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Jüdische Rundschau · 1927-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1927) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 570 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80, 4.X. 1927 einleitct. Die einzige Beschäftigung, die er wirklich liebt und schätzt, ist das Denken, ln der unphilosophischsten Stadt ist Mendel Maranz vielleicht der einzige Philosoph. ״Letzten Endes, was ist das Leben? Eine Reise. Was ist der Tod? Das Ziel. Was ist der Mann? Ein Passagier. Was ist die Frau? Die Bagage“. Er hätte es gewiß für angebracht gehalten, in der brennendsten Geschäftszeit das hastende, jagende Volk auf dem Broadway aufzuhalten und einige seiner Sentenzen zum Besten zu gehen. Da aber solch ein Unterfangen gewiß als Zeichen einer Geistesstörung betrachtet würde, so begnügt sich Mendel Maranz damit, den Seinigen und den Bewohnern der Pittstreet die Ergebnisse seines Nachdenkens zu unterbreiten: ״Was ist das Leben? Ein kurzer Spaziergang vor einem langen Ausrahen. Weshalb soll ich cs noch kürzer machen?“' Oder: ״Was ist die Mode? Ein Stock, man kann auch ohne ihn auskommen.“ Da die stoischen Weisheitssentenzen nicht immer die erhoffte Wirkung aut die Lamentationen seiner Frau Seide ausüben, so nimmt er seine Zuflucht zu allerhand Vertröstungen auf bessere Zeiten, die unbedingt kommen werden, sobald ihm nur seine Erfindung gelingt. Mendel Maranz träumt nicht nur von einer schönen Welt, in der der Mensch, befreit von der erniedrigenden Arbeit sich mehr dem edlen Denken wird widmen können, er hofft sogar, zu diesem Zustande durch die menschheitsbeglückende Erfindung, die er machen wird, auch seinen Teil beizutragen. Da der Erfolg trotz der vielen Versuche noch immer .ausbleibt, hat Mendel vor seiner Frau keinen leichten Stand. Sie fordert von ihm, er soll in die Fabrik arbeiten gehen, und er muß seine ganze Ueberredungskunst anwenden, um sie zu überzeugen, daß sein Kopf voll mit Ideen, Plänen ist und daß es ihnen gewiß bald besser gehen wird: ״Verlier nicht den Mut, Seide. Was ist der Pessimismus? Ein Streichholz, der die Finger verbrennt Was ist die Hoffnung? Eine Kerze, die erleuchtet den Weg•.“ Schließlich gelingt es Mendel Maranz wirklich, eine Erfindüng zu machen, und aus tiefster Armut gelangt er plötzlich zu einem sehr ansehnlichen Reichtum, den seine Angehörigen genießen wollen, der aber für ihn nur Anlaß bildet, einige wichtige Feststellungen über die Vergeßlichkeit und die vielen Charaktermängel der Menschen zu machen. Im Hause Mendels hört man wieder laut klagen, jetzt aber nicht über Armut, sondern darüber, daß unser Philosoph von seinem erworbenen Reichtum wenig Notiz nehmen will, daß er es nicht eilig hat, die frühere Lebensweise aufzugeben und noch gar nicht daran denkt, die Wohnung auf der Pittstreet zu wechseln. Der Hausmakler Rernard Schnaps erinnert sich plötzlich, daß er ein Schwager von Mendel Maranz ist und versucht, ihn zu überzeugen, daß er eine Villa in Kalifornien benötigt. ״Was ist ein Verwandter — philosophiert Mendels — ein Kurzsichtiger. Er sieht Dich nur dann, wenn Du ein großer Mensch geworden bist.