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Jüdische Rundschau · 1927-10-21 · Heft 83-84 (21.10.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 83-84 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ו Einzelnummer 0,35 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU * Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekeatraBe 10. Eracheint jeden Dicnatag und Freitag, Bezugepreia bei der Expedition monatlich 1,85 Goldniark, ▼ierteljährlich 5,25 Goldmark. Anzeigen - Verwaltung Jüdiacha RnndschattG.m.b.IL, Berlin W15, Meinekeatr.10 Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 592 Für 0<Mterr«icb: P»«Uparka*«en*n»t Wien, Konto Nr. 156 030, Für Tiebocbotlowakei 1 Postsparkasieaamt Prag, Konto Nr. 59 410. Fär Polen: PotUparkasienamt Warachau, Konto Nr. 190 70S. Atntandaabofinetneot• werden in der Wihreng der •iazelaea Usdtr beteebnet, Nummer 83/84 I Berlin, 21. X. 1927 mMmmmmmmmmmmmmmJLm—mmmmmmmmmmmmmmmmmm Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Redaktio na Schluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Aas*ig«1]>r«is: 8 t««p*ltNonp»reitle1ril• 0,50 G.-M. St«D«a <•««&• 0,25 G.-M. AaxetgmaehlaB! Oienattü und Fr «i t tg nathnltlaf 4 Uhr. תיס״ח כ״ה חשדי XXXII. Jahrs־. Der Zionismus erstrebt für Das )(IdUclie Volk «11• SebeWung einer ttHentlKli - re«bülch gesicherten Heimstätte Iw Palästina. ״Baseler Programm.» Unsere Volkstragödie Der Schwarzbari *Prozeß — Die ukrainischen Pogrome vor dem europäischen Tribunal Berlin, 20. Oktober. Eine der furchtbarsten Tragödien der Geschichte wird in diesen Tagen vor einem europäischen Tribunal aufgerollt. Die von dem Schlachten und den Untaten des Krieges zermürbte und abgestumpfte Welt hat auf die entsetzlichen Pogrome der Jahre 1919 und 1920 kaum mehr als mit einer Geste des Bedauerns reagiert. Man hat sie als ein Elementarereignis hingenommen und schnell vergessen. Vor dem Pariser Gericht, vor dem sich Samuel Schwarzbart wegen der Ermordung Petljuras zu verantworten hat, werden alle Einzelheiten dieser Ereignisse wieder in die Erinnerung gerufen werden. Tat- Sachen und Schilderungen, bei denen das Blut vor Entsetzen stockt und die man nur dadurch ertragen kann, daß man sich ihrer Wirklichkeit nicht bewußt wird. Sie muten an wie teuflisch erdichtete Sagen oder böse Träume. Und doch war es buchstäbliche Wirklichkeit. Menschen, die es erlebt haben, sind zusammengebrochen, die Wälder der Ukraine waren erfüllt von Wahnsinnigen. Man kann verstehen, daß Menschen von solchen Bildern ewig verfolgt werden, daß sie sich zu Verzweiflungstaten liinreißen lassen, wenn sie sehen, wie die Welt über all dies zur Tagesordnung übergeht Eine solche Verzweiflutigstat war die Mordtat Schtvarzbarts, die wie ein Fanal die beruhigte Oeffentlichkeit zum Bewußtsein erweckte, daß solche Verbrechen wie die Metzeleien in der Ukraine nicht verjähren können, am allerwenigsten, in wenigen Jahren. Die Juden sind ein wehrloses Volk. In stabilen Zeiten läßt man sie halbwegs leben; gerät die Welt in Aufruhr, dann sind die Juden das Opfer. Welcher Grad jahrhundertelanger Verhetzung, welcher tiefe Maß, welche Ratlosigkeit gegenüber diesem anders gearteten Volke, offenbart sich in diesen Taten! Was ist es, daß diese Menschen veranlaßt, zu Bestien zu werden? Es sind doch wahrscheinlich in ihrer Mehrzahl gutmütige Bauern, Kosaken, deren elegische Gesänge man in den europäischen Konzertsälen bejubelt. Wieso öffnen sich plötzlich diese Abgründe? Die tiefem Ursachen, so wissen wir, sind in der Lage des jüdischen Volkes gegeben, das seit Jahrhunderten kein normales organisiertes Leben führt und den Völkern als etwas Gespenstisches, Rätselhaftes erscheint, dem gegenüber Brudergefühle und Menschlichkeit versagen und därno* irische Triebe Uebermacht bekommen. Die Tragödie unseres Volkes ist der Gegenstand des Pariser Prozesses. Nicht wie in andern Sensations- Prozessen sind diesmal die Juden angeklagt, sondern die Juden stehen da als Kläger, ln den bekannten Ritualmordprozessen Hilsner, Tisza Eszlar, Beilis usw. beschuldigte man die Juden eines Verbrechens, die jüdische Gemeinschaft verbrecherischer Gebräuche. Diesmal sind cs die Juden, die ihr ״J’accuse!“ in die Welt rufen. Schwarzbarts Tat ist die Tat eines Einzelnen, die für das Interesse der Oeffentlichkeit bei diesem Prozeß in den Hintergrund tritt. Die Taten der Petljura-Banden aber sind Teile eines Systems, sind Symptome einer ungesühnten Schuld gegenüber einem ganzen Volke. Nicht Pctljura allein war der Protektor der Pogrome, auch andere Generäle, Banditen und Bandenführer haben an diesen Veranstaltungen mitgewirkt; und sie leben heute in allen Ehren in verschiedenen zivilisierten Ländern Europas. Die Gerechtigkeit erfordert die Feststellung, daß Sowjetrußland das einzige Land ist, in denen blutbefleckte Pogromhelden diffamiert sind. Wird der Pariser Prozeß die Oeffentlichkeit aufrütteln? Oder wird man die Prozeßberichte so lesen, wie man bei einem grausigen Filmdrama sitzt, sich nachher abschüttelnd und alles beim alten lassend? Zehntausende von Menschen, unsere jüdischen Brüder und Schwestern, wurden hingemordet und in der grausamsten Weise gequält und entehrt, tausende von Waisenkindern gibt es heute In der Welt, die anklagen. Das europäische Gewissen muß auf diese Anklage antworten, ln der Stadt, die das Zentrum (Jur europäischen Kultur ist, in der Stadt Emile Zolas, dessen fünfundzwanzigjährigen Todestag auch die jüdische Welt vor kurzem in ehrendem Gedenken beging, wird Europa sich nunmehr zu den am jüdischen Volke verübten Ver. brechen äußern müssen. Ist es mehr als bloßes Mitleid, was der Leser dieser Prozeßberichte empfindet? Versteht er die furchtbare Volkstragödie um die es hier geht, versteht er, daß Menschen, die solches erlebt haben, aus der Fassung geraten, ruhelos durch die Welt irren müssen, wahnsinnig werden können und Wahnsinnstaten begehen? Versteht er, daß ein Volk dies nicht vergessen kann? Wir können es nicht vergessen. Wir wollen nicht ״Rache“. Aber in unserem täglichen Leben haben wir uns dafür einzusetzen, daß das Schicksal des jüdischen Volkes ein anderes werde. Die Pogrome vor Gericht Von Moses Waldmann. Paris, 18. Oktober 1927. Nach den Paragraphen des Code Penal und laut der Anklageschritt des Oberprokurators Raynard sowie nach der Sitz- Ordnung, die den Vertretern der Privatbeteiligten Plätze neben dem Staatsanwalt eingeräumt hat, ist in diesem Prozeß der Uhrmacher Samuel Schwarzbart der Angeklagte und Henri Torr es sowie die vielen von diesem beratenen Zeugen Verteidiger des angeklagten Mörders. Befindet man sich aber im Verhandlungsraum des Palais de Justice und betrachtet man die Gesichter der bei diesem Gerichtsdrama Mitwirkenden, so ist man keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß jedermann im Gericlrtssaat die Empfindung hat, die Rollen seien durch eine merkwürdige Verkettung der Geschehnisse vertauscht. Denn weder Schwarzbart noch seine Verteidiger und schon gar nicht die vielen Zeugen, die über die Schreckenszeit in der Ukraine aussagen sollen, sehen schuldbeladen aus. In Wirklichkeit sind in diesem Prozeß der Angeklagte und seine Helfer die Ankläger und die Beschuldigten diejenigen, die, wenn auch nicht sich selbst persönlich, so doch große Teile des ukrainischen Volkes von furchtbarer Blutschuld zu reinigen sich bemühen. * Von beiden Seiten sind zusammen 184 Zeugen aufgeboten. Man muß den Privatbeteiligten das Zeugnis ausstellen, daß sie die besten und anständigsten Vertreter ihrer Unabhängigkeitsbewegimg nach Paris zitiert haben. Aber gerade diese wirklich anständigen Elemente sind leider nicht die ausschlaggebenden in den Pogromjahren 1918 bis 1921 gewesen und ferner ist es keinem Men sehe n eingefallen, die ukrainisehe Freiheitsbewegung als solche für die Scheußlichkeiten, die von ihren angeblichen Anhängern und Vertretern unter dem falschen Namen von Volksbefreiern verübt wurden, verantwortlich zu machen. Es ist wahrlich für uns Juden kein Vergnügen und es bereitet uns keine Befriedigung durch die Aufrollung der schrecklichen Geschehnisse der Ehre und dem Ansehen eines großen Volkes Abbruch zu tun, aber schließlich sind wir dazu gezwungen: erstens schreit das־Blut der Zehntausende, die in der Ukraine den Märtyrertod starben, zum Himmel und zweitens soll dieser Prozeß eine Art Prophylaxe sein. Nachgerade war es ja zu dem mit geringstem Risiko verbundenen Geschäfte geworden, Pogrome zu verüben. Der Prozeß in Paris soll nicht nur Genugtuung sein, sondern auch Memento für viele, allzu viele, die in der ganzen Welt noch heute und stets bereit sind, Massenmorde an Juden zu organisieren. Schließlich soll dieser Prozeß eine Reinigung der verpesteten Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern inaugurieren. Diese Hoffnung ist nicht absurd, denn zum ersten Male kommt es vor, daß nicht die Juden in ihrer Gesamtheit in einem Angeklagten angegriffen werden, wiewohl dieser Angeklagte auf der Schuldbank sitzt, und zum ersten Male wird von bei solchen Judenprozessen beteiligten nichtjüdischen Seiten nicht einmal der leiseste Versuch gemacht, die Pogrome zu leugnen und sie durch das Verhalten der Juden zu erklären. Die Ukrainer haben in der Voruntersuchung sich von der sonst üblichen Methode ferngehalten, die Pogrome als Folge jüdischer Verfehlungen zu bezeichnen; sie haben lediglich versucht, soweit die ukrainische Nationalbewegung in Frage kommt, diese von der Schuld reinzuwaschen. Auch das ist ein Fortschritt: stillschweigend liegt darin eine Verurteilung der Pogrome und das Zugeständnis der völligen jüdischen Schuldlosigkeit. * Man hat lange Zeit gefürchtet, daß der französische Gerichtshof jeden Versuch, die politische Seite der Affäre anzuschneiden, im Keime ersticken und sich lediglich auf die Behandlung des nackten Straffalles beschränken wird. Es sind in der letzten Zeit zu viele Attentate in Paris verübt und zu viele fremde Rechnungen auf den ״heiligen“ Boulevards ausgetragen worden. Schließlich: was ist den Franzosen die Ukraine? Was sind ihnen die ukrainischen Juden? Exoten, für die man noch weniger Interesse als für Bantuneger aufbringt, die phantastisch ausschen und wilde Tänze auszuführen wissen. Wer ist Pctljura? ln den Augen des braven Pariser Citoyen ein Opercttengeneral. Was ist Schwarzbart? Ein exaltierter Ostjude... Trotzdem aber nimmt sich die französische öffentliehe Meinung die Mühe, die ganze Affäre mit dem lebhaftesten Interesse zu umgeben. Woher kam das? Man verstand es erstens, die Franzosen davon zu überzeugen, daß es ihres Amtes ist, in dieser Angelegenheit das Schiedsrichteramt zu übernehmen; zweitens aber erwies der Staatsanwalt der Sache einen ungewollten Dienst. Er machte nämlich, und das ist ja schließlieh sein Amt, den Versuch, Schwarzbart besonders anzuschwärzen, indem er Pctljura in der Anklageschrift mehr als selbst für seinen Zweck nötig war als absolute anitna candida zeichnete. Dadurch gab er der Verteidigung die Handhabe, fernliegende Angelegenheiten aufs Tapet zu bringen. * Der erste Tag brachteywenig Sensationelles. Höchstens, daß man aus Schwarzbarts Vergangenheit einige Verfehlungen ausgrub. Als junger Bursche war er, ein Schüler der Wiener Anarchisten, die Eigentum als Diebstahl bezeichnen, in einer Eigentumsaffäre, gelinde ausgedrückt, verwickelt. Weder Gerieht noch Pariser Presse haben die ״Enthüllung“ wichtig genommeft, dehn schon vorher war diese Jugendsünde bekannt. Weit stärkeren Eindruck machte die Mitteilung, daß man nach Schwarzbarts Festnahme bei ihm Stirners ״Der Einzige und sein Eigentum“ fand. Schwarzbaris Verhör gestaltete sich zu einer furchtbaren Anklage gegen die judenhasserische Reaktion in Osteuropa, einerlei, ob sie russisch oder ukrainisch oder andersnational ist. Als er erklärte, in ihm wäre die Ueberlegung, an einem Verantwortlichen Vergeltung zu üben, zum Entschluß gereift, als er von einem ehemaligen rassischen Offizier hörte, dieser hätte sich gerühmt, 29 Jüdinnen vergewaltigt und 15 Juden erschlagen zu haben, da ging eine große Bewegung durch den Verhandlungssaal. Unter den Zeugen werden auch Pogromopfer zu Worte kommen. Ein Mädchen, das bei einem Pogrom die Eltern und Geschwister und einen Arm verloren hat und nun als Krüppel unauslöschlich die Erinnerung an die furchtbare Zeit bewahrt, und ein alter, seit den Pogromen unheilbar kranker Mann, dem man vor Augen d.*11 einzigen Sohn getötet hat. Dieser Vater will bekunden, daß er selbst die Absicht gehabt habe, Pctljura zu erschießen, daß er tatsächlich einmal bereits alle Anstalten getroffen hatte, Petljura in Warschau zu töten und daß er seinen Plan nur darum nicht durchführen konnte, weil Petljura plötzlich nach Paris ahgereist ist. In Paris aber sei ihm Schwarzbart zuvorgekoinmen ... ... Der Prozeß wird an die Nerven der Geschworenen und der Richter schwere Anforderungen stellen ... Die Verhandlung Unter ungeheurem Andrang begann am 18. d. M. die Hauptverhandlung gegen S c h w a r z b a r t. Die Verteidigung des Angeklagten führt der bekannte Rechtsanwalt Tor res. Die Familie Petljuras nimmt als Privatbeteiligte an dem Prozeß teil. Ihre Vertreter bemühen sich, die Unschuld Petljuras an den Pogromen nachzuweisen. Schwarzbarts Geschichte ist unseren Lesern bekannt. Er ist 38 Jahre alt, geboren in der Ukraine, kam vor dem Kriege nach Frankreich und gründete sich in Paris eine bescheidene Existenz als Uhrmacher. Als der Krieg ausbrach, wurde er Soldat, In der Schlacht bei Carancv schwer verwundet, erhielt er im Lazarett das Kriegskreuz für Mut und Tapferkeit. Im Jahre 1917, zur Zeit Kerenskis, wurde Schwarzbart mit der französischen Militärmission nach Odessa geschickt. Er traf einige Verwandte aus der Ukraine und erfuhr von ihnen, wie die ״nationale Regierung“ der Ukraine gegen die jüdische Bevölkerung gewütet hatte. Seit dieser Zeit hatte der Uhrmacher Schwarzbart die fixe Idee, daß er an dem Hetman Petljura Rache nehmen müsse. Er kehrte nach Frankreich zurück und läßt sich naturalisieren. Bei einer kurzen Anwesenheit in Berlin erfährt er, daß Petljura sich in Paris befindet. Er verschafft sich ein Bild von Petljura und spürt ihm in Paris nach. Er sieht ihn einige Male aut der Straße und hat den geladenen Revolver in der Tasche. Aber er schießt nicht — denn Petljura ist von seiner Frau und seinem Töchterchen begleitet. Was hatte ich mit den Frauen zu tun?“ fragt Schwarzbart, als er vor dem Untersuchungsrichter steht. ״Ich wollte sie nicht erschrecken.“ Endlich am 26. Mai 1926 sieht Schwarzbart den Hetman, wie er allein in ein Restaurant der Rue Racine tritt. Schwarzbart läuft zum nächsten Postbüro, schickt einen Rolirpostbrief an seine Frau, in welchem er mitteilt, daß er im Begriff sei, eine schwere Tat auszuführen, und stellt sich in einer Arbeitsbluse vor dem Restaurant auf. Nach einer Stunde

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