Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652946--19401-2677273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 74, 10. IX 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 533 Die Cmiikdprobleme des Aufb&us Palästinas Referat Dr. Ruppin Dr. Ruppin: Es ist das erste Mal, daß ich nicht als ein Funktionär der Zionistischen Organisation, sondern als Privatmann auf der Kongreßtribiine erscheine. Aber gerade aus diesem Grunde habe ich die Einladung der Exekutive, über Fragen des Aufbaues zu sprechen, angenommen. Ich bin in der Eigenschaft eines Privatmannes in der Gestaltung meines Themas freier als früher, wo ich als Funktionär zu vielen Tagesfragen und Einzelheiten Stellung nehmen mußte. Ich will mit dem beginnen, was unsere Öffentlichkeit vor und auf dem Kongreß am meisten erregt hat, nämlich mit unserem Verhältnis zur Arbeiterschaft. Ich sehe in dem jetzigen Kampf gegen die Arbeiterschaft nicht eine zufällige Erscheinung. Ich sehe darin den Beginn der Auseinandersetzung zwischen ״Chaluziuth“ und ״Baalei-Batijuth“, zwischen den Prinzipien des Pioniertums und der Wirtschaft- )ichkeit, die wir in allen Bewegungen finden, welche von einer außerwirtschaftlichen (religiösen, nationalen oder sozialen) Idee geboren, sich allmählich an die wirtschaftliche Wirklichkeit anpassen. Diese Anpassung ist notwendig. Aber ich glaube, diejenigen sind auf falschem Wege, die diese Anpassung von heute auf morgen bewirken wollen. Chaluziuth ist für uns noch immer unentbehrlich. Mit dem Geist der Baalei- Batijuth wird der Jude nach dem nationalökonomischen Gesetz, daß jeder auf der Linie des geringsten Widerstandes vorwärtszukommen trachtet, es so einrichten, daß seine Arbeit möglichst leicht und einträglich sei. Aber können wir Palästina nur durch eine solche leichte Kolonisation aufbauen? Muß nicht zunächst einmal überall eine Periode der Assanierung einhergehen, die mit großen körperlichen Anstrengungen verbunden sein muß? Wie wollen Sie für diese notwendigen Arbeiten Menschen finden, wenn Sie nicht von dem Geist der Chaluziuth beseelt sind? In der Herkunft und in den Vermögensverhältnissen unserer Einwanderer besteht keine altererbte Verschiedenheit. Die mittelständischen Elemente haben sehr häufig so wenig Mittel, daß man sie ebenso gut dem Proletariat zurechnen kann. Was sie unterscheidet, sind weniger ihre beruflichen und ihre Vermögensverhältnisse als ihr Alter und ihre soziale Ein- Stellung. Der Chaluz. ist bereit, jegliche Arbeit zu übernehmen, map sie mit unzureichender Ernährung, mit Krankheit und Gefahr verbunden sein. Der Mittelständler verlangt eine wenig• stens einigermaßen geordnete und befriedete Umgebung. Beide Schichten in ihrer bestimmten Mentalität haben in unserer Koionisation ihren Platz. Aber man muß jede von ihnen an der richtigen Stelle einsetzen. Den von Sümpfen bedeckten, von feindlichen Nachbarn gefährdeten Emek konnten wir nicht durch gesetzte Familienväter des Mittelstandes, sondern nur durch eine begeisterte Jugend erobern. Erst nachdem durch sie der Emek zu einem der gesündesten und sichersten Teile Palästinas geworden Ist, kann man auch von Ansiedlung anderer Elemente dort sprechen. Aber die Chaluziuth wirkt sich nicht nur darin aus, daß der Chaluz bereit ist, jede Arbeit zu übernehmen. Als es im Laufe des letzten Jahres gelegentlich der städtischen Wahlen für uns von höchster politischer Wichtigkeit war, daß die Juden die palästinensische Staatsbürgerschaft erwerben, da kämen unsere Arbeiter wie ein Mann diesem Rufe nach. Die Baalei- Batim dagegen zögerten, weil sie durch viele Rücksichten der Familie und des Vermögens in ihren Entschlüssen nicht so frei wtaren. Dasselbe gilt in bezug auf die hebräische Sprache