Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Jeremiah 2× ep/1005299
- Tunis 2× ep/1048155
- Akiva ben Joseph 1× ep/1003279
- August Dillmann 1× ep/1013795
- Constantin Brunner 1× ep/1013901
- Curt Elwenspoek 1× ep/1023431
- Franz Werfel 1× ep/1000003
- Haifa 1× ep/1047930
- Heinrich Graetz 1× ep/1004835
- Joseph Süß Oppenheimer 1× ep/1005444
- Julius Höxter 1× ep/1022139
- Vilnius 1× ep/1000947
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Seite 518 JUEOISCHE RUNDSCHAU Nr. 72, 6. IX. 1927 Nach sedis Jahren Ein Rückblick von A. U11 z u r. Im Juli 1920 trat in London die Zionistische Jahreskonferenz zusammen, die erste Konferenz nach dem Kriege, am über den Aufbau und die Fragen der Einwanderung und der Kolonisation wie auch die neuen Möglichkeiten, die sich aus der Balfour-Deklaration und der Uebernahme des Palästinamandates durch England ergaben, zu beraten. Es war damals allen klar, daß 'die Arbeitsinstrumente, mit denen bis dahin die Zionistische Organisation gewirkt hat, nicht ausreichend waren für das Gebiet, das ihr jetzt neu und weit geöffnet wurde, und daß neue Hilfsmittel nötig seien, um durch sie das ganze Volk an der Wiederaufbauarbeit teilnehmen zu lassen. Auf dieser Konferenz wurde zum ersten Male der Name ״Keren Hajessod“ genannt, der von da ab sich in den Herzen des Volkes in seiner ganzen Zerstreuung fest verwurzelt hat, so daß die Ausdrücke ״Keren Hajessod“ und ״Wiederaufbau des Landes“ fast zu einem Synonym geworden sind. Der Keren Hajessod wurde im Jahre 1921 als Gesellschaft nach englischem Recht eingetragen und steht somit jetzt am Anfang des siebenten Jahres seiner Tätigkeit. Im Laufe der sechs Arbeitsjahre hat der Keren Hajessod einen Betrag von drei Millionen Pfund Sterling aufgebracht. Es ist wohl am Platze, sich näher mit der Entwicklung der Einnahmen des Keren Hajessod in den Ländern des Galuth während dieser sechs Jahre und den Investierungen in allen Zweigen des Aufbaues Palästinas zu befassen. Vielleicht werden sich daraus gewisse Lehren für die Zukunft gewinnen lassen. Die erste weiter unten wiedergegebene Tabelle zeigt die Beteiligung der verschiedenen Länder an der aufgebrachten Summe, die während dieser sechs Jahre an das Hauptbüro des Keren Hajessod überwiesen worden sind, und zeigt uns, daß dieser Fonds immer mehr Wurzel schlägt und sich, wenn auch langsam, so doch stetig entwickelt, ohne Unterlaß und ohne auch nur für einen Augenblick einen Rückgang aufzuweisen. Die vor der Gründung des Keren Hajessod veranstatteten Oddsammlungen, wie Keren Hageulah und Keren Hahachscharah, haben, wenn sie auch in vielen Ländern infolge der Begeisterung über die politischen Errungenschaften Erfolge aufzuweisen hatten, ihre Arbeit mit dem Abflauen der ersten Begeisterung gänzlich eingestellt. Demgegenüber hat der Keren Hajessod eine große Lebenskraft bewiesen, indem er ohne Unterlaß all die großen Schwierigkeiten und die zahlreichen Widerstände, die beim Aufbau des verlassenen und wüsten Landes zutage traten, zu überwinden vermochte. Die Leitung des Keren Hajessod hat vor allem die notwendigen Apparate in der Mehrzahl der Länder geschaffen und tue Methoden der Geldsammlungen aut dem Grundsatz der jährlichen Selbstbesteuerung eines jeden Einzelnen festfesetzt, und man kann sagen, daß der Versuch die Richtigkeit ieses Weges bewiesen hat. Man mußte vorerst die passenden Zeiten