Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 71 (6.9.1927)
- Date
- 1927-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr, 71, 0. IX. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 50ß 1927 r und n von 1 man; vcr. Mi Zioiben zu nan um let hat, n allzu wurde, was in Juden n. Wir Jewish ach der les und werden 1a nicht ben wir sagen, das sei r mehr, 1t bloß: :steuert, ire, der 57. Die 11 einer J durch : Wege, en de! es Verrderung :n wird keines• en For• :n, abei mahnen, werden ten Re• für den h mich m d e! orbe• Für ein md dei irgfältig eß-Exeist, daß en, sonin die Tag zu Bereit• enn wit wir voi Maßstab ten wi! s. Und?eiL des sten zu nen, die jen. Ich nstretten mfm 1u kann in wird, itum in e. Aber 1s Recht :ten ein• na geht, eigenen inz der i dafür, Politik steht, so irtschaft auf den ng noch ren ver• ills und und die der jüdiwährend ren, daß 1 getan der ziomit der rwinden. haftliche Organiwerden, standen, en. Vor daß Pa• jor acht n Krieg 1 waren, für sie es aber treu auf ein Teil leidigen. Zeitung :gen die n gegen eht jetzt te, ohne 1 — das —- und e findet, an wirft Haben n ihrem tion geiurchge• 1 in der ~>ic Zio- Vrbeiterdaß die nmreden eit zum r einen erlieren. Unsere Leitung ist mit der innerpolitischen Arbeit des jüdischen Volkes so beschäftigt, daß sie sich der außenpolitischen Arbeit gur von Fall zu Fall annehmen kann. Weizmann und Sokolow halten es für ihre Pflicht, uns zu beruhigen, daß die politische Lage gar nicht so schlecht sei, aber aut welche politischen Tat- Sachen stützen sie dieses ihr Vertrauen? Sie tun so, als wären sie die Vertreter der anderen. Warum stellen sic sich zwischen uns und die Regierung? Warum müssen wir mit ihnen jenen politischen Kampf führen, den sie in unserem Namen und gesfützt auf unsere Kraft führen sollten? Nun zur inneren Politik. Aut dem XIII. Kongreß riet mir Weizmann zu: ״Grünbautn kann warten, aber der Zionismus kann nicht warten.“ Vor nicht langer Zeit sprach Weizmann fast nur von Warten. Man müsse Geduld, immer wieder Geduld haben. Auf dem XIV. Kongreß wandte ich aut die innere Politik Unserer Leitung das polnische Wort ״Ugoda“ an, was mir Weizmann sehr übelgenommen hat. Ich muß heute erklären, daß die Abmachung mit Marshall eine Ugoda im schlimmsten Sinne des Wortes ist. Nicht alle unsere amerikanisehen Freunde sind mit diesem Frieden einverstanden. Weizmann hat ein Budget von £ 225 000 verteidigt. Die Wirkung eines solchen Budgets aut die jüdischen Massen wird eine fatale sein. Man wird kein Geld mehr geben wollen, weil man jede Hoffnung verlieren wird. Wir Radikalen sind einig in unserer Meinung, daß der Zionismus in Erez-Israel nur aufgebaut werden kann durch die, die das Land mit ihrem Schweiß und ihrer Arbeit bestellen. Weizmann steht zwischen zwei Feuern, dem von rechts und dem von links. Und bisher ist es ihm gelungen, die beiden Flügel zu verbinden. Seine Wirtschaftliehe Politik ist der Linken sympathischer, und seine innere Politik ist der balebatischen Psychologie und den balebatischen Bestrebungen angepaßt. Diese Verbindung kann nicht weiterexistieren. Weizmann hat zu wählen, ob er mit links gegen rechts oder mit rechts gegen links geht. Wir schlagen den Weg des zionistischen Kamptes vor, um das jüdische Volk zu gewinnen, um Machtpositionen im jüdischen Leben zu schaffen. Wir sind keine Republik nach amerikanischem, sondern nach dem Schweizer Typus und müssen darauf verzichten, einen Präsidenten