Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 558 J UEDISCH E RUNDSCHAU Nr. 78, 30. IX. 1927 Gunsten vernehmen. Die in Snty rna in französischer Sprache erscheinende gemäßigte Zeitung ״Levant“ anerkennt zwar, dali die Juden freiwillig auf ihre Minderheitsrechte verziehteteti und offiziell die türkische Sprache als ihre Muttersprache anerkannten, meint aber, daß der Zweifel an der Wahrhaftigkeit ihrer türkentreuen Ueherzeugung berechtigt sei. Denn in wirklichkeit sprechen sie nicht türkisch untereinander, sondern spanisch, ihre Kinder besuchen nicht türkische Schulen, sie bilden separate Organisationen und Klubs. Wenn die Juden weiter widerspenstig bleiben, so ist, schließt die Zeitung, kein Platz mehr für sie in diesem Lande. Der Verband der türkischen Jugend hielt eine außerordentliche Sitzung ab und beschloß, von der Regierung zu fordern: 1. Die jüdische Presse in der Türkei ist zu verbieten; 2. jüdische Schulen sind zu schließen; 3. die Gemeindeorganisation ist aufzulösen und die Rabbiner sind des Landes zu verweisen; 4. Ausländische jüdische Zeitungen und Bücher dürfen nicht ins Land kommen. — Von der gesamten türkischen Presse nimmt nur die vom Deputierten Younous Nadi Bey herausgegebene ״Djounhurist“ (Die Republik) gegen die Judenhetze Stellung. Am 7. September begann vor dem Konstantinopclcr Gerieht die Verhandlung gegen zehn angesehene jüdische Bürger Konstantir.opeis. die an dem Begräbnis der Elsa Niego teilgenommen und dabei durch Rufe ״das Türkentum“ geschmäht haben sollen. Nach dem türkischen Gesetz bedeutet dies Landesverrat. Die Nationalversammlung in Angora hatte dem Staatsanwalt die Autorisation zur Erhebung der Anklage gegeben. Die Angeklagten verbrachten die ganze Zeit in Haft. Die bis jetzt nur gegen Griechen und Armenier bestehende Vorschrift, daß zur Reise in das Innere der Türkei eine besondere Erlaubnis einzuholen sei, wurde soeben auch auf die Juden ausgedehnt. Dies hat unter den türkischen Juden, die sich bis jetzt als vollberechtigte Bürger der Türkei betrachteten, Bestürzung und Empörung hervorgerufen. Am 18. September wurde gemeldet, daß der Prozeß gegen die neun Konstantmopeier jüdischen Bürger vertagt wurde. Gegen die Beschuldigten konnte keinerlei Beweismaierial ins Treffen geführt werden. Die Haft wird dennoch aufrechterhalten. Am 24. September wurde im Prozeß gegen die acht jüdischen Bürger und einen jüdischen Soldaten der türkischen Armee, die beschuldigt waren, sich an antitürkischen Demonstrationen beteiligt zu haben, das Urteil gesprockm. Die acht jüdischen Bürger wurden freigesprochen, der jüdische Soldat wurde zu 35 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt legte gegen das freisprechende Urteil Berufung ein. Es verlautet, daß dieser Einspruch zurückgewiesen werden wird. Auf Grund der neuesten Nachrichten sind die Reise- Beschränkungen gegen die Juden aufgehoben worden. * Die ״Times“ beschlftigen sich mit dem Konstantinopeler Jttdenprozeß und teilen in diesem Zusammenhänge mit, daß in Konstantinopel, Adrianope! und Smyrna, wo große jüdische Gemeinden bestehen, dem Ausgang des Prozesses mit ungeheurer Spannung entgegengesehen wird. In der Türkei, schreiben die ״Times“, wohnen im ganzen 70 000 Juden. Dennoch scheinen es die Behörden in Konstantinopel zu wünschen, auf künstlichem Wege ein ״jüdisches Problem“ zu schaffen, und die Regierung habe es den Juden verboten, ohne besondere Erlaubnis in das Innere Anatoliens zu reisen, wodurch nicht allein die jüdischen Kaufleutc, sondern auch der gesamte türkische Handel leiden. Es scheint, daß sogar die Aktionssphäre des Ordens Bnei Brith eingeschränkt werden soll. Dies alles ist um so bemerkenswerter, als bis jetzt niemals eine ausgesprochene Judenverfolgung in der Türkei stattgefunden hat und die Juden in diesem Lande sich stets als nützliche Faktoren der Allgemeinheit erwiesen haben, Ernst denkende Türken sehen ein, daß ein Judenboykott für die Türkei ein nicht minderes Unglück als