Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70, 2. IX. 1027 Bericht über einen Besuch Palästinas Von Sir E. J. Russell, F.R.S.. Direktor der Rothamsted- Versuchsstation. (Schluß.) Allgemeine Eindrücke. Mein allgemeiner Eindruck von Palästina ist der, daß d i e Aussichten gut sind. Drei Faktoren scheinen mir die Probleme in der gleichen Weise zu beeinflussen: 1. Die geistige Regsamkeit der Menschen und ihr Bedürfnis nach intellektueller Aktivität, welche durch die simple Getreidewirtschaft keineswegs befriedigt werden können. 2. Die Tatsache, daß das verfügbare Land im Umfang beschränkt ist, so daß einer Familie etwa nur 24 Acres (100 Dunam) Bodens zugewiesen werden können. 3. Die tiefe Verbundenheit der Menschen, insbesondere vieler von den jüngeren, mit dem Land, welche sie befähigte, viel mehr zu leisten, als sonst landwirtschaftliche Pioniere zu tun vermögen. Das unterscheidet die jüdische Kolonisation Palästinas von Jeder anderen, die ich kennengelernt habe; am nächsten kommt ihr in dieser Beziehung die — freilich fern abliegende — Kolonisation von Utah durch die Mormonen. In jedem Teil von Canada oder der Vereinigten Staaten (Utah ausgenommen) wird der Bauer!aut das Lob seiner Farm singen, sie als den unzweifelhaft besten Fleck der Eide bezeichnen und gleich darauf zum Verkauf anbieten, damit er anders wohin ziehen kann. Die Farmer befinden sich da in einer dauernden Wanderbewegung vom Osten nach dem Westen und vom Süden nach dem Norden und umgekehrt. In Palästina kommt das, soviel ich sehen konnte, nicht vor. Nun sind diese Faktoren viel besser hochspezialisierten Systemen der Wirtschaff angepaßt als der extensiven Landwirtschaft. Für den Getreidebau hat der Jude keinen Vorzug vor dem syrischen Bauern, dem arabischen Fellachen in den Bergen oder dem neu angesiedelten Immigranten in Canada oder Australien. Hingegen bringt er besondere Vorzüge für intensive Kultur mit, wie die palästinensische Traubenlcuttur gezeigt hat und die Beherrschung des Marktes für Jaffa-Orangen durch Pa- Iästina. Nach meiner Meinung müßten die Bestrebungen dahin gehen, Spezialprodukte von hoher Qualität oder frühzeitiger Reife zu erzeugen, die in einer besonderen Weise auf den Markt zu bringen, vorzüglich zu behaupten sind und nicht bloß in den Weltvorrat an Gütern durchschnittlicher Qualität untc!־tauchen. Man soll nicht befürchten, daß der Markt übersättigt werden kann. Das Land ist zu klein, um mehr zu produzieren, als verbraucht werden kann. Zwei große Märkte liegen offen: t. Der große und im Wachstum begriffene Touristenverkehr. 2. Der britische, europäische und hochklassige ägyptische Markt. Die auf den europäischen Märkten erzielten hohen Preise für Frühprodukte zeigen, was erzielt werden kann, ebenso die in Ben Shemen angestellten Versuche einer Erzeugung früher und daher hochpreisiger Tomaten. Es wäre natürlich eine Sicherung nötig, daß der Produzent einen angemessenen Anteil am Gewinn erhält, und daß der Vermittler keinen übermäßigen Verdienst behält. Professor Warburg hat eine Reihe von Früchten aufgewiesen, deren Züchtung sich empfiehlt, und es gibt noch verschiedene andere Möglichkeiten, wie die Erzeugung von frühem oder hochwertigem Gemüse, z. B. Spargel (besonders auf salzhaltigem Boden); von Blumensamen oder Pflanzen- Setzlingen, welche dem Bedarf der Levante und Aegyptens angepaßt sein sollen und aus den einheimischen Pflanzen als Ausgangsmateriai durch Veredelung erzielt werden können: von gut zuoereiteten Frttcirtkonserven upd vieles andere. Für jede von diesen Wirtschaftstätigkeiten gäbe es vielleicht nur Raum für eine geringe Anzahl von Produzenten. Aber meiner ,Meinung nach liegt