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Jüdische Rundschau · 1927-10-04 · Heft 79-80 (4.10.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 79-80 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 560 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80, 4.X. 1027 Und nun sehen wir gerade in Argentinien eine von Jahr zu Jahr anwachsende zionistische, palästinapetale Bewegung, welche sich in allen Belangen Kräftig manifestiert: die Schekelzahl wachst, ebenso die Leistungen für K. H. und den Nationalfonds. Und wirkt es nicht wie ein Symbol, wenn für den letzteren — wie seinerzeit zu lesen war — von den Baron Hirsch-Kolonien eine Abgabe in natura, in Getreide geleistet wird? Und über Rußland mit seinem ״Konkurrenzunternehmen“ in der Krim berichtete unlängst ein Historiker, kurz nach dem Besuche de־• jüdischen Kolonien in der Krim von einer Chaliuim-Farm, wo junge Leute sich im Ackerbau ausbilden, um dann — nach Palästina zu gehen. Die Anziehungskraft von Erez-Israel wachst progressiv, sie wird und muß immer neue Kraftanstrengungen auslösen seitens des jüdischen Volkes, die zur Ucbcrwindung des toten Punktes vollauf genügen werden. Unlängst war eine unscheinbare Zeitungsnachricht zu lesen, ln Südafrika sind auf einem großen Gebiete die Flüsse ausgetrocknet. Vom Wassermangel getrieben setzte sich die gesamte Tierwelt in Bewegung, um, vom Instinkte und der Witterung geführt, neue, hunderte von Meilen entfernte Quellen aufzusuchen. Der Weg führte sie nicht mir über wüstes Land, sondern auch über Ansiedlungen von Menschen, welche sich mit Waffen dem Zuge entgegenstellten und vergeblich den Durchzug aufziihalten oder wenigstens abzulenken versuchten. Der Durst war eben stärker als alle Hindernisse, ln den Ländern der jüdischen Diaspora trocknen in immer mehr Ländem, bald hier bald dort, die Quellen aus, aus denen die jüdische Bevölkerung ihre kümmerlichen Daseinsmittel schöpfte. Dazu kommt die ״vis a tergo“ in der Form von bürgerlicher Entrechtung und politischer Verfolgung. In Erez-Israel dagegen haben sich zu gleicher Zeit neue, stets wachsende Möglichkeiten eröffnet. Kann man denn jetzt noch daran zweifeln, daß das Spiel der Kräfte im Kräfteparallelogramm des jüdischen Volkes eine Resultante ergibt, die jetzt unverrückbar nach Palästina führt? Diese Erkenntnis gibt uns nach jedem Kongresse — sei er schlechter oder besser — neuen Mut zur Arbeit und neuen Glauben an den Erfolg. Die Landwirtschaltsaussfellnng in Haifa Jerusalem, 25. September. (J. T. A.) Am 20. Septemher wurde die landwirtschaftliche Ausstellung Palästinas in H ai f a eröffnet. Lord Pluraer hielt eine Ansprache, in der er ausführte, das Jahr 1927 werde in dem Gedächtnis der Menschheit als ein Jahr des Unglücks für Palästina gelten, zugleich aber auch als ein Jahr gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Opfer der gesamten Bevölkerung. Lord Plumer wies auf die Wichtigkeit dieser Ausstellung hin, die eine Illustration dafür ist, daß die Landwirte aller Glaubensbekenntnisse Palästinas Hand in Hand an der Entwicklung der Landwirtschaft arbeiten, die der palästinensischen Industrie einen Rückhalt gibt. Die Hälfte der Einnahmen der Ausstellung wird zugunsten der E r dbebenopfer verwendet Die zionistische Exekutive und die großen jüdischen Koloni . sind ander Ausstellung n i c h t direkt beteiligt. Die jüdischen Aussteller von Nahalal wurden mit Preisen für die Eierproduktion, die