Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 89 (8.11.1927)
- Date
- 1927-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 032 Vertragstreue Von informierter Seite wird uns geschrieben: Eine der Grundlagen des geschäftlichen und des politischen Lebens Ist die Vertragstreue. Wer diese bricht, Wird sowohl von den Zeitgenossen wie auch von den Historikern mit Bei- Wörtern wie perfid, unehrlich, machiavellistisch usw. bezeichnet. Allerdings pflegt sich der Historiker gemeiniglich nur mit der Untreue der Großen und Mächtigen zu beschäftigen und die Unanständigkeiten der Kleineren zu vernachlässigen. Darin liegt ein Unrecht, das wir nachstehend bezüglich eines kleinen Staates guhnachen wollen. Wir meinen Ungarn und die in den letzten Tagen dort gespielte Komödie von der Aufhebung des Numerus clausus. Ungarn braucht wie alle Welt Geld, Geld und noch ein* mal Geld, Dieses bekommt man aber bekanntlich nur in Amerika oder in London geliehen. Die Geldgeber verlangen selbstverständlicherweise Sicherungen. Außerdem steilen sie, da es sich gut macht, Ethik mit Geschäft zu verbinden, ethische Forderungen. Darunter auch die, daß im Verfassungsstaat Ungarn der Numerus clausus gegen die Juden aufgehoben werde. Die Geldgeber fühlten sich um so mehr zu dieser Forderung berechtigt, als der ungarische Unierrichtsminister, Graf Klebelsberg, vor langer Zeit im Völkerbund das feierliche Versprechen gegeben hatte, den Numerus clausus so rasch als möglich außer Kraft zu setzen. Was tut man nicht alles, wenn man Geld braucht? So versprach denn die ungarische Regierung bei den Anieihevorverhandlungen, ein Gesetz im ungarischen Parlament zu verabschieden, auf Grund dessen der Numeruj clausus außer Kraft gesetzt werden soll. So ganz bei der Sache scheint aber die ungarische Regierung schon bei der Abgabe dieses Versprechens nicht gewesen zu sein. Und. nach dem Grundsatz ״Nie soll die Rechte wissen, was die Linke nicht geben will״, veranstaltete sie in Ungarn eine Komödie schlimmster Art Sie ließ ankündigen, daß die letzte Stunde des Numerus clausus für die Juden geschlagen habe und harrte nun der Dinge, die ״mit unfehlbarer Sicherheit“ kommen mußten. Mit unfehlbarer Sicherheit! Wozu hat man denn seine Provokateure und wozu hat man denn die heranwachsende Jugend des ״erwachenden Ungarn“? Die Regierung zwinkerte mit den Augen und die ungarischen Studenten verstanden den Wink. Um so erlebte man, daß im Momente der Ankündigung der neuen Gesetzesvorlage ״spontan“ an allen Universitäten Un* garos Studentenkrawaße ausbrachen und die kochende ungarische Volksseele gegen die Abschaffung des Numerus clausus aufschlumte. Nun wissen wir leider aus unserer Geschichte, was es mit der ״Spontaneität“ derartiger Kundgebungen auf sich hat. Im Jahre 1906 brachen Ja auch in Rußland nach der Verkündigung des Oktober-Manifests an allen Ecken und Enden des Riesesreicbes ״spontan ‘ Pogrome aus, als ״Reaktion des beleidigten Russentums“ gegen die jüdische ZerstSnutgssuchi Und nachher wurde vom Fürsten Urussow klipp und klar bewiesen, daß die Pogrome von einer Zentralsteife aus organisiert wurden. So ist es immer. Wenn man Kundgebungen nicht haben will, so hat jede Regierung, und gar die ungarische, die bewiesen hat, daß sie, wo es ihr paßt, die nötige Energie aufzubringen vermag, die Macht, diese Kundgebimgen zu unterdrücken. Et kann also für keinen Kenner der Verhältnisse zweifei- ..feto»;daß ^dte Demonstrationen ap den .ungarischen Uni- ׳ ve1Ätilta%'Äe-Öemdhe1־ung der Redaktioasrätime des •*Ar Est* und (Be Krawalle vor dem ungarischen Nationaltheater gegen die Aufführung von Szomorys Drama von einer Stelle aus arrangiert waren. Diese Stelle scheint des stillen Einvcrstindnisses der ungarischen Regierung sicher zu sein, obwohl Graf Bethlen im Parlamente feierliche Erklärungen abgab und obwohl Graf Klebelsberg noch feierlicher versprach, Ordnung an den Universitäten zu schaffen und die Lehr- und Lernfreibeit zu schützen. Insgeheim hat er sich wohl dabei gedacht, soweit keine Juden in Frage kommen . . . Das Ganze aber ist ein Beispiel für ungarische Vertragstreue. Trotzdem braucht man kein Prophet zu sein, um sich zu sagen, daß die Ungarn doch ihre Anleihe bekommen werden. Ethik und Geschäft sind ja gute Dinge. Zur Not tut es das Geschäft allein und man verrichtet auf die Ethik. Neun jüdisch-orthodoxe Institutionen in Jerusalem haben fetuetnsam eine Bank begründet, die den Namen ״Bank ertisbalaim, Ltd.“ führt. Das Aktienkapital beträgt £ 10 000. Sani Tscherniehowski ln Hamburg Von Martin Cohen, Hamburg. ״ ,,Raten möcht' ich dir, Geliebte, Nachzuholen das Versäumte Und Hebräisch zu erlernen — ' Laß Theater und Konzerte. Widme ein’ge Jahre solchem Studium, du kannst alsdann Im Originale lesen Ibn Esra und Gablrol Und, versteht sich, den Halevy.“ Heine. Aus Hamburgs Geschichte kennen wir drei hebräische Dichter: Naftaly Herz Wessely, Schalom Hohen und Moses Mendelsohn-Frankfurter. Die Zeit ist über sie hinweggegangen, über sie und ihre Werke. Gern erinnern wir uns dieser Männer, die sich um die hebräische Literatur des 19. Jahrhunderts beachtliche Verdienste erworben, wenn wir in diesen Tagen Saul Tscherniehowski bei uns sehen. In der Parallele zu den Werken der genannten Dichter verspricht uns das Werk Tschernichowskis unvergängliche Dauer und weiteste Popularität zu erreichen. Die Resonanz, die vor hundert Jahren der hebräische Singer mir mühevoll fand, ist nicht vergleichbar dem lauten Echo, das dem heutigen aus der neu entstehenden hebräischen Welt entgegenschaili Ein hebräischer Dichter ist heute nicht mehr einsam. Man lebt mit ihm, weil er mit uns lebt. Tschernichawski lebt mit dem Kind in dessen Welt von ״Sonne“, mit dem ״achad weachad“ schafft er ihm einen reizenden Vers, um beim Fangenspklen den Häscher auszuwählen, und geleitet es אס einem kindlich-frohen ״Abendlied“ in den Schuf. Fröh- Itcfakeit ist überhaupt der Orundton in der Dichtung Tschernichowskis. Die schwärmerischen Frühlings- und Liebeslieder, ״Die Eiche“; ״Die Wintersonne“ offenbaren seinen unbegrenzten Optimismus, den er bekennt mit dem Ausruf: ,,chajim ahawti waor“, ״das Leben liebe ich und das Licht“. Prophetisch reift seine Sprache im klassischen Stil der Bibel, wenn er getchichtiiche Ereignisse besingt wie in den» Lied ״in Endar“ oder in dem sinnvollen Gleichnis ״Der Thantus wird sterben“. Trefflich weiß er in ״Hakafoth“ aas Bild eines chassidischen Bethauses am Simchatn Thora zu malen. Während er hier und im ״Fratagabeadlkd“ stilvoll an traditionelle Gesänge anzu¬ JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88» 8. »10» Realistische Organisations-Arbeit Von Dr. med. Walter Kohner (Karlsbad). Der Leitartikel des ״New Judaea“ hat den XV. Kongreß den realistischen Kongreß genannt und diese Bezeichnung erscheint mir außerordentlich glücklich gewählt. Realismus bedeutet: sich auf den Boden der Tatsachen steilen, die wirklichen Gegebenheiten einschätzen und Forderungen erheben, die nach den gegebenen Wirklichkeitenjm erfüllen sind. Realismus bedeutet