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Jüdische Rundschau · 1927-09-23 · Heft 76-77 (23.9.1927) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 76-77 (23.9.1927)
Date
1927-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 550 JUEDISCHE RUNbSCHA'U Nr. 76/77, 23. IX. 1027 Denn was Nadel meint, das ist doch Aehnlichkeit mit synagogalen oder volksliedhaften Melodien. Aber worauf es ankoinmt, das ist nicht Aehnlichkeit, sondern Wesenhaftigkeit. •Wesenhaftigkeit kann aber kaum aus dem Vergleich erschlossen werden, sie muß aus der Intuition erschlossen werden. Max Brod ist im Gegensatz zu Arno Nadel wesentlich intuitiv vorgegangen. Von allen diesen Dingen würde ich nicht an dieser Stelle reden, wenn nicht vor einiger Zeit von Max Brod ״Vier Lieder“ erschienen wären (Universal-Edition, Wien), die ihn nunmehr auch als jüdischen Komponisten dokumen* tieren. An diesen vier Liedern müßte sich erweisen lassen, ob Brod recht hat, wenn er andere Komponisten, die auch in euro* päischem Gewände erscheinen, als jüdisch bezeichnet. Denn der Duktus dieser Kompositionen ist durchaus westlich. Er ist genau so westlich, wie bei Gustav Mahler oder Arnold Schönberg. Etwas anderes ist aber die Musik selbst. Bevor ich über die Lieder selbst etwas sage, sei noch eine Stelle zitiert aus dem Begleitwort: ״M e i n 6, L i e d e r“: ״Nur Bühnenmusik zu meinen Dramen (״Höhe des Gefühls“ und ״Fälscher“, auch in Berlin) traten an die Oeffentlichkeit. Und neulich drei Lieder im Konzert. Dabei habe ich sozusagen mein ganzes Leben komponierend zugebracht, habe seit zwanzig und mehr Jahren in meinen Liedern die notwendige Ergänzung zu meinen Dichtungen gesehen, und es gab Zeiten, viele Monate, in denen ich mich ausschließlich als Musiker gefühlt habe.“ Dieses Bekenntnis scheint mir wichtig für das primär Musi* kalische, das die Gesamterscheinung Max Brods bestimmt, für die These, daß auch das Epische beim Juden wesentlich aus der lyrischen Sphäre fließt. Denn Brods Bedeutung liat man bisher einhellig im Roman erkannt. Dieser Romantypus ist aber nicht episch, sondern lyrisch. So gibt uns der Korn* ponist Brod den Schlüssel in die Hand zur Erklärung des Dichters Brod: die Dichtungen können 11ur von der Musik her vollkommen verstanden werden. Betrachtet man die vier Lieder zunächst auf ihre stilistische Note, so ergibt sich rein entstehungsmäßig eine Steigerung zum Urtümlich-Jüdischen: ״Die Königin von Saba singt“ nach Flaubert (1908) ist stark impressionistisch und ent* spricht ganz dem französischen Text; ״Sankt Nepomuks Vor* abend“ nach Goethe (1916), trifft die ganze romantische Märchen* Stimmung des Gedichtes; ״Die Größe der Welt“ nach Schiller (1910) ist ausladend-pathetisch, vor allen Dingen in der Harmonik; ״Psalm 126“ schließlich (1921) hat die Feierlichkeit des vorausgehenden Gedichts ins Religiöse gesteigert und ist jüdisch nicht nur im Text, sondern auch in jedem Ton. Mit den Merkmalen der ersten drei Lieder: impressionistischromantisch-pathetisch sind formale Stilprinzipien bezeichnet, die naturgemäß aus der westlichen Musik stammen. Wären sie das Wesentliche, so wäre über die Angelegenheit des ״Jiidisehen“ kein Wort mehr zu verlieren. Sie sind aber sehr unwesentlich, wenn man sie aus der Einheit ihrer lyrischen G r u nd s t i m mu n g erfaßt. Impressionistisch-romantischpathetisch sind drei Reflexe jüdischen Weltgefühls, die in eben dieser Lyrität ihren Grund haben. Das Religiöse erst, wie es im letzten Lied zam Ausdruck kommt, ist reinste, gelöste Erfüllung. lieber dieses allgemeine Gefühl hinaus will ich auf drei besondere Stellen aufmerksam machen, die mir rein mu si k alisch den Eindruck machen, daß sie ״jüdisch“ sind: 1. das Maestoso in: ״Die Größe der Welt“: ״Sterne sah ich bereits jugendlich auferstehen“, ln edel geschwungener Linie schreitet die Melodie feierlich-ernst, an synagogalen Gesang gemahnend; untermalt mit klagenden Akkorden. 