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Jüdische Rundschau · 1927-09-23 · Heft 76-77 (23.9.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 76-77 (23.9.1927)
Date
1927-09-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 70/77, 23. JX. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 547 Der Zionismus und die jüdische Gegenwart Kurt Blumenfelds Referat auf dem XV. Kongreß*) Mein Referat über aktuelle Fragen der zionistischen Ideo- Jogie und Propaganda kann in diesem Augenblick zionistischer Entwicklung, wie ich glaube, von jedem von uns nur mit Bescheidenheit und mit Zurückhaltung behandelt werden. Niemand soll glauben, daß ich hier mit der Haltung eines Besserwissers ungekanntfc neue Wege zeigen will Meine Aufgabe besteht ausschließlich darin, eine Debatte einzuleiten, in der wir alle mit Ernst und Verantwortungsgefühl uns darüber Rechenschaft geben wollen, ob und warum wir einer neuen Situation im allgemeinen und jüdischen Leben gerecht werden müssen, um die Wirkung der zionistischen Idee auf die jüdische Welt zu erhalten und zu steigern. Mein Referat ist also keine Propagandarede, sondern eine Rede über zionistische Propaganda. Ich werde zufrieden sein, wenn es mir gelingen sollte, einen Beitrag zur Klärung von Problemen zu bringen, mit denen wir alle uns beschäftigen und beschäftigen müssen. Eine historische Bemerkung zur Einleitung: Ein Rückblick auf die zionistische Entwicklung zeigt, daß die Form des zionistischen Erlebnisses in jedem Stadium der Bewegung anders war und daß es sich jedesmal um einen unwiederholbaren einmaligen Akt bandelte, der einer ganz bestimmten allgemeinen Situation entsprach. Einmal, vor Jahrzehnten, trat A c h a d Haara als Wegweiser auf, als er eine Analyse der zerfallenden Chibbat Zion-Bewegung gab, deren Schwäche offenbar wurde, als sie ihre ersten praktischen äußeren Erfolge in Palästina erreicht hatte. Wer diese Darstellung Achad Haams liest, ist überrascht, in ־wie hohem Maße seine Argumentation dem gegenwärtigen Zustand gerecht wird. Die Führer aller Gruppen stellen fest, daß die attraktive Kraft des Zionismus in der jüdischen Welt, besonders in der Jugend, nachgelassen hat. Alle suchen Gründe dafür. Manche meinen, die Jewish Agency-Politik sei als alleinschuldige Ursache zu betrachten. Diese Politik habe Schuld daran, daß der geistige Angriff auf die jüdische Welt nicht mehr mit solcher Deutlichkeit, Eindringlichkeit und Wirksamkeit unternommen werde wie früher. Diese Behauptung ist schon historisch unrichtig. Denn schon vor Einleitung der Jewish Agency-Politik hielt Grünbaum im A.-C. eine sehr beachtenswerte Rede, in der er auseinandersetzte, daß der Zionismus sich bisher als fortschrittliche Idee durchgesetzt habe und an allen denen, die an fortschrittliche Entwicklung glauben, eine Stütze gefunden habe. Er stellte dann fest — es war im Jahre 1019 oder 1920 —, daß unsere Situation dadurch grundlegend verändert sei, daß überall die Reaktion an Boden gewänne, daß die Judenheit sich einzurangieren versuche, daß der Glaube an die Kraft revolutionärer umgestaltender Bewegungen schon kurze Zeit nach dem Kriege überall im Schwinden sei. Er wies darauf hin, daß alle Parteien in einer ähnlichen Lage seien, daß dieselbe Mattigkeit und Hoffnungslosigkeit besonders auch in den sozialistischen Parteien zu spüren sei. Lassen Sie mich zunächst dieser durchaus richtigen Erkenntnis nachgehen und ihre Gründe aufdecken! Diese Untersuchung der allgemeinen Weltstimmung ist wichtig, da jeder wirksame zionistische Vorstoß in Ost und West mit einer Analyse der jüdischen Welt in ihren Beziehungen zur Umwelt begann; in gleicher Weise in Ost und West. Pinsker, Achad Haam und Nord au haben ihre Wirkung dadurch ausgeübt, daß sie in