aber nicht: an den Gegebenheiten festkleben und das hohe Ziel aus den Augen verlieren. Realismus ist nicht der Gegensatz zu Idealismus, sondern seine Grundlage. Unsere zionistischen Ideale schweben nicht in der Luft, sondern haben ihre Wurzeln tief in der Erde unserer wirklichen Verhältnisse. Unsere Erfolge liegen dort, wo wir die Verhältnisse richtig erkannt haben, unsere Mißerfolge dort, wo wir über sie hinwegzublicken, sie zu vernachlässigen begonnen haben. Ich bemühe mich seit vielen Jahren in Wort und Schrift, unsere zionistische Mentalität dahin zu bringen, die vorhandenen Tatsachen zu erkennen und sie als Gegebenheiten, die wir nicht willkürlich von heute auf morgen Indern können in unser Kalkül zu ziehen. In dem Verlauf und den Beschlüssen des Kongresses hat es sich gezeigt, daß nur dies der richtige Weg ist, vorwärts zu kommen. Wenngleich auch dieser Kongreß noch nicht frei war von Beschlüssen, die wurzellos 1m Aether schweben, hat er doch gezeigt, daß die Verantwortlichen den Tatsachen ins Auge schauen können und wollen. Man erinnert sich, daß man vor Jahren dekretiert hat, daß unsere Zionistische Organisation aus der Zelt der Vereinsmäßigen Zusammensetzung heraus sei und daß wir ״das Volk am Marsche“ sind. Das war eine Antizipation und als solche unrealistisch im höchsten Grade. In Wirklichkeit sind wir noch ein großer Verein oder vielleicht gerade am Uebergang zur Voikswerdung. Ein Volk braucht nirh♦ Mitglieder zu werben, aber ein Verein muß es tun. Dadurcn, daß der Kongreß die Mitgliederwerbung an eine wichtige Stelle der rionistisehen Forderungen gestellt hat, hat er aie Verhältnisse klar erkannt. Der Kongreß hat auch beschlossen, die Territorialverbinde zu schaffen, das heißt Arbeitsgemeinschaften in den einzelnen Ländern, welche die allgemeinen zionistischen Arbeiten, wie Schekel, Kongreßwahlen, Werbung für die Fonds, aber auch Propaganda usw. zu besorgen haben. Das ist richtig, weil der Zionismus in , jedem Lande eine andere Farbe hat und mit anderen psychologischen, aber auch äußeren Mitteln arbeiten muß. Es ist eine Verkennung der wirklichen Zustände, wenn man das in Abrede stellt Die Erkenntnis, daß dieser letzte Kongreß ein realistischer Kongreß war, verpflichtet uns. Die bisherige Diskussion des Kongresses, soweit ich sie überblicken konnte, hat sich auf die Diskussion gerade der Fragen beschränkt, über die sich viel reden läßt, ohne daß das Reden darüber einen wirklichen Wert hat. Man diskutierte die Berechtigung der Kürzung des Budgets, die Frage der kleinen Palästinaexekutive, also Dinge, die mit imserer zionistischen Arbeit hierzulande nur in imurefeter Be- Ziehung sjehen. Dagegen wurden die Anregungen, die in der realistischen Betrachtung der Organisationsfragen implizite liegen, noch nicht besprochen. Das aber ist unser Arbeitsfeld, denn wir Zionisten in der Galuth haben uns vor allem damit zu befassen. Die folgenden Ausführungen sollen Anregungen sein, der Oeffentlichkcit übergeben. Ich kann nur hoffen, daß bald die Ausführung in dem einen oder anderen Lande folgen werde. Die eine Anregung betrifft die Schekelfrage. Daß der Schekel als eine tief in der Geschichte des Jüdischen Volkes wurzelnde Einrichtung beizubehalten ist, ist heute fast allgemein anerkannt, ebenso wie die in der Billigkeit desselben liegende Schwierigkeit, die Schekelpropaganda intensiv zu betreiben. Die Diskussion über den Schekel, die vor einigen Jahren in d^r Presse stattfand, hat keine Resultate gehabt. ' :* ich möchte Vorschlägen, die Schekelpropaganda