2. das Rezit a 11 v im gleichen Lied: ״Sieh, den einsamen Pfad wandelt ein Pilger mir rasch entgegen.“ Diese rezitativische Unterbrechung der Melodie treffen wir immer im synagogalen Gesang. 3. das Schmerzliche im ״Psalm“: ״Gott hat Großes an uns getan“, wozu Brod selbst ausdrücklich bemerkt: ״mit einer leichten Verschiebung von fast 1/4 Ton aufwärts, also absichtlich ״unrein“ zu singen, etwa nach Art synagogaler Figuration“. Hier sind Melodie und Singweise sowohl als auch die Mischung von Schmerz und Ironie durchaus jüdisch. Ueberhaupt hat der ״Psalm“ im Vergleich zu den vorausgehenden Liedern ein stark verändertes Gesicht: die dynami־ sehen Anweisungen sind häufiger und subtiler, der Taktwechscl vollzieht sich rascher und unmittelbarer, die Harmonik ist bereits über die Grenze einer Ableitbarkeit aus dem Dreiklang hinausgegangen. Gewiß zeigen die Quinten des ersten, frühesten Liedes schon auffallende Ueberschreitungen der Tonart, aber der ״Psalm“ erst ist vollkommen gelöst von harmonischer Vorstellung. Bei ihm wird man kaum mehr von Inkohärenz zwischen jüdischem Empfinden und unjiidischer Form sprechen können. Trotz des deutschen Textes ist hier reinste jüdische Kunst. Es erübrigt sich, in diesem Zusammenhang noch weiter über Jüdisch-Nichtjüdisch zu sprechen. Es gilt vor allen Dingen noch festzustellen, daß Max Brod nach dieser kleinen Probe sich als Komponist legitimiert hat. Man wird nur wünschen können, daß das Gesamtwerk, das etwa fünfzig Lieder und einige Kammermusiken umfassen soll, recht bald der Oeffentlichkeit übergeben wird. Erst dann kann 11atürlich das letzte Wort über den Komponisten Max Brod gesprachen werden. Mit seinem Freunde Adolf Schreiber hat er gewiß manches gemein. Beide sind durchaus lyrisch und haben demgemäß den Schwerpunkt wahrscheinlich im Lied. — Im übrigen aber können wir noch eines begrüßen: daß Brod, nachdem er, das darf man wohl sagen, Mahler, Schreiber und den Tschechen Jaiiaöek zuerst einer breiteren Oeffentlichkeit bekannt gemacht hat, nunmehr auch sich selbst für uns — entdeckt. A Guide to Jewish Palestfne (Jerusalem, 1927). Soeben ist in 2. Auflage ein im Aufträge des K. K. L. und K. H. von Dr. Fritz Loewenstein besorgter Führer durch das jüdische Palästina in englischer Sprache erschienen. Dieser Führer will die größeren Reisehandbücher über Palästina nicht ersetzen, sondern nur als Ergänzung zu ihnen dienen, um den Reisenden eine Uebersicht über die jüdischen Sehenswürdigkeiten Palästinas und eine Anleitung ihrer Besichtigung zu geben, da die gebräuchlichen Reiseführer das jüdische Palästina noch nicht genügend berücksichtigen. Das ungefähr 50 Seiten starke, mit Illustrationen und einer Karte der jüdischen Siedlungen verscheue Heftchen enthält knappe Beschreibungen der In Betracht kommenden Orte und Sehenswürdigkeiten, Tourenzusammen- Stellungen mit Verkehrsplänen, eine knappe Uebersicht über die zionistische Bewegung, ihre Geschichte und Leistungen, und in einem Anhang tabellarische Uebereichten über Eingänge und Investitionen der Fonds. Das Heft ist sorgfältig zusammengestellt und wird sich in der Hand jüdisch-interessierter Touristen gewiß als praktisch erweisen. M—r. Die Leiden des jungen Claude Levy (Edmond Fl eg: ״Der kleine Prophet“, Verlag R. Piper & Co., München.) Von Sch. Ooreli k. An der Renaissance-Bewegung des jüdischen Volkes in den letzten Jahrzehnten war die Anteilnahme der französischen Juden, vornehmlich der