zwingender Art zeigten, wie es um das Leben der Juden bestellt ist. Pinsker zeigte dieser Welt, daß unsere Heimat die Fremde, unsere Zukunft der nächste Tag ist. Achad Haam׳ stellte die Knechtschaft in der Freiheit dar. Nordau entlarvte die westliche Emanzipation in ihrer das Judentum zerstörenden Wirkung, und die erlösende Formel war für alle die eine Erkenntnis, die Herzl in den Worten ausdrückte: Wir sind ein Volk, ein Volk! Alle Kraft der Aktionen entstammte, bei aller Verschiedenheit der Auffassung, diesem ursprünglichsten zionistischen Erlebnis. Die Erkenntnis war zugleich Zwang zu einer die Gemüter überwältigenden Aktion. Diese Aktionen trafen in jener Zeit auf die große nationale Welle, die alle Unterdrückten, vor allem die geschichtslosen Völker, trug. Es gab eine große Phalanx der um nationale Befreiung kämpfenden Nationen. Wir Zionisten waren zwar wenige, unsere Machtmittel waren gering, aber wir waren eingegliedert in *ine Weltströmung, in a*r die Wahrheit von morgen lebte, ln der ganzen geistigen Welt beschäftigte ntan sich mit der Berechtigung der nationalen Forderungen. Menschheitsstreben war mit ihnen verbunden, und die Erkenntnis, daß Volk und Menschheit niemals Gegensätze sein können, war eine strahlende, durch keinen Schatten verdunkelte Wahrheit. In jener Zeit trugen all die Worte, die uns heute geläufig sind und glatt vom Munde gehen, eine Zauberformel in sich. Der formale Zionismus speiste uns und gab uns die Kraft, unsere Idee innerhalb dieser geistigen Welt eindeutig, frei von allen Zweifeln darzustellen. Damals konnte man mit dem Bewußtsein tiefster Wirkung etwa den folgenden Satz eines großen Politikers zitieren: ״Nur wer sein Volk wahrhaft überschwänglich liebt, mag in seiner Seele noch Raum für die Liebe zur Menschheit haben. Diese Liebe zur Menschheit, mit der sich viele um die nationale Gesinnung herumzudrücken vermeinen, schließt, wenn sie mehr ist als ein totes Wort, die Liebe zum eigenen Volk nicht aus, sondern ist bestenfalls deren Sublimierung. Nur wenigen hat die Natur Brust und Stimme gegeben, um das Wort Menschheit mit sonorem Klange auszusprechen. »Bei den meisten, die angeblich aus höherer Geistigkeit mit der ״Menschheit“ einen verzweifelten Kult treiben, ist dieses Wort nur widerliches Geschwätz oder bestenfalls nur Literatur.“ In Wahrheit hatten wir keine Sorge um unsere Ideologie. Eine religiöse Weihe lag im Zionismus selbst. Jeder rationale Erklärungsversuch reichte infolgedessen aus, uni uns in unserer unbeirrten Entscheidung zu bestärken. Wir waren dialektisch einer Welt gewachsen, der wir eine neue stärkere Wahrheit brachten. Schon vor dem Kriege aber begannen Zweifel an dem festen ideologischen Gefüge des Zionismus. Die dauernde ״»Wiederliolung bestimmter Formeln und bekannter Worte machten schon an sich, diese Wahrheiten zwar nicht schlechter, aber wirkungsloser. Jene ersten Führer des Zionismus hatten sich eine Verwirklichung in kürzester Zeit vorgestellt. Man glaubte, in einigen Jahren die Lösung der Judenfrage in eigentlichem, ganz buchstäblichem Sinne herbeiführen zu können. Man brauchte also nur damit zu rechnen, daß die zionistische Spannung im Galuth diese Jahre überdaüere. Zionismus war eine revolutionäre Bewegung, eine Revolution, die ihr Ziel in kurzer Zeit erreichen sollte. Die Bewegung wurde älter und den Zionisten unmerklieh klar, daß auch die optimistischste« Erwartungen mit längeren Zeiträumen, in jedem Fall mit Jahrzehnten zu rechnen hätten. Der Zusammenstoß zwischen Idee und Wirklichkeit war noch nicht erfolgt, als der Zionismus, schon in dem letzten Jahre vor dem Kriege, einer neuen Situation in der jüdischen Welt gegenüberstand. Er konnte in gewisse« Ländern einen ge- ’) liffolge der Knappheit der Zeit