Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-10-28 · Heft 86 (28.10.1927) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 86 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652954--19483-2677363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr, 86, 2a X 1827 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 007 Die letzten Tage des Pariser Prozesses Um Petljuras Verantwortlichkeit Die Freitagsverhandlung war beherrscht von der Aussage Alexander Sc hu! gi ns, des einstigen Außenministers Petljuras, der mit seiner ganzen Persönlichkeit für seinen ehemaligen Regierungschef eintrat und ins Treffen führte, daß die jüdischen ehemaligen Minister Silberfarb, Latzky, Goldeimann und Krasny mit der ukrainischen Regie• rung einig waren. Torres wies nach, daß diese Fretutde der ukrainischen Frei• heitsbewegung die Person Petljuras verabscheuten, weil sie sein Doppelspiel kannten. Es kamen Dokumente zur Verlesung, aus denen hervorging, daß sowohl Schulgin als insbesondere auch sein Chef Petljura sich sowohl den Deutsehen wie den Franzosen zu nähern versuchten. Schulgin wurde zu Ferdinand von Bulgarien entsandt, um ihn zu einem Separatfrieden zu bewegen. Gleichzeitig schrieb Petl jura freundschaftliche Briefe an die deutschen Okkupaticmsbebördelt- Immer wieder werden Dokumente der einen Partei gegen die der anderen Partei ausgespielt; so gewinnt die Außenpolitik Petljuras ein ganz eigentümliches Gesicht, oft werden die Verlesungen durch Lachen unterbrochen. Sch warebar i Etat Pogromgeneral tritt aut Sehr erregt verlief die Vernehmung des früheren Petljura־ Generals Udovitcbenko» der aussagte, Petljura sei aktiv gegen die Pogromveranstalter vorgegangen. Die Armee selbst nabe im Frieden mit der jüdischen Bevölkerung gelebt. Torrfes sagt dem Zeugen auf den Kopf zu, daß er s e 1b s t b e s t i a I ischePogromeveranstaltethabc. Er legt Dokumente vor, aus denen hervorgeht, daß die Truppen Udovitchenkos am 24. Mai und 11. Juni 1919 in Orinitio und Schargorod fürchterlich gewütet hatten und die jüdische Bevölkerung ausrotteten. Dies erregte im Saale ungeheure Sensation. Udovitchenko ruft, seine Division hätte nie diese Orte besucht. Torrfes legt ihm Dokumente vor, sowie die vom Komitee der jüdischen Delegationen veröffentlichte Broschüre. Udovitchenko gibt nun zu, daß er mit seinem Armeeteil in diesen Orten war, erklärt aber, es wären bloß unbedeutende Plünderungen vorgekommen, die sofort abgestellt wurden. Ja, ruft Torrfes, nachdem Hunderte Juden ermordet waren. Torrfes verliest Einzelheiten über diese Pogrome. Udovitcbenko weiß nur zu entgegnen, daß während der Kämpfe viele Menschen, auch Christen, umeekommen sind. Aut den Hinweis, daß auch bolschewistische Armeeteile Pogrome machten, erwidert Torrfes, der Sowjetgeneral Budeny habe alle Soldaten, die Pogrome machten, hinrichten lassen, Petljura aber hätte niemals einen Pogromheldep bestraft. Als der Advokat GampiiteM behauptet, Petljura hätte Semasenko, der den Pogrom in Proskurow auf dem Gewissen hat, hinrichten lassen, fordert Tonis einen diesbezüglichen schriftlichen Beweis. Campinchi gerät in Erregung und wendet sich pathetisch an Schwarzbart: Sie, Schwarzbart, haben einen Unschuldigen getötet! Sie handelten gegen das biblische Gebot, das Gebot Ihrer Rasse und Religion. Wissen Sie, daß das American Jewish Committee Ihre Tat verurteilt hat? (Bewegung im Saale.) Torrfes erwidert, hier werden Urzcugen befragt, die Angelegenheit Louis Marshall wird behandelt werden, sobald die jüdischen Zeugen zu Worte kommen. Torrfes verliest längere Schreiben der einstigen jüdischen Minister Revutzky und Krasny, die die Verantwortlichkeit und Schuld Petljuras feststellen. Weitere Petlfura-Zcugen Die nervöse Spannung der Freitagsitzungen setzte sich am So nnabend fort. Der Staatsanwalt richtet an Schwarzbart die Frage, warum er nicht nach Polen gereist war, um Petljura dort, wo er sich lange Zeit aufhielt, zu töten; warum er dies erst in Frankreich getan hat Torrfes klärt den Staatsanwalt auf, daß es für einen Menschen wie Schwarzbart schwer möglich war, nach Polen zu kommen. Schwarzbart scheue die Verantwortung nicht, aber es müsse daran erinnert werden, daß schweizerische Geschworene die Mörder des russischeu Gesandten Worowsky freigesprochen hatten, weil sie annahmen, daß Verwandte des Mörders in Rußland umgekommen sind. DeutscheGeschworene haben aus Innliehen Motiven den Mörder TalaatPaschas freigesprochen. Er hoffe, daß französische Geschworene die seelischen Untergründe einer sotchen Tat nicht härter beurteilen werden. (Bewegung im Saale.) Als Zeuge erscheint nun der frühere Adjutant Petljuras, Alexander Dozenko, der behauptet, Petljura habe Pogromführer immer.bestraft und zum Beispiel das Regiment Gulajduscha bis auf den letzten Mann hingerichtet Als Petljura nach Proskurow kam, fuhr der Zeuge fort, habe er Semasenko bestrafen wollen, er mußte aber befürchten, daß die Truppen Semasenkos ihn verhaften würden. Erst im September 1920 wurde es ihm möglich, Semasenko hinrichten zu lassen. Torrfes erinnert noch* rnals daran, daß in der ganzen Welt nichts Dokumentarisches darüber vo handen sei, daß Semasenko im Zusammenhang mit den Pogromen hingerichtet worden war. Auch was Dozenko über die Hinrichtung des Regiments Gulajduscha (lustige Kerle) erzählte, sei eine mystische Sache. Man weiß, daß Petljura nur deshalb Semasenko nach dem Proskurow-Pogrom schonte, weil er selbst verantwortlich war. Der Zeuge Dozenko erzählt weiter, daß, wenn Petljura in eine Stadt zog, die Rabbiner ihm mit Thorarollen entgegenkamen. Die Juden nannten ihn Batka (Väterchen). Schwarzbart ruft dazwischen: Darum ermordet man sie! Torrfes verliest Befehle Semasenkos, aus denen hervorgeht, daß er auf einen höheren Militärposten berufen sei. Er verliest einen Brief des Torrfes Arztes Semasenkos, aus dem hervorgeht, daß Semasenko Proskurow verlassen hatte, weil er sich wegen einer venerischen Erkrankung in eine Heilanstalt begeben mußte. Es könne keine Rede davon sein, daß er etwa strafweise abberufen worden sei. Torrfes kündigt Aussagen von Zeugen an, daß Semasenko direkt Petljura unterstellt war. Es werden dann noch mehrere von der Petljura-Partei geführte Zeugen vernommen, die die Unschuld Petljuras behaupten. Die jüdischen Zeugen Nachdem in den ersten fünf Prozeßtagen fast nur von der Anklage geführte Zeugen vernommen weinen, begann man am 24. d. M., nachmittags, mit der Vernehmung der ersten jüdisehen Zeugen. Herr Grinberg weilte im Jahre 1922 im Aufträge des französischen Roten Kreuzes in der Ukraine und besuchte auch die Stadt Proskurow. Er sprach mit vielen Einwohnern der Stadt, die in den Pogromen ihre nächsten Angehörigen verloren haben und zum Teil selbst von den Mördern verstümmelt wurden. Alle waren überzeugt, daß die Pogrome vom Oberhetman Petljura anbefohlen worden waren. Die Pogrome in Proskurow und Feltschin hießen im Volksmunde nicht anders als ״Die Pogrome Petljuras“. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob Beweise dafür vorhanden sind, daß wirklich Petljura die Pogrome gemacht habe, erwiderte der Zeuge: Ich persönich habe solche Beweise nicht in Händen, aber jeder Mensch in der Ukraine hält Petljura für verantwortlich, weil er das Regierungsoberhaupt und der oberste militärische Befehlshaber war. Der Zivilvertreter, Advokat Wil m, stellt nach Schluß der Einvernahme fest, daß Grinberg nicht beschwören konnte, daß Petljura die Pogrome anbefohlen habe. Es wird nun der in Paris wohnende frühere Petersburger Advokat Moses Goldstein als Zeuge vernommen. Goldstein war der Vorsitzende der Untersuchungskommission, die nach der Ukraine zur Untersuchung der Hintergründe der Pogrome geschickt worden war. Er weilte in den Jahren 1918 und 1919 in Kiew und unternahm von dort Reisen in die verschiedenen ukrainischen Orte. Der Untersuchungskommission gehörten 24 Rechtsanwälte, ziun großen Teil Juden, an. Es wurde eine ganz und gar unparteiische Untersuchung geführt; nicht allein die Pogromgescnädigten, sondern auch allerlei Personen der verschiedenen Bevölkerungsschichten der Ukraine wurden fehört. Als Ergebnis der Untersuchung hat sich bei den eugen die Ueberzeugung festgesetzt, daß die Pogrome voncinereinzigenZentralstelleausinspiriert und geleitet worden waren. Da gibt es aber keine andere Möglichkeit, als daß Petljura selbst der Organisator der Pogrome gewesen war. Aus seinem Generalstab stammen die Proklamationen, daß die ״Juden-Bolschewisten“ die christliche Religion unterdrücken und den Bauern den Boden nehmen wollen. Bevor Petljura zur Macht kam, gab es keine Pogrome, und als er aus dem Lande vertrieben war, hörten die Pogrome auf. Seine ganze Regierungszeit aber ist gekennzeichnet durch unaufhörtiche Judenmassacres. Die Untersuchungskommission hat festgestellt, daß bei den Pogromen, die von Armeeteilen Petljuras veranstaltet wurden, mindestens 50 000 Juden getötet worden sind. Advokat Campinchi verliest Aufrufe Petljuras, in denen tser unter Androhung schwerer Strafen befahl, die Pogrome zuSteDfen^־Dei* Sup 061׳ clSIerS bfekunäfeL ffiÄ *dpi' die Proklamationen vollkommen neu. In der Ukraine habe er niemals von ihnen sprechen gehört. Es hieß, daß Petljura, da er nur noch ein Zipfelchen des Landes halten konnte, mit Rücksicht auf das Ausland und in Erwartung ausländischer Unterstützung Proklamationen gegen die Pogrome erlassen habe. Aber diese Proklamationen, deren Verlesung er eben gehört habe, seien nicht frei von versteckter Judenhetze; zwischen den Zeilen seien deutliche Herausforderungen zu spüren. Petljura befolgte den Juden gegenüber stets eine doppelzüngige Politik. Der Zeuge erzählt noch, daß Schalom Schwarzbari: im Jahre 1923 ihn in Paris besucht und die Bitte ausgesprochen hat, man möge ihm, dem Kinderlosen, ein Waisenkind zur Erziehung und Versorgung übergeben, dessen Eltern in den ukrainischen Pogromen umgekommen sind. Mehr wisse er von Schwarzbart nichts. Es entspinnt sich eine erregte Auseinander• setzung zwischen den Advokaten Torrfes und Campinchi, indem Torres den Doppelsinn der Pctljuraschen Proklamationen hervorhebt. Der zweite Advokat der Petljura-Partei, W i 1 m, zitiert ganze Seiten aus dem Buche von Margolin, die beweisen sollen, daß General Denikin, der Führer der zarischen Weißen Garde, und nicht Petljura mit Pogromen begonnen haben. "Der Zeuge Goldstein schließt mit der Feststellung, daß die Soldaten Petljuras mit der Devise durch das Land zogen: ״Schlagt die Juden und rettet die Ukraine!“ Eine solche einheitliche Devise konnte den Soldaten nur von einer höchsten Stelle gegeben worden sein; diese Stelle war das Hauptquartier der Petljura-Armee. Eine Augenzeugin Vernommen wird die Medizinalstudentin Fräulein Grinberg, die aus Proskurow stammt und Augenzeugin der Pogrome gewesen war. Die Zeugin vermag vor Erregung nicht zu sprechen. Die Bilder aus den Pogromragen stehen ständig vor ihren Augen, sie kann die schrecklichen Erinnerungen nicht loswerden. Sie beginnt mit einer Schilderung des Schreckenstages von Proskurow, muß aber unterbrechen, indem sie erklärt, es sei einem Mädchen unmöglich, alles zu erzählen. Nach einem abermaligen Versuch, die grauenvollen Vorgänge zu schildern, bricht die Zeugin in krampfhaftes Schluchze!1 aus. Die Jury und das Publikum scheinen tief bewegt. Der Angeklagte Schwarzbart selbst bricht in Tränen aus. Zur Jury gewendet schreit die Zeugin Grinberg: ״Unmöglich ist es, unseren Leiden in Worten Ausdruck zu geben!“ Nachdem sie sich beruhigt hatte, beginnt die Zeugin mit einer zusammenhängenden Schilderung der Vorgänge am Schreckenstage und erzählt, drei Tage nach dem Pogrom war Petljura nach Proskurow gekommen und weilte im Quartier seines Unterführers Semasenko, der den Pogrom organisiert hatte. Eine Abordnung der jüdischen Bürger von Proskurow, die am Leben geblieben sind, begab sich zu Petljura, dieser aber wies die jüdische Deputation ab. Dabei äußerte Semasenko, man soll wegen der paar getöteten I uden nicht so viel Wesens machen. Dabei waren am ersten Pogroptag nicht weniger als 1690 Tote gezählt worden, unter ihnen zahlreiche Greise, Frauen und Kinder. Semasenko hatte zunächst 300 009 Rubel von den Juden als Kontribution eingezogen und dann den Pogrom gemacht. Er berichtete später, er hoffe auf eine Belohnung für seine Tat. Er selbst trieb die jüdische Ab- Ordnung, die Petljura nicht empfangen wollte, auseinander, und als mail ihn fragte, was die khinen Kinder verbrochen hatten, daß man sie abschlachtete, erwiderte er, es werden so weniger Bolschewisten aufwachsen. Die Zeugin schildert im einzelnen die grauenvollen Verwundungen der in das Krankenhaus gebrachten Schwerverletzten. Da waren Kinder mit durchstochenen Leibern und Mütter mit abgeschnittenen Brüsten. Campinchi erklärt, Zeugen wie Fräulein Grinberg seien überflüssig, man könne Hunderte solcher vor Gericht bringen, dajadieTatsachederPogromevonniemandgeleugnet werde. Die Frage ist nur, ob Petljura der Schuldige war, und diese Frage ist nicht beantwortet und wird auch nicht beantwortet werden. Die Zeugin Grinberg stellt demgegenüber fest, daß nicht allein die Juden, sondern auch die Christen Proskurows Petljura für den Schuldigen halten. _ Der frühere berühmte russische Advokat Sllosberg, einst Präsident der Petersburger jüdischen Gemeinde und jetzt Vorsitzender der russisch-jüdischen Gemeinde in Paris, gibt, als Zeuge einvernommen, eine Schilderung der jüdischen Pogrome in Rußland und der Ukraine und zieht aus seinen Erfahrungen die logische Schlußfolgerung, daß jede Regierung, wenn sie ernstlich will, Pogrome unterdrücken könne. Die jüdische öffentliche Meinung ist unerschü tterlich von der Schuld Petljuras überzeugt, da dieser als Vorsitzender des ukrainischen Direktoriums und als Höchstkommandierender nie etwas unternommen hat, die jüdische Bevölkerung zu schützen oder Schuldige zu strafen. Niemals, ruft der Zeuge aus, wird das Judentum die Tragödie der ukrainischen Juden vergessen. Der Zeuge, über die Person Schwarzbarts befragt, sagt mit tränenerstickter Stimme: Ich schwöre, daß Schwarzbart nicht als Agent der Tscheka gehandelt hat. Er hat Sympathien für das ukrainische Volk, wie wir alle mit einem nach Freiheit strebenden Volke sympathisieren. Wenn jetzt Tausende durch die wirtschaftliche Entwicklung ruinierte Juden in der Ukraine auf dem Lande angesiedelt werden, so kann dies dem Lande nur Nutzen bringen. Tcmkin Wladimir Temktns Aussage Als Zeuge wird nun Wladimir Temkin vernommen, der der allrussischen Konstituierenden Versammlung angehörte, Präsident des jüdisch-nationalen Sekretariats in Kiew, Stadtpräsident von Jelisawetgrad und Vorsitzender der dortigen jüdischen Gemeinde war. Er ist in der Ukraine geboren und erzogen, spricht sehr gut ukrainisch und bekennt sich als Anhänger der ukrainischen nationalen Befreiungsbewegung. Ich habe, sagt der Zeuge, alles in der Ukraine miterlebt und weiß, daß Petljura für die Pogrome verantwortlich Ist. Ich bin 64 Jahre alt, fährt Temkin fort, stehe schon an der Schwelle des Grabes. Ich werde auf keinen Menschen einen falschen Verdacht lenken. Und so beschwöre ich: Die Verantwortung für die Pogrome tri^ ein Mensch namens Petljura. Der Name ,,Petljura“ gab den Pogro« men den Stempel Ich persönlich habe im Diezember 1918 als Vertreter des jüdisch-nationalen Sekretariats das ukrainische Direktorium bei seinem Eintreffen in Kiew begrüßt Das glciche taten andere mdlsehe Institutionen. Aber schon nach ..wenigen Tn»' gen Direktoriumshfett׳- Schaft trafen Nachrichten über grauenvolle ' Po- _ den des Direktoriums Winitschenko. Petljura war damals Mitglied des Direktoriums und oberster Befehlshaber. Winitschenko erklärte, es lägen noch keine Nachrichten vor. Am nächsten Tage besuchte ich Winitschenko in Begleitung von Dr. Schwarzmann und unterbreitete ihm genaue Materialien über den Pogrom in Bachmatsch, der durch Ataman Angel veranstaltet worden war. Winitschenko erklärte, er habe schon selbst Nachrichten, der Befehl zur Erschießung Angels sei erteilt worden, und gewiß ist er bereits hingerichtet. Das stellte sich als un* richtig heraus. Angel durfte seine Division weiter befehligen, nicht einmal eine Verwarnung wurde ihm erteilt. Kurz darauf, erzählt Temkin weiter, wurde in Berditschew durch Ataman Palienko ein furchtbarer Pogrom durchgeführt. Wir unterbreiteten hierüber ein ausführliches Me» njorandum und forderten Gegenmaßnahmen. Winitschenkp versprach, sein Möglichstes zu tun und riet uns, mit Kolovaletz, dem Kommandierenden des Kiewer Rayons, zu sprechen. Kolovaletz, dem engsten Stab Petljuras angehörend, erwiderte, er könne nicht viel tun, es fehle der Armee an dem Notwendigsten, deshalb nehme sie vieles von der Bevölkerung, Polen wie Juden. Wir wiesen darauf hin, daß nur Juden ermordet und ausgeraubt werden. Ko’ovaletz erwiderte nichts. Es herrschten in der Ukraine zwei Richtungen. Die zivile Macht unter Winitschenko wollte den Pogromen entgegenwirken. Allein die Militärmacht, die es in ihrer Hand hatte, Pogrome zu verhindern, unternahm nichts, im Gegenteil, sie ermunterte die Po« - dann auch die zivile Macht in Händen hatte, da mußten die ukrainischen Juden jede Hoffnung begraben. Nach dem Beraitschewer Pogrom, erzählt Temkin, begab sich eine Abordnung zu Petljura, der auch ukrainische Persönlichkeiten, wie Nikovsky, Matuschewitsch, Senator Viaslov und Professor Florinsky angehörten. Petljura verhielt sich schweigsam. Winitschenko versprach die Einsetzung einer Untersuchungskommission; diese kam aber nie zustande. Es wurde eine Deklaration gegen die Pogrome erlassen, die im ersten Teil einen energischen Ton anschlug, aber im zweiten Teil gegen die Juden die Beschuldigung erhob, sie seien Bolschewisten. Die Soldaten aber wußten, daß man Bolschewisten straflos töten könne, ja töten müsse. So hatte diese Proklamation eine d i e Pogrombewegung noch verschärfende Wir« kung. ln der Nationalversammlung haben wir gegen den Ton dieser Deklaration Protest erhoben, es protestierten außer dem jüdischen Ministerium auch die Stadt-Duma und ukrainische Parteien. Die Militärmacht nahm von diesen Protesten keine Kenntnis; sie war es auch, die die Untersuchungskommission daran hinderte, ihre Arbeit aufzunehmen. Noch mehr: Die Militärmacht verbot den Zeitungen, über die Pogrome zu berichten. Dies allein schon beweist ihren Zusammenhang mit den Pogromführern. Der bessere Teil der ukrainischen Bevölkerung schob Petljura die Schuld an den Pogromen zu. Erst als seine Macht infolge der Pogromanarchie im Sinken war, erließ Petljura Befehle gegen Pogrome; es war zu spät. Tscherikower und Moizkin Am 26. d. Mts. wurde Dr. Tscherlkower vernommen, der ein Buch über die Pogrome geschrieben hat. Er sagte aus, als Jude und Historiker habe er sich dem Studium der Pogrome gewidmet, unter den gefährlichsten Umständen sein Material gesammelt und ins Ausland gebracht Er ist nun Sekretär und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.