Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 81/82, 14 X. 1027 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 5T6 Literatur und Kunst Die jüdische Kleinstadt in der russischen Revolution Von Dr. J. Lewin, Berlin. Ueber das Leben in den kleinen Provinzstädten des früheren Zarenreiches gelangen jetzt außerordentlich spärliche Nachrichten in, die Oefrentlichkeit. Die Berichte aus Rußland von Zeitungskorrespondenten oder sonstigen Reisenden (die noch dazu meistens einen sehr geringen Wert haben, vveil sie von Leuten stammen, die entweder nicht die nötigen Vorkenntnisse besitzen, um die russischen Verhältnisse richtig beurteilen 7u können, oder die aus verschiedenen Gründen tendenziös sind), beschränken sich meistens auf die Hauptstädte Moskau und Petersburg, manchmal noch vielleicht auf Großstädte wie Kiew, Charkow und Odessa. Wie es in den kleinen Städten aussieht, namentlich in den vielen Flecken des früheren Ansiedlungsrayons“, in den kleinen Städtchen mit gewöhnlich 2000 bis 10000 Einwohnern, ijn denen die Juden oft 50 bis 80 0/0 der Bevölkerung ausmachen, das erfährt man nur selten. Das sind die Orte, in denen sich ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung Rußlands befindet und wo sich bis zum Weltkrieg und der Revolution das atte jüdische Leben im allgemeinen unberührt erhielt und nur allmählich modernen Lebensformen wich. Von den etwa drei Millionen Juden, die noch jetzt innerhalb des Sowjetstaates leben (d. i. etwa die Hälfte der früheren jüdischen Bevölkerung Rußlands, die andere lebt infolge der Wiederherstellung Polens und der Aufrichtung der Randstaaten in diesen Ländern) dürften noch jetzt etwa drei Viertel in den kleinen Provinzstädten wohnen. Wie hat sich nun das jüdische Leben in diesen kleinen Orten infolge des Weltkrieges und der Errichtung des Sowjet- Staates gestaltet? Einiges Material zur Beantwortung dieser Frage enthält ein sehr interessantes Buch, das vor kurzem im russischen Staatsverlag unter dem oben angeführten Titel erschien*)’. Es sind das Beschreibungen einer Reihe von Orten des früheren Ansiedlungsrayons, verfaßt von Studierenden des Geographischen Institutes und des Institutes der Wissenschaft des Judentums in Petersburg auf Grund von Untersuchungen, die im Jahre 1924 durchgeführt worden sind. Zum Teil handelt es sich dabei um ganz kleine Städte, wie z. B. der Flecken Habno (Gouvernement Kiew) mit etwa 4—5000 Einwohnern. Es wird aber auch eine für diese Gebiete große Stadt, Hornel, mit einer Bevölkerung von 80 -100000 Einwohnern geschildert, eben sowie auch eine alte schon fast 103 Jahre bestehende jüdische Kolonie Nowoslatopol (Gouvernement Jekaterinoslaw), die gegenwärtig über 700 Einwohner zählt. Bei diesen Untersuchungen (sie bilden einen Teil ähnlicher ethnographischer Exkursionen, die sich das Studium aller Vofksteile des Sowjet- Staates zum Ziel setzen) sollte vor allem festgestellt werden, wie sich die materielle und religiös-geistige Struktur der jüdisehen Bevölkerung unter dem Druck der politischen und sozialen Ereignisse des letzten Jahrzehnts geändert hat. Es muß noch vorausgeschickt werden, daß die Verfasser dieser Schilderungen Leute sind, die entweder Anhänger dir Sowjetregierung, oder jedenfalls keine Gegner derselben sind, so daß sie Vorgängen gegenüber, wie z. B. der Ausrottung des religiösen Lebens, jedenfalls keine ablehnende Haltung einnehmen. Gegner der Sowjetpolitik dürfen in Rußland bekanntlich nicht zu Wort kommen. * Unter den Schilderungen des gegenwärtigen Zustandes dieser Orte verdienen die Angaben über die Zerrüttung der früherer! religiösen Lebensordnung vielleicht das meiste Interesse. Ueberall, ob es sich um die Beschreibung