Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-10-21 · Heft 83-84 (21.10.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 83-84 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652952--19466-2677344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 592 ejue *Tiefere Bedeutung“ — vielmehr liegt diese gerade in Her Kegation aller krampfhaften Tiefaeuterei. Es erübrigt sich, Details zu geben, die in der lokalen Atmosphäre wurzelnd und Situationshumor im erweiterten und guten Sinne des Wortes, ohne Interesse an dieser Stelle wiren. Nur des Triumvirats sei Erwähnung getan, das den ״Kum-kum“ gebar: Avigdor Hameln, über den ich bereits vor einiger Zeit ausführlich in der ״Rundschau“ referierte, der alle Texte schreibt; Donath, ein junger Infenieur, der Regisseur des Kabaretts und in einem der erste ebriische Konferender, den es jemals gab, ist; Irsay, der bekannteste Plakatkünstler Palästinas, der die Bühnenbilder feliefert hat. Bezeichnenderweise stammen alle drei aus Ungarn, em klassischen Lande des literarischen Kabaretts. Im letzten Programme gab es unter anderem eine Kongreß- Travestie und eine Abrechnung mit den palästinensischen Theatern unter der Maske einer Dybuk-Parodie. Man kommt jetzt Betten dazu, Lachkrämpfe in Palästina zu bekommen; man nutzte die Gelegenheit ausgiebig; es war wie eine erquickende kalte Dusche in diesem in jeder Beziehung überhitzten Lande. Exploslonsartig, wie Dampf durch ein Ventil, entluden sich die überspannten Gemüter; — niemals noch gab ein Ventil erfreulichere Töne von sich. Jerusalem, Anfang Oktober 1927. Leopold Gottlieb, ein jfldlsclier Maler Die Kunst braucht neuen Inhalt. Die Form wandelt sich im Laufe der Geschehnisse, und ihre Wandlung wird, wenn kein neues Leben sie erfüllt, eine ewig in sich kreisende Bewegung, deren Aenderung literarisches Programm ist, wenigen verstand- Bdi. Nur der Keim des neuen kann sie zu Neuem erwecken, Bur das Hereinbrechen gesteigerter Bewußtheit vermag ihr An- Stiejr zu geben. Diese Bewußtheit kann aus einem neuen Weit- «;fühl kommen, kann in erwachendem Volkstum entstehen. Oberem Willen ist die Kunst unterworfen — sie dient ihm, sie illustriert ihn, sie wächst aus ihm, um sich im Werk des Einseinen zu vertiefen, zu kristallisieren, letzte Ausdrucksform zu finden. Immer wieder tauchen jüdische Namen unter großen Künstlern auf — aber wie wenige sind, die man als jüdische Künstler bezeichnen kann. Und doch suchen wir, die wir an eine Neuerweckung jüdischer Eigenart, an eine Zukunft unseres Volkes glauben, sehnsüchtig nach diesen Künstlern. In Paris, lebt rin jüdischer Maler aus dem Osten: Leopo)d Oottlieb. Bekannt, geschätzt, seine Bilder in den besten Ausstellungen. Und wir, die wir suchen, finden: Hier ist ein jüdischer Maler, hier ist jüdische Kunst. Nicht bewußt hat Oottlieb zu jüdischen Themen gegriffen, hat keinerlei Art von Programm gestaltet Nein — ganz verschwömmen nur ruhen die geheimnisvollen Kräfte der jüdischen Serie In seinen Bildern, sprechen geheimnisvoll zu uns. Das be- Wußte Leben, der Alltag, tritt zurück und uralte Traumbilder, Jahrtausende alte Empfindungen werden wach. Gestalten sitzen um einen langen Tisch, von fahlem, mystisehen Schein umflossen. Wer sind sie? Die Jünger Baal- Scherns? Sie sind in eine kahle Stube gepreßt, sitzen auf schmalen Holzbänken, versammelt zur Gemeinsamkeit. Und doch jeder für sich. Sie scheinen zu lauschen. Von irgendwo kommen Worte zu ihnen, Reden und Gleichnisse, erfüllen die Luft ringsum, durchdringen die Schatten des fernen Abends mit Jemen Licht Musik klingt mit, klangumflossene