konnte Blumenfeld nur einen Auszug aus seinem geplanten Referat vortragen, so daß vieles fragmentarisch blieb, wir geben den Inhalt seiner Rede hier gekürzt wieder. — Red. waltigen Erfolg buchen. Im Jahre 1897 gab es Zionisten und Assimilanten. Schon im Jahre 1914 lag es anders. Allmählich hatten sich zionistische Begriffe und Vorstellungen durchgesetzt. Nichtzionisten begannen zu behaupten, daß sie gute Juden sind, dab sie stolz auf ihr Judentum sind. Und diese Wandlung, an der der Zionismus erheblichen Anteil hat, war mit einer Aenderung der soziologischen Struktur der Juden in westlichen Ländern verbunden. Die Assimilation des 19. Jahrhunderts war verbunden mit echten idealistischen Tendenzen. Die Hoffnung aut den Sieg eines wahren Liberalismus beherrschte jene erste Generation assimilatorischer Juden. Man glaubte, eins werden zu können mit der Umgebung, um dann, ununterschieden von anderen, gewisse jüdische Ideen in allgemeiner Form in der Welt verwirklichen zu können. Die große antisemitische Gegenbewegung suchte vor allem in westlichen Ländern, aber nicht nur in ihnen, eine völlige Aenderung in den Beziehungen der Juden. Ein wesentliches Ziel dieser antisemitischen Weltwelle, die etwa im Jahre 1879 einsetzte, war die gesellschaftliehe Isolierung der Juden. Dieses Ziel war nach einigen Jahrzehnten erreicht, und zwar mit Zustimmung der Juden. Die Juden fanden sich damit ab, daß sie unter sich lebten. Und dieser Zwang des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der ebenso Westeuropa wie Amerika charakterisierte, schuf eine veränderte Haltung gegenüber dem Judentum. War man schon als Jude auf sich angewiesen, so mußte man sich gewisse, der Neuzeit entsprechende Formeln anschaffen. Diese Entwicklung wurde besonders deutlich nach dem Kriege. Der Gedanke der Galuthverneinung begann in zionistischen Kreisen seinen eigentlichen Sinn zu verlieren, als unsere Siedlungsarbeit in Palästina nach dem Krieg deutlich machte, daß die Zahl der Immigranten im Vergleich zur Gesamtzahl des jüdischen Volkes nur gering sein könne. Die Frage der Oalutharbeit der Zionisten erhielt ein neues Gesicht. Eine zwiespältige Auffassung trat ein. Es war die Frage, ob unter allen Umständen alle jüdischen Kräfte auf Palästina zu konzentrieren seien oder ob die Zionisten in erster Linie einen Machtkampf im Galuth durchzukämpfen hätten. Nach der Balfourdeklaration und seit der Gründung des Keren Hajessod war der Inhalt der zionistischen Propaganda durch den Begriff von Chibbath Zion bestimmt. Man wandte sich an alle Juden, in denen noch jüdischer Glaube und jüdisches Bewußtsein lebten, und erreichte in Wahrheit mit Hilfe der Keren Haiessod-Propaganda überall eine Schicht von Menschen, etwa zwischen 40 und 60 Jahren. Berichte über Palästina, Schilderungen des palästinensischen Lebens und der neuen Möglichkeiten waren der Inhalt der zimiistisehen Propaganda. Palästinakünde konnte aber nicht zu einem Ersatz für zionistische Propaanda werden. Die heranwachsende Generation mußte durch iese Propaganda unberührt bleiben, wenn sie nicht den Weg zum Piomertum fand. Der stärkste Inhalt der jüdischen Propaganda war das von Hoffnungen auf neues gemeinschaftliches Leben und neu« gemeinschaftliche Formen gespeiste Chaiuzideal. Solange es keine zionistische Kolonisation im eigentlichen Sinne gab, war die Form zionistischer Propaganda durchaus leicht und einfach. *Man ,konnte nicht feststellen, wie weit unsere Idee der Wirklichkeit gewachsen ist Seit dem Kriege aber begann die zionistische Kolonisation. Sie zeigte unsere Leistungen, aber manchmal auch ein Versagen. Es war eben echtes Leben mit seiner Kraft, aber auch mit seiner Unzulängliclikeit. Vorher standen wir als Ideenbewegung andern gegenüber, die