Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 86 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 86, 28. X. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 605 Die neue Exekutive Schwierigkeiten bei der Arbeittlosenunter- Stützung. — Kleine Palästinachronik Von unserem palästinensischen Korrespondenten. t, Jerusalem, 18. Oktober 1927. Das Mitglied der neuen zionistischen Exekutive, Harry Sacher, ist in Palästina eingetroffen und hat die Arbeit in der Exekutive aufgenommen. Am 14. Oktober hielt er eine Besprechung mit den Leitern der verschiedenen Abteilungen der zionistischen Exekutive ab und hatte auch eine lange Besprechung mit Dr. Lurie in der Angelegenheit des Erziehungswesens. Sacher übernimmt die Leitung der Departements für Kolonisation, für Arbeit sowie für Handel und Industrie (Städtisehe Kolonisation). ״Dawar“ meldet, daß zum Departementchef im Kolonisationsdcpartement Herr B a w I i ernannt werden soll, der bis jetzt stellvertretender Schatzmeister gewesen ist. An seine Stelle in der Treasury, deren Leitung Van V riesland innehaben wird, tritt Herr Braud c, der bisher die Buchhaltung leitete. Der politische Sekretiir der Palästina- Exekutive, Herr Naamani, verläßt am 25. Oktober seinen Posten in Palästina. Herr Naamani ist als einer der Sekretäre in die Expertenkommission der Jewish Agency berufen worden. €01. Kisch, der nächste Woche heiratet, wird erst später hier erwartet. Die neue Exekutive sah sich sofort bei ihrem Amtsantritt vor Schwierigkeiten gestellt. Zwischen dem Arbeiterrat von Tel - A wiw bzw. der Leitung der Arbeiterorganisation und der Exekutive sind schwere Differenzen bezüglich der Aus* Zahlung von Arbeitslosenunterstützung ausgebrochen. Nachdem es dem Arbeiterrat gelungen war, eine Anzahl von Arbeitslosen nach anderen Plätzen zu überführen, stellte es sich heraus, daß für die noch verbleibenden mehr als 3000 Arbeitslosen eine Summe von £ 1000 wöchentlich erforderlieh ist. Die zionistische Exekutive hat jedoch auf Grund genauer Berechnung der ihr zur Verfügung stehenden Summen und im Einklang mit dem neuen Budget bereits in London den Beschluß gefaßt, die wöchentliche Summe für Tel-Awiw mit £ 700 festzusetzen. Die Arbeiterorganisation erhob Einspruch und wies darauf hin, daß diese Kürzung undurchführbar sei. Da die Verhandlungen jedoch zu keinem Resultat führten, teilte der Arbeiterrat am 14. Oktober mit, daß er es ablehne, die Unterstützungen weiter zu verteilen und die Exekutive ersuche, die Verteilung selbst vorzunehmen. Am 15. Oktober fand in Jerusalem eine gemeinsame Sitzung statt, an welcher Dr. Wcizmann, Sacher, Van Vriesland und mehrere Beamten der Exekutive, sowie zwei Vertreter des Tel-Awiwer Arbeiterrates teilnahmen. Wie die Arbeiterorgane berichten, kam es bei dieser Sitzung zu einer sehr scharfen Ausein־ andersetzung, die jedoch ergebnislos blieb. Am 16. Oktober versammelten sich die Arbeitslosen vor dem Büro des Tel-Awiwer Arbeiterrates, um die Unterstützung entgegenzunehmen. Die Vertreter des Arbeiterrates hielten Ansprachen und forderten die Arbeitslosen auf, sich direkt an die zionistische Exekutive zu wenden. Die Arbeitslosen zogen in einem geordneten Demonstrationszug von etwa 2093 Mann zu dem Einwanderungsbüro der zionistischen Exekutive im Tschlenow-Viertel in Tel-Awiw. An der Spitze des Zuges gingen die-Vertreter des Arbeiterrates Kizis, Feinstein und Lubjaniker sowie einige Führer der linken Poale Zion. Im