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Jüdische Rundschau · 1927-11-11 · Heft 90 (11.11.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 90 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 90, 11. XL 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 637 War cs notwendig? Von Moses Wald mann. Nach dem Schwarzbart-Prozeß begann, was vorauszusehen war, besonders in Polen eine ziemlich lebhafte Diskussion darüber, ob es denn tatsächlich notwendig war, zur Verteidigung Schwarzbarts ein Komitee ins Leben zu rufen, die ungeheure Menge von Dokumenten und Materialien zu sammeln, ein Pogrombuch in mehreren Sprachen herauszugeben und Zeugen aus aller Welt zu mobilisieren, um in Paris als Ankläger gegen die Pogromveranstalter aufzutreten und auf diese Weise, und dies war unausweichlich, das ukrai* nischc Volk zu verstimmen, in dessen Mitte drei Millionen Juden leben. Es läßt sich auch tatsächlich nicht leugnen, daß durch den Schwarzbart-Prozeß die Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern sich verschärft haben und daß durch den Freispruch Schvvarzbarts nicht nur Petljura als Uauptverantwortlicher für die Pogrome gebrandmarkt wurde, sondern daß auch ein Schatten von Schuld auf das ukrainische Volk in seiner Gesamtheit fällt, wiewohl Gerechtigkeit gebietet, anzuerkennen, daß das ukrainische Volk mit den einzelnen Atamanen und der unter deren Kommando stehenden verwilderten Soldateska nicht zu identifizieren ist. Wir sind die letzten, die vor der Erkenntnis zurückscheuen, daß die exzeptionelle Lage dem jüdischen Volke leider auch in solchen Fällen, wo es im vollsten Rechte und in unsäglicher Art leidtragend ist, Zurückhaltung aufzwingt. Wir wissen es genau, daß wir uns in einer tragischen Situation befinden, daß wir uns nicht erfolgreich zur Wehr zu setzen vermögen und daß wir uns nicht einmal erlauben dürfen, restlos unsere gerechten Anklagen vorzubringen. Diese Ueberlegungen wären aber, ohne daß man von vornherein der Ansicht sein müßte, ihnen vollständig nachzugeben, am Platze gewesen, wenn wir beim Schwarzbart-Prozeß lediglieh Ankläger gewesen wären. Anfänglich schien es, und sehr viele Juden hatten die Uebcrzeugung, daß in dem großen Judenprozeß in Paris die jüdische Gesamtheit ungleich wie beim Beilis- oder Dreifuß-Prozeß nicht Angeklagter, sondern An- Wäger sein wird. Der Fall lag doch vor aller Welt klar. In der Ukraine wurden 50 0(M Juden totgeschlagen, weitere Hunderttausend beraubt, verstümmelt, vergewaltigt oder zu Waisen gemacht. Unendliches Leid wurde der dortigen Judenheit zugefügt, ohne daß diese den geringsten Anlaß für diese schrecklichen Ausschreitungen gegeben hätte. Verantwortlich, zumindest moralisch und politisch, für diese Schandtaten waren die Führer der ukrainischen Bewegung urid an ihrer Spitze der Oberbefehlshaber der ukrainischen Truppen, Simon Petljura. Der Prozeß mußte stattfinden, ohne daß er von der jüdischen Gesamtheit provoziert worden wäre. Ein Einzelner, Samuel Schwarzbart, hatte, ohne irgendeinen Juden in der Welt um Rat gefragt zu haben, Petljura erschossen. Als Motiv für seine Tat gab er die Schuld Petljuras an den Pogromen in der Ukraine an. Das französische Gericht war also gezwungen, aus rein kriminalistischen Gründen, wenigstens den subjektiven guten Glauben Samuel Schwarzbarts zu prüfen. Aus diesem Grunde mußten die Pogrome ohne unser Zutun vor dem Pariser