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Jüdische Rundschau · 1927-09-30 · Heft 78 (30.9.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 78 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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CfckM,4NIA JUDAH.A Eimehmmmttr 0J15 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekestraBe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Ausiamistbonnefloeats werdet) in der Währti&g der einzelnen Linder berechnet Nummer 78 | Berlin, 30. IX. 1927 Anzeigen - Verwaltung Jüdische RundschauG.m.b.H,, Berlin W15, Melnekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aoseigeaprelet 8 geipiltNonpereiUezeneO^O G.-M. SteHen|»wch«0,23 G.-M. AnzeigenschltiB: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: Postsparkasseaatnt Wien, Konto Nr- 156 030. Für Tschechoslowakei: rostsparkasseoamt Frag• Konto Kr, 59 410, Für Polen: Pottsparkasienamt Warschau, Konto Nr- 190 708. Redakttonsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag[. תשרי תרס״ח h | xxxn. Jahrg, Der Zionismus erstrebt fllr das jüdische Volk dl• Schaffung einer dffentllch - rechtlich gealcherten Halmstitte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Abbau der Arbeitslosigkeit Jerusalem, 15. September. (P. C.) Im Laufe der letzten Woche wurde durch die zionistische Exekutive der Beginn einer Reihe von Arbeiten in Jerusalem, Haifa und Afule organisiert. Die Arbeiten In Jerusalem. Für die Arbeiten in Jerusalem stellte die zionistische Exekutive einen Betrag von £ 19 680 aus Keren Hajessod-Mitteln zur Verfügung, die im Laufe der nächsten drei bis sechs Monate täglich 450 Arbeiter beschattigen werden. Neben der Bedeutung der Arbeiten für die Linderung der Arbeitslosigkeit kommt ihnen auch ein großer konstruktiver Wert zu. So umfaßt das Arbeitsprogramm in Jerusalem die Errichtung von Bauten und die Wasserversorgung in den Siedlungen Ata rot und Kir- 1 a t h A n a w i m. Ferner wurde der neuen Wohnsiedlung im Westen von Jerusalem ,,Bajith we Gan“ ein Darlehen von £ 3000 für die Durchführung von öffentlichen Arbeiten gegeben. Ebenso wurde eine Anzahl von Darlehen zur Ausführung von Straßenarbeiten und für den Beginn des Merkas- Mischari-Baues gewährt. Auch das Hebräische Gymnasium in Jerusalem erhielt durch ein Darlehen in Höhe von £ 1500 die Möglichkeit, einen Teil seines Neubaues zu errichten. Die Wasserversorgung in Atarot und Kirjath Anawim wird mit K. K. L.-Mitteln durchgeführt. Die Arbeiten in Haifa und Afule. Das Arbeitsprogramm für die Beschäftigung der Arbeitslosen in Haifa und Afule sieht die Bereitstellung von £ 50000 aus Keren Hajessod- Mitteln vor. Gemeinsam mit den Sanierungsarbeiten, die der Keren Kajemeth zurzeit am Kischon durchführen läßt, werden damit 900 Arbeiter täglich beschäftigt. Die Arbeiten umfassen die Errichtung von Bauten in folgenden landwirtschaftlichcn Siedlungen: Kinereth, Markenhot, Beth Alpha, Tel Joseph, En Charod, Tel- Adass, Nagingad, Jadjur, Nachlath-Jakow, Chitin, Daganiah A und B, Z r i f i n und T r a n s s y I - vanische Kolonie. Die Bauarbeiten erfordern den Betrag von £ 26 400 und gestatten die Beschäftigung von 300 Arbeitern, die Arbeiten für die Wasserversorgung im א u r i s - Block und Ktar Jehoschua beschäftigen 220 Arbeiter und erfordern einen Betrag von £ 18000. Mit diesen Arbeiten, die insgesamt (im Turnus) eine Zahl von 1500 Arbeitern beschäftigen, wird nicht nur die Frage der Arbeitslosigkeit in Haifa und Afule in beträchtliqhera Maß? gelöst, sondern auch ein neues Blatt in der ■Geschichte des Emek ,eröffnet. ■ •־־- •י Regierungsanleihe für Tel-Awiw Lord Plumer besuchte am 5. September Tel-Awiw und erklärte in einer öffentlichen Ansprache, die Regierung wolle mit aller Energie dasWiederaufbauwerkdurch