einer großen oder kleinen Stadt handelt, wird diese Zerrüttung festgestellt, von den verschiedenen Verfassern fast mit denselben Ausdrücken. So sagt der ״Gabe“ (Synagogenvorsteher) im Städtdien Habno zum Verfasser der Schilderung dieses Städtchens: ״In der Synagoge ist niemand da. An Wochentagen kommt kaum ein ״Minjan“ zustande, aber auch am Sonnabend ist es leer. Du erinnerst dich doch noch gewiß, wie eng es trüher im großen ״Bet-Hamidrasch“ gewesen ist, so daß man 1913 eine neue Synagoge hat bauen müssen, jetzt aber sind alle vier Synagogen leer. Fromme ״Chewrot“ (Vereine) gibt es nicht mehr, ln der Synagoge ist nur ein einziger alter Mann da, der Talmud ״lernt“, und auch er ist ein Fremder, aus einer anderen Staat zugereist.“ ״Die Lage der Religion ist sehr schlecht, stellt der Rabbiner fest, — die Gesetze von ״koscher“ und ״trete“ werden nicht gehalten, ״Schalles“ (Fragen über rituell zweifelhafte Fälle) kommen fast nicht mehr vor. Der Sabbat wird noch gehalten, sogar noch von den Arbeitern, nichtsdestoweniger fahren aber viele Juden am Sabbat, um Waren einzukaufen oder aus anderen Veranlassungen.“ Im Städtchen sind noch 75—85 Jahre alte Leute da, die die Gesetze und Gebräuche noch streng beobachten, das ganze neue Leben verachten, ruhig ihrem Toa entgegensehen und sich damit trösten, daß ״alles schon dagewesen ist“. Die Jüngeren aber sind schon nicht mehr imstande, Hüter der alten Tradition zu sein. 1924 wurde vom lokalen ״Komsomol“ (Kommunistische Jugendorganisation) zum Zweck der antireligiösen Propaganda eine Sederparodie veranstaltet. Im kommunistischen Klub wurde am Sederabend in großer Menge Essen herbeigeschafft, welches Juden während des Passahfestes nicht essen dürfen, und die Lehrer der jüdischen Schule lasen eine Parodie der Hagadah vor, in welcher Sätze, wie folgende, vorkamen: ״Bitter war das Brot unserer Vorfahren. Wer reich war, hatte alles, der Arme aber hatte das Recht, vor Hunger zu sterben. In diesem Jahr avar man hier, übers Jahr konnte man in die Erde Israels gesteckt werden, dies Jahr war man Knecht, das nächste Jahr konnte man im Jenseits frei sein. So war es früher, jetzt ist es aber ganz anders. Wir waren Knechte des Kapitals, bis der Oktober (d. h. die bolschewistische Revolution) gekommen war, uns befreit und uns mit mächtiger Hand aus dem Land der Ausbeutung geführt hat. Wäre aer Oktober nicht da, so wären wir, unsere Kinder und unsere Enkelkinder Knechte geblieben.“ So geht es weiter, bis zum Schluß! ״In diesem Jahr ist die Revolution hier, im nächsten Jahr gibt es die Weltrevolution.“ Der Verfasser teilt übrigens mit, daß schon nach der Veranstaltung dieser Sederverhölmung aus dem Zentrum ein Befehl eingetroffen ist, die antireligiöse Propaganda weniger auffallend zu betreiben. Von den ״Melamdim“ (Lehrer, die früher ihre Schüler in den ״Chedarim“ unterrichteten), sind nur die Aeltesten und Schwächsten zurückgeblieben, diejenigen aber, welche einigermaßen Energie und Unternehmerlust besaßen, haben ihren Beruf schon längst aufgegeben. Dennoch erhielten im Sommer 1924 noch immer 40—50 Kinder religiösen Unterricht in dem Cheder. In der jüdischen vierjährigen Volksschule wurden dagegen 152 Kinderunterrichtet. Der unterricht ist aber sehr mangelhaft, Bücher und Lehrmittel waren nicht zu beschaffen, die Lehrer erhielten bis 1924 überhaupt kein Gehalt, in diesem Jahr bekamen sie 13—15 Rubel monatlich, so daß die Lehrer gezwungen waren, durch Privatunterricht ihr Einkommen zu ergänzen. *) ״Jewreiskoje mjesteeko w revoluzii“, pod redakzije. W. G. Tax-Bogorazo, Staatsverlag Moskau-Leningrad 1926, 219 Sqi4en. Aehnlich heißt es bei der Schilderung der Kolonie Nowoslatopol. ״Seit der Revolution 1917 