für den Besuch der Sonderdelegierten in den einzelnen Ländern feststellen. Die Anordnung einer Keren Hajessod- Kampagne ist von zahlreichen verschiedenen Faktoren abhängig, ob der Delegierte vor oder nach der Ernte kommt, ob zur Zeit einer guten oder einer schlechten Ernte, ob es ein Jahr der Dürre oder der Fruchtbarkeit in Südamerika oder Beßarabien war, ob die Olivenemte in Tunis gut oder schlecht geraten war, ob die Baumwolikampagne in Aegypten Gewinn oder Verlust gebracht hatte, all dies ist von nicht zu verachtender Bedeutung für den Fortgang der Keren Hajessod-Aktion. Die Beteiligung der verschiedenen Länder an den Keren Hajessod-Eingängen und die Quote pro Kopf der jüdischen Bevölkerung seit Gründung des Keren Hajessod bis Ende Mai 1927. Land £ Kopfquote 1, Vereinigte Staaten 1 766170. 2. 7 0. 8.10 Z Südafrika 175806. 5. 2 2.14. 5 3. Kanada 133 246.11. 3 1. 0. 0 4. England 123 353.11. 0 0. 8. 3 5. Deutschland 117 592. 1. 3 0. 3.10 6. Polen (inkl. Wilna) 96 382.19. 8 0. 0.10 7. Altrumänien 75 551. 1. 8 0. 5.10 8. Holland 58019.19. 0 0.10.10 9. Tschechoslowakei 56193. 1. 5 0. 3. 2 10. Argentinien 54484. 6. 6 0. 5. 5 11. Litauen 28911. 2. 0 0. 3. 7 12. Palästina (inkl. Keren Hageulah) 25 206. 1. 4 0. 3. 4 13. Oesterreich 23 1 28. 1. 7 0. 2. 0 14. Beßarabien 18378. 7. 2 0. 1. 3 15. Ostgallzien 15850.10. 9 0. 0.10 16. Aegypten 15 564.16. 6 0. 5. 2 17. Lettland 15 459.15. 8 0. 3. 3 18. Russische Emigranten 14 604.16. 3, 19. Jugoslawien 12307.17. 4 0. 3. 8 20. Bulgarien 11 690.10. 1 0. 4. 8 21. Belgien 11 479.15. 9 0. 4. 2 2Z Westgalizien 11 280.16. 0 0. 0.11 23. Bukowina 19 998. 5. 8 0. 1. 7 24. Finnland 9 869. 0. 8 6. 0. 0 25. Brasilien 9 529.10. 0 0. 6. 4 26. Frankreich 9 445.16. 4 0. 1. 2 27. Chile 7151. 2. 0 1. 8. 7 28. Marokko 6 634. 1. 8 0. 1. 3 29. Schweden 6 261. 4. 8 1. 0. 0 30. Transsylvanien 6195.16. 4 0. 0. 5 31. Estland 5 881.19. 6 1. 3. 6 32. Tunis 5 302. 1.11 0. 2. 1 33. Schweiz 5194.11.11 0. 4. 9 34. Danzig 4 490.14.11 0.12.10 35. Mesopotamien 4 371. 6. 7 0. 1. 0 36. Italien 4 178. 0. 6 0. 1.10 37. China 4 083.10. 7 1. 0. 0 38. Griechenland 3 982.19. 4 0. 0. <) 39. Dänemark 3 474.12.10 0.11. 8 40. Singapore 3 305.17. I 6.12. 0 41. Norwegen 2 936.14. 1 2. 0. 0 42. Indien 2 819.10.10 0. 2. 7 43. Portugal 2 167.14. 1 1. 0. 0 44. Aden 1 721.19. 9 0. 8. 6 45. Algier 1 050. 1. 6 0. 0. 3 46. Charbin 743. 4. 9 0. 0. 5 47. Cuba 732. 1. 9 0. 0. 5 48. Türkei 600. 1.11 0. 0. 1 •19. Australien 570. 2. 3 0. 0. 6 50. Spanien 470. 7. 6 1. 2. 1 51. Mexiko 422. 6. 4 0. 0. 5 52. Sieben verschiedene Lände! darunter Ungarn 1 909. 6.11 0. 0. 1 53. Juwelenfonds der W. I. Z. O. 2845. 0. 9 2991 352. 4.10 Sonderbeiträge für AdmMstrations- und Propagandaunkosten 16000. 0. 0 3007 352. 4.10 Aus dieser Tabelle der Eingänge des Keren Hajessod seit seiner Gründung sehen wir, daß fast alle Länder der Welt, in denen es Juden gibt, Schulter an Schulter sich an der Aufbringung der Gelder für den Keren Hajessod beteiligt haben, min auch das eine oder das andere Land zuweilen aus lokalen wirtschaftlichen oder politischen Gründen für eine Zeitlang mit der Arbeit ausgesetzt hat. Die erste Million der Netioeingänge des Keren Hajessod wurde nach Verlauf von 28 Monaten erreicht (April 1921 bis Juli 1923), die zweite Million in 25 Monaten (August 1923 bis August 1925), und die dritte Million im Laufe der letzten 21 Monate (September 1925 