führen, um den durch das Erdbeben entstandenen Schaden in möglichst kurzer Zeit zu beheben. Die Fortführung dieses Werkes werde auch die Arbeitslosigkeit in hohem Maße vermindern helfen. Lord Plumer teilte ferner mit, daß die Regierung beschlossen habe, der Stadtverwaltung von Tel-Awiw einen Kredit von £E 10 OK) zu geben, damit die Stadt in der Lage ist, Notstandsarbeiten zwecks Linderung der Arbeitslosigkeit durchzuführen. Ueber den Besuch Lord Plumers in Tel-Awiw finden wir im ״Dawar“ folgenden Bericht: Am 5. September, vormittags, 1 statteten der Tel-Awiwer Stadtverwaltung einen Besuch ab: Dnbnow Ober den Schwarzbartprozeß Prof. S. Dubnow schreibt der Jüdischen Telegraphen- Agentur: ״Wie verhält sich die jüdische Gesellschaft zu dem Prozeß gegen Schalom Schwarzbart, der nach anderthalbjähriger Untersuchungsdauer Mitte Oktober endlich vor dem Pariser Gericht beginnt? In der ersten Zeit hat man sich in Europa und in Amerika für die Pariser Tragödie stark Interessiert. Das Verteidigungskomitee in Paris hat für den Verteidiger Schwarzbarts ein ungeheures Aktenmaterial vorbereitet, von dem ein Teil in französischer und in englischer Sprache, auch in Buchform, veröffentlicht worden ist. Jetzt werden alle Vorbereitungen zu dem großen Prozeß getroffen. Vor 15 Jahren hat der Beilis-Prozeß in Rußland die gesamte jüdische Welt in Aufruhr gebracht. Das Volk fühlte, daß man es als Ganzes auf die Anklagebank setzen wolle, und spie seinen Ekel den niederträchtigen Verleumdern ins Gesicht. Und doch war jener Prozeß nur eine der hunderte Blutbeschuldigungen, die man im Verlauf von sieben Jahrhunderten gegen uns in Europa geschleudert hatte, Die gebildeten Kreise hatten schon längst von dem barbarischen Aberglauben sich abgewendet. Jetzt stehen wir vor einem ganz neuartigen Prozeß. Sclnvarzbart hat durch seine verzweifelte Tat der Welt in Erinnerung rufen wollen, daß, drei Jahre hintereinander in der Ukraine jüdisches Blut unschuldig geflossen ist und daß die Verbrecher, die diese Massacres organisiert haben, dem Gericht nicht überantwortet wurden und noch heute frei und unangefochten in Europa herumwandeln und sogar noch ״hohe Poiitik“ machen dürfen. Schwarzbart wollte, indem er den Hauptschuldigen, P e 11 j u r a, gerichtet hat, alle jene Verbrecher, die das Judentum der Ukraine verwüstet, zehntausende Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet, geschändet und verstümmelt hatten, dem Weltgericht ausliefern. Der Prozeß Schwarzbart in Paris muß zu einem Gericht des Weltgewissens über jene werden, die die unmenschlichen Taten vollbracht haben. Die ukrainischen Chauvinisten sind bestrebt, aus dem blutigen Attaman Petljura einen Volkshelden zu machen, dessen sich auch die besseren Ukrainer nicht zu schämen brauchten. Sie möchten vertuschen, was wir aufdecken wollen: die schreckensvollste Tragödie in der jüdischen Geschichte. Die jüdische Gesellschaft darf dies nicht geschehen lassen. Mit tausenden Dokumenten und lebendigen Zeugen müssen wir festnageln, was in den Jahren 1918 bis 1920 in einem europäischen Lande geschehen konnte. In einem Lord Plumer, sein Adjutant Brighton, der Treasurer der Palästina-Regierung Davis, der stellvertretende Bezirksgouverneur Crusby und die Beamten des Gencralsekretariats C u s t und Samuel Sie wurden vom Vizebürgermeister R o - k ac h , den Mitgliedern der Exekutive, der Stadtverwaltung und dem politischen Sekretär der Zionistischen Palästina-Exekutive Naamani empfangen. Herr Rokach las dem High Commissioner ein Memorandum über die Lage Tel-Awiws und der Stadtverwaltung in hebräischer Sprache vor, worauf dem Adjutauten des Hign Commissioner die englische Uebersetzung des Memorandums überreicht wurde. In dem Memorandum wird darauf hingewiesen, daß die monatlichen