Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 580 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81/82, 14. X, 1927 arbcitcr einen Lichtpunkt, das sind die ״Pioniere“ (Pioniere werden in Rußland Kinder der jüngsten Schulklassen genannt, die schon in kommunistische Organisationen eingereiht werden). ״Durch die Pioniere wird nämlich“, sagt er, ״das Elternhaus ganz umgewandelt. Der Pionier ־will nicht mehr vom alten mittelalterlichen ״Rebbe“ unterrichtet werden, er spricht keine Gebete, er erfüllt keine religiösen Gebräuche, statt der ״Broches“ und ״Krias-Schemah“ singt er revolutionäre Lieder; statt der religiösen Feste feiert er revolutionäre Feiertage, beteiligt sich an der antireligiösen Propaganda.“ * So sind die religiös-kulturellen und materiellen Folgen des Sowietsystems für die Massen in der jüdischen Bevölkerung Rußlands geworden, selbst nach den Schilderungen der Anbänger dieses Regimes. Die alten .Juden in Rußland trösten sich damit, daß in Amerika ein neues jüdisches Zentrum entsteht. In dem von uns zitierten Buch wird folgender Ausspruch des in Rußland sehr bekannten Rabbi Sch ne j er so hn angeführt: ״Ein junger Mann hat an mich die Frage gerichtet, was nun wohl der Herrgott tun würde, da er doch fast alle Juden eingebüßt hat? Ich habe ihm geantwortet, daß das Grundkapital Gottes, die 60000 Juden, die er aus Aegypten befreit hat, intakt geblieben sei und er sie in den verschiedenen Erdteilen finden werde. Sie wissen doch, daß die jüdische Religion jetzt ein neues Asyl in Amerika gefunden hat. In Amerika blüht das Studium der heiligen Thora, die Rabbiner genießen dort ein außergewöhnliches Ansehen. Das Zentrum des Judentums verschob sich aus Europa nach Amerika, der Funke Gottes ist noch nicht erloschen.“ Die Zukunft wird zeigen, ob sich diese Voraussage bewahrheften wird, ob das amerikanische Judentum die Stelle innerhalb des ganzen Judentums einnehmen wird, die früher das russische besaß. Zweifellos erscheint es aber wohl, daß die russischen Juden zu einer rettungslosen kulturellen und materiellen Degradation verurteilt sind, solange die geschilderten Verhältnisse in Rußland andauem. Jüdische Zeitungen An der im Jahre 1928 in Köln geplanten internationalen Presseausstellung ״Press a“ wird sich die jüdische Presse wahrscheinlich in einem besonderen jüdischen Pavillon beteiligen. Es dürfte also von Interesse sein, nachstehende Angaben über das Jüdische Pressewesen kennenzulernen. M. Probst in Jerusalem, der als Erster Statistiken über jüdisches Pressewesen veröffentlicht hat, äußert sich über Zahl und Bedeutung der jüdischen Presse in Vergangenheit und Gegenwart dahin, daß die mit 4000 angegebene Zahl der bisher erschienenen jüdisehen Zeitungen überholt ist. Diese Angaben stützen sich auf Zahlen, die 1920 Vorlagen; seitdem sind sieben Jahre verflossen, während welcher Zeit die Gesamtzahl der jüdischen Zeitungen auf ungefähr 5000 angewachsen sein dürfte. Es wird ferner erwähnt, daß die Zahl der Sprachen, in denen jüdische Zeitungen erschienen sind, 30 beträgt; auch diese Angabe, meint Herr Probst, hatte nur bis 1920 Geltung; zurzeit dürfte die Gesamtzahl