von amerikanischem Typus zu haben. Wir müssen einen anderen Weg gehen, ein arbeitsames, arbeitsfähiges Komitee finden, das sich auf die Mehrheit des Kongresses stützt und nicht gezwungen ist, die Zusammenarbeit mit anderen zu suchen. Fünfte Sitzung Freitag, 2. September, vormittags. Gluska (Palästina, Jemenite) wirft der Exekutive vor, daß sie die Beschlüsse des vorigen Kongresses bezüglich der Jemeniten nicht ausgeführt und für sic statt 15 000 bloß 4900 Pfund ausgegeben hat. Jabotinskys Rede Jabotinsky: Wir haben im Laufe von sieben Jahren 72000 Juden nach Palästina gebracht, also im Durchschnitt 10 000 pro Jahr. Im Laufe einer Generation wird es eine Million oder mehr Araber in Palästina geben, wo kommen wir da mit unseren 10 00Q Immigranten im Jahr hin? Die Krise aber sagt uns, unter den heutigen Bedingungen kann Palästina auch diese 10000 pro Jahr nicht aufnehmen. Ich verstehe die Tragödie, wenn wir in Palästina 8000 Menschen haben, die vielleicht Hunger leiden. Ich kann aber auch den Hunger von Millionen jüdischer Herzen nach dem Zionismus nicht vergessen. Vor zwei Jahren mußte ich vor dem Kongreß beweisen, daß eine Masseneinwanderung eine Staatsangelegenheit ist, sowohl was die Landwirtschaft und die Bodenfrage betrifft, als auch betreffs der Industrie. Ich Ml zufrieden, daß diese Ansicht heute bereits ein Gemeinplatz ist. Wirkliche Abhilfe fttr die ÄtbeifalSigkfcif Käinn «Wjt durch öffentliche Arbeiten oder durch landwirtschaftliche Kolonisation geschaffen werden. Das ist ein viel zu langsamer Prozeß. Die beste Hilfe wäre industrielle Beschäftigung. Tatsächlich hat die jüdische Industrie in Palästina in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen und es gibt nach Meinung der Industriellen noch weitere Möglichkeiten, unter der Voraussetzung, daß der Staat hilft. Lind gerade hier ist bisher noch nichts geschehen. Redner erwähnt das Beispiel der Fabriken von Delphiner und Blum und behauptet, daß, wenn deren Forderungen schließlich doch angenommen wurden, dies doch ein Beweis sei, daß dies vernünftig und möglich war. Und dennoch bedurfte es erst des Druckes durch Schließung der Fabriken. Auch der Silikatfabrik wird seitens der Eisenbahndirektion nicht das nötige Entgegenkommen bezüglich der Frachttarife entgegengebracht, unter einem solchen Geiste kann sich die jüdische Industrie nicht entwickeln. Jabotinsky liest dann einzelne Stellen aus einem Memorandum der Vereinigung der jüdischen Industriellen in Palästina vor, worin die negative Haltung der Palästina-Regierung gegenüber der jüdischen Industrie beklagt wird, und fährt fort: Es geht nicht an, daß, wenn wir vor Fremden sprechen, wir unsere Industrie loben, daß wir aber die Memoranden unserer Industrie- Pioniere einfach unberücksichtigt lassen. Die Regierung will jetzt einen Zollvertrag mit Syrien abschließen, aus dem sie sich einen Gewinn von jährlich £ 50 000 verspricht. Unsere Industriellen beziffern ihn mit nur £ 20 000. Aber die Folgen dieses Vertrages bedrohen gerade die besten unserer Industrien, die Textil-, Oel- und Zementindustrie, deren Existenz zum großen Teile auf den Absatz nach Syrien beruht. Manche Industrien haben infolgedessen schon jetzt ihre Produktion auf 30 #/« herabgesetzt, ja manche wollen ihre Fabriken in Palästina schließen und sie nach Syrien verlegen. Ich rate der politischen Kommission, die sachver* ständigen Vertreter der palästinensischen Industrien, die hier weilen, vorzuladen