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Jüdische Rundschau · 1927-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1927) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 308 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80, 4. X. 1927 Vom Hilfs verein der Deutschen Juden Der Präsident des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Dr. James Simon, lud die Vertreter der Presse für den 29. September, zu einem Tee in das Heim von Herrn und Frau Berthold Israel. Es erschienen Vertreter der großen deutsehen Presse, der Presse des Auslandes und der jüdischen Presse. Dr. James Simon berichtete aus der Geschichte des Hilfsvereins seit dessen Gründung im Jahre 1931. Er verweilte länger bei den auswärtigen politischen Aktionen des Hilfs- Vereins und bei dem umfassenden Hilfswerk in der Kriegs• zeit, das von dem verstorbenen Dr. Paul Nathan unter Mitwirkung von Dr. Bernhard Kahn, dem jetzigen Leiter des Europawerkes des Joint, geleitet wurde. Er zeichnete ein Bild von dem einst mustergültigen Schulwerk des Hilfs- Vereins im Orient und schilderte die Gegenwartsarbeit des Hilfsvercins, die jetzt vornehmlich in der ausgedehnten Emigrantenhilfe, der Waisenerzielumg, der Hilfe für ausländische Studierende usw. besteht. Er kündigte an, daß der Hilfs• verein nunmehr daran geben will, seine Hilfs- und Wiederaufbaufätigkeit zugunsten der Juden in den osteuropäischen Ländern, mm Teil auch im Orient, wieder aufzunehmen und erbat sich für diese erneuerten Aktionen die Unterstützung der Presse. Dr. Mark W1'Schnitzer, der Generalsekretär des Hilfsvereins, der Dr. Paul Nathan aut dessen letzter Rußlandreise begleitet hatte und vor kurzem im Aufträge des Hilfsvercins wiederum eine Reise durch die jüdischen Kolonien und Siädte in Rußland unternommen hat, gab Bericht über seine Eindrücke und zeichnete das dort vor sich gehende Wiedcratifbauwerk. ln den Grenzen der Sowjetrepubliken ist an Stelle der Auswanderung nach dem Westen und den überseeischen Ländern die Binnenwanderung getreten: ein Prozeß, der die einschneidende wirtschaftliche Umwälzung zum Ausdruck bringt, die die Juden durchmachen. Mit der Verstaatlichung von Handel und Gewerbe wurde der jüdischen Bevölkerung die ökonomische Grundlage entzogen, die sie sich nun zu schaffen sucht in der Landwirtschaft, in der Industrie und in einigen Kleingewerben. Diese Umstellung ist Tür die russischen Juden eine Existenzfrage. Die Sowjefregierung unterstützt die Landansiedlung der Juden durch Ueberlassung von Grund und Boden. Der Agro-Joint, eine Zweigorganisation des Joint, die Ica und verschiedene andere Gesellschaften leihen ihre Mithilfe bei der Finanzierung und Durchführung der Kolonisation. Der Hilfsverein hat seine Popularität in der jüdischen Bevölkerung Rußlands nicht eingebüßt. Seine Bereitschaft, sich an der Arbeit wieder zu beteiligen, wird freudig begrüßt. Eine Reihe wichtiger Aufgaben ist bei dem Wiederaufbauwerk: noch zu erfüllen. In den Kolonien herrscht großer Mangel an Krankenhäusern, Ambulatorien, Badehäusern, Schulhäusern, Kindergärten und Kleinkinderbewahranstalten. Die Lehrwerk- Stätten in den städtischen jüdischen Gewerbeschulen bedürfen dringend weiterer Ausgestaltung. In der aufbauenden Arbeit aut diesen Gebieten kann die Leistung der deutschen Wirtschaft und Technik von großer Bedeutung werden. Der Hilfsverein richtet einen dringenden Appell an die uden Deutschlands, die Mittel herbeizuschaffen, die ermögeben sollen, sein Programm zu verwirklichen. Zum Schluß schilderte Winfried Israel plastisch und eindrucksvoll seine Erlebnisse aut einer Rußlandfahrt und den Kampf der russischen