Worte aus Uten chassldisclien Legenden. Visionen, die die Fesseln des Irdischen abgestreift haben. Unbeschwert schwebt der Geist Ins Transzendentale. * Uni andere Bilder wieder sind Kamp* zwischen Vision und NalHr» Ihre Erlösung ist Palftsdna. Nie hat Gottlieb Palästina ibfii" Aberi es* ist das Arkaffli# *sd*te«L^hhsüchtetrlume, Arkadien in seinen Bildern. Welnlesebilder, Heimkehr der Schnitter, Fischfang. Von w§2tan glaubt man Pflanzen zu sehen, die aus dm Kelchen .ai®*telg«1 «ad sich langsam gemessen,gravitätisch einander zuneigen. Schmale, gebogene, bewegte rrauenleiber sind es. Sie gxRffcken die Trauben von* Weinstock, waschen Gemüse In «sehen, durchsichtigen Schalen, tragen auf langen, wiegenden Stangen Körbe voll glänzender Fische. Kaum ist irgendein Unterschied zwischen Fischen, Früchten und dem grünlich worden durch geheimnisvolle Schöpfiuig. Unkörperlich sind diese Gestalten. Aus alten Legenden kommen sie, bald schwermütig und dunkel wie ein jiddisches Volkslied, bald blühend und prächtig wie ein Psalm. Biblische Gestalten, hier aber, vielleicht dem Künstler selbst unbewußt, von neuem Leben erfüllt, froher bewegt, von jüdischer Zutauft leichter umsponnen. Sie sind groß. Eigentlich sind sie immer auf einer Fläche, *Be im Vordergrund oder Mittelgrund. Aber die Tiefe ist da, wird durch Klangfarbe und Rhythmus gebildet Hinter Körpern ahnt man die Landschaft, ein herbes, feuchtes, welliges Land — oder einen geschlossenen Raum, erfüllt von rauchiger Luft und »dien dunstigen schweren Atem schweigender Menschen. Farben und Inhalt sind eins. Grau, gelblich, grünlich, violett hebern sich lichtere Farben von tiefem Dimkri, oft von vollkommenem Schwarz ab. Licht und Schatten aber sind hier kein Kontrast, sondern Gemeinsamkeit visionären Schauens, Das Oesamtkolorit ist immer ein grau-grünliches, ein Fasttagskotorit. Gottlieb formt aus Farben. Aus dem Farbton wächst Form, ans jeder Form durchsichtige Oestalt. Man kann die Bilder nicht zerlegen, detaillieren, analysieren. Es ist, als wären sie in sich schon geschlossen worden, von Anbeginn Synthese gewesen. Kein Vergleich drängt sich auf. Mag sein, daß Gottliebs Weg vor langer Zeit einmal an Poussin vorbeiführte, daß Cezanne ihm Erlebnis wurde. Immer ist er ganz er selbst. Aus Paris kommt ihm die Erregung seines Schaffens. Aus der fernen, unbekannten Heimat aber wachsen die Gesichte. Seine Kunst ist Wanderfahrt, die nach Erez-Israel führt Anny Gutmann, Paris. Soeben erschien von Dr. N. M. Gelber: Vor schichte des Zionismus, Judenstaatsprojekte, bis 1845. (Phaidon-Verlag, Wien, G.-L M. 8,50, br. M. 6,—.) Der bekannte Gelehrte hat auf Grund langjähriger Forschungen in verschiedenen europäischen Archiven über*!*sehendes Material zutage gefördert und wußte es zu einem interessanten Geschichtswerk zu gestalten. Wir werden tu! das Werk noch ausführlich zurückkommen. Ferdinand Gregorovias, dessen Neuausgabe der Verlag Wolfgang Je8 in Dresden mit ״Wanderjahrc in Italien“ und der ״Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ begonnen hat setzt mit dem soeben erscheinenden Band ״Athen und Athenais“, Schicksale einer Stadt und einer Kaiserin im byzantintechen Mittelalter, die Reihe seiner Werke fort Der von Fritz Schillmann herausgegebene Dünndruckband von 1000 Seiten mit 60 Tafeln nach alten Vorlagen enthält neben der ,Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter“ ״Athenais״, die Geschichte einer Kaiserin im byzantinischen Mittelalter, JCorfu“ und die kleineren Schriften über Griechenland. (In Leinen 20 M.) In der nächsten Zeit erscheint im Verlag von Dr. Zahn und Dr. Diamant in Wien eine Broschüre ״K©k>riiaäon8*Revi8ionis* WO** von Dr. S. E. Soskin. JUEÖISCHE RUNDSCHAU . Nr. 83/84, 21. X. 1927 .