“ Die gar kurze Zeit, während welcher unser Held im Besitze seines Reichtums war, benutzte er für Einfälle sozial-pädagogisehen Charakters, die die Hohlheit, Langeweile jener Schicht, zu der sich seine Frau und Tochter auf einmal so hingezogen fühlen, aufzuweisen haben. Mendel Maranz verwandelt den proletarischen Wohnkasten aut der Pittstreet in ein erstklassiges Luxushaus, in ein mit allem Komfort versehenes Hotel, in dem die ehemaligen Bewohner dieser Straße, die durch die inzwischen erworbenen Millionen Besitzer von Privatvillen in der Fifth Avenue geworden sind, absteigen können, wenn sie einmal, von tödlicher Langweile geplagt, die Sehnsucht nach der Vergangenheit überkommen sollte. Hier in Maranz Luxushaus haben sie alle Bequemlichkeiten, die ihnen durch den Reichtum unentbehrlich wurden, ohne dabei aber gezwungen zu sein, auf die Konventionen der Fifth Avenue-Gesellschaft Rücksicht zu nehmen. Und siehe, viele, gar viele kommen, um sich’s hier güt sein zu lassen, um sich natürlich zu geben. Siegismund Klaus, ein Industriekönig, der einst auf der Skammel Street Eesalzene Gurken verkaufte, ist anwesend, und nicht obife Be* agen tauscht er mit den schlichten Leuten aus der Pittstreet alte Erinnerungen aus, auch darüber, daß keiner wie er und seine Frau es verstanden hat, Gurken zu salzen. Die Gluks, mit Gerson Glüh, dem Pelzkönig, an der Spitze, sind hier, und die Blandowskys und die Kanns, alle, alle sind sie da, um eine köstliche Freiheit zu genießen und aus einem alten Grammophon jüdischen Volksliedern zu lauschen. Mendel Maranz aber hat seinen Spaß daran und zugleich eine Bestätigung seiner Ansichten über Glück, die er auf diese anschauliche Art seiner Frau Seide, die den Luxus liebt, beibringen möchte. Und als durch mißlungene Geschäfte und Experimente seines Schwiegersohnes Mendel Maranz das ganze Vermögen verliert, löst dies bei ihm keine Erschütterung aus, er erkundigt sich bloß, wo man seinen alten Arbeitskittel hingetan hat und sucht den Uebergang zu der neuen Situation für die Seinigen durch einen Weisheitsspruch zu erleichtern: ״Was ist die Armut? Gesalzene Gurken, sie sind sauer, aber ich liebe sie.“ Und so immer in seiner gewohnten Art. All diese Sprüche und Gleichnisse sind nur Mittel, um das Summen der nur auf das materielle Wohlergehen Eingestellter! abzuwehren, sie sind Ausdruck einer sehr tiefen, klugen Seele, einer alten jüdischen Seele, die niemals den irdischen Reichtum als höchstes Prinzip des Lebens erkannt hat. Die Theosophin A n n i e B e s a n t, die unlängst ihre Vortragsreise durch Europa machte, kündigte das Entstehen einer neuen Rasse an. Das Hauptmerkmal dieser neuen Rasse wird, nach der Meinung von Frau Besant, sich im völligen Verschwinden des Besitziustinktes ausdrücken. Sie glaubt sogar, einige Exemplare dieser neuen Menschengattung unter der Jugend in Kalifornien entdeckt zu haben. Nun, Mendel Maranz ist dieser Mensch, dem der Besitzinstinkt, die Besitzleidenschaft vollständig fehlt. Aber er ist nicht Ankünder einer neuen Rasse, sondern Nachkomme jener Frommen, Gottgerechten, jener großen Rabbonim und Zadikim, für die die Armut eine Zierde war. Die Gleichgültigkeit, mit der Mendel Maranz dem plötzlichen Reichtum, wie der danach einkehrenden Armut gegenübersteht, ist nur deshalb möglich, mutet in seinem Fall so natürlich, so selbstverständlich an, weil er Erbe jener geistigen, seelischen Reichtümer ist, denen das jüdische Volk seine Ewigkeitsgeltung zu verdanken hat. Ein hebräischer Dichter in Berlin Zurzeit befindet sich in Berlin der junge hebräische Dichter und Publizist Jizchak Latndan. Lamdan kam vor sieben Jahren nach Palästina. Er war zunächst Arbeiter und erregte bald die Aufmerksamkeit der geistigen Welt durch seine tempermanentvollen Aufsätze und Gedichte, die im ״Haarez“, ״Dawar“, und in der vornehmen, von Jakob Rabinowitz und Ascher Barasch herausgegebenen litcrarisch-pub'i ■istischen Zweimonats- Schrift ״Hedim“ erschienen. Einen großen Erfolg bedeutete sein vor einem Jahre erschienener Poem Massada. Massada, die letzte Zuflucht der Juden im Römerkrieg, ist für den Dichter ein Symbol des heutigen Erez-lsrael und des ganzen Polens, ein erschütternder Aufschrei des am Galuth leidenden Juden, der tim