Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 72, 9. IX. 1927 JU EDISCHE RUNDSCHAU Seite 517 Das Problem der zionistischen Jugend Von Dr. Feld sch uh (R. Bcn-Schem), Krakau. Wir Juden machen in der Gegenwart einen schweren Ent־ Wicklungsprozeß mit. Wir haben die alte, in den Ghettomauern entstandene und darin freiwillig weiter verharrende Lebensweise aufgegeben und nehmen mehr oder weniger die Lebensart unserer nichtjüdischen Nachbarn an. Kein Wunder, daß jene uns in der Meisterung dieser voran sind, nie fugend, der nur das Ganze, das Fertige imponieren kann, lllldct dort Schöneres und reißt sich so von uns oft los. *wserc Aufgabe ist nun eine doppelte. Wir müssen die Jugend für unsere Idee, für die Idee des Judentums zunächst erobern, und wir müssen sie dan halten, zu einer fortschreitenden Konkretisierung ihrer Gesinnung führen. Erstcres ist nicht sehr schwer. Vielfach steht die Jugend offen und bereit, von uns genommen zu werden. So leicht wir sie aber gewinnen können, so leicht können wir sie auch wieder verlieren, denn sie steht auch für andere offen. Die zweite Aufgabe, sie zu erhalten, ist die schwierigere, ihre Bewältigung das Grundproblem unserer Aufgabe gegenübe* der Jugend. Wer an die Jugend herantritt, muß das alles immer vor Augen haben. Man darf nicht als Lehrer kommen, sonst bleibt man für immer ohne Einfluß — ein Lehrer nur. Man muß zur Jugend kommen als ״Jugendlicher“, als Kollege, wenn auch als älterer Kollege. Mit Reden packt man Jugend, kann man sie zum Kampf führen; erhalten nie. Es gibt heute wenige jüdische Jugendliehe, die nicht eine zeitlang Zionisten oder wenigstens national gesinnt waren. Wir konnten sie nicht halten. An Rednern ist bei uns kein Mangel. Warum also ist uns ein Teil der Jugend entglitten? Uns fehlen die Jugendführer. Von uns geht die Jugend ins fremde, meist linke Lager und bleibt dort (selten, daß jemand zuriiekkehrt), nicht weil die Ideale dort für sie befriedigender sind, sondern weil sie dort die entsprechende Umgebung und Wärme findet, weil dort eine Reihe von Anziehungskräften entfaltet wird, deren wir uns begeben haben. Die Erhaltung der Jugend in unseren Reihen hängt zunächst auch von einer gewissen Umstellung in der Auffassung der älteren Zionisten ab. Ich höre oft Zionisten klagen: ״Als ich jung war, war mir alles heilig. Ich erwartete jeden Freitag das Erscheinen der neuesten Nummer der ״Welt“ mit einer religiösen Sehnsucht. Die Nachricht von jedem noch so geringfügigen Erfolg vernahm ich mit Herzklopfen. Jedes Wort aus Palästina spannte alle Saiten der Seele und lockte freudvolle Melodien hervor. Und die Jugend von heute ist ohne Interesse, leblos, hat vom Zionisnius kaum einen Begriff usw.“. Diese Einstellung muß radikal ausgerottet werden. Wir müssen begreifen, daß Jugend es liebt, zu erobern, zu erzwingen, aber schwer die Früchte des Sieges, geschweige denn, wenn er einem nicht von ihr ausgefochtenen Kampfe zufällt, genießen kann. Das vorige Geschlecht, die älteren Zionisten, haben ihren Zionismus erkämpft, bei Eltern, Gesellschaft, Staat, gegen die Meinung der ganzen Welt. Sie haben für den Zionismus Opfer gebracht. Deshalb ist er ihnen teuer, weil sie ihn erkämpfen mußten und jetzt in ihm ein Stückchen des eigenen ״Ich“ und nicht das schlechteste finden. Heute darf man Zionist