- . י "" * — י,"■ ■in u ...ו—"■■— ■ — ■ ׳ Salomos Thron Mit dem soeben erschienenen Bande ״Inda und Israel“ hat die Sammlung ״Die Sagen der Jugend*' von Micha JosefbinOorlon ihren Abschluß gefunden. Bisher erschienen die vier Bände: ״Die Urzeit“, ״Die Erzväter“, ״Die zwölf Stämme“, ״Mose“. Der fünfte Band ,Juda und Israel“ wurde ebenso wie der vierte nach dem Tode von Micha Josef bin Gorion von dessen Gattin und Sohn aus seinem Nachlaß herausgegeben. Die Samm» lung des Materials hat der Verstorbene noch selbst be* sorgt und die Einteilung und Uebersetzung erfo’gte durch die Herausgeber. In dem fünften Bande der ״Sagen der Juden“ ist der ungeheure Schatz des Werkes der jfldisehen Volksphantasie aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen. Wir geben aus dem letzten Band, der ebenso wie aas Gesamtwerte im Verlag von Ruetten & Loening, Frankfurt a. M.» erschienen ist, nachstehend eine Probe: ״Der König Salomo errichtete sich einen Thron. Das war ein mächtiger Stuhl, ganz aus feinem Gold, mit Onyx, Alabaster, Marmor, Opal und Topas besetzt und geschmückt und mit kostbaren Perlen geziert Kein König hat je solchen Stuhl gehabt und kein Königreich Aehnliches besessen. So aber war der Thron hergerichtet: Es standen auf ihm zwölf goldene Löwen und ihnen gegenüber zwölf Adler; ein jeder Löwe umfing mit seiner rechten Vorderpranke den linken Flügel des ihm gegenüber ruhenden Adlers. Ein kreisrunder Kopf oben auf dem Stuhl bezeichnete den Sitz des Königs. Sechs Stufen führten zu dem Thron. Auf der ersten Stufe kauerte ein goldener Stier und ihm gegenüber ein goldener Löwe. Die zweite Stufe hatte einen goldenen Wolf und ein goldenes Schaf. Auf der dritten Stufe waren ein goldener Panther und rin goldenes Kamel. Die vierte Stufe zierten rin goldener Adler und ein goldener Pfau. Die fünfte war geschmückt von einer Katze aus Gold und einem Hahn aus Gold. Ein goldener Habicht und eine goldene Taube waren der Schmuck der sechsten Stufe. Ueber dem Thron aber hing rin goldener Leuchter, an dem kein Zierat und kein Zubehör fehlte, als: Lampen, Knäufe, Schneuzen, Pfännchen, Kelche Und Humen. Von der einen Seite des Leuchters gingen sieben Arme aus, auf denen die Gestalten der sieben Urväter abgebildet waren: Adam, Noah, Sem, Abraham, Isaak, Jakob und Hiob. Und#on der anderen Seite des Leuchters gingen abermals sieben Arme aus, auf denen die sieben frömmsten Menschen abgebikiet waren: Levi, Kahath, Amram, Mose, Aaron, Eldad und Medad zusammen, und als letzter Hur. Auf der Krone des Leuchters lag eine Oelschale voll köstlichen Oris, von welchem die Lampen im Tempel gespeist wurden. Darunter war rin großes goldenes Becken angebracht, gleichfalls mit Ori gefüllt, und zwar war dieses Oel für den Thronleuchter bestimmt. In dem Becken .war die Gestalt des Hohepriester» Eli eingraviert, und auf beiden Armen, die das Becken trugen, waren Hophni und Plnehas, die beiden Söhne Elis, zu sehen. Diese beiden Arme mündeten in zwei Röhren aus mit dem Bild der beiden Söhne Aarons, Nadab und Abihti. Zu beiden Seiten des Thrones wären zwei goldene Sessel, der eine für den Hohepriester, der andere für das Haupt der Priesterschaft, und dahinter, aber in der Höhe des Thrones, waren auch siebzig Stühle aufgestrilt, alle aus lauterem Gold, auf denen die siebzig Richter des Synedriums saßen. » Zwei Seejungfern saßen an den beiden Ohren des Königs Salomo, damit er nicht erschüttert werde und nicht zittere auf