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Jüdische Rundschau · 1927-10-21 · Heft 83-84 (21.10.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 83-84 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 83/84, 21. X. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 589 Nachlese Der Streit um die neue Exekutive Für Konzentration der Kräfte Besuch in Genf - ״National Home" Berlin, 20. Oktober. Die Feiertage, die das jüdische Arbeitsjahr einleiten, sind vorüber. Nach der Unterbrechung des Sommers, der für Zionisten besonders in Kongreßjahren keine Arbeitspause ist, bilden die Feiertage die letzte Station für eine Weile der Ruhe und des Atemschöpfens. Ihr Sinn — in jeder Hinsicht — ist innere Sammlung, Rechenschaft vor sich selbst und vor eine n höheren, unbestechlichen Richterstuhl. Wir brauchen neue innere Kräfte am Anfang eines Jahres, als Juden und als Zionisten; als Menschen, auf denen eine große Verantwortung liegt, und die eine große Arbeit zu leisten haben. Abseits von allen Streitigkeiten und von allen Tageskämpfen müssen wir immer wieder am Anfang des Arbeitsjahres uns überlegen, was wir schuldig geblieben sind, was noch vor uns steht; welche neue kleine Strecke wir zurückzulegen haben in unserm Ringen für die Gestaltung einer neuen jüdischen Welt, die menschenwürdiger sein soll als unsere heutige, in unserm Streben nach Verwirklichung eines großen jüdischen Ideals, in unsern Leistungen für das konkrete jüdische Werk unserer Tage, das, heute unscheinbar und von Krämpfen erschüttert, unter historischem Aspekt der Anfang eines neuen Judentums ist. Der Kongreß ist ein wichtiges zionistisches Ereignis, aber er ist nur ein Mittel zum Zweck, zur Verwirklichung des Zionismus, die im harten Lebenskampf sich vollzieht. Der Kongreß ist vorüber, die Feiertage boten Muße zur Rückschau; vom Urlaub heimkehrend, blickt der Zionist um sich, durchblättert die aufgestapelte Fülle papierenen Materials, sieht was die zionistische Welt zu sagen hat. Der Kongreß hat alle Leidenschaften aufgewühlt, sie zittern nach in der umfangreichen Polemik; jeder sieht die Ereignisse mit seinen Augen, jeder stellt sie in seiner Art dar, diesen oder jenen gerade ihm wichtigen Teil aus der Fülle der Erscheinungen und Ergebnisse auswählend. Dies ist wohl jedermanns Recht, aber verlieren wir nicht den Blick auf das Ganze; die zionistische Welt in ihrer Gesamtheit muß sich klar bewußt bleiben, daß dieser Kampf der Parteien nur eine relative Bedeutung hat. Da es im Wesen der Polemik liegt, daß jede Partei gerade die unterscheidenden Elemente hervorhebt, könnte es fast scheinen, als ob der Zionismus heillos zersplittert wäre. Wie könnte er in dieser Verfassung seiner Aufgabe gerecht werden? Wir wissen jedoch — und gerade nach der durch die Kongreßmaschinerie nebst Wahlkämpfen bedingten Uebertreibung des Parteiwesens verlohnt es vielleicht, dies gerade zu Beginn des Jahres mit Nachdruck zu betonen —, daß das Gemeinsame, das Einigende, das Bewußtsein der Not, des Kampfes, des Zieles und der Aufgabe stärker ist und mächtiger als die Differenzen, die der Tagesstreit geschaffen hat und, so hoffen wohl alle Zionisten, der morgige Tag verwehen wird. * Der Kongreß hat eine neue Palästina-Exekutive gewählt. Daß nicht einfach der alte Zustand, der vor zwei Jahren nur ein Verlegenheitsausweg war, verlängert werde, war wohl allgemeiner Wunsch, alle wünschten eine Verstärkung der Exekutive. Freilich, mit den Gewählten waren nicht alle einverstanden, aber bei objektiver Abschätzung aller Faktoren muß man zugeben, daß ein anderer Ausweg nicht zu finden war. Die neue Exekutive wird einen schweren Stand haben, denn zu all den schwierigen Problemen, die sie in Palästina erwarten, kommt noch die offenkundige Unbeliebtheit, die sie wird überwinden müssen. Es ist aber nun eine vollendete Tatsache, daß dieses Triumvirat gewählt wurde und in seiner Hand die Verwaltung der Palästina-Arbeit bleibt. Und eine weitschauende, starke und inspirierte Verwaltung des Palästina Werkes ist ein Grunderfordemis unserer Existenz. Die Exekutive wird nur arbeiten können, wenn sie unterstützt wird; wird ihre Arbeit gestört, dann wird nicht die Exekutive, nicht dieser oder jener Mensch, sondern der Zionismus als Ganzes der Leidtragende sein. Man sollte daher nicht mehr über die Kongreßereignisse streiten; wuchtig ist allein die Frage, was jetzt zutun ist, und was getan wird. Auch die gegen die Exekutive waren, müssen jetzt ihre konkrete Arbeit unterstützen. Auch wer meinte, daß die notwendige Mitarbeit, wenigstens des Jischuw oder großer Gruppen, durch deren engere Bindung mit der durch die neu hinzugekommenen Persönlichkeiten verstärkten, programma* tisch geeinten Exekutive hätte gesichert w׳erden sollen — und dieser Meinung war bekanntlich nicht nur Weizmann —, muß jetzt, ebenso wie Weizmann es tat, das Gegebene hinnehmen und mit aller Kraft dabei mitwirken, aus der Situation das Beste herauszuholen. Die künftigen zwei Jahre müssen eine Sanierung der Finanzen der Palästina-Exekutive, müssen eine Reorganisation der Verwaltung und auf manchem Gebiet vielleicht auch Ersparnismaßnahmen bringen, damit wir nach zwei Jahren soweit sind, mit einem gesunden Apparat und ohne fortgesetzte Bedrohung der Aktionsmöglichkeit der Exekutive, in eine neue Phase zionistischen Aufbaus und produktiver Kolonisation einzutreten. Es gibt keine Gruppe, die dies nicht wollen kann. Aber um dahin zu kommen, braucht die Exekutive Unterstützung, Wohlwollen, Verständnis, Geduld. Sie braucht auch viel Geld. Wer wirklieh Zionismus will, muß wünschen, daß ein gütiges Schicksal über der Arbeit der neuen Exekutive waltet — einerlei, ob er auf dem Kongreß für sie oder gegen sie gewesen ist. Wenn der Zionismus eine staatsähnliehe, politisch reife Bewegung sein will, so muß es in ihm nicht nur ein unumgängliches Maß von Fairness geben, sondern vor allem auch jenes starke Gemeinsamkeitsgefühl, das, nachdem ein parlamentarischer Kampf entschieden ist, nunmehr die neugeschaffene Autorität anerkennt und in ihr die Repräsentanten des Zionismus sieht und respektiert. Die ersten Nachwehen des Kongresses haben in dieser Hinsicht bereits manche Enttäuschung gebracht. Man merkt die zersetzende Wirkung des übertriebenen parlamentarischen Parteikampfes auch daran, daß statt einer Darstellung der Gesamtaufgaben des Zionismus in diesem Moment die Diskussion meist in parteiliche oder persönliche Einzelfragen verflacht. Dies wird z, B. in der englisch-zionistischen Presse bereits lebhaft beklagt, wo sogar außenstehende Persönlichkeiten sich zu Worte melden und ihrer Verwunderung Ausdruck geben, daß man in Kongreßversammlungen ausführlich über einzelne Zwischenfälle berichtet, statt über den Gesamt¬ Trott Anfeindung und Gegnerschaft hat der deutsche Keren Hajessod im Jahre 5687 47°/o mehr dem Palfisilna-Aufbaa zur Verfügung gestellt als lm Jahre 568 6. Steigert die Arbeit Im Jahre 56881 aspekt. In der palästinensischen Presse ist die Exekutive nicht freundlich aufgenommen worden. Manche Blätter halten es für richtig, von ihr immer als der ״englischsprechenden“ (mit Gänsefüßchen) zu reden, was wohl eine Anspielung auf eine Notiz der .,,Times“ ist; seltsam genug, daß jetzt eine harmlose zustimmende Bemerkung der ״Times“ bereits als ein Makel betrachtet wird, noch seltsamer, daß man gar nicht bedenkt, daß die Ver- Schiebung des Schwerpunktes des Judentums (wie überhaupt der Weltpolitik) nach dem Westen eine vielleicht bedauerliche, aber doch unleugbare Tatsache ist. Wir glauben aber an den gesunden nationalen Instinkt des Jischuw, der nach der ersten fiebrigen Reaktion die natürliche nationale Disziplin wieder finden wird. Mit Hohn und Abwehr gegen die Exekutive wird dem Zionistnus und auch dem Jischuw nicht genützt Wir wollen die Polemik nicht verlängern und gehen daher auf die anfechtbaren Aeußerungen der palästinensischen Presse nicht ein. Der Worte sind genug gewechselt. Es lohnt aber, hervorzuheben, daß Moses Beilinson im ״Dawar“ am Ende einer Artikelserie von fünf Artikeln, die sich heftig gegen die neue Exekutive wenden, ausspricht, daß die Arbeiterschaft alles tun wird, um Konflikte zu vermeiden und ihre ganzen Kräfte aufwenden wird, um die Macht der Zionistischen Organisation zu stärken. Dies sind begrüßenswerte Worte. Die Arbeiterschaft weiß sehr wohl, daß auch in ihrem Bereich vieles reformbedürftig ist, sie weiß auch — und die Debatten der letzten Arbeiterkonferenz beweisen es —, daß manche Tendenzen im Arbeiterlager revisionsbedürftig sind und dies alles geschickte und weitschauende Maßnahmen erfordert. Nichts wäre verwerflicher, als wenn man der neuen Leitung, wenn sie das Notwendige tut, nur darum Opposition machte, weil gerade sie es ist, die es tut. Auch ohne formell die Verantwortung mitzutragen, wird die Arbeiterschaft, die ja bei der Wahl der Exekutive positiv mitgewirkt hat, sicherlich so handeln, wie das höhere Interesse ihres eigenen Werkes in der Stunde der Not es erfordert. Dasselbe gilt — mutatis mutandis — auch von andern Kreisen. Die Exekutive, die soeben in einem Manifest die Zionisten zur Arbeit aufgerufen hat, wird ihrer heiklen Position bewußt, versuchen müssen, durch versöhnliche und verständnisvolle Haltung auch die Sympathien und die Mitarbeit der Zweifler zu gewinnen. Dazu gehört viel Takt und viel Gefühl für die Imponderabilien der Bewegung. Die zentrale Figur der Palästina- Exekutive, ein Freund und Schüler Achad Haams, wird wohl für die nationalen Erfordernisse der Bewegung nicht blind sein, ebenso wie er, hervorgewachsen und politisch geschult in dem Kreise des radikal-liberalen ״Manchester Guardian“, keineswegs einer arbeiterfeind• liehen Wirtschaftspolitik zuneigen dürfte. Die zionistische Oeffentlichkeit muß sich nur erst daran gewöhnen, bei allen Verfügungen zunächst anzunehmen, daß sie aus wohlbegründetem sachlichen Urteil und nicht aus Voreingenommenheit erfolgen. Nur dann ist eine Diskussionsbasis gegeben. Andererseits aber muß die Exe*• kutive die Kontinuität der Verwaltung aufrecht halten. Sie kann nicht Beschlüsse ihrer Vorgängerin, die bereits praktische Konsequenzen haben, einfach annullieren. Der Beschluß, die von der früheren Exekutive gegebene Zu- Sicherung einer eventuellen Beteiligung von L 5000 zu* gunsten der kleineren Gläubiger des Solel-Boneh für den Fall einer Vermeidung des Konkurses, zurückzuziehen, ist nach unserer Meinung sachlich anfechtbar und präsentiert sich außerdem gerade in der jetzigen Stimmung als eine unnötige Provozierung der Arbeiter, die mit Recht sagen können, daß die Verwaltung des Solel-Boneh auf Grund der Verpflichtung der früheren Exekutive zu verfahren befugt war. Dieses Beispiel zeigt, daß man nicht ■doktrinär vorgehen darf, sondern die realistische Exekutive muß im Einzelnen der realen Lage Rechnung tragen. ♦ Die dringendste Notwendigkeit ist der beschieunigte Amtsantritt der neuen Leitung. Bisher ist keiner der Gewählten in Palästina, und gerade jetzt sind lebenswichtige Fragen zu entscheiden. Eine der furchtbarsten Fragen, für die eine Lösung gefunden werden muß, ist die Erziehung. Am ersten Cheschwan sollen die Schulen in Palästina eröffnet werden., aber das Erziehungswesen hat keine Leitung, der bisherige Plan des Waad Hachinuch ist durch die Kürzung des Budgets über den Haufen geworfen, 150 entlassene Lehrer drohen die Zahl der Arbeitslosen zu vermehren, und eine ganze Reihe von jüdischen Kindern wird keine Aufnahme in Schulen finden. Man verhandelt hin und her, die Gefahr besteht, daß die Schulen überhaupt nicht zum Termin eröffnet werden. Hier muß die Exekutive mit starker Hand eingreife» und zeigen, was sie kann. Das Schulwesen muß vielleicht verkleinert werden, aber doch so, daß kein unheilbarer Schaden entsteht, daß nicht Schüler ohne Unterricht bleiben und in den Straßen herumirren. Die Exekutive darf jedenfalls picht die Dinge laufen lassen, denn gerade von ihr erwartet man energisches Eingreifen. Wahrscheinlich wird man in Palästina auch Dr, Weizmann, der jetzt im Lande ist, wegen dieser Sache bestürmen, aber Weizmann kann zwar vielleicht bei der Beschaffung außerordentlicher Mittel mitwirken, er kann aber nicht die administrative Verantwortung für die Ordnung des Schulwesens tragen. Dies ist Sache der Palästina-Exekutive. Einen ganz beachtenswerten Vorschlag macht ״Doar Hajom“: die Lehrerorganisation solle selbst das Schulwesen übernehmen, für Eröffnung sämtlicher Schulen sorgen, eine große Kampagne für einen Schulfonds einleiten und in der Zwischenzeit die Deckung der Gehälter dadurch ermöglichen, daß die Lehrer vorläufig nur 75 °/0 ihres Gehaltes beziehen. Man sieht, welche heroischen Anstrengungen aus dem Jischuw selbst gemacht werden. Die Palästina-Exekutive hat das Wort. Vielleicht wird auch der Waad Leumi, der jetzt eine legale Institution geworden ist, mitwirken können. Eile tut not. Die Zionisten sind auf das höchste besorgt, denn es gibt niemanden, dem nicht das Erziehungswesen in Palästina am Herzen liegt. Allzu schmerzlich sind die Tatsachen, die den Zionisten der ganzen Welt zum Bewußtsein bringen; welche Folgen es hat, wenn der Keren Hajessod nicht genügend Mittel hat * Die Lage stellt den Zionismus eindeutig vor eine Reihe von aktuellen Aufgaben, über die es im zionistisehen Lager kaum Meinungsverschiedenheiten gibt. Was ist natürlicher, als in einer solchen Zeit eine Konzentration aller Kräfte im Zionismus durchzuführen? Unabhängig von geistigen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die das zionistische Leben sogar befruchten können, müssen alle Zionisten, gleichviel welcher Gruppe oder Partei sie angehören, die Verantwortung gegenüber der praktischen Arbeit mittragen. Das Ziel muß sein, einen Zu stand herbeizuführen, der der Zionistischen Organisation ihre Handlungsfreiheit zurückgibt und neue kolonisatorische Taten e rmö glicht. Die nächsten praktischen Ziele sind die Beruhigung Palästinas und Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit; die Liquidierung der Schuldenwirtschaft und Reorganisation der Verwaltung; die großzügige Vorbereitung der neuen Palästina-Arbeit, die nach zwei Jahren einsetzen muß, insbesondere Erziehung der Menschen zu einem gereiften Chaluzideal; dazu verstärkte politische Arbeit, besonders auf wirtschaftspolitischem Gebiet, wo auch kaum Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gruppen mehr bestehen. (Vielleicht war, nebenbei bemerkt, auch der Antrag Tullin in seinem Kern gar nicht so schlecht, wie er durch die Begleitmusik geworden ist; auch er wies einen vielleicht gangbaren Weg zur Ver- Stärkung unseres politischen Einflusses. Aber in der Kongreß-Atmosphäre werden auch gute Gedanken leicht ruiniert.) ♦ Aktuelle zionistische Probleme werden wohl nur in . London politisch behandelt werden können. Daneben aber gibt es die nicht minder wichtige Aufgabe der politischen Propaganda. Das Judenproblem und die zionistische Lösung dürfen von der Welt nicht vergessen werden. Freilich haben die Völker auch andere Sorgen und politische Propaganda muß mit Takt, Gc- Schicklichkeit, ohne Aufdringlichkeit und doch zielbewußt durchgeführt werden. Das Zentrum dieser von der großen Oeffentlichkeit wenig beachteten Tätigkeit ist

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