und anzuhören. Nun zu einer mir unangenehmen Frage: der des öffentliehen Ordnungsschutzes in Palästina. Die englischen Truppen wurden fast ganz aus Palästina zurückgezogen. In der Polizei sind 45, im Grenzkorps 31 Engländer zurückgeblieben. Die beiden Schutztruppen, die jetzt für Ordnung in Palästina sorgen, sind folgendermaßen besetzt: Polizei: 1300 nichtjüdische Eingeborene, 212 Juden; und Grenzkorps: 700 Eingeborene und 37 Juden, fast alles Techniker. Wie kann man da zufrieden sein? Die Geschichte lehrt, daß man bei jeder Kolonisation mit der Möglichkeit gewisser Konflikte rechnen muß. Kein Jude darf vergessen, was in den schrecklichen Tagen des Mai 1921 in Tel-Awiw und Jaffa, wo das Chaluzimhaus von arabischen Polizisten gestürmt wurde, geschah. Die Mitglieder der Exekutive müssen wissen, was dieser Zustand bedeutet. Auch der Waad Leumi weiß es und hat gewisse Forderungen gestellt, die aber nicht erfüllt wurden. Man erzählt uns immer wieder von Frieden und guten Beziehungen. Aber lesen Sie doch die letzten Zeitungen. Sehen Sie den Fall des Selbstmordes des jungen jüdischen Polizisten in der Polizeischule. Sind das etwa die guten Beziehungen zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Polizisten? Wir haben gelernt, aus gewissen Symptomen zu schließen. Wenn an der Klagemauer immerfort Störungen Vorkommen und Col. Symes erklärt, es handle sich nur um junge Burschen, so wissen wir aus Rußland, daß gewisse Phänomene immer mit dem Vorstoß solcher Burschen beginnen. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis die Haupttruppe kommt, manchmal auch Jahre. Niemand hat das Recht, zu vergessen, was das bedeutet. Und da kommt man zur Öffentlichkeit und erklärt, dieser politische Zustand in Palästina mit seiner industriellen Frage, seiner Polizeifrage und den vielen anderen Dingen, die hinzukommen, sei eine ״satisfactory Situation“, eine befriedigende Situation. Ich glaube nicht an eine aggressive Politik, da dazu eine materielle Macht gehört. Besitzt man nur eine moralische Macht, dann kann man selbstverständlich von einer aggressiven Politik nicht sprechen. Ich erinnere, daß auch wir schon einmal in England ein Stück politischer Arbeit geleistet haben, die Durchsetzung der jüdischen Legion, und zwar gegen die sehr mächtige Opposition Lord Kitcheners. Es heißt aber, die politische Arbeit unmöglich machen, wenn man die öffentliehe Meinung Europas und insbesondere Englands unausgesetzt hypnotisiert und erklärt, die politische Lage in Palästina sei befriedigend. Seit Jahren finden wir diese Phrase in allen Reden unseres Präsidenten, fn englischen Blättern wird von zionistischen Reden selten etwas gebracht, aber wenn schon Reuter etwas darüber berichtet, so ist es diese Phrase von der befriedigenden Lage. Und der Engländer, der Mann der Straße, sagt sich, die Zionisten selbst erklären ja, daß sie zufrieden sind! Er sagt auf Grund des Zeugnisses der zionistischen Führer, wir Engländer haben alles getan, aber der Shyloek, der geizige Jude, der hat das Geld nicht gegeben. Ich bin der letzte, der behaupten würde, das jüdische Volk habe seine Pflicht Palästina gegenüber erfüllt. Ich selbst habe ja den ersten Keren Hajessod-Aufruf an das jüdische Volk um Aufbringung von 25 Millionen Pfund für Palästina mit unterschrieben. Das jüdische Volk hat uns das Geld in diesem Umfange nicht gegeben. Es hat seine Pflicht gegenüber Palästina nicht erfüllt, aber —- gegenüber der geringen Zahl von 72000 Immigranten? Man darf doch die Proportionen nicht verlieren! Ich weiß, eine An- Siedlung in Palästina muß teurer sein als in Griechenland, wohl drei-, vier- oder fünfmal teurer, aber doch nicht zwanzigmal teurer, wie die Zahlen lehren! Und doch haben all die großen Opfer nicht genützt, und wir stehen vor einer ungeheuren Krise. 