und die Erziehung der Jugend, öle ■Arbeiter ■la־’-־Paii8ilBa,si«#,-dl«;' festeste Bollwerk aer hebräischen Sprache. Der Punkt, in dem ich mich von den Vertretern des baalbaltischen Prinzips unterscheide, ist nicht, daß ich dieses Prinzip für unrichtig halte, sondern daß ich es für unmöglich und schädlich halte, dieses Prinzip gegen unsere Siwler und Chaluzim durchzuführen. Diejenigen, die das wollen, sind von Mißtrauen gegen die Arbeiterschaft erfüllt und glauben, daß die Arbeiter in der Zionistischen Organisation nur eine zu melkende Kuh sehen, daß es ihnen ganz gleichgültig ist, ob zionistische Gelder verloren gehen, werin sie nur davon profitieren. Ich dagegen habe mich stets vom Vertrauen darauf leiten fassen, daß die Arbeiter sich als integraler Be. standteil der ganzen Zionistschen Organis a t i o n fühlen und daß sie die Fehler, die sie machen, schwer empfinden. Ich bin in diesem meinem Vertrauen auf die Arbeiter bis heute nicht erschüttert. Der zweite Punkt ist, daß die Gegner der Arbeiter glauben, sie verstünden alle Dinge besser als die Arbeiter selbst. Ich muß in dieser Beziehung vor Ueberhebung warnen. Es gibt kein Volk in der Welt, dessen Arbeiterstand sich an Intelligenz mit unserem Arbeiterstand vergleichen kann. Die bürgerlichen Zionisten haben um so weniger Grund, die Fehler der Arbeiter zu übertreiben, als diesen mindestens ebenso viele Fehler der bürgerlichen Zionisten gegenüberstehen. Es ist wahr, der Solei Bon eh hat der zionistischen Exekutive ein futes Geld gekostet. Aber ich bin sofort imstande, Ihnen ein albes Dutzend bürgerlicher kapitalistischer Unternehmungen zu nennnen, welche der Zionistischen Organisation oder den zionistischen Instituten das Doppelte gekostet haben. Warum erwähnen Sie, wenn wir vom Solei Boneh sprechen, nicht auch die Arbeiterbank, die inmitten der Stürme der letzten zwei Jahre es verstanden hat, ihre Aktiva zu erhalten und einen Vergleich mit den anderen zionistischen Bank- Instituten durchaus nicht zu scheuen braucht. Und schließlich gibt es noch einen dritten Differenzpunkt zwischen mir und den Vertretern der ״Wirtschaftlichkeit“. Das ist die andere Wertung von Geld einerseits und von persönlichen Leistungen andererseits. Es ist nicht angebracht, sich in unserem Kolonisationswerk von dem jüdischen Sprichwort leiten zu lassen: ״Wer Geld gibt, ist der Herr“. Dieses Verhältnis von ״Befehlen und Gehorchen“ kann nicht aus dem ganz andersartigen europäischen Verhältnissen in unser Siedlungswerk in Palästina übertragen werden. Vielmehr muß der Arbeiter, der zwar -kein Geld, dafür aber persönliche Leistung, Gesundheit und Zukunft aufs Spiel setzt, zumindest als ein durchaus ebenbürtiger Partner betrachtet werden. Ich glaube, daß der allmählich notwendige Uebergang von Pioniertum zu Wirtschaftlichkeit durch und mit den Arbeitern erreicht werden kann. Wenn Sie die Rede Arlosoroffs ehört und die Verhandlungen auf der letzten Konferenz der Areiterorganisation in Palästina gelesen haben, so werden Sie sehen, daß heute der Geist der Wirtschaftlichkeit bei den A1beitern auf dem Marsche ist. Ich glaube, der unparteiische Beobachter wird sich eher darüber wundem, daß die Arbeiter auf dem Wege der Wirtschaftlichkeit schon so weit voran, als daß sie noch so weit zurück sind. Ich warne Sie: es ist sehr leicht den Enthusiasmus, den wir zwanzig Jahre hindurch wie eine heilige Flamme gehütet haben, zu zerstören. Es ist aber unmöglich, ihn, wenn er einmal erstickt ist, wieder zu entflammen. Ich rufe Sie auf zu einer gerechten Würdigung der Chaluziuth, und ich bin überzeugt, daß die Arbeiter mehr und mehr den Wert für die Wirtschaftlichkeit für die Erweiterung unserer Arbeiten einsehen und in dieser Richtung weitere