intellektuellen Kreise, sehr gering. Bernard Lazare beherzigte eine Zeitlang die Ideen Herzls, aber er zog nicht andere nach sich, sondern er selbst wurde bald kühler und kühler. Rothschilds große philanthropische Leistungen für Palästina erweckten in oen jüdischen Gemeinden Frankreichs keinerlei Verlangen aufzuhorchen, was in dem jüdischen Volke, was in der jüdischen Volksseele vorging. Von diesem kleinen Teil der jüdischen Welt, der ein Behagliches Leben inmitten einer großen alten Kultur führte, kam selten einer herüber mit der Absicht, die Probleme des zum nationalen Bewußtsein erwachten Judentums sich zu eigen zu machen. Die Prophezeiungen jenes edlen Abbd Lamourette in seiner historischen Rede in der französischen Nationalversammlung (im Jahre 1791) für die Gleichberechtigung der Juden, daß sie, zu gleichem Rechte erhoben, es für ihre erste Pflicht halten w׳eröen, ״die zufälligen Unähnlichkeiten“, die sie von dem übrigen Bevölkerungsteil trennen, verschwinden zu machen, diese Prophezeiungen sind eingetroffen. Der Prozeß der Assimilation Ist ein vollständiger gewesen. Konnte die Dreyfuß- Affäre die Zuversicht erschüttern, so war doch die Art, wie sich Frankreich zu seinem moralischen Triumphe dieser Affäre entledigte, nur geeignet, die Fäden der Anhänglichkeit noch zu verstärken. Das Bewußtsein und das Gefühl, Franzose zu sein, nahm den französischen Juden derart in Anspruch, daß für das Jüdische fast nichts übrig blieb. Das betraf besonders diejenigen, die nicht zu den Alteingesessenen gehörten und die in ihrer Ungeduld und Eile, Franzosen zu werden, als Franzosen zu gelten, völlig aufgegangen waren. Diese meinte Maurice Barres, als er aas bemerkenswerte Kapitel ״Die Israeliten“ in seinem Buche ״Les diveres families spirituelles de la France“ mit folgenden Worten einleitcte: ״Eine große Angelegenheit Israels ist es, auf seiner ewigen Wanderung sich ein Vaterland zu suchen. Er erhält cs nicht immer von seinen Vorfahren. Er erhält es durch eine Tat des Willens, und seine Nationalität ruht auf ihm wie eine Eigenschaft, deren er sich immer würdig zu zeigen versucht." Unter vielen anderen Briefen bringt Barres auch die folgende Zitate aus dem Brief eines jüdischfranzösischen Soldaten: ״Ja, ich bin von Dankbarkeit dem Vaterland gegenüber erfüllt, welches mich anerkennt. Nichts wird zu teuer sein, dieses zu bezahlen, und möge mein kleiner Junge immer erhobenen Hauptes gehen können und möge er niemals in dem wiederhergestellten Frankreich die Qual, welche viele Stunden unserer Kindheit und unserer Jugend vergiftet hatte, kennen: Bin ich Franzose? Bin ich würdig, es zu sein? Ja, kleiner Junge, du wirst ein Vaterland haben und du wirst deine Schritte auf der Erde schallen lassen, ermutigt durch die Tatsache: Mein Vater war Franzose und er hat alles für Frankreich geopfert“. Das leidenschaftliche Werben ums Vaterland dieser, wie Barres sie nennt, ״Adoptivsöhne“ hat gewiß etwas Erschlitterndes Ihr Blick war nur auf diesen einen Punkt gerichtet und ließ keine Neigung aufkommen, etwas ernster atich über die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke nachzudenken. Die Alteingesessenen, die es nicht nötig hatten, erst durch ״eine Tat des Willens“ sich die Gewißheit zu verschaffen, daß sie ein Vaterland haben, zahlten den Tribut an die alte historische Gemcinschaft mit dem trägen Bewußtsein, daß man zu den Israeliten gehört. Mit diesem Begriffe war etwas ganz Verschwommenes verbunden; irgendwelche ernste Pflichten, außer rein philanthropischen, wurden dadurch keineswegs auferlegt. In den letzten Jahren ist aber eine wesentliche Aenderung in dieser Beziehung eingetreten. Der Komplex jüdischer Fragen, der