Gericht zur Sprache gelangen. Da nun der Fall schon so lag, so galt es zu erwägen, ob man es zulassen dürfe, daß die Frage der Pogrome unvollständig von Uneingeweihten und Uninformierten behandelt werden sollte oder ob nicht vielmehr auf der jüdischen Gesamtheit die Pflicht lag» dafür zu sorgen, daß di«e־^^hfl»ctt üWfr Mter iusgebrelfet werde,״ ־dä nun schon die Attgelefenhcfl* bnM unsere Absicht und ohne unser Zutun auf der Tagesordnung stand. In dieser Situation gab es kein Ausweichen. Und ob wir wollten oder nicht, mußten wir uns mit diesem Prozeß beschattigen und ohne Rücksicht auf die Möglichkeit einer Verschärfung der Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern die Sache Schwarzbarts, soweit die Pogrome in Frage kamen, zu unserer Sache machen. Damit war keineswegs gesagt, daß von jüdischer Seite aus auch nur eine Sekunde lang der Mord, den Schwarzbart verübt hatte, gebilligt wurde. Ein zweites kam noch hinzu und das war in höchstem Grade ausschlaggebend. Wir waren in einer Täuschung befangen, als wir glaubten, in Paris ausschließlich die Rolle von Anklägern spielen zu können. Wie die Dinge nun einmal liegen, sind wir, so unerwartet das für jeden normal Denkenden erscheinen mochte, in Paris auch in unserer Gesamtheit angekiagt worden. Angesichts der unbestrittenen Tatsachen der Pogrome versuchte die Gegenseite keinen Augenblick, die vorgekommenen Judenmetzeleien zu leugnen. Sie bemühte sich bloß, die Unschuld Petljuras zu beweisen und für den Fall, daß ihr diese Absicht nicht gelingen sollte, hatte sie noch einen Pfeil in ihrem Köcher: Daß die Pogrome eine Folge des Verhaltens der Juden waren und daß die in der Ukraine vorhanden gewesene Anarchie von den Juden systematisch erzeugt wurde, die dann gerechterweise infolge der von ihnen hervorgerufenen anarchistischen Zustände umkamen. Es bestand also die Möglichkeit, daß die jüdische Gesamtheit im Pariser Prozeß als ewiger Unruhestifter verurteilt worden wäre. Die Rolle der Juden im Pariser Judenprozeß war also von vornherein nicht nur die von Anklägern und Angreifern, sondern von Angeklagten und Angegriffenen. Angesichts dieser Sachlage gab es schon gar keinen Ausweg mehr und die Bedenken, welche Louis Marshall in Amerika gegen die Auf rollung der Pogrom-Schuldfrage in Paris hatte, waren in keiner Weise berechtigt und bewiesen ein vollständiges Mißverstehen der ganzen Situation. Gegen unseren Willen und gegen unsere Absicht sind wir gezwungen gewesen, in Paris uns in gewissem Maße mit Schwarzbart zu identifizieren. Wir mußten alle Anstrengungen machen, um die jüdische Gesamtheit von den unberechtigten Vorwürfen zu reinigen, und wenn wir am Anfang des Prozesses aus Gründen der Gerechtigkeit vielleicht damit hätten einverstanden sein können, daß Schwarzbart für seine individuelle Tat bestraft werde, so lernten wir im Laufe des Prozesses um. Schon am dritten Verhandlungstage war es für uns klar, daß Schwarzbart nicht verurteilt werden dürfe, wiewohl dieses nicht ganz den Bestimmungen des Strafgesetzes und auch unserem Empfinden entsprach. Eine Verurteilung Schwarzbaris wäre aber angesichts der Taktik der Verteidigung nach dieser Prozeß- Verhandlung nicht nur eine Strafe für den von« ihm verübten Mord, sondern auch eine Rechtfertigung der Pogrome gewesen. Da beide Dinge innig miteinander verknüpft waren, so blieb für uns nur diese Forderung: Schwarzbart muß befreit