sein. Der Vater schimpft zwar manchmal noch, aber es ist keine große Sache mehr. Die Gesellschaft, auch wo sie anders denkt, duldet es, daß man Zionist ist, der Staat erlaubt es und die öffentliche Meinung fordert cs vielfach. Die Jugend will aber ihre Romantik erleben, damit sie dann real arbeiten kann. Es ist schwer, in dieser Zeit, wo Palästina drängt und Taten fordert, Romantik zu geben. Denken müssen wir daran und uns der Jugend gegenüber als Schuldner fühlen. Der Zionismus von heute (in der Gestalt wenigstens, wie er im Galuth gepflegt wird) verlangt wenig oder doch keine sinnfälligen Opfer; deshalb geht die Jugend dorthin, wo sichtbare Opfer verlangt werden, wo man etwas zu erobern, etwas zu verteidigen, etwas Heimliches hat. Was haben wir daraus zu lernen? Dem Zionismus muß seine Jugend zurückgegeben werden. Man muß seine ״Unsicherheit“ neu entdecken. Man darf die Welt, die Juden und speziell die Jugend nicht mit der Beruhigung einlullen, Zionismus sei sicher, die zionistisehen Bestrebungen hätten Juden und Nichtjuden erfaßt und ihr Platz in der zivilisierten Welt sei unangefochten. Man muß der Jugend zeigen, daß nichts, fast nichts im Zionismus sicher, geschweige denn realisiert ist: weder in der Galuth, noch in Palästina, das aus einem geographischen Begriff nur ein politischer wurde, keineswegs aber das jüdische Zentrum. Wir müssen unserer Jugend zuliebe die Lage klar sehen und richtig cinschätzen; mögliche Prestigcverluste, die so entstehen können, wird uns die Jugend vielfach ersetzen. Wir müssen die Wahrheit sehen und verkünden. Es ist noch alles zu tun! Der Antisemitismus ist im Vergleiche zu dem des früheren Geschlechtes nicht nur nicht geringer ge* worden, sondern um ein Beträchtliches gestiegen, die Ökonomischc Lage der Juden hat sich außerordentlich versehlimmcrt, das Zusammengehörigkeitsgefühl (ein Verdienst der Religion) ist bedeutend gesunken, die hebräische Kultur lebt sieh in Büchern aus und die Hauptsache: Palästina ist bloß ״etwas“ erreichbarer ah früher. Also wirklich noch alles zu tun. Man hört neuerdings gefährliche Meinungen, etwa die. Nicht jeder kann 100 ״/# des zionistischen Ideals realisieren. Jeder soll, soviel er kann, in sich aufnehmen. Ein Teil erkennt «un als ״sein“ zionistisches Ideal körperliche Erziehung, den ״Makkabi“ als Selbstzweck an. Der zweite eine süßlichsentimentale Chaluzbewegung ohne Finale, d. h. ohne nach Palästina zur Arbeit zu gehen. So verlieren wir an jeder Ecke einen Teil der Jugend und wenn wir zum Ganzen schreiten, fehlen die Mitgehenden. Jede zionistische Jugendbewegung muß als ihr Ziel Palästina haben. Eine Jugendbewegung, die es nicht hat, ist keine zionistische. Wir begreifen wohl, daß nicht alle nach Palästina gehen können und daß man die Jugendlichen auch für die Galuth erziehen soll, das muß aber als sekundäre zionistische Arbeit und Erziehungsnotwendigkeit betrachtet werden. Die Jugend muß in einer gewissen Spannung gehalten werden. Die Alltagsarbeiten, wie K. K. L. usw., müssen von ihr ausgeführt werden. Wir sind in anormalen Verhältnissen, unser Volk muß ein Nationalvermögen schaffen, wir müssen die Jugend auch an solches Schaffen gewöhnen. Wir dürfen aber nicht danach die Lebensfähigkeiten dieser oder jener Gruppe messen. Dabei muß das Gefühl bestehen, daß es etwas Unnormales