bis Mai 1927), obwohl gerade diese letzten 21 Monate Zeiten der Krise und der Not in Palästina waren, wie auch Zeiten wirtschaftlicher Depressionen in jenen Ländern, die große J ud enheiten aufweisen. Die Summe von £ 3 007 352, die im Laufe der sechs Jahre aufgebracht wurde, umfaßt nur die reinen Einnahmen des Keren Hajessod, während die Bruttoeinnahmen während dieser Zelt schätzungsweise gegen 4 Millionen Pfund betrugen, so daß die Keren Hajessod-Komitees der verschiedenen Länder 25 0/0 der Einnahmen für die durch die Sammlungen und die Propaganda für den Renaissancegedanken und den Wiederaufbau des Landes verursachten Kosten verausgabten. Die Delegierten des Keren Hajessod haben alle Länder besucht. Sie gelangten in die verborgensten und entlegensten jüdischen Gemeinden, vertieften überall den zionistischen Gedanken und erweckten im Volke das Gefühl der Pflicht gegenüber dem Aufbau seines Vaterlandes. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß die Ueberführung des Hauptbiiros des Keren Hajessod von London nach Jerusalem im Herbst 1926 bereits gute Früchte getragen hat; so betrugen in den ersten acht Monaten des jetzigen Budgetjahres die Nettoeinnahmen des Keren Hajessod £ 440150 oder im Durchschnitt rund £ 55 000 monatlich. Es sei auch vermerkt, daß die Einnahmen des Keren Hajessod immer regelmäßiger werden, so daß bereits jetzt die Zionistische Organisation in der Lage ist, das Jahresbudget mehr oder weniger im Einklang mit den Einnahmen festzusetzen auf Grund der Schätzungen, wie sie vom Keren Hajessod gemäß den Erfahrungen, die er sich in der Arbeit in allen Teilen der Welt erworben hat, vorgenommen werden. Aus der obigen Tabelle ersehen wir auch, daß in den Ländern mit großer jüdischer Bevölkerung, wie Amerika, England, Polen, Rumänien und Deutschland, die Kopfquote nicht einmal 1 Pfund erreicht hat. in diesen Ländern leben drei Viertel aller Juden der Welt, wenn wir Rußland ünberücksichtigt lassen. Geradezu außerordentliche Leistungen haben die kleinen jüdischen Gemeinden aufzuweisen, wie Finnland und Singapore, und zwar 6 Pfund pro Kopf. Besonders lobend sei noch die Judenheit Südafrikas erwähnt, die £ 2^75 pro Kopf aufgebracht hat. wie Verwendung der Keren vom 1. April 1921 1. Landwirtschaftliche Kolo nisation (inkl. Versuchss t a t i 0 n). 41 Siedlungen, davon erhielten 28 ihr ganzes und die übrigen einen Teil ihres Budgets vom K. H. 8 Siedhingen wurden dieses Jahr selbständig. In den 41 Siedlungen betrug im August 1926 die Zahl der Seelen 4628 gegenüber 420 im Jahre 1921. Die Neuansiedlung dieses Jahres betrifft 260 Familien oder 520 Arbeiter, von denen bereits 325 auf dem Boden sitzen. 2. Erziehungswesen (inkl. Hebräische Universität, National- und Universitätsbibliothek und Technikum in Haifa). Den größten Teil ihres Budgets aus Keren Hajessod - Geldern erhielten 194 Unterrichtsanstalten mit 742 Lehrern und 18593 Schülern. Einwanderung (inkl. Palästinaämter). Im Laufe der 6 Jahre kamen 94 029 Juden ins Land. Oeffentliche Arbeiten (Straßen, Trockenlegungen, fachliche Vorbereitungen usw.). Investitionen u. städtische Kolonisation (Rutenberg-Werk, Hypothekenbank, Darlehen an Industrielle usw.). Oeffentliche Gesundheitspflege (Hadassah, KupathCholim). Verwaltung der Zionistisehen Palästina-Exekutive und. Verschiedenes. 8. Nationale und kommunale Institutionen. 9. Religiöse und Misrachi- Institutionen. 