Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 87, 1. XI1027 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 617 Zionismus und Liberalismus Die Frankfurter Tagung der «Vereinigung für das liberale Judentum" Von unserem Sonderkorrespondenten. e. s, Frankfurt a. M., Ende Oktober. Wie bereits kurz gemeldet, hat das Problem des Zionismus die liberale Tagung offiziell nur in Ihrer letzten Viertel• stunde beschäftigt. In Wahrheit glomm es aber unter der Ober• fliehe sowohl der Verhandlungen wie auch der Organisation dieser Kundgebung. Um zunächst von den Ersten zu reden, 80 war das Oeneralthema ״Individuum und Gemeinschaft“ sichtlich darauf eingestellt, die Stellung des Liberalismus zu den Fragen und Aufgaben der jüdischen Gesamtheit des Klal Jisroel zu klären und zu vertiefen. Man darf sagen, daß dies in Rabbiner Dr. Dienemanns und J.-R. Dr. Blaus Referaten erfolgreich geschehen ist. Dienemann stellte zuerst fest, daß unsere Gegenwart gebundener sei als das individualistische 19. Jahrhundert, in das die klassische Zeit des Liberalismus fiel. Dieser habe aber in jeder Zeit mit dem Problem ״Individua• lismus und Gemeinschaft“ zu ringen, denn als Liberalismus lehne er einerseits die Göttlichkeit objektiver Formen ab, als Religion aber, und insbesondere als jüdische Religion, brauche er sie. Deshalb darf die Gemeinschaft vom Individuum fordern, daß es durch Bekenntnis und tätige Opfer, außer dem des Intellekts, Ihre Existenz und ihren Wert anerkennt. Die bloße Exl* * stenz b e r u h t u. a. auf der Blutverbundenheit, aber diese selbst Ist noch kein Wert, wenn auch vielleicht ein Schicksal. Wert• voll wird dies Schicksal nur dadurch, daß die natürliche und gesellschaftliche Gemeinschaft des Judentums Trägerin einzigartiger Ideen ist, die insbesondere das Verhältnis Gottes zum Menschen und die Tat des Menschen am Gottesreich betreffen. Mit diesen Grundgedanken werden diejenigen zionistischen Gesinnungsgenossen nicht einverstanden sein, die das jüdische Volk für eine Nation gleich den anderen halten und deren Nationalismus jüdisch angestrichener Europanationalismus ist. Wir anderen, und zu uns gehören Menschen vom Misrachi bis zu Holdheim, werden diese grundsätzliche Position Dienemanns annehmen und darauf verweisen dürfen, daß wir sie, in dieser oder jener Form, gleichfalls schon erkannt und ausgesprochen haben. Bedenklich wird die Sache erst in dem Augenblick, wo Dienemann von der Freiheit jedes Einzelnen spricht, der sich wirklich zugehörig fühlt, die Grundtendenz der jüdischen Gemeinschaft zu Indern, z. B. — und es war befremdlicherwelse gerade das einzige Beispiel, das er brachte — z.B. im Sinne einer Abschwächung der nationalen Elemente. Wer, wie wir, mit Dienemann der Meinung ist, die jüdische Kernaufgabe liege darin, jüdische Möglichkeit und jüdische Wirklichkeit, die jüdisch-religiöse Idee und den jüdisehen Gesellschaftskörper, die immer auseinanderklaffen und auseinandergeklafft haben, so lange es, ln engerem Sinne, jüdische ״Geschichte“ gibt, einander möglichst anzunihem, der kann unmöglich auch darin Dienemann recht geben, daß die nationalbindenden Klammern jemals fallen könnten, die diesen Gesellschaftskörper von außen um! von innen Zusammenhalten. Nirgends anders als in Palästina ist die Möglichkeit gegeben, Idee und Leben zur breiten und vollen Erprobung aufeinanderstoßen zu lassen; nirgend• so sehr wie dort hat sich der jüdische Geist in der ganzen RealltltafUle einer konkreten Aufgabe <״«B»*virW^ern»*‘׳äÄr»w#^ltt‘‘wÄt»!,‘8ebÄ«‘:',m8gliA*‘l»tj'‘1»tir da ist auch Erlösung möglich oder doch ihre Vorbereitung; nicht aber In Jenem schlechten Zwischenreich, in dem das Kompromiß nicht nachträgliches Ergebnis der