ist, was da gemacht werden muß, was die besondere Lage unseres Volkes der Jugend als Pflicht auferlegt und das Bewußtsein einer hochwertigen, unvermißbaren Leistung. Um das Thema konkreter zu behandeln, möchte ich auf einige Momente der praktischen Arbeit, die spezielle Pflege erheischen, hinweisen. Einer der größten Fehler aller jüdisch-nationalen, ja sogar zionistischen Jugendorganisationen ist es, daß sie ganz autonom sind, sowohl die Organisation der jüngeren Jugend als auch der reiferen. Der ״Haschomer hazair“, der ,,Blau- Weiß“, verschiedene akademische Gruppet! usw. sind an und für sieh Parteien, ja sogar Schichten, Volksteile. Die Exckutive oder irgendwelche zionistische Leitung hat fast keine Ingercnz, mindestens keine formelle, wenn auch eine persönlichc hie und da vorhanden ist. Die Organisation kann die Jugend nicht vertreten, kann ihr nicht befehlen, darf sie nicht kontrollieren. Jede dieser Gruppierungen erachtet es als ihre Pflicht, eine Ideologie und Weltanschauung zu hesitzen, als ob der Zionismus nicht da wäre oder nicht genügte. Außer der Fraktionsjugend (d. h. Jugendverbände, die zu Diensten der Fraktionen stehen) gibt es fast keine zionistische Jugend. Wir begegnen oft der Erscheinung, daß die Organisation keinen Widerhall ihrer Anordnungen findet. Es gibt zwar viele überzeugte Zionisten, aber wenige, die sich verpflichtet fühlen, den Anordnungen der Organisation zu gehorchen. Es gibt eben Juden, die an den Zionismus glauben und trotzdem von der Zionistischen Organisation ganz unabhängig sein wollen. Wir müssen aber nicht nur zum Zionsgedan ken, sondern auch für die Zionistische Organisation erziehen, denn sonst hat der Gedanke sein Gefäß nicht und wird zerrinnen. Wir müssen zur Örganisationsdisziplin erziehen. Es darf nicht Vorkommen, daß Jugend sich zionistisch nennt, die nicht der zionistischen Leitung gegenüber verantwörtlich ist. Dann werden wir mit aller Standhaftigkeit den sich neuerdings linkspolitisch verkleidenden Assimilationstendenzen in den Reihen unserer Jugend Halt gebieten müssen. Jugend liebt das Weite, das Ferne. Ihr scheint ein Volk nicht genug, sie muß die Welt haben. Jugend wird daher von allen ״Mcnschheits“parolen angezogen: ״Liebe der ganzen Welt“, ״Freundschaft für die ganze Menschheit“, ״zum Nutzen aller“, ״alle für einen und einer für alle“ und ähnliche Parolen klingen ihren Ohren wohl. Es sind ja auch alle diese Parolen wenig verpflichtend und stören weiter nicht, wie Richard Dehmel sagt, es sei leichter, die ganze Welt zu lieben als einen Menschen. Jüdische Jugend hat einen besonderen Hang zu Menschheitsidealen. Uie Juden sind Einwohner der ganzen Welt, fast alle Sprachen der Welt sind Sprachen der Juden; so sind die Juden seit zweitausend Jahren Kosmopoliten. Und auf diesem Wege laufen wir Gefahr, die Jugend zu verlieren. Denn wenn die deutsche oder russische fugend sozialistisch oder kommunistisch wird, spricht sie immer ihres Volkes Sprache, lebt im Vaterlande, arbeitet ökonomisch und wirtschaftlich für dessen Aufbau, nährt sich von seiner Kultur usw. Wenn aber ein junger Jude intcrnational-sozialistisch wird, geht er früher oder später dem Volk verloren. Er spricht nicht seine Sprache, lebt nicht in seinem Lande, kämpft nicht (wie es der deutsche oder russische Sozialist tut! für dessen