Judenheit um physische und wirfschaftliche Regeneration; ein Kampf, der von der Judenheit in allen Ländern unterstützt zu werden verdient. Der Hilfsverein der Deutschen Juden beschloß, einen Aufruf an die Judenheit in Deutschland zu richten, in dem es heißt: ״Seit dem Ende des Weltkrieges ist der Hilfsverein der Deutschen Juden nicht an die Glaubensgertossen mit der Bitte herangetreten, größere Mittel für seine Aktion zur Verfügung zu stellen. Jetzt glaubt der Hilfsverein die Zeit gekommen, zur Fortführung seiner Arbeit in Deutschland auf dem Gebiete der Emigranten-, Pogromwaisen- und Studentenfürsorge, sowie zur Wiederaufnahme seiner Tätigkeit in Rußland und im Orient (auch in Palästina? Red.) die Mitwirkung der deutsehen Juden wieder in stärkerem Maße in Anspruch nehmen zu dürfen. Unter dem Drucke wirtschaftlicher Not- Wendigkeit vollzieht sich gegenwärtig in Rußland der Uebergang der Juden zum Ackerbau und zur industriellen Arbeit. >1e zuständigen russischen Behörden fördern die ländliche \Ansiedlung der Juden, die großen jüdischen Wohlfahrtsgesellschäften beteiligen sich an ihrer Durchführung. Der Hilfsverein, der als Vertreter der deutschen Judenheit für jüdische Auslandshilfe in Deutschland seit Anfang des Jahrhunderts den Juden in Osteuropa und im Orient in bewegtesten Zeiten zur Seite gestanden hat, rechnet auch jetzt auf die tatkräftigste Unterstützung der deutschen Juden, die es ihm ermöglichen soll, an der Lösung der zurzeit im Vordergründe stehenden großen Aufgaben mitzuwirken. Am 15. März 1927 ist Dr. Paul Nathan, einer der Begründer und Führer unserer Organisation, nach kurzem Leiden tiefbetrauert aus dem Leben geschieden. Wir deutsche Juden ehren sein Andenken auf die würdigste Weise, wenn wir für das.jüdische Hilfswerk das Lebenswerk Paul Nathans, unsere ganze Kraft einsetzen, Unsere Sammelaktion beginnt im September 1927 in Berlin und im Reiche. Spendet und werbet für «nsere Aktion.“ Unterzeichnet ist der Aufruf 11. a. von Dr. h. c. James Simon als Vorsitzender, Generalkonsul Eugen Landau als stellvertr. Vorsitzender, Curt Sobernheim, Direktor der Commerz- und Privatbank A.-O. als Schatzmeister, Bankdirektor M. Joachimssohn als stellvertr. Schatzmeister, Prot, Dr. Moritz Schaefer als Schriftführer, Frau Henriette May als stellvertr. Schriftführerin, ferner von Rabbiner Dr. Leo Baeck, Berlin; Justizrat Dr. Blau, Frankfurt a. M.; Dr. Cohn, Staatsrat a. D. und Justizrat, Dessau; Berthold Israel, Inhaber der Fa. N. Israel, Berlin; Dr. Bernhard Kahn, Berlin; Georg Marx, Königsberg; Hermann Marx, Direktor der Deutschen Bank, Filiale Königsberg; Dr. Mayer, Geh. Oberregieningsrat, Karlsruhe; Prof. Dr. Eugen Mittwoch, Berlin; Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, Präsident des Verbandes Bayrischer israelitischer Gemeinden, München; Prof. Dr. M. Sobernheim, Berlin; Berthold Timmendorfer, Geh. Justizrat, Berlin; Mas M. Warburg, Hamburg u. a. m. * Der Hilfsverein scheint, wie aus dem obigen Berichte und dem Aufruf hervorgeht, seinen traditionellen Wirkungskreis — Schulwerk, Krankenfürsorge, Auswandererhilfe — erweitern zu wollen. Hoffentlich wird das zur Vermeidung von Reibungen und Doppeladministration für den gleichen Zweck im Einvernehmen mit den Organisationen, die bereits in der Sowjetunion arbeiten, wie Joint, Ort, Ica usw., geschehen, ln der Hilfsarbeit, und gerade in dieser, ist Rationalisierung zwecks Erreichung des größtmöglichen Effekts unumgänglich. Jerusalem, 30. September, (J.T.A.) Die Polizei kam einer Verschwörung nationalistischer Araber gegen gemäßigte arabische Politiker auf die Spur. Es bestand der Plan, den Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi, und mehrere andere Politiker gemäßigter Richtung zu ermorden. Bisher wurden fünf Araber verhaftet, unter ihnen ein Beamter des von den Nationalisten beherrschten obersten mohammedanischen Rates. Der 3. Minderheitenkongre$ Von Dr. RudolfLevy. ״Der Kongreß stellt fest, daß im letzten Jahre nicht nur keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Lage der nationalen Minderheiten eingetreten ist.