für die Juden selbst bedeuten würde. ״Daily Express“ schreibt über die Judenhetze in der Türkei unter anderem: ״Die Freunde der Türkei sind durch die verstärkte antisemitische Bewegung in diesem Lande stark beunruhigt. Die Türkei kann die wirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden nicht entbehren. Würden die Türken — wie manche Hetzer fordern — eine so wahnsinnige Maßnahme wie die Austreibung der Juden durchführen, ihre Wirtschaft würde vernichtet werden, wie seinerzeit die Wirtschaft der Mauretanier nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Judenverfolgungen haben noch keinem Volke Nutzen gebracht. Zeigt sich irgendwo bei den Juden eine Tendenz, aus einem Lande auszuwandern, so ist das ein schlimmes Zeichen für die Wirtschaftskraft dieses Landes.“ Die Konzession für das Tote Meer London, 2I. September. (J. T. A.) Die vor einiger Zeit durch die Presse gegangene Meldung, daß das britische Kolonialamt bereits eine Konzession zur Ausbeutung der Salze des Toten Meeres erteilt hat, eilt den Tatsachen voraus. Es haben bis jetzt vier Gruppen dem Kolonialamt technische und finanzielle Pläne zur Ausbeutung der Salze des Toten Meeres unterbreitet und um die Erteilung von Konzessionen ersucht. Es sind dies: a) W. H. Tottie, Bankier, als Vertreter einer englischen Gruppe; b) Major D. Henry und Edwards als Vertreter einer australischen Gruppe; c) der amerikanische Chemiker Prof. Dr. Thomas Norton als Vertreter einer amerikanischen Gruppe; d) der palästinensische Bergbauingenieur M. Novomejsky und der Londotier Zivilingenieur Major T. Q. Tulloch als die Vertreter einer englisch-palästinensischen Gruppe. Die vor kurzem von den ״Financial Times“ gebrachte Mitteilung, daß Lord Plu-!ווer bereits eine Konzession an Novomejsky erteilt hat, hat bisher eine offizielle Bestätigung nicht gefunden. * Der ״V o s s i s c 11 e n Zeitung“ wird am 27. September aus Jerusalem telegraphiert, daß die Tote-Meer- Konzession nicht an die Imperial-Chemical-Industrie erteilt wird, sondern an eine Gesellschaft, bestehend aus Sir Alfred Mond, Lord R e a d i n g , Bernard Baron, Ingenieur Novomejski und evtl. Rothschild. Das Grundkapital soll 25 Millionen Dollar betragen. (Eine Bestätigung dieser Meldung bleibt abzuwarten. — Red.) Die Außenpolitik au! dem Kongreß Von Dr. Moritz B i 1 e s k i. I. Die verschiedenen Ansichten über die Lage und die Methode unserer Außenpolitik, die sich in den Diskussionen des Kongresses begegneten, .sind bekannt. Nach der Meinung Wrizmanns ist die Grundlage unserer Politik das Vertrauen zum guten Willen der Mandatarmacht. Von dieser Basis aus können wir in zäher Arbeit, die keine sensationellen Fortschritte bringen wird, die politischen Grundlagen für den Aufbau des nationalen Heimes befestigen und erweitern; diese sind Im übrigen wesentlich bedingt durch unsere Leistungen im Lande, Wir können gerade in der letzten Zeit eine gesteigerte Aktivität der Mandatarmacht feststellen und anerkennen, aber es gibt eine Reihe von unerfüllten Forderungen, auf deren Erfüllung wir bei der Mandatarmacht weiter zu dringen haben. —- Die Auffassung der Radikalen und Revisionisten: Unser Kolonisationswerk ist unmöglich ohne eine starke, unmittelbare und aktive Förderung durch die Staatsgewalt; aber die Regierung hilft uns nicht, sie schaut nur zu, oder sie arbeitet in wichtigen Einzelheiten gegen unsere Interessen; wir sind trotzdem mit allem zufrieden, wir fordern nicht, es fehlt die großzügige politische Initiative; Weizmann wird seinen politischen Kurs nicht ändern, wer eine Aenderung will, muß einen anderen politischen Führer wählen. — Dem wesentlichen sachlichen Inhalt dieser Meinung der politischen Opposition recht nahe steht die Ansicht vieler Palästinenser, repräsentiert etwa durch den Redakteur des Haarez, Dr. Olücksohn, die aber auch von weiten Kreisen rechts und links vom Haarez geteilt wird: das negative Urteil über die Mandatarmacht, über ihr ״System passiver Neutralität“ ist fast das gleiche. Auch unserer politischen Leitung wird vorgeworfen, daß sie sich mit der Regierung im allgemeinen zu sehr einverstanden erkläre, anstatt ihrem gleichgültigen oder gar schädlichen Verhalten mit der notwendigen Entschiedenheit entgegenzutreten. Aber Glücksohn glaubt, daß deutliche Willensänderungen unserer obersten Organe im Sinne einer ״richtigen“ Politik nicht nur die Regierung aufklären, sondern auch die Haltung unserer politischen Leitung in seinem Sinne verändern können: er will seine Politik durch Weizmann machen lassen, und hofft in ähnlichem Vertrauen, daß so die beste Politik von dem besten Manne gemacht werden würde. In die Nähe dieser von Glücksohn repräsentierten Gruppe gehört auch die amerikanische Delegation — jedenfalls wenn man von dem ausgeht, tvas von Amerikanern zu politischen Fragen im Plenum und in der Kommission gesagt wurde. (Es ist allerdings höchst zweifelhaft, wie weit diese Erkenntnisquelle maßgebend ist, wie weit die Sprecher der amerikanischen Delegation deren politische Ansicht richtig Wiedergaben.) Nur ist hier der innere Widersprach erheblich stärker. Denn das unbedingte Leitwort der Amerikaner ist: für Weizmann! Aber ihre wohlgestcigerten, wirkungsvollen Reden brachten eine Kritik, die die Führer der politischen Opposition wohlgefällig schmunzeln ließ. Diese amerikanische Kritik beschränkte sich ganz auf wirtschaftspolitische Fragen, aber ihr deutliches Hauptthema war: Großbritannien tut nicht gut, und manche Untertöne sangen: und unsere Leitung auch nicht. Vielleicht darf an dieser Stelle angemerkt werden, daß bei der Bildung unserer politischen Meinungen mitunter manche merkwürdigen Erscheinungen zu beobachten sind. Wir unterliegen auch auf diesem Gebiete den Wirkungen des Milieus, in dem wir leben oder einmal gelebt haben, nicht immer zum Vorteil der Arbeit, die ausschließlich durch die Bedingungen unserer jüdischen Zukunft bestimmt werden sollte. Sehr viele von uns kannten Regierungen nur als feindliche Mächte, deren Brutalitäten die Juden seit Jahrhunderten irgendwie zu parieren hatten, ihr Verhältnis zur Regierung war das des Unterdrückten oder des Revolutionärs. Die Wirkungen dieser Tradition machen es naturgemäß schwer, in einer Regierung einen Partner, den Helfer beim eigenen Werk zu sehen, Vertrauen zu ihr zu haben, zusammen und auf gleichem Fuße mit ihr Politik zu machen. Diese Milieuwirkung wird zwar noch häufig vergessen, wenn wir unsere politischen Urteile bilden, aber sie ist schon bekannt. Auf dem Kongreß enthüllte sich plötzlich eine Milieuwirkung ganz anderer Art. In unserer kleinen Welt, die aber doch ein Mikrokosmos ist, spiegelte sich ein großmächtiger Gegensatz; wir entdeckten in einem Winkel unserer politischen Erwägungen, in manchen Aeußerangen der amerikanischen Delegation, die leise Spannung, die bei aller Freundschaft naturgemäß in der Weltpolitik zwischen den beiden großen Pfeilern des Angelsachsentums besteht. Das heißt gewiß nicht, daß unsere amerikanischen Freunde das Verhältnis zwischen United States und British Empire zur Grundlage ihres politischen Urteils machten. Aber zu den Elementen des Urteils, die rein zionistischen Gedankengängen entnommen waren, gesellte sich hie und da ein Reflex dieser großen innerangelsächsischen Spannung — ein neuer Beweis dafür, wie schwer es ist, unsere politische Urteilsbildung von nichtzionistischen Vergangenheiten und Umgebungen zu isolieren, und nur aus der Reinheit unserer Zukunft die Notwendigkeiten unserer Aufgabe zu erkennen. IL In der Generaldebatte wurden diese hauptsächlichen Meinungen in großen Umrissen einander entgegengestellt. Die Einzelarbeit der politischen Kommission brachte zunächst Informationen der Exekutive über eine jjanze Anzahl interessanter Fragen, die ergaben, daß in Genf, in Jerusalem und in London fleißig und regelmäßig gearbeitet wird. (Manche Wahlkampfdarstellung lautete bekanntlich anders.) Diese Informationen zeigten an einer Reihe von