die beste Hoffnung für den jüdischen Landwirt darin, diese Märkte für hochqualifizierte oder frühe Produkte ausfindig zu machen und sie zu versorgen; wenn möglich, sie zu beherrschen. Die Entwicklung dieser Industrien wird natürlich Zeit erfordern und inzwischen ist der Getreide- und Futterbau wahrscheinlich der beste Weg für die Siedler. Vorschläge. Die folgenden Probleme sind meiner Meinung nach dringend und sollen gleichzeitig in Angriff genommen werden: I. Bewässerter Boden — Verwendung von Wasser. Diese Frage sollte so früh als möglich auf dem Felde and mit Hilfe direkter Methoden untersucht werden. Wenn es möglich wäre, daß Dr. Menschikovsky mit seiner gründliehen Kenntnis der Bodenarten und Dr. Oppenheim mit seiner großen Erfahrung in der Pflanzenphysiologie sich zu dieser Untersuchung vereinigen, dann habe ich das* sichere Gefühl, daß die Resultate von großer Bedeutung, nicht nur für Palästina, sondern auch für andere Plätze, wo bewässerter Pflanzungsbau betrieben wird, sein werden. Bei schwerem Boden besteht die Möglichkeit der Alkali- Schädigung. Diese Frage sollte, wenn möglich, von Dr. Magasanik in Rothamsted studiert werden, damit er in der Lage sei, Dr. Menschikovsky behilflich zu sein. Proben des verfügbaren Wassers wären für Analysen notwendig. Eine systematische Organisation der Bewässerung des ganzen Landes ist in hohem Maße erforderlich. 11. Un b e wä s s e rt e s Land — Auslese und Zucht von Pflanzen. Diese Tätigkeit sollte fortgesetzt und allmählich intensiver gestaltet werden, indem man bei einer größeren Anzahl reiner Reihen verharrt, je nach der Gelegenheit Es soll ferner in den Versuchen fortgefahren werden, eine Frucht ausfindig zu machen, welche in der gegenwärtig als Brachiahr zu bezeichnenden Zeit wachsen würde, und irgendwelche ertragreicheren Sorten an Stelle des Getreides. Bodcnprobleme. Die in Dschebatta im Zuge be- Endlichen Versuche sollen in der Richtung ausgedehnt werden, daß sie Untersuchungen über die Ergebnisse der versehiedenen Bearbeitungsmethoden, hinsichtlich der Feuchtigkeit, Nitrathaltigkeit und Zusammensetzung des Bodens ermögliehen. Da die gegenwärtigen Einrichtungen unzureichend sind, schlage ich vor, daß Dr. Magasanik in Rothamsted ausreichend Zeit dem Studium der folgenden Fragen widmet: 1. Schnelle Methoden zur Bestimmung der Bodenfeuchtigkeit; 2. schnelle Methoden zur Bestimmung der Bodennitrate; 3. die Anwendung des Dynamometer. Zu 1. und 2. wäre es nötig, ungefähr 50 bis 100 kg des Dschebattabodens nach Rothamsted zu schicken. _ Zu 3. wäre der Ankauf eines Dynamometers erforderlich, damit Dr. Magasanik ihn ausprobieren kann und ihn gründlich kennt, bevor er nach Palästina geht. HI. Das allgemeine System der Landwirtschaft. Bisher dienten die Vereinigten Staaten wegen einer gewissen Aehnlichkeit in den klimatischen Bedingungen als Vorbifd; ich meine aber, daß Dänemark ein viel besseres Vorbild ist, wegen der großen Aehnlichkeit in den menschlichen Voraussetzungen. Dänemark ist ein kleines Land, in dem die Wirtschaften im Umfang beschränkt bleiben müssen: Seine Bewohner sind dem Boden außerordentlich ergeben und bestrebt, aus ihm eine gute Lebenshaltung zu erzielen. Sie haben die Märkte studiert und erzeugen nun gewisse Waren von hoher Qualität, auf die sie ein Monopol besitzen, so daß sie immer hohe Preise und günstige Verkaufsbedingungen fordern können, selbst wenn die minder qualifizierten Güter in großer Menge vorhanden und im Preise niedrig sind. Das sind die Bedingungen, welche meiner Meinung nach die Juden in Palästina zu erstreben haben. IV. Die Siedlun gskosten. Jede Besiedlung eines neuen Landes ist notwendig kostspielig, besonders