jüdischen Siedler von Ajn Charod mit Preisen für Gemüsezucht, die jüdlsehen Pflanzer vom Karmel mit Preisen für Mandelbaumzucht bedacht. Bis jetzt wurden die palästinensischen landwirtschaftlichen Ausstellungen abwechselnd in Jaffa und Nablus abgehalten. Von jetzt ab werden die Ausstellungen abwechselnd in einem Orte des nördlichen und einem des südlichen Distrikts abgehalten werden. Die Agudah-Gemeinden In Palästina Jerusalem, 25. September. (J.T.A.) Die palästinenstsche Agudas Jisroel und das Zentralkomitee der ״Kenesset Jlsroel“ naben ilire Absicht kundgetan, sich der 1m jüdischen Gemeindegesetz vorgesehenen allgemeinen jüdischen Gemeinde nicht anzuschiießen, sondern, gestützt auf die Bestimmungen eben dieses Gesetzes, in den verschiedenen Orten Palästinas eigene Gemeinden zu begründen. Beide Gruppen, die bisher oft einander bekämpften, haben sich nun zu einer gemeinsamen orthodoxen Kongregation vereinigt, um mit vereinten Kräften der Souveränität des Waad Leumi entgegenzuwirken. Der aschkenasischen Sektion des Oberrabbinates gehören nunmehr auch leitende Persönlichkeiten der ״Kenesset Jlsroel“ an. Nid? Orangenpflanznngeii in Samarla Zwischen Kerkur, Gan Samuel und Benjamina, auf dem sogenannten Rabbiaboden, hat die Leitung der PICA mit der Vorbereitung des Bodens für neue Pflanzungen begonnen. Da sich das ganze Terrain von ungefähr 22000 Dunam für Pflanzungen eignet, werden hier insgesamt gegen 500 Familien kolonisiert werden können. Der Plan sieht 400 Komplexe von je 5 Dunam bei jedem Hause und 50 von je 2 Dunam vor. Ein besonderer Platz ist für die Arbeiterinnen- Kwuzah bestimmt und auch eine ^gewisse Bodenfläche für die Errichtung von Arbeiterhäusern. — Dieser Plan stellt einen neuen Versuch der PICA dar, Leute des Mittelstandes, die einige Hundert Pfund besitzen, zu kolonisieren. Der neue Kolonist wird Gelegenheit haben, eine Bodenfläche zu kaufen, die für die Ernährung einer Familie, welche den Boden selbst bearbeitet, ausreichend ist. Dieser Tage wurden die ersten 400 Dunam dieses Bodens tief beackert, was den ersten Schritt für die diesjährige Anpflanzung bedeutet. Ein Arbeiterviertel am Rande Chederahs Als Resultat der Verhandlungen zwischen dem ״Economic Board“ in New York durch seinen Vertreter Emanuel Moll und dem Rat der Kolonie C hederah, besteht die Absicht, ein Arbeiterviertel am Rande der Kolonie zu bauen, um einen Teil der ständigen landwirtschaftlichen Lohnarbeiter, die in der Kolonie arbeiten, dort zu kolonisieren. Louis Brandeis assignierte das ganze Budget, das nötig ist, um 40 Familien zu kolonisieren. Der Rat der Kolonie übernahm es, das Arbeiterviertel aufzubauen, und er wählte eine spezielle Kommission, der die Ausführung übergeben wird. Jede Arbeiter- Familie erhält 2'? Dunam Boden, ein kleines Häuschen aus Eisenbeton und eine bestimmte Summe, den Boden vorzubereiten und zu umsäumen und zur Beschaffung von Wasser. Jede Familie erhält einen Stall, eine Kuh, einen Hiihnerstall und Geflügel. Jeder Kolonist muß £ 25 bares Geld besitzen, da ungefahr diese Summe noch zur Einrichtung der Wirtschaft im Arbeiterviertel fehlt. Die Kosten der Wirtschaft hat jeder Kolonist in einer langjährigen Frist und mit sehr geringen Zinsen abzuzahlen. Der polnische Generalkonsul für Haifa, Dr. Hausner, hat eine Reihe polnischer Städte, vor allem Warschau und Lodz, besucht und in Besprechungen mit Fabrikanten und Industrieilen neue Wege für die Intensivierung des