werden. Das verstand das französische Gericht, das verstand die französische Jury, Sclnvarzbart wurde befreit. Sicherlich ist dieses Ergebnis vom politischen Standpunkte aus nicht ganz befriedigend. Das Gegenteil wäre aber tausendfach schlimmer gewesen. So aber ist unser Golus-Schicksal. Nene Pogromhetze? ״Das Deutsche T ageblatt“ vom 9. November 1927, das wir sonst nicht gern als maßgebend für oder gegen jüdische Angelegenheiten zu betrachten pflegen, veröffentlicht einen offenbar von ukrainischer Seite stammenden Bericht aus (angeblich!) Odessa. Wenn die Darstellung auch tendenziös übertrieben ist, so ist sic kennzeichnend für die antisemitische Allerweltsallianz, die schamlos zu neuen Pogrotnen hetzt. Der Bericht ist zweifellos dazu bestimmt, in ukrainischen Blättern nachgedruckt zu werden und stellt eine von deutscher Seite stammende Ermunterung des ukrainischen Hakenkreuzlertums dar. Fm Bericht heißt es: , ,Der Schwarzbart-Prozeß scheint Folgen von ungeheurer Tragweite nach sich zu ziehen. Der Prozeß hat die Kluft, die zwischen den Ukrainern und dem Judentum besteht, in schärfster Weise vertieft und die antisemitische Welle hat mit großer Schnei- Iigkeit alle Schichten des ukrainischen Volkes ergriffen. Der Streit Um Petljura, der in der ukrainischen ״•Presse., und Emigration tobte, -׳ ist ״versessen# -upd •1115‘iMWwSch^fiicIteiil.llihÄftoBt wenden sich alle Blätter, vom Lemberger ״Dilo“ angefangen, bis zu der in Amerika erscheinenden ״Swoboa a", gegen die Pariser Justiz und das internationale Judentum, dem sie vorwerfen, daß es mit Aufwendung einer ungeheuren Presseagitation und kolossaler Geldmittel Schwarzbart zum Helden erhoben, das ukrainische Volk in seiner Gesamtheit vor den Augen der Welt erniedrigt und beschmutzt und damit neuen Haß gesät habe. An diesen Anklagen der ukrainischen Blätter darf man nicht stillschweigend vorübergehen, weil sie ja doch nur der Niederschlag des im gesamten Ukrainertume kochenden Volkszornes sind und weil die Gefahr dicht vor Augen steht, daß bei dieser Weiterentwicklung die jüdische Minorität in der Sowjetukraine die Zeche des jüdischen Triumphes wird bezahlen müssen. Im Gebiete der Sowjetukraine leben vier (1,8 — Red.) Millionen Juden, die die täglich wachsende Abwehrbewegung gegen die Judenherrschaft deutlich spuren. Der Haß der Bauernbevölkerung richtet sich gegen die in der Krim errichteten großen Judenkolonien, wo man 250 000 jüdische Familien angesiedelt und ihnen das beste, den Bauern vorenthaltene Ackerland zur Verfügung gestellt hatte. Hier allein handelt es sich um mehr als eine Million Köpfe. Der zionistische Schriftsteller Jabolinsky hat vor einiger Zeit Stellung gegen diese Kolonien genommen und sie als ״Menschenfallen“ bezeichnet, weil bei der antisemitischen Einstellung der ukrainischen Bauernmassen die Gefahr einer ,,Bartholomäusnacht“ latent sei. Seit dem Schwarzbart-Prozeß wächst die antisemitische Bewegung in der Ukraine lawinenartig. Wichtig ist, daß die russisch-völkische Bewegung auch Groß-Rußland selbst erfaßt hat und daß der Kampf zwischen Stalin und der Opposition immer mehr auf Juden gegnerische Basis gerät. Von englischer Seite (? Red.) wurde noch während des Schwarzbart-Prozesses versucht, eine Versöhnung zwischen den Ukrainern und den zionistischen Führern herbeizuführen. Diese Versuche blieben ohne Resultat. Das Feuer des Kampfes brennt weiter. Die Dinge in der Sowjetukraine treiben einer neuen Explosion zu.