Einzelbeispielen, daß die Voraussetzungen unserer Politik zutreffen: Man kann grundsätzlich mit gutem Willen der Mandatarmacht rechnen, aber gewisse objektive Bedingungen — zu denen Eigentümlichkeiten des englischen politischen Charakters gehören -~ verhindern, daß wir im Eilzugtempo politisch vorwärtskommen. Die Beispiele machten auch nochmals den Sinn der auf diesen Voraussetzungen aufgebauten Methode klar: Auf der Basis freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht können wir einen erheblichen Teil unserer politischen For- ,derungen allmählich durchsetzen, und wir behalten immer eine Verhandlungs-Chance für die Gebiete, auf denen die Zugeständnisse der Regierung noch nicht befriedigend sind. In der Diskussion waren mit geringen Ausnahmen nur kritische Aeußerungen über die politische Arbeit zu hören. Nur die Arbeit in Genf wurde von den Mitgliedern der Kommission, die an sie dachten, im allgemeinen lobend erwähnt.; Im übrigen vereinigten sich mit den Führern der politischen Opposition, die verständlicherweise Argumente für ihre Auffassung der Lage brachten, eine erhebliche Anzahl solcher Kritiker, die sich zwar nicht die Mühe machten, sich zwischen Exekutive oder Opposition zu entscheiden, aber es für ihre Aufgabe hielten, Einzelbeispiele für die ungenügenden Fähigkeifen der Palästina-Regierung oder der Exekutive beizusteuern. Ganz besonderes Interesse fand die Rede des Amerikaners Tulin. Sie brachte einen scharfen Angriff gegen die Wirtschaftspolitik der Palästina-Regierung und deutete am Schluß an — unter gleichzeitigen Loyalitätserklärungen für Weizmann —, daß auf diesem Oebiet auch ein Mangel be,i der Exekutive bestehe. Tulin forderte die Bildung einet besonderen Komitees, das unter dem Vorsitz Weizmanns aber als besonderer Ausschuß, nicht als Teil der Exekutive, mit der Regierung über die möglichst günstige Durchführung der gemeinsamen Aufgaben verhandeln solle. Die Rede war eine gute rethorische Leistung und brachte viel Zahlenmaterial, sie machte auf die Kommission starken Eindruck. Für Kenner unseres politischen Tatsachenmaterials konnte indessen ihr Inhalt nicht so neu und überzeugend sein, wie viele Kommissionsmitglieder glaubten. Daß die Juden pro Kopf erheblich höhere finanzielle Leistungen an die Regierung abführen als die Araber, wissen wir seit langem;, der Hinweis auf unsere größere wirtschaftliche Durchschnittsleistung für das Land ist ein wichtiges, aber oft gebrauchtes Argument, das uns bei manchen wesentlichen Forderungen schon geholfen hat und bei anderen noch helfen soll. Wenn man die Größe der jüdischen Steuerleistung dadurch hervorhebt, daß man sie der Einnahme des Keren Hajessod gegenüberetellt, so erreicht man zwar einen polemischen Effekt, aber solche Zweckstatistik kann doch nur dem sinnvoll erscheinen, der übersieht, daß hier Zahlen verglichen werden, die unter ganz verschiedenen Bedingungen zustandegekommen sind und sich auf ganz verschiedenartige Leistungen beziehen. Auf diese Weise kann noch überzeugender gezeigt werden, daß jüdische Leistungen irgendwelcher Art in Washington oder Baltimore oder Berlin oder Warschau die Keren Hajessod-Leistungcn erheblich übertreffen. Der wirklich berechtigte Teil von Tulins Rede war auf die Kritik des Steuersystems zu konzentrieren. Aber gerade zu diesem Punkte hatte sich die Exekutive sehr kritisch über die Mandatarmacht geäußert, und sie hatte auch ganz spezifizierte Forderungen aufgestellt״ die dann fast unverändert (auch Tulin hatte keine konkreten Abänderungsvorg'hläge gemacht), vom Kongreß angenommen wurden. Gerade zu diesem Punkte fügte Tulins Rede dem Material der Exekutive keinen neuen Gedanken hinzu. Der Antrag Tulin wurde von dfer Exekutive für unannehmbar erklärt, soweit dem Komitee die Befugnis zu unmittelbaren Verhandlungen mit der Regierung eingeräumt werden sollte. Diese Stellungnahme der Exekutive war richtig, weil das Komitee mit den von Tulin gewünschten Befugnissen in der Tat die Stellung