Freiheit, Frieden und Erlösung ringt. M. C. Rathenau-Feier Am 29. September, an dem Tage, an dem Walther Rathenau 60 Jahre alt geworden wäre, veranstaltete die ״Walther-Rathenau-Stiftung" im Plenarsaal des Reichswirt- Schaftsrates in der Bellevuestraße eine Feier. Reichskanzler Wilhelm Marx, Gerhart Hauptmann und Reichsminister a. D. Bernhard Dernburg würdigten den Menschen, Staatsmann, Denker und Patrioten Rathenau. Arthur Kraussneck, das älteste Mitglied des Stäatsschauspielhauses, las aus Werken Rathenaus. Die blinde Alte Van Martha Hofmann. (Aus einer unveröffentlichten Palästina-Novelle ״Ein Abschied“.) Die Malariakranke, die neben Noemi gelegen, durfte sich erheben. Halb angekleidet, in unsauberem Hemd und geflicktem Schlafrock — der letztere Eigentum des Spitales — saß sie barfuß am Bettrand; ihr blauschwarzes Haar fiel in dicken Strähnen um das bräunliche Gesicht mit den glühenden Augen. ״Sie schaut aus wie ein Fellachenmädchen,“ dachte Noemi, die sie mit Interesse beobachtete. Alles, was sich rings um sie ereignete, interessierte und beschäftigte die Kranke, immer wieder half es ihr, den eigenen Schmerz um das verlorene Auge vergessen, wenn neue Eindrücke fesselnd und gewaltig, charakteristisch oder bizarr durch das andere Auge — ihr einziges jetzt! — auf sie eindrangen. Und so sah das halberblindete Mädchen mit übergroßer Deutlichkeit, wie abgezehrt die große schlanke Gestalt der Malariakranken war, wie hager die abgearbeiteten, edel gegliederten Hände. Fiebrig, in überstürztem Redefluß erzählte sie, was sie, die einst gefeierte Schönheit von Lodz, aus vornehmem Hause, reich, gebildet, von allen verehrt, hier als Kolonistin, entbehrt, gelitten habe. Dafür sei sie doch wahrhaftig nicht geboren! Dazu nicht hierher gekommen! Und sie beschrieb die Wohnung, die sie daheim besessen, so daß sie vor Noemi deutlich erstand, mit roten Plüschmöbeln und chinesisehen Fächern, mit wertlosem Tand in den Vitrinen und kostbaren Kupferlcuchtern an der Decke, mit silbernem, schwerem Sabbatgerät, mit seidenen Teepuppen und geschmacklosen Nippes. Das ganze Milieu solcher Uebergangsgeneration wurde Noemi lebendig, so sehr, daß sie aus Eigenem erraten und erganzen konnte, was die Nachbarin noch vergessen: Sie kannte ihre Garderobe, ihre Lektüre, die wenigen Piecen, die sic am Piano zu spielen geliebt, ihren Umgang, ihre Speisen. Noemi wunderte sich selbst über ihren Einblick in ein früher so fremdes, so unbekanntes Milieu. Und die Nachbarin wunderte sich noch mehr: ״Sie sind von Polen, nicht wahr, Fräulein?“ sagte sie. ״Vielleicht auch von Lodz? Wie ist der Name? Wie heißt Ihre Mutter?“ Doch Noemi schüttelte lächelnd den Kopf. Nein, sie war nicht von dort, hatte niemals dort gelebt —. ״Und Ihr Mann?“ fragte sie dann. Die Lodzerin zuckte heftig mit den Achseln. ״Nötig hat er es gehabt, hierher zu kommen! Beteiligt war er bei meinem Vater im Geschäft — hat aber nichts wollen als Melamcd sein in einer Schul’ oder Bauer in Palästina. Und so sind wir hier — alles Geld hineingesteckt in das Stückei Boden, das bissei Vieh und rackern und schinden uns wie die Muschiks bei uns daheim. Und mein Mann — fragen Sie? Der findet das ganz in Ordnung. Nichts als arbeiten soll ich hier, schau’n Sie an, wie ich aussehe!“ Und sie streifte die lang herabfallenden, verwaschenen Aermel zurück und wies ihre abgemagerten, von der Arbeit gehärteten, knochigen Arme. ״Mein Mann!“ rief sie noch einmal mit schrillen, höhnenden Akzenten. Und sie lachte toll. ,,Jetzt habe ich drei Tage geruht — und wie geruht — mit 40 Grad Fieber — Malaria — und jetzt geht es wieder an mit Geracker und Geschinde. Und er — er findet, das gehört sich für mich — aber Kleider, Vergnügen —■ ein bissei Freude — das gehört sich nicht!!