zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims in entscheidendem Maße von der Interpretation abhängt, die die Palästina-Administration gemäß den Anweisungen der britischen Regierung dem Inhalt der Balfour-Deklaration gibt, wie sie (die Deklaration) in dem Mandat für Palästina zum Ausdruck kommt, besonders in Jenem Abschnitt des Mandatsstatuts, in welchem die britische Regierung durch ein Gelöbnis verpflichtet wird, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims in Palästina zu unterstützen. Es ist ferner die einmütige Ueberzeugung dieser Konferenz, daß die Palästina-Administration dieser Bestimmung nicht im vollen Sinne der Balfour-Deklaration entsp׳ rochen hat; die Konferenz lenkt die besondere Aufmerk־ samkeif der britischen Regierung auf das System de! Boden- Besteuerung und der Tarifregelung, das jetzt in Palästina in Geltung ist, hin. Die Konferenz erklärt, daß diese Methoden eine schwere und in den Tatsachen nicht gerechtfertigte Belastung des schöpferischen kolonisierenden Elements des Landes, sowie eine Abschreckung für industrielle Unter* nehmer zur Folge haben. Die Konferenz lenkt die Aufmerksamkeit der britischen Regierung auf den klarenWiderspruch hin, der zwischen dieser Sachlage und der Aufgabe der britischen Regierung, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims in Palästina zu erleichtern, besteht. Die Konferenz gibt ferner ihrer festen Ueberzeugung Ausdruck, daß die britische Regierung in dem Wunsehe, den schöpferischen, dem Wiederaufbau Palästinas sich widmenden Kräften freien Spielraum zu lassen, ungesäumt Schritte unternehmen wird, um alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die gegenwärtig jene Kräfte in ihrem Vorwärtskommen hemmen.“ Direktor Wassermann aas Palästina abgereist Direktor Oskar Wassermann, Vorsitzender des deutsehen Keren Hajessod und Mitglied der Jewish Agency- Kommission, hat nach einem Aufenthalt von mehreren Wochen Palästina wieder verlassen. Direktor Wassermann hat das ganze Land bereist, die jüdischen Siedlungen besucht und auch die Tätigkeit der verschiedenen jüdischen Institutionen studiert. Der Waad Leumi hat ihm zu Ehren einen Empfang veranstaltet, bei welchem der Gast sich mit großer Befriedigung über seine Eindrücke in Palästina äußerte. Direktor Wassermann hat sich zunächst zu längerem Kuraufenthalt nach Aegypten begeben und wird Ende November in Berlin eintreffen. Die Gefährdung des deutschen Zionismus durch Ueberspannung des föderativen Gedankens Von Gerhard Holdheim. Die Zionistische Organisation zeigt während der letzten Jahre eine ungemein starke Tendenz zur inneren Differenzierung. Die Zeiten, wo eine Landsmannschaft mit gleichgerichteter politischer Zielsetzung auf die Kongresse ging und die Landsmannschaft«! sogar untereinander so wenig zu divergieren schienen, daß die gewählte Exekutive getragen war von einem kompakten Block der Allgemeinen Zionisten — diese Zeiten sind endgültig vorüber. Wer auch nur etwas eingeweiht ist in die Struktur der Bewegung und in die Realitäten des Palästina-Aufbaus, kann sich über die Entwicklung nicht wundern. Die ideologischen und politischen Gegen- Sätze, die zwar immer bestanden, bis vor wenigen Jahren jedoch nach außen nicht hinreichend deutlich in die Erscheinung traten, mußten zwangsläufig zu neuartigen Gruppierungen führen. Wenn eine konkrete politische Anschauung ihren Einfluß in der Bewegung geltend machen will, bleibt ihr nichts übrig, als interterritorialen Zusammenschluß zu erstreben und sich zu einem Parteigebilde zu organisieren. Genau so wie der deutsche Zionist Barth mit dem polnischen Zionisten Farbstein durch ein kulturpolitisches Programm fraktionell verbunden ist, kann uoldmann mit Stricker und Lichtheim mit Jabotinsky sich organisatorisch verbinden. Und cs unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß auch der Rest der Allgemeinen deutschen Zionisten kein