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Jüdische Rundschau · 1927-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1927) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 79/80, 4 X. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 509 Literatur-Blatt Dem ״Buch vom Lande״ zum Geleit*) Von JakobFichmann. Die sechshundert Seiten dieses Buches entrollen vor uns die Chronik des Volkes, das von seinem Heimatlande verstoßen ward: all das mächtige Sehnen nach dem verlassenen Boden, das sich zuweilen in sprachgewaltigen Schöpfungen der Poesie ausspricht, dann wieder in alten Berichten, die mehr stammeln als erzählen und — zum allergrößten Teil — in ohnmächtigen Briefen reiner Seelen, die der Stimme ihres Herzens folgend in dunkelsten Zeiten das Nest in der Fremde verließen und kamen, um dem Boden ihres teuren Landes die Liebe zu schenken. Aus ihnen allen hallt das gleiche und sich gleichbleibende Echo wieder; das Echo des Hilferufes der Nation um die geraubte Heimat. Nie ist der Ruf zur Ruhe gekommen. Diese zarte Flamme, zu Zeiten mächtig entfacht und dann wieder dem Augenschein ersterbend, war das einzige Zeichen von Leben, von wahrhafter Existenz — das deutlichste Signal dafür, daß das Volk sich dem Verzicht noch nicht preisgegeben hat. Dieses sanfte Palästina, das Ruhe und Weltfrieden ausstrahlt, war doch auch stets Sturmzeichen zu Auflehnung und Widersetzung, zur Erhebung des Banners für die Mutigen im Volke, für jene, die mit der Schande des Lebens keinen Frieden zu schließen vermochten. Gleich den Feuerzeichen, die man zur Neumonds- und Festesverkündigung auf den Gipfeln des Berges zu entzünden pflegte, waren die einsamen Wachten, die in jeder Generation die verlassene Heimat suchten, Zeichen, die stets die Tage des Aufbruchs verkündeten, die gekommen seien, und das Fest der Umkehr, das nahe bevorstehe. Was immer das Volk an beständiger Schöpfung hervorgebracht hat, ist gesättigt und gekräftigt von diesem Weckruf, dem fernen Klingen, das sich von Stadt zu Stadt und von Land zu Land fortsetzte, um, wo immer es gehört wurde, den Geist zu Sammlung und Blüte 2u bringen, der in der Fremde umhertappte. Das waren die lebendigen, vom Wind dahergewehten Samen, und da sie in die herbstlichen Gärten fielen, trieben sie jeden Schößling und jeden Zweig, in dem noch ein Rest von Frische war, zu neuem Leben an. Nie hat uns die innige Liebe zum Ursprungsland verlassen. Sie ist es, was die Beständigkeit der tausendjährigen Wanderung in einem Uebergangsaufenthalt verkehrte, und das Land, das wir nur noch vom Hören kannten, in unsere echte, einzige Heimat. Unter vielen Himmelsstrichen sind wir dahingezogen und auf Böden mannigfaltigster Frucht haben wir unsere Zelte errichtet; manchmal lernten wir ihren Schatten lieben, fanden an ihm Gefallen und ließen uns für lange Zeit nieder. Nie aber hat der Genius der Nation auch nur für eine Stunde auf die Quelle seines Seins verrichtet und .. über a’l dem war Segen ausgespannt, was den Schollen des ersehnten Landes verbunden war; wo aber sein Gedächtnis entflammt war, da pulsierte das Blut in neuer Jugend, da erwachte alles zu Stärke, Kraft des Duldens und Durst nach Schönheit. Menschen kamen und gingen» Hier über diese Felsen er» gossen sie die Flut ihrer Sehnsucht. Und wenn die Ermüdeten gingen, kamen Neue an ihre Stelle, gegürtet