vor das Weltforum gebracht und von ihm erörtert wird, die Tatsache, daß der Zionismus zu einem Problem erhoben worden ist, mit dem sich auch Regierungen und Diplomaten beschäftigen, die Enttäuschungen und nagenden Zweifel an Europa und der europäischen Kultur, die solch einen Scbiffbruch erlitten haben, — das alles mag die Ursache gewesen sein für das steigende Interesse in den französischen literarischen Kreisen für Jüdisches Wesen, für das Judentum, für seine sonderbaren Schicksale und seine Hoffnungen, die doch nicht gewöhnlicher Art sind. Man versichert sogar, daß es eine kurze Weile in Kreisen der Pariser Intellektuellen so etwas wie Mode war, Entdeckungen in der Welt jüdischer Eigenarten zu machen. Man schrieb Romane über das beobachtete und ausgedachte jüdische Leben. Zwei Brüder machten ihre literarische Karriere durch solche jüdischen Romane. Es konnte nicht ausbleiben, daß auch unter den jüdischen Intellektuellen Frankreichs ein Bestreben sich bemerkbar machte, etwas tiefer in das Wesen der jüdischen Probleme einzudringen. Man zerbrach sich nicht gerade den Kopf darüber, aber es kam doch wie eine Erleuchtung über die bisher Gleichgültigen, man erkannte, einige vvenigsfens erkannten dies, daß mit dem Begriffe Israelit nicht eine gewaltige Vergangenheit erschöpft werden kann, diese Vergangenheit der Juden, die doch noch lebendig sein muß, wenn aus ihr Träume von einer Zukunft entstehen. Zu irgendwelchen nennenswerten seelischen Konflikten kam es bei diesen plötzlich Aufhorchenden nicht, aber einige Grübler gab es schon, und der Dichter Edmond FI eg scheint der interessanteste von ihnen zu sein, und er kann, wenn ich mich nicht irre, für sich den Anspruch erheben, nicht erst jetzt, wo es vielleicht modern ist, sondern etwas früher schon reges Interesse an dem merkwürdigen Phänomen ״Jüdisches Volk“ gehabt zu haben. Edmond Fleg kennt sich in dem Knäuel der Widersprüche des jüdischen Lebens sehr gut aus, er bleibt nicht hei Untersuchungen an der Oberfläche und ist nicht geneigt, mit betiuemen Kompromissen sich abzufinden: aber die Schlüsse, zu denen er kommt, bringen nicht die Befriedigung und den ersehnten harmonischen Ausgleich. Wenn man zusieht, welch energischen Anlauf er bei Behandlung jüdischer Probleme nimmt, mit welcher Frische und Unerschrockenheit er sich an sie heranwagt, muß es wundernehmen, daß er trotzdem immer unverrichteter Dinge zurückkehrt. Letzten Endes steht er da und verkündet den etwas unerwarteten Entscheid: Lochern w e’l o 1 i (für euch, aber nicht für mich). Wohlverstanden, nicht mit der hochmütigen Miene des Rosche, sondern mit der Miene eines stark Leidenden, der selbst über die Dürftigkeit der Ergebnisse bestürzt ist. Der Held seines Buches stößt am Ende einen verzweifelten Schrei aus: ״Israel! Israel! Dein Gesetz ist nicht mehr mein Gesetz, dein Vaterland ist nicht mehr mein Vaterland! Was soll ich tun, um Jude zu sein? Was soll ich tun? Was soll ich tun?“ Wir haben in dieser Weise einen westeuropäischen, in einer fremden Kultur ganz aufgegangenen Juden sehr selten fragen hören, darin liegt die Eigenart des Falles. Eine tiefe Sehnsucht, dem Judentum anzugehören, an allen seinen Leiden und Freuden, an allen seinen Hoffnungen teilnehmen zu wollen und dabei das Bewußtsein zu haben, daß man gebunden, verbunden ist mit anderem, daß man sozusagen vergeben ist, diese Situation ist keine gewöhnliche. — ,/Was soll ich tun, um Jude zu sein!