10 Millionen jüdischen Geldes sind, wie Dr. Weizmann selbst sagt, in sieben Jahren nach Palästina gekommen. Ist das wirklich eine so karge Mitgift für 72000 Immigranten? Bei gewissen Leuten ist cs schon zu einer Psychose geworden, immer der schuldigen Seite die Schuld abzunchmcn und sie uns aufzuladen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Am selben Tage, als die jüdischen Industriellen bei Col. Symes intervenierten, erschien das Interview Dr. Weizmanns, worin er u. a. erklärt, daß, wenn ein Jude in Palästina irgendeine Fabrik eröffnet, die schlechte Knöpfe erzeugt, er gleich den Schutz der Industrie fordert. Es ist kein Wunder, daß, wenn auf unserer Seite eine solche Psychose waltet, daß dann auf der anderen Seite die Hvpnose geschaffen wird, die Zionisten sind zufrieden. Wir befinden uns so in der furchtbaren Lage eines hungernden Menschen, der im Ruf eines Millionärs steht. Wenn jemand glaubt, daß das, was ich hier vorbringe, von Partei haß diktiert wird, dann bedaure ich diese Engherzigkeit, die es nicht verstehen kann, daß es bei uns so törichte Schwärmer gibt, die eine große zionistische Aufgäbe vor sich sehen, die hier auf dem Jubiläumskongreß fordern, daß, wenn man schon unfähig ist, für etwas zu kämpfen, man wenigstens nicht systematisch stören soll. Man spricht vH bei uns von der Unersetzlichkeit mancher Menschen. Was ich jetzt sage, wird sicherlich nicht den Beifall von Dr. W i s e finden. Als dieser gestern hier sprach, fühlte man aus seinen Worten diesen wunderbaren Zusammenklang des großen jüdischen Enthusiasmus mit dem Geist des freien Amerika, diese entschlossene Art, dem Verhandlungs- Partner gegenüberzutreten. Ich stelle hier nicht etwa die Kandidatur von Dr. Wise auf, aber sind wir denn wirklich so arm an Menschen? Dr. Wise erklärte, daß wir von England so vieles verlangen, meinte aber auch, er sei sicher, daß dieselbe Exekutive, die bis jetzt die Politik geführt hat, nun auch diese Forderungen vertreten werde. Aber wir müsfeen glauben, daß diese Executive Dinge, die ihren Ansichten widersprechen, nicht vertreten wird. Es ist also nutzlos, eine Aenderung unserer Haltung, Politik und Taktik zu beschließen und die Ausführung Leuten zu überlassen, die in ihrer Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit Ihnen sagen werden: Dafür sind wir nicht zu haben. Nun die Frage der Jewish Agency. Diese ist laut Mandat die einzige legale Instanz, durch welche an die englische Regierung und den Völkerbund offizielle Forderungen gestellt werden können. Sic ist das einzige legale Instrument unserer Politik, unser einziges Sprachrohr, und das will man zur Hälfte in nichtzionistische Hände geben. Man spricht von einer Alternative: Zusammengehen oder Kampf mit den Nichtzionisten. Das ist falsch, denn es gibt eine andere Alternative. Auch ich bin für Mitarbeit der N i c h t z i o n i s t e n, die auf Vertrauen beruht und gegründet ist auf eine Teilung der Verantwortung. Wir sollen auf jenem Gebiet mit den Nichtzionisten arbeiten, auf welchem jene Kreise erklärt haben, arbeiten zu wollen, nämlich dem der ökonomischen