Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 79/80, 4. X. 1927 J U EDI SCH E RUNDSCHAU >27 fahre, eine leweskraft e An• imms iftlich n, erißvermuß igkeit iltung )nistienheit n uns litäten :rkbar Gelten unben uns!, mit r Beinbänlernde nfang. ifgabe it und!enden :hmen, immer Arbeit, fkeiten ik, die ritiert. ührten tischen önlichmutig hicksal iuchen. Stephen מס des gekehrt es sehr, Jen Ist. er« der es aber!e. Als gen bei einen II in der Mißschloß ler zio- : n z e n. 1 weiter! Schafh, Miss ו gan- (ongreß en hat, de, um im teillalt eine Blättern tage des kommen Meldung ist, daß handelte.;en zwei um dort ade 1927 kommen, ng 1928 tes ’alästinaraut hinalem bis ing war eiter nur listischen ast eine n fanden e ln der loch nur rend die gelernten zu Ende rusalemer In der t Jahren eststellen, en zieht, sondern Arbeiterit wenigonistische ■äsidenten :iche Versich auch len 1. Okiren Aushin. i Kritik des XV. Kongresses Von Dr. Aron Barth. Diese Zeilen werden geschrieben, ehe ich eine Konreßkritik lesen kann. Dies diene zur Entschuldigung, alls sic Wiederholungen bereits gesagter Dinge enthalten oder auf gemachte Einwendungen nicht eingehen. 1. Dieser Kongreß war der schlechteste der Nachkriegskongrosse, obgleich er der beste hätte sein können. II. Er hätte der beste sein können: Fast alle Beteiligten kamen nach Basel mit dem Willen zur Sachlichkeit. Die Vertreter des Bestehenden waren sich der Mängel des Aufbauwerks bewufit, die Repräsentanten der Organisationen kannten und anerkannten die Schwäche der Organisation, die Parole ״Konsolidierung“ beherrschte die gesamten Kongreßvorbereitungen. Die Parteien hatten überdies den Willen zum Frieden. Das \V o r t Burgfrieden fiel zwar nur außerhalb des Plenums, aber die Idee beherrschte den größten Teil der Generaldebatte. Der Misrachi, sonst in der Generaldebatte nahezu der schärfste Opponent, schickte als ersten Redner nicht Farbstein, sondern Meier Berlin vor und als Farbstein später zu Worte kam, sprach seihst er viel versöhnlicher als sonst und betonte überdies, daß er nur für eine Minderheit seiner" Partei spreche. Arlosoroff vergriff sich zwar im Anfang im Ton, ging aber nachher selbst, wo er kritisierte, z.u einer rein sachlichen und unkämpferischen Form über. Das war für einen großen Teil der Generaldebatte (einschließlich Jabotinsky!) symptomatisch. Man hatte den Wunsch, mit gemeinsamen Kräften einander und dem Ganzen aus den Schwierigkeiten hcrauszuhelfen. III. Und doch wurde der Kongreß der schlechteste der Nachkriegskongresse. Er erledigte kaum eine der auf ihn wartenden brennenden Fragen. Alan kann hier (leider!) zum Beweise anfangen, wo man will. Wahllos und nur als Symptome folgende Beispiele: Die Keren Kajemcth- und Keren Hajjessod-Debatten waren die schlechtesten, die wir wohl je hatten. Sie behandelten fast ausschließlich die religiösen Beschwerden des Misrachi, und gingen auf keine andere der brennenden Fragen ein (Fondszusammenarbc-it, Verkürzung oder Verstärkung der Autonomie der Fonds, endliche Einlösung der Versprechungen für die Konstituante des K. H. u. a.). — Die Angelegenheit des Nir und seiner Stellung zu den Siedlerverträgen: Seit dem Wiener Kongreß sind alle Parteien mit Ausnahme der Linken in der Beurteilung dieser Frage einig. Mit Klarheit und Entschiedenheit wurde sie in der Vorbereitung des Kongresses auch vom linken Zentrum behandelt. Als sie auf dem Kongreß akut wurde, versuchte eben diese Partei, sie zunächst an das A.