Ausgaben der Stadt- Verwaltung von £E 9570 auf £E 6000 reduziert worden sind. Die Zahl der Beamten wurde von 117 auf 50 herabgesetzt. Die Passiva wurden noch vor Jahresschluß durch verschiedene Regelungen verkleinert. Die Einnahmen sind trotz, der schlechten Lage gestiegen. Die Stadtverwaltung spricht der Regierung für das neue Darlehen in Höhe von £E 10 000 zwecks Durchführung von öffentlichen Arbeiten ihren Dank aus. Die Stadtverwaltung benötigt die Hilfe der Regierung bei der Ein- Ziehung der Steuern. Ferner müßten die Zollverhältnisse ebessert werden. Die Regierung soll ihr Versprechen wegen er Errichtung der Bahnstation in Tel-Awiw einhalten, und ferner müßte ein Hafendamm und eine Chaussee für den Jaffaer Hafen usw. errichtet werden. Lord Plumer erwiderte, daß er seit seiner Rückkehr sich mit der Erforschung der ökonomischen Lage und deren Verbesserung befasse. Tel-Awiw hat von dem Erdbeben, das viele andere Städte des Landes betroffen hat, nicht gelitten. Die Regierung befasse sich mit der Hilfegewälirung an dje Erdbeben-Ueschädigten. Besondere Sorge wendet sie der Lösung der Frage der Arbeitslosigkeit unter den Juden zu. Für diesen Zweck wurde der Tel-Awiwer Stadtverwaltung ein Betrag von £E 10 000 zwecks Durchführung von öffentliehen Arbeiten gewährt. Außerdem werde die Regierung durch ihr Departement für öffentliche Arbeiten eine Chaussee zwischen der Bahnstation und der Herzlstraße anlegen. Ferner wird jetzt mit den Drainierungsarbeiten an der Kischonmündung begönnen. Die Regierung überlasse es der Stadtverwaltung, von sich aus die Arbeitsbezüge festzusetzen, es wäre aber erwünscht, eine so große Zahl von Arbeitslosen wie nur möglich bei den neuen Arbeiten zu beschäftigen. Der Regierung möge ein wöchentlicher Bericht über den Stand der Arbeitslosigkeit über-!■eicht werden. Mit den Arbeiten Stil in den nächsten Tagen begönnen werden. Der Treasurer Davis machte sodann noch verschiedene Mitteilungen über die Finanzlage der Palästina-Regierung. Es sei hier bemerkt, daß der Besuch Lord Plumers überraschend kam. Man hat den Eindruck, als ob der High Commissioner und der Treasurer sich dieses Besuches bedienen wollten, um auf verschiedene Klagen zu erwidern, die gegen die Palästina-Re- Sierung von der Kongreßtribüne aus und besonders von seiten >r. Stephen W i s e s erhoben worden sind. Der Treasurer Davis hat sich u. a. bemüht, zu beweisen, daß es nicht richtig wäre, die Schlußfolgerung zu ziehen, als ob der Budget-Ueberschuß der Regierung in Höhe von einer Million Pfund unbenutzt in der Regierungskasse lifege. Die Zustimmung des High Commissioner zur Festsetzung der Arbeitsbezüge durch die Stadt- Verwaltung für Arbeiten, die aus Regierungsgeldern durchgeführt werden, erfolgte erst nach langwierigen Verhandlungen während der letzten Tage zwischen der Regierung, der Stadt- Verwaltung und der Zionistischen Palästina-Exekutive. unserer alten Märtyrer-Gebete heißt es: ״O Erde, nicht decke mein Blut zu, nicht solle es einen Ort geben, wo mein Schrei ungehört bleibt!“ Dies ist jetzt auch unser Gebet. Nicht Rache wollen wir, sondern Aufdeckung der furchtbaren Wahrheit. Das ganze jüdische Volk muß jetzt unserem Verfeidigungskomitee in dieser heiligen Sache zu Hilfe kommen.