mit neuem Glauben und neuen Kräften. Das Land hat sie nicht alle aufgenommen. Von jeher galt die Erkenntnis, daß es nur den Reinen gelingt. In tausend Formen hat sich der Gedanke ausgeprägt, daß das Land nur seine Erwählten aufnehme. Angefangen von den ersten Exulanten Judäas bis zu den Chaluzim unseres Geschlechts erkannten alle, daß hier ein eigentümliches Vorrecht besteht, eine Art von Berufung, die nicht jedem zuteil wird. Das ist das Gefühl der eigentümlichen Gnadenfülle, die dieses Land ergießt, ein verborgenes Geschenk des lokalen Genius, die alle Leiden ertragen hilft, und es bewirkt, daß der Zurückgekehrte am Lande hängt und in ihm Wurzeln schlägt. Die Kabbalisten und nach ihnen die eingewanderten Chassidim, die mehr Naturmenschen und mit einer inneren, hinter die Schale dringenden Schau begnadet waren, prägten tiefe Gedanken über diese Fähigkeit der Eimvurzelung. Mit der ihnen eigenen Schärfe betonen sie immer wieder, daß es eine eigentümliche palästinensische Haltung gäbe, eine Art von Blutbund und Verknüpfung zwischen dem Lande und seinen Einwanderern, und daß nur diese zu jener Selbsterhöhung gelangen, zu jener örsprungsnähe und vollständigen Umkehr im Begreifen des Lebens, welche die vollständige Erlösung des Menschen ist. Im Chassidismus sah man die Rückkehr ins Land als neue Geburt an, die den Menschen die Welt erst in ihrem wahren Lichte zu sehen befähigt und in seinem Schoße geschah es auch, daß man, zuerst nach den Propheten, den Segen der Armut predigte, welcher die innere Vervollkommnung mit sich trägt. Von vornherein war den Kabbalisten und später den Chassidim der Zug nach Palästina der Prüfstein für die Stufe, die ein Mensch erreicht hat, und für die Würde seiner Seele — Palästina galt ihnen allen als entscheidende Prüfung. Derart war Palästina zu allen Zeiten der Brennpunkt des jüdischen Geistes. Sobald nur das Verlangen nach Erlösung angestiegen war und die Besten im Geschlechte in mächtigem Erwachen den Aufbruch wagten, erfüllten sich die Geister sogleich mit dem Hauch neuen Lebens und ein höheres Licht erhellte sie. De zerstreuten Glieder der Nation verwandelten sich wieder in einen lebendigen Körper mit Kraft und Willen. Das Eis schmolz dahin und Frühlingswärme erfüllte die ganze jüdische Welt. Das waren die Gnadenstunden des Volkes, in denen, was in den Gcheimkamnicrn seiner Seele noch an reinem Gute bewahrt war, die Erfüllung fand und ans Licht der Welt drang. Jede Berührung mit dem Lande ließ in der Seele des Volkes Träume aufsteigen. Mit dem Gedanken des Landes verbanden zu allen Zeiten die Großen der Nation die Erfüllung des Lebens, den Aufstieg des einzelnen Menschen. Die Rückkehr ins Land war eine Rückkehr zu Gott, der Schlüssel zum Himmelstor, die Quelle aller Reinheit. Mit und ohne Wissen fühlte das Volk beständig, daß das Exil mit Notwendigkeit erniedrigt, schlecht macht, daß die Feme von den Triften des Ursprungslandes es verwehrt, sich in die Sicherheit von Gottes Erbe zu bergen — und daß nur das Festhalten am Lande, und sei es auch nur aus der Ferne, davor bewahrt, abzusinken. *) Aus dem kürzlich im Verlag ״Dwir“ (Tel-Awiw) erschienenen Buch ״Sefer Haarez“ (Das Buch vom Lande). Eine Anthologie der Palästinaliter#“*• J1ar Zeiten. Blinde Geschlechter, äußerlich an den Sinnen geschlagen und innen von den Feuern Gottes verzehrt, kamen