einheitliches politischcs Gebilde ist und bald gezwungen sein wird, über die Landesgrenzen hinweg gemäß seiner innerpolitischen Ueberzeugung Anschluß zu suchen. Wer wie Schreiber dieses Artikels die Notwendigkeit des Parteiensystems Innerhalb der Zionistischen Organisation*) als zwangsläufige Entwicklung schon zu einer Zeit erkannte, als noch führende deutsche Zionisten den ״Block der Landsmannsehaften“ propagierten, fühlt die Verpflichtung, die Gefahren aufzuzeigen, die eine Ueberspannung des föderativen Gedankens im Gefolge haben muß. Daß bei den Wahlen zum Kongreß die diversen Gruppen sich bekämpfen, ist an der Ordpung. Auch daß der Wahlkampf mehr oder weniger gewollte Ungerechtigkeiten, Unsachlichkeiten und persönliche Schärfen mit sich bringt, wird niemand tragisch nehmen. Mit aller Entschiedenheit muß jedoch verhindert werden, daß die für Kongresse und A.-C.-Sitzungen berechtigte Differenzierung ständig übergreiftin den Alltag konkreter zionistischer Arbeit. Der Kongreß ist vorüber. Es hat wenig Sinn, naehtriglieh darüber zu streiten, ob er der beste oder der schlechteste der Nachkriegskongresse war und ob es besser gewesen wäre, anstatt eines Wirtschaftsdiktators eine Koalitionsexekutive zu wählen, für die angeblich ein gemeinsames Aktionsprogramm zu finden gewesen wäre. (Man kann hier wirklich sehr verschiedener Meinung sein.) Alle Gruppen haben sich nunmehr mit der neugewählten Leitung abzufinden und sie durch angespannteste Arbeit zu unterstützen. Dabei bleibt es keiner Richtung unbenommen, für die Pro!»- gerang ihrer politischen Metatinge« wdterarwMccn und ihr« nfluß ׳־zu-'Verstärkter 'Geltung zu bringen. Wirdnlemand so!• töricht sein, einer Gruppe zu verwehren, die Zeit bis zum nächsten Kongreß für Ihre Ziele zu wirken und neue Anhänger zu gewinnen, so muß die Z. V. f. D. an alle die For• derung stellen, die gemeinsamen Zusammenkünfte nicht zu unfruchtbarer Gruppenpolemik zu mißbrauchen. Mit dem grofesken Zustande muß gebrochen werden, daß bei fast jeder Diskussion über noch so sachliche Fragen die Verfreier der Parteien sich quasi verpflichtet fühlen, ihre Parteidoktrinen 7u verzaofen. Die Forderung nach sachlicher und freundschaftlicher Zusammenarbeit erheben heißt nicht einen faulen Burgfrieden propagieren, um eine gemeinsame Arbeit überhaupt durchführen zu können. Sieht man sich die führenden Personen der streitenden Parteien in Deutschland einmal näher an, so fragt man sich immer wieder, ob nicht das Einigende unvergleichlich größer ist aLs das Trennende. Es Ist nämlich wirklich so. daß es auch heute noch einen deutschen Zionismus gibt. Mag der Streit um Welzmann, zionistische Außenpolitik und Jewish Agency noch so heftig die Geister scheiden (wieviel Ressentiments mögen wohl dabei eine Rolle soielen?), ich bestreite, daß in seinem zionistischen Gesamtbilde Lichtheim mit Jabotinsky mehr übereinstimmt als etwa mit Feuerring, oder Goidmann den Anschauungen Strickers nlhersteht als denen Rosenblüths. Der Gegensatz betrifft doch zumeist aktuell-politische Fragen, über die auch ähnliche zionistische Tvpen sich heftig in den Haaren liegen können. Es sind aber Trennungsmomente, die in zwei und drei Jahren wieder aufgehoben sein können, wenn näralieh ihre Ursachen entfallen. Sind Misrachi und Poale Zion Föderationen auf weltanschaulicher Basis, so wird der objektive Betrachter Revisionisten, Radikale und Linkes Zentrum nur als Organismen ansehen können, die In einer bestimmten weltzlonlstjschen Situation zur Erreichung eines bestimmten politischen Zweckes sich gegründet haben. Ist es aber Tatsache, daß politisch sich homogen fühlende Gruppen in ihren eigenen führenden Personen oft weit stärker divergieren als gegnerische Parteihäuptlinge untereinander 1(die oft gleichen Vorsteflungsweifen zugehören und eben nur in der Auffassung der momentanen politischen Nofwendigkeiten auseinandergehen), mit anderen