“ Diese Resolution beweist die Existenzberechtigung des Minderheitenkongresses und die große Aufgabe der zusammengeschlossenen Minderheiten. Und wenn Motzkin, der den Kongreß im Namen der jüdischen Delegation begrüßte, feststellen konnte, daß es elungen sei, in ganz anderem Maße als früher Interesse für ie Minderheiten zu wecken, so ist das ein Beweis dafür, daß die Welt allmählich zu begreifen beginnt, in wie großem Maße der Friede durch die unbefriedigende Lage der nationalen Minderheiten gefährdet ist. Aus diesem Orunde hatte man das Thema ״Die Gefährdung des europäischen Friedens durch nationale Unduldsamkeit“ in den Mittelpunkt der Genfer Tagung (22. bis 24. August) gestellt. Ursprünglich war Dr. W i 1 f a n , der Präsident des Kongresses und Führer der Slowenen in Italien, zum Referenten bestellt, sah sich aber durch ״gewisse Schwierigkeiten“, die man wohl bei italienischen Behörden zu suchen haben wird, gezwungen, nur einleitend zu sprechen und das Referat dem Generalsekretär des Kongresses, Dr. A mm ende, zu übertragen. Nach einer kurzen Skizzierung der Nationalitätenfrage vor dem Weltkriege ab Ammende eine Darstellung der unbefriedigenden Lage er Minderheiten und der dadurch hervorgerufenen wachsenden Kriegsgefahr. Die Unzulänglichkeit des Minderheitenschutzes selbst, die Art des Verfahrens beim Völkerbund und die unleichen Verpflichtungen der Staaten seien der Grund für diese ituation. Aber nicht einmal die Grundsätze der Minderheitenvertrage würden beachtet. Entweder habe man die Grundsätze bei prinzipieller Anerkennung faktisch nicht eingehalten, dabei aber nach außen diese Einhaltung vorgetäuscht. Oder aber man förderte offen das Recht auf Entnationalisierung der fremden Nationalitäten. Durch diese offenen oder verhüllten Entnationalisierungsbestrebungen sei eine akute Krise entstanden, die eine Gefahr für den Frieden aller europäischen Staaten darstelle. Nach einem eindringlichen Appell an den Völkerbund schloß Ammende mit dem Hinweis auf die geradezu tragische Lage, in die gerade die Minderheiten im Falle eines europäischen Krieges geraten würden. Zu diesem Punkt der Tagesordnung wurde folgende Resolution angenommen: ״Wie früher ist auch heute darüber Klage zu führen, daß nationale Lebensrechte vergewaltigt werden und die gemäß der Resolution des Völkerbundrates vom September 1922 für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Grundsätze der Minderheiten- Schutzverträge tatsächlich verletzt werden, ohne daß dagegen eingeschritten wurde. Nunmehr sind auch diese Grundsätze selbst und ihre hohe sittliche und rechtliche Bedeutung von Mitgliedern des Völkerbundes in Frage gestellt worden. Dadurch erscheint die Grundlage der Friedens arheit des Völkerbundes ernsthaft erschüttert und die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens aufs schwerste bedroht. Es ist unsere Ueberzeugung, daß der Völkerbund als einzige für die Behandlung aller den Frieden Europas gefährdenden Fragen kompetente Organisation verpflichtet ist, ernsthaft an die Behandlung des Nationalitätenproblems heranzutreten und dafür Sorge zu tragen, daß die heiligen Rechte des Volkstums geschützt werden.