glaubten, auch Ideen vertreten zu können. Heute zeigen wir eine Wirklichkeit, und die andern nehmen diese zionistische Wirklichkeit für den ganzen Zionismus. Und während man früher in der Propaganda um das letzte Ziel kämpfte, findet man heute Gegner, die sich gar nicht mehr damit abgeben, sondern die Wirklichkeit diskreditieren. Während sie früher sagen mußten, wie sie sich die Erneuerung der jüdischen Welt vorstellen, können sie sich heute damit begnügen, zu sagen: ״Was Ihr in Palästina tut, ist garnichts besonderes". Dies ist im Wesen die Problemstellung. Ich will nun einige aus diesen Problemen herausgreifen, um den Weg zu zeigen, den wir zu gehen haben. Erstens: den Zustand der jüdischen Gesellschaft in Europa und Amerika. Ich habe Ihnen schon erklärt, daß die jüdische Gesellschaft sich erst im Laufe der letzten Jahrzehnte in neue Formen umgeschmolzen hat. Wir haben cs heute überall mit einer jüdischen Welt zu tun, die unter sich lebt, ihre eigenen Einrichtungen schafft und sich auch jüdisch zu befriedigen versucht. Und nun möchte ich den zionistischen Zustand gegenüber dieser jüdischen Welt untersuchen. Ich habe immer Wert darauf gelegt, in unserer Propaganda zwei Formen von Zionismus zu unterscheiden: den präassimilatorischen und den postassimilatorischen. Das ist nicht identisch mit östlichem und westlichem Zionismus; denn beide Formen gibt es in Ost und West. Ich meine den Zionismus der Juden, die aus jüdischen Erinnerungen heraus Zionisten werden, und den Zionismus der Juden, die, nachdem sie die Welt kennengelernt haben, und bis an die Grenze gekommen sind, aus Persönlichkeitsgefühl den Weg zum Zionismus finden. Ich sprach in Amerika mit einem führenden Juden darüber, der aus unserer großen Literatur nur ein Buch kannte: Ruppins ״Juden der Gegenwart“. Der sagte mir lächelnd in einem Gesprach: ״Ich bin hoffnungslos, denn ich bin doch die vierte Generation, die, nach Ruppin, verschwindet“. Da erwiderte ich ihm: ״Schade, daß Sie nicht schon die fünfte Generation sind. Sie sind eben noch nicht assimiliert genug, um die Möglichkeit zu haben, zu erkennen, daß ein befriedigtes Leben für Sie nur möglich ist, wenn Sie zugleich aus Persöniichkeitsgefühl Ihrer jüdischen Art gerecht werden.“ Diese Frage des postassimilatorischen Zionismus gewinnt nach dem Krieg eine besondere Bedeutung, wo rein geographisch der Schwerpunkt in die westlichen Länder verlegt worden ist. Wir haben in diesen Ländern Zionisten zwischen 40 und 60 Jahren, in deren Erinnerung noch Judentum lebt und die auf eine jüdische Welt ihrer Altersgenossen wirken. Die Kinder dieser Zionisten gehen in öffentliche Schulen, lernen zum erstenmal das neue Leben kennen; die Frage, die heute vor uns steht, ist die Frage der Gewinnung dieser heranwachsenden neuen Generation, die mit den alten Methoden nicht zu erreichen ist. Und wenn man heute über die große zionistische Arbeit in Amerika spricht, so müßte man sich fragen: wie wird es aussehen, wenn diese Zionisten noch 15 bis 20 Jahre älter sind. Dasselbe Problem steht vor uns in den Ländern des europäischen Westens. Ueberhaupt dort, wo es wieder gilt, mit einer heranwachsenden neuen jüdischen Generation zu ringen, die unter jüdischen Voraussetzungen groß wird. Das zweite Problem ist das Problem der Quellen und Ziele. Wer sich mit der Lösung der Frage des postassimilatorischen Zionismus beschäftigt, muß sich darüber klar werden, was im Zionismus entscheidend war, das Ziel oder die Quelle, die Voraussetzung des Zionismus? Mau wird sehr leicht feststellen können: Die Ziele waren durch Beschlüsse zu beeinflussen und zu ändern. Der Zionismus ist nicht geschaffen worden in dem Moment, wo man ein Programm beschloß, sondern er war ein lebendiger Strom in dieser Welt. Und diese