-C. abzuschieben und als dies abgelehnt war, verzögerte man die sachliche Erleciigung solange, bis aus ״Zeitmangel“ die Ueberweisung dennoch erfolgen mußte. — Monate vor dem Kongreß lag der bekannte Oppenheimer-Dyksche Bericht über die Siedlungsformen und die ausführliche Gegenäußerung Kaplanskys vor. Was war das Echo in den Debatten und Resolutionen des Kongresses? Null! Das sind einzelne Beispiele. Viele andere sind vorhanden (InkompatibilitMt; die Aenderung der schreienden Ungerechtigkeit, daß die Virilisten das Wahlbild verschieben; Wege zur produktiven Arbeitslosenfürsorge u. v. a.). Als wesentliebstes aber: Konsolidierung. Das Wort beherrschte, wie schon gesagt, die Kongreßvorbereitungen. Die Exekutive glaubte (dem Kongreß überraschend)[, den Mann gefunden zu haben, der uns diesem Ziele zuführen kann. Wo war aut dem Kongreß sein Programm, (lieber die Lösung der Personalfrage wird unten zu sprechen sein, hier sei nur der sachliehe Teil behandelt.) Kommission und Plenum haben mit überwältigender Mehrheit den Antrag abgelehnt, dem Kongreß das Budgetrecht zu nehmen. Aber das, was man diesmal ■von dem Kongreß forderte (und was er mit sich geschehen ließ!) war viel Schlimmeres. Die bisherige Exekutive glaubt den Geeigneten gefunden zu haben, der das Konsolidierungsprogramm durchführen kann. Sie läßt nicht etwa diesen Mann sein Progratnin entwickeln; es werden nicht etwa detailliert nun die Posten innerhalb des Kolonisations-, des Arbeits-, des Erziehungsbudgets usw. behandelt, die dieser Mann glaubt streichen zu können, sondern man nimmt die gekürzten Budgets an, als ob nicht etwa eine radikale Abkehr vom bisherigen Wege, sondern nur eine Streichung hier und eine Streichung dort beabsichtigt wäre. Damit ironisiert man das Budgetrecht schlimmer, als wenn man es aufgegeben hätte. Bisher, solange es sich im wesentlichen um Aufbau handelte, konnte man sich damit begnügen, dafür zu kämpfen, daß dieser oder jener Posten dem Budget hinzugefügt oder nicht gestrichen würde. Dieses Mal, wo es sich zu einem erheblichen Teil um Abbau oder Kürzung handelte, kam es entscheidend auf die D e t a i 1 s an. Von diesen aber findet inan in den Kongreßbeschlüssen nicht das geringste. Und dies wird dadurch ndch verhängnisvoller, weil dieses Mal nur die Minderheit des Kongresses in der Exekutive vertreten ist und daher eine Ausfüllung der Details durch die Exekutive etwas völlig anderes ist wie früher. Die Frage dieser Details ist im praktischen Leben des Landes von der entscheidendsten Bedeutung; denn eine Budget- Kürzung bedeutet notwendig, daß man gewisse Institutionen zugunsten anderer notleiden lassen, eingehen lassen oder einschränken muß. Selbst wenn aber jemand — es werden vermutüch nur solche sein, die dem Aufbau recht fern stehen — behaupten wollte, diese Detailfrage sei unwichtig, so wird er (leider!) doch zugeben müssen, daß auch programmatische Festlegungen in den Resolutionen des Kongresses kaum zu finden sind. Wenn man von der im Prinzip selbstverständlichen, in der Praxis vermutlich nicht durchführbaren Entschließung absieht, die die Gründung neuer Siedlungen in starkem Umfange sperrt, so wird man kaum einen Beschluß finden, der aufzeigt, wie denn nun eigentlich die neue Exekutive sich die Konsolidierung denkt und ob der Kongreß diesen Weg billigt. Diese Unterlassung ist das Urteil über den Kongreß. Ihre Parallele erhielt sie durch die Exekutivbildung. Der größte Teil des Kongresses wollte die jetzt gewählte Exekutive nicht; in allen Abstimmungen des Permanenzausschusses war sie durchgefallcn. Die Linke und die Rechte waren gegen sie, Radikale und Revisionisten selbstverständlich, ein großer Teil des Zentrums ebenfalls, darunter die bürgerliche Partei Paläsfinas (!), ebenso nahezu alle führenden Einzelpersönlichkeiten. Den größten Teil des Kongresses beherrschte die Ueberzeugung, daß aus der Not, in der wir uns befinden, uns nur eine Zusammenfassung aller Kräfte helfen könne, ln vielfachen Formen wurde das Wort variiert ״Jedes andere Volk würde in dieser Lage ein Ministerium der nationalen Verteidigung, ein großes Kabinett bilden, wir sollten die Ansätze dazu, die wir naben, zerschlagen?