“ Die vorangegangene Sitzung war der Frage , Staatssouveränität und Minderheitenschutz“ gewidmet, über ciie Professor Laserson, der Delegierte der jüdischen Gruppe aus Lettland, referierte. Laserson unterstrich die zunehmende Föderalisierung der Staatengemeinschaft und die dadurch bedingte Ueberwindung des alten unbeschränkten Souveränitätsbegriffes zugunsten einer weltumfassenden öffentlichen Rechtsordnung, Aber aikh ׳innerhalb des Staatsgebietes sei die Stellung des Staates als alleinigen Gesetzgebers zugunsten internationaler Regeln erschüttert. ״Angesichts dieser Entwicklung in Theorie und Praxis läßt sich auch eine Minderheitengesetzgebung in den Rahmen der internationalen Gesetzgebung einfügen, ohne an die Grundlagen ,des heutigen Völkerrechts zu rütteln.“ Laserson will das Minderheitenrecht als innerstaatliches Völkerrecht konstruieren, um so eine Grundlage für die erforderliche doppelte (innerstaatliche und internationale) Garantie des Minderheitenschutzes zu schaffen. Das Korreferat hielt Prof. Dr. v. Balogh, der Vertreter der Madjaren in Rumänien. Dem unhaltbaren historischen Souveränitätsbegriff, der allein den Staatswillen als Quelle alles Rechts gelten lasse und damit das Völkerrecht unmöglich mache, stellte Balogh den modernen wissenschaftlichen gegenüber. Danach bedeute Souveränität nur die ausschließliche Völkerrechtsunmittelbarkeit. Der der Minderheitenschutz einen Be-1 standteil der Völkerrechtsordnung bilde, verletzen die Minderheitenverträge auch nicht die Souveränität. In Anbetracht des völkerrechtlichen Streites um den Begriff der Souveränität und der praktischen Bedeutung der Souveränitätsfrage für die Minderheitenpolitik, schloß sich an beide Referate eine lebhafte Diskussion. Dr. G ü n d i s c h, Delegierter der Deutschen Ungarns, wandte sich gegen die teilweise recht weitgehende Darstellung Lasersons und hielt im Anschluß an die Ausführungen des jüdischen Abgeordneten Rob i n s o n auf dem vorigen Kongreß die Delegierung eines Teiles der staatlichen Souveränität auf öffentlich-rechtliche Körperschäften für die geeignete Grundlage. Dr. Schiemann, der bekannte Führer der Deutschen in Lettland, betonte wie schon früher, die Parallele zwischen dem nationalen Bereich und dem religiösen. Wie die Religion aus dem Bereich der innerstaatliehen Souveränität ausgeschieden sei, so müßte dies auch mit den national-kulturellen Angelegenheiten geschehen. Dr. Marulies, der die Juden der Tschechoslowakei vertrat, betonte, aß die Min-derheitenverträge nicht den Schutz von Rechten einzelner Personen und Völker, sondern von Rechtsiideen zum eigentlichen Gegenstände haben. Es handle sich nicht um die Auflösung der Souveränität. Sie sei nur wie alles Menschliche in ständiger Entwicklung begriffen. Heute sei das Recht des Mensehen auf freie Wahrung seiner Nationalität im Begriffe, ein unveräußerlicher Bestandteil des Begriffes Menschenrecht zu werden. Diesen Prozeß zu fördern, sei vornehmste Aufgabe des Kongresses. Die Behandlung des Souveränitätsproblems wurde mit folgender Resolution geschlossen: ״Der dritte Kongreß der Nationalitäten konstatiert, daß der Ausbau der Minderheitenrechte beziehungsweise die öffentlichrechtliche Anerkennung der nationalen Selbstverwaltung in den organischen Gesetzen und die Klagbarmachung dieser Rechte sich in vollem Einklang mit dem heutigen Wesen der im Völkerbunde vereinigten souveränen Staaten befindet; somit ist die positive Frage der gesamten Minderheitenfrage innerhalb der einzelnen Staaten sowie auf völkerrechtlichem Wege ermöglicht. Angesichts dessen, daß der heutige Stand des Minderheiten- Schutzverfahrens beim Völkerbund völlig ungenügend ist, hält es der Kongreß für notwendig, beim Völkerbund und seinen Kommissionen vorstellig zu werden, die Verwirklichung der von den Minderheilsverträgen deklarierten Rechte herbeizuführen.