der Sprachen auf ungefähr 35 gestiegen sein. Nach den von Probst angestelften Erhebungen erschienen in den Jahren 1667 bis 1920 in allen Ländern und Sprachen die folgenden jüdischen Zeitungen: Oesterreich: 139 (30 hebräisch, 18 jiddisch, 8 spaniolisch, 82 deutsch, 1 polnisch); Australien: 11 (englisch); Ukraine: 179 (21 hebr., 98 jidd., 60 russisch); Uruguay: 2 (jidd.); Italien: 18 (1 hebr., 16 italienisch, 1 arabisch); Algier: 13 (1 hebr., 5 arab., 7 französ.); Elsaß-Lothringen; (1 jidd-, 11 deutsch, 8 französ.); Nordamerika: 871 (58 hebr., 323 jidd■, 3 spaniolisch, 457 engl., 28 deutsch, 1 poln., 1 rumänisch); England: 125 (11 hebr., 62 jidd., 41 engl., 1 russ.); Südafrika: 11 (6 jidd., 5 engl.); Argentinien: 26 (22 jidd., 3 spaniol., 1 französ.): Palästina: 103 (78 hebr., 14 jidd., 5 spaniol., 4 engl, 1 deutsch, 1 arab.); Böhmen: 32 (2 jidd., 23 deutsch, 6 tschechisch, 1 russ.); Buchara: 1 (bucharisch); Bulgarien: 29 (1 hebräisch, 13 spaniol., 12 bulgar., 3 französ.); Bosnien: 2 (1 spaniol., 1 serbisch); Bukowina: 16 (2 hebr., 10 jidd., 4 deutsch); Belgien: 7 (3 jidd., 1 deutsch, 3 französ.); Beßarabien: 4(1 hebr., 1 jidd., 2 russ.); Gibraltar; 2 (1 spaniol., 1 engl.); Galizien: 252 (85 hebr., 116 jidd., 15 deutsch, 35 poin., I französ.); Grusinien: 1 (grusinisch); Deutschland: 316 (43 hebr., 23 jidd., 249 deutsch, 1 russ.); Dänemark: 11 (6 jidd., 1 deutsch, 4 dänisch); Indien: 16 (2 hebr., 1 spaniol., 6 engl., 5 indische Sprachdialekte, 4 arab.); Holland: 63 (6 hebr., 4 jidd., 1 spaniol., 4 deutsch, 46 holländ., 2 französ.); Ungarn: 125 (14 hebr., 15 jidd., 2 spaniol., 48 deutsch, 44 ungarisch, 2 rumän.); Wolhynien: 9 (1 hebr., 6 jidd., 2 russ.); Siebenbürgen: 1 (jidd.); Tunis: 22 (1 hebr., 4 spaniol., 13 arab., 4 französ.); Türkei: 52 (5 hebr., 34 spaniol., 7 türkisch, 6 französ.); Turkestan: 2 (russ.); Triest: 2 (ital); Tripolis: 1 (ital.); Transsylvanien: 4 (ungarisch); Chile: 2 (spanisch); Griechenland: 10 (5 ital., 5 griechisch); Japan: 1 (russ.); Lettland: 11 (1 hebr., 9 jidd., 1 russ.); Litauen: 129 (11 hebr., 110 jidd., 8 russ.).; Mähren: 6 (deutsch); Ferner Osten: 1 (russ.); Memel: 1 (hebr.); Alandschurei: 4 (russ.); Mesopotamien: 2(1 hebr., 1 arab.); Aegypten: 18 (4 hebr., 1 jidd., 1 spaniol, 5 arab., 7 französ.); Mexiko: 1 (portugiesisch); Marokko: 5 (französ.); Nörwegen: 1 (norweg.); Sibirien: 28 (1 hebr., 2 jidd., 8 deutsch, 2 Ungar., 15 russ.); Oberschlesien: 4 (deutsch); Abessinien: 2 (1 engl, 1 russ.); Saloniki: 32 (1 hebr., 21 spaniol, 1 bulgar., 1 türk., 1 griech., 7 französ.); Serbien: 3 (2 spaniol, 1 serb.); Posen; 4 (deutsch); Polen: 232 (42 hebr., 172 jidd., 1 deutsch, 17 poln.): Persien: 2 (persisch); Finnland: 4 (2 finnisch, 2 schwedisch); Frankreich: 63 (3 hebr., 9 jidd., 2 spaniol., 1 engl, 46 französ., 2 russ); Kaukasien: 7 (1 hebr., 2 jidd., 4 russ.); Kanada: 17 (9 jidd., 8 engl); Kroatien; 5 (2 deutsch, 2 serb., 1 kroatisch); Krim: 3 (russisch); Rumänien: 76 (11 hebr., 30 jidd., 1 spaniol, 2 deutsch, 2 französ., 30 rumän.); Rußland: 175 (21 hebr., 60 jidd., 1 deutsch, 93 russ.); Weiß rußland: 60 (1 hebr., 49 jidd., 3 russ., 1 weißruss.); Schweiz: 31 (5 hebr., 5 jidd., 13 deutsch, 3 französ., 5 russ.); Schweden: 2 (jidd.); Schottland: 1 (jjidd.); Länder unbestimmt: 9 hebr., 5 jidd., 2 spaniol., 5 Italien., 4 engl., 5 deutsch, 2 holländ., 3 französ., 2 rumän., 3 russ. Nach Sprachen geordnet erschienen bis 1920 insgesamt: hebr. 474, jidd. 1199, spaniol. 