ist die Religion untergraben. Die Synagoge zerfällt nicht nur äußerlich, sondern auch geistig, von innen heraus. In den letzten zwei Jahren ist sie soweit zurückgegangen, daß es am Sonnabend kaum gelingt, ein Minjan zusamnienzubringcn. Die antireligiösen Ideen werden durch das Leben selbst hineingetragen. Es ist keine Möglichkeit mehr vorhanden, das geistliche Personal zu unterhalten, die Synagoge zu renovieren. Das ganze Personal besteht aus dem Rabbiner, der gleichzeitig Schächter ist; er erhält 15 Pud (1 Pud etwa 16 kg) Korn im Monat und erhält noch etwas für das Schlachten der Hühner. Der Rabbiner ist schon 70 Jahre alt, er hat zwei Söhne, von denen der eine in der Roten Armee dient, und der zweite in der Stadt Sowjetbeamtcr ist. Trotz seines vorgeschrittenen Alters hat der Rabbiner Verständnis für das weltliche Leben, er spricht gern über Politik, liest manchmal die kommunistische jüdische Zeitung ״Der Emes“. Die Synagoge ist verfallen, die Wände drohen einzustürzen, in vielen Fenstern gibt es keine Scheiben. Die Jugend ist der Religion vollkommen entfremdet; auch die Eltern sind in der Ausübung des religiösen Rituals sehr kühl geworden. Am Sonnabend wird offen geraucht, Jung und Alt fährt zur Arbeit, Fasten werden nicht eingehalten, die täglichen Gebete nicht mehr gesprochen. Sogar die Vorschriften über koschere Speisen werden von Vielen nicht mehr beachtet. Von allen religiösen Vereinen ist nur noch die Chewra Kadischa erhalten geblieben, da es in dieser Kolonie keine ״rote Beerdigung“ (wie sie oft in Sowjetrußland geübt wird) gibt.“ In noch größerem Maßstabe springt der Zerfall des alten Lebens in die Augen in einer Stadt wie Hornel, wo es früher gegen 30 Synagogen gegeben hat. Vor der Revolution waren diese Synagogen an den Feiertagen überfüllt, das Ansehen der Rabbiner stand unerschütterlich da. Am Sonnabend und den Feiertagen waren alle Läden geschlossen, morgens strömten die Juden in die Synagogen, am Nachmittag waren die Straßen voll spazierengehender Juden. Die Feiertagskleider, das Leben auf der Straße zeigten aut den ersten Blick, daß jüdischer Feiertag ist. Jetzt ist das alles vollständig anders geworden. Die Jeschibot und Chedarim sind liquidiert worden. Wenn religiöse Eltern wollen, daß ihre Kinder ״Kadisch“ oder überhaupt die ״schwarzen Pünktchen“ (so werden von den ungebildeten Leuten unter den russischen Juden die religiösen Schriften genannt) lernen sollen, so müssen sie sich schon einen ״Melamed“ ins Haus kommen lassen. Der alte Melained läuft tagelang umher und erteilt Unterricht, der außerordentlich schlecht bezahlt wird, gewöhnlich mit 3—4 Rubel im Monat. Die jüdischen Arbeiter in Hornel erzwangen nicht nur die Schließung der Chedarim, sondern eine ganze Reihe von Gewerkschaften faßte Resolutionen, die Synagogengebäude für öffentliche Zwecke zu benutzen. Unter ihrem Einfluß wurden die größten Synagogen der Stadt requiriert. In der früheren Hauptsynagoge befindet sich jetzt der Sitzungssaal des Staats- Sowjets, hier werden oft Arbeiterkonierenzen, Vorträge, rote ״Oktobrinen“ (mit diesem Wort bezeichnet man jetzt in Sowjetrußland die Geburtstagsfeiern der Kinder, welche (m Christen die Taufen und bei Juden die Beschneidung ersetzt haben) abgehalten. In einer anderen großen Synagoge in Hornel wurde jetzt eine Schuhfabrik eingerichtet. In den Synagogen, die noch erhalten sind, ist die Zahl der Betenden sogar am Sabbat und Feiertagen sehr gering, was sich übrigens zum Teil daraus erklärt, daß viele Juden, die fetzt im Sowjetdienst stehen, ihren Dienst nicht unterbrechen dürfen. Die Rabbiner selbst haben sich veranlaßt gesehen, für diese Mißachtung des Sabbats Absolution zu erteilen. Ein