Büro wurde eine telephonische Verbindung mit der Exekutive in Jerusalem hergestellt und während die Verhandlungen geführt wurden, hielt der Arbeiterführer Feinstein eine Ansprache an die Versammelten, worin er ausführte, die Arbeiterschaft werde nicht gestatten, daß die ״englisch sprechenden“ Mitglieder der Exekutive die jüdischen Arbeiter wie ״Natives“ behandeln. Die Arbeiterschaft verlange keine Liebeserklärungen, wie sie in der letzten Zeit üblich geworden sind, sondern Taten. Sie wolle keine Unterstützung, sondern Arbeit. Solange aber keine Arbeit vorhanden ist und man auf Unterstützung angewiesen bleibt, müsse diese in ausreichendem Maße erfolgen. Redner schloß mit der Erklärung: Wir werden nicht von hier weichen, bis wir von der zionistischen Exekutive eine klare Antwort erhalten haben. Die Vertreter der linken Poale Zion sowie der kommunistischen ״Mopsim“ bemühten sich, die Versammelten zu Demonstrationen aufzuhetzen. Inzwischen hatten sich vierzig Arbeitslose nach Jerusalem begeben, um dort die Verhandlungen zu führen. Die Versammlung der Arbeitslosen verharrte stundenlang in größter Ordnung und wartete auf die Antwort. In Jerusalem kam es zu einer Aussprache, in deren Verlauf (wie wir bereits kurz gemeldet haben) Dr. Wcizmann erklärte, die Unterstützung solle im vollen Betrage von £ 1000 ausgezahlt werden, und er werde die Differenz von £ 300 wöchentlich in der nächsten Zeit aus einem speziellen Fonds, der ihm persönlieh zur Verfügung steht, decken. Für den 21. Oktober wurde eine neue gemeinsame Besprechung der zionistischen Exekutive unter Teilnahme Dr. Weizmanns mit den Vertretern der Arbeiterschaft anberaumt, in welcher über die künftige Oestaltun״ der Arbeitslosenunterstützung sowie über die Frage der Umwandlung der Unterstützungen in Arbeit beraten werden soll. Auf Grund dieses Resultates erklärte sich der Arbeiterrat bereit, die Verteilung der Arbeitslosenunterstützung auch weiterhin durchzuführen. Die Angelegenheit, die die Gemüter erregt hat, und über die insbesondere die Arbeiterzeitung ״Dawar“ spaltenlange Berichte bringt, wirft ein Licht auf die großen Schwierigkeiten, mit denen die neue Exekutive zu kämpfen haben wird. Das Verhalten der Arbeiter ist verständlich, wenn man bedenkt, in welcher schweren Lage die Arbeitslosen sind, die ohnedies mit einer sehr geringen Arbeitslosenunterstützung auskommen müssen. Es ist selbstverständlich, daß alles getan werden muß, um das Los dieser Arbeitslosen zu mildern und mit tunlichster Beschleunigung dafür zu sorgen, daß an Stelle der Unter- Stützung reguläre Arbeit wenigstens für einen Teil der Arbeitslosen tritt. Zugleich aber muß man die Position der zionistischen Exekutive berücksichtigen, die mit beschränkten Mitteln arbeitet und deren Pflicht es ist, die Zionistische Organisation finanziell wieder aktionsfähig zu machen und einen Zustand herbeizuführen, welcher die Inangriffnahme konstruktiver zionistischer Arbeit gestattet. Es ist ungerecht, den verantwortliehen Mann, Herrn Sacher, als harten, unmenschlichen Tyrannen darzustellen, dessen Herz durch das Hungern der Arbeitslosen nicht gerührt wird. Der verantwortliche Leiter der Palästinaarbeit muß — über die Schwierigkeiten des Augenblicks hinaus — die Gesamtlage und das Ziel der Arbeit im Auge behalten. Man muß berücksichtigen, daß eine wöchentliche Unter- Stützung von £ 1000 eine beträchtliche Belastung der Exekutive bedeutet; dabei ist noch zu bedenken, daß