seinem Thron. Und über seinem Haupte waren vierundzwanzig goldene* Reben, gleichsam ein Schattendach des thronenden Königs'. Begehrte Salomo, an irgendeinen Ort zu gelangen, so trug der Thron ihn mit sich fort kraft des ihm ligenen Werkes. Setzte Salomo, wenn er den Thron besteigen wollte, den Fuß auf die erste Stufe, so hob ihn der goldene Stier auf die zweite Stufe, und von der zweiten kam er zur dritten, von der dritten zur vierten, von der vierten zur fünften und von der fünften zur sechsten, bis er bei den Adlern war, die ihn auf ihre Schwingen nahmen und auf den eigentlichen Stuhl setzten. Es war aber in dem Werft noch ein goldener Drache enthalten in Oestalt eines kreisenden Rades. Wie die Könige der Welt von dem Ruhm des herzlichen Thrones hörten, sammelten sie sich zuhauf, fielen vor Salomo nieder und sprachen: Kein König hat Je »»inen solchen Thron sein eigen genant; kein Volk hat bis heute verstanden, seinesgleichen zu bilden. Und die Könige, von der Herrlichkeit, die sie sahen, überwältigt, ließen Lob zukommen dem Schöpfer der Welt. Hatte Salomo auf dem Throne Platz genommen und saß da auf seinem königlichen Stuhl, so kam der mächtige Adler, die Königskrone tragend, und setzte sie ihm aufs Haupt. Hernach begann der Drache sich zu drehen mit den Rädern, die künstlich gefertigt waren, und auch die Löwen und Adler, alle drehten sich mit dem Räderwerk, und die goldene Taube flog herab, öffnete die Lade und nahm die Tirörarolle heraus, sie dem König Salomo zu bringen. Dann pflegte der Hohepriester zu kommen und Salomo den Friedensgruß zu entbieten, und die siebzig Orrise saßen rund um den Thron und sprachen Recht über das Volk. Wenn nun die Leute auftraten, die ihr Zeugnis ablegen sollten in einem Rechtsstreite, da fingen aufs neue die Räder zu kreisen an; die Stiere brummten, die Löwen brüllten, die Wölfe fleischten die Zähne, und auch die Lämmer blökten, die Panther heulten, die Kamele wieherten, die Katzen schnurrten, die Pfaue kreischten; die Hähne krähten, die Habichte schrien ihren Ruf, und alle Vögel pfiffen — das alles, um das Herz der Zeugen zu lenken, daß sie nichts sagten als die lautere Wahrheit. Und so sprachen auch die Zeugen in ihrem Innern: Laßt uns rin rechtes Zeugnis abgeben, denn tun wir es nicht, so wird die Welt zerstört um unseretwillen, O, wenn der König Salomo seinen Thron bestieg, da ließen die Löwen Wohlgerüche verspritzen, und mit allerlei Duft* wässern netzten sie sein Gewand. Es gab keinen zweite» Thron wie Salomos Thron in der Welt! Sechs Stufen hatte Salomos Thron. Bestieg er die erste, so erklang eine Stimme: Du sollst Dir nicht zuviel Rosse halten 1 Stieg er auf die zweite, so ertönte die Mahnung: Du sollst nicht riet Weiber haben! Betrat er die dritte, 80 erscholl der Ruf: Audi des Geldes sammle nicht zuviel 1 Auf der vierten Stufe vernahm er das Wort: Du sollst das Recht rieht beugen! Auf der fünften hörte er sagen: Richte ohne Ansehen t|er Person! Und auf der letzten Stufe ward ihm befohlen: Nimm keine Geschenke an von denen, die vor dem Riditeretuhl stehen! Salomos Thron war so kunstvoll gemacht wie der Wagen dessen, der da sprach; Es werde eine Weit!