Fortschritte machen werden. ich komme zum zweiten Teil meiner Ausführungen, zu der Frage der wirtschaftlichen Struktur, die wir für die Juden in Palästina anstreben sollen. Die Eigenart unserer Aufgabe liegt darin, daß die Juden in Palästina sich nicht wie in den Galuthländern vorwiegend im Handel konzentrieren können. Die Landwirtschaft bestimmt durch das Tempo ihres Vorrückens auch das aller unserer Tätigkeit»zweige. Mit einer gesunden Landwirtschaft als Basis werden sich auch Industrie, Handel und Bauwesen in den Städten entwickeln. Ohne solche Grundlage wird das wirtschaftliche Leben in den Städten, aut sich allein gestellt, oder auf die städtische Bevölkerung und die Bedürfnisse der Touristik beschränkt, keinen großen Aufschwung nehmen können. Man hat kritisiert, daß wir in Palästina als landwirtschaftliehe Betriebsform die sogenannte gemischteWirtschaft eingeführt haben. Im Mittelpunkt der gemischten Wirtschaft steht die Mi Ichprod uktion. Der Bedarf an frischer Milch ist noch immer größer als die Produktion. Ich behaupte, daß die gemischte Wirtschaft unter den heutigen Verhältnissen Palästinas eine nach jeder Richtung wohl durchdachte und angemessene Betriebsform ist, aber ich behaupte nicht, daß sic immer die einzige Betriebsform bleiben muß. insbesondere muß nach den Erfahrungen der letzten Jahre die hochwertige Palästina-Orange als ein Produkt gelten, für das Palästina durch seine klimatischen Verhältnisse ein natürliches Monopol hat und das sogar bei einer stark gesteigerten Produktion einen gesicherten Markt hat. Es ist möglich, daß wir außer der Orange in Palästina noch andere Produkte finden, für die Palästina durch seine klimatischen Bedingungen besonders geeignet ist, und für die außerhalb Palästinas ein Markt fehlt. Vielleicht gehören hierher Tafclfrauben, Bananen, bestimmte Gemüsearten, aber es wäre ein schwerer Fehler, wenn wir neue Siedlungen auf der Basis dieser Produkte gründen würden, falls wir nicht vorher Gewißheit darüber erlangt haben, daß diese Produkte im Ausland zu rentablen Preisen abgesetzt werden können. Ein Wort noch über die Kwuzah, Ich möchte ausdrücklieh feststellen, daß die Zionistische Organisation in keiner Weise auf die Kw uzah als alleinige soziale Form eingeschworen ist. Nach einer Aufstellung, die bis zum November 1926 reicht, hatte die Zionistische Organisation insgesamt für die Kwuzoth £ 282000, für die Moschwe Owdim £ 300000 ausgegeben. Ich weiß nicht, ob die Kwuzah in der Zukunft alle Hoffnungen erfüllen wird, die die in den Kwuzoth lebenden Siedler an diese Form knüpfen. Aber das eine weiß ich, daß in der Vergangen heit die Form der Kwuzah uns außerordentlich wertvolle Dienste geleistet hat. Bei dein Mangel an Schulen zur landwirtschaftlichen Ausbildung haben die Kwuzoth uns als ein Surrogat für die landwirtschaftlichen Schulen gedient, und aus ihnen sind die besten unserer landwirtschaftlichen Siedler, sogar diejenigen, die später in die Moschwe Owdim eingetreten sind, hervorgegangen. Ich sehe auch heute noch nicht, wie wir ohne die Kwuzoth imstande sind, unseren Einwanderern das notwendige landwirtschaftliche Training zu geben. Prof. Elwood Mead und Prof. Oppenheimer haben darauf hingewiesen, daß es notwendig sei, die Leitung jeder Kwuzah aus den Händen des selbstgewählten Arbeiterkomitees zu nehmen und einem landwirtschaftlichen Sachverständigen zu übertragen. Ich wäre im Prinzip mit solch einer sachverständigen Leitung sehr einverstanden, das Schlimme ist nur, daß solche für Palästina geeignete landwirtschaftliche Verwalter ungeheuer selten sind, daß ihr Gehalt eine schwere Belastung für die Kwuzah ist und daß durch den Verwalter mit seinen höheren Ansprüchen in dem sonst einheitlichen