“ Diese Ueberzeugung war nicht etwa nur bei den Flügelparteien vorhanden, sondern griff weit über sie hinaus. U. a. vertrat sie inner- und außerhalb des Permanenzausschusses warm der eine der (Palästina-)Exekutivkandidaten, €01. Kisch. Anderer Meinung waren in der Hauptsache das Linke Zentrum, die Amerikaner (ganz oder teilweise) und — Sacher, Wieweit Weizmanns Ueberzeugung auf der einen oder der anderen Seite stand, wurde nicht klar, da er sich damit begnügte, seine Ansicht so zu formulieren, daß diese ״flügellose“ Exekutive eine der Bedingungen Sachers sei und daß man sie daher akzeptieren müsse, da vom Gewinn Sachers seiner Auffassung nach die Gesundung abhänge. So kam es schließlich zu dem Ergebnis, daß, da Weizmann sich mit der Person Sachers identifizierte, Sacher aber an seiner Bedingung festhielt und der größere Teil des Kongresses der Ueberzeugung war, daß Weizmanns Verbleiben im Amt ein unbedingtes Erfordernis sei, auf dem Wege dieses Zirkels die neue Exekutive eine knappe Mehrheit erhielt, die dadurch erreicht wurde, daß die gesamte Linke statt gegen die Wahl zu stimmen, sich nur der Stimme enthielt. Wie dies Ergebnis zu würdigen ist, möge der Leser selbst entscheiden. Auf der einen Seite stand die von der überwiegenden Mehrheit gewünschte Koalition, eine Form, die auf diesem Kongreß erreichbar war. Alle großen Parteien waren bereit, statt der bisherigen losen Personenbindung ein wirkliches gemeinsames Programm zu diskutieren und zu akzeptieren, aas die Grundlage einer gesunden Arbeit für die nächsten zwei fahre hätte bilden können und bei dem sie alle bereit waren, ihnen wichtig erscheinende Wünsche hintanzustellen. Dann hätte man eine Exekutive gehabt, die durch die in ihr vertretenen Parteien auch die Kraft gehabt hätte, das in den kommenden Jahren häufig genug erforderlich werdende ״Nein“ ohne allzu große Reibungen durchzusetzen. Sie hätte auch für ihre Geldaufbringungsaktionen über den Elan nahezu der gesamten Zionisten verfügt. Auf der anderen Seite verließ man den Kongroß zwar mit dem Aktivum Sacher, der hoffentlich das hält, was man sich von ihm verspricht, aber man erkaufte dieses Aktivum mit einer Exekutive, gegen die die große Mehrheit des Kongresses teils durch den Stimmzettel, teils durch die die Stimmenthaltung begleitenden Deklarationen sich erklärten, d. h. mit einer Exekutive, der es zur reibungslosen Durchsetzung ihrer Kürzungen an jedem Medium fehlt und bei der es, wie wir fürchten, auch am Elan der Massen für die Geld aufbringung fehlen wird. Dies alles sprach schon gegen die ganze Konstruktion dieser Exekutive. Bezüglich der personellen Zusammensetzung kam zweierlei hinzu: Das eine war, wie schon angedeutet, daß der Mann, auf den wir unsere Hoffnungen setzen sollen, zwar seine Bedingungen stellte, nicht aber sein Programm der Prüfung des Kongresses unterwarf. Wie er sich die Durchführung des Konsolidierungsprogramms denke, erfuhr man nicht nur im einzelnen nicht, sondern nicht einmal in programmatischen Richtlinien. Wenn wir auch auf das Urteil mancher derer, die ihn loben, viel geben, so konnte das unmöglich ausreichen, um ihn als führenden Mann unter Annahme schwerer Bedingungen zu akzeptieren. und zweitens kam für einen großen Teil des Kongresses, darunter z. B. für den Misrachi hinzu, daß dieser Palästina- Exekutive ein kulturelles Element fehlt, das keinesfalls fehlen darf. Für uns ist es das Verwachsensein mit der Tradition und das Leben in ihr, für andere war es das Venvurzcltsein im Milieu der jüdischen Massen. Gewiß meinten beide Gruppen nicht das Gleiche und gewiß gibt es mancherlei Kandidaten, die die Einen zufriedengestellt hätten, ohne den anderen zu genügen. Der Misrachi seinerseits verlangte keine Vertretung, die seiner