Worten, läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schon heute sagen, daß in absehbarer zielt Umgruppierungen vor sich gehen, und so manche feindlichen Brüder sich zu engster politischer Arbeit zusammenfinden werden, so kann man von den politischen Leidenschaften erst recht verlangen, daß sie sieh Zügel auferlegen. Aber es handelt sich um mehr. Würde hier nichts weiter gefordert werden als Urbanisierung des sachlichen Kampfes Und Unterordnung des Sonderziels unter die Gesamtsteressen des deutschen Zionismus, so würde wohl kaum Jemand Widerspruch wagen. Auch der enragierteste Anhänger einer Sondergruppe weiß, daß die Z. V. f. D. für Außenarbeit in Deutschland, Fonds usw. unentbehrlich ist. Wogegen sich diese Zeilen richten, ist die vielfach herrschende Tendenz, der Z. V. f. D. das Leben auszublasen und sie zum Zweckverband zu degradieren. Ein solches Verlangen ließe sich allenfalls diskutieren, wenn wirklich in den neuen Gruppen ein spezifisches zionistisches Leben herrschte und starke geistige Kräfte die Menschen dort verbänden. Wo aber — ich wiederhole es — *) Vgl mehien Aufsatz &t *J, R.1920 ״! Nr. 21! nur aktuell-politische Gemeinsamkeiten die Gruppen verbinden und die eigentlichen, nämlich weltanschaulichen Differenzen, eine ganz andere Gruppierung ergeben würden, kann der Gedanke einer geistigen Aufteilung der Z. V. f. D. nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der deutsche Zionismus hat Aufgaben, die unbeschadet der politischen Gegensätze gemeinsam erfüllt werden können und müssein. Nicht nur die Sammelarbeit für die Fonds, Verhandlungen mit Nichtjuden und Nichtzionisten, Gemeinde- und soziale Arbeit. Auch der ganze Komplex der Propaganda, der Jugendbewegung und der Internen erzieherischen Tätigkeit sind Angelegenheiten des Gesamtzionismus und nicht einer Gruppe. Bei der Propaganda versteht sich das eigentlieh von selbst. Man kann nicht gut einen Nichtzionisten für den Revisionismus oder das Linke Zentrum anwerben. Denn ehe sich der Neugewonnene für eine politische Richtung entscheiden kann, muß er erst einmal in den Zionismus sich eingelebt und für die geistigen Probleme der Bewegung Verständnis gewonnen haben. Schon allein die Erwägung, daß neue Gesinnungsgenossen ihre Ausbildung und ihren zionistischen Zusammenhang gar nicht wo anders finden können als in den Ortsgruppen oder einem seiner Natur nach unpolitischen Jugendverbande, müßte die separatistischen Tendenzen zum Verstummen bringen. Soli etwa durch innerpolitische Zänkereien die Ortsgruppe einer Provinzstadt ztlf Auflösung kommen? Noch unverantwortlicher wäre eine Aufteilung der Jugendarbeit. Es zeigt sich deutlich genug, daß wir großenteils unfähig geworden sind, die zionistische Idee in ihrer Totalitat an die Jugend heranzuführen, und daß der kaum erfaßte Nachwuchs schon mit den schwierigsten internen Streitfragen behelligt wird. Will man Achtzehn- bis Zwanzigjährige, die kaum das ABC des Zionismus kennen, parteipolitisch abstempeln und dadurch einen Keil in die Jugendgemeinschaften treiben? Vor lauter innerzionistischen Diskussionen und Abgrenzungen vergessen wir, daß der deutsche Zionismus ein Organismus ist, der ohne ständigen Zuzug neuer Kräfte zum Absterben verurteilt ist. Wenn irgend wann, so ist jetzt unsere entscheidende Parole die Gewinnung neuer Menschen. Nicht nur Freunde des Palästina-Aufbaus, die Keren Hajessod zeichnen und unsere Sache moralisch stützen helfen, sondern Vollzionisten, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in den Dienst der Sache stellen. Für diese großzügige Ideenpropaganda brauchen wir einen geeinten deutschen Zionismus. Die Gedanken, die in Vorträgen und persönlichen Aussprachen den deutschen Juden zu präsentieren sind, entstammen, nicht dem Arsenal einer Parteigruppe, sondern sind Gemeingut des ganzen Zionismus. Und noch mehr: Die spezifische Note, die eine Propaganda gerade in Deutschland tragen