und sehr ein- ■ der , Lebenshaltung hifleinkomm^ dib auf die Arbeiter aufreizend und niederdrückend wirkt. Meines Erachtens muß man Vorteile und Nachteile des Administrators gegeneinander abwägen. Dann wird man wahrscheinlich zu dem Resultat kommen, daß in den kleineren Kwuzoth die Nachteile, in den größeren Kwuzoth, die eine umfassende landwirtschaftliche Bildung erfordern, die Vorteile eines Administrators überwiegen. Wir rechnen in Palästina einschließlich des Bodens mit Ansiedlungskosten von £ 1100 pro Siedler, und ich bin sicher, daß wir diesen Betrag auf £ 1000 oder noch etwas weiter herunterbringen könnten, wenn die Ansiedlung in einem großen Maßstab und mit breiten Geldmitteln erfolgt. In England, Kanada, Südafrika, Australien kostet die Ansiedlung £ 12)0, 1500 und sogar 2000. Ich kenne nur zwei Beispiele einer großen Kolonisation, in denen die Ansiedlung billiger ist. Das eine ist die griechische Kolonisation, das andere die neue jüdische Kolonisation! in Südrußland und der Krim. In Griechenland, dessen Siedlungen ich im Jahre 1925 besuchte, werden außer dem [Joden für die gesamten Ausiedlungskosten nur £ 125 erfordert. Nun bin ich weit entfernt, die Leistungen der Refugees Settlement Commission in Griechenland herabzusetzen. Sie hat eine gewaltige Leistung vollbracht. Aber sie ist mit unseren Aufgaben in Palästina deshalb so schwer zu vergleichen, weil 1. die Regierung den Siedlern sofort Land im Werte von 26 Millionen Pfund überlassen konnte, 2. die Ansiedler seit Generationen Landwirte waren, 3. weil es Familien mit vielen und gelernten Arbeitskräften (Kindern und Alten) sind, während unsere Siedler in der Regel nur ein bis zwei Arbeitskräfte haben, 4. weil sie in Griechenland genau dieselben Landwirtschaftsmethoden befolgen konnten, die sic von ihrem früheren Aufenthalt in der Türkei gewohnt waren und nicht nötig hatten, wie wir in Palästina neue Methoden zu suchen, 5. weil sie keinen europäischen, sondern von Kleinasien her einen orientalischen niedrigen Standard of life haben, weil sie ferner 6. zu einem großen Teil in die von den Türken verlassenen Farmen in Griechenland hineinkommen konnten. 51 €00 solche Farmen im Werte von etwa 12 Millionen Pfund waren für die Ansiedler unentgeltlich zur Verfügung. Die landwirtschafiliche Kolonisation in Griechenland war also nicht wie bei uns ein Ansiedlungs-, sondern mehr ein Ucbersiedlungsprobiern. Dazu kommt noch 7., daß sie nicht nur die aktive Unterstützung der griechischen Regierung und des Völkerbundes, sondern auch die Sympathien des gesamten griechischen Volkes auf ihrer Seite hatten. Letzterer Umstand drückt sich z. B. darin aus, daß außer den Beträgen, welche die Refugee Settlement Commission für die Ansieahing der Flüchtlinge ausgegeben hat, die griechische Regierung für die Flüchtlinge in den Jahren 1912/26 noch extra 17 Millionen ausgegeben hat, davon 7 Millionen allein von 1922 bis 1926. Diese Summen sind in den Ausgaben der Settlement Commission nicht enthalten, ebenso nicht wie die allgemeinen Ausgaben für Wohlfahrtszwecke des griechischen Staates, von denen die Flüchtlinge in hohem Maße Nutzen ziehen. Wenn man alle diese Ausgaben zusammenrechnet, so werden sich die Ansiedlungskosten erheblich höher stellen, als sie nach den Berichten der Settlerrjent Commission erscheinen. Die Billigkeit der griechischen Ansiedlung hat auch eine ernste Kehrseite. Die Sterblichkeit an Malaria war eine ungeheure, weil die Ansiedler infolge der notwendigen Eile auf nicht assaniertem Boden angesetzt wurden. Zehntausendc sind hierdurch zugrunde gegangen. Im Jahre 1923 starben in Mazedonien auf 1000 Flüchtlinge 33, während nur 10 geboren wurden. Wir sind dagegen gerade auf diesem Gebiete allerdings