Welt fand für sich ein Programm, das für sie erlösend wirkte, dem sie diente und das durch die Bewegung eine bestimmte Weihe erhielt. Aber alle diese Menschen waren nicht Zionisten wegen dieses Programmes, sondern weil sie nicht anders konnten, weil eine ganz bestimmte Voraussetzung bei ihnen bestand. Und es ist leicht nachzuweisen, daß die Ziele im Laute der zionistischen Bewegung aut den verschiedensten Gebieten sich gewandelt haben. Es gab ein Beispiel dafür: Es gab im Zionismus immer eine der Zeit entsprechende Wirtschaftliehe Vorstellung. Der Zionismus hatte bei der Gründung des politischen Zionismus ganz bestimmte liberale Ideale. Lesen Sie das, was Herzl schrieb und was Sie in der älteren zionistisehen Literatur finden! Alle Hoffnungen waren immer verbunden mit einer bestimmten Wirtschaftsvorstellung, und es ist ganz selbstverständlich, daß im Wandei der Zeiten, mit dem Eindringen neuer Elemente, stets mit dem zionistischen Leben bestimmte Vorstellungen auch von dem äußeren Zusammenhang des Lebens verbunden sein müssen. Damit ist auch schon gesagt, daß die politischen Ziele je nach der Zeit sich wandeln, daß ihre Ausarucksform sich ändert. Niemand braucht sich daher zu wundern, daß in unserer Zeit zionistisches Leben entscheidend verbunden ist mit sozialistischen Vorstellungen und mit einer bestimmten Vorstellung von der Neuordnung der Wirtschaft. Das politische Ziel schien viel eindeutiger, als es in Wirklichkeit ist. Staat war vor dem Kriege ein anderer Begriff als während und nach dem Kriege. Staat war und ist immer ein sehr vieldeutiger Begriff. Nationalismus war ganz gewiß vor dem Kriege etwas anderes als heute. Wir sprechen heute oft davon, daß der Nationalismus als Eigenwert seine Kraft verloren hat. Man mißversteht das dahin, daß die Wahrheit vom nationalen Leben schwächer geworden ist. Davon ist in Wirklichkeit keine Rede. Nur die Form des Kampfes ist eine andere geworden. Vor dem Kriege waren wir, wie ich bereits sagte, eingegliedert in die große Phalanx der um Befreiung kämpfenden Nationen. Diese Nationen haben großenteils ihre Ziele erreicht. Heutzutage sind wir eingegliedert — wenn Sie wollen — in den Kreis der Minoritäten und nicht mehr der ganzen Nationen, die um ihre Freiheit kämpfen. Diese Minoritäten haben fast alle ihre Irredenta in irgendeinem Sinne. Sie haben irgendwo Anlehnung und Anschluß an ein ganzes nationales Leben. Unsere Situation innerhalb dieses Kreises ist ungünstiger als früher in einer Zeit, wo uns eine nationale Welle trug und mit uns eine Fülle von Nationen um ihre Befreiung kämpfte. Ein Weiteres! Wir kämpften damals um vorletzte Dinge, wenn Sie wollen. Unser Programm, auch unser bestes Progranun, ist doch in Wahrheit, zionistisch gesehen, ein vorletztes und kein letztes, eine Voraussetzung für die Erfüllung unserer Hoffnungen aut Erneuerung des jüdischen Lebens, des jüdischen Menschen, der jüdischen Art. Früher im Anfang reichte die Formel aus. Man brauchte diese primitive Formel nicht weiter zu interpretieren; denn sie wurde getragen von einer großen reich ausgestatteten Weltwelle, innerhalb deren wir lebten. Heute, wo diese Zauberformel nicht mehr in diesem Maße wirken kann, ist es selbstverständlich, daß wir uns in unserer zionistischen Arbeit nicht mit den vorletzten Dingen begnügen können, sondern uns auch mit den letzten befassen müssen. Das heißt: das, was früher als radikal erschien, erscheint uns heute oft unwesentlich und unerheblich, und manche, die sich radikal nennen, machen einen anachronistischen Eindruck, weil wir inzwischen viel radikaler geworden sind, weil wir alles, was wir bestenfalls erreichen können, heute nur erfassen können, wenn wir unmittelbar erfüllen, was für unser Volk, für unsere Zukunft durch diese