“ * Am 18. Oktober wird in Paris vor den Assisen im Palais de Justice der Prozeß gegen Schalom Schwarzbarth wegen des am 25. Mai 1926 auf dem Boulevard St. Michel gegen Petljura verübten Attentates beginnen. Man nimmt an, daß der Prozeß ungefähr acht Tage dauern wird. In der letzten Zeit ist das Interesse für diese Affäre in der jüdischen Oeffentlichkeit merklich gesunken. Wir haben mehrfach zu dieser Angelegenheit Stellung genommen. Kein Jude kann die Tat als solche billigen, aber da sie nun einmal geschehen ist, muß man sich darüber klar sein, daß unbeschadet der Strafwürdigkeit der Tat als solcher in diesem bevorstehenden Prozesse die jüdische Welt Gelegenheit hat, vor der gesitteten Menschheit das furchtbare Drama der Judenpogrome in der Ukraine aufztirollen. Noch immer spazieren in zivilisierten europäischen Staaten Arrangeure dieser furchtbaren Metzeleien unbehelligt umher und spielen sogar in gewissen Kreisen die Rolle von Helden und Befreiern. Wenn dieser Prozeß das Gewissen der Welt aufrütteln und zum Bewußtsein bringen wird, daß scheußliche Verbrechen verübt wurden, die bis heute ihrer Sühne harren, dann wird die Tat Schalom Schwarzbarths nicht vergeblich gewesen sein. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: das Interesse, das die Juden diesem Prozesse entgegenbringen, gilt nicht der Tat, richtet sich keineswegs gegen die Unabhängigkeitsbestrebung des ukrainischen Volkes, das für die Scheußlichkeit einzelner Bandenführer gerechterweise nicht verantwortlich gemacht werden kann. Den Juden geht es einzig und allein darum, daß vor dem Forum der öffentlichen Meinung zweifelsfrei festgestellt werde, welch furchtbaren Blutopfer hunderttausend unschuldige jüdische Männer urd Frauen in den Schreckensjahren 1918 bis 1920 in der Ukraine gebracht haben und daß die Schuldigen —- ukrainische Bandenführer und weißrussische Generale — völlig straflos ausgegangen sind. Es handelt sich in Paris nicht darum, Anklagen gegen irgendwelche politischen Bewegungen oder gegen Völker in ihrer Gesamtheit zu erheben, sondern nur gegen Auswürfe dieser Völker, die auch von ihren Volksgenossen als Schädlinge betrachtet werden. Die Lehre von Konstantinopel Vor einigen Monaten beschäftigte sich die jüdische Presse in der ganzen Welt mit dem Vorhaben der türkischen Juden auf die ihnen in den Friedensverträgen■ gewährleisteten Rechte als nationale Minderheit zu verzichten. Die Assimilation in der ganzen Welt beglückwünschte die türkischen Juden zu ihrer Absicht. Ein nach der Türkei importierter Rabbiner, der seine politische Schulung in Deutschland genossen hatte, war der Wortführer derjenigen türkischen Juden, die es für opportun erachteten, ihre Rechte als nationale Minderheit aufzugeben, um auf diese Weise das Wohlwollen der neuen Türkei zu erringen. Als von amerikanischer, nicht nationaljüdischer, Seite die türkischen Juden gewarnt wurden, sieb freiwillig ihrer in den Friedensverträgen verbrieften Rechte zu begeben, da •fand diese Intervention der Amerikaner in den Blättern der Assimilation, hauptsächlich in Deutschland, entschiedenstc Zurückweisung. Hämisch bemerkten diese Zeitungen, daß die türkischen Juden viel zu vernünftig seien, um sich Ansichten aufoktroieren zu lassen, die auf dem Boden nationaljüdischer Gesinnung gediehen sind. ״Die türkischen Juden sollen Türken werden, ebenso wie die französischen Juden Franzosen und die deutschen Juden Deutsche sind“: diesen Grundsatz verfochten die Wortführer der westeuropäischen Assimilation und vergaßen dabei nur die Kleinigkeit, daß auch sie sich ״unbefugterweise“ in die Angelegenheiten der tür* kischen Jaden einmengen, was sie den Amerikanern kurz vorher zum Vorwurf gemacht hatten. Unter dem Druck der türkischen Regierung und in Befolgung der wohlweisen Ratschläge der westeuropäischen jüdischen Assimilation gaben also die türkischen Juden ihre Rechte als nationale Minderheit auf, verzichteten auf eine ganze Reihe von Institutionen, die sie schon in der alten Türkei besessen hatten, und auf solche, die sie, gestützt auf die Friedensverträge, das Recht hatten, zu beanspruchen, und erklärten, daß ihre recht* liehe Lage durch die neue türkische Verfassung genügend ge* schützt sei. Viel rascher als es jemand hätte annehmen können, stellte sich heraus, daß die von den türkischen