in dem Sinne zu führen, daß man versucht, den Schekel für 10 Jahre aut einmal zu sammeln, also Mitglieder auf 10 Jahre zu werben. Das ergibt dann «ine Summe, die bereits groß genug ist, um ihre Propaganda rentabel zu gestalten. Die gesammelten Gelder werden einem Treuhänder übergeben, der das eingelaufene Kapital verwaltet und jedes Jahr an die Organisation den entsprechenden Betrag abführt. .Das Kapital wird fruchtbringend und sicher angelegt und gibt — eine Verzinsung von 5 0/0 angenommen, in 10 Jahren einen Zinsendienst von 22,5 *A, falls das Kapital nach Ablauf der 10 Jahre an die Organisation ausgezahlt ist. Wenn wir beispielsweise annehmen, daß es gelingt 100000 Zehnjahrschekel zu sammeln, so gibt das -> den Schekel zu 1 M. angenommen — ein Kapital von 1000 000 M. Eine Verzinsung von 5 ®/o ergibt als Ueberschuß nach 10 Jahren jährlicher Ablieferung von 100000 M. 225 000 M,, welche gewattige Summe dazu benützt werden kann, den entsprechenden Apparat aufzustellen. Das kann um so leichter geschehen, als für die Zeit des höchsten Bedarfes die größte Summe zur verfügung steht, d. i. 45000 M. im ersten Jahre. Aus dem gewonnenen Ueberschuß aber soll dem Zahler des Zehnjahr- Schekels ein Vorteil dadurch geboten werden, daß er in die Liste der Schekelzahler der weit eingetragen wild. Es wird ein Adreßbuch hergestellt, nach Lindern geordnet, eventuell auch nach Berufen oder Branchen. Dieses Adreßbuch, das zentral redigiert wird, wird gegen Ersatz der Kosten an den einzelnen Zahler abgegeben und bietet eine große Menge von Vorteilen auch wirtschaftlicher Art für die darin verzeienneten Schekelzahler, es bildet den Ansatz zu einer innerzionistischen Wirtschaftsordnung. Daß die Herstellung des Adreßbuches durch Aufnahme von Annoncen kostenlos erfolgen kann, ist durch vielfältige Erfahrung bekannt. Ich möchte mich aber aut Details noch nicht eituassen, es handelt sich mir darum, das Prinzip zur Diskussion zu stellen. Interessenten werden die näheren Ausführungen und Berechnungen gerne zur Verfügung gestellt Eine andere Anregung, die ich geben möchte, reicht etwas tiefer in unsere zionistische Arbeit Ich habe in einem Aufsätze ״Idee und Wirklichkeit“, der vor zwei fahren in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienen ist, darauf hingewiesen, daß wir ln unserer Arbeit das Material nicht kennen, mit dem wir es zu tun haben. Während jeder Handwerker über Materialkenntnisse verfügt, der Bildhauer seinen Stein, der Maler seine Farben, der Schuster sein Leder kennt, glauben wir uns über die Kenntnis des Materials unserer Arbeit hinwegsetzen zu können. Wir haben es mit Menschen zu tun, mit der Masse von Menschen, aber wir haben uns den Kopf darüber überhaupt noch nicht zerbrochen, wie diese Masse beschaffen ist, unter welchen biologischen und psychologischen Oesetzen sie steht. Wir rechnen mit einer bestimmten Zahl von Zfonisten. mit Hunderttausenden von Zionisten, aber wir wissen wenig oder nichts von der Mentalität dieser Zionisten, wir wissen nicht, wie weit ihr Zionismus reicht, welchen Raum er in ihrer Seele einnimmt Wir wissen nichts von der Mentalität der ״Auchzlonlsten“, der Mitläufer usw. Wir konstatieren mit Bedauern, d 8 8 das Volk nicht opferbereit ist. aber wir wissen nicht, warum es nicht bereit ist oder vielleicht nicht bereit sein kamt. Einzig und allein die Misrachi haben sich eine Idee davon gemacht und sich so als Realpolitiker erwiesen. Und doch scheint es unerläßlich, daß wir uns dieses Wissen um unser Material