Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 91 (15.11.1927)
- Date
- 1927-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652959--19524-2677409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnammer 0,3.* Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W IS, Meinekestraße 10. Erackeint ieden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteliährlich 5,25 Goldmark. AniiltndtaboniiemeaU werden in der WShrunS der einzelnen Ländler berechnet Nummer 91 I Berlin, 13. XI. 1927 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Melnekestr.10 Telephons Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis: ß gesptüt-Noopar ciUeretie 0.250G.-M, SteIleag1Mmebe0,25 G.-M״ AnreigeoschliiQi Di enttatf u ad Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 F3f Oentermiefai Poatsparkasseaamt Wien, Konto Nr. 156 030. Für T*checho8low*kci: P08t*p8rkas8ex1amt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparkasieaamt Wararhaa. Konto Nr. 190 7DS. Redaktionsschiuß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ, מרחשון חיפ״ח | xxxn. Jahrg, De» Zionismus erstrebt für das jüdische Voll! die Schaffung einer dffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte Iw Palästina. ״Baseler Programm.“ Der Austriitsjude Das Balfour-Dhuier in London Weizmann in Deutschland In diesen Tagen trifft Dr. Weizmann in Deutschland ein. Er wird etwa zehn Tage lang in Deutschland zubringen und in einer Reihe von Städten sprechen. Dr. Weizmann wird dabei über seine letzte Palästinareise berichten und seine Anschauringen über die politische Lage des Zionismus darlegen. Die deutschen Zionisten sehen dem Besuche Weizmanns mit größten Erwartungen entgegen, und in allen Städten, die er besucht, werden große Vorbereitungen zu seinem Empfang getroffen. Dr. Weizmann hatte vor seiner Abreise aus London, in den wenigen Tagen, die er sich nach seiner Rückkehr aus Palästina in London auf halten konnte, Gelegenheit, mit den politischen englischen Stellen Fühlung zu nehmen und seine Eindrücke über die Entwicklung in Palästina darzulegen. Das bedeutungsvollste politische Ereignis war das grolje Dinner am aO. November zur Feier der zehnjährigen Wiederkehr des Jahrestages -der Balfour-Deklaration. An der Veranstaltung nahmen 580 Personen teil, darunter Vertreter der Regierung, aktive Minister, gewesene Minister und zahlreiche Mitglieder.? des Parlaments, allen drei Parteien angehörig. Den Vorsitz führte James de Rothschild. Bei diesem Bankett wurden eine Anzahl von Reden gehalten, die über die Bedeutung bloßer Tischreden hinausragten. Den stärksten Eindruck machten die Reden von Dr. Weizmann, Sir Herbert Samuel und Lord Balfour selbst. Weizmanm Rede zerfiel in drei Teile. Zunächst schilderte er die Zeit der Balfour- Deklaration mit ihren großen Hoffnungen und einfachen Formein. Balfour, so sagte Weizmann, hat keineswegs ein imperialistisches Ziel verfolgt, was schon <Jaraus hervor geht, daß er es. war, der Amerika oder doch England und Amerika .׳usamrnen als Deklaration wurde damall allgemein so aüfgefhÖt, däß ״J11a8a den Juden" übergeben werden sollte. Im zweiten Teil seiner Rede beschäftigte sich Dr.'Weiztnahn mit der zehnjährigen Aus- Wirkung der Deklaration, schilderte den Zusammenstoß der Idee mit den Realitäten des Lebens und die großen jüdischen Anstrengungen, die für den Aufbau des Landes gemacht wurden. Die Juden, so betonte er, haben auch den Zweiflern von damals gezeigt, daß sie die Sache ernst nehmen. Nun aber, so leitete Weizmann den Schlußfeil seiner Rede ein, sei diese Periode des Experimentierens zu Ende und es müsse das Vorhandene befestigt, sowie ein neuer Vorstoß zur Verwirklichung von Balfours Versprechen gemacht werden. Auch England habe nur dann ein Interesse an dieser Sache, wenn der Plan, mit welchem Englands