Juden gebrachten Opfer vollständig nutzlos waren. Ein geringfügiger Anlaß genügte, um darzutun, daß es sich bei dem Verhältnis der Juden zur nichtjüdischen Mehrheit kaum darum handelt, was die Juden tun und worauf sie verzichten. Die Lage der Juden wird in den einzelnen Ländern bestimmt durch den Willen der Mehrheit Wenn diese Juden in irgendeiner Weise sich von der Mehrheit abheben und in bezug auf diese Mehrheit eine unterscheidbare Gruppe darstellen, so sind Spannungsmöglichkeiten gegeben, und aus diesen entspringt bei der ersten besten Gelegenheit eine feindselige Stimmung gegen die erkennbare jüdische Minderheit. Es ist darum unsinnig, wenn irgendeine jüdische Gruppe freiwillig auf Rechte verzichtet, die auch von Faktoren außerhalb der Länder, in denen sie leben, garantiert werden. Es ist wahn* witzig, wenn Juden in irgendeinem Lande proklamieren, daß die Judenheitcn in der ganzen Welt kein Recht haben, sich der Juden in dem betreffenden Lande anzunehmen. Verständnis und Schutz können die Juden in erster Linie nur bei den Juden in der gesamten Welt finden. Durch die Zerstreuung über alle Erdteile ist die politische Situation der jüdischen Gesamtheit ohnedies schwach; wenn man nun dem Grundsätze huldigt, daß die einzelnen Teile völlig isoliert und auf Gedeih und Verderb den Völkern überliefert sein sollen, in deren Mitte sie leben, so bedeutet das nichts anderes als einen Verzicht auf den letzten Rest der politischen Macht, die die Gesamtjudenheit in der Welt verkörpert. Wer kann nach diesen Erfahrungen in der Türkei jetzt noch behaupten, daß die litauischen Juden darum Enttäuschungen erleben mußten, weil sie, ungleich den türkischen Juden, ihre Rechte als nationale Minderheit in Anspruch nahmen? Die Geschehnisse in der Türkei sind gerade ein Schulbeispiel dafür, daß es sich im Verhältnis der jüdischen Minderheit zur Mehrheit um zwangsläufige Entwicklungen handelt, denen man durch übereifriges Betonen loyaler Gesinnung und durch Verzicht auf Rechte nicht zu entrinnen vermag. Gesetzt den Fall, die türkischen Juden hätten vor einigen Monaten nicht den Ratschlägen der westjiidischen Assimilation gefolgt, und hätten auf ihrem Scheine der in den Friedens- Verträgen garantierten Rechte als nationale Minderheit behaart, was würden jetzt die Wortführer der Assimilation sagen? Höhnend würden sie die Ausschreitungen in der Türkei auf das Verhalten der türkischen Juden zurückführen, die die Rechte einer nationalen Minderheit in Anspruch genommen haben. Nun haben sich die türkischen Juden gedemütigt, sie haben sich ihrer Rechte entäußert, sie haben die Ratschläge der Assimilanten befolgt — und was ist das Resultat? Wir sind neugierig auf die kommenden Aufsätze des aus Deutschland importierten Rabbiners von Konstantinopel, der vor Jahresfrist in Assimilantenblättern Lobeshymnen auf die Einsicht der türkischen Juden sang, die sich nicht von den bösen Nationaljuden und Zionisten hätten einfangen lassen. M. W. * Konstantinopel, 15. September. (J.T.A.) In Abgora, Smyrna und Konstantinopel dauert, die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung der Türkei unvermindert an. Ihre Ausgangspunkt hat die Hetze in der Affäre der Ermordung des jüdischen Mädchens Else Niego durch den Türken Osman B ey, die die Empörung der türkischen Judensehaft hervorgerufen hat. Seit mehreren Wochen ergeht sich ein großer Teil der türkischen Presse in wüsten Beschimpfungen der jüdischen Bürgerschaft und fordert Ausnahmegesetze gegen die Juden, ja deren Vertreibung aus dem Lande. Angesichts dieser Psychose wagt auch der fortschrittliche Teil der türkisehen Presse nicht, für die jüdischen Mitbürger einzutreten; nur ganz wenige schüchterne Stimmen lassen sich zu ihres

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