Arbeit. Dagegen muß die politische Arbeit in den Händen derjenigen Leute bleiben, die dafür filteresse haben. Ich bin für ein Zweikammer- System. Der ökonomische Teil, das Sammeln von Geldern, die Verteilung dieser, das Beschließen, Verhandeln, Bauen, wollen wir mit den Anderen gemeinsam machen. Aber die politische Funktion muß in den Händen der Zionisten bleiben. Das heißt nicht Kampf gegen die Nichtzionisten. Die Politik erscheint diesen vielfach als gefährlich, und sie sehen in der Schaffung des Judenstaates eine Gefahr für Israel. Daraus ergibt sich diese natürliche Teilung. Wer zwingt Euch denn, jene Leute zu überreden, auch in die politische Kammer der Agency zu gehen? Noch ist es nicht zu spät. Auch heute noch kann man mit ihnen sprechen und eine ehrliche Teilung vornehmen. Man bedauert, daß der Parteikampf heute bei uns so scharf geführt wird. Das kommt aber daher, weil die Gefahr droht, daß es vielleicht das nächste Mal keinen souveränen Kongreß mehr geben wird. Kein Appellgericht, wo jeder von uns frei und offen sprechen kann. Das schafft die Verzweiflung, diese vergiftete Atmosphäre. Ich weiß, daß es auch inmitten der Exekutive und inmitten der amerikanischen Delegation Verständnis für dieses Problem gibt. Warum sollen wir nicht einen Beschluß fassen, der der Wirklichkeit, Notwendigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit beiden Seiten gegenüber entspricht? Man sprach hier vom ״Burgfrieden“. Dies bedeutet natürlich nicht, daß allgemeine Uebereinstirnmung herrschen soll; wäre dies der Fall, so hätte der Zionismus sich schlafen gelegt. Aber wir wollen einen Frieden in dem Sinne, daß wir im Kampfe als Brüder gegenüberstehen und nicht Verderber ineinander sehen. Wollt Ihr den Burgfrieden schaffen, so habt Ihr den Weg: Schafft das Z weikam mer-Sy s fern. Wir glauben fest an den Judenstaat und an die Macht unserer gerechten Sache. Wir dürfen nicht übersehen, was einzelne englische Beamte gegen uns tun, aber wir glauben fest an das englische Volk und seine öffentliche Meinung. Sie ist das Appellationsgericht, vor der wir unsere gerechte Sache vertreten können. England wird seine Unterschrift nicht zerreißen. Wir glauben an die Macht des jüdischen Volkes, an die Ehrlichkeit unserer nichtzionistischen Partner und die Englands. Wir haben nur kein Vertrauen zu einigen Menschen, und das kann der Kongreß ändern. (Lebhafter Beifall bei Revisionisten, Radikalen und einem Teil der Galerie.) Dr. Mayer Ebner (Bukowina) erklärt Zustimmung zum Programm von Weizmann und Sokolow. Vorsitzender Motzkin teilt mit, daß sich der Pcrmanenzausschuß konstituiert Und zu seinem Vorsitzenden Kurt Blumen f cid und zu dessen Stellvertretern die Herren Farbstein, Koralnik und Arlosoroff gewählt hat. Ismuschik (Palästina, nationalbürgerliche Gruppe): Sicherlieh ist die Grundlage der jüdischen Zukunft in Palästina die Landwirtschaft. Der Prozeß der Gewinnung des Landes durch die Landwirtschaft ist aber ein langsamer und erfordert Geduld. Es gibt aber eine Möglichkeit, den jüdischen Jischuw zu vcrgroßem und die Mehrheit im Lande durch produktive Arbeit zu erlangen, und diese Möglichkeit bietet uns die Industrie, die bereits über 10 000 Menschen beschäftigt. Dieser fehlt aber die nötige Unterstützung. Auf dem letzten Kongreß wurde im Budget die verhältnismäßig kleine Summe von £ 25 000 für eine Industriebank bestimmt, in der Erwartung, daß der nächst* Kongreß diesen Betrag wesentlich