verschaffen. Wir wollen doch in absehbarer Zeit an diese Masse von Menschen herantreten, wir brauchen ihre Energie, ihren Willen und ihr Geld, und es gehört zu den primitivsten Erfordernissen, zu wissen, wie man an sie herankommen kann. Wir haben uns doch entschlossen, Schluß zu machen mit der Ueberrumpriungspolitik, mit der Sensations- Politik und wissen, daß unser Weg. ein langer und langsamer sein wird. Daher haben wir auch Zeit, uns vorzubereiten. Ziel des zionistischen Realismus also wird es sein, sich ein Bild zu verschaffen über die wirkliche Psychologie der Masse, über das Verhältnis, das seelische Verhältnis des einzelnen Zionisten, des einzelnen Auchrionisten und schließlich des einzelnen Juden selbst zu unserer Idee. Der Weg zur Erforschung dieser Zustände wurde uns von der Wissenschaft gezeigt, er führt über die Analyse der Einzelpersönlichkeit zur Analyse der Massenpersönlichkgit Viel Material ist diesbezüglieh bcreitgestellt, aber noch unendlich viel ist zu schaffen. Es fehlt uns das Buch, das betitelt ist: ״Die Psychologie des Zionisten“. Die Methodik für diese Forschungsarbeit puß festgelegt werden. Psychologen, Aerzte, Juristen, Mensehen, die theoretische oder praktische Kenntnis des Menschen haben, müssen herangezogen werden, um das Material herbeizuschaffen. Wenn man bedenkt, welche unendlich langwierigen und schwierigen Vorstudien und Vorarbeiten notwendig sind, bevor man z. B. eine neue Methode der Stahlerzeugung durchführt, wird man verstehen, daß auch große Vorstudien gemacht werden müssen, bevor man die Methodik der konstanten Massenbeeinflussung erkennt. Bisher haben wir dUettiert, von nun an t ־»^sea* wir־ %Jipinniseh vorgehen. Auf der am XV. Kongreß angeregten Konferenz der zionistischen. Theoretiker und Propa• gandisten sollte der Beratung über dieses gewichtige Thema ein Platz eingeräumt werden. Man wird aus den genannten zwei Anregungen ersehen, was ich unter zionistischem Realismus verstehe. Realismus ist, wie gesagt, Kenntnis der wirklichen Gegebenheiten als Grundläge Jeder Politik, aber die Kenntnis bedeutet noch nicht Anerkennung. Realismus muß, wie Dr. Weizmann es Idar ausgesprochen hat, der Führer unserer äußeren Politik sein, Realismus muß aber auch unsere innerjüdische Politik beherrschen. Unendlich viel wäre darüber nöch zu sagen. Vorläufig mögen diese Andeutungen genügen. Weizmann In Berlin Dr. Chaim Weizmann trifft Mitte November in Berlin ein. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland und die Berliner Zionistische Vereinigung veranstalten anläßlich der Anwesenheit des Führers am Donnertag, den 17. November, abends, im Marmorsaal am Zoo einen Empfangsabend. knüpfen weiß, versteht er es, in seinen Hymnen auf die Natur und ihre Schönheiten schöpferisch neue Formen zu bilden. In diesen Liedern begegnen uhs unzählige Blumen und andere Naturerlebnisse, die vor ihm kein hebräischer Sänger besungen. So lebt Tscherniehowski für und mit uns, indem er uns die Sprache neu erschafft. Er lebt mit uns mit unserer Welt und zieht zu sich hinüber in die hebräische Welt, in seine Welt, wenn er Goethe und Longfellow ins Hebräische übersetzt. Höchste Steigerung aber erreicht sein Enthusiasmus, denkt er an das Schicksal des jüdischen Volkes. Er glaubt an die Zukunft bebräischen Lebens, er glaubt darum an seine Sendung, wenn er prophezeit: 10״ tamuth bath haschir, 10 tamuth Kolme ad“. ״Nie stirbst du, Tochter,des Liedes, unsterblich bist du, in Ewigkeit.