“ Sie klagte und jammerte endlos, zerrissen, hysterisch. Doch Noemi hörte zu. Lauschte, von jedem Einzelschicksa! bewegt, bis sie ermüdete. Viel Leid von allen Seiten drang auf die Lauschende ein. Eine Arbeiterin aus städtischer Kommune lag im zweiten Bett. Ein junges Mädchen, noch nicht zwanzig Jahre alt, von slawischem Typus, wie er sich bei russischen luden oft findet. Sie hatte für die 60 Personen ihren Kwuzah den Haushalt geführt, dabei den ״Primus“ — den allgemein üblichen Petroleumkodier Palästinas — so unglücklich umgestoßen, daß das siedende Oel ihre Brust und ihre Schenkel versengte. Ein Arbeiter der Kommune hatte seine gesunde Haut hergegeben, um das Mädchen zu retten. Nun lagen beide seit vielen Wochen im Spital, beide unter unsäglichen Leiden, beide auf dem Wege der Heilung. Eine große Empfindung blieb Noemi, als sie von dem Opfer des jungen Arbeiters gehört. So gab es doch noch anderes als Kleinmut und Jammer!- Die Malariakranke verließ das Spital. Eine alte Frau wurde hereingetragen, beide Augen durch die Binde verhüllt. Noemi schrie auf in Entsetzen, Mitleid — Mitleid auch mit sich selbst, als man die Greisin neben sie bettete. Ein Spiegel ihres eigenen Elends war ihr die alte Frau, unfaßbar, unerträglich. Denn es gab doch bisweilen Minuten, da sie vergessen konnte, da sie — an ihre Lage sich langsam gewöhnend — fast keinen Schmerz empfunden. Und nun riß der Anblick der blinden Alten den tiefen Abgrund des Entsetzens wieder auf. Ein Weinkrampf schüttelte sie, wie sie ihn nie erlitten. Verzweifelte Schreie erschreckten die übrigen Kranken. Aerzte und Schwestern stürzten herbei, man gab ihr Brom, man kühlte sie mit Eis. Noemi schlief ein. Die beiden Söhne der alten Frau besuchten die Mutter. In russischer Arbeiterbluse, groß und dunkel der eine, mit derben, leicht mongolischen Zügen, starken Backenknochen, robusten Fäusten. In weißem Leinenrock, kräftig gebaut, doch schmäler und kleiner als der Bruder, mit weichem, ein wenig schütterem Blondhaar und tiefen blauen Schwärmerblicken, in einem zarten, regelmäßigen Gesicht der andere. Tief beugten sie sich über das Lager der Mutter, küßten sie, streichelten sie. Eine große Innigkeit lag in ihren Gesten. Der Blonde namentlich — Noemi sah es nur wie durch Schleier und Nebel — schien in jeder seiner Bewegungen und in dem Tonfall seiner Worte, die Noemi nicht verstand, von eigenartiger Beseeltheit. Auch sein blasses, schmerzliches und doch festes Profil und diese blauen, tief blickenden Augen, sie weckten in Noemis verängstigter und ganz entmutigter Seele, die jede Hoffnungsspur in sich zu ertöten begonnen, vage jenes Gefühl, das ihr im Leben zumeist bedeutet fiatte. Eine Erinnerung an höchstes Träumen wurde jählings in ihr wach. — —- — Die Blinde sprach irre. Immer wieder rief sie unsichtbaren ״Banditen“ zu, cinzuhalten mit ihren mörderischen Schlägen, immer wieder rief sie mit zärtlicher Stimme ״Rüben“, immer wieder klagte sie um einen verlorenen Sohn, immer wieder verteidigte sie dieses Kind gegen jene unsichtbaren Feinde. Langsam und allmählich erst wurde es Noemi aus dem schwer verständlichen Jiddisch der Alten klar, daß diese in ihrem verwirrten Geist nochmals das Pogrom durchlebte, daß sie aus Rußland vertrieben. Langsam auch überwand Noemi das Entsetzen, daß ihr die Alte anfangs eingeflößt. Etwas verband sie doch mit dieser Frau, deren verhärmte Züge einst klar und lieblich gewesen sein mußten. Immer wieder rief die Alte ihre Söhne ״Mosche, Daniel", auch ״Surele" der Name einer Tochter wurde oftmals genannt und die Alte schien im Begriffe, aus dem Bett zu springen und mit zitternden Händen sich zur Tür zu tasten, da sie die