“ Es sprachen noch Pastor Schmidt-Wodder, der Vertreter der Deutschen in Nordschleswig, über das _ Thema ״Völkerbeziehungen, wie sie gewesen sind und wie sie sich jetzt entwickeln wollen“ und Direktor Pärn aus Riga über Nationalitätenkunde. Motzkin, der Vorsitzende der Kommission für innen- und zwischenstaatliche Zusammenarbeit der Minderheiten, erstattete den Tätigkeitsbericht der Kommission und legte eine Resolution vor, die dann auch angenommen wurde. Darin wird den Minderheiten empfohlen, ln jedem Lande freundschaftliche Beziehungen untereinander sowie ein gemeinsames Vorgehen in allen internationalen Körperschaften und Kongressen anzustreben. Ferner sollen offizielle Organe geschaffen werden, die im Geiste der Minderheitenkongresse redigiert werden und als eines der größten Friedensmittei zur gegenseitigen Annäherung und Verständigung der Völker dienen sollen. Im Zusammenhang hiermit steht anscheinend die Herausgäbe der ausgezeichneten Minderheitenzeitschrift ״Nation und Staat“, auf die noch zurückzukommen sein wird. Ihr ist auch der Wortlaut der Resolutionen entnommen. An der Diskussion beteiligten sich vor allem die j ü d i * sehen Delegierten Dr. Reich und Dr. N u r o k. Anschließend referierte J. Grünbaum, der Delegierte der Juden in Polen, über die Sprachenfrage und empfahl die Erhaltung der Minderheitensprachen. In der deutschen Presse wurde die Austrittserklärung des Dr. Kaczmarek, des Generalsekretärs der Minderheiten in Deutschland, die er für diese Gruppen (Polen, Dänen, Wenden) als Protest gegen die Nichtaufnahme der angeblichen friesischen Minderheit in Deutschland abgab, mit besonderer Ausführlichkeit behandelt. Da sich diesem Vorgehen jedoch nur der Vertreter der Polen in Litauen anschloß, sämtliche anderen! Minderheitsvertreter, darunter auch Motzkin für die jüdischen Gruppen, sich aber sehr bestimmt gegen die Haltung Kaczmareks aussprachen, wird man diesem Zwischenfall keine große Bedeutung beizumessen haben. Dieser Kongreß nat wiederum wichtige praktische und theoretische Probleme der Minderheiten geklärt und durch das zunehmende Interesse, das die Minclerheitenbewegung findet, auch ihre Stellung gestärkt. Die Verhandlungen haben vor allem bewiesen, daß die jüdischen Minderheiten in besonderem Maße an einer fruchtbaren Entwicklung der Minderheitenbewegung interessiert sind und, wie die rege Beteiligung der jüdischen Delegierten zeigt, auch wertvolle Arbeit in dieser Richtung leisten wollen. ״»*״ I Jüdischer Rechtsschutz Genf, 27. September. (J. T. A.) Bernard G. Richards, der Sekretär des American Jewish Congress, ist in Genf eingetroffen, um das Büro des von der Züricher Jüdischen Rechts- Schutzkonferenz eingesetzten Rates für die Rechte der jjÄaischen Minderheiten (Council on the Rights of the Jewish Minorities) einzurichten. Anfang Oktober begiebt sich Richards nach den Vereinigten Staaten und reist im Frühjahr 1928 nach Pa* 1 ä s t i n a. Jadenrazzlen in Ungarn ln den letzten Wochen wiederholten sich in Ungarn die Razzien gegen die ausländischen Juden. Auf offener Straße wurden alle irgendwie jüdisch aussehenden Personen sistiert und zur Ausweisung angehalten. In einem Orte wurde der Rabbiner vor den Oberstuhlrichter geladen, und befragt, ob sich in der unter seiner Leitung befindlichen Schule nicht Schüler befänden, deren Papiere nicht in Ordnung seien. Das Innenministerium kündigte an, daß diese Razzien sich auf alle Kommitate erstrecken werden. Die