“ Das Naclüeben des Benjamin DLsraell Das Leben des Benjamin Disraeli, Lord Beaconsfldd, des Premierministers und wie ihn manche nannten, des Diktators von England, ist — auch wenn es nicht so romanhaft spannend wäre wie keiner von den Romanen dieses poetischen Politikers — dem heutigen Leser aus vielerlei Gründen kennenswert: kennenswert für den Menschen, weil hier rin heroisches Leben an jedem scheinbar unüberwindlichen Hindernisse nur immer mehr erstarkt, bis es zum von allem Anfang erschauten Ziele gelangt; kennenswert für den Juden — zumal für den deutschnationalen Juden! — weil er hier lernen kann, wie ein überzeugter Stammesjude, der aus dieser seiner Ueberzeugung niemaß ein Hehl macht, dennoch ein leidenschaftlicher englischer Patriot und Politiker sein kann, dem seine dankbare ״Königin und Freundin“ auf dem Grabsteine bezeugt hat, daß er de nach dem Worte der Psalmen ״mit Recht berichtet“ hätte; pkennenswert endlich Wir den Zionisten: denn hier zeigt sich wieder einmal die nachdenkliche Erscheinung, daß das Gefühl der ״Ewigkeit des Blutes“, wie es Buber nennen würde, sich auch in dem Juden durchsetzt, der längst kein Jude mehr ist — daß es den Täufling, wenn er aufrichtig ist gegen sich selbst, immer wieder zu jüdischen Bereichen hin treibt. ״Der alte Jude — das ist der Mannl“, dies halb unwillig bewundernde Worte Bismarcks kennzeichnet besser als alle Dar* legungen die Stellung, die der alte Hexenmeister, die ״Sphinx“ wie man ihn nannte, auf dem Höhepunkt seines politischen Lebens, auf jenem berühmten Berliner Kongresse einnahm, als er vom Balkon des Hotels Kaiserhof hinter den Palmen, mit denen der dienstbeflissene Hotelwirt seine orientslischriüoiscfce Abstammung feiern wollte, in das Getriebe Bertins blickte und dem siegreiches Russen ein Zugeständnis nach dem andern! abzwang —׳ Erfolge, jetzt längst vom Sturmwind der Zeit über den Haufen gefeit wie Kartenhäuser. Nur zu erklärlich, daß dies Leben voll Auf und Ab, voll geheimnisvoller Schluchten und Hintergründe, diese Lebensgescmchte, die ein Stück Welt* geschichte geworden war, den Historiker beizeiten zur Dar* Stellung lockte. Noch bei Lebzeiten Disrariis erschien 1878 Oeorg Brandes’ glänzend geschriebenes Buch ״Lord Beacons* fidd‘% das er dann 1901 neu bearbeitete; rin Buch, das mit der Mehrzahl seiner Geschwister aus der Familie Brandes das Schicksal teilt, daß es, wie Willi Haas kürzlich sagte, nicht alt, sondern mit den Jahren jung geworden ist — obwohl sieh Brandes deutlicher zeigen als anderswo. Dann entstanden in England eine Fülle von biographischen Versuchen» von Feinden wie von Bewunderern, so hfe zum Rande voll mit Haß oder Liebe, als ob der alte Magus, wie das englische Volk an seinem Totenlager glaubte, noch gar nicht tot sei, sondern jeden Augen* blick wiederkommen una wandeln könne. Allen diesen Ver* suchen aber gab erst die monumentale sechsbändige Biographie von Monvpenny und Buckle die aktenmäßige Fundierung. Und nun, nachdem die Grundfesten einer Darstellung der ״Dinge wie sie waren“ solchermaßen gelegt sind, kommen jene genießenden Forscher zum Wort, die bald durch einzelne Zöge des ^grandiosen Bildes angezogen Einzeldarstellungen geben, bakl den Ertrag der großen Ernte bei Monypenny ohne eigene neue Forschung in anmutiger Nachlese zusammenfassen wollen. So erschien vor einiger Zelt der englisch geschriebene ״Versuch einer Doppelbiographje“ von D. C. Somervelt ,,Dferaeti und Oladstone“ (jetzt in ׳ ausgezeichneter deutscher Uebersetzung von J. v. Heinz im Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1926); *in höchst geistreicher Versuch, die alte Form der Phitarchischen Duo*Biographie bei höchst ungleichen Dioskuren Disraeli und Oladstone zur Anwendung zu bringen. So erscheint in diesem lung Vies de Hommes illustres, Nr. 8. Maurote is+ da bejahter Romanschriftsteller mit der heut* in Frankreich äußerst beliebten Hinneigung zum biographischen Roman 1— oder zur Darstellung eines romantischen Lebens, das die Geschichte gedichtet hat Wir verdanken