Fraktion entnommen würde. Persönlichkeiten (die genannt wurden), die seiner Auffassung vom Judentum nahestünden, hatten ihm genügen können. (Miss Szold, die durch manche Voraussetzungen hierfür befähigt erschiene, weiß selbst, daß sie dieses Amt nicht ausfüllen kann.) Eine solche Persönlichkeit überhaupt in der Exekutive fehlen zu lassen, ist eine Unmöglichkeil Um nur einen Grund zu nennen, sei auf die Aufgaben verwiesen, die das neue Gemeindegesetz der Jewish Agency, d. h. praktisch der Palästina-Exekutive zuweist, ganz davon zu schweigen, daß auch unsere Wirtschaftsaufgaben mit kulturellen Komponenten überall durchsetzt sind. Die vorgeschlagene Exekutive erschien daher in ihrer personellen Zusammensetzung ebenso unannehmbar wie in ihrer Konstruktion. Als es feststand, wie groß die Zahl der Gegner sein würde, versuchte man, ob durch ErfüJHwjg!besonderer,,dem Misrachi als grundsätzlich wichtig erscheinender Forderungen seine Stellung geändert werden könne. Nach Nennung der wichtigsten erschien diese Möglichkeit nicht als gegeben. Mir erscheint das im Ergebnis als gut, denn als eine Exekutive, die von der Rechten und Teilen des Zentrums gegen die Linke gewählt worden wäre, wäre diese Exekutive sicherlich noch schlechter gewesen, als sie heute schon ist. Ob die Linke recht daran getan hat, die Erfüllung einiger ihrer Wünsche mit Stimtnenthaltung zu belohnen, scheint mir mehr a’s zvveife’haft. Wenn man das aber heute mit dem schmückenden Beiwort ״verantvvortungsbewußt“ benennt, so liegt dafür jedenfalls keinerlei Veranlassung vor. Der Linken waren die erlangten Konzessioiien selbstverständlich nicht wichtig genug, um daraufhin für die Exekutive zu stimmen, aber da der größere Teil von ihnen ohnedies zu denjenigen gehört, die Weizmanns Verbleiben als unerläßlich ansehen und da ferner der oben angelegte circulus bestand, so hielten sie, als feststand, daß der Misrachi gegen die Exekutive stimmen würde, die Konzessionen für ausreichend, um durch Stimmenthaltung das Zustandekommen der Exe' utive formell zu ermöglichen, zumal sie gleichzeitig durch ihre Dekla rationen ihre Opposition wahrten und für die Zukunft an׳ kündigten. IV. So verlassen wir den Kongreß in tiefster Depression. Er hat seine wichtigsten Aufgaben nicht erfüllt. Er ließ sich wählen unter der Flagge ״Konsolidierung“ und wir gehen von Basel fort, ohne daß aus dieser vielgestaltigen Devise ein klares Programm wurde. Wir wäh’ten keine Exeku ive, sondern ließen uns eine aufoktroyieren. Wir betrauten unsere wichtigsten Auf gaben einem Gremium an, dessen führende Person uns ihre Absichten nicht darlegte. Wir versäumten den historischen Augenblick, durch kräftige Zusammenfassung der dazu bereiten Parteien eine wirkliche Arbeitseinheit zu bilden und dadurch Palästinakrise und Organisationskrise gleichzeitig zu bessern, vielleicht zu heilen. Jetzt, nachdem der Kongreß vorüber ist, müssen wir versuchen, alle mit der Verantwortung, die uns der Zionismus auferlegt, zu hoffen, daß diejenigen Recht behalten, die diese Exekutivbildung erzwungen haben. Ja bei der eigen tümlichen Situation, in die unser Werk unsere Oppositionen ver setzt, sind wir sogar verpflichtet, mit höchster Kraftanstrengung dafür zu sorgen, daß dieser Exekutive und ihren Fonds alle Unterstützung zuteil wird. Wenn aber, wie wir fürchten, trotz alledem die Zukunft lehrt, daß wir Recht behielten, dann werden diejenigen, die Konsequenzen zu ziehen haben, die Weizmanns Popularität benützten, um dieses Ergebnis zu erzielen. Berliner Zentralbüro der Radikalen Zionisten Während des XV. Zionistenkongresses fanden in Basel meh rere Sitzungen der Vertreter der radikalen Zionisten aus den verschiedenen Ländern statt, die sich mit der Organisierung der künftigen Arbeit der ״Vereinigung radikaler Zionisten“ beschäftigten. Es wurde beschlossen, das Zentralbüro der Gruppe in Berlin zu errichten unter Leitung von Dr. Nachum G o 1 dmann und Dr. Max Soloweitschik. Außerdem wurde ein Zentral-Komitee gewählt, bestehend aus folgenden Mitgliedern: Jizchak Grünbaum, Abraham Podlischewski, Dr. Klumel, Dr. Leo Goldhammer, Dr. Israel Wa’dmann (Wien), Dr Jakob Klatzkin (Berlin), S. Goldenberg (London), Dr. Emil Mar■ gulies (Tschechoslowakei), Dr. A. Insler (Lemberg), Dr. Marcus Krämer (Bukowina), Dr. L. Mizrachi (Rumänien), Dr. I. Wilenski (Haifa), Dt. Berachjahu (Jerusalem) und den Mitgliedern des Zentralbüros. Ferner wurde beschlossen, an die Herausfabe einer Zeitschrift der Radikalen Gruppe in deutscher prache heraazutreteu, di« 10 nächster Zeit erscheinen wird. -4 Seite 565 Zionistische Evolution (Einige Kongreß-Betrachtungen.) Von Senator Dr. Michael Ringel, Lemberg. Der Zionistenkongreß ist kein Tagesereignis, welches nach einer Woche an Aktualität verliert, sondern eine Fundgrübe für jeden, welcher das Spiel der Kräfte im jüdischen Volksorganismus der Gegenwart und die Richtung der seine Zukunft bestimmenden Entwicklungsgesetze studieren will. Nach Art der altgriechischen Olympiaden kommen hier die geographisch, kulturell und sozial weit auseinanderliegenden Feile des jüdischen Stammes — die lebenden und aktiven Teile zusammen, um im friedlichen Wettstreit die Fortschritte des nationalen Wiedergeburts-Prozesses auf allen Gebieten zu zeigen. Hier ist der Brennpunkt des jüdischen Volkslebens. Ob die Plutokratie und ein Teil des Proletariates noch ״außerhalb des Lagers“ stehen, ist für die Zukunft des jüdischen Volkes ebensowenig von grundlegender Bedeutung, wie die Tatsache, daß zur Zeit Esras nur ein kleiner Bruchteil der Juden -- darunter wenig Großjuden -. den Heimweg antrat, 11m auf Grund der ״Cvrus-Deklaration“ das nationale Heim zu bauen. * Die Zionistenkongresse — auch der letzte — haben nicht immer eine ,,gute Presse“. Viele von uns wundern sich, daß auch in objektiv sein wollenden Zeitungsorganen das Spiegelbild des im Kongresse konzentrierten Zionismus in verzerrter Form erscheint. Eigentlich sollte uns dies nicht wundern. Es gibt dafür psychologische Voraussetzungen, welche eine dauernde Quelle von Mißverständnissen und Fehlurteilen bilden. Stellen wir uns einmal vor, das italienische, griechische oder ein anderes südländisch-temperamentvolles Parlament würde statt in seinem Heimatsmilieu, irgendwo in Nord- oder Zentral-Eurona, in einer fremden, kalten, zum Teil feindseligen Umgebung, seine heißen Debatten führen, vor einer Presse, welche den erörterten Problemen gegenüber teils kühl, teils 1111 informiert, teils voreingenommen und gegnerisclt gegenübersteht. Dazu käme dieses Parlament nur in zweijährigen Abständen zusammen, mit dem sich naturgemäß in so langer Zeit ansammelnden Zündstoff aller Art, welcher in einer ganz kurzen Zeit sich entladen muß, in Debatten, die nicht nur mit südländischem Temperament, sondern sehr oft mit dem Doktrinarismus, der an russische Studenten-Diskussionen anklingt, geführt werden. Und da diese Debatten auf den letzten Kongressen mit einer vollständigen — oft naiv anmutenden — Offenheit vor aller Welt (die zum großen Teil feindselig ist und auf Stoff zu Angriffen nur wartet) geführt werden, ist es denn zu verwundern, daß nach jedem Kongreß vielerorts ein falsches Bild der Zustände in der Zionistischen Organisation und in Palästina entsteht, auch dort, wo man vielleicht objektiv sein — oder doch scheinen — möchte. Dieses wandernde Judenpartament, in kühler, fremder Umgebung tagend, ist eben eines der vielen Paradoxe der anormalen Lage unseres Volkes, und deshalb sollen wir Zionisten uns durch die falsche Beurteilung der Aeußerlichkeiten des Kongresses durch nichtzionistische Juden und Nichtjuden