“ Diesen verzweifelten Schrei läßt Edmond Fleg den Helden seines Buches ״Der kleine Prophet“, den fünfzehnjährigen Claude Levy, ausstoßen, dessen Seele wund geworden ist an der Sehnsucht, Jude zu sein und an dem Zweifel, es jemals sein zu können. Claude Levy muß sich zu den elementarsten Begriffen über Juden und Judentum allein durcharbeiten. Die Eltern sind ihm dabei nicht behilflich. Selbst daß er Jude ist, erfährt er als Kind zufällig. Vater und Mutter erachten es nicht für nötig, ihn darüber aufzuklären, da es doch halt nur Menschen gibt. Seine Familie gehört in Frankreich einem alteingesessenen jüdisehen Geschlecht an, für dessen Bürgerrechte der bereits erwähnte edle Abbe einst mit großer Leidenschaft focht. Völliger Verzieht auf alles, was an die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke erinnern kannte, war die geleistete und gewiß nicht in dieser Stärke geforderte Dankbarkeit. Sogar der Gedanke, daß man Israelit ist, taucht selten auf. Erinnert wird man daran manchmal unangenehmerweise durch irgendwelche Extravaganz eines Verwandten, der die Hochzeit seiner Tochter in einer Synagoge stattfinden läßt. Sonst das bekannte Lächeln, das alle Bewunderer von Anatole France haben. Von dieser Seite also, von dem Elternhause, ist ihm nichts mitgegeben worden, was ihn auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke aufmerksam machen konnte. Antisemitischen Anrempeleicn seitens der Schulkameraden war er auch nicht ausgesetzt. Und dennoch schlich sich bei ihm die Krankheit ein, über Judentum und jüdisches Schicksal nachzudenken. Die christliche Spielkameradin, die Marictte, eine kleine religiöse Schwärmerin, sei nur erwähnt, die vieles dazu beigetragen hat, daß aus ihm ein Grübler wurde, daß sein junger Geist sich mit Dingen beschäftigte, von denen im Hause seiner Eltern niemals die Rede war. Mutter fragt: ״Hat man dich gekränkt, mein Kleines? Woran denkst du? Warum bist du so Traurig?“ Und das war Judentrauer, Judenerwachen! Claude Levy stöbert in der Bibliothek seines Vaters herum, er findet darin di« erlesensten Exemplare des Weltschriftentums, aber sein Suchen nach einer Bibel ist ergebnislos. ״Sie haben mich — klagt er in seinen Aufzeichnungen — Cornelius Nepos, Xenophon, den Rasenden Roland, Nikomcdius, Kipling und Jules Verne lesen lassen, und diese schönen Geschichten haben sie mir vorenthalten.“ Aber eines Tages ist Claude Levy doch so weit, Mama und Papa einen Aerger und eine Ueberraschung zu bereiten, indem er ihnen mitteilt, daß er eine Barmizwah machen will Nur die fein kultivierte Ironie und das Lächeln schützen dem Vater davor, das Unbehagen über solch eine Wendung der Dinge merken zu lassen. ״Ja, ich habe ja gesagt, mein Sohn! Du wirst einen Religionslehrer brauchen, gut. Ich werde dem Großpapa Kahn schreiben. Er wird uns seinen besten Bloch schicken. Du bist intelligent, ich bin beruhigt. ,Die Sehnsucht nach dem Ghetto wird dir schon vergehen.“ Das trifft zu, aber die Sehnsucht, Jude sein zu können, wird dadurch nicht vermindert werden. Ein Herr Lobmann. Jude ganz alten Schlages, ist berufen worden, Claude Levy den Weg zum Judentum zu zeigen und ihn zur Barmizwah vorzubereiten. Er wird von seinem mit sich ringenden Schüler mit Fragen überhäuft, die Ihm überflüssig und merkwürdig Vorkommen. Für Lobmann gibt es kein Problematisieren auf diesem Gebiet. Man ist Jude, auch die ״Israeliten“ sind es, und man hat in dieser Eigenschaft als Jude immer an glückseligen Annehmlichkeiten und freudigen Ueberraschungen Anteil, mit einem Wort, ״es is gut, cs is a Mechaje zu sein a Jid“, wie es in der ehemals populären Operette ״Dos pintele Jid“ gesungen wird. Nach seinem Dafürhalten ist für einen Barmizwah-jungen die Hauptsache die Parsche, und auch sonst ist die Parsche die Hauptwichtigkeit. Dieser Lobmann ist dem Dichter Edmond Fleg ausgezeichnet gelungen. Wie lebendig sehe ich ihn vor mir, in seiner f'* .. ’ ׳ י‘־״ ־'־' " '׳ "* * ־ ׳ Es sind noch viele Lobmanns da, für die all unser Problematisieren unverständlich ist. Aber Claude Levy gibt sich nicht zufrieden. Er will eingeweiht werden, will, daß ihm ver- Iteißungsvolle Erklärungen, Erleuchtungen zuteil werden. Von dem Gang in die Synagoge erwartet er unendlich viel, denn er sucht unendlich viel. Er kann sich mit jenem jungen Stvrinowskv, für den das Judentum Vaterland bedeutet und dies Vaterland Jerusalem, Palästina heißt, nicht vergleichen, denn er hat ein Vaterland. ״Ich bin Franzose. Ein Vaterland habe ich. Was mir not tut, ist ein Gott.“ Lobmann aber weiß nur eins zu antworten: die Hauptsache ist die Parsche. Lobraann versteht nicht, was das ist: lernen, Jude zu sein. Man ist es, oder man ist es nicht. Und Claude Levy ist es doch. Bestürmt, bedrängt von seinem Schüler, wird Lobmann schließlich ungehalten, besonders, wenn man ihn während des Betens mit Fragen belästigt. Und er sagt: ״Warum tun Sie nichts als fragen und fragen? Wenn ich bet’, red' ich mit dem lieben Gott, und wenn ich red’ mit dem lieben Gott, kann von mir aus fragen der Präsident der Republik: Herr Lobmann gebt ka Antwort.“ Er schickt den Jungen zum Rabbiner, der auch jenes Lächeln hat und der sich redlich bemüht, die Leidenschaft des Suchers zu beschwichtigen. Auf Claudes Frage: ״Was man wissen muß,'um Jude zu sein?“ erfolgt vor allem die notwendig scheinende Korrektur seitens des lächelnden Rabbiners: um Israelit zu sein. Er versucht, den Frühreifen zu beruhigen, indem er lächelt, indem er Bemerkungen über den milden jüdischen Gott, der nicht anspruchsvoll ist, fallen läßt, indem er ihm ein Buch, das ausge wählte Texte des Pentateuch und der Propheten enthält, mitgibt. Die kultivierte reformistische Milde des Rabbiners ist nicht mehr als der starke naive Glaube Lobmanns geeignet, die Sehnsucht Claude Levys zu befriedigen. Er ist ein genialer Junge. Wenn W e i n i n g e r mit achtzHin Jahren sein bahnbrechendes Buch zu schreiben angefangen hat, warum sollen dann durch den Kopf des fünfzehnjährigen Claude Levy jene Oedanker* nicht durchströmen können, die seine Aufzeichnungen uns vermittein. Dies bezieht sich auf die Form, die der Dichter Edmond Fleg seinem Roman gegeben hat und gegen die nichts cinzuwenden ist. Claude Levy, selbst wenn er sich der Bemerkungen der Mutter über seine Frühreife erinnert, ruft aus: Ich frühreif.... Pascal, wo bist du? Er hat Träume. Nichts für die Psychoanalyse, es sind ludenträume. Im Traum sieht er das Volk sich sammeln und hört es rufen: Komm mit uns, komm mit uns! Wir ziehen zu den Bergen, die unsere Berge sind, in die Täler, die unsere Täler sind, die Ernten säen, die unsere Ernten sind, die Leiden erdulden, die unsere Leiden sind, die Gedanken denken, die unsere Gedanken sind, das Vaterland lieben, das unser Vaterland ist, auf daß die Menschheit ein Vaterland wäre. Und immer wieder, immer wieder hört Claude Levy den Ruf ertönen: ״Komm mit uns, komm mit uns.“ Und er nift seine Bereitschaft, ihnen zu folgen, entgegen, er bittet, auf ihn zu warten: ״Ich komme, ich komme.“ Und kann cs nieht. Er kann sich nicht rühren, zu viel lastet auf ihm. ״Alle Felsen der Bretagne lasteten auf meinem rechten Arm, alle Gipfel der Ardennen auf meinem linken Arm, und auf meinen Füßen die Alpen, und Paris, ganz Paris lag auf meinem Herzen.“ Da ist es schwer mitzugehen, den weit Wandernden sich anzuschließen. Man kann als Sympathisierender einem Bankett zugunsten des Keren Hajessod beiwohnen, auch sonst etwas Gutes, Philanthropisches tun, aber für jeden langen Marsch reicht es nicht. Claude Levy aber sehnt sich gerade danach,

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