gewaltigen Lebenskämpfe ist, sondern die von vornherein festgelegte Voraussetzung. In der Rede Dr. Blaus über ״Individuum und Gemeinde“, die besonders auch vom konservativen Standpunkt aus bemerkenswert war, durfte überraschen und erfreuen, daß dieser hervorragende liberale Führer die unbedingte Einheit der Gemeinde vor allem mit Argumenten belegte, die uns zum Begriff der ״Volksgemeinde“ geführt haben. Die Notwendigkeit der gegenseitigen Beeinflussung aller Richtungen, die Einfügung der Gemeindezelle in den großen Organismus des Klal Jisroel, die Fülle der nicht im engeren Sinne religiösen, z. B. sozialen Aufgaben, die ohne gemeinsame Arbeit verkümmern müßten — das gleiche meinen ja auch wir. Um so weniger hatte Dr. J o h n W e r t h e i m Ursache ־— oder vielleicht um so mehr? •— sich auf der die Tagung beschließenden Abendveranstaltung des Frankfurter ״Vereins für freisinniges Gemeindeleben“, übrigens einer diskussionslosen ״Kundgebung“ in der scharfmacherischen Hetzermanier, die sattsam an ihm bekannt Berliner ziomstiscm uarelnlgung Sonntag• den 6. November, vorm. 11 Uhr Im &ach-(ül(lthner)SaaI, LQtoowstrafie 76 FESTAKT anläBllch des 10. Jahrestages dar Baliour-DeMaration Unter Mitwirkung von:!Prof. Josef Wolfsthal (Violine), Carol Szreter (Klavier), Gregor Piatlgorsky (Cello). Festredner: Dr. Alfred Apfel Kart Blamenfeld Dr. Nahum Goldmann Dr. Jakob Klatzkin Dr. Alfred Klee Prof. Dr. Heinrich Loewe Karten zum Preise von Mk. 3.—, 2.— und 1.— erhältlich im Büro der B.Z.V , Melnekestr. 10, ata den Theaterkassen von Wertheim. Bote & Bock and an der Saalkasse. illlllUWMIl ist, mit dem Zionismus, mit Palästina, mit der Volksgemeinde zu befassen. Aber lassen wir dieses traurige Kapitel: es lohnt die Druckerschwärze nicht. Zurück zu ernsteren Dingen! Eine sehr ernste Erscheinung war das Fehlen der meisten palästinafreundlich oder gar zionistisch eingestellten Rabbiner, auf das Rabbiner Dr. Salzb e r g e r, Frankfurt a. M., In seiner bereits im VoTbericht erwähnten mutigen und notwendigen Rede hinwies. Man muß wohl von einem ostentativen Fernbleiben sprechen, wenn nicht nur die Berliner B a e e k und Wiener, nicht nur der Stettiner Elk, sondern auch die Rabbiner der Nachbargemeinden Mannheim (Dr. Grünewald) und Bingen (Dr. May bäum) die Tagung mieden. Dr. Salzberger suchte diese Tatsache nicht so sehr damit zu begründen, daß die Herren einen antizionistischen Vorstoß zu fürchten hätten, als vor allem damit, daß sie nicht immer und immer wieder von neuen Reformen hören wollten. Leider, doppelt leider, hat er in beidem Unrecht Einmal deshalb, weil gerade seine Worte scharfe antizionistische Kundgebungen Dr, Rudolf Geiger«j des stellvec» tretenden Vorsitzenden der Vereinigung, und Geörge Götzen®, ihres Generalsekretärs, auslösten. Geiger schloß seine Rede mit den ehrerbietigen Worten: ״Auch ich bedaure, daß die jungen Rabbiner nicht gekommen sind: sie hätten hier etwas lernen können.“ (!) Götz , der eine antizionistische Predigt mit deutschen Bibelstellen hielt, wurde vom Vorsitzenden, Rechtsanvvalt Heinrich Stern, durch die Feststellung desavouiert, daß er nur als Privatperson und nicht als General- Sekretär gesprochen habe, wenn er jedem Nationaljuden den Weg in die liberale Vereinigung verschließen wolle, aber Stern selber gab der nochmaligen Vorlesung der bekannten Resolution der Vereinigung über den Primat der Religion, die sie, die aus Laien bestehende, gegen die palästinafreundliche Resolution des liberalen Rabbinerverbandes gefaßt hatte, eine im Grunde gleichfalls antizionistische Deutung. Dies alles veranlaßte Dienema n n, im Schlußwort aus seiner Reserve herauszutreten und sich darin zu formulieren, daß jeder Zionist willkommen