und die politische Arbeit der Exekutive zu erschweren drohte. Nach dem Verlauf der Diskussion mußte der Antrag auch als die Aeußerung einer politisch oppositionellen Anschauung erscheinen. Das wurde sofort bewiesen, nicht nur durch die Zustimmung, welche die Führer der Opposition der Rede und dem Antrag Tulins spendeten, sondern noch deutlicher durch eine weitere Rede eines amerikanischen Delegierten, der konstatierte, Tulins Rede habe ein gänzliches Versagen unserer politischen Arbeit nachgewiesen. Zu erwähnen ist hier auch die Erklärung von Wise, mit der er sich von der Kommission verabschiedete. Er führte darin aus, der Antrag Tulins, an dem er mitbeteiligt sei, sei eingebracht worden, nachdem die tagelange Diskussion in der Kommission zu seiner Ueberraschung fast nur kritische Aeußerungen und eine sehr negative Beurteilung unserer politischen Lage und politischen Arbeit gezeigt habe, das Ziel des Anträges sei gewesen, die Grundlagen dieser negativen Haltung für die Zukunft nach Möglichkeit zu beseitigen. Die Erklärung der Exekutive gegen den Antrag Tuiin veranlaßte dann einen anderen amerikanischen Delegierten zu der formellen Mitteilung, die er auch im Namen von Lipsky abgab, daß der Antrag ohne Autorisation der amerikanischen Delegation eingebracht worden sei, und diese keinen Schritt unternehmen wolle, der von Weizmann nicht gebilligt würde. Darauf Protest von Wise: Der Antrag sei der amerikanischen Delegation ordnungsmäßig mitgeteilt worden, diese habe beschlossen, daß ein spezielles Komitee mit Weizmann darüber verhandeln solle; durch Lipskys Desavouierung des Antrages Tulin werde er in einem loyalen und wohlmeinenden Versuch das ihm richtig Erscheinende zu erreichen, beschränkt, dieser Eingriff in die Meinungsfreiheit sei unzulässig; Ankündigung des Rücktritts vom Vorsitz der Kommission, lebhaft bedauerier Abschied und beschleunigte Abreise. Tuiin erklärte gleichfalls sein Ausscheiden aus der Kommission. Lipsky teilte später mit, daß die Erklärung des amerikanischen Delegierten, welche den Anlaß zu Wises Demission bildete, zu Unrecht erfolgt sei, es liege ein Mißverständnis vor. Die Subkommission der politischen Kommission sah den Antrag Tulins mit seinem Ausscheiden als erledigt an und steuerte ihr Schiff schwerfällig, aber nicht mehr von Stürmen geschüttelt, in den Hafen. Ihrer Deklaration über die Politik wurde ein Entwurf von Glücksohn — nicht der vorliegende Antrag der Exekutive — zugrunde gelegt. Dieser wurde schließlich auch nach vielfachen Kürzungen und erheblichen Verdünnungen von der Mehrheit der Subkommission und der Kommission angenommen. Auch die Exekutive erklärte, daß sie sich mit diesem Antrag abfinde: er werde ihr Unbequemlichkeiten bereiten, aber wenn die Kommission der Meinung sei, daß man so beschließen solle, habe sie nichts dagegen. Lediglich das Linke Zentrum erklärte, daß die Resolution seiner politischen Auffassung widerspreche, und stimmte in der Kommission gegen ihre Annahme. III. Da die Diskussion über die politischen Fragen vor und auf dem Kongreß ln genügender Breite geführt worden ist, soll hier zum sachlichen Inhalt der Resolution nicht noch einmal Stellung genommen werden. Sie enthält eine andere Auffassung von Politik als die, die in Weizmanns Kongreßreden festgelegt ist. Man merkt bei allen Verwässerungen, daß ihr Erzeuger Glücksohn ist. Sie entspricht also nicht dem Kurse unserer offiziellen politischen Arbeit. Man kann allerdings trotz dieser Resolution nicht sagen, daß der Kongreß diesen Kurs mißbilligt und einen anderen verlangt hätte. Wenn das seine Meinung gewesen wäre, so hätte er Weizmann nicht wieder zum Führer unserer politischen Geschäfte bestellen dürfen. Es wurde in der Kommission und Im Kon gieß von den Führern der Opposition immer wieder betont, daß diese Entscheidung fallen ‘müsse, wenn der politische Kurs' verändert werden sollte, und ־sje wäre für diesen Fall um so nötiger gewesen, als Weizmann mehrfach und eindringlich