in unserem eigenen Urteile nicht beirren lassen. Es gibt übrigens kein Parlament auf der Erde, wo ein so überwiegender Teil seiner Mitglieder mit solcher selbstlosen Hingabe tage- und nächtelang bis zur völligen Erschöpfung arbeiten würde, wie dies auf dem Zionistenkongreß geschieht. * Dies darf uns andererseits jedoch nicht abhalten, festzustellen, daß der Kongreß nach 30 Jahren in dieser Form, die er letzthin angenommen, sich überlebt hat. Heute vereinigt der Kongreß in sich dreifache Merkmale. Er versucht es, wie zu Herzls Zeit, weiterhin die Tribüne des jüdischen Volkes zu bleiben, von welcher zur nichtjüdischen und )jüdischen Welt gesprochen wird — als eine Art Demonstrationskongreß. Andererseits vereinigt der Kongreß in sich die Rudimente eines in Entwicklung begriffenen kleinen Staatsparlaments, mit abnorm kurzen, zusammengedrängten Sitzungsperioden, mit hastigen und nervösen Beratungen, welche sich zum großen Teile um das Budget drehen — einem Budget, welches immer eine ״lex imperfecta“ bleibt, weil die Einnahmen nicht die Sanktion zwangsweiser Einziehung haben, kurz mit einem Budgerecht ohne Steuerrecht. Drittens ist der Kongreß jetzt eine Art Generalvcrsammlung einer großen Kolonisations-Gesellschaft geworden (ich denke da mehr an die East Indian Company mit ihren Charterrechten), nur daß in dieser Versammlung zu wenige kühle Fachleute und zuviele enthusiastische — im besten Sinne des Wortes — Dilettanten das Wort führen. Der Kongreß vereinigt also die Mängel aller dieser drei Arten von Beratungskörpern und dies macht ihn zu einer schwerfälligen Maschine, welche in keiner Beziehung befriedigt. Er ist niefit mehr der durch gute Regie und glänzende Reden herzerhebend wirkende Demonstrationskongreß, wie ihn Herzl schuf, er ist kein Staatsparlament und ist keine entsprechende Versammlung für die Erörterung von Kolonisationsproblcmen. Er muß also gründlich reformiert werden ״in capite et membris“ — an Haupt und Gliedern. Sonst wird er in seinem Effekt alle zwei Jahre mehr Schaden bringen als Nutzen. * Was den letzten Kongreß kennzeichnete, ist sein fortschreitendes Hineinwachsen in die Wirtschaft, Verwaltung und Politik Palästinas. Früher waren die Zionistische Organisation und Palästina zwei einander kaum berührende Kreise. In den letzten Jahren erfolgt immer mehr ein gegenseifiges Sich-Durchdringen und Zusammen wachsen. Dies zeigt sich organisatorisch in der Einfügung der jüdischen Landesiiistanzen in die Zionistische Organisation. Augenfällig wurde dies während der Debatten, als man sah, welch breiten Raum in unserem Parlamente die palästinensischen Detailfragen der Landesverwaliung (Steuern, Polizei usw.) einnehmen. Mit jedem Kongresse wächst eben das Interesse für diese Fragen, weil das zionistische Judentum sich immer tiefer mit dem Boden Palästinas verwurzelt, bis einmal die durch die Galuthländer wandernde Kongreß- Bundeslade sich dauernd in Erez-Israel niederläßt. * Nach jedem Kongreß, und erst recht nach diesem retrospektivem Jubiläums- und zugleich ״Krisenkongreß“, entsteht die Frage :was weiter? Werden wir die Krise meistern, das Verlorene wiedergewinnen, das Versäumte nachholen? Wir wollen uns hier nicht in Erörterungen einlassen, ob man überhaupt von einer ״Krise in Palästina“ oder einer ״Krise des Zionismus“ sprechen darf, statt von einer Frage der Behebung der Arbeitslosigkeit. Wir verweisen auf das — leider nicht genügend beachtete — Referat des Col. K i s h. Manchmal geben jedoch Tatsachen, die wenig beachtet werden, mehr Aufschluß über die Entwicklungstendenzen eines Volkes und deren Gesetze, die für seine Zukunft von Bedeutung sind, als lange Erörterungen. Außer Palästina gibt es zwei ״Länder, in welchen Versuche gemacht werden mit jüdischer Massenkolonisation: Argentinien und Rußland.