“ Unseren Gruß dem begnadeten Singer, den Graß der Hebräer: Schalom! ludivig Hardt: Kalka-Abend Auch Kostbarkeiten, wenn sie zu gewohnten Lebensannehm* lichkeiten werden, genießen oft nicht die ihnen zukommende Würdigung. Dies Gesetz spürt neuerdings Ludwig Hardt, obwohl diejenigen, die Ludwig Hardt nicht hören, sich selbst am allermeisten schädigen. Er ist jetzt wenn möglich noch reifer, noch reicher. Zumal an diesem Kafka-Abend (im Meiste•־ saal) glich er einem asiatischen Patriarchen, einem fürstlichen Märchenerzähler aus 1001 Nacht. Buddhistisch ehern und fern wie ein Gott aus Bronze, hämmerte er den Schluß der Fabel ״Vor dem Gesetz“, verwuchs in der Legende von den Arabern und den Schakalen mit der Großartigkeit der Natur aus Blut und Wüste und half überhaupt mit jedem der kammermusikfeinen Prosastücke Franz Kafka zu seinem Recht, das das Recht des Genies ist — leider auch im Bösen. Ehe beiden Novellenbände, von denen sich nur ein paar der schönsten Prosastücke ins ״Hardtbuch“ gerettet haben, sind natürlich vergriffen. Deutlich, wie sonst nur in der Kenntnis des Gesamt* werkes, wurde schon in diesen wenigen Proben, daß die Spannweite diesen leider allzu früh Gestorbenen von minutiöser Virtuosität—etwa der Spitzenpracht des Kabinettstückes ״Auf der Galerie“, und melancholischer ostjüdischer Dialektik (״Das nächste Dorf“) — bis zur Größe und Kraft der offenen ungebrochenen Natur mit Leichtigkeit tragen konnte und trug, .was die jüdische Dichtung durch seinen Tod verlor, am• schreibt die Innerlichkeit der Geschichte ״Ich hab׳ elf Söhne“ und die Zartheit seiner Virtuo&enspiek. wer aber an diesem Hardt-Abend die hinreißende Darstellung erlebte im ״Be• richte eines Mensch gewordenen Affen an die Akademie“, das gedrücktmenschliche und den Ausbruch der Freiheit des Tieres und die auch von Kafka gemeinte Parallelität: Menschenvorfahr, der in der Weisheit des Asiaten gereinigt aufersteht auf höherer Ebene — wer das erlebt hat, der weiß es, daß ein Künstler wie Hardt einmal Ist und daß man, wenn man ihn vor halb gefüllten Sälen sprechen läßt, nur sich selbst beschämt. R. M. Katholische Dichtungen Der atemraubende, von Friedrich Burschell vorzüglich ins Deutsche übertragene Roman ״Die Sonne Satans“ von Georg Bernanos (bei Jakob Hegner in Hellerau, 1927, 6 M.) offen• bart das heroische Ringen einer flammenden religiösen Seele wirken bedroht. Mit starker Gestaltungskraft werden mensch• liehe Urprobleme, die nicht nur der katholischen Welt eigen sind, aufgerührt, und der Gegensatz elementarer Religiosität und offiziellen Kirchentums, dem jene ״nicht in unsere Zeit paßt“, wird eindringlich — man denkt an Dostojewskis Großmquisitor — vorgetührt. Das lyrische Drama ״Der erniedrigte Vater“ von Paul Claudel (ebenfalls bei Jakob Hegner, 1927, 4,50 M.), deutsch von Albrecht Joseph, spielt zur Zeit der sterbenden weltlichen Macht des Papsttums. Die Neffen des Papstes Orlan und Orso, lieben die blinde Pensde, Tochter des französischen Gesandten Grafen von Coufontaine und der Jüdin Sichel. In einer dunklen Frühlingsnacht, im Garten eines Maskenfestes, wirbt Orian, der sie selbst liebt und den sie liebt, für seinen Bruder Orso um Penste, und sie spricht ihm von ihrem Judentum, das durch Taufwasser nicht zu beseitigen Ist. ״Man legt nicht so leicht die Gewöhnung ab aus so vielen Jahrhunderten. Die sämtlichen Jahrhunderte seit Erschaffung der Welt, scheint mir, schleppe ich mit mir herum.“ Dann spricht sie von dem großen Oeschichtsirrtum der liberalen Aera mit den ganz aktuell küngenden Worten: ״Ich bin eine Jüdin wie meine Mutter, and