“ Sokolows Interview im Giornale d llalia Das Zionistische Zentralbüro in London schreibt uns: Ueber ein Interview, das Herr Nahum Sokalow, der Präsident der Exekutive der Zionistischen Organisation, kürzlich einem Vertreter des ״Giornale d’Italia“ in Rom gegeben hat, sind in der Presse in Deutschland (z. B. im ״Berliner Tageblatt“, vgl. ״Jüdische Rundschau“ vom 23. Oktober 1927. — A. d, R.) und in anderen Ländern kurze telegraphische Berichte _ erschienen. Diese Berichte konnten notwendigerweise nur einen komprimierten Auszug aus dem langen Artikel des römischen Blattes geben und müssen daher in manchen Fällen unheabsichtigterweise einen irreführenden Eindruck erzeugt haben. Der Text des Interviews, wie er in dem ״Giornale d’Italia“ veröffentlicht ist, zeigt, daß Herr Sokoiow von den Sympathien sprach, die die Juden für Italien empfinden, als eilt Land, wo sie volle Gleichberechtigung und Zutritt zu den höchsten Aemtern im Staate besitzen. Er erwähnte, welcher Hochschätzung sich Italien als kolonisierende Macht in Nordafrika und anderwärts erfreut und bemerkt nebenbei, daß nach seiner Meinung Italien kaum Schwierigkeiten haben könnte bei der Beschaffung des Kapitals, das es für die Ausdehnung seiner Kolonisationstätigkeit braucht. Herr Sokoiow tat jedoch keinerlei Erwähnung bezüglich der Haltung der amerikanisch-jüdisehen Finanz. Der Text des Interviews zeigt auch, daß er sich über den internationalen Status Palästinas Mer irgendeines anderen Mandatsgebietes nicht äußerte; er drückte nur die Hoffnung aus, daß die zionistische Bewegung in Italien sich des Wohlwollens der italienischen Regierung erfreuen möge, daß die Bemühungen, die italienische Öffentliche Meinung über die zionistischen Ziele und Leistungen in Palästina zu unterrichten, erfolgreich sein mögen, und dal die zionistischen Bestrebungen aut das wohlwollende Interesse der italienischen Vertreter in der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes rechnen könnten. Aenßerangeii des italienischen Königs Rom, 2. November. (J.T.A.) Wie schon mitgeteilt, hat König Viktor Emanuel von Italien den Präsidenten der Zionistisehen Weltexekutive, Nahum Sokoiow, am 28. Oktober in ein* ständiger Audienz empfangen. Der König hat sich mit Herrn Sokoiow sehr eingehend über das italienische Judentum und allgemeine jüdische Fragen unterhalten. Der König erinnerte an den seinerzeitigen Besuch Dr. Herzls bei ihm und nahm Gelegenheit, Herrn Sokoiow gegenüber seiner Sympathie für den Zionismus und das jüdische Aufbauwerk in Palästina Ausdruck zu geben. Im Verlauf der Audienz kam der König auch auf das jüdlsehe Leben in Italien zu sprechen und sagte: ״Nur s0tt ungern unterzdehne ich die Ordres ttbef •die AufiöBmg dir k!«k«!n jüdischen QcAefnden fi» meinem Lände.“ der Hinweis des Königs beleuchtet die Tatsache, daß als Ergebnis der Ah- Wanderung des jüdischen Elements in die großen Städte mehrere kleinere jüdische Gemeinden in Italien wegen Mangels an Mitliedern der Auflösung verfielen. Der König wies auch auf en Patriotismus der italienischen Juden hin und sprach auch von der Rolle, die die Juden Italiens im italienischen Leben einnehmen. Die 40 (WO Juden während des Krieges, sagte der König, stellten der italienischen Armee elf Generale. Der König sprach auch mit großer Sympathie von den Juden in italiemsehen Kolonien Rhodos, Tripolis usw. Die Krawalle an der Badapester UniversltSt Budapest, 5. November (I. T. A.) An einzelnen Instituten der Universität haben sich die Kundgebungen gegen jüdische Hörer auch heute trotz der Androhung der Be• norden wiederholt, und in einem der Hörsäle bedurfte es energischen Einschreitens des Vortragenden Professors, um Aus• schreitungen gegen die Juden zu verhüten. Die Universität»• behörden wollen nun noch einige Tage warten und drohen im Wiederholungsfälle mit unbedingter Schließung. Neuausgabe des ״Tycho Brahe“ In der ״Deutschen Buch-Gemeinschaft“ (Berlin), die sich das Ziel gesetzt hat, guten Büchern in bester Ausstattung״Verbreitung zu verschaffen, erschien soeben Max B r o d s Roman ״Tycho Brahes Weg zu Got t“, neben ״Reubcni“ wohl des Dichters bedeutendstes Werk. Wir haben bereits mehrmals Gelegenheit gehabt, unseren Lesern diesen Roman zu empfehlen, dessen Höhepunkt eine kurze Szene zwisehen Tycho und dem Hohen RabbiLöw bildet, in weicher tiefe und schöne Worte über Judentum und jüdisches Schicksal gesprochen werden und der religiöse Kern des Tycho-Problems offenbar wird. Denn Tyclios ruheloses Ringen, sein Wille zur T a t im Gegensatz zur Abgeklärtheit Keplers, ist im Grunde bedingt von jener großen jüdisch-religiösen Problematik, die — als Ethik, als Politik — seit Jahren Brods Denken und Schaffen beherrscht. Gerade darum ist auch sein Gesamtwerk (als neuestes, worauf wir noch zurückkommen, erschien ״Die Frau, nach der man sich sehnt“ im Verlag Zsolnay, Wien) als Dokument einer jüdischen schaffenden Persönlichkeit uns besonders nahe. In der Neuausgabe des Tycho, von der hier die Rede ist, schrieb Stefan Zweig ein Vorwort, das Brods Dichtung und Werdegang mit feinstem Verständnis charakterisiert. Zweig erkennt, daß Brods Weg vom anfänglichen Indifferentismus zu leidenschaftlichera Bekennertum führt, dies — so dürfen wir wohl hinzufügen — nicht ohne Mitwirkung seines zionistischjüdischen Erlebnisses. Romane wie Tycho und Reubeni bezeichnet Zweig mit Recht als ״nicht minder Darstellung eines religiös und moralisch Gegenwärtigen, als einer zeitentfernten Kultur“. Gerade dies macht sie so erschütternd, zumal wir dies ״Gegenwärtige“ als jüdisch erkennen. 1. Emil Ludwig: ״Kunst und Schicksal“. (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, geh. 7 M., geb. 10 M.) Man muß Emil Ludwig dankbar sein, daß er die große künstlerische Er- :ahrung, welche er bei der Abfassung seiner großen Memoiren- Jüchcr gesammelt hat, nun auch in aen Dienst kürzerer Essays jestellt nat. Der neue Band vereinigt Darstellungen von vier tührenden Künstlerpersönlichkeiten: Rembrandt, Beethoven, Weber und Balzac. Ich gestehe, ich habe in den letzten Jahren keine so lebendige Darstellung von Rembrandt gelesen, wie auf den wenigen Seiten in Ludwigs Buch. Wer den Menschen Rembrandt kennenlernen will, der lese diesen Essay, und dann wird er erst recht Rembrandts künstlerisches Werk verstehen. Das gleiche gilt für die drei übrigen Essays, von denen mir der über Balzac als der gelungenste erscheint. Diese Sammlung ist geeignet, ein Volksbuch im besten Sinne des Wortes zu werden. Und ein wertvolles dazu. Man muß nämlich in Broschüren nicht in den Broschürenton verfallen. Wahre Meisterschaft und wollende Beherrschung des Stoffes zeigen sich darin, daß man in knapper Form das Wesentlichste sagt. Emil Ludwig hat anscheinend viel Zeit gehabt, denn er hat sich kurz gefaßt. M.W. ״Kumkam“ und Zensor In dem Artikel ״Das Kabarett der Viertausend“ von Arthur Köstler in Nr. 83/84 der ״Jüdischen Rundschau“, der von der Entstehung des Kabaretts ״K u m - kum“ in Tel-Awiw berichtet, ist auch eine Bemerkung enthalten, daß die Arbeiterzeitung ״Da war“ ״plötzlich voll Entsetzen nach Zensur schreit, nach Kunstzensur noch dazu“. Dazu wird uns nun aus Palästina geschrieben, daß diese Bemerkung in dieser Form unrichtig ist. ln ״Dawar“ hat sich nur Moses B e i 1 i n s o n dagegen gewandt, daß ״Kumkum“ Weizmann als eine Clownfigur auftreten ließ. Das Blatt schrieb, daß dies über die Grenzen des auch kabarettmäßig Erlaubten hinausgeht. Der Angriff des ״Dawar“ hatte zur Folge, daß ״Kurnkum“ die erwähnte Nummer von seinem Programm absetzte. Von ״Zensur“ oder der Forderung einer Zensur war in ״Dawar“ nicht die Rede, Wir bringen gern diese Richtigstellung unsem Lesern zur Kenntnis, zumal, da wir uns nach Ansicht des betreffenden Artikels in ״Dawar“ überzeugt haben, daß wir dessen Inhalt nur unterschreiben können. Ludwig Hardt gibt seine letzten Abende in dieser Saison im Meistersaal, Köthener Str. 38, Sonntag, den 13. November, abends 8 Uhr: Balladen, Grotesken und Schwänke; Montag, den 14. d. M.: Heine: Zeltgedichte, Deutschland, Romancero, hebräische Melodien, letzte Gedichte. Die Kunslsammlung der Berliner Gemeinde Berlin, 9. November. (J. T. A.) Die Kunstsammlung hat im Berichtsjahre ihren Bestand an Bildwerken und graphischen Arbeiten bedeutend vermehrt. Unter anderem wurde eine Sammlung von fast 2000 großen Photographien, Lichtdrucken, Radierungen, Zeichnungen usw. erworben, welche, mit dem bisherigen bereits großen Bestände vereinigt, die Kunstsammlung in die erste Reihe der jüdischen Museen aufrücken lassen. Bei dem neuen Zuwachs handelt es sich um Abbildungen von namhaften Persönlichkeiten des Judentums, von Synagogen, jüdischen Friedhöfen, Gemeindegebäuden und Instituten, historischen Ereignissen (Pogromen in Rußland usw.) und ganz besonders von Werken jüdischer Künstler. Einige hervorragende Sticke werden bereits in der vierten Ausstellung, die demnächst eröffnet wird, zu besichtigen sein. Valeska Gert. (Tanzabend im Bachsaal.) Valeska Gert, die unbestritten größte Grotesktänzerin und Gestalterin gegenw.irriger Tanzkunst, ist eine Persönlichkeit mit zuweilen so grandiosem Umriß, daß sie geradezu als Repräsentantin der modernen zeitgemäßen Groteske gewürdigt werden kann. Und sie ist Jüdin, mehr als rassig, blutvoll, wenn auch internationales Großformat. Mag auch jüdische Kunst für sie immer noch nicht mehr sein als ethnographischer Begriff, Valeska Gert steht trotzdem gar nicht so weit außerhalb. Vielleicht ist ihre parodistische Begabung ״jüdisch“ und vielleicht hat der Widerspruch, den sie zuweilen hervorruft, diesen Ursprung. Exotisch-östlich kann als ihr Signum gelten. Grandios ist sie im parodierten Negertanz, klassisch in der Nähe der größten Schauspielkunst der Welt, der Maskenkunst der Asiaten, die plastisch-deutlich wurde in einem Moment der Parodie ״Boxen‘‘ des letzten Tanzabends; elementar im Gekreisch und in der großen Aufdeckung der Urinstinktc in der Gestaltung ״Die Amme“. Der sprudelnde Witz und der Blick für die Blößen der Zeit ist vielleicht auch Tradition des jüdischen Berlin plus Orient — im Blut RuthMorold.

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