Aufregung über diese ungesetzlichen Maßnahmen der Regierung äußerte sich in der freiheitlichen Presse, worauf der Innenminister erklärte, er hätte Befehl gegeben, vom 1. Oktober ab alle Razzien in Ungarn einzustellen. — (Man muß abwarten, ob der Minister sein Wort halten wird. Red.) Antireligiöse Manifestationen in Wien und Moskau Wied, 30. September. (J. T, Ä.) Der söziaidemoktatische Freidenkerbund hat aus Anlaß der jüdischen hohen Feiertage seine antireligiöse Propaganda unter den jüdischen Massen ver* stärkt. Er hält Versammlungen ab und verteilt in den von Juden bewohnten Bezirken massenhaft Flugblätter in jiddischer Sprache, die Karikaturen von Prälat Dr. Seipel und Oberrabbiner Dr. C h a j e s zeigen. Die jüdischen Massen werden aufgefordert, aus der jüdischen Religionsgemeinschaft auszu* treten und sich für konfessionslos zu erklären. Das Poale Zionistische Blatt ״Der jüdische Arbeiter“ tritt der Beschimpfung und Karikierung des Oberrabbiners Chajes entgegen. — Auf der anderen Seite beschuldigt die ״Reichspost“ die ״jüdischen Freimaurer“, daß sie unter dem Christentum Propaganda für Austritt aus der katholischen Kirche betreiben.• M o s k a u, 25. September. (J. T. A.) Aus Anlaß der hohen jüdischen Feiertage hat die jüdische kommunistische Presse eine antireligiöse Kampagne eingeleitet. Insbesondere wird die jüdische Jugend aufgefordert, sich von der ״rabblnischen Panik“ nicht beeinflussen zu lassen und die Feiertage nicht zu begehen. Uebertritte znm Judentum W a r s c h a u, 28. September. (J. T. A.) Von amtlicher polnischer Seite wird mitgeteilt, daß die von verschiedenen Zeitungen gebrachte Mitteilung, es sei den Rabbinaten in Polen im Wege eines Zirkulars verboten worden, Christen oder zum Christentum übergetretenen Juden in die jüdische Gemeinschaft aufzunehmen, den Tatsachen nicht entspricht. Ein solches Verbot — auch wenn das katholische Konsistorium es verlangt hätte — könnte nicht erlassen werden, da es mit der von der Verfassung garantierten Freiheit der religiösen Ueberzeugung in Widerspruch stünde. Das Gerücht von dem Verbot ist dadurch entstanden, daß die polnischen Rabbinate den Uebertrittswilligen fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen. Oft kommt es vor, daß das Kultusministerium von Uebertrittswilligen gebeten wird, daß für sie beim Rabbinat zugunsten ihrer Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft interveniert wird. ״Staatenlos wie die Zigenner and Jaden“ Das ״Berliner Tageblatt“ veröffentlicht eine Zuschrift, in der es u. a. heißt: ״In dem Lehrbuch: Seydlitzsche Geographie für höhere Lehranstalten, 7. Heft, Erde und Mensehen, 2. Auflage 1927, Verlag von Ferdinand Hirt in Breslau, befindet sich Seite 31 folgendes: III. Allgemeine Staatenkunde, t. Die Staaten. Der Staat ist die Vereinigung von Menschen einer höheren Kulturstufe unter einheitlicher Leitung in einem bestimmten, festabgegrenzten Gebiet. Zum Staat gehören daher notwendigerweise ein Erdraum und ein Volk. Denn menschenleere Räume sind höchstens Teilgebiete eines Staates, und Völker ohne Land sind staatenlos, wie die Zigeuner und Juden. Der Leiter der palästinensischen Orangen-Exportgesell- Schaft ״Pardess", Dr. Israel Weinberg, ist im Alter von 42 Jahren in Tel-Awiw gestorben. Der Schulvorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat beschlossen, das alljährlich einem Lehrer für die Reise nach Palästina zur Verfügung zu stellende Stipendium für dieses Jahr Herrn Lehrer Abraham zu übertragen. Herr Abraham be* faßt sich seit Jahren mit der Pädagogik des hebräischen Unterrichts.

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