angesehener Rabbiner hatte nämlich erklärt, daß die Sowjetbeamten den Soldaten gleichzustelien sind, und daß ebensowenig, wie es den Soldaten als Sünde angerechnet wird, daß sie gezwungen sind, nicht koscheres Fleisch zu essen, auch die erzwungene Verletzung des Sabbats keine Sünde sein könne. Oft kann man ein merkwürdiges Durcheinander alter und neuer Gebräuche feststellen. So werden in vielen Familien am Freitag wie früher Vorbereitungen für den Sabbat getroffen: die Wohnung wird gesäubert, es wird Brot gebacken, Fische werden eingekauft usw. Dabei kann man aber sehen, daß am Freitagabend auf einem feierlich gedeckten Tisch, neben brennenden Kerzen und den weißen ״Chales“, junge Leute Schinken essen. Die meisten Arbeiter haben sich in diesem Jahr (d. h. 1924) zu Passah keine Mazzos angeschafft, arbeiteten an den Passahtagen, obwohl von der Behörde ihnen zwei Tage für die Feiertage freigegeben worden sind; dagegen konnte man ain 1. Mai eine lokale Arbeiterfeier in Hornel sehen, auf welcher alle üblichen jüdischen Gerichte: ״Kugel“, ״Zimes“ usw. verzehrt wurden. Es sind Fälle zu beobachten, wo frühere Synagogendiener aktive Mitglieder kommunistischer Organisationen geworden sind. In der Beschreibung des Städtchens Sirotino heißt es: ״Es gibt gegenwärtig im Städtchen keinen einzigen Rabbiner, und es scheint auch kein Bedarf an Rabbinern zu sein. Die beiden letzten Melamdim, von denen einer ein früherer Händler, der zweite ein Schächter und früherer Rabbiner war, erteilen Privatunterricht dort, wo er noch gewünscht wird. Sie erscheinen zusammen mit ihren Frauen und während der Mann das Kind unterrichtet, steht die Frau auf der StraBe, um zu sehen, ob nicht die Miliz (so wird jetzt in Rußland die Polizei genannt) kommt. Ein widerspenstiger Junge braucht nur zu sagen, daß er den Lehrer bei der Polizei denunzieren wird, und das genügt, um dem Melained, samt seiner Frau und den religiösen Lehrbüchern in die Flucht zü schlagen.... Die Kinder haben aufgehört, nach dem Tode ihrer Eltern Kadisch zu sagen. Die jüdische Jugend vermischt sich mit der russischen und selbst die konservativsten Eltern widersetzen sich dem nicht.“ Es muß dabei hinzugefügt werden, daß vor der Revolution Mischehen unter den russischen Juden eine kaum zu beobachtende Erscheinung gewesen sind, jetzt sind sie sehr häufig geworden. ״Als ich einmal an der Synagoge vorbeiging“, heißt es in der Schilderung von Hornel, ״sah ich eine Gruppe von Kindern, die unter den Fenstern der Synagoge das revolutionäre Lied sangen: Fort mit den Mönchen, den Rabbinern und Piaffen, wir werden in den Himmel klettern, dort alle Götter auseinanderjagen.“ In der Synagoge predigte gerade in diesem Augenblick ein Magid. Die Kinder stürmten in die Synagoge, veranstalteten dort einen furchtbaren Lärm, und erst nach langem IJeberreden gelang es den Schames, sie aus der Synagoge zu entfernen. Ein Knabe von 12 bis 13 Jahren kam an mich heran und sagte: ״Man müßte auf der Tür der Synagoge ein Kreuz anbringen, die Alten werden sich ärgern.“ * In einem solchen Niedergang wie das religiöse Leben der jüdischen Stadt in Rußland befindet sich auch das materielle. Die Orte, die untersucht wurden, haben unter den schrecklichen Pogromen der Jahre 1919 bis 1920 außerordentlich gelitten. Es dürfte wohl überflüssig sein, die Greuel dieser Periode nochmals in Erinnerung zu rufen. Als einziges Beispiel der ganz unmenschlichen Rohheit dieser Jahre dürfte ein Fall genügen, der aus der Umgegend von Habno berichtet wird, wo Banditen eine jüdische Frau mit einem Kind lebend ln die Erde vergraben haben. Die jüdische ״Selbstverteidigungsorganisation“, die sich dort zum Schutz der Juden gebildet hat, sah sich darauf