mit großen Aufwendungen vorbildlich vorgegangen und haben mit unserem Menschenmaterial hausgehalten. Wenn man die wirtschaftliche Lage und die Rentabilität der griechischen Ansiedler in Betracht zieht, so sehen wir hier vorläufig genau dieselben Schwierigkeiten wie in Palästina. Ein erheblicher Teil der Siedler ist in einer sehr unbefriedigenden Lage. Auch die niedrigen Ansiedlungskosten in der Krim von etwa £ 200 pro Familie sind deshalb nicht mit Palästina zu vergleichen, weil in Südrußland Baumaterialien, Holz, Vieh, landwirtschaftliche Maschinen, sehr viel billiger sind als in Palästina. Die Regierung gibt das Holz für den Bau der Häuser gratis und hat den Transport auf der Eisenbahn für den Siedler auf ein Minimum herabgesetzt. Die Wirtschaft des jüdischen Siedlers in Sudrußland ist eine viel einfachere als in Palästina. Sie beruht einschließlich auf dem Getreidebau, benutzt die einfachen Methoden des russischen Bauern und kann infolgedessen mit viel geringeren Investitionen auskotnmen, Ein Vergleich der Rentabilität kommt nicht in Frage, weil die Siedlungen seihst noch jung und noch nicht zur Stufe der Rentabilität autgestiegen sind. Ich habe oben bereits erwähnt, daß ich fast sicher bin, daß wir für den Typus der gemischten Wirtschaft die Kosten aut C 1000 und vielleicht noch weiter heninterbringcn können. Der zweite Typus, den ich für möglich halte, der Typus des Pflanzers, speziell des Orangenpflanzers, kostet bis zur Fruchttragung der Pflanzung einschließlich eines Wohnhauses nicht weniger als £ 1200. Da aber zu hoffen ist, daß für diesen Typus sich bemittelte Kandidaten finden werden, so dürfen auch für diesen Typus im Wege des Kredites höchstens £ 900 erforderlich sein. Vielleicht kann sogar, wenn wir die Kredite nicht Einzelnen geben, sondern uns an privaten Pflanzungsgesellscliaften wie z. ‘B. der von Dr. Brünn vorgeschlagenen beteiligen, der Betrag pro Familie noch weiter hcruntergeselzt werden. Daneben sehe ich aber die Möglichkeit für einen dritter! Typus, den ich als den Typus des Arbeiter Siedlers bezeichnen möchte, dem man mindestens 15 Dunam Land gibt, davon mindestens 10 bewässerbar und für Bepflanzung mit Orangen durch Tiefpflügen ttsw. vorbereitet. Wir haben in Ajn Ganim und Neß Zionah bereits eine ganze Reihe von Siedlern dieser Art vor uns. Dieser Typus des Arbeitersiedlers würde zugleich eine erhebliche Verbilligung des Sicdlungswerkes bedeuten, denn ich glaube, daß der Boden mit der notwendigen Vorbereitung und einem Häuschen nicht mehr als £ 400 bis 500 zu kosten braucht. Die Bemühungen zur Kolonisierung mittelständischer Elemente sind so alt, wie die Kolonisationstätigkeit der zionistischen Bewegung überhaupt. Vielleicht ist heute mit Rücksicht aut die Acnderung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Osteuropa die Zahl der mittelständischcn Elemente, die in Palästina Landwirte werden möchten, größer als vor dem Kriege. Aber Sie können in dem Bericht der Exekutive lesen, daß Dr. Soskin, der für seine Siedlung in allen Ländern Leute mit £ 450 Kapital gesucht hat, diese nicht finden konnte. Wenn wir nun den Versuch mit der Ansiedlung von Orangenpflanzern aus den mittelständigen Elementen machen und diese Elemente ein relativ leichtes Leben beschaffen wollen, so muß dieser Mittelstand auch wirklich wenigstens einige Mittel besitzen. Früher schien es schon ein Maximum, wenn wir den Siedlern die Hälfte des notwendigen Kapitals vorstrecken konnten. Icli glaube, wir werden darüber hinaus auf zwei Drittel oder sogar drei Viertel gehen müssen. Aber ein Minimum von ein Drittel oder ein Viertel müssen wir von den Siedlern selbst verlangen. Wenn Sie auch hierauf verzichten, so würde das heißen, daß Sie nicht