Handels zwischen Polen und Palästina gesucht. Dieser Tage hatte Dr. Hausner eine längere Unterredung mit dem polnischen Handelsminister Kwiatkowski, der Dr. Hausner u. a. mitteilte, daß demnächst zwei polnische Frachtschiffe den Verkehr zwischen Danzig und Haifa aufnehmen sollen. Mit meinen Augen Von Richard Lichtheim. I. Nach dem Kongreß wird, wie üblich, eine Diskussion über die Resultate des Kongresses geführt; diesmal jedoch nicht nur als Epilog, sondern zugleich als Einleitung weiterer Auseinander- Setzungen. Es herrscht wohl bei allen Gruppen das Gefühl, daß die Organisation einer Neuorientierung zustrebt, daß der nächste Kongreß nicht einfach die diesmal gewählte Leitung bestätigen, sondern an Stelle einer zwar rechtmäßig gewählten, aber dennoch als Provisorium empfundenen Exekutive ein stabiieres Gebilde setzen wird. Dabei können Personenfragen zunächst ausgeschaltet bleiben. Mag sein, daß die von Amerikanern und ״Linkem Zentrum“ durchgesetzte Sacher-Exekutive Gutes leisten und Vertrauen auch bei anderen Gruppen erwerben wird. Aber die Basis ist zu schmal: Mit 83 gegen 62 Stimmen gewählt — bei einem Kongreß von 270 Delegierten — das zwingt den nächsten Kongreß, die F rage der Leitung nochmals ab ovo zu behandeln. Zur Art der Zusammensetzung der Exekutive tritt als weitere Frage das Sachlich-Programmatische. Im Grunde weiß niemand, nach welcher Richtung die neue Palästinaexekutive politisch und wirtschaftlich treiben wird. Die Ordnung der Finanzen und der Verwaltung ist eine gewiß notwendige Aufgäbe, doch ist mit ihrer Lösung durch ein Spar- und Reform* Programm, wie Sacher es andeutete, für die Richtung der zionistischen Wirtschaft und Politik gar nichts gesagt. Gesetzt, daß Sacher diese Reformarbeit erfolgreich durchführt, so wird erst dann •— und dann erst recht — die Diskussion der eigentliehen Probleme beginnen, die auf diesem Kongreß mit Rücksicht auf die momentane Notlage in den Hintergrund geschoben wurden. Darum sind die Epiloge zu diesem Kongreß Vorboten neuer Auseinandersetzungen. II. Was leistete der Kongreß? Er war technisch gut vorbereitet, er war sachlich, die Delegierten zeigten sich gut informiert, und er war trotz der ernsten Lage in Palästina von dem Willen zur energischen Weiterführung der Arbeit beseelt, lnsofern war es ein guter Kongreß. Störend wirkte — wie seit Jahren — die Planlosigkeit der Exekutive. Zwar hatte das Organisationsdepartement sich große Mühe gegeben, den Kongreß nicht nur technisch, sondern auch ״sachlich“ gut vorzubereifen. So erhielten die Delegierten ein gedrucktes Regierungsprogramm, worin die Exekutive zu den wichtigsten Fragen Stellung nahm und Vorschläge unterbreitete. Es zeigte sich aber wiederum, daß dieser Exekutive durchaus die leitende Hand und der leitende Wille fehlte, und so blieb das gedruckte Programm bald völlig unbeachtet. Zwei Beispiele: An Hand des Regierungsprogramms hielt Dr. Weizmann am zweiten Kongreßtage eine Rede, in der 'er die seit Monaten vom ״Linken Zentrum“ propagierte These vertrat, daß diesmal das Budget den voraussichtlichen Einnahmen angepaßt werden müsse. Nach Abzug von Schulden und festen Verpflichtungen dürfe der Kongreß daher nur über £ 225000 für die verschiedenen Zweige der Arbeit (Landwirtschaft, Schulen usw.) disponieren. Am nächsten Tage aber stellte sich in der Budgetkommission heraus, daß die Exekutive weder einen Vorschlag bezüglich der Verteilung dieser £ 225 000 ausgearbeitet, noch überhaupt eine Sitzung.jur Beratu{1g4׳:iesie.t,Er.?