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Jüdische Rundschau · 1927-10-21 · Heft 83-84 (21.10.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 83-84 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 588 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83/84, 21.X. 1P27 kommt Petljura. ״Sind Sie Petljura, der Hetmaii?“ — ״ja.“ — ״Wehre dich, Mörder!“ ruft Schwarzbart und schießt dem Unglücklichen drei Kugeln in die Brust. Als der Oe• troffene am Boden liegt, schießt Schwarzbart weiter, wie die Anklage behauptet. Er selbst sagt, daß er nur gegen da» Boden gefeuert habe, damit keinem anderen Menschen ein Unglück geschieht. Der Täter läßt sich ruhig abführen. ״ich bin glücklich, einen Mörder getötet zu habensagt er. Er bittet, nur noch einmal in seinen l aden geführt zu werden, um einige Uhren einzupacken, die am Abend abgeholt werden müssen. Die Untersuchung und Vorbereitung der Verhandlung dauerte eineinhalb Jahre. Nun wird die Verhandlung eröffnet, die 22 Seiten starke Anklageschrift verlesen. Dann werden die Zeugen aufgerufen, unter denen viele bekannte Namen sind, z. B. Firmin O 6 m i e r, Madame Scverne, Leon Blum, Tristan Bernard, (ieorge Pi och, die Komtesse de No ai lies, Professor Victor Basch, Victor Margueritte, Professor Au- I a r d, Leon J o u 11 a u x, Oral Ka rol y , Professor Einstein und Maxim O o r k i. Einige Zeugen haben sich entschuldigt bzw. werden später eintreffen. Der Vorsitzende, M. Flory, beginnt das Verhör des Angeklagten. Schwarzbart erzählt: ״Im Dezember 1925 erfuhr ich von einem Freunde, der aus einem Hospital des russischen Roten Kreuzes entlassen war, daß zwei Offiziere der Weißen Armee, die in demselben Hospital behandelt wurden, sich gerühmt hätten, Heldentaten gegen die Juden begangen zu haben. Der eine erzählte, daß er 37 jüdische Frauen genotzüchtigt habe. Der andere sagte, daß er am gleichen Tage mit seinem Säbel 15 Juden getötet habe. Diese Erzählungen machten mein Herz traurig. Eines Tages hörte Ich, daß der frühere Hetman Petljura in Paris sei. Ich machte mich auf, ihn zu suchen. Es war umsonst. Alle Leute aus der Ukraine, die ich fragte, antworteten mir mit Verachtung: ״Was kümmert uns Petljura.“ Schwarzbart schildert nun weiter, wie es ihm gelang, Petljura schließlich doch zu entdecken. Nachdem Schwarzbart die Vorgänge bei der Ermordung Petljuras beschrieben hat, wobei er nicht verschwieg, daß er auf dem Polizeirevier seiner Freude über die von ihm vollbrachte Tat in überschwenglicher Weise Ausdruck verliehen habe, fragt der Vorsitzende: Sie geben also zu, den Willen zur Ermordung Petljuras gehabt zu haben? — Angekl.: Ja> ja! Der Angeklagte gibt auch zu, daß er bei dem Schuß gerufen hat: ״Das ist für die Pogrome, für aie Mordtaten!“ Aul die Frage, ob er irgendwelche Aufforderung zu der Mordtat erhalten habe, antwortete Schwarzbart vern e 1' n e n d. Vors.: Woher wissen Sie, daß die Pogrome von Petijura organisiert worden sind? Angekl.: Ich war längere Zeit in der Ukraine, dann in Odessa. Es gibt in der Ukraine Banditen, die seit Jahrhunderten die Juden niedermetzeln. Petljura ist der Enkel eines großen Judenmörders. Unter der Regierung Petljuras haben mehrere Judenpogrome stattgefunden. 50000 Juden sind unter ihm getötet worden. Der schrecklichste Pogrom war im Jahre 1919. Vors.: Aber wer beweist Ihnen, daß di« alles aut den Befehl Petljuras geschehen ist? Angekl: ,Weil die Pogrome drei J^hre hindurch gedauert bähen. Er Heß sie stillschweigend zu. 1 ׳ Vors.: War Petljura der Anstifter der Pogrome, oder lieb er sie nur geschehen? Angekl: Das ist dasselbe! Vors.: Aber nach gewissen Auskünften soll Petljura für die Juden gewesen sein. Der Vorsitzende verliest einige Schriftstücke mit Befehlen Petljuras, weiche die Pogrome verbieten und Strafen für die Mörder ankündigen. Schwarzbart: ״Petljura liebte die Juden so sehr, daß er sie in den Himmel schickte. Die Armee Petljuras hat doch nicht zu etwas anderem als zum J uden m ord gedient. Die Geschichte von Petijura ist die Geschichte von Pontius Pilatus, der sich die Hände in Unschuld wäscht. Nach außen hin konnte man glauben, daß er die Massakers verurteilte, in Wirklichkeit hat er sie aber stets erlaubt.“ Der zweite Verhandlungstag war vorwiegend der Erörterung der Einzelheiten bei der Begehung des Mordes gewidmet. * Der Korrespondent des ,,Berliner Tageblatt“ gibt folgende Charakteristik der Sachlage: ״Wenn nicht die politische Leidenschaft das Urteil über den Juden Samuel Schwarzbart trübte, dann wäre dieser Sensationsprozeß in zwei Tagen zu Ende. Der Mörder gesteht seine Tat ein. Er ist nach diesem Geständnis glücklieh, einen Mann getötet zu haben, den er für den schlimmsten Verfolger seiner unglücklichen Glaubensgenossen hält. Es bleibt nichts zu untersuchen übrig. Der Angeklagte gibt über alle Beweggründe, über alle Einzelheiten seiner Tat bereitwillig Aufschluß, jeder, der ihn hört, muß davon überzeugt sein, daß dieser Mann die Wahrheit spricht. Der Präsident des Schwurgerichts, Florv, und der Vertreter der Familie Petljura erkennen die Offenheit Schwarzbarts an. Die Frage ist nur, ob dem Mörder mildernde Umstände zuzubilligen sind, wenn er nicht als ein Rächer unsagbarer Missetaten von den Geschworenen einen F r e i s p r ti c h zu erwarten hat. Nun aber greift in dieses klare Verfahren der H a ß ein. Schwarzhart ist Jude und er selbst erklärt es mit Stolz, Revolutionär. Die antisemitische Presse behauptet, daß die jüdischc Finanz Millionen dafür ausgibt, die Zeugen zu bestechen und die Zeitungen für Schwarzbart günstig zu stimmen. Die Reaktionäre des ״Echo de Paris“ und des ״Figaro“, die Millionen opfern, um den Kampf gegen den Kommunismus durch Maueranschläge und Zeitungsartikel zu organisieren, versuchen den Nachweis Zu führen, daß Schwarzhart im Aufträge der kommunistischen Partei gehandelt hat. Die erste Beschuldigung ist bereits widerlegt. Bleibt der Verdacht, daß Samuel Schwarzbart als ein Mann der Tscheka gehandelt hat. Für unbefangene Beobachter sieht schon jetzt das Bild dieses Schwarzbart ganz anders aus. Er ist ein Fa natiker des Judentums, der von der fixen Idee beherrscht wird, die Leiden seines Volkes in der Ukraine rächen zu müsse n. Seine Schilderung der Leiden seiner Stammesbrüder bewegt die Nichtjuden tiefer als seine Glaubensgenossen. Um diesen kleinen Mann, der sich ״Revolutionär‘ und ״Anarchist“ nennt, webt bereits die Legende. Die fanatische Hartnäckigkeit eines Halbgebildeten versucht mit angelesenen Worten aus .der Geschichte seine Ueberzeugung zu erhärten. Der kleine jüdische Uhrmacher spricht Von Titus, von Pontius Pilatus, von Spinoza. Als er auf die wiederholten Fragen antworten soll, ״wer ihn beauftragt habe“, wird er erst verwundert, dann ärgerlich: ״Wer soll mich geschickt haben? Niemand hat mich geschickt!“ Die Polizisten, die Schwarzbart nach der Tat verhaftet haben, und der Kommissar, der ihn vernommen hat, bestätigten die Erklärungen Schwarzbarts. Der Polizeiinspektor Qoret, der —Erkundigungen über Schvvarzbart eingezogen hat, ernter seinem Eid: ״Alle Auskünfte, die ich erhielt, waren fut. Schwarzbart besaß die Achtung aller Leute, die ihn annten. In den Akten der Polizei befindet sich keine Auslassung, die ihn irgendwie belastet.“ Der Vertreter Petljuras, Campinchi: ״Wissen Sie etwas darüber, ob Schwarzbart einer politischen Vereinigung angehört hat? Haie er Ver- Bindung mit notorischen Anarchisten?“ Göret: ״Auf beide Fragen kann ich nur antworten, daß mir nichts über politische Verbindungen Schwarzbarts bekannt geworden ist.“ Der Verteidiger Schwarzbarts, Torres: ״Ich kann ihre Neugier befried!- - Mein Klient ist Mitglied der Liga für Menschenrechte.“ BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Sonntag, den 6. November, vorm. II Uhr im BACH-SAAL, LBtsowstrafle 76 FESTAKT anliBlich dos ן 10. Jahrestages der Balfour-Deklaratlon I Frankreich und das Jndentnm (Randbemerkungen zum Schwarzbart-Prozeß.) Paris, 18. Oktober. Als vor zwei Jahren jener Armenier, der Talaat Pascha ermordet hatte, von den Berliner Geschworenen freigesprochen wurde, da wurde dieser Freispruch erst an zweiter Stelle als die Aeußerung der Geschworenen an den Mörder und Helden gewertet. Alles Persönliche war zurückgetreten. In dem Freisprach lag vor allem eine Erklärung des deutschen Volkes an das armenische, lag die Anerkenntnis der Ehrennotwehr von Volk zu Volk, das in Täter und Opfer symbolisiert war, lag ein nicht näher zu bezeichnendes Etwas, das das armenische Volk dauernd als ein Plus in seiner Volksgeschichte führen wird. Die Voraussetzungen im Fall Schwarzbart liegen gleich. Auch hier beruht das über alles Einzelschicksal und alles Persönliche weit hinausragende, vielfach ins Fieberhafte gesteigerte Interesse der ganzen Welt an dem Prozeß auf der Frage, ob das französische Volk durch den Freispruch jene Erklärung abgeben wird, die die Tat Schwarzbarts, als Handluitr der Ehrennotwehr anerkennt, ob es damit dem jüdischen Voll, nach dem Opfer hunderttausender gräßlich dahingeschlachteter Menschen eine gewisse Genugtuung bieten will und wird. Es wird hier — von unberechenbaren Zufällen abgesehen — Haltung und Gesinnung der französischen Bevölkerung gegenüber dem Judentum von ausschlaggebender Bedeutung sein. Die Frage nach dieser Haltung drängt sich daher m diesem Augenblick mit unabweislicher Dringlichkeit auf. Diese Haltung ist, wie jede Lebensäußerung wandelbar; sie muß deshalb für den besonderen Fall nach ihrem gegenwärtigen Stand untersucht werden. . . , ״ , .. Diese Haltung, soll sie in ihrer Bedeutung richtig erfaßt werden, darf nicht allein nach üirer Auswirkung auf Frankreich gewertet.werden. Ihr Einfluß ist unendlich weiter gezogen. Mandarf «nicht übersehen;. fiBS,,.Awsh.ratung §?r .in Paris.geprägten geistigen Orientierung Ist heffte noch vfej JwCMer zu erwarten als ehedem. In keiner zweiten Stadt der Welt erhält eine auch nur annähernd gleiche große Anzahl Intellektueller aus so weit abliegenden Gebieten der Erde die entscheidende Marke ihrer Geistigkeit eingeprägt wie hier, was hier Zehntausende von Studenten, Schriftstellern, Gelehrten, Künstlern und Politikern —• vorzüglich Menschen, die berufen sind, die öffentliche Meinung in ihrer Heimat zu bilden — jahraus, jahrein aufnehmen, wird in alle Länder der fünf Erdteile getragen und behält dort den Stempel der Höherwertigkeit, die ihn die Hprl-nnff a«« dem creistiffen Mittelpunkt der Welt verleiht. * Die gegenwärtige Stellung der französischen Bevölkerung gegenüber dem Judentum kann nur verstanden werden, wenn sie in ihrer Entwicklung beobachtet wird; nur dann wird ihre innere Verankerung, ihre tiefere Verwurzelung begriffen. Bald nach der Errichtung der dritten Republik wurde der Antisemitismus von den monarchistisch gesinnten Parteien in ihr politisches Programm aufgenommen. Er entsprach durchaus ihren geistigen Dispositionen. Die Auswirkung war groß; nicht allein deshalb, weil die monarchistisch Gesinnten an Zahl den Republikanern wenig nachstanden, noch vielmehr, weil — wie stets — der Opposition weit größere Vitalität tnnewohnte als den Regierungsparteien. Aber — dies ist zu. beachten — die Bekämpfung des Antisemitismus wurde auch in das Parteiprogramm der Republikaner aufgenommen. Antisemitismus Jjaft ihnen als Reaktionserscheinung gleich Monarchismus, Militarismus, Klerikalismus und nationalem Chauvinismus. In Schrift und Rede war für jeden Republikaner ״Antisemit“ ein gebrauchliches Schimpfwort, gleichbedeutend mit ״Reaktionär; es gehörte zum täglichen und selbstverständlichen Sprachgebrauch im Kampf gegen die Reaktion. Dann kam die Affäre Dreyfuß (seit 1894). Sie wurde unter .der unmittelbaren Einwirkung der Ereignisse als der Beweis für den Antisemitismus der weitaus überwlltigenden Mehrheit des französischen Volkes betrachtet. Diese Auffassung ist in jüdische Begriffsbildung und in jüdische Geschichtsschreibung übergegangen. Hier ist eine Richtigstellung erforderlich. Die Affäre Dreyfuß stellt sich heute, nachdem ein Ueberblick über die ganze Periode möglich ist, anders dar, als in der Zeit selbst. Sie ist für den ruckschauenden Beobachter der letzte und angestrengteste Angriff aller reaktionären Kreise gegen die republikanische Staatsform. Die Reaktionären versuchten, die Republikaner dort zu treffen, wo sie am empfindlichsten wären; dies war allerdings in der Verbindung mit dem Judentum. Aber gerade dieser Kampf erwies sich als Feuerprobe: die republikanischen .Parteien haben das Judentum nicht preisgegeben; sie haben mit ihm bis zum endgültigen Siege durchgehalten. Antisemitismus gehört« also zum Wesen und zum Parteiprogramm des einen Ted« der Bevölkerung, — gewiß, aber der andere Teil der Bevölkerung hat sich dem Antisemitismus gegenüber nicht gleichgültig und nicht passiv verhalten, sondern in seinen wichtigsten Exponenten lebhaft und entschieden gegen ihn Stellung genommen. Dies geschah in einem Ausmall und mit einer Intensität, wie wohl in keinem anderen Lande. Kaum einer der jetzt führenden Politiker, soweit seine Anfänge in jene Zeit zurückreichen, von , Briand Ws Poineard, hat damals nicht mit allem Nachdruck gegen den Antisemitismus angekämpft. — Dies muß erkannt werden. Mit dem Sieg und dem Vorherrschen des republikanischen Gedankens hat sich Lebhaftigkeit und Unmittelbarkeit der Ideen der Kampfjahre verloren. Ihr Inhalt aber ist bleibender Besitz republikanischer Gesinnung geworden. Dr. Artur Rosenberg. Dr. Weizmann in Palästina Dr. Weizmann traf am 4. Oktober in Haifa ein. Am 5. Oktober, dem Vorabend des Jom Kippur, besuchte er Nahalai und verbrachte den Jom Kippur in Haifa. Am 7. Oktober empfing er eine Abordnung der jüdischen Gemeinde Haifa und begab sich sodann im Auto nach Jerusalem, wo er den Sabbat verbrachte. Am 9. Oktober begab er sich nach Tel• Awiw, wo er der Stadtverwaltung und dem Arbeiterrat einen Besuch abstattete. Dort hatte er eine Aussprache mit den Vertretern der Arbeiterschaft, insbesondere über die Fr^ge der Arbeitslosigkeit und der Unterstützungen. Nachmittag veranstaltete die Stadtverwaltung einen Tee, bei dem u, a. Bialik eine Begrüßungsansprache hielt. Am Montag, den 10. d. M., hatte Dr. Weizmann eine lange Unterredung mit dem Oberkommissär Lord Plumer. Es verlautet, daß im Mittelpunkt des Gcspräches die Frage des Handelsvertrages mit Syrien stand, der bekanntlich von der gesamten Industrie- und Handelsweit Palästinas, der jüdischen wie der arabischen, als äußerst ungünstig betrachtet wird und der insbesondere die junge Industrie von Tel-Awlw, die zum Teil bereits große Abschlüsse mit syrischen Kunden hat, geradezu bedroht. Außer dieser Frage trug Dr. Weizmann auch die jüdischen Forderungen in bezug auf die jüdische Beteiligung im Sicherheitsdienst, die Regelung der Einwanderung und die Beschäftigung jüdischer Arbeitsloser in öffentlichen Arbeiten der Regierung vor. Dr. Weizmann besuchte dann die neuen jüdischen Siedlungspunkte in der Umgebung von Nahalai und begab sich zum Sukkoth-Fest nach Haifa. Am 12. Oktober besuchte er in Begleitung der Beamten der Pica die Siedlungen in Schornron, insbesondere die Entsumpfungsarbeiten der Pica in der Kabbara, am nächsten Tage fuhr er über Ejn Charod und Giwa nach Daganja, Rosch Pina und Safed. Freitag kehrte er über Akko nach Haifa zurück. Es war vorgesehen, daß Dr. Weizmann in den Anfangstagen dieser Woche eine Sitzung mit der neuen Palästina-Exekutive abhält. Aus den bisher vorliegenden Berichten geht hervor, daß Weizmann den verschiedenen Deputationen, die sich in Angelegenheiten der Palästina-Arbeit an ihn wandten, erklärt habe, er könne ohne Beratung mit der Palästina-Exekutive keine Zusicherungen machen. Einem Telegramm der J.T.A. zufolge hat Dr. Weizmann den zwischen der Exekutive und dem Tel-Awiwer Arbeiterrat wegen der Höhe der Unterstützungen ausgebrochenen Konflikt dadurch beigelegt, daß er dem Arbeiterrat versprach, aus einem Spezialfonds in der nächsten Zeit 300 Pfund wöchentlich zur Arbeitslosenunterstützung in Tel-Awiw beizutragen. Der Änglo-Hedschas-Vertrag Die meisten Zionisten dürften bereits vergessen haben, welche gewaltige Aufregung im zionistischen Lager vor drei bis vier Jahren geherrscht hat wegen der Verhandlungen über einen Vertrag zwischen England und dem Königreich Hedschas, wo damals der Haschtmitensultan Hussein regierte. In dem Vertrag war damals die Schaffung einer arabischen F ö d e r a י?t|«e*1 ׳varii6#en>un4.:de1,.Streit.ging ::um.die:Frage, ob mjtfr;•. Palästina dieser Föderation einverleibt werden soll. England war dazu bereit, insbesondere in wirtschaftlicher und zollpolitischer Hinsicht, Palästina einzugliedern, verlangte jedoch von Hussein die Anerkennung der Balfour-Deklar a t i 0 n. Dies war einer der Gründe, warum sich die Verhandlungen zerschlugen. Inzwischen ist Hussein in der Versenkung verschwunden. Er wurde von seinem Nachbarn, dem Sultan der Wahablten, I b n Saud, besiegt, ■und England, das sowohl mit Hussein als auch mit tbn Saud Verträge am der Kriegszeit hatte, gab Hussein preis. Die Wahabiten eroberten den Hedschas und beunruhigten wiederholt auch transjordanisches Gebiet. Hussein, mit dessen Namen man die Idee der Befreiung Arabiens und der Schaffung eines großen arabischen Reiches verbunden hatte, wurde nach Cypern verbannt Nunmehr ist ein neuer Anglo-Hedschas-Vertrag abgeschlossen worden, freilich unter ganz anderen Umständen. Die Kontrahenten sind auf der einen Seite England, für das der ehemalige Hauptsekretär der palästinensischen Regierung, Sir Gilbert Clayton, die Verhandlungen führte, auf der anderen Seite Ihn Saud, der Sultan von Nedschd, nunmehr auch König von Hedschas. England anerkennt die vollständige Unabhängigkeit der Gebiete Ibn Sauds. Von der Idee einer panarabischen Konföderation ist in dem Vertrage nicht mehr die Rede. Dennoch ist die Tatsache des Vertragsabschlusses, der am 17. September ratifiziert wurde, auch für Palästina von größter Bedeutung. Erstens werden die Grenzen zwischen Transjordanien und Hedschas festgesetzt, und zwar so, daß das Gebiet Von M a a n und A k a b a (ersteres ist eine wichtige Eisenbahnstation der Hedschasbahn, letzteres wichtiger Hafen am Roten Meer) zu Transjordanien fällt. Ibn Saud hat freilich diese Regelung nicht als endgültig anerkannt, aber erklärt, er werde den status quo respektieren. Zweitens ist durch den Vertrag eine weitere Gewähr für den Frieden im Nahen Osten und in der Umgebung Palästin a 8 geschaffen. Drittens besteht die Möglichkeit, nachdem nun das unabhängige Königreich Hedschas und Nedschd in den Völkerrechtlichen Verkehr eintritt, daß auch eine Mitgliedschaft im Völkerbund in Betracht gezogen wird. Dann wüide zum erstenmal ein arabischer Staat im Völkerbund vertreten sein, was natürlich für uns Zionisten von großem Interesse ist. Es ist daher eine Aufgabe der zionistischen Politik, die Vprgänge im Hedschas im Auge zu behalten, und mit der Regierung Ibn Sauds Beziehungen herzustellen in dem Sinne, daß der Gedanke einer jüdisch-arabischen Freundschaft und Kooperation im Nahen Osten den geistigen Führern des neuen Staates vertraut gemacht wird. Br. Rnppln ln Berlin Dr. Arthur Ruppin, der in den letzten vier Wochen Rußland bereist und die jüdische Kolonisation sowie die Wirtschaftslage des russischen Judentums überhaupt studiert hat, ist von Rußland nach Berlin zurückgekehrt und hat sich von hier am 20. d. M. nach Palästina begeben. Der Präsident des zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Dr. Ooldhammer, hat infolge Beilegung der entstandenen lokalen Differenzen seine Demission zurückgenommen.

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