nach einigen Monaten die jetzt begonnenen Arbeiten in Jerusalem, Haifa und Afule beendet sein werden, und auch in diesen Städten das Gespenst der Arbeitslosigkeit wieder aufzutauchen droht. Wenn die Exekutive, deren vom Kongreß eindeutig festgesetzte Hauptaufgabe die Sanierung der Finanzen ist, die Ausgaben für die Unterstützungen nicht verkleinert, dann dürfte es sehr schwierig sein, zu sagen, wie sie ihre Aufgabe lösen und den Weg zu neuer produktiver zionistischer Arbeit freimachen soll. Es ist jedem Kenner der Verhältnisse klar gewesen, daß eine Neuordnung nicht ohne schwere Begleiterscheinungen wird herbeigeführt werden können. Die Schuld daran trägt nicht die Exekutive oder Herr Sacher, sondern die Verhältnisse selbst schreiben den Weg mit zwingender Logik vor. Gerade weil die Situation so ist, haben viele Kongreßteilnehmer nicht verstanden, daß Herr Sacher eine ״flügellose“ Exekutive forderte, statt es vorzuziehen, daß auch die Vertreter der Flügelparteien offiziell mitverantwortlich sein sollen für die Maßnahmen, die ohnedies unvermeidlich notwendig sein werden. Die neue Exekutive hat die schwerste Aufgabe, die jemals eine Exekutive in Palästina gehabt hat. Sie würd um so leichter der Schwierigkeiten Herr werden können, je größer die Unter- Stützung ist, die ihr vom Galuth zuteil wird. Ohne große Mittel wird sie ihre Aufgabe nicht lösen können. In diesen Tagen versammelt sich in Amerika die Konferenz des United Palestine Appeal, die die diesjährige Kampagne einleiten soll. Amerika ist mit dieser neuen Exekutive, die zum großen Teil auf amerikanische Initiative zustande kam, besonders verbunden. In Palästina hofft man, daß es gelingen wird, der Exekutive aus Amerika und auch aus den anderen Ländern hinreichend Mittel zur Verfügung zu stellen, um ihr zu ermöglichen, ein durchgreifendes Reformwerk durchzuführen. Die Ausführung eines solchen Programms, über das wohl in den bevorstehenden gemeinsamen Beratungen der Arbeiterschaft mit Dr. Wcizmann gesprochen werden wind, bedarf freilich auch der Unterstützung aller Kreise des Jischuw und vor allem der Arbeiter selbst, die bisher trotz gelegentlicher rednerischer Entgleisungen im großen ganzen Verständnis für die Situation bewiesen haben. * Dr. Wcizmann besuchte in der vorigen Woche die meisten jüdischen Siedlungspunkte im Lande, und zwar sowohl die Arbeiterals auch die Mittelstandssiedlungen. Ueberall hatte er mit den Siedlern eingehende Besprechungen und besichtigte die Wirtschaften. Bei seinem ersten Besuch in Tel-Awiw hat Dr. Wcizmann sofort der! Friedhof besucht und auf den Gräbern von Max Nord au und A c h ad Haam Blumen niedergclegt. Am 17. Oktober hatte Dr. Wcizmann eine zweite lange Unterredung mit Lord Plumer im Regierungsgebäude. Die Leitung der Kwuzah T el Josef veröffentlicht eine Kundgebung, in welcher sie sich gegen die übertriebene Dar- Stellung wendet, die verschiedene Zeitungen, besonders außerhalb Palästinas, der Angelegenheit Eikind gegeben haben, ln der Veröffentlichung wird darauf hingewiesen, daß es unrichtig ist, von der Kolonie Tel Josef als Ganzem zu sprechen, da lediglich 65 von 240 Mitgliedern der Wirtschaft Tel Josef dein linken Gdud angehören und nach drei Jahre dauernden inneren Kämpfen sind etwa 40 von diesen aus der Wirtschaft ausgetreten. Am 19. Oktober wurde in der Lämmelschule in Jerusalem die Konferenz des Lehrerverbandes eröffnet. Das Mitglied der Leitung des Lehrerverbandes, Arnon, schilderte in seiner Eröffnungsrede die schwierige Lage des Schulwesens. Infolge der Kürzungen des Budgets besteht die Gefahr, daß 6000 jüdische Kinder aus den Schulen ausgestoßen sein werden. Weiter betonte der Redner, bei aller Anerkennung des Interesscs, das die Regierung dem Schulwesen entgegenbringt, müsse doch auch der Regierung gegenüber die Autonomie des jüdisehen Schulwesens gewahrt werden. Ein Vertreter des Er- Ziehungsdepartements der Regierung w'ohnte der Eröffnung der Konferenz bei. Aus Anlaß der Eröffnung des Schwarzbart-Prozesses fand am 18. Oktober (Schemini Azereth) in Tel- Awi w ein großer Trauerumzug zum Andenken an die hunderttausend Opfer der Pogrome in der Ukraine statt. Vor den verschiedenen Synagogen wurden Trauergebete gesprochen. Während des Umzugs wurden verschiedene Ansprachen gehalten, in welchen Augenzeugen Einzelheiten aus der Pogromzeit berichteten. In diesen Tagen begibt sich eine Abordnung des Hauptbü ros des Misrachi aus Palästina nach Amerika, um dort eine Kampagne für den Fonds des Misrachi einzuleiten. Der Delegation gehören die Rabbiner Usiel, Berlin und Fischmann an. Am 16. Oktober wurde der Grundstein zu dem Lehrer- Seminar des Misrachi in Jerusalem gelegt. Nach den Einweihungsreden von Rabbi Fischmann und Rabbi Kuk sprach Ussischkin namens des Keren Kajemeth. Er führte aus, daß auf die Frage was früher geschaffen worden sei, Himmel oder Erde, alle Völker des Erdballs die Antwort geben: die Erde. Nur für das jüdische Volk gilt dies nicht. Das jüdisehe Volk hat immer zuerst für das geistige Leben gesorgt. Nur wenn unser Geistesleben sich entfalten wird, werden wir auch unser materielles Leben entwickeln. Wenn es heute Zionisten gibt, die das umgekehrte meinen, dann irren sie. Es sei zu begrüßen, daß der Misrachi innerhalb kurzer Zeit bereits das zweite Lehrhaus einweiht. Nach Ussischkin sprachen noch Rabbi Usiel, E. M. Lipschütz, Kalvariski (für die zianistische Exekutive), Dr. Thon für den Waad Leumi u. a. Der ägyptische Finanzminister hat dem Handelsab kommen zwischen Aegypten und Palästina zugestimmt. Auf Grund dieses Abkommens genießt der palästinensische T a b a k bei seiner Einfuhr nach Aegypten gewisse Begünstigungen. (Ziko.) Auf Grund des Verzeichnisses der Tel-Awiwer Steuerzahler wurde die Bevölkerung der Stadt mit 37 729 festgestellt. Davon wohnen 20 277 Personen in Mietwohnungen. (Ziko.) In der ersten Oktoberwoche begaben sich weitere 28 jüdische Arbeiter, die Fachleute in Betonarbeiten sind, nach Nablus, um dort die Wiederherstellungsarbeiten an den vom Erdbeben beschädigten Regierungsbauten durchzuführen. Zusammen mit den beim Barackenbau beschäftigten Leuten beträgt jetzt die Zahl der jüdischen Arbeiter in Nablus (Sichern) gegen 50, (Ziko.) Am 5. Oktober wurde die Vereinbarung zwischen der Zionistischen Palästina-Exekutive und dem Unternehmer Katinka über die Bewässerungsarbeiten im Nuris-Komp 1 e x abgeschlossen. (Ziko.) dokumentiert sich z. B. darin, daß gewisse Fragen, welche in der religions-philosophischen Diskussion eine entscheidende Rolle innehaben und dort nirgends fehlen, hier stillschweigend übergangen und niemals aufgeworfen werden, so die Frage nach der Natur der Schöpfung, nach dem Verhältnis der geistigen Welt zu Gott, Theodizee usw. An allen diesen Fragen ist der Sohar in allen seinen älteren Teilen absolut desinteressiert und ausschließlich auf die Beschreibung der in der kabbalistischen