«^Ä^halte1| hatte;.—'.die . doch gerade nach Ansicht der Bannerträger der Leitung die entscheidende Frage des Kongresses war. Die Budgetkommission mußte daher die Exekutive auffordern, einen Vorschlag zu unterbreiten. Hierauf erschien ein Vertreter der Exekutive und gab einen Vorschlag bekannt, der statt £ 225 000 für die verschiedenen Gebiete £ 305 000 vorsah. Erstaunen, Verwirrung und Entrüstung in der Budgetkommission. Wiederum Entsendung einer Delegation zur Exekutive. Neue Vorschläge, neue Beratungen. Schließlich wurde denn ein höheres Budget angenommen, wobei die Kommission sich stundenlang mit den beamteten Departementschefs der Exekutive auseinandersetzen mußte, die offenbar keinerlei Autorität über sich haben und ganz einfach für ihr Departement Summen verlangten, die mit dem ״Programm“ der Exekutive völlig unvereinbar waren. Eil! anderes Beispiel: Neben dem Sparprogramm sollte die Neubildung der Palästinaexekutive Hauptpunkt dieses ״Reform“- Kongresses sein. Bei den Stimmenverhältnissen auf dem Kongreß war es klar, daß nur eine Abmachung mit den ״Linken“ oder dem Misrachi eine glatte Mehrheit für die neue Leitung ergeben konnte. Man hätte also schon vor dem Kongreß durch Verhandlungen die Lage klären sollen. Statt dessen blieb alles bis zur letzten Stunde im Dunkel, was die Nervosität des Kongresses von Tag zu Tag steigerte. Vor allem aber zeigte sich im Permanenzausschuß, daß Dr. Weizmann die mit den Amerikanern und dem ״Linken Zentrum“ vereinbarte ״flügellose“ Exekutive nur ungern und notgedrungen empfahl. In den ersten Tagen gab er deutlich zu verstehen, daß ihm die Beibehaltung der bisherigen Palästinaexekutive viel lieber sei, und er legte dem Permanenzausschuß nahe, von sich aus eine Lösung in dieser Richtung zu suchen. Erst in letzter Stunde und offenbar unter starkem Druck seiner Berater setzte er sich für die Sacher- Exekutive nochmals ein. Der Vorgang ist auch deshalb lehrreich, weil er zeigt, daß nicht alles, was der Oeffentlichkeit als ״Weizmanns Ansicht“ dargestellt wird, seine Ansicht ist. Die Berater wechseln.... diesmal setzten Amerikaner und ״Linkes“ Zentrum ihre Absichten durch — und zwar im deutlichen Gegensatz zu jener Personengruppe, auf die sich Dr. Weizmann bis vor kurzem zu stützen pflegte. III. Brachte der Kongreß Neues oder Unerwartetes? Ging eine neue Parole von ihm aus? Das war nicht der Fall. An neuen Plänen wäre allenfalls das Anleiheprojekt zu nennen, für dessen Bearbeitung eine Kommission mit dem Sitze in Paris gewählt wurde. Doch ist dies vorläufig wirklich nur ein Projekt, dessen Aussichten noch völlig ungeklärt sind. IV. Zu den schwebenden Problemen der Wirtschaft und Politik nahm der Kongreß Stellung, wobei besonders die Beschlüsse der politischen Kommission zu erwähnen sind. Zur großen Befriedigung der revisionistischen Gruppe — die in der politischen Kommission durch ■Jabotinsky vertreten war — ergab sich bei fast allen Parteien und Landsmannschaften weitgehende IJeberrinstimmung darüber, daß die politische Lage durchaus nicht ״satisfactory“, sondern im Gegenteil höchst unbefriedigend sei. Die Beschlüsse des Kongresses reden eine deutliche Sprache. Selbstverständlich konnte der Vertreter der deutschen Zionisten in der politischen Kommission, Blleski, diese Beschlüsse nicht gutheißen, ja, er warnte sogar die Exekutive, sich mit diesen Beschlüssen einverstanden zu