muß, beherrscht Lichtheim so gut wie Goldmann und Blumenfeld. Denn — ob Revisionisten oder Radikale oder Linkes Zentrum oder Hitachduth — fast alle sind wir unter den gleichen psychologischen Bedingungen Zionisten geworden. Durch die besonderen deutschen Verhältnisse hat unser Zionismus eine ganz bestimmte ideologische Färbung bekommen, die übrigens von den nichtdeutschen Zionisten deutlich empfunden wird Bei allen. Verschiedenheiten des menschlich« Typus manifestiert der deutsche Zionismus eine eminente Homogenität Eta solches einheitliches Gebilde sollte sich auf rein technische Zusammenarbeit beschränken? Im deutschen Judentum lagern gewaltige ungeweckte Kräfte, die der Assimilation zu entreißen und der jüdischen Bewegung nutzbar zu machen sind. Und es ist nicht die rinmalige Tat einer erfolgreichen Ueberredung, sondern die lange, mühevolle Leistung der zionistischen Erziehung. Diese systematische Einführung in Geist und Problematik des Zionismus, in seine Geschichte und seine Aufgaben, ist gemeinsame Verpflichtung aller hierzu berufenen Zionisten. Die Anwesenheit eines Radikalen oder Revisionisten etwa im K. I. V. darf sich nicht darauf beschränken* aus Wahlgründen einen Vortrag über Kongreßfragen zu halten, und es darf nicht sein, daß eine in der zionistischen Idee noch gar nicht hinreichend verankerte Jugend mit politischen Fragen überfüttert wird, deren Tragweite de meist gar nicht begreifen kann. Anstatt daß die Führer der politischen Gruppen vor einer unerfahrenen Jugend Redeschlachten liefern, sollten sie gemeinsam eine neue Jugendbewegung zu schaffen trachten. Jene Flamme zionistischer Besessenheit gilt es wieder zu entfachen, die einstmals uns die Kraft verlieh, den ungleichen Kampf mit Umwelt und Elternhaus moralisch durchzuhalten. Was unserem Nachwuchs völlig mangelt, das ist die große Bewegtheit der Herzen. Sachlichkeit In allen Ehren: Aber nur das große, zündende Ideal vermag eine Jugend hinzureißen. Der Zionismus ist auf dem besten Wege, zu einer kleinbürgerlichen Sache herabzusinken, und der wertvollste Teil der jungen Generation wird uns dadurch unerreichbar. In der Gewinnung und Heran- Bildung einer von Zionismus beseelten Jugend liegt nicht nur eine zionistische Verpflichtung, sondern auch eine Aufgabe, die die Besten locken kann. ln dieser Einheitsfront sollten wir auch ein Ziel zu erreichen suchen, das nicht minder wichtig ist als die Gewinnung neuer Menschen: nämlich die alten, durch Lebenskampf und Milieuveränderung in ihrem Zionismus teils wankend gewordenen, teils sogar abgefallenen Menschen für unsere Sache neu zu erobern. Nicht wenige werden für immer verloren sein; ihr Jugendtraum ist lange ausgeträumt, und an die Stelle der Sehnsucht nach höheren Zusammenhängen ist das einstmals bekämpfte Verlangen getreten, zu arrivieren und möglichst unbewegt das Leben abrollen zu lassen. Aber mag der Prozentsatz groß oder klein sein — viele gibt es noch, die einen Rest ihres alten Zionismus sich bewahrt haben und glücklich wären, wenn eine starke Bewegung sie aus ihrem Schlummer herausrisse. Die heute kaum eine zionistische Zeitung lesen, fast nie eine Versammlung besuchen und sich in dem innerpolitischen Wirrwarr nicht mehr zurechtfinden — deren Herzen gilt es wiederzugewinnen. Der Versuch, diese ״Altzionisten“ mit nur innerpolitischen Kämpfen zu beköstigen, muß notwendig scheitern. Sie stehen den Dingen viel zu fern und brauchen wieder die engere Fühlung mit der Gesamtbewegung. Ihnen liegt in erster Reihe daran, die Verbindung mit früheren Freunden wieder aufzunehmen und alte Beziehungen wieder lebendig werden zu lassen. Was uns bisher fehlte, war das psychologische Verständnis für diese Menschen. Wir waren zu leicht geneigt zu verdämmen und die zionistische Wertlosigkeit denen zu attestieren, die am menschlichen Zusammenhang mehr Freude empfanden als an der konkreten zionistischen Betätigung. Hier heißt es