10. Keren Kajemeth Lejisrael. najessoa-ueiaer in raiasnna bis 31. März 1927. 3. 4. 5. 7. 884 698.15. 5 30,9! 523 041,19. 7 18,3( 319 280. 4. 6 11,1 328 196.13.5 11,4 238 722. 3. 0 8,3 226 517.11. 3 7,9 136986. 6. 100 061.14. 68581. 0. 32 680.11. 4,7 3,5 insgesamt £ 2 858769.19.10 100,00 Wie die Gelder des Keren Hajessod für die Deckung der Bedürfnisse des Aufbaus während der sechs Jahre bis Ende März 1927 verwandt wurden, darauf gibt obenstehende Tabelle die Antwort. Wir finden, es gibt auch nicht ein einziges wichtiges Arbeitsgebiet, an dessen Budget sich der Keren Hajessod nicht beteiligt hätte, sei es zur Gänze, sei es zum größten Teil. Wer immer ins Land kommt, dem wird es bald offenbar, daß durch die Arbeit des Keren Hajessod alle Winkel des Landes befruchtet werden. Es gibt kein Gebiet des Aufbaues im Lande, an dem der Keren Hajessod keinen Teil hätte, sei es unmittelbar, sei es mittelbar. Trotzdem reichen natürlich die Einnahmen des Keren Hajessod nicht aus, um den Aufbau des Landes in einem so!־ eben Tempo, wie es unser Volk in allen Orten seiner Zer- Streuung wünscht und verlangt, durchzufiihren. Um die Einnahmen des Keren Hajessod zu erhöhen, muß man notwendigerweise vor allem die Zahl der Beitragenden vermehren, deren es bisher nur gegen eine Million gibt. Man muß auch eine mehr intensive Arbeit unter den jüdischen Kultusgemeinden führen und auf sie einwirken, in ihre Jahres- Voranschläge entsprechende Beiträge für den Keren Hajessod einzusetzen. Als Beispiel sei die Wiener Israelitische Kultusgemeinde angeführt, die alljährlich £ 725 für den Keren Hajessod beisteuert, ebenso haben eine Reihe von Kultusgemeinden in der Tschechoslowakei, Deutschland, Rumänien Polen in ihre Budgets Jahresbeiträge für den Keren Hajessod eingesetzt. Man muß sich auch um eine Erhöhung der Jahresbeiträge bemühen, nachdem es immer noch nur einzelne sind, die in der Tat Maasser für den Keren Hajessod abführen. Es ist vielleicht auch an der Zeit, in reichen Gemeinden mit der Propaganda einzusetzen für den Gedanken, daß ein jeder Jude in seinem Testamente einen Teil seines Vermögens dem Keren Hajessod vermache. Vielleicht wird es im Laufe der Jahre mit Hilfe der Gemeindevorstände und der Rabbiner gelingen, dies zu einem ständigen Brauch herauszubilden. Die Tatsachen in Palästina zeigen klar, daß nur durch eine erhebliche Erhöhung der Eingänge des Keren Hajessod es möglich sein wird, die wirtschaftlichen Bedingungen im Lande auf so festen Grundlagen zu errichten, ^aß sie den Boden für eine ständige, wachsende Alijah vorbereiten. Büdiersdiau Gestalten und Momente aus der jüdischen Geschichte. (Hrsg, von Prof. Dr. J. El bogen, 1927. Der Heine-Bund. Eine Jüdische Buchgemeinschaft, Berlin W 9, Linkstr. 39. Wer jemals jüdische Jugend in Schule oder Bibliotheken mit «len Zeugnissen jüdischer Vergangenheit bekannt machen wollte, der wird den Mangel eines Buches wie das vorliegende schmerzlich empfunden haben. Wie mancher Forscher unternahm es auf dem Gebiete der deutschen Geschichte, die Ergebnisse seiner Forschung, in künstlerischer Formung zum Laien reden zu lassen, auf daß nicht nur das Prodesse, sondern auch das Delektare der antiken Forderung zu seinem Rechte käme; wie wenige derartige Gaben besitzen wir für die jüdische Geschichte! Doppelt ist es darum zu begrüßen, daß hier eine kundige Hand weit verstreute, in