105, ital. 129, engl. 549, bucharisch 1, bulgar. 13, grusinisch 1, deutsch 513, dänisch 4, holländ. •13, Ungar. 50, türk. 8, griech. 6, indische Dialekte 5, norweg. 1, spanisch 3, serb. 4, arab. 30, poln. 54, portugiesisch 1, persisch 2, finnisch 2, tschechisch 6, französ. 107, kroatisch 1, rumän. 35, russ. 205, weißruss. 1, schwedisch 2 — insgesamt 3477 testgestellte Zeitungen. Hierzu kommen einige hundert statistisch noch nicht erfaßte Zeitungen. Menorah, Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Wien I. Das soeben erschienene Oktoberheft der Menorah enthält eine Arbeit des Kunsthistorikers Dr. Max Golde über die synagogale Kunst im Mittelalter. Eine Reihe von Kunstbeilagen mit Abbildungen aus altertümlichen Bibelhandschritten ergänzen die Arbeit. Aus dem übrigen Inhalt der Nummer sei noch hervorgehoben: Dr. Jacobson: Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände auf der Ausstellung ״Das junge Deutschland“. A. M. Fuchs: Auf dem Hügel, Ein tapferes Buch (C. A. Loosli ״Die schlimmen Juden“, Bern, Pestalozzi-Fellenburg-Haus.) Von Sch. Gorelik. Ein glühender Schweizer Patriot sieht, wie der Antisemitismus sich anschickt, auch in seinem Vateriande viele Seelen zu vergiften, er wird zu seinem großen Schmerze gewahr, daß Werke, wie: ״Der internationale Jude“ von Henry Ford und die berüchtigten ״Protokolle der weisen von Zion“ eine beträchtliche Verbreitung unter den wackera Eidgenossen fanden, und eine ernste Sorge ergreift ihn. Dieser Schweizer muß aber wirklich von einer tiefen Liebe zu seinem Volke erfüllt sein, denn obwohl weder Völkerpsychologie und noch weniger Judentum jemals das Gebiet seiner literarischen Arbeiten war, widmete er sich doch diesem Thema. Hieß es doch für ihn jetzt sich zur Wehr zu setzen und sein Volk vor Schaden zu bewahren. Loosli, der in Bümpliz das stille, bescheidene Leben eines Landmannes führt, veröffentlichte verschiedene Schriften, darunter auch eine vierbändige Hodler-Monographie. Aus der Art vieler seiner kleinen Publikationen erkennt man in ihm den leidenschaftlichen Verfechter jener wenigen Errungenschaften des Fortschritts und der Kultur, die die europäische Menschheit zwar immer stolz auf ihrem Schilde trägt, in Wirklichkeit aber stets bemüht ist, sie zu verleugnen. Dennoch hätte Loosli, wie er selbst zugibt, niemals daran gedacht, ein Judenbuch zu schreiben. Wenn er es trotzdem tat, so ist das jenem bedauerliehen Umstand zuzuschreiben, daß in dem kleinen freien Lande des göttlichen Alpenglühens, der bezaubernden Berge und Täler Tausende von Lesern Gefallen fanden an antisemitischen Hetzschritten niedrigster Sorte. ״Schöne Natur schafft schöne Seelen“, bemerkte einmal ein Optimist. Wäre das immer riehtig, so dürfte dem Schweizer Patriot vor dem Antisemitismus in seinem Vateriande niemals bange sein. Aber schon