sie, eines dem anderen folgend. Sie verstanden es nicht, ihrem geheimen Herzenswunsch einen Namen zu geben, sie besangen nicht Pracht des Himmels noch Schönheit des Landes — geschlossenen Auges folgten sie dem Rufe, der aus dem Verborgenen kam, warfen sie sich wie vom Blitzschlag Getroffene über den geliebten Boden her. Nach ihnen sind nicht Lieder noch Hymnen geblieben, aus ihrem heiligen Stammeln aber vernimmt man die Fülle der Schmerzesfreude von Weltverwaisten, die dem Unheil entronnen, sich hier, auf dem Felsen der Ewigkeit, verschanzten. Nur diese von Liebe Ergriffenen, in deren Blut Tag um Tag und Augenblick um Augenblick die Erinnerung des Glückes jubelte, dessen sie teilhaftig geworden, in deren Herzen das Gebet der Nation um die Tage des Messias Eingang gefunden hatte, um daraus aufzusteigen — nur sie hat sich das zerstörte Land einverleibt, daß all ihr Leben, äußerlich ein Leben der Armut und des Duldens, zu einem einzigen Schrei der Wonne über das Schicksal ward, das über ihnen erstrahlte. Von solcher Art waren die Zurückkehrenden, die uns jedes Geschlecht stellte, wenn es nicht ganz verwaist war. So ziehen sie hintereinander an uns vorbei. Zwischen Galiläas Bergen, deren Klüften sich für alle Zeiten die trüben Blicke der Gottesglorie elngestempelt haben, unter den ewig leuchtenden Sternen Safeds, an den stillen Seeufern des Kinereth und in den düsteren und geheimnisvollen Winkeln der Stadt Davids gehen aufrechten Schrittes Männer einher und gleichen stets Menschen, die Wundern entgegenschreiten. Alles gilt ihnen als Hinweis auf die Erlösung, die bald anbricht, alles scheint ihnen bereit und gerüstet, die Stunde der Gnade zu empfangen. Das waren die Frühaufsteher, die Erwecker des Morgens. Aus ihrem Gebete und ihren Tränen blühten die Gräber auf, blitzten Trümmer von Schwertern und Legenden wurden in alle Enden des Exils ausgesät, welche Traum und Trunkenheit über die Kinder und Einfältigen im Geiste brachten, und wenn sie nicht die Kraft zum Aufbruch stauten, so lebten sie doch in Herz und Seele weiter, daß die Augen nach den Wachten verlangten, die ihrer in der Ferne harrten. Und so gingen Wachten dahin und neue kamen. De verborgenen Kräfte wurden in einzelnen und kleinen Gruppen Gestalt, die wie bange Vögel sich ermutigten und in gewissen Abständen von allen Enden der Erde kamen. Mit einemmal erfaßte das Feuer alle Winkel des Exils, ohne daß jemand wußte, wieso und warum. Aber all diese Aufbrüche waren gleichsam Prüfung vor dem Fürsten der Nation. Sie waren alle ״Tage der Zählung“, Stufen der Bereitung auf den großen Tag. Das Geschlecht war nicht bereit. De Herzen waren zu klein, den Messias-Gedanken zu erfassen. Er zersprühte in Funken und fand nicht die Kraft, umzuwälzen, das Volk von seiner Ruhestätte aufzufichten. Unzählige Kräfte verschlang der Rache» der Verwirrung. Schwärmer mit mächtigem Glauben, aber verwirrtem Blick brachten über die vom Ungemach gepeinigten Masse» den Geist der Verwirrung, versprachen, den Felsen zu erobert, um wie schadhafte Schfffe an ihm in Trümmer zu gehen. Sie waren zu früh gekommen und es fehlte noch die Kraft zur Geburt des großen Gedankens. Das Exil, welches die Gestalt der Menschen zerdrückt hat, drückte auch auf das Denken. Es gebrach an dem Mut, sich zu erheben, bis ans Ende zu denken, die tragende Säule zu umfassen: — den