politischen und wirtschaftlichen Bedingungen geschaffen wird, weil wir in unserem Herzen diese ge- Heime Hoffnung heute viel deutlicher und unverhüllter tragen müssen als in den ersten Zeiten, wo hinter einem großen Schleier, hinter dem großen Vorhang, auf dem alle diese nationalen Ideale aufgezcichnet waren, wir geschützt in unserem Busen die letzten Hoffnungen tragen konnten. L!nd nun müssen wir diesen Aufgaben in einer Zeit gerecht werden, in denen wir mit der Palästina-Wirtschaft direkt zu tun haben, das heißt einen postassimilatorischen Zionismus schaffen, während wir mit der Palästina-Wirtschaft verknüpft sind, während wir ihre Krisen erleben und im Zionismus selbst sehen, daß die zionistische Welt den Zionismus mit der Wirtschaft in Palästina identifiziert. Es gibt aber keine Identität von zionistischer Bewegung und Palästina-Wirtschaft weder in einer Zeit der Krise, noch in einer Zeit guter Konjunktur. Es wäre wichtig, daß man sich gerade in dem Zeitpunkte einer guten Konjunktur darüber klar werde, daß die zionistische Bewegung wohl dazu da ist, um die jüdische Welt in Palästina zu schaffen, daß sie aber niemals identisch sein darf mit dieser Aktualität; daß im Gegenteil, an der zionistischen Idee gemessen, alles, was wir schaffen, eng und unzulänglich ist, daß die Notwendigkeit für die Kraft und die Wirkung dieser Ideenwelt in jedem Augenblick gegeben ist und daß wir uns niemals darauf verlassen können, daß im Werden von Palästina der Erfolg allein für uns frisch bleibt und er allein die jüdische Welt gewinnt. Denn was sind unsere Mittel? Unser Mittel war es einmal, Bannerträger zu sein, diese Zaubertormel, in eine Welt zu schleudern, in der wir Kreise fanden, die dafür aufnahmefähig waren. Heute ist das stärkste Mittel unserer Wirkung Darlegung und Analyse. Sie finden eine Analogie dafür bei Achad Haam. Auch sein stärkstes Mittel ist Darlegung und Analyse. Die Zionisten müssen imstande sein, der jüdischen Welt einen Spiegel vorzuhaiten. Sie müssen zeigen, daß all dies, dieser scheinbare Fortschritt, dieser Zusammenschluß, diese jüdische Gesellschaft nichts anderes ist als eine neue Ba na li - sierung, daß diese ganze Art von Zusammenhang unmöglieh, schattenhaft ist, daß die jüdische Zukunft dürftig und unecht ist. In dieser jüdischen Welt, die man hier aufbaut, muß Konvention herrschen. Eine wirkliche Darlegung, eine echte Analyse dieser jüdischen Welt, die man durch Studien und Arbeit erobern muß, die wir Zionisten unseren Propagandisten beibringen müssen, sie allein kann neue Kreise zu uns führ^i, und zwar die wichtigsten, jene jüdische Welt, die sich zwingend einfügen muß in unser Reich. Da haben wir alle viel zu lernen, aut der linken Seite, aber vielmehr noch auf der anderen Seite des Hauses. Denn die meisten begnügen sich damit, was ihre zionistischen Erlebnisse vor 10 Jahren, vor 20 oder 30 Jahren waren, und fühlen nicht, daß sie in jedem Jahre einer neuen Situation durch geistige Arbeit gerecht zu werden haben. Wenn heute von neuen Menschen mit neuen Methoden gearbeitet werden muß, so wird uns klar werden, daß die Vorwegnahme von Differenzierung ein schwerer Irrtum ist. Wir bauen ein Leben auf, geschichtet nach allen Schidhtungen einer großen Differenzierung, ln Palästina stehen sich naturgemäß verschiedene Schichten gegenüber. In der jüdischen Welt, die wir zu erobern haben, können wir nicht dieselbe Form der Differenzierung mechanisch übernehmen. Es wird auch dort selbstverständlich schwerwiegende Unterschiede geben. Aber in dieser Welt brauchen wir eine einheitliche Front, die Front der ganzen zionistischen Bewegung. Und diejenigen, die sich mit Darlegung und Analyse beschäftigen, werden seben,

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