erklären. Das entspricht durchaus der Haltung, die der deutsche Zionismus in diesen Jahren eingenommen, und wodurch er sich innerhalb des Gesamtzionismus isoliert hat. Die Behandlung politischer Fragen in dem offiziehen Organ des deutschen Zionismus und die Haltung der deutschen Vertretung auf dem Kongreß wird — vielleicht — auch in Zukunft die Billigung der deutschen Zionisten finden, wenigstens soweit dieselben dem ״Linken Zentrum“ angehören. Doch sollen die deutschen Zionisten wissen, daß heute in der ganzen Welt eine tiefe Abneigung gegen diese politische Haitung wie überhaupt gegen gewisse geistige Eigentümlichkeiten des ״offiziellen“ deutschen Zionismus besteht. Es wird diesem auch nicht gelingen, seine Absonderlichkeiten als ״Weizmanns System“ darzustellen. Besser als seine deutschen Anhänger ist der Politiker Weizmann immer noch — selbst in den Augen des schärfsten revisionistischen Kritikers. Wiederum ein Beispiel: Die unpolitische und grobe Rede Guedallas im Plenum des Kongresses, die von Stephen Wise so wirkungsvoll unterbrochen wurde, fand den Beifall der ״Jüdischen Rundschau“. Doch wurde sie von Dr. Weizmann mit sichtlichem Unbehagen und Kopfschütteln aufgenommen. Man mag ja als englischer Zionistenführer besonders geneigt sein, vorsichtiges Auftreten in der Politik zu empfehlen, doch war die Rede Guedallas mit dem Satz: ״Man solle sich hüten, England Wortbruch vorzuwerfen, sonst könne es auf den Gedanken kommen, Wortbruch zu begehen“ — eine Beleidigung des Kongresses, eine Beleidigung Englands und eine politische Torheit. Der offizielle deutsche Zionismus heißt diese Rede gut und findet kein Wort der Kritik für diese schwere Entgleisung, weil die Rede eben der Richtung entspricht, die im Nichts-Wollen und Nichts- Fordern die höchste politische Weisheit erblickt. Aber das ist — wie die politischen Beschlüsse des Kongresses zeigen — nicht die Meinung der zionistischen Welt. Mit ihr %vird der amtliche deutsche Zionismus sich noch auseinandersetzen müssen. V. Zur Frage der Jewish Agency hat der Kongreß, wie zu erwarten war, seine früheren Beschlüsse bestätigt. Die Opposition gegen Dr. Weizmanns Agencypolitik wird von Revisionisten und Radikalen weitergeführt werden — sofern sie in den nächsten Jahren noch einen Gegenstand findet. Denn allgemein wächst die Ueberzeugung, daß diese Politik eine höchst Unglückliehe war, keine Resultate gebracht und eigentlich schon tot ist, bevor sie noch zu leben angefangen hat. Jabotinskys Rede, die zum Schluß eine vernichtende Kritik der Agencypolitik bot und mit unübertrefflicher Klarheit nochmals die innere Unmöglichkeit dieser Politik aufwies, hat auf weite Kreise des Kongresses stark gewirkt. Im Grunde glaubt kaum noch jemand an die Ausführbarkeit dieser Politik. Jabotinskys Vorschlag des ״Zweikammersystems“ — der übrigens keineswegs neu ist und keine Konzession bedeutet, sondern schon vor drei Jahren vom Revisionismus formuliert wurde — zeigt in die Richtung, In der die Lösung des Problems liegt. Die politische Funktion der Agency kann nur vom Zionismus erfüllt werden; die von allen Gruppen gewünschte Zusammenarbeit mit Nichtzionisten muß sich durch eigene Organe ausdrücken, die vor allem solche wirtschaftlichen Charakters sein werden. Im übrigen wird die Ent- Wicklung des Zionismus in Amerika für die letzte Entscheidung maßgebend sein. VI. Am'dürftigsten'ötjtf die Res1#ate des Kongresses auf ,svift• schaftlichem Gebiet. Die