Carl Spittler machte seine Volksgenossen darauf aufmerksam, daß sie an all den unvergleichlichen Naturschönheiten eigentlich herzlich wenig Anteil naben, daß diese gewaltigen Berge ohne ihr Zutun dastehen, und hätten sie sie schaffen müssen, die Berge wären dann wahrscheinlich nicht so gewaltig . . . Eingedenk dieser einschränkenden Worte Spittlers braucht man deswegen auf dem schönen Weg zwischen Clärens und Vevey nicht immer an die edlen Gestalten aus den Romanen von Rousseau zu denken. Man beschäftigt sich zuweilen auch mit weniger Edlem, und so kommt es oft, daß mein guter Wirt gerade während des herrlichsten Sonnenuntergangs sein Chalet verläßt, nicht um an dem Farbenspiel der Natur sich zu erfreuen, vielmehr eilt er die steinernen Treppen hinunter, um sich in dem benachbarten Dorfe zu betrinken . . . Und so geschieht es, daß in ihren gemütlichen Stuben manche Appenzeller, Solothurner, Spiezer Bürger nicht nur den ״Grünen Heinrich“ und die ״Leute von Selawyla“, sondern auch die ״Protokolle der Weisen von Zion“ lesen und sich an diesem Gift gern berauschen. Der brave, tapfere Loosli aber, der die Gerechtigkeit, den Fortschritt und vor allem sein wunderbares Vaterland liebt, fühlt die Pflicht in sich, dagegen anzukämpfen. Er schreibt ein umfangreiches Werk, nicht so für die ganze Welt, wie für die Eidgenossenschaft, wie für Bümpliz. Und weil dies Buch für die Bümplizer Bürger geschrieben worden ist, gewinnt es so an Anmut, wirkt es so unmittelbar auf den Leser. Es ist ein Buch, das gar keine rassenpsychologische oder literarische Ambitionen hat. Es ist aus einer Seelennot entstanden und will nur wirken. Punkt für Punkt versucht Loosli die Behauptungen Fords zu entkräften und die Verleumdungen der ״Protokolle der Weisen von Zion“ zu widerlegen. Einem jüdischen Leser widerstrebt es bisweilen, den ernsten, sachlichen Bemühungen, die hier aufgewendet werden, ׳ um solch böswilligem Machwerk entgegenzutreten, zu folgen. Aber die Tatsache, daß Tausende' und aber Tausende ihre gläubigen, kritiklosen, naiven Ohren hinneigen, um den giftigen Klatsch zu vernehmen, berecht!gt eine so sachliche, ausführliche Auseinandersetzung. Loosli richtet sogar an die Staatskanzlei des Kantons Basel- Stadt die Frage, ״ob ihre Regierung seinerzeit zu den Kongreßverhandlungen eingeladen worden sei und ob daselbst Ver- Handlungen stattgefunden hätten, die auf die Errichtung der israelitischen Weltherrschaft im Sinne der Protokolle Bezug hatten“. Denn vor seinen Bümplizer Eidgenossen will er nicht nur mit den Argumenten der höheren Humanität, der Gerechtigkeit, mit denen des edlen Gefühls auftreten, sondern will nücnfern sachlich sein. Dem Leser, für den Loosli sein Buch geschrn^n hat, ist hier Gelegenheit geboten, mit dem Juden- Problem bekannt zu werden, er wird über vieles!Garheit gewinnen, auch darüber, wie es in Wirklichkeit mit der jüdisehen Herrschaft über die Welt bestellt ist. Nachdem Loosli diese, wie auch alle anderen Legenden zerstreut hat, spricht er davon, wie diese Welt von Nichtjuden gestaltet aussieht, er enthüllt das wahre Antlitz dieser unserer Welt und tut es dann nicht mehr nur in sachlichen, sondern in höchst leidenschaftliehen Worten. Loosli erwähnt wiederholt seine Sympathien und die hohe Wertschätzung, die er für das jüdische Volk empfindet, das hindert ihn nicht, manchmal uns Tugenden zuzuschreiben, die wir nicht geneigt sind, als solche anzuerkennen. Der jüdischen nationalen Bewegung bringt er kein besonderes Verständnis entgegen, aber die dem jüdischen Volk zugefügten Ungerechtigkeiten empfindet er stark, und diesen seinen Gefühlen gibt er beredten Ausdruck. Nicht die Liebe zu den Juden aber war es, die ihn zwang, die Feder zu ergreifen und ein Buch zu schreiben, sondern die Sorge, daß auch sein Vaterland von der antisemitischen Plage heimgesucht werden könne, und Antisemitismus bedeutet für Loosli Rückfall in den Zustand der Barbarei. ״Je üppiger der Antisemitismus irgendwo wuchert, je mehr sind daselbst die Menschen überhaupt Untertanen; je geringer sein Einfluß ist, je mehr sind die Menschen Bürger“, bemerkt mit Recht Loosli. Den Antisemitismus zu bekämpfen, bedeutet für ihn somit, die Errungenschaften der Demokratie, der Freiheit zu verteidigen. Ein tapferes Buch, mit Ernst und ehrlicher Begeisterung geschrieben, geschrieben ohne Ehrgeiz und allzu große Hoffnung, auf die Welt zu wirken, sondern mit dem heißen Bestreben, wenigstens Bümpliz vor einem geistigen und moralisehen Schaden zu behüten. Im polnischen Unterrichtsministerium wurde in diesen Tagen eine Beratung der ministeriellen Referenten mit jüdisehen Vertretern über die Sicherung des jüdischen Religions- Unterrichts an polnischen Mittelschulen abgehalten. Es wurde beschlossen, in Warschau und in Lemberg je eine Kommission einzusetzen, die aus Universitätsprofessoren und jüdisehen Gelehrten bestehen und die Prüfung und Qualifizierung von Kandidaten für das religiöse Lehrfach vornehmen soll. In Zukunft wird für den Nachwuchs von Religionslehrern in der Weise gesorgt werden, daß an den philosophischen Fakultäten der Universitäten Lehrstellen für judaistisehe Wissenschaften eingerichtet werden. In kurzer Zeit wird Unterrichtsministcr Dobrucki gemeinsam mit Vertretern der jüdischen Gelehrtenwelt das Programm für diese Lehrstühle ausarbeiten. Nach privaten Statistiken sollen in Sowjetrußland trotz der Verfolgungen durch die kommunistische Partei 15000 jüdische Kinder Unterricht in C h e d a r i m genießen. Welträfsel und andere Gedichte (Dr. Armand Kaminka: חי עילם ןעויד קויוים Wien 1927, Verlag ״Menorah“.) Eine hebräische Gedichtsammlung. Allmählich entstanden und erlebt. In dem Büchlein von mäßigem Umfang findet sich_ reicher Gehalt: Allegorie, Philosophie, Ethik und Reflexion. Zusammengefaßt ergibt es vielleicht den geschlossenen Kreis einer Weltanschauung. Vor dem Dichter, dem einzig wahren König auf Erden, dessentwegen — so heißt es im einleitenden Gedicht — die Welt besteht, sind die Welträtsel gelöst oder — den Buchtitel genauer übersetzt — die ״Geheimnisse der Welt“ enthüllt. Er versteht das ״Flüstern der Aehren“ und hört die ״Winde ihre Gespräche“ führen; er sieht die ״Wassertropfen“ in die Unsterblichkeit einziehen und den ״Erdenwurm“ in Resignation sich mit seinem ״zertretenden Schicksal“ aussöhnen. Ja, die ״Fliege auf dem Misthaufen“ fühlt ihre Mission. Und der Mensch vollends, die Krone der Schöpfung, will sich, solange Jugendkraft seine Glieder streckt, die Herrschaft über die Welt erstürmen, um als Greis einzusehen, daß ״die Tage seiner Jugend nur ein Märchen und sein ganzes Leben bloß ein Traum“ gewesen sei. In den ״Weltgeheimnlssen", dem ersten Zyklus der Sammlung, offenbart sich dem Dichter auf der Höhe seiner Welt- und Menschenkenntnis das Leben und Treiben in der Tiefe der Natur, gibt der Philosoph sein abgeklärtes Werturteil ab, zieht die Ethik ihre Schlüsse. Ethik, Aesthetik und Philosophle. Hellas, Rom und natürlich vor allem Jerusalem haben die Bausteine zu seiner Weltanschauung geliefert. Eine Synthese, wie sie eben nur die größten Geister des Judentums ohne Schaden zu den lichten Höhen geführt hat. Beachtenswert in dieser Beziehung ist das erste Gedicht; ״Flüstern der Aehren“. Das Horazische ״Carpe diem!“ (Nütze den Tag!) kommt hier zu Worte. Indes mit besonderer geistigethischer Note. Eine ganz knappe Gegenüberstellung sei erlaubt. Horaz: Kläre den Wein... und nütze den Tag, nichl vertrauend dem nächsten! — Hier: Nütze den Tag und freue dich des Lebens! — Aehnüch Kohelet: Es gibt nichts Gutes, außer freue dich und tue Gutes im Leben! (III, 12.) — Bei Horaz: Nüchterne realistische Ermahnung. — Hier: Tiefes und ahnungsreiches Miterleben in der Natur und lebensfrohe schöpferische Ethik, trotz eines gewissen Pessimismus, in den der Zyklus ausklingt. Das Ganze ist jedoch frei von jeder Negation des Lebens und von Depression. Philosophische Reflexion bieten ferner die ״Gebete“ תפלית Was bedeutet physisches Leid gegenüber dem Gefühle seelischen Glückes und was die Finsternis In der Erscheinung der Umwelt gegenüber dem hellen Lichte, mit dem sich des Dichters Seele vermählt? In das unergründliche AH hineingestellt — weiß denn der Mensch, was er sich wünschen soll? Dem ewigen Walten überläßt er die Entscheidung. Ein Schatzkästlein von Weltweisheit sind die ״Aphorismen“ ציונים Vertraut mit allem, was Wissen und Glauben, Erkenntnis und Spekulation bietet, lehnt der Dichter als ״lachender Philosoph“ das kleinliche Treiben der armen Erdenkinder ab. Für sich. Mit guter Satire, aber ohne Hohn; vielmehr mit menschlichem Begreifen. Uebrigens muß sich die Rezension da größere Reserve auferlegen; denn Aphorismen müssen gelesen werden. Die behandelten drei Zyklen berühren in der Hauptsache das eingangs angedeutete Problem der Weltanschauung. Lediglieh einige Punkte ihrer Peripherie dürften hier im Vorübergehen gestreift werden. Der interessierte Leser kann sich aber aus diesen und früheren*^ Dichtungen des Verfassers den Kreis seiner Weltanschauung selbst konstruieren. Und das scheint uns der Mühe wert. Von tiefer Menschenliebe und echt jüdischer Ethik durchdrungen sind die ״Gedanken überden Kriegundder Zusammenbruch“ und die ״Jahre des Unheils“. Mit Entsetzen sieht der Dichter das schreckliche Unglück des Weltkrieges, das ״Stahlbad“, diese furchtbarste aller konventionellen Lügen der Menschheit. Er sieht und erlebt die besondere Tragik der überall heimatlosen Juden. Fremd ist er in dieser Weit des bewußten Truges und planmäßigen Menschenmordens. Und nun kommt auch hier wieder die spezifisch jüdische Note und der nicht mehr steigerungsfähige Grad des Erfassens und Ablehnens des Krieges, der unbedingtheit in diesem Punkte: Angesichts der Kriegskatastrophe verweigern die Engel des Himmels die Kedischah dem Allmächtigen und erklären, nicht verkünden zu können, in dieser grauenerregenden Zeit: ״Heilig ist der Herr Zebaoth!“ Besonders starken Eindruck machen die drei Gedichte ״l nt Land e“, entstanden gelegentlich der Besuche in Palästina, 1913 — gelegentlich der ersten Reise — drängen sich in der heiligen Stadt dem Auge nur Trümmer auf. Wohin man blickt, nur Trümmer, hoffnungslose Trümmer. Der Dichter rast, von Schmerz überwältigt. ״Wozu bist Du, Jerusalem, zurückgeblieben?“ fragt er. ״Warum sind nicht verschwunden diese Trümmer all? Warum hat sie nicht hinweggeschwemmt des Wassers Schwall? Als Märchenland würdest Du in ungetrübter Pracht bestehen, Und in süßen Träumen würden wir Deinen einstigen Zauber sehen. Hier stand Jerusalem — würde der Vater seinem Sohne sagen. Hier ist der Ort, der Davids Feste hat getragen.“ 13 Jahre später. Zweiter Besuch in Erez-lsrael. Der Aufbau ist in vollem Gange. Jerusalem zeigt dem Besucher bereits seine neuen Stadtviertel, feste Steinhäuser der Juden, von jüdi* sehen Händen erbaut. Schutt und Trümmer sind vielfach verschwunden. ״Wozu Du zurückgeblieben bist, soll ich wieder fragen? Jetzt weiß ich die Antwort schon selber zu sagen: Damit Du Dich wieder aus dem Staube erhebest — Und die Hoffnung auf Erneuerung bei Deinem Volke belebest.“ Diese deutschen Verse, bloß nach dem Sinn der Gedichte in Eile gebildet, sind gewiß zu schwach, um die Kraft und Wirkung des hebräischen Originals auch nur annähernd wiederzugeben. Der geneigte Leser möge hier dem aufrichtigen Rezensenten, der auf dem Helikon nicht zu Hause ist, sein offenes Geständnis zugute halten. Diese Verse sind aber das Kind ehrlicher Begeisterung. Eine besondere Gruppe bilden die Uebersetzungen fremdsprachlicher Dichtungen. Die ״Niobe“ aus den Metamorphosen des Ovid ist fast dem Wortlaute des latelnischcn Originals nach treffend übersetzt. Der Hexameter ist gewahrt und glücklich durchgeführt. Vor Jahrzehnten schon hat der Verfasser übrigens auch andere Horazische Gedichte und ein Buch der Ilias ins Hebräische übertragen. Ausgezeichnet ist die Nachdichtung von Platens ״Das Grab im B u s e n t 0“. Wer einmal dieses Gedicht Platens memoriert und ״Niobe“ in der Schule gelesen hat, den erinnert die hebräische uebertragung nicht allein an seine eigene Jugend, sondern immer wieder auch an die Jugendfrische der hebräischen Sprache, die so wortreich, so elastisch und geschmeidig ist, daß man durch sie die feinsten psychischen Nuancen wiedergeben kann, wie nur in irgendeiner anderen lebenden europäischen Sprache. Rhythmus, Takt, Klang — alles hört man aus dieser hebräischen Uebersetzung heraus wie einst aus dem Original. Schließlich sind noch aus den Schriften Rostands und Puschkins Uebersetzungen vertreten. *) So die Sammlung צהרים Wien. 1909.