Name nun einmal verknüpft ist, gelingt. Daher sei es nun Sache der Mandatarmacht und der Pa- Uistina-Regicrung, energische Schritte zu ergreifen, um die jüdische Aufbauarbeit zu erleichtern. Insbesondere müssen in den Fragen der Bodenpolitik, der Immigration und der Steuerpolitik entschiedene Reformen erfolgen. Dr. Weizmanns Rede machte in ihrer logischen Geschlossenheit, mit der er die bekannten zionistischen Forderungen an die Mandatarmacht formulierte, einen großen Eindruck. Dieser wurde noch erhöht, als Sir Herbert Samuel der ehemalige Oberkommissär von Palästina, Dr. Weizmanns Forderungen unterstützte, indem auch er darauf Der Berliner Universität-Skandal Ueber die ungeheuerlichen Beschimpfungen des Judentums und der jüdischen Studenten, die sich der außerordentliche Professor der deutschen Rechtsgeschichte an der Berliner Universität, Herr v. Möller, in seinen Vorlesungen erlaubt hat, haben die Tageszeitungen berichtet. Es liegt hier wieder ein Fall vor, wo ein Professor seinen Lehrstuhl mißbraucht, um alles andere als Wissenschaft zu treiben. Der rüdeste Ton von Volksversammlungen letzten Niveaus hat in der Berliner Universität Eingang gefunden, und das beschämendste und beleidigendste an der Sache ist die Tatsache, daß diese Art offenbar von der Mehrzahl der deutschen Studenten mit Wohlgefallen und Behagen hingenommen wird. Die Professoren und Studenten dieser Art scheinen gar nicht zu bedenken oder nicht zu verstehen, wie sehr sie sich selbst, die deutsche Wissenschaft und die Berliner Universität vor der ganzen Welt herabwürdigen, die mit Belustigung und Interesse diese Art des deutschen Wissenschaftsbetriebes verfolgt. Zur Ehre der- Universität wollen wir feststellen, daß ein solcher Fall wie die Rede-Exzesse des Herrn v. Möller einzig und vereinzelt dasteht, und es ist zu hoffen, daß diesem Herrn bald das Handwerk gelegt sein wird. Wir nehmen an, daß wenigstens die Staatsbehörden energisch dafür sorgen werden, daß ein derartiger barbarischer Ton in deutschen Lehrsälen nicht einreißt und daß die deutsche Kultur nicht in so jämmerlicher Weise bloßgestellt wird. Bisher war cs ein ungarisches Privileg, antisemitische Hetzereien in der Universität zu betreiben. Wenn Deutschland Vorbilder unter den anderen europäischen Ländern sucht, wird es sich hoffentlieh nicht gerade Ungarn aussuchen. hinwies, daß jetzt die Zeit gekommen sei, wo die Regierung der ökonomischen Entwicklung des Landes und dem Aufbau der jüdischen Heimstätte mehr Aufmerksamkeit zuwenden müsse. Lord Balfour betonte in seiner Antwortrede, daß der Erfolg des Unterließmens in Palästina nicht nur von den jüdischen Siedlern im Lande, nicht nur von der Mandatarmacht, sondern vor allem von der moralischen und finanziellen Unter- Stützung des jüdischen Volkes der ganzen Welt ab hängt. Auf Weizmanns Bemerkungen bezüglich der Schwierigkeiten der jüdischen Ansiedlung erwiderte Balfour, er sei von den verantwortlichen Persönlichkeiten der P a I ä s t i ־ ca-Regierungermächtigt,folgendeErklärung 3 ס zu geben: Die Palästina-Regierung ist sich bewußt all der Schwlerigkeifen, mit denen die Zionistische Organisation zu kämpfen hat, und sie beabsichtigt, so bald als möglich gewisse allgemeine Reformen in den Fragen der Bodenbesfeuerung durchzuführen. Ein spezieller Beamtenstab Ist kürzlich damit beauftragt worden, die Arbeit der Landansiedlung, weiche eine wesentliche Voraussetzung der Steuerreform ist, durchzuführen. Das Ergebnis ihrer Arbeit soll die Regierung in Stand setzen, die gegenwSrtige Bodenbesteuerung neu zu regeln. Wir werden über das Dinner, bei welchem außer den hier bereits Genannten noch Lord Reading, Unterstaafssekretär Ormsby Gore, Colonel Wegdwood, Sir Alfred Mond. Nahum Sokolow und Philip Snowden sprachen, nensfsdien Regierung abgegeben hat, wird