das Kapital, sondern die Oes in n un g des Mittelstandes nach Palästina importieren wollen, und dafür habe ich kein Verständnis. Redner geht sodann zur Frage der Industrie über. Er führte aus: Meines Erachtens ist der einzige Weg, wie die Zionistische Organisation der Industrie una dem Handwerk helfen kann, die Schaffung von langfristigen Krcd i t e n, die bisher in Palästina so gut wie ganz fehlen. Sie wissen, ich habe bereits auf den beiden vorhergehenden Kongressen zur Befriedigung des Bedürfnisses nach langfristigen Krediten die Gründung einer Industriebank verlangt. Zur Kritik, die an dem Projekt dieser Industriebank geübt worden ist, hat vielleicht der Name ״Bank“ beigetragen. Wenn man nämlich unter einer Industriebank ein Institut versteht, das nur sichere Kredite und nur auf kurze Zeit gibt, so ist natürlich für eine solche Bank in Palästina kein Platz. Es dreht sich abe*• eben nicht um eine solche Bank, sondern um ein Institut, das folgende Aufgaben erfüllen soll: Erstens die einer zentralen Informations- und Beratung»- stelle in bezug auf industrielle Projekte. Zweitens: Die zweite Aufgabe des Institutes ist die Mitwirkung bei der Finanzierung solcher industrieller Unternehmungen, die von ihm nach gründlicher Untersuchung der technischen und kaufmännischen Bedingungen als aussichts» reich erkannt worden sind. Drittens: Die dritte Funktion des Institutes würde sein, diejenigen Unternehmungen dauernd zu kontrollieren, denen es entweder selbst durch Kredit oder Beteiligung geholfen hat, oder bei denen es die Interessen privater Kapitalisten wahrnimmt, deren Beteiligung es vermittelt hat. Redner erörtert sodann die Frage des Schutzzoll-Systems und fährt fort: Einige Forderungen der Industrie, so z. B. die Abschaffung des industrietötenden Einfuhrzolls auf Rohmaterialien, hat die Regierung erfüllt, ln anderen Forderungen z. B. der Steuerfreiheit industrieller Unternehmungen in der Anfangszeit oder neuerdings in der Frage des Zoll abkommetis mitSyrien, nimmt die Regierung einen Stand- Punkt ein, der den Wünschen unserer Industriellen zuwiderläuft. Ich glaube, daß wir in dieser Frage nicht weiterkommen, solange dieselben vom Revenue-Standpunkt betrachtet und von denjenigen Beamten entschieden werden, denen iin Ressort-Interesse an einer Erhöhung der Regieningseinnahmen gelegen ist. Ich sehe hier nur einen weg: Die Mandatarmacht muß einen speziellen Kommissar fifrdie Wirtschaftspolitik Palästinas bestimmen, der vor einer höheren Warte und im Einklang mit den Bcstim• mungen des Mandates die Wirtschaftspolitik leitet. Im weiteren Verlauf bespricht Dr. Ruppin die Probleme der Arbeitsgesetzgebung. Ich wende mich zu der Frage, welche Mittel notwendig sind, tun in Palästina dauernde Existenzmögliclikeiten einer jüdischen Bevölkerung zu bieten, die zu 30 ״’« in der Landwirtschaft, zu 30 0״ in Industrie und Handwerk und zu 40״/« in Handel und Verkehr, Touristik, freien Berufen usw. tätig ist. ich will Sie liier nicht mit einzelnen Berechnungen entlüden, ich will nur betonen, daß wir uns klar darüber sein müssen, daß die wirtschaftliche Verwurzelung im erwähnten Sinne nur möglich ist, wenn für jeden Einwanderer entweder zusammen mit ihm oder von dritter Seite gleichzeitig auch Kap i - talien nach Palästina einwandern. Nach meiner Berechnung muß, wenn wir die Landwirte zu je ein Drittel der Basis auf der gemischten Wirtschaft, der Orangenpflanzung und des Arbeitersiedlers ansiedeln, jede landwirtschaftliche Familie einschließlich des Bodens etwa 730 Pfund kosten. Für jede Familie, die als Unternehmer oder als Arbeiter in Industrie und Handwerk beschäftigt ist, müssen, wie ich aus statistischen Feststellungen der letzten Zeit entnehme, 150 Pfund pro