Wohl, strebt nicht zum Aufbau seiner Heimat, früher oder später ist er fort. Es gibt ״internationale“ Sozialisten nur in der Theorie, in der Wirklichkeit aber nur deutsche, französische, russische, englische u. a. Bevor er sich’s versieht, der junge Jude, ist er assimiliert, nicht dem Sozialismus, sondern dem Nachbarvolke. Es wäre noch zu bemerken, daß unsere Bestrebungen sich mitten in einer schweren und umwälzenden Weltperiodc zu bewähren haben. Ringsum stürzen ״Throne“. Theater, Literatur, Kunst verschwinden. Sport, Tanz und Radio sind die Herrscher von heute und wer weiß, ob andere Werte, Musik, Studium, nicht ebenfalls bald vergehen. Es ist schwer, in den bewegten Köpfen der Jungen etwas Stabiles zu schaffen. Das Ziel, das wir uns vor Augen halten müssen, ist, unserer Jugend die Lage, in der sich unser Volk befindet, wahrheitsgemäß dar/ustellen. Sie soll sehen, wie krank das jüdische Volk ist und wie sehr es der besonderen Pflege bedarf. Wir müssen unsere Jungen dazu erwecken, die geschändete Ehre unseres Volkes als ihre Schande zu empfinden und deren Wiederherstellung als ihre Aufgabe. Es gibt für das Ehr- und Wahrheifsbewußtscin des erweckten jungen jüdischen Menschen keine andere Möglichkeit als die Leistung für das Volk, die Einstellung in den Prozeß der Wiederherstellung. Krakau, 13. Juli 1927. Die Unabhängigkeit von Transjordanien Wie die ״Times“ vom 6. September aus Jerusalem meldet, wurde in der arabischen Zeitung El Yarmuk der Entwurf eines Vertrages •zwischen England und Transjordanien veröffentlicht, wonach England die Unabhängigkeit von Transjordanien unter Emir Abd 111 Iah und seinem Sohn, dem jungen Emir Talal, als seinem rechtmäßigen Nachfolger, anerkennt. Es wird ein Legislative Council (Gesetzgebende Versammlung) von 15 bis 20 Mitgliedern, die in den einzelnen Distrikten gewählt werden, vorgesehen, der wiederum fünf Minister ernennen wird. Dieser Vertrag hat zwei Jahre Gültigkeit. Arbeit statt Unterstützung Am 15. August wurde in Jerusalem zwischen der Exekutive der Allgemeinen Arbeiterorganisation und der zionistisehen Exekutive ein Abkommen über die Verwirklichung des Arbeitsplanes getroffen, der seinerzeit durch die Arbeitszen.- tralc der ״Allgemeinen Arbeiterorganisation“ vorgclegt wurde. Zu diesem Plan gehören eine Reihe von Arbeiten in J e r u salem und in den benachbarten landwirtschaftlichen Siedhingen: A t a r o t h , K i r j a 111 A 11 a w i m , ferner im E m e k und im unteren Galil. Für die Arbeiten in Jerusalem und Umgebung wurden schon die Kontrakte abgeschlossen und damit wurde auch die Unterstützung für die dortigen Arbeitslosen eingestellt. Wenn die Kontrakte über die Arbeiten in Haifa und A f u 1 e abgeschlossen sein werden, wird auch dort die Unter- Stützung für Arbeitslose eingestellt werden. Mit dem Beginn dieser Arbeiten wurde ein wichtiger Schritt gemacht, die Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung durch produktive Arbeit zu ersetzen. Kleine Nachrichten Die Regierung bestätigte jetzt den schon lange versprodienen Kredit für verschiedene seitens des Tel-Awiwer Stadtrates vorgeschlagenen öffentlichen Arbeiten (Chausseen) in einer Höhe von C 11 000. Diese Woche fuhr die erste Gruppe Arbeiter in das Jordaniai, um die Rutlienberg-A rbeiten zu beginnen. Vorerst fuhren die ersten 80 Mann