erhöhen werde. Zu unseren Bedauern sind bis heute diese £ 25 000 noch nicht flüssig gemacht und die Bank noch nicht geschaffen worden. Es gibt in Palästina 6000 Handwerkerfamilien mit ca. 30000 Seelen, denen bis heute keinerlei Hilfe und Unterstützung zuteil geworden ist. Die Leute, die Polen aus seinem 3 Millionen Reservoir nach Palästina entsandt hat, die Männer der vierten Alijah, die, von idealer Begeisterung getrieben, den Weg nach Palästina gefunden haben, waren dort nicht willkommen. Infolgedessen sind viele dieser Leute, die alle Brücken hinter, sich verbrannt hatten, gezwungen gewesen, nach ein- bis 2.wei* jährigem Aufenthalt in Palästina in ihre alte Heimat zurückzu kehren. Das hat bewirkt, daß man auch heute in Polen bei den Zionisten nur schwer Opfer für den Keren Hajessod erfangen kann. Man hätte auch den Menschen, die etwas Geld haben, die Möglichkeit geben sollen, sich im Lande anzusiedeln. Nur acht von den Arbeitersiedlungen sind bis jetzt fundiert, 33 bedürfen noch unserer Unterstützung. Ich bin dafür, sie zu unterstützen, bis sie selbständig sein können. Aber auf anderer Basis hätte man schon 200 Kolonien haben können. Man soll nicht meinen, daß unsere Partei dagegen ist, einzelne Menschen ohne Geld zu kolonisieren, dies soll aber nicht die allgemeine Methode sein. Vorsitzender Motzkin: Wir stehen hier unter dem Eindruck eines traurigen Vorfalls. Jakob Wassermann ans Beßarabien, einer unserer tätigsten Zionisten, ein Mann im besten Lebensalter, ist verschieden. Sie haben diese Nachricht vernommen und ihrer Trauer durch Erheben von den Sitzen Ausdruck verliehen, ln kurzer Zeit wird die Leiche unseres verstorbenen Freundes vor diesem Hause vorübergetragen werden. Der Kongreß wird ihm hierbei die letzte Ehre erweisen. Der Vorsitzende erteilt das Wort Herrn Jaffe, der dem Verstorbenen einen warmen Nachruf hält. Sechste Sitzung Freitag, 2. September, nachmittags. Dr. Moritz Bileski (Deutschland): Als wir in Deutsch land die Diskussion über die Kongreßfragen begannen, geschah dies unter dem Schlagwort ״VerantwortungspoTitik“, und es ist eines der stärksten Bande, das uns immer mit der Persönlichkeit Weizmanns verbunden hat, daß wir ihn stets als den typischen Vertreter einer solchen Verantwortungspolitik betrachtet haben. Es ist dies seine persönliche Leistung. Denn nicht nur seine Gegner, auch seine Freunde, haben im allgemeinen nicht viel Verständnis für diese Politik gezeigt. Gegenüber dieser Verantwortungspolitik gibt es ein System der verantwortungslosen Politik. Ich will eine Tatsache hervorheben, die hier schon gestreift worden ist. Es ist die Art der Berichterstattung in der Weltpresse, die hier seitens Delegiertet vorgekommen ist. Und es handelt sich hier nicht um den Einfluß, den die Berichterstattung aut das Publikum ausübt, sondern darum, daß von derselben Stelle aus Informationen an den organisierten Antizionismus gelangt sind, und das vom Delegierten einer Partei, deren Sprecher es heute wieder einmal tür nötig gehalten hat, die Größe des politischen Zionismus gegen uns in Schutz zu nehmen. Symptome einer solchen verantwortungslosen Politik sind auch itt der Rede von Jabotinsky zu konstatieren. Es ist ein Beweis für einen Mangel an Verantwortungsgefühl, wenn man in einer großen Kongreßrede Pogromgefahr an die Wand malt. Es wird von der politischen Opposition und von einem großen Teile des Jischuw eine Art politischer Darstellung betrieben, die — ich möchte sie nicht als Schnellmalerei bezeichnen — darin besteht, daß man das Gesamtbild zusammensetzt aus vielen einzelnen Steinchen einer Farbe. Es gibt aber eine ganze Reihe positiver und negativer Momente, und ich glaube, daß es die Herren von der politischen Opposition nicht nötig gehabt hätten, nur schwarze Steinchen zu verwenden. Es gibt noch eine große Anzahl anderer Farben, und es ist unmöglich, im Interesse einer bestimmten politischen Konzeption lediglich eine derartig einseitige Auswahl zu treffen. Dr. Weizmann hat es verstanden, in der Politik eine notwendige Aenderung durchzusetzen. Die charakteristische Leistung der Politik Herzls war die Proklamation der Juden als eines politischen Volkes. Wir waren immer Objekte der Politik. Und cs war das Große im Herzischen Zionismus, daß ihm die Proklamation der Macht des jüdischen Volkes gelungen ist. Aber dieser Becher der Politik, den wir dem jüdischen Volke gereicht haben, und der, wenn er richtig dargebracht wird, in der Tat imstande ist, dem jüdischen Volke sein normales Leben wiederzugeben, enthält auch Gifttropfen, Die Politik des Zionisinus ist in der ständigen Gefahr sich an dieser Proklamation der Macht zu berauschen. In dieser Zeit hat Dr. Weizmann es verstanden, die Berücksichtigung der Wirklichk e i t als wesentliches Moment der Politik einzuführen. Es gibt für den Zionismus mir ein Instrument der Macht, und das ist die Macht unserer Idee. Und es gibt keinen Verkünder dieser Idee als Weizmann. Aber er weiß auch, daß dieses Instrument zart behandelt werden muß, und er hütet sich davor, es im Kampfe um politische Tagesfragen abzuniitzen. Es ist meine Ueberzeugung, daß diese Methode Weizmanns die einzige ist, durch die wir es erreichen konnten, daß wir politisch ernst genommen werden. Wir müssen auf den Zauber der Proklamation verzichten. LInsere Politik muß eine langatmige Politik sein. Grünbaum hat von der großzügigen politischen Intuition gesprochen. Ich betrachte derartige Forderungen so lange als leere Worte, solange ich nicht weiß, was dahinter steckt. Es genügt nicht, daß wir feststellen, daß unsere Gegner oder unsere Partner nicht tun, was wir brauchen. Wir müssen uns auch fragen, warum sie es nicht tun. Vielleicht unterliegen auch sie gewissen Gesetzen ihres Lebens, die ihnen nicht gestatten, so zu handeln, wie wir es gern haben möchten. Und nur, wenn wir so denken, können wir zu einem wirkungsvollen System der Zusammenarbeit mit der Mandatar-Macht kommen. Für die Herren Grünbaum und Jabotinsky ist die Sache einfacher. Sie sagen: das Mandat ist ein Vertrag, England hält nicht alle seine Klauseln, also haben wir einen Prozeß mit England, und wir machen unseren politischen Führern den Vorwurf, daß sic als unsere Vertreter sich bemühen, England uns gegenüber in Schutz zu nehmen. Diese Auffassung ist charakteristisch. Wenn man Politik wie einen Zivilprozeß auffaßt, dann haben sic gewiß recht. Aber das ist eine falsche Auffassung. Ich f’ ׳ * - ׳ - י׳ .י־ .־ * Ich wende mich dem Gebiete der Wirtschaft zu. Wir schließen uns den Forderungen, die hier Dr. Weizmann aufgestellt hat, an. Die wirtschaftliche Auffassung des Zionismus muß entscheidend geändert werden. Es muß ein tatsächlicher Sysfemwechscl einfrefen. Wir haben bisher auf wirtschaftlichem Gebiet ein System gehabt, das im wesentlichen von den Bedingungen der Wirklichkeit absah. Wir gingen wie im Nebel. Das muß aufhören. Wir müssen mit dem System der