vielen Fällen vorbildlich lebendige Bilder von bedeutenden Gestalten und Momenten unserer Geschichte zusammengefügt und mit knappen Ueberleitungea und einem gedrängten Nachworte begleitet hat. So führt uns August Dillmann zu dem ״großen VoTkshelden“, König David, Elias Auerbach gibt seine bekannte ergreifende Charakterzeichnung des Propheten Jeremia, Gregorovius behandelt den Aufstand des Bar Kochba. Noch dankenswerter ist es, daß entlegene und verstreute Dokumente wie die Chasärenbriefe, das Vertreibungsdekret aus Spanien, die Denkschrift Wilhelm von Humboldts zugunsten der Gleichberechtigung im Wortlaut wiedergegeben werden. ״Der Weg durch die jüdische Geschichte, den das vorliegende Buch einschlägt, ist nicht der übliche“ sagt der Herausgeber in seiner Vorbemerkung. ״Die Gestalten und Momente, deren Bedeutung als Wendepunkt des jüdischen Schicksals dargelegt sind, werden bald in den Worten alter Quellen, bald in der Darsteifung moderner Schriftsteller vorgeführt.“ — Diese Worte sind in noch weiterem Sinne wahr als es der Sammler hier erkennen läßt. Es ist ein anderer Weg durch die drei Jahrtausende jüdischer Geschichte als etwa der Altmeister jüdischer Geschichtsforschung, als Heinrich Graetz ihn einschlug. Der politische Zionist freut sich, auf diesem Wege dem gelehrten Erforscher der synagogalen Liturgie zu begegnen — wenn er ihn auch dort vielleicht nicht vermutet hätte. Denn rein politisch, dem Staatswesen, der Gemeinschaft, dem Weltgeschehen zugewandt, sind (mit einer Ausnahme, der Schilderung des Chassidismus) die Schicksale der jüdischen Geschichte in diesem Gange durch die Jahrhunderte. Dem Volkshelden David folgt der ״Staatsmann“ Jeremia, aus den Chasarenbriefen ersteht das Traumbild des jüdischen Reiches; Samuel Ibn Nagreis und Simone Luzatto kennzeichnen die luden als Minister una Wirtschaftsführer; noch Heines Damaskusbriefe werden als ״politische Großtat“ bezeichnet. Und folgerichtig schließt das Buch mit Nordaus Gedenkrede auf Herzl ab. Ganz gewiß ist diese Reaktion auf die allzu ausschließliche Geistjgkeit früherer Geschichtsschreiber zeitgemäß und zu erwarten; und doch — wo bleiben die geistigen Mächte, «die dem Juden den Weg durch diese dunklen Jahrtausende wie einst die Feuersäule in der Wüste erleuchteten? Die gewaltigen Gestalten der talmudischen Zeit werden — außer Rabbi Akiba, dem Bar Kochba-Führer — in diesem Gange kaum erwähnt; und doch hätten auch hier etwa Bachers schöne Charakterbilder herangezogen werden können. Glücke! von Hameln und der Baalschem sind fast die einzigen Vertreter jüdischer Geistigkeit, die zum Worte kommen. Aber dies ist mehr eine Kritik der Zeitrichtung als eine Kritik dieses schönen und sehr willkommenen Buches, das der ersten Jahres-Reihe der Bücher des Heine-Bundes zur Zierde gereicht, und dieser vielversprechenden jüdischen Buchgemeinschaft sicherlich manch neues Mitglied zuführen wird. —ra. ■ Jud Süß Oppenheimer. Der große Finanzier und galante Abenteurer des 18. Jahrhunderts. Mit Bildern und Urkunden. Von Dr. Curt Elwenspoek. Walter Hädecke Verlag, Stattgart 3,20 M. Zum ersten Male ist hier eine aut das gesamte Aktenmaterial und die Originaldokumente gestützte Darstellung eines der merkwürdigsten jüdischen Schicksale der letzten zwei Jahrhunderte gegeben. Süß Oppenheimer, Geheimer Finanzrat und Schatullenverwalter des Herzogs Carl Alexander von Württemberg, wurde