dann, wenn Mißwirtschaft und schlechte Verwaltung vorangegangen sind, wie es in Palästina der Fall ewesen ist. Der Preis kann ln Geld oder mit menschlichen eiden bezahlt werden. In älteren Siedlungen haben die ersten Kolonisten, insbesondere die Frauen und die Kinder, häufig schwer gelitten: Die Geschichte der ersten Jahre der Besiedlung des Red River, jetzt eine der reichsten Gegenden Canadas, ist zwar das Zeugnis einer ergreifenden menschliehen Leistung, aber ein erschütternder Bericht von menschlichem Leiden: Die Mormonischen Siedler ertrugen in den Anfängen so manche tragische Episode, und ebenso andere. In Palästina wurde der Preis aer Kolonisation zu einem großen Teil mit Geld bezahlt: Die zionistische Exekutive und die anderen Institutionen, welche das Geld zur Verfiigung stellten, haben die Genugtuung zu wissen, daß dafür die menschlichen Leiden verringert wurden. Ich habe selten gesünder aussehende Kinder gesehen als in den jüdischen Kolonien. Dies zugegeben, ist es doch wichtig, daß das Werk nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten getan wird, denn es ist notwendig, die Bewässerung, Aufforstung, wissenschaftlich richtige Erzeugung und Marktgestaltung in möglichst vollem Ausmaß ztl entwickeln; und dafür ist Geld erforderlich. Ich schlage daher vor, die Kosten der verschiedenen Kolonien auf Grund gesunder Berechnungsmaßstäbe in einer solchen Weise zu bestimmen, daß der finanzielle Wert der versehiedenen versuchten Wirtschaftssysteme sichtbar wird. Wenn möglich, sollen alle die verschiedenen Organisationen in die Untersuchung eingeschlossen werden, damit die volle Summe der angehäuften Erfahrung zugänglich wird, Das Resultat soll von einer kleinen Sachverständigenkörperschaft geprüft werden. Das Ergebnis würde zeigen, welche Produkte als wirtschaftlich ungesund anzusprechen und daher nicht weiter zu erzeugen sind; ferner, in welchen Richtungen die zukünftigen Entwicklungen sich bewegen dürften. Mein eigenes Gefühl ist ausgesprochen hoffnungsvoll. Die Bedingungen für den Erfolg sind vorhanden, und ich glaube, daß der Erfolg erreicht werden kann, wenn die Kolonisten und ihre Helfer ihren Glauben und ihren Mut durch diese schweren ersten Jahre der Mühe und der Enttäuschungen behaupten können, und immer gemeinsam bemüht sein werden, die Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden, die jetzt vor ihnen stehen. Italien nnd Palästina London , 28. August (J.T. A.) ״Westminster Gazette“ meldet aus Genf, daß m Völiceibundkreisen keine Bestätigung dafür zu erlangen war, d(aß zwischen Deutschland und Italien Verhandlungen über die Mandate stattfanden und daß Deutschfand versprochen hatte, Italiens Wünsche bezüglich des P a 1 ä - stina-Mandats zu unterstützen. Die deutschen Vertreter, heißt es weiter, bezeichnen diese Gerücht als absurd, während die Italiener dartun, daß die Uebernahme des Palästina- Mandats seitens Italiens eher eine Belastung als ein Gewinn für Ihren Staat wäre. Mussolini selbst hätte sich zu dieser Ange- Iegenheit geäußert: Jede Familie hätte ihre dekorative, aber sonst vollkommen nutzlose Vase. Die faszistische Familie wünscht sich weder eine syrische noch eine palästinensische Vase. Jndenmord der russischen ״Schwarzen Hundert“ Charbin, 24. August. (J.T. A.) Die jüdische Bevölkerang des Fernen Ostens Ist durch den folgenden Vorfall in große Erregung versetzt worden. Der in Charbin sehr anesehene jüdische Bürger Jizchak Wilenski begab sich in egleitung seines Schwagers Bichowski nach d׳er Bahn- Station Keilar bei׳ Charbin. Dort befindet sich eine Kolonie russischer Monarchisten, die eine Pogrompropaganda führen. Ein gewesener Offizier des