gezwungen, auf dieselbe Weise mit den Banditen zu verfahren. Nach den Pogromjaiircn kamen die ersten Jahre der Sowjetherrschaft, die jetzt die Jahre des Kriegskommunismus genannt werden, in denen der Handel und das Handwerk, d. h. die Haupiexistenzmöglichkeiten der jüdischem Bevölkerung, total vernichtet worden sind, und die jüdische Bevölkerung daher ungeheure Not litt. Als schließlich die Periode des Kriegskommunismus 1921 aufhörte und der sogenannte ״Nep“ (neue wirtschaftliche Politik) cingeführt wurde, welche dem Privathandel und der Privatinitiative in gewissen Grenzen eine freie Betätigung gewährte, wurde die Lage etwas besser, sie verschlechterte sich aber bald darauf wieder, als der Staat, um die Staatswirtschaft zu stützen, und ihr die Möglichkeit zu geben, in der Konkurrenz gegen den Privathandel und die Privatunternehnier bestehen zu können, begann, die Privatunternehmen durch furchtbare, ganz unerträgliche Steuern zu erdrosseln. Durch dieses Verfahren wurde die relative Freiheit des ,,Nep“ von hinten herum wieder vernichtet. Diese Steuerpolitik hat wiederum dazu geführt, die Existenz sehr weiter Schichten der jüdischen Bevölkerung Rußlands wirklich unmöglich zu machen. Die jüdischen Städte sind daher verarmt und furchtbar heruntergekommen. ״Bei einem früher sehr reichen Kaufmann“, lautet es in der Schilderung von Habno, ״wird jetzt an Stelle von Zucker Sacharin gebraucht. Weißbrot am Sonnabend ist eine seltene Erscheinung geworden, ebenso selten der Gebrauch von Branntwein zu Kidusch. Die Ernährung hat sich im Städtchen überhaupt sehr verschlechtert. Fleisch, Fisch und Milchprodukte werden wenig gebraucht, man kleidet sich auch schlechter als früher, Kleiderstoffe werden zu Hause selbst gesponnen und gefärbt. Ich habe im Städtchen weder am Sonnabend noch am Sonntag Hüte gesehen. Der einzige Mann im Städtchen, der einen Hut hat, ist der Rabbiner, aber auch bei ihm besteht der ganze Wohlstand in diesem Hut, sonst ist seine Lage eine außerordentlich klägliche. Ich habe auch keine weißen Kragen gesehen. Auch das ״Lebensniveau“ der Leichen hat sich gesenkt, statt aus Leinen werden jetzt die Leichentücher aus Mull genäht." Wie weit diese Steuerpolitik getrieben wird, um auf diesem Umweg den Privathandel 7.1! vernichten, welchen die kommunistische Staatsordnung theoretisch schon zulassen mußte, beweist der in der Schilderung angeführte Fall aus Habno, wo eine Lederfabrik, die 6009 Rubel im Jahr Umsatz hat, zirka 2000 Rubel Steuern zahlen muß. Die Privathändler, die nicht mehr existieren können, bilden ״Trusts“, um nicht als Kapitalisten angesehen zu werden, aber diese Trusts sind in den allermeisten Fällen Unternehmen, die weder Kapital noch Waren haben. Mit dem Sinn für Galgenhumor, welcher den Juden nie abgeht, nennen diese ״Kapitalisten“ sich selber einen ״Lufttrust“. ״Ich bin“, sagt zum Verfasser der Beschreibung von Sirotino einer dieser Unternehmer, ״einfach ein Mitglied des ״Lufttrusts“. Wir säen Luft und ernten Wind. Wir werfen uns auf alles, aber es kommt nichts heraus, es ist unmöglich, auch nur einen Groschen zu verdienen. Sehen Sie, die Bauern sind arm, sie verkaufen nur aus Not, sie brauchen bares Geld. Ich habe aber kein Geld, vielleicht hat es ein anderer. Nun nahm ich zum Compagnon einen anderen, um die Dörfer bereisen zu können. Er hat nämlich ein Pferd, arm Zufußgehen reichen meine Kräfte nicht mehr aus. Ich hoffte, vielleicht wird etwas daraus werden, aber es stellte sich heraus, daß er auch nur ein Loch in der Tasche hat. So erfüllte sich das Sprichwort: ״Zwei Leichen gingen tanzen.