im Jahre 1737 nach dem Tode des Herzogs das Opfer der Volkserbitterung über dessen tyrannische Regierung. Efwenspoek ist überzeugt, daß Süß nicht schuldig war, oder nicht der Hauptschuldige; aber die Volkswut brauchte eine Gestalt, die die Phantasie mit allem dämonischen Attributen ausstatten konnte, und dazu eignete sich am besten der Jude. Was das Buch an Karikaturen, Spott- und Schmähgedichten und anderen Zeitdokumenten bringt, zeigt uns, wie wenig sich die Zeiten geändert haben; denn dem Geiste nach erlebten wir alle Gleiches in unserer Zeit. Süß war ein Weltmann, der besonders bei Frauen Glück hatte; zugleich war er ein Finanztalent großen Stils. Er war aber auch treuer Jude und wies im Kerker mit größter Beharrlichkeit alle aufdringlichen Bekehrungsversuche zurück. fEr betete noch vor dem Galgen, seine Unschuld beteuernd, zum jüdischen Gott. Am 4. Februar 1738 wurde er unter dem Rasen des Volkes in einem Vogelkäfig an den Galgen gehängt. Die jüdische Gemeinde schrieb ihn in die Liste der Märtyrer. Auen wer den schnell berühmt und populär gewordenen Roman Lion Feuchtwangers, der jetzt in England und Amerika geradezu sensationelle Triumphe feiert, kennt, wird diese geschichtlich-dokumentarische Arbeit mit tiefer Anteilnahme, mit dem Grauen des — als Jude — Beteiligten lesen. Von demselben Verfasser erschien in gleicher Form und in gleichem Verlag auch eine Lebensbeschreibung der Charlotte von Mexiko, mit unbekannten Briefen und Bildern. Auch hier Verkettung von Menschlichem mit Politik und Einblick in eines der merkwürdigsten Kapitel des 19. Jahrhunderts, das erst jüngst durch Franz Werfel wieder aufgefrischt wurde. Dr, Julius Höxter: Quellenlesebuch zur jüdischen Geschichte und Literatur. III. Teil: Deutschland, Frankreich und Italien im Mittelalter. J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. 1927. Constantin Brunner hat einmal die Aeußerung getan,! es müsse ein Loch in der Welt sein, um die Abfassung eines Buches zu begründen. Das Quellenlesebuch von Höxter füllt zwar in diesem Sinne nicht ein ״Loch in der Welt“, wohl aber eine sehr empfindliche Lücke, die jedem jüdischen Lehrer schon fühlbar geworden sein muß. Es ist eine Sammlung jüdischer und nichtjüdischer Quellen der mittelalterlichen Geschichte der Juden in Deutschland und Frankreich, und stellt durch ebenso geschickte wie systemvolie Zusammenstellung eine Wanderung durch tausend Jahre jüdischer Geschichte dar. Jeder Lehrer, der sich im Unterricht mit den vorhandenen Lehrbüchern un• serer Geschichte gequält hat und immer wieder deren Unvollkommenheit erkannte, wird freudig zu einem Buche greifen1, das nicht bloß die ״Leidenszeit“, das ״Martyrium“ herunterjammert, sondern mit seinen Schutzbriefen, Privilegattesten, Papstbullen, Eidformeln, Ausweisungsdekreten usw., seinen Selichoth, Piutim, Responsen, Rechtsgutachten, Testamenten, Memorialen, Sittenschildeningen das ganze geistige, religiöse, wirtschaftliche und rechtliche Leben der mittelalterlichen Juden Deutschlands und Frankreichs schildert Zahlreiche der 70 mit־ geteilten Stücke waren dem Schreiber dieser Zeilen neu. Das Quellenlesebuch ist nicht bloß für den Lehrer praktisch, sondern sicher der Jugend interessant, und sollte bald in keinem Religionsiiiiternchi fehlen. Auch dem Laien sei es als ein wahrer jüdischer Zeitenspiegel wärmstens empfohlen. Rabbiner Dr. Emil Cohn