Traum des Reiches. Das zerstörende Exil, das jeder Erhebung sein niederhaltendes Joch aufpreßt, es ist das genaue Gegenteil des ״Reiches“, welches bedeutet: ganze Erhebung und Fülle des Lebens. Nur wenige waren es, denen Flügel wuchsen. Diese rätselhaften, wundersamen Männer verstanden es, mit ihrer herrliehen Phantasie den versteinerten Wald der Generationen erbrausen zu lassen, Zehntausende von ihrem Orte zu reißen und in alle Ecken des Ghetto Zittern und Hoffnung zu tragen. Diese Fürsten der Einbildungskraft, die den Traum des Reiches träumten, Könige und Päpste bezauberten und denen ihre Phantasie wahrhafter schien als die Wirklichkeit, sie waren die Herolde jenes Rabbi der Träumer vom Donaustrand, der auch nach dem schrecklichen Sturz nicht fürchtete, seinen Kopf in den Feuerkreis zu tragen, um dann aufs neue die Hand nach dem goldenen Szepter auszustrecken. Deses Geschlecht zeichnet sich dadurch vor allen vorangegangenen aus: es ist wieder zu dem Gefühl erwachsen, daß alles bisher Erreichte nicht mehr ist als eine Vorahnung des großen Gedankens; daß die Zeit gekommen ist, Ernst zu machen und für immer Boden zu fassen. Herrschaft — ungleich der Schwärmerei, welche die Zerstörung stets in sich trägt, vielmehr als Geburt des Volkes, dessen Kraft mit dem Wachstum seines Traumes wächst. Die Herrlichkeit des Reiches — als ewiger Imperativ zur ganzen Größe und Fülle der Verpflichtung. Dieser Art ist der Gedanke, der mit seinem Pflug von Gold ewigen Boden gepflügt hat und uns die Schild wache erstellte, die das Ende des Schwankens bedeutete und den Wall gegen schwächliche Begleitgefühle, die zur eisernen Mauer gegen alle Schlaffheit wurde und gegen jeden niedrigen Gedanken. Jene fortschreitende Bereitschaft, die Fähigkeit, Palästina ohne Furcht und bedingungslos zu empfangen: als Schicksal und Gnadengeschenk zugleich. Das ist das Erhebende dieser Epoche und ihre Größe. In ihr sind wir dem entscheidenden Augenblick gegenübergestellt. In ihr haben wir uns zu Herren unseres Schicksals gemacht. Dchtergriffel und sich mühende Hände haben die Zeichen dieser Tage voller Glanz und Beben in das Gedächtnis eingegraben. Nicht immer ist der Ausdruck in Poesie und Schrifttum in Uebereinstimmung mit der Größe der Epoche. Allein jeder Aufbruch und jeder dazu unternommene Versuch war in der Schicht der Generation von seelischem Glanze umkränzt, dessen Tiefe sich dem Ausdruck verwehrt. Auch die bösen Erfahrungen nährten die hungrige Volksseele und gaben Ihrer verstummten Poesie für lange Zeit die Sprache wieder. Viele von den Wachten schwanden hin und viel von ihrer edlen Größe ist der Vergessenheit verfallen. Aber jeder geringfügige Same, der hier, in dieses Erdreich fiel erwuchs zum Segen und alle Epochen, da Palästina von den Seinen verlassen war, sind wie verschlossene Abschnitte und Zeiten der Unterbrechung in der Oeschichte der Nation, gleich als ob die einzige Quelle sich versagte und alle Rinnen der Betrachtung sich verschlossen hätten. (Aul dem Hebräischen.) Hendel Maranz (״Mendel Maranz“, Roman von David Friedmann.) Von Sch. Gore 11 k. Den ernsten Betrachter des jüdischen Volksschicksals wird das keimende nationale Leben in Palästina, trotz der Qröße der hier verborgen liegenden Hoffnung, dennoch über zwei Tatsachen nicht hinwegtäuschen können, an die zu denken man stets gezwungen