ihm schon ein in Frankreich vidgelesenes Buch ״Ariel oder das Leben Shelleys״; eben kündigt er auch rin Buch über Dickens an. Seinem Buche über Disraeli wird sicher* lieh auf dem französischen Büchermärkte ein ebenso großer Erfolg beschieden sein wie dem Shelley-Buche; hoffentlich wird es auch in nicht zü ferner Zeit dem deutschen Leser in einer annehmbaren Uebersetzung zugänglich gemacht. Ohne den Ehrgeiz neuer selbständiger Forschungen und doch fußend auf einer ausgebreiteten Kenntnis des vorliegenden, gerade bei Dis* raeli nicht durchweg leicht zugänglichen Materials zur Zeit* geschichte und zur Geschichte des Mannes, entwirft Maurois ein lebendiges und farbenreiches Bild dieses vielgestaltigen Lebens. So sind in Deutschland etwa Emil Ludwigs dichtende Biographien entstanden und zu werten; doch strebt das Buch des Franzosen mit größerer Bescheidenheit nach einer Darstellung mit dem alten Rankeschen Ziel ״Wie es wirklich war“ — während bei Ludwig über jeder Seite das Wort des weiland Reichskanzlers Michaelis steht ״Wie ich es auffasse“. Vielleicht ist Maurois sogar in seiner anspruchslosen und meist klaren Darstellung verwickelter politischer Verhältnisse noch stärker — wohl von Hanotaux beeinflußt — als auf jenem OeWete das doch des Romanschriftstellers eigenstes Reich sein sollte; in der Durchleuchtung dieses vielfarbigen Charakters, dessen Dämonie ein wenig zurücktritt, um seinem ״ewig jungen Her* zen“ Platz zu machen. Hier hat an einzelnen Stellen der alte Brandes schärfer gesehen. Bei ihm auch, nicht bei Maurois, finden wir die Bedeutung jenes einzigen Augenblicks in Disraelis Leben erfaßt: als der die Heimat seiner Rasse suchende Pilger nach beschwerlichem Röte vom Oriberge aus plötzlich eine von einer alten Mauer umgebene Stadt vor sich attfsteigen sah, mit ihren Türmen, Zinnen und Toren: Jerusalem. Denn jener Augenblick gebar nicht nur die Heldengestalt des David Alroy, de« löwenkühnen ״Fürsten der Gefangenschaft“, den Disraeli zum ersten Helden seines nächsten Romanes machte. Vielmehr Ist es mehr als wahrscheinlich, (wie Brandes als erster vielleicht sah), daß ln diesen Wochen auf dem Boden Palästinas in Disradi der Gedanke auftauchte, seine noch schlummernden Kräfte anzuspannen, um das heilige Land dem Volke ludas zurückzugeben; denn mit der Hartnäckigkeit einer Lieblingsidee, taucht dieser Gedanke in allen seinen״Büchern auf, alles Heil der Welt hinge davon ab, das ״asiatische Gehelmnis“ zu lösen. Alroy ist ihm zu einem dichterisch gestelgertem Wunschlied seiner selbst; zu einer Lebensgestalt geworden. Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Auch die Wdt* polltik dieses ״Vaters des britischen Imperialismus“, wie man ihn genannt hat, ist ohne diese tief innere Neiwpg zum Orient rieht zu erklären. Und noch auf dem politischen Höhepunkte seines Lebens, In den Tagen des Berliner Kongresses, als er endlich die Oberhoheit Englands über Kirinaslen erkämpft hatte, da mag der Oedanke an uavid Alroy und sein jüdisches Reich um! an jenen Tag in Palästina ihm durch den Sinn gegangen sein. Bertha Badt-Strauß! In der nächsten Zeit erscheint im Verlag KÖsri Bt Pustet eine deutsche Uebersetzung des bekannten Buches ״The Jews“ de« katholischen englischen Schriftstellers Hlfaire Bel 10c» von dem in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits öfter die Rede war. Das Buch ist das wichtigste Werk der neueren antijüdischen Literatur Englands, Die Uebersetzung besorgte Theodor H aecker. Wir werden auf die Erscheinung noch ausführlich zuTÜckkomraen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.