dorthin. Am 11. August wurde der Grundstein das Baues des zentraten Spitals für das Emck gelegt. Das neue Gebäude wird auf einem Hügel, 200 m von Kfar Jeladim (Kinderwaisendorf) entfernt, auf dem Wege nach Afule gebaut. •Der Boden gehört dem Nationalfonds. Jerusalem, 5. September. (J.T. A.) Der soeben zwisehen den Regierungen von Palästina, Transjordanien, Syrien, Neschd und Hcdschas abgeschlossene und Unterzeichnete Vertrag bestimmt, daß alle landwirtschaftlichen Produkte und Lebensmittel, die zwischen diesen Ländern ausgetauscht werden, keinerlei Grenzzonen unterworfen sind. Eine Ausnahme machen Tabak und Spirituosen. In Duderhof, in der Nahe von Leningrad, verstarb kürzlich im Alter von 68 Jahren der Direktor des Ethnographisch- Anthropologischen Museums von Leningrad, Prof. Lew. Stern her g, ein weit über Rußland hinaus bckanntcr jüdischer Gelehrter. Ernst Toller: ״Hoppla - wir leben!“ (Uraufführung in der Piscator-Bühne.) Der alte Streit zwischen reiner und tendenziöser Kunst ist von der neuen Piscator-Bühne leidenschaftlich und vorbehaltlos zugunsten des letzteren Prinzips entschieden worden. Freilich, was hat denn gutes, echtes Theater je anderes getan als aufgerufen. Schon Hamlet benutzt das Spiel der Akteure für seinen kriminalistischen Fall, und wer erinnert sich nicht des berühmten ״Hekuba“-Monologs. Heine erzählt von einer englischen Dame, die während einer Aufführung des ״Kaufmann von Venedig“ von den Schicksalen des Shylock derart ergriffen und erschüttert war, daß sie schluchzend von ihrem Platz aus rief: Dem Manne geschieht Unrecht... Aber Piscator will diese Wirkung steigern, vervielfachen und glaubt es dadurch zu erreichen, daß er den Film seinen Zielen dienstbar macht. Alle technischen und szenischen Einfälle, die ihm kommen, verwendet er nur zu dem einen Zweck, die Menschen aufzurütteln und die Erkenntnis zu erzeugen, daß wir in der unvollkommensten aller Welten leben. Da diese Welt wirklich immer unerfreulicher wird, und cs schwer ist, sich in ihr aufzuhalten, so muß man dem tatkräftigen und zielbewußten Manne seine künstlerischen Experimente lassen und abwarten, ob die neuen Einwirkungsmittei sich als stärker erweisen werden als das bisherige größte und alleinige Mittel des Theaters: das gesprochene Wort. Das Wort tritt auf der Piscator-Bühne nicht als souveräner Herr auf. Es kommt aus Ernst T o 11 e r s Feder und wird aus Alexander Qranachs Brust als Anklage gegen die Welt ausgestoßen. Auch in seinem neuen Theaterstück ist Toller im wesentlichen der geblieben, der er sein will. Die tiefere Nuance liegt in der Besonderheit eines Schicksals, das er sich zu gestalten bemüht Der Stoff, den er diesmal gewählt hat, gibt mehr zum Nachdenken Anlaß, und obwohl die Absichten der Piscator-Bühne nie dahin gehen können, den Zuschauer melancholisch zu machen, wird man es dennoch ein wenig, wenn man den Leidensweg Karl Thomas’, des Haupthelden in Tollers Stück, sein Leben und sein Ende betrachtet. Es ist immer die Absicht des Kämpfers Toller, den Willen in dem Leser tind Zuschauer zu erwecken, die Welt zu verbessern, aber der tiefere Mensch in ihm erkennt und fühlt, daß letzten Endes alles an den Menschen, an den Menschen selbst scheitert. Seine grausame Vergeßlichkeit ist imstande, den größten Optimisten zu entmutigen. Die schönste Idee, wenn sie eine kurze Zeit unter den Menschen umgegangen ist, was wird aus ihr? Welk wird sie, verliert den belebenden Duft, die Farben, hört auf zu wirken. So klangen denn manchem nach dieser Theateraufführung nicht nur die letzten von der Bühne gesprochenen Worte nach: ״Die Welt inuli geändert werden“, sondern auch Töne einer leisen Resignation, die nicht dem Kämpfer, sondern «lern Dichter Toller zugehörten. G-k. Presse-Stimmen Ober ״Habimah“ Wir bringen nachstehend einige weitere Presscstimnicn zum Gastspiel der ״Habimah“ im Komödienhaus, darunter die bemerkenswert anerkennende Aeußerung des ״Berliner Lokal- Anzeigers“, der bekanntlich jüdischen Dingen nicht immer freundlich gegcnübersleht. ״Berliner Lokal-Anzeig er“: ״Das Moskauer künstlerische Theater hat in Berlin nicht nur bereits seine Daseinsbereehtigung bewiesen, sondern dank seinen Leistungen den Anspruch darauf erworben, als höchst bemerkenswerte Erscheinung der modernen Bühnenkunst bewertet zu werden.... Die ״Habimah“ spielt eine Legende aus jüdischem Milieu, das in den Intimitäten, die wesentliche Bestandteile der Handlung sind, nicht vielen bekannt sein dürfte, und man führt dieses Werk in hebräischer Sprache auf. Trotzdem wird in den der Sprache unkundigen Zuschauern das Unbehagen, kein Wort zu ver• stehen, nicht lange andauern, wenn sie nur imstande sind, mit der Seele zu horchen, wenn es ihnen gegeben ist, die Bühnen- Vorgänge und die Empfindungen der auftretenden Personen aus der musikalischen Untermalung heraus zu verstehen... In darstellerischen Einzelleistungen wie im Zusammenspiel bietet die ״Habiinah“ in jeder Beziehung Vollkommenes.... Die hochzeitlichen Freudentänze armer Leute sind wildbelebte Massenszenen, aus deren ekstatischen Steigerungen nicht Regiearbeit, sondern durchlebtes Volkstum zu uns spricht. Wie Stimmen im Ketgesang, in der Wehklage, in religiöser Begeisterung abgesiimmt werden und auch im Affekt abgestimmt bleiben, muß man hier hören — vielleicht sogar hier lernen...“ ״Berliner Börsen-Couricr“: ״Das gleiche Stück .... wurde bei uns auch deutsch unter Viertels־ Regie und vor einigen Jahren in jiddischer Sprache aufgeführt. Vergleicht man sie aus der Erinnerung mit der Aufführung der ״Habimah“, so ergibt sich, dort wurde inehr jüdisches Volkstum, hier wird mehr jüdischer Geist gespielt. ... Hier ist es der Geist selber, der nach seiner Darstellung drängt,.... alle Personen. sind seine Stimmen oder seine Werkzeuge. Sie bilden, so verschieden sie sind, doch zusammen einen Wanderzug, dem gleichen jenseitigen Ziele zu .... Die Regie arbeitet mit ihrer außerordentlichen artistischen Akribie, gesprochene Rede und Sprechgesang, Wort und Tanz wechseln und gehen so bruchlos ineinander über, weil hier das Weltliche und das Sakrale so dicht beieinander gehalten sind, daß das eine sieh dem andern zwanglos öffnet.“ ״B. Z. am Mittag“: ״Man erlebte wieder einmal das Merkwürdige, daß diese Handlung, trotzdem das ganze Milieu und die Sprache der Schauspieler durchaus fremdartig anmuten, jedem Zuschauer klar und greifbar plastisch vor Augen tritt. Das Spiel der Schauspieler ist in solchem Grade lebenswahrscheinlich, glaubhaft, plausibel, daß man an der Wahrheit nicht einen Augenblick zweifeln kann. In ihrer Vereinigung bereiten sie dem Zuschauer ein großes Erlebnis.“ 1 1 .