Attamans Semenow, namens R u s - k i n , ging auf die beiden zu und fragte, ob sie Juden seien. Als sie dies bejahten, zog er einen Revolver und schoß die beiden nieder. Wilenski war sofort toi Bichowski wurde schwer verletzt In das Krankenhaus von Charbin gebracht. Der Mörder wurde verhaftet und sagte aus, er habe die Tat mit voller Üeberlegung als Rache des Russentunis an den uden begangen. Die ganze jüdische Bevölkerung Charbins eteiligte sich an der Bestattung des Ermordeten. Es wurde ein Komitee gewählt, welches der chinesischen Regierung ein Memorandum über die gefährliche Pogrompropaganda der russischen Monarchisten in China überreichte. An unsere Abonnenten! Die Post verlangt von uns die Anmeldung der vom 1. Oktober 1927 ab zu liefernden Exemplare bis zum 15. September. Wir sind daher gezwungen, die Abonnementsgebühren von denjenigen Abonnenten, die die Jüdische Rundschau" direkt bei uns abonnieren, in den ersten Septembertagen zu erheben, und zwar werden wir ihnen zu diesem Zweck Nachnahmen zugehen lassen Wir bitten darum, im eigenen Interesse dafür Sorge zu tragen, dab diese Nachnahmen prompt eingelöst werden, da sonst Unregelmäßigkeiten in der Zustellung der ״Jüdischen Rundschau" nicht zu vermeiden sein dürften. Berlin, im September 1927. Verlag ,Jüdische Rundschau“ aeriln W15, MelnekestraBe 10 % Sette 503 Die Beschlösse der Rechtsschutz ־ Konferenz Zürich, 23. August (J.T. A.) Von den Beschlüssen, die die Züricher Konferenz zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten gefaßt hat, sind folgende zu erwähnen: 1. Die Konferenz, stellt mit Bedauern fest, daß die Bestimraunten der Minderheitsverträge über die Rechte der ethnischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten noch in keinem Lande, wo sie verpflichtend sind, verwirklicht wurden. In einer Reihe Länder ist die bürgerliche Gleichberechtigung weder in den Gesetzen noch in der Tat durchgeführt worden, in einigen Ländern sind sogar Leben und Eigentum der jüdisehen Bürger in Gefahr. Einige andere Länder, die eine kurze Zeit hindurch ihren internationalen Verpflichtungen nachgekommen waren, haben nachträglich die gewährten Rechte annulliert und ein Regime der Unterdrückung der jüdischen Minderheit eingeführt. Andererseits nimmt die Konferenz mit Zufriedenheit Kenntnis davon, daß in manchen Ländern Versuche gemacht werden, die gerechten jüdischen Forderungen besonders auf dem Gebiete des Schulwesens zu befriedigen. Die Konferenz stellt fest, daß der jetzt bestellende Zustand in bezug auf die Minderheitsverträge nicht weiter geduldet werden darf und daß der Völkerbund dafür sorgen müsse, daß die Minderheitsverträge nicht zu einem wertlosen Fetzen Papier werden. 2. Die Konferenz erklärt, daß die volle Verwirklichung der Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden in den osteuropäischen Ländern, in denen die Juden in kompakten Massen wohnen und ein nationalen Leben führen, nur dann möglich sein wird, wenn ihr Recht auf nationale Atonomie in den innerjüdischen Angelegenheiten anerkannt sein wird. Darin erkennt die Konferenz den wahren Sinn der fn den Minderheitsverträgen verankerten Rechte der ethnischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten. 3. Der jüdischen Bevölkerung jener Länder muß das Recht verliehen werden, öffentlich rechtliche Körperschäften ins Leben zu rufen, die sich mit allem inneren jüdischen Angelegenheiten zu befassen hätten und das Recht naben sollen, der jüdischen Bevölkerung Steuern aufzuerlegen. Diese Körperschaften bestehen aus Zentralorganen (Nationalräten, Oberräten oder Zentralräten) und aus lokalen Organen (Kehilloth). Diesen Körperschaften soll die Befugnis erