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Jüdische Rundschau · 1927-09-09 · Heft 72 (9.9.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 72 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 510 7UEDISCHE RUNDSCHÄO Nr. 72, 9. IX. 1927 Gedenkrede für Achad Haam Gehalten von Martin Buber in der Eröffnungssitzung Hoher Kongreß! Dieses Mannes an dieser Stelle gedenken, kann nicht bedeuten, sein Wesen und sein Werk darstellen wollen. Es kann nur bedeuten, unsere Wirklichkeit an seiner Forderung und seine Forderung an unsere Wahrheit zu prüfen. Selten ist uns jetzt noch, in dieser Zeit harter heischender Tat- Sachlichkeit, gewährt, wie es einst auf den früheren Kongressen Gepflogenheit war, eine Stunde daran zu wenden, den Geist zu befragen. Eine solche Stunde soll uns diese sein. Wir handein im Sinne des Mannes, dessen wir gedenken, wenn wir nicht über ihn, sondern von ihm aus und auf ihn zu über die großen Zusammenhänge unserer Bewegung reden und danach forschen, wie weit sie ihnen heute gerecht wird. Eine nationale Bewegung ist, politisch definiert, das Streben eines Volkes nach Selbstbestimmung. Aber diese Formel ist kurzatmig. Wenn es nach ihr ginge, hätte eine nationale Bewegung nach Erlangung der Selbstbestimmungsrechte keinen Sinn und Bestand mehr. Das ist so, als wollte man die ganze Bewegung um die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft mit der Proklamierung der droits de l’homme enden lassen, während sie mit ihr doch erst anfängt. Aber eine nationale Bewegung ist, geistig definiert, das Streben eines Volkes, seine Wirklichkeit nach seiner Wahrheit zu gestalten. Wahrheit, das bedeutet, was mit diesem Volk gemeint ist, die besondere Aus- Prägung, die sich die eine gemeinsame Wahrheit des Menschen- Geschlechtes in diesem Volke gegeben hat. Es gibt nicht viele Wahrheiten, sondern nur die eine, aber es gibt sie in vielen Formungen. Dostojewski spricht einmal davon, jedes Volk habe seinen Gott und diese Götter der Völker kämpfen gegeneinander. Wir aber wissen seit Amos, daß Gott nicht bloß die Söhne Israels aus Aegypten, sondern auch die Philister aus Kaftor geführt hat. Unser Gott ist der eine Völkerbefreier und unsere Wahrheit ist nicht unser Sonderbesitz, sondern das eine, gemeinsame Wort in unserer besonderen Aussprache. Diese Besondere Aussprache, das uns Zugeteilte, die Bestimmung Unseres Anteils am Menschheitswerke — das ist nicht etwas, das man begrifflich zulänglich formulieren kann; aber es formuliert sich überbegrifflien in der Geschichte des Volkes; in seinem Erleben und in seinem Tun. Und die heiligen Stunden des Volkes sind die, in denen das Vok dies ahnend erfährt und das Streben verspürt, es zu erfüllen. Ich sagte: eine nationale Bewegung ist das Streben eines Volkes, seine Wirklichkeit nach seiner Wahrheit zu gestalten. Einen Lehrer des Volkes nennen wir einen Menschen, der beides erkennt; die ewige Wahrheit und die gegenwärtige Wirklichkeit; den Menschen, der eines am anderen mißt und der das Volk eben dies lehrt: beides zu erkennen, die Wahrheit in ihrer erhabenen Ausgespanntheit lind die Wirklichkeit in ihrem kantigen Widerspruch; und der es lehrt, eines am anderen zu messen. Aber noch eines lehrt er, und dieses ist das Entscheidende: er lehrt das Volk, daß der Weg, um aus dieser Wirklichkeit eine der Wahrheit würdige zu bilden, nicht über äußere Aenderungen allein führt, daß, auch wenn alle erforderlichen äußeren Aenderungen gelängen, sie fruchtlos bleiben müssen, wenn nicht eine innere Wandlung dazu tritt. Diese innere Wandlung, diese innere Tat des Volkes hat Achad Haam die ״Techiatn Halewawoth“, die ״Wiedergeburt der Herzen“ genannt. Zwischen Theodor Herds ״Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland“ und Achad Haams ״Wiedergebürt der Herzen“ besteht ein anderer Unterschied als der oft besprochene, zwischen dem Westjudentum, das in seiner jüdischen Substanz gemindert ist, und dem Ostjudentirm, das in seiner menschlichen Substanz ^gemindert ist. Die Techiath Halewawoth faßt ja eben jenes Postulat, dessen übrigens die östliche Judenheit nicht viel weniger bedarf als die westliche, mit in sich. Es ist vielmehr der unterschied, zwischen einer Wandlung der Haltung und einer Wandlung des ganzen Mensehen, oder, vom Sprechenden aus gefaßt: es ist der Unterschied zwischen einer Forderung und einer Unterweisung; noch deutlicher: es ist der Unterschied zwischen einem Führer und einem Lehrer. Unsere Zeit will auf allen Gebieten den Lehrer los werden. Sie glaubt, mit dem Führer allein auskommen zu können; und das ist, zu verstehen; jene geistigen Menschen, die in einer Stunde, in der Ungeheueres von der Selbständigkeit und Ueberlegenheit des Geistes abhing, die in jener Stunde den Geist, ohne zu wissen, was sie taten, zu einem geschickten und gehorsamen Händlern machten, das den bestehenden Gewalten statt der hingeworfenen Parolen Ideologien apportierte, haben dazu beigetragen, den Geist, die weisende Funktion des Geistes am Leben zu diskreditieren. Anderes, Tieferes wirkte mit. Das Ergebnis ist, daß nicht bloß, was ja auch früher zuweilen geschah, die offizielle Politik der Staaten, sondern auch die inneren Bewegungen und Gruppierungen des Völkerlebens Sich vielfach vom Geiste lossagten, ja in ihrer Unabhängigkeit von ihm die Bürgschaft des Erfolges erblickten. Una sie haben nicht ganz Unrecht. Führung ohne Lehre hat Erfolg. Nur, daß dieses Etwas, das man so erreicht, etwas ganz anderes und zuweilen geradezu eine Karikatur dessen ist, was man eigentlich im Grunde seiner Seele, da wo die Wahrheit geahnt wird, erreichen wollte. Und was dann? So lange das Ziel noch reines Ziel war, herrscht Sehnsucht und Hoffnung. Aber, wenn im Erreichen das Ziel sich verkehrt hat — was dann? Gewiß ist das Volk unglücklich, das keinen Führer hat, aber dreifach unglücklich ist das Volk, dessen Führer keinen Lehrer haben. Seien wir uns tief bewußt, was wir an unseren Lehrern, was wir an einem Lehrer wie Achad Haam besitzen und was wir von ihm lernen sollen. Ich gedenke der Herkunft dieses Mannes, wenn ich ein chassidisches Wort anführe; nach dem Tode des großen Rabbi Bunam kam sein Lieblingsschüler zu seinem trauernden Sohne, um ihn zu trösten; und als der Sohn fragte: wer wird nun weiter mit mir lernen, da antwortete der Schüler: sei getrost; bisher hat er dich im Kaftan gelehrt, von jetzt ab wird er dich ohne Kaftan lehren. Lassen wir unseren toten Lehrer uns lehren, was er uns ohne Kaftan zu lehren hat. Verehrter Kongreß! Vielleicht ist jede nationale Bewegung die Uebersetzung einer religiösen, die freilich nicht eine Bewegung im modernen politischen Sinne war, sondern eben etwas, was sich in den Seelen bewegte und aus ihnen immer wieder in die Welt hinausstürmte. Mit anderen Worten: Vielleicht ist jede Befreiungstendenz die weltliche Uebersetzung einer Erlösungstendenz. Von unserer nationalen Bewegung gilt dies auf jeden Fall, daß sie eine Uebertragung einer religiösen ist. Eine solche Uebertragung ist notwendig, weil wir ohne sie in der Welt der gegenwärtigen Tatsächlichkeit nicht das vollbringen könnten, was wir zu vollbringen haben, um unsere Wirklichkeit nach unserer Wahrheit zu gestalten, nach unserer Wahrheit, die eben in jener religiösen Bewegtheit empfunden und auch geäußert worden ist. Diese Uebersetzung darf nicht allzu treu sein. Sie darf nicht Eigentümlichkeiten der religiösen Sprache in die nationale übernehmen; jede Vermengung wirkt hier verwirrend und verhängnisvoll. Andererseits aber muß diese Uebersetzung der Fülle und Kraft des Originals auf der nationalen Ebene gerecht werden, und vor allem darf sie sich nicht vermessen, das Original verdrängen, ersetzen zu wollen. Denn geschähe dies, so würden wir die wahre, letzte Aufgabe aus dem Sinn ver* lieren, und unser Vollbringen wäre ein Verfehlen. Die Uebertragung, von der ich sprach, ist für unsere Bewegung von Moses Heß begonnen worden. Aber er, der Spinoza mit Hegel und beide mit der jüdischen Religion zu verknüpfen unternahm, verfiel in seinen philosophischen Messianismus eben jener erwähnten Vermengung religiöser mit na־t tionaler Sprache. Das Kommen der Erlösung kann durch keine Zahlenmystik errechnet werden, aber auch durch keine geschichtsphilosophische Dialektik. Dieser wie jener gegenüber gilt das Talmud wort, das wir es mitzubestimmen vermögen, durch unsere Teschuwah. Als eine nationale Uebertragung dieses religiösen Wortes dürfen wir Achad Haams ״Techiath Halewawoth“ verstehen. Achad Haam ist es, der die notwendige Uebertragung ins Nationale folgerichtig durchgeführt hat; mit gewissenhafter Sorgfalt, mit strengem Verantwortlichkeitsgefühl hütete er sich vor jeder unerlaubten Vermengung. Kaum irgendwo sonst merkt man wie hier, daß gerade seine Nüchternheit seine Größe war. Er behandelt das Religiöse nur gleichnisweise, behandelt es mit Ehrfurcht, und er wehrt sich gegen jede generalisierende Geschichtsmetaphysik. Er will nur auf die Geschichte selbst hören; auf die wirkliche Geschichte dieses einen einmaligen Volkes; aus ihr erfährt er dessen Wahrheit, nach der seine Wirklichkeit gestaltet werden Soll. Manche werden mir einwenden, Achad Haam hätte wohl Hegel abgelehnt, aber Mil! und Spencer angewendet. Dem ist nicht so. Beiden verdankte er nur Denkmethoden, nicht Anschauungsgehalte. Mill lehrte allgemein gültige Gesetze des Völkerlebens; aber Achad Haam erkannte die Einzigartigkeit israels. Spencer lehrte die fortschreitende Evolution; aber Achad Haam rief zu der freien Tat auf, die den Menschen wandelt und das Schicksal wendet. Ueber allen Theorien stand ihm das große Faktum. Ich sagte: Achad Haam hat die Uebertragung folgerichtig durchgeführt. Heute droht uns nicht mehr die Vermengung, wohl aber die Verdrängung. Im Angesichte dieser Gefahr müssen wir heute von neuem die Uebertragung mit dem Original vergleichen, müssen jene gegen dieses abgrenzen. Wirt müssen von jener auf das Original zurück verweisen. Diese über Achad Haam hinausgehende Pflicht der Stunde, unserer Stunde, kann ich hier nur andeuten. Und nun einen Schritt weiter. Die geistige Entwicklung einer nationalen Bewegung beginnt zumeist, und gewiß hat sie bei uns begonnen, mit einer großen ausgeschwungenen stimmungsmächtigen und abstrakten Konzeption der Volksgeschichte, von der ans die regenerative Aufgabe des Volkes in seiner gegenwärtigen Situation bestimmt wird. Dieses erste. Stadium stellt sich uns am deutlichsten in dem einsamen Werke von Moses Heß dar. Je stärker nun die nationale Bewegung im Volke selbst wird, je mehr die Tendenz zur Realisierung der nationalen Idee wächst, umso mehr muß jede abstrakte Konzeption sich konkretisieren; das heißt, die nationale Ideologie muß sich einerseits auf eine exaktere Geschichtsbetrachtung gründen, andererseits muß sie mit der gegenwärtigen Situation in ihrer ganzen Tatsächlichkeit in Kontakt treten, und dies wieder bedeutet: sowohl unser Leben unter den Völkern in seinen Verzweigungen gilt es zu erkennen, als auch, damit zusammenhängend, das ganze ungeheure System innerer und äußerer Schwierigkeiten, welche von der Realisierung zu bewältigen sind. Wenn wir, meine Verehrten, das erste Stadium das verkiirtderische nennen dürfen, dünn dieses das erkenneriscHe. Dieses erkennerische Stadium repräsentiert Achad Haam. Mit wachen Augen in die Partitur der Geschichtswahrheit versenkt, mit wachen Ohren auf die Dissonanzen der gegenwärtigen Volksseele und des gegenwärtigen Volkslebens horchend, so steht sein Bild vor uns. Wenn Moses Heß der Einsame ohne Volk ist, so ist Achad Haam der Einsame im Volke. Er erleidet dessen ganze gegenwärtige Wirklichkeit, und niemand hilft ihm leiden. Wie er als Redakteur die Sprache aller seiner Mitarbeiter prüfte und am reinen Ausdruck des Gedankens maß, so prüfte er als Betrachter der Wirklichkeit alle Ereignisse des Volkslebens und maß sie an der Geschichts- Wahrheit, an der Bestimmung des Volkes. Und niemand half ihm prüfen und messen. Aus dieser einsamen, schweren Arbeit erwuchs die nationale Ideologie bei Achad Haam zu immer rößerer Konkretheit. Geist und Wirklichkeit haben hier einen und geschlossen. Wir sind seither in ein neues Stadium eingetreten. Ich kann auch hier das, was über Achad Haams Epoche hinausführt, nur andeuten, fit dem Maße, wie aus der Realisierungstendenz politische Realisierungsarbeit entsteht, wird die Bewegung notwendigerweise in die allgemeine sogenannte realistische Politik der Staaten einbezogen, die zumeist eine* von den Augenblickszwecken und den wechselnden Augenblickssituationen bestimmte ist, da in einer auch politisch so verworrenen Zeit wie dieser dem Staatsmann es sehr schwer wird, dem Augenblick und einem weiteren Zusammenhang zugleich gerecht zu werden und er naturgemäß eher auf den letzteren verzichtet. Aus dieser Verquickung ergibt sich auch für uns die Gefahr einer falschen Konkretisierung, indem wir uns durch die kleinen Zwecke von den großen Zusammenhängen der Geschichtswahrheit abschneiden lassen. Damit droht uns zweierlei Einbuße, die Einbuße an der entscheidenden Kraftquelle und die Einbuße am geistigen Charakter der Bewegung, von dem es, wie ich schon sagte, wesentlich abhängt, ob das Erreichte in Wahrheit das ist, was erreicht werden soll. Wenn es einst, meine Verehrten, die Gefahr der Bewegung war, daß die Wirklichkeit uns zu fern gerückt war, ist es jetzt die, daß’ die Wirk'ichkeit uns zu nahe gerückt Ist. Torheit wäre es freilich zu meinen, wir könnten von dieser so nahen Wirklichkeit abrücken, um den Anschluß an die großen Zusammenhänge wieder zu gewinnen. Wir können dies nicht und sollen es nicht. Diese Nähe ist unerbittlich, sie ist schicksalhaft. Sie ist auch sinnvoll. Es gilt nunmehr, mit jenem von Achad Haam inaugurierten Bunde zwischen Idee und Wirklichkeit Ernst zu machen, hier, dieser ganzen Wirklichkeit gegenüber, dieser ganzen unerbittlichen Wirklichkeit gegenüber, an die wir so nahe herangekommen sind, nun mit dem Bunde innersten Ernst zu machen, die Idee an dieser ganzen Wirklichkeit zu erproben und zu bewähren. In diesem Erproben werden wir selbst erprobt. Dies ist der Augenblick, wo cs sich erweisen soll, ob wir, ob dieses jüdische Volk Mannes genug ist. seine Wirklichkeit nach seiner Wahrheit zu gestalten. Daß wir dies so deutlich wissen, auch dies ist ein Vermächtnis Achad Haams. Und nun ein letztes. Wenn jemals, haben wir jetzt den Glauben an die Einzigkeit Israels und an seine besondere in seiner Geschichte manifestierte Aufgabe an die Menschheit festzuhalten und sie zu ^bewahren. Der vielleicht reinste und edelste unter den Gegnern Achad Haams, Brenner, hat einmal gegen ihn behauptet, wir hätten gar keine Last der Geschichte, wir könnten neu anfangen wie jeder Mensch, wir brauchten nichts als unser Land und unsere Sprache. Aber auch der einzelne Mensch fängt ja nicht neu an. Er trägt ja unübersehbares Erbgut in seinem Wesen. Nur in seinem Bewußtsein mag es ihm freistehen, sich damit nicht zu befassen. Dieses jedoch steht dem Volke nicht frei. Das Volk kann sich in seinem Bewußtsein nicht von seiner geschichtlichen Verpflichtung, von seinen geschichtlichen Zusammenhingen lossagen, ohne seine innerste Fruchtbarkeit zu gefährden. Sein, des Volkes Sein wurzelt in seinem Bekennen. Gewiß sind das eigene Land und die eigene Sprache die unbedingten, unersetzlichen Voraussetzungen der Verwirklichung. Aber was durch sie verwirklicht werden soll, das sagen nicht sie, sondern das sagt die Geschichte. Sie, das Land und die Sprache, sind die großen Werkzeuge der Geschichtswahrheit. Macht man sie aber zum Selbstzweck, so setzt man sie dem Fluche der Sterilität aus. Es geht nicht ohne die Sprache. Aber es kommt darauf an, was in dieser Sprache gesagt wird. (Beifall.) Es geht nicht ohne das Land, aber es kommt darauf an, wie ln diesem Lande gelebt wird. (Großer Beifall.) Zu meinen, das Land und die Sprache würden alles von selbst hervorbringen, das mutet mich so an, wie Bakunins Glaube, daß die selbstherrliche Revolution keiner Richtung, keiner Lehre bedürfe, sondern das Heil der Menschheit von selbst erzeuge. Das ist eine Glaubensart, die ich nicht mehr zu glauben vermag. Aber die inhaltliche Bestimmung der nationalen Aufgäbe, eben jenes Was, bedeutet auch ein Gegengewicht gegen die falsche Konkretisierung. Die Erkenntnis unserer besonderen geschichtlichen Bestimmung hilft uns, der Einreihung in die unzähligen Gruppenegoismen zu widerstehen, deren Summe in der heutigen Weltpolitik Nationalismus genannt wird. Damit soll selbstverständlich nichts gegen die Instinkte der nationalen Selbsterhaltung gesagt sein. Wer, Person oder Gruppe, so lange er mit seiner Erhaltung mehr wirken kann als mit seiner Vernichtung, nicht auf die Erhaltung bedacht ist, der taugt nicht zum Leben in Gottes Angesicht. Aber eben auf dieses Werk, auf dieses Werk, um dessenwillen man leben will, darauf kommt es an. Vor allem in unseren eigenen Augen. Aber auch — und dies will ich nicht unerwähnt lassen — auch in den Augen jenes Teiles der heutigen Menschheit, in dem sich eine kom* mendc Menschheit vorbereitet. Zwar ist heute überall der rechtmäßige Nationalismus noch vielfältig mit dem unrechtmäßigen verkoppelt und ihm verhaftet. Aber langsam, mit der Langsamkeit der großen Geschichtsprozesse, hebt sich eine andere, eine echte Schichtung hervor. Me illegitimen Nationalismen stehen gegeneinander, die legitimen stehen in Wahrheit miteinander. Langsam, aber unaufhaltsam taucht aus dem Chaos der Gegenwart eine neue, eine nicht anationale und doch übernationale Autorität, ein wahrer Bund der Völker hervor. Ihm gegenüber wird auch für uns unsere alte Visitenkarte, unser Programm nicht mehr eine ausreichende Beglaubigung sein. Wir werden eines echten Ausweises bedürfen. Durch das, was wir an Verwirklichung unserer Aufgabe, unserer Aufgabe an der Menschheit, geleistet haben, werden wir auszusagen haben, welche Menschenart für den Aufbau unseres Landes die bestimmende gewesen ist, welche Art des Zusammenlebens von Menschen wir dort in unserem Lande aufgerichtet haben. Wir werden auch auszusagen haben, wie wir unser Verhältnis zu anderen Menschen gruppen zu gestalten vermocht haben. Mit einem Wort: Wir werden aus- Zusagen haben, wie wir es mit dem Urgebot unserer Geschichte, mit jener Gerechtigkeit gehalten haben. Unser Werk wird aus- Zusagen haben. Bedenken wir nun gut: Wenn wir heute auszusagen hätten, woraut könnten wir schon hinweisen? Ich freue mich, hier bekennen zu dürfen, daß ich in Erez-lsrael etwas gefunden habe, worauf wir in diesem Sinne unbedingt und rückhaltlos als auf einen Anfang hinweisen dürfen. Und das sind die heute so umstrittenen Genossenschaften der Landarbeiter (Beifall). Daß wir, meine Verehrten, all dies heute mit völliger Klarheit zu sehen imstande sind, auch dies ist ein Vermächtnis Achad Haams. Sein Andenken, das Andenken des Einen aus dem Volke, sei dem ganzen Volke zum Segen. (Lang anhaltender Beifall.) Neben dem Kongre.B Der Kongreß ist diesmal weniger von Nebenveranstaltungen belastet als sonst. Das Basler Milieu eignet sich weniger dazu. Außer einigen öffentlichen Versammlungen, die hier schon erwähnt wurden, war die Hauptveranstaltung außerhalb der Ver- Handlungen die [ubiläumsfeier des I. Kongresses im Stadtkasino. Die Stadt Basel hat den Saal auf ihre Kosten in denselben Zustand bringen lassen, den er 1897 hatte. Ueber den feierlichen Verlauf, die Redner usw. ist schon berichtet worden. Die Versammlung beschloß, die Stadt Basel anläßlich des Gedenktages in das Goldene Buch des J, N.-F. eintragen zu lassen. Der N.-F. veranstaltete einen großen Ball nebst Konzert und Ansprache Dr. Mossinsohns. Es war ein großes gesellschaftliches Ereignis und sehr gelungen. Eine Propaganda-Versammlung galt der Einberufung eines hebräischen Weltkongresses. Eine Gedenkfeier für Dr. Nachman Syrkin wurde verschoben. Im Kongreßhaus hat die Kunstgewerbescfiule Freudenthal aus Breslau ihre hübschen Erzeugnisse ausgestellt. Eine Spezialausstellung bietet ferner der Maler Pilichowsky. Das Kernstück ist aas große Gemälde, das die Universitätsfeier auf dem Scopuf vorsteilt. Groß in der Anlage, vermag es jedoch künstlerischer Beurteilung kaum standzuhalten. Der Maler hat sich bemüht, die Physiognomien der einzelnen Personen festzuhalten, doch ohne jede geistige Vertiefung. Da ist eine andere Ausstellung, die — ohne Zusammenhang mit dem Kongreß — in Basel zu sehen ist, von ganz andern Kaliber. Die Van Gogh-Ausstellun g in der Kunsthalle, eine der schönsten Privatsammlungen, einer holländischen Dame gehörig, wurde mit Rücksicht auf unseren Kongreß bis zum 4. September verlängert. So wurde auch den Kongreßteilnehmern die Möglichkeit geboten, das wahrhaft erschiitternde Werk dieses begnadeten Malers, der wie kein zweiter Rhythmus und Beseelung der Welt gestaltet, zu erleben. Das Basler Stadttheater hat gerade während des Kongresses Werfels ״Paulus unter den Juden“ zur Schweizer Uraufführung gebracht. Das Werk führt uns in entlegene Zeiten jüdischer Geschichte, aber der Dichter stellt Gestalten des modernen Judentums mitten hinein: den Nationaljuden ebenso wie den Assimilanten, beide Söhne des Hohenpriesters; beide reden mit moderner Zunge, Illustrationen zu der Gedankenweit des Kongresses, der eine Viertelstunde vom Theater entfernt im Messegebäude tagt. Das Stück wurde an dieser Stelle wiederholt gewürdigt. Bleibt nur zu sagen, daß die Basler Aufführung unter der Leitung Dr. Wälterlins (mit Histermann als Paulus und Heß als Gamaliel) sich auf anständiger Höhe hielt, aber doch nicht genügend innere Vertrautheit mit dem Stoff hatte, um hinzureißen. Die Aufnahme blieb, obwohl das Haus voll besetzt war, eine kühle. —o— Konferenz des Brifh-Hanoar Der Brith-Hanoar (Weltverband der jüdischen Jugend) ruft seine Konferenz der ihm angeschlossenen Verbände zu1״ 18. September in Danzig. Die Tagesordnung der Konferenz — an der auch palästinensische Delegierte teilnehmen — umfaßt Fragen pädagogischer Natur, Berichte aus den Ländern, Jugendarbeit für die nationalen Fonds usw. — Der Brith- Hanoar umfaßt in seinen verschiedenen Verbänden über 43 009 Jugendliche, die überwiegende Mehrheit davon in Osteuropa.

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