Lebenswirklichkeit gegebenen mystischen Tatsachen eingestellt, auf deren Ableitung aus Bibelstellen und ferner auf die eigentümliche Rolle der Sprache und ihrer Zusammenhänge. Dieser Inhalt aber bringt ilm in die größte Nähe der Gnosis und der Hcchaloth-Literatur. Von der Gnosis unterscheidet seinen Inhalt die schon erwähnte Ausscheidung der iranisch dualistischen und anderen vom monotheistischen Standpunkt aus häretischen Lehren, sowie damit im Zusammenhang der Ersatz der monotheistisch mindestens bedenklichen Ekstase durch die Kontemplation. Die sprachliche und lexlkographische Analyse ergibt für diese älteren Teile des Sohar Entstehung im arabischen Sprachgebiet und nicht im romanischen und für die Abfassungssprache selbst, daß sie keine künstlich verdunkelte ist (diese Meinung nötigte zur Annahme grober Sprach- Unkenntnisse und Unbildung der Verfasser; das ist unhaltbar: die Verfasser waren hochgebildet), sondern unter dem Einflüsse noch gesprochener aramäischer Dialekte steht. Diese Ergebnisse stimmen insofern ausgezeichnet zu den aus der inhaltlichen Analyse gezogenen Folgerungen, als sich die Gnosis innerhalb der islamischen Umgebung noch bis ins 10. und 11. Jahrhundert in Syrien gehalten hat, wo bis in diese Zeit hinein auch noch aramäische Dialekte als Umgangssprache dienten. Diese Hypothese erhält von den übrigen drei Texten unerwartete Bestätigung. Das Buch Bahir enthält Fragmente sonst nicht erhaltener alter Schriften mit Termini und Wendungen, die schon in der Frühzeit der europäischen Kabbalah absolut unverständlich waren. Diese Fragmente sind jetzt verständlich, nachdem sie Scholem als Uebersetzungen griechischer gnostischer Termini identifiziert hat, die Gegenstände bezeichnen, welche in der späteren Kabbalah ohne Interesse blieben und daher vergessen wurden; hier finden sich wörtliche Uebertragungen von griechischen Termini wie ״Pieroma“ usw. Das gleiche trifft für den Sefer Temunah und die Fragmente der Jakob und Isak Cohen zu. Alle diese Schriften sind ebenfalls aller!Wahrscheinlichkeit nach orientalischer Herkunft Es ergibt sich folgendes Bild: Die Kluft, die zwischen dem Abschluß der Hechalot-Literatur sowie ihrer Fortsetzung in der gaonäischen Zeit auf der einen Seite und der klassischen Kabbalah-Literatur (13. bis 15. Jahrhundert) auf der anderen Seite angenommen wurde, scheint sich durch die Entstehung und Entwicklung dieser letzteren selbst aufzufüllen. Entstanden in Vorderasien, gelangen die kabbalistischen Vorstellungen einerseits über Deutschland (Chassidej Aschkenas) in die Provence (Kreis Isaks des Blinden), andererseits wird nach Spanien um 1250 das Buch Sohar direkt und gleichsam überraschend aus dem Orient gebracht. Die provencaTischen und spanischen Kabbalisten schaffen dann den Ausgleich zwischen der Kabbalah und der ihr ursprünglich durchaus heterogenen jüdischen Hoch- Scholastik, indem sie jener in schwerem intellektuellen Ringen rationalen Unterbau und System zu geben bemüht sind. Die Frucht dieser Bestrebungen findet im späteren kabbalistischen Schrifttum und schon in den jüngeren Teilen des Sohar ihren Niederschlag. Sie wurden also zu Unrecht für die Väter der Kabbalah gehalten und der Fälschung beschuldigt (dabei bleibt die Frage der Verfasserschaft des Sohar In seiner jetzigen Gestalt unberührt), ihr Werk, das für die fernere jüdische Rcligionsfeschichte nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ist die heologie, die Rcligionsphilosophie