Stimme der Tochter draußen zu vernehmen geglaubt. Noemis Gedanken wurden durch Sorge um die Blinde ganz ausgefüllt. Immer wieder rief sie die Schwester herein, aus Angst, die alte Frau könne das Lager verlassen und hinstürzen. Oder sie reichte über den schmalen Raum zwischen den beiden Betten hinweg der Alten einen Schluck Wasser, der auf ihrem Nachttisch stand, oder suchte ihr sonst zu helfen. Innerster Drang trieb sie dazu. Doch die Alte hatte auch liehtere Stunden, wo nicht schreckliche Gespenster der Vergangenheit sie bedrohten, sondern sie sang zuweilen mit ganz!deiner, dünner, gleichsam vergilbter Stimme ein jiddisches Volksliedchen, einen-drolligeii jiddischen Tanz, ganz fein, in höchsten Tönen, die sich wie kleine Glaskugeln dünn klirrend überschlugen. Jüdisches Volk lebte in ihr, eine naive Tochter jiidischer Masse war dies, eine schmerzzerrissene, jüdische Mutter zugleich, die alles Judenleid erfahren hatte, was hatte denn Noemi davon gewußt! Jetzt lag sie hier, krank und gebrochenneben dieser Alten, die ihr ein trauriger Spiegel ihres eigenen Elends erschienen war und beider Stimmen vermählten sich zuweilen in einen besinnungslos eintönigen, traurigen jüdischen Sang: Oi, oi, 0-i, o-i, oi, oi — So ging es endlos mit schwermütiger jüdischer Volksmelodie, die plötzlich in Schluchzen überging. Wie aber die Alte hörte, daß die Junge neben ihr weine, streckte sie ihr wimmernd die Hände entgegen: ״Nit weinen, Feigele, Taibele, du wirst sain gesind, du wirst sain a Kalle, ich wer kimmen tanzen auf dairt Chassene!“ Sie wie ein Kind, wie ihre eigene junge Tochter zu betrachten, hatte die Alte sich gewöhnt. Und sie ächzte und stöhnte, wenn Noemi litt. Wie sie so beide lagen, miteinander sprachen, einander trösteten — Noemi bemühte sich krampfhaft, das mssische Jiddisch der Alten nachzuahmen —, zusammen sangen, zusammen weinten — da wurde es Noemi zuweilen bewußt, daß sie jetzt mitlitte aus den tiefsten Gründen des Judenleids. Dann wurde ihr dies oft unerträglich, niederdrückend, überwältigend in seinem Grauen, daß sie jetzt tief, tief unter der Erde läge, sieben Klafter tief, wo die Gräber sind. Doch dann stimmte die Alte ein fröhliches Tänzel an und die anderen Frauen fielen mit ein. Lauter jüdische Frauen — jüdische Leiden — jüdische Lieder. Joseph Kessel Joseph Kessel hat für seinen Novellenband ״Les eoeurs purs“ (Gallimärd, Paris) den Romanpreis der Akademie erhalten. * Kessel erzählt mir über sein Leben; er erzählt beinahe mürrisch und widerwillig, als wäre Erinnern mühsam und Erzählen Arbeit, einzelne Satze, abgerissene Worte — es liegt nicht Form noch Gestalt darin ... er ist zu Ende. Man geht fort, etwas unbefriedigt ... da beginnt es leise nachzuklingen. Schon umfängt mich nach der Stille der Vorstadt das rasende Paris bei Porte d’Orlcans; ich glaube, in Paris zu sein und bin es doch nicht, denn neben mir, rings um mich sind fremdartige Gestalten aus andern Ländern und andern Zeiten. Sie leben, sind bluterfüllt und stark, stärker als das brausende schäumende Leben um mich. Die Gestalten verbinden, verketten sich, von Geschlecht zu Geschlecht, sind Geschichte, die Geschichte des jüdischen Volkes, erzählen von jüdischem Kampf und Heldentum und jüdischer Stärke. Jüdisches Heldentum und jüdische Stärke; ein eigenes Heldentum und eigene Stärke; sie galten lange nicht, so lange im Dreinschlagen allein das Ideal lag. Die letzten Jahre haben Wandel geschaffen; ein neues Heldentum wurde Begriff. Aus solchem Heldengeschlecht stammt Kessel; Reinzucht aus diesem Heldentum. Auch im Jüdischen gibt es heldische Reinzucht. Der Großvater väterlicherseits war Rabbiner und Schriftgelehrter in Schauien, die Landessprache im Hause streng verboten. Bis zum vierzehnten Jahr spricht Kessels Vater kein Wort außer Jiddisch und Hebräisch. Heimlich in der Nacht beginnt er russisch zu lernen und zu lesen; macht heimlich die Prüfungen fürs Gymnasium. Doch die Universität ist ihm verschlossen. Er entschließt sich, mit zwanzig Jahren nach Paris zu gehen; vierzig Francs im Vermögen und kein Wort Französisch. An einem Roman Victor Hugos lernt er die Sprache. Ein Jahr später ist er an der Universität und studiert Medizin. Der Großvater mütterlicherseits lebt im Ansiedlungsrayon; er bäumt sich auf gegen den Begriff des Zwanges und der Enge. Mit einem Freunde flieht er in den Ural. Das eine Paar Schuhe, das die beiden Freunde besitzen, wird auf dem Marsch abwechselnd getragen; die Wäsche auf dem Leibe gewaschen, weil ein zweites Stück zum Wechseln fehlt. In Orenburg finden sie Unterschlupf; die Kammer ist so klein, daß sie quer von einer Ecke zur andern auf dem Boden liegen müssen, um sich auszustrecken. Aber selbst diesem Elend mißgönnt das Gesetz jede Regung. Kein Erwerb ist ihnen erlaubt, nicht der armseligste Handel. Namen und Schutz eines christlichen Russen braucht Kessels Großvater, um einen kleinen Handel zu beginnen. Der beste Teil des Ertrages wird für diesen Schutz verbraucht; doch es geht, es geht vorwärts; der Handel wächst, ein Kaufhaus ersteht; die Idee ist für jenes Gebiet neu; sie schlägt ein, faßt Wurzel, Boden; ein zweites, ein drittes Kaufhaus wird angeschlossen, bald dehnt sich über den ganzen Kaukasus ein Netz dieser neuen Geschäftstype — aber — jüdisches Schicksal — Zahlungsschwierigkeiten, Zusammenbrach! Dreimal baut der Alte auf, dreimal bricht er zusammen, bis er am Ende doch oben bleibt. * Der Vater ließ sich als Arzt in Paris nieder, ging als Vertragsarzt in die Baron Hirsch’schen Kolonien nach Argentinien. Dort ist Joseph Kessel vor dreißig Jahren geboren. Er kam in frühester Kindheit zurück nach Europa — Frankreich — Rußland. Er genoß eine völlig assimilierte Erziehung. Judentum war lange ein fremder Begriff. Jetzt soll er verstehen lernen. 1905 waren die Pogrome in Rußland; die Panik dringt bis nach Orenburg, dem damaligen Wohnort der Familie. Joseph Kessel wurde bei befreundeten Christen versteckt. Solche Dinge vergißt man nicht; sie schaffen unzerstörbare Bande. Er war später seit seinem zehnten Lebensjahr in Frankreich, zuerst in Nizza, dann in Paris, jüdischem Leben fremd und fern, aber die Bande des Blutes sind geblieben. Bei Kriegsausbruch begeistert er sich für die französische Sache, wird — er, der athletische Jüngling — mit achtzehn Jahren Kriegsfreiwilliger, wird französischer Fliegeroffizier. Zu Kriegsende war er eben mit einem Fliegergeschwader auf der Fahrt über Amerika nach Ostasien zum Kampf gegen die Bolschevviken. Er lernt nun die ganze Welt kennen, Amerika, China, Japan und immer wieder Rußland, schöpft überall, das stärkste aber nimmt er doch aus dem Judentum. ״Wenn ich so einen armseligen, zerlumpten jüdischen Händler aus dem Osten sehe, spüre ich doch, daß von allen Menschen er mir am nächsten steht.“ Noch weiß Kessel nichts von Zionismus, noch ist ihm der Gedanke jüdischen Eigenlebens, jüdischer Erneuerung fremd, ist ihm lächerliche Utopie. 1926 begegnet er Weizmann — ״einer der ganz großen Männer“. ״Lachen Sie nicht,“ sagt ihm Weizmann, ״ehe Sie gesehen haben". Und Weizmann, der den Gewinn eines solchen Kämpfers für die Sache spürt, nimmt ihn nach Palästina mit. Kessel geht, mit der Absicht, abzulehnen — so abgebraucht fand er die traditionelle Begeisterung. Kessel sieht, sieht die Kolonien und glaubt; ״ein neuer Glaube“, den •er gefunden: ״Das große Erlebnis seit dem

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