eigentlichen Aufbauprobleme gerieten stark in den Hintergrund, weil die Tagessorgen — Arbeitslosigkeit und Geldnot — alles Interesse in Anspruch nahmen. Die Entscheidung über die Gesellschaft ״Nir“, die anfangs von der Exekutive nachdrücklich verlangt worden war, fiel unter den Tisch, weil man die von der Linken bei der Exekutivwahl verlangte Stimmenthaltung nicht gefährden wollte. Die nächsten Jahre müssen aber zur Klärung der eigentlichen Kolonisations- Probleme führen, sonst ist an ein Weiterkommen nicht zu denken. Zum großen Teil hängt die Lösung dieser Probleme mit politischen Maßnahmen zusammen (Anleihe und Verhalten der Regierung). Hier ist das Gebiet, wo zionistische Wirtschaft und Politik sich neu entfalten müssen. Der Revisionismus, dessen politische Kritik sich bereits als sehr fruchtbar und von tiefer Wirkung auf die gesamte Organisation erwiesen hat, wird es als seine Aufgabe betrachten, die von ihm vertretenen Grund- Sätze nationaljüdischer Palästinapolitik und Paiästinawirtschaft weiter zu entwickeln und zu propagieren, solange bis die heutige Stagnation des Denkens, Wollens und Handelns überwunden ist. Ein im Wollen erneuter und geeinigter Zionismus wird sich auch die Leitung schaffen, die es vermag, noch einmal die im Zionismus schlummernden Kräfte zusammenzufassen und die Bewegung vorwärtszutreiben. Der Sinn dieser Erneuerung ist heute nicht mehr Propaganda (oder wie man jetzt sagt: Das Bewußtmachen der Seelenlage des Juden) und auch nicht Geld- Sammlung. Ihr Sinn ist die Auslösung unmittelbarer Aktivität der Juden in und für Palästina, durch Schaffung der politischökonomischen Vorbedingungen. Das Ziel ist Pioniertum, Schaffenswille, wirkliche Kolonisation — gehoben und beflügelt durch den Willen zu größeren Zielen, an die zu glauben freilich Voraussetzung alles Zionismus, Vorbedingung politischer Erfolge und zugleich Vorbedingung einer neuen ״aktivistischen“ Jugendbewegung ist. VII. Die Parteien: In Deutschland wird die Linke für ihren Patriotismus gelobt, die Rechte aber heftig getadelt. Warum eigentlich? Die Linke hat — gegen sehr starke und sehr ehrenwerte Argumente im eigenen Lager — die Bildung der Sacher- Exekutive ermöglicht. Warum hat sie es? Aus Patriotismus? Dann brauchte sie doch nicht dieser Exekutive sogleich nach der Wahl Gegnerschaft und Kampf anzukündigen. Die Linke hatte gute Grunde, diese Kombination — so unbequem sic ihr ist — nicht scheitern zu lassen. Man kann diese Gründe anerkennen, aber man braucht sie nicht zu glorifizieren. Die Linke fühlte sich ganz einfach zu schwach, die Folgen eines Sturzes der Leitung zu tragen. Sie fürchtete die Verstimmung der Amerikaner, sie fürchtete die Verwirrung, die ein Rücktritt Weizmanns in letzter Stunde des Kongresses zur Folge haben könnte, sie fürchtete vor allem für ihre Positionen und ihre Anhänger in Palästina, die von einer inneren Krise, von einem damit vielleicht verbundenen finanziellen Rückschlag in erster Linie betroffen würden. Preisgegeben von den einst so guten Freunden, die sich heute ״Linkes Zentrum“ nennen, zog die Arbeiterschaft es vor, sich dem amerikanisch-deutschen Diktat Zu fügen. Der eine Flügel, die Poale Zion, sträubte sich freilich recht heftig, eine Exekutive zu wählen, die ganz einfach eine außerparlamentarische Diktatur bedeutet und deren Tendenzen der Arbeiterorganisation nicht erwünscht sein können. Die Ma-

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