sei, der den Primat, das Religiöse, anerkenne, daß aber auch jeder Zionist kommen müsse, der religiös liberal sei, um den ewigen Kampf zwischen Individuum und Gemeinschaft mit auskämpfen zu helfen. Die — im schlechten Sinne — ״Fertigen“ seien sowohl diejenigen Liberalen, die die Zionisten nicht haben wollen, wie diejenigen Zionisten, die sich separieren. — Von uns aus ist zu all dem zu sagen, daß die Tragik des jüdischen Liberalismus sich auch hier wieder erfüllt: er ist geboren als eine politisch« Bewegung, sein erster Anstoß war nicht Reform aus religiöser Unzufriedenheit, sondern aus emanzipatorischem Drange, nicht ein geläutertes, sondern ein ״gleichberechtigtes“ Judentum war sein Ziel — und all dies mußte er immer wieder in religiöser Maske, auch vor sich selbst, zu erreichen suchen. Wenn heute die Rabbiner, die innerhalb des Liberalismus zweifellos tiefer religiös bewegt sind als die meisten der Laien, die liberalen Zionisten für religiös genug halten, um mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, und wenn die Laien, die zum Teil doch wohl auch heute noch religiös recht indifferent sind, dem ״aus religiösen Orunden“ glauben widersprechen zu müssen, so zeigt sich der politische Gegensatz unter religiöser Grimasse in seiner •ganzen traurigen Verwirrung. Aber auch in seiner zweiten Voraussetzung irrte sich Dr. Salzberger: wenn er meinte, der Schrei nach Reformen stoße die jungen liberalen Rabbiner ab. Das, was hierzu zu sagen Ist, kann ich nicht mehr für alle Leser dieser Zeilen sagen, sondern nur für die gesetzestreu eingestellten, fühle mich aber dennoch verpflichtet dazu. Ein Teil der Jungliberalen huldigt nämlich einer Theologie, die grundsätzlich, wenn vielleicht auch nicht in praktischen Einzelheiten, über fast alles hinausgeht, was die Reform an Ablehnung des jüdischen Gesetzes bisher hervorgebracht hat. Es wird nämlich der Oedanke verfochten, erst Palästina mache den Liberalismus überhaupt möglich, da es an Stelle der soziologischen Bindung durch das Gesetz, die im Galuth nicht entbehrt werden könne, die soziologische Bindüng durch das Land setze. Nun erst kann man, nun aber auch soll man das Gesetz abwerfen. Eine solche, rein soziologische Begründung der Halacha bedeutet tn. E. eine ungeheure Verflachung der Judenfrage und schiebt sie ln der Tat, wenn auch wieder von einer anderen Seite her, in den Bezirk eines zweck bestimmten Nationalismus, der sich seine politischen Schutzwälle mit religiösem Anstrich schuf. Die Aehnlichkeit dieser Formulierung mit derjenigen, die wir soeben gegen den jüdisch-politischen Liberalismus gebraucht haben, Ist keine zu* fällige: sie beabsichtigt, die ungeheuren und einander verwandten inneren Oefahren beider Spielarten zu zeigen. Ein Wort noch über den Besuch der Tagung: er war außer- ,ordentlich schwach. Wenn man bedenkt, daß bei dem kleinen Erfurter Delegiertentag unserer zionistischen Vereinigung, der in keinem jüdischen Zentrum stattfand, etwa 300 Menschen drei volle Tage lang aushielten, und dann hinzuhilt, daß am Nachmittag des einzigen Verhandlungstages — denn nur der Samstagabend war schon Beratungen gewidmet gewesen — kaum 70 Leute einschließlich der Delegierten anwesend waren, und in einer Stadt wie Frankfurt (!), dann finden wir auch darin unseren Anspruch bestätigt, daß die eigentlich aufwühlende und Im Grunde einzig lebendige Bewegung in der deutschen Judenheit der Zionismus ist. Dr. ErnstSimon. Die Joint-Konlerenz In Chicago New York, 28. Oktober. (J.T. A.) Das American Joint Distribution Committee und die Mitglieder des Komitees des vom Joint durchgeführten United Jewish Campaign haben in diesen Tagen in. CMcw*o Ihre .Konferenz fiirjudiBche AgtQpu* nilfe abgehaleä. Den Vorsitz führten der Prisident des Joint Distribution Committee, Herr Felix M. Warburg, und der Präsident des United Jewish Campaign, Herr David Ä. B r o w n. Der Leiter des Agro-Joint in Rußland, Dr. Joseph A. Rosen, skizzierte in seinem Bericht an die Konferenz das Arbeitsprogramm für das Jahr 1928 und führte aus, es bestehe die Möglichkeit, das Kolonisationswerk in Rußland auszudehnen, wenn die für dieses Werk nötigen Fonds bereltgestellt werden würden. Es wird vorausgesetzt, daß die Comzet (Regierungs־ kommissioa für jüdische Landansiedlung und Industrialisierung) zu 50 «;ס eine Pfandbrief-Emission begeben wird, wobei für die Bons eine staatliche Garantie geleistet werden wird. Die Konferenz beschäftigte sich auch mit der Frage der jüdischen Kolonisation in Polen, die von einer in Warschau neu gegründeten Gesellschaft ״Tor“ propagiert wird. Der Vizepräsident des Joint, Herr James N. Rosenberg, der vor kurzem in Polen geweilt hat, wies darauf hin, daß in dem Kreise Pinsk ausgedehntes S u m p f 1 a n d für die Landwirtschaft und die jüdische Kolonisation urbar gemacht werden könne. Nach Trockenlegung könnten auf diesem Boden rund '40 000 Familien Platz finden. Die Initiative für eine An- Siedlung von Juden in diesem Kreise müsse von Polen selbst kommen. Herr Rosenberg sprach die Hoffnung aus, daß die polnische Regierung sich dazu entschließen wird. ״Vive la France״ Von Moses Waldmann. ״Bei meiner Seele und meinem Gewissen vor Gott und Menschen; unsere Antwort lautet: Nein!“ Nach dieser Erklärung des Vorsitzenden der Jury setzte im Verhandlungssaal ein Orkan der Begeisterung ein. Leute warfen ihre Hüte in die Luft, unermüdlich brüllten Anwälte, Arbeiter, Publikum, Zeugen, Journalisten immer wieder ״Vive la France“. Unter dem Stampfen und Toben brachen einige Bänke zusammen. Der Vorsitzende blickte, in seine rote Robe gehüllt, auf die tosende Menge, ohne auch nur den Versuch zu machen, diesen spontanen Ausdruck irgendwie zu bändigen. Dann murmelte er etwas (man vernahm davon kein Wort) und zog mit eleganter ׳ Gebärde ein vorbereitet gehaltenes Aktenstück hervor und unterschrieb es. Man verstand: es war das Befreiungsdekret. Schwarzbart hatte den Kopf gesenkt. Demütig fast nahm er die Verkündigung des Freispruches entgegen. Da nahte ihm einer von den zwei Justizwachtmeistern, die ihn während der langen Verhandlungstage auf der Anklagebank bewacht hatten, fiel ihm um den Hals und küßte ihn, wobei er die Worte sprach: ״Ich bin ein algerischer Jude.“ Frau Schwarzbart, die während der ungefähr halbstündigen Beratung des Gerichts todesblaß vor sich hingestarrt und plötzlich alle Hoffnung verloren halte, weil die Geschworenen den Verteidiger Torrös und den Gerichtspräsidenten Fleugr in ihr Beratungszimmer riefen (man schloß daraus, daß Schwarzbart dennoch zu einer, wenn auch geringen, Strafe verurteilt wird), stürzte mit einem Aufschrei zu den Entlastungszeugen und, vor Freude schluchzend, fiel sie der Reihe nach allen um den Hals. Am innigsten jedoch dankte sie dem Leo Motzkln, der sich, neben vielen anderen, sechzehn Monate lang Tage und Nächte in den Dienst der Verteidigung gestellt hatte. Schalem Asch, der unter dem Eindruck der Verteidigung«- rede Henry Torre: einen Schwächeanfall bekam und im Zeugenzimmer gelabt werden mußte, war nunmehr außer sich vor Freude. Ab» Kahan, der Herausgeber des New Yorker ״Forward“ streckte wahllos nach rechts und links seine Hände und vermochte kein Wort hervorzubringen. Abraham Koralnik strahlte über das ganze Gesicht und alle, alle drängten durcheinander, schoben sich nach vorwärts und freuten sich über die Anteilnahme der vielen Pariser, die ht ihren Rufen ״Vive la France“ nicht müde wurden. Mit Leo Motzkin gelangte ich durch einen hinteren Ausgang an den Seine-Kai. Ich gestehe, daß Motzkin und ich vielleicht die einzigen waren, deren Freude gedämpft war. Motzkin sagte: ״Ich bin durch diese ganze Geschichte in meinem Zionismus noch mehr bestärkt worden. Nun bin ich zufrieden, daß die Sache so ausgegangen ist. Aber aufrichtig: worüber freuen wir uns eigentlich?