der Mystik, weiche aus ihrer Arbeit entstanden ist. Durch ihre Leistung greift die Kabbalah in das philosophische Denken ein, beeinflußt es, wird sie umge1kehrt von jenem beeinflußt und gewandelt. Diese Konstruktion, «׳eiche Dr. Scholem vortrug und aus seinen singulären Kenntnissen mit glänzender philologischer Prägnanz begründete, eröffnet weite Perspektiven. Sie eröffnet Beziehungen der jüdischen Geistesentwicklung zu hellenistischen und orientalischen Bewegungen und ihrem Inhalt, von denen man bisher zwar annehmen mußte, daß sie in dieser Form bestanden haben, ohne aber den exakten Nachweis dafür führen zu können. Und zugleich tritt ein Stück ״unterirdischen“ Judentums ans Licht, das von höchstem Interesse ist und auf dem zwar langwierigen, aber exakten Wege der geistesgeschichtliehen und philologischen Deutung noch wirksam werden könnte. Der Vortrag bestätigte außerdem erfreulicherweise die optimistische Erwartung, die man zufolge seinen schon erfolgten Veröffentlichungen (in deutscher und hebräischer Sprache) in Scholem, seine Kenntnisse und seine wissenschaftlichen Qualitäten setzen zu dürfen meinte. Man darf auf die angekündigten Arbeiten, welche die vorge^ageaea!Gedanken im einzelnen philologisch darlegen und begründen sollen, gespannt sein. Man ging mit der erfreulichen Gewißheit davon, daß Scholem, abgesehen von seinem Verdienst, dieses Forschungsgebiet energisch aufgenommen zu haben, es in überlegener Weise beherrscht und unsere Kenntnis vom historischen Judentum entscheidend bcreichern wird. Und man freut sich, nicht zuletzt, daß dies im Rahmen der Jerusalemer Hebräischen Uni vers i t ä t geschieht. _ Dr. M. Spitzer, ״Die Wupper“. Wir lieben und verehren' die Dichterin Else Lasker-Schülcr, in deren Ciedicliten die Glut und Inbrunst der orientalischen Seele zu wundervollen Gcbilden einer abendländischen Kunst aufblüht. Diese königliehe Lyrikerin hebräischen Blutes hat vor 20 Jahren ein Drama geschrieben, im Stil und Geist jener Zeit, äußerlich naturalistisches Milieu-Drama, in welchem — wenn auch verhüllt, wenn auch nicht in vollendetem Ausdruck — tiefste Menschlichkeit, tiefes Verstehen für die Leiden der Kreatur und leidvolles Wissen um die Grenzen menschlichen Bcgreifens, menschlicher Behauptung über den Abgründen, sich kundgibt. Schicksale wirbeln durcheinander, soziale Probleme werden angerührt, aber die Sünder selbst in ihrer Vertiertheit sind weniger Schuldige als Opfer, ohnmächtiger Spielball dumpfer Triebe und höherer Mächte, deren Geheimnis kennen zu wollen Vermessenheit wäre. So ist in diesem Drama etwas von symbolhafter Gewalt und echter Tragik, w׳enn auch manche Motive uns heute nicht mehr zwingend anmuten. Das Berliner Staatstheater, unter der Regie von Jürgen Fehling und mit den Bühnenbildern von Caesar Klein, hat dem Stück eine glänzende Aufführung beschieden. Die Zwischensphärc zwischen Wirklichkeit und Phantastik, Mythos und Leben, kommt in bewegender, aufrührender Anschaulichkeit zum Bewußtsein. Die Schauspieler, allen voran Alexandra Schmitt als frcundlich-verschlagene Kupplerin und Lucie Mannheim als blumenhaftes, doch schon von Verderbnis angefaßtes Kind, bieten an Zusammenspiel und Einzelwirkung Außerordentliches. Kein Freund der Dichterin sollte sich diesen Abend entgehen lassen. —0. Soeben erschien der sechste Band der Bibelübersetzung von Buber und Rosenzweig, ״Das Buch J ehoschua“ (Verlag Lambert Schneider, Berlin, 3,50 M ),