“ Um für bares Geld einkaufen zu können, müssen wir Zinsen zahlen, und zwar zahlen wir für jeden Tscherwonetz (10 Rubel 21,6 M.) 15 Kopeken pro Tag (das macht 45 °'o im Monat aus). Die ״Amerikaner“ (d. h. die Leute, die Unterstützung von ihren Verwandten aus Amerika bekommen), wurden bei uns reich, sie erhalten Dollars aus Amerika, 20 oder 30 Dollars sind schon ein Kapital, man kann schon von den Zinsen dieses Kapitals leben. So bin ich ein überflüssiger alter Gaul geworden, während ich früher doch der geschickteste Mann im Städtchen war. Wissen Sie was? Verschaffen Sie mir eine Stellung für 10 Rubel im Monat, und ich werde Ihnen der beste Bolschewist werden. Ich werde ehrlieh dienen und dem Bolschewismus mit Leib und Seele treu sein. Schickt mich, wohin Ihr wollt, ich werde durch Wasser und Feuer gehen, wenn ich wenigstens nur wissen werde, daß ich morgen nicht verhungern werde. Uebrigens, was soll ich von mir sprechen, — ich bin schon 55 Jahre alt, wie gesagt, ein abgearbeiteter Gaul. Aber was soll aus den Kindern werden? Der eine Sohn ist 19, der andere 16, meine Tochter ist 20 Jahre alt. Der Aelteste wollte in den Komsomol (Bund der kommunistischen Jugend) ein treten, um vielleicht auf diese Weise leichter Arbeit zu bekommen. Nun nimmt man ihn aber nicht auf, ist er doch ein Sünder, ״trefe“, weil sein Vater ein ״Bourgeois“ ist. Den zweiten Sohn führte ich nach Witebsk, ich wollte ihn dort in die Lehre geben. Niemand will ihn aber nehmen wegen der Strenge der sozialen Gesetze und der Vergiinstigungen, die der Arbeiter genießen muß. So kehrten wir nach Haus zurück, ohne etwas erreicht zu haben. Jetzt laufen sie in den Straßen herum, schleifen das Pflaster und tun nichts. Wenn sie aber nach Haus kommen, wollen sie essen. Was wird aus ihnen werden? Was weiß ich? Sie werden Diebe, Pferdediebe werden, ein schöner Trost auf meine alten Tage.“ ״Besonders schlimm“, heißt es in einer anderen Steile des Buches, ״hat es die jüdische Jugend. Die alten Leute denken nur daran, ihr Leben irgendwie zu Ende zu leben. Die Jugend aber quält sich, sucht einen Ausweg. Den Handel hat man in den letzten Jahren hassen gelernt, da er seinen Mann nicht ernährt. Man will physische Arbeit, sogar grobe physische Arbeit, aber Arbeit ist nirgends zu finden. Man schlägt sich mit den Eltern um jedes Stück Brot. Der arme Vater möchte, daß wenigstens seine jüngsten Kinder satt sein sollen, er ist daher wütend und schimpft auf die 20jährigen Burschen, die arbeitslos sind und dem Vater auf dem Halse sitzen.“ Bei der Untersuchung der Lage der Heimarbeiter in Hömel, bei der schon ein verhältnismäßig hohes Niveau erreicht wird, wie bei Bäckern, Schuhmachern oder Schmieden, bei denen der Verdienst im Monat zwischen 47 bis 56 Rubel schwankt (bei einem durchschnittlichen Familienbestand von 5,5 Personen) beißt es: ״Der Heimarbeiter hat keinen normalen Artreitstag, er arbeitet ״solange es geht“, so weit die Kräfte reichen, denn hinter seinem Rücken sitzen Frau und Kinder, und der Jung« schreit: ״Mutter, ich will essen.“ Ihre Wohnungen sind seht eng, bestehen meistens aus einem bis zwei kleinen Zimmern, oft im halbverfallenen Zustand, naß und halbdunkel. Es gibt auch solche, bei denen die ganze Wohnung aus einem Zimmei besteht, die gleichzeitig auch Küche und Werkstatt ist. Auch die sogenannten ״eigenen Häuser“ sind alte, kleine Häuschen, von 3—5 Quadratfaden Fläche (ein Faden etwa gleich 2,15 m) Es ist klar, daß bei solchen Wohnverhältnissen der Gesundheits• zustand ungenügend ist, fast überall sind Schinutz und Unsauberkeit festzustellen, die ihrerseits die verschiedensten Krankheiten unter diesen Arbeitern hervorrufen. Der Verfasser dieser Schilderung, der das in Sowjetrußland entstehende ״neue Leben“ positiv bewertet, findet in dieser geschilderten Lage der Heim-