“ * Worüber wir uns freuen? Es ist schwer zu sagen. Dieser Prozeß nahm während der Verhandlungen eine Entwicklung, von der man sich vorher keine Ahnung gemacht hatte. Zuerst herrschte die Ansicht vor, daß er ein ״Judenprozeß“ ganz anderer Art als die bisherigen Judenprozesse sei. Zum erstenmal, vermeinte man, säße nicht das gesamte Judentum in einer Person auf der Anklagebank, um sich zu verteidigen. Man meinte, daß hier vielmehr die Juden als Ankläger vor dem Weltgewissen wegen der an ihnen seit Jahrtausenden verübten Schandtaten aufträten. Im Laufe des Prozesses aber drehte sich die Sache. Die Anwälte Pctijuras, ein großer Teil der fran• zösisehen Presse und der Siaaisanvi alt wendeten ihre 1 aktik nach der Richtung, wenn auch in vorsichtiger Weise, daß die in der Ukraine verübten Pogrome eine gerechte Vergeltung für das Verhalten der Juden darstellen, we.che überall Wind säen und Sturm ernten, Anarchie erzeugen und dann in dieser Anarchie umkommen. Man überlege: Wäre Schwa! 4b w t verurteilt worden, dann hätte man nicht nur damit zürn Ausdruck gebracht, daß Petljura an den Pogromen unschuldig wa־׳, sondern daß die Juden den Frieden der Welt stören und sich die Folgen, die über sie hereinbrechen, seihst zuzuschreiben haben. Ich glaube, daß die Juden der ganzen Welt instinktiv geahnt haben, daß es in diesem Prozesse nicht mir um Petljura und Schwarzbart, sondern wieder einmal um eine Pauschalverdächtigung der ganzen Judenheit ging. Eine halbe Stunde nach dem Freispruch saßen wir im Comite der Delegations juives, abgespannt, müde und ließen noch einmal die Ereignisse vor unserem Gedächtnis vorüberziehen. Zwischendurch floß der in einem großen Samowar her• gestellte Tee zur Feier der Stunde in Strömen. Das ist so die Art in ihrer Freude exzedierender Juden. Einer in der Gesell« Schaft sagte: ״Ich erinnere mich, daß vor sechzehn Monaten, als man die erste Sitzung des Verteidigungskomitees abhielt, von vielen Seiten die Meinung laut wurde, man solle sich um die Sache nicht kümmern.... Welcher Mangel in der Beur« teilung dessen, wovon das jüdische Volk bewegt wird! Mit Ueberlegung allein kann man niemals den Pulsschlag des Volkes ergründen; da hilft nur der Instinkt.“ Der das sagte, war Schaiom Asch und er hat vollständig recht. Der Palästinenser Ben-Gurion saß die ganze Zeit schwelgend, als ob er geistesabwesend wäre. Auf meine Frage, was er von der Sache halte, wurde mir die Antwort zuteil: ״Wenn doch die Depesche, die ich an den ,Dawari geschickt habe, rechtzeitig eintreffen sollte, ich stelle mir vor, wie man sich in Tel-Awiw freuen wird.“ * Während wir im Komitee saßen, wurde Schwarzbart unbemerkt von seinen Kriegskameraden aus dem Palais de Justice geholt. Als lebende Garde umgaben und entführten sie ihn in die Wohnung eines Freundes. Frau Schwarzbart aber kehrte in ihr winziges Wohnzimmer zurück und die drei Besucher, die mit einem großen Blumenstrauß eine halbe Stunde später zu ihr kamen, hatten in diesem kleinen Raum nicht einmal genügend Platz zum Sitzen. * Um acht Uhr gingen wir — Motzkin und ich — in das jüdisehe Restaurant Flambom. (Die Kinder des Herrn Flambom werden sich vermutlich in absehbarer Zeit Flambeau nennen, das ist der Lauf der jüdischen Assimilation an die Franzosen.) Bei Flambom wurden wir umringt, Herr und Frau Flarabom,