ist. Das sind: erstens der gewaltige Niedersich der Assimilationsprozeß des amerikanischen Judentums vollzieht, die alle bisherigen Prozesse dieser Art in Schatten stellt. Das bittere Schicksal des osteuropäischen Judentums und die Notwendigkeit, bei dem beginnenden Aufbau Palästinas vor allem an die Beschaffung der dazu gehörenden materiellen Mittel zu denken, brachten es mit sich, daß unsere Beziehungen zum amerikanischen Judentum sich nur auf die Betrachtung oder dankbare Bewunderung seiner philanthropischen Leistungen beschränkte. Diese philanthropische Fassade raubte uns den Ausblick auf jene äußere und innere Wandlung, die die amerikanische Judenheit durchmachte, eine Wandlung, hervorgerufen durch die unheimliche Anpassung an einen Lebensstil, an ein Lebens־ prinzip, die dem tieferen jüdischen Wesen fremd waren. Vor clem Kriege aber hatte das Ostjudentum eine viel freiere, weitere Auffassung von diesen Dngen. Es wußte, daß der Preis, den der ausgewanderte Teil des jüdischen Volkes für seine bessere ökonomische und politische Lage zahlen mußte, ein sehr hoher war. Wesentliches wurde dafür abgegeben, abgetan. Dieser Tatbestand weckte Gefühle des Mitleids für die Brüder jenseits des Ozeans und gleichzeitig eine gewisse Geringschätzung ihres erworbenen Glücks. Merkwürdig, daß diese ausgewanderten Brüder es Jahrzehnte hindurch selbst wünschten, bemitleidet zu werden, sie waren sich selbst noch nicht im Klaren über den Wert ihres Glückes.... Tausende und Abertausende bekamen auch vor dem Kriege von ihren amerikanischen Verwandten materielle Hilfe, aber in den Briefen, die Dollarschecks begleiteten, war immer die Klage zu vernehmen über die Enge und Seelenlosigkeit des Lebens. Immer hieß es: Es geht uns materiell zwar gut, aber die Seele leidet. Das strenge, eiserne Prinzip des nur Materiellen war der Grund für diese Klagen in den ersten Jahren. Wie gesagt, das Ostjudentum löste die Dollarschecks von den Verwandten ein, aber die große, starke Welt jenseits des Meeres wurde ״Ameritschke“ genannt, und die Art, wie man dies aussprach in Verbindung mit dem Mienenspiel, zeugte eher von allem anderen als von Begeisterung. Vielmehr kam da die Ablehnung einer Welt zum Ausdruck, ln der nicht allein die Gemütlichkeit und Gemächlichkeit des Lebens, sondern auch die kostbarsten Substanzen der Volksseele verlorengegangen sind. Man sagte ״Ameritschke“ und wollte damit ein Unbehagen ausdrücken über das Aufheben, das Nichtgelten-lassen jenes geheiligten Prinzips, von dem das jüdische Leben während seiner ganzen Geschichte durchdrungen war: Das Prinzip der Geistigkeit. Die Wirtsvölker, unter denen die Juden lebten, überließen ihnen nur den Handel, den Geldtaumel, und trotzdem blieb doch nur das Geistige die oberste Instanz des jüdischen Lebens. Man wußte zu gut, welche Kraft und Macht dem Gelde eigen ist, und man war eifrig dabei, es zu erwerben, aber man erhob es niemals zum alleinigen Maßstab, nach welchem ein Mensch zu beurteilen und zu behandeln ist. Es klang natürlich eindrucksvoll, überzeugend, wenn man sagte, ״er is a Jid a Nogid“, aber nicht minder eindrucksvoll und überzeugend klangen auch die Worte: ״Er is a groisser Lamden.“ Undenkbar dafür die so bekannte amerikanische Wendung: ״O, der, er ist doch hunderttausend Dollar wert.“ De Assimilation der jüdischen Massen in Amerika besteht nicht nur in dem allmählichen Vergessen der jüdischen Sprache, in dem fortgesetzten Abstreifen wertvoller Kultureigenschaften, es ist die Assimilation an ein fremdes Lebensprinzip, diametral entgegengesetzt jenem, das die stärkste Kraft des jüdischen Volkes in seinem geschichtlichen Daseinskampf bildete. Die Entfremdung, die innere Abwanderung von der europäischen jüdischen Welt, die diese Assimilation an amerikanisches Wesen zur Folge haben wird, wird eine viel stärkere, tiefere sein, als die Entfremdung, die seinerzeit zwischen dem Ostjudentum und dem der Assimilation verfallenen Teil des westlichen Judentums entstanden ist. Damals war doch das Grundprinzip, die Geistigkeit, dasselbe geblieben, ln dem Enkel des ehemaligen Mendelssohn-Jüngers konnte man Wesenszüge eines Rabbi wahrnehmen, die Enkel aber der jüdischen Eingewanderten in Amerika zeigen schon heutzutage Symptome jener drohenden Entfremdung auf, die alle Spuren einer Angehörigkeit zum geistigsten Volk der Welt verwischen wird. Vielleicht wird es dem Ostjudentum in nicht allzu ferner Zukunft noch vergönnt sein, sich wieder aufzurichten oder wenigstens sich so zu erholen, daß es nicht mehr nötig haben wird, Empfänger der Wohltaten des amerikanischen Bruders zu sein, dann wird der kritische Blick, der inzwischen verlorengegangen ist, wieder scharf werden, und man wird staunen über den hohen Preis, den der Bruder für den Wohlstand, für den materiellen Ueberfluß gezahlt hat, man wird staunen über die Größe der geistigen und seelischen Schätze, die im jüdischen Amerika verlustig gegangen sind.... Zu diesen Gedankengängen gab die Lektüre des aus dem Englischen ins Russische übersetzten Buches ״Mendel Ma־ ranz“ des amerikanischen jüdischen Schriftstellers David Friedmann Anlaß. Dieser Roman, aut den ich ganz zufällig autmerksam wurde, brachte die Erfüllung eines heißen Wunsches: wenigstens in der Literatur einen jüdischen Heiden zu sehen, in dessen Seele das alte, tausendjährige Prinzip der Geistigkeit lebendig ist und der dank diesem Prinzip die innerliebe Stärke besitzt, nicht nur allen Lockungen des nur Materieilen zu widerstehen, sondern eine solche Lebenseinstellung und Lebensauffassung der Lächerlichkeit und der Verhöhnung preiszugeben. Mendel Maranz ist der Held des New Yorker jüdischen Ghettos, der dieses vollbringt, und gewiß wird er, einmal dem breiteren jüdischen Leserpublikum bekannt, zu seinem Lieblingshelden werden. Man wird ihm Dank wissen für das Befreiende, Erfrischende seiner Lebensphilosophie, seiner Lebensweisheit, die er nicht in einer idyllischen Kleinstadt der alten Heimat, sondern in dem gewaltigen New York anwendet und durch Taten bekräftigt. Mendel Maranz, meistens arbeitsloser Techniker, erfolgloser Erfinder, denkender Kopf, Mieter einer elenden Proletarierwohnung und Vater vieler Kinder, liebt es, vor seiner Familie, vor seinen Nachbarn und sonstigen Mitmenschen mit der unversiegbaren Quelle von Sprüchen und Gleichnissen aufzutreten. Sie bilden für ihn eine wirkungsvolle Waffe, mit der er seine Frau Seide, die ihm die Armut, die Erfolglosigkeit vorwirft, zum Rückzug zwingt. Er ist ein Schlemihl aus Prinzip in einer Welt, in der derartiges als unverzeihlich gilt. Seine ständige Pose ist die des erhobenen Fingers, mit der er jedes Dozieren

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