noch gewürdigt werdet! müssen. Es ist nicht leicht, den konkreten Gehalt dieses Versprechens abzuschätzen, da es in sehr allgemeiner Fora gehalten ist. Es scheint aber daraus hervorzugehen, daß die Palästina-Regierung zumindest die Forderung deT Steuerreform als berechtigt anerkennt. Diese Forderung, die seit Jahren von zionistischer Seite erhoben wird und bereits mehrmals die Permanente Mandatskommission beschäftigt hat, wurde bisher von der Regierung stets damit beantwortet, sie könne keine Steuerprivilegien für die Juden schaffen. Jüdischerseits wurde freilich kein Privilegium geforderf, sondern mir die gleiche Behandlung, wie sie neuen Siedlern in den meisten britischen Kolonialgebieten zuteil wird. Ob die Regierung ihre Politik in bezug auf diesen Punkt djurchgreifend zu ändern gedenkt, geht aus der Erklärung nicht hervor. Es ist bemerkenswert, daß zu gleicher Zeit die amerikani sehen Zionisten in Cleveland eine Resolution gefaßt haben, in welcher sie diesen Punkt als einen entscheidenden hervorheben. Bekanntlich wurde schon auf dem Baseler Kongreß (von St. Wise) und vor ihm (in der bekannten Lipsky- Kontroverse der 7.t ifsrhrift ״N!ar East") von amerikanischer Seite die Steuerpolitik der Regierung scharf kritisiert. Es ist jedenfalls ein erfreulicher Schritt vorwärts, wenn bei einem so feierlichen Anlaß wie der Balfour-Feier von prominenten englischen Politikern implicite zugegeben wird, daß dieser Punkt der englischen Politik reformbedürftig ist. Uns Juden kann es schließlich gleichgültig sein, ob Herr Möller «ns als das ״Ungeziefer“ bezeichnet, das ״aus der Wüste stammt", oder ob er ״alles, was nicht deutsch und nicht Christlieh sei, aus dem Vaterlande ausschließcn“ will. Sein Benehmen Ist ebensowenig. christlich wie es — hoffentlich — deutsch ist. Aber was soll aus der zukünftigen Generation werden, wenn sie in diesem Geist erzogen wird? Wir haben erst kürzlich anläßlich der antisemitischen Entgleisungen des Prof. Lubarscli Gelegenheit gehabt, 1ms mit dem Antisemitismus an der Universität zu beschäftigen. Wenn es nicht immer zu solchen offenen Ausbrüchen kommt, so dürfen wir uns doch keiner Täuschung hingeben, wie die wahre Gesinnung der meisten Professoren und Studenten ist. Wir Juden müssen gegen derartige Skandale kämpfen, soweit sie uns in unseren Bürgerrechten oder unserer Bürgerchre beleidigen. Im übrigen jedoch müssen wir unsere Würde und Ehre selbst wahrnehmen. Der oberste Grundsatz dabei muß die V c r m e i d u n g jedes würdelosen Anbiedcrns sein, das uns nicht nur unsere Selbstachtung raubt, sondern uns auch in den Augen der anderen noch verächtlich macht. Nur indem wir versuchen, unser eigenes jüdisches Leben, ungeachtet gehässiger Angriffe, zu entwickeln, können wir wieder festen Boden unter unseren Füßen gewinnen. Sir Herbert Samuel gab zu Ehren des Königs Feisa! vom Irak ein Diner in seinem Londoner Heim. Unter den Gästen bemerkte man Lloyd George und Dr. Weizmann. Vor ungefähr zwanzig Jahren erschien aus der Feder von Fritz Wittels im kaiserlichen Wien eine Broschüre unter dem Titel ״Der Taufjude“. Der erste Satz der Broschüre lautete: ״Der T a u f j u d e ist ei« Schuft, ich stelle die Behauptung u n - ter Beweis“. Und dann folgte eine streng logisch aufgebaute Beweisführung und schließlich die Bestätiguiig des im ersten Satze ausgesprochenen Urteils. Tatsächlich war diese Auffassung in bezug auf die Taufjuden jener Zeit zu 90 Prozent berechtigt. Niedrigste Stellenjägerei, gemeinster Materialismus, ehrloses Strebertum, offenkundige Heuchelei waren die Kenn- Zeichen der meisten Judentaufen. Die Fälle, wo die Taufe eine Affekt- oder Ueberzeugungshandlung war, zählten in der ungeheuren Summe der Fahnenflüchtigen kaum mit. Die Charakterisierung des Tauf juden am Anfang des 20. Jahrhunderts hat wohl bis auf den heutigen Tag ihre Gültigkeit behalten und man kann im Jahre 1927, ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, wiederholen: Der Taufjude ist in den allermeisten Fällen ein schäbiger Geselle. Wie aber steht es um den Austrittsjuden, tun jenen Menschen jüdischer Abstammung, der ohne zu einem anderen Glauben überzutreten und zu heucheln, ohne mit dem Austritt aus der jüdischen Gemeinde die Absicht zu verbinden, eine besondere Karriere zu machen, das Judentum einfach darum verläßt, weil er zu ihm nicht die geringsten Beziehungen hat und weil ihm dieses Judentum nie etwas bedeutet hat und auch nie etwas zu sagen haben wird? Ist der Austrittsjude in der überwiegenden Anzahl seines Vorkommens auch mit den Worten ״Schuft“ oder ״schäbiger Geselle“ zureichend charakterisiert und in seinen inneren Motiven enthüllt? Gerechtigkeit, ggbtetfL gjtfiiiggig,Jjitiu Taufjude vom Jahre 1400 war der pemraera Jude/hfl. ein zu bekämpfender Feind, der Austrittsfude von 1927, der besonders im deutschen Sprachgebiet in ungeheurer Menge auftritt, ist überhaupt kein Jude, schert sich, besonders in den Fällen, wo er für sich den Freisinn reklamiert, den Teufel um jeden Angriff von jüdischer Seite und stellt darum eine weit ernstere Gefährdung der jüdischen Gesamtheit dar. Man hat in der letzten Zeit in der gesamten jüdisehen Presse und anläßlich der hohen jüdischen Festtage in einem Aufrufe des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden die bewegte Klage über die Gleichgültigkeit weiter jüdischer Bevölkerungsschichten gegenüber dem Judentum, über die zunehmende Austrittsbewegung und über das Zerbröckeln der einst so starken jüdischen Fartflienbindungen lesen können. Bei der Lektüre all dieser Aeuflerungen konnte ich mich, fern jeder parteimäßigen Voreingenommenheit, tatsächlich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese Klagen subjektiv unberechtigt sind. Wenn man hundert Jahre lang Entjudung gepredigt, Assimilation als Ideal aufgestellt, völlige Angleichung als erstrebenswertes Ziel vorgezeichnet hat, dann soll man sich nicht wundern, wenn das Endergebnis völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Judentum ist Es ist unmöglich, für einen lebenden Organismus die Daseinsberechtigung nur in der Vergangenheit zu suchen. Ein Judentum, das mir von der Vergangenheit leben will, und die Möglichkeit einer historischen Rolle in der Zukunft leugnet, darf sich nicht wundern, wenn es keine Gegenwart hat. Der letzte Grund für die Gleichgültigkeit weiter Kreise der judisehen Bevölkerung in Deutschland, in Oesterreich und in der Tschechoslowakei ist darin zu suchen, daß der von der Assimilation angebahnte Versuch, eine Schein- Versöhnung zwischen Judentum und Welt durchzuführen, auf ganz falschen Voraussetzungen begründet war. Die Annahme, um mich familiär auszudrücken, daß man den Pelz waschen könne, ohne ihn naß zu machen, ist naiv gewesen. Die Rechnung, halb Jude und halb Europäer, mag in der Theorie aufgehen, im wirklichen Leben einer Gemeinschaft ist sie ein Unsinn. Die Auffassung, daß man unter Hintansetzung des Judentums Kompromisse schließen könne und müsse, ohne letzten Endes das Judentum zu gefährden, hat den Zustand des Indifferentismus zur Folge gehabt, über den man jetzt so beweglich klagt. Man wollte als bedingungsloser Deutscher, Franzose usw. Judentum bewahren und hätte als Jude Europäertum rezipieren sollen. Eigentlich müßte die Assimilation die Tatsache der Schwächung der jüdischen Gesamtheit als Guthaben buchen. Es ist ihr Werk und die Geschichte wird sie von der Schuld an diesem Resultate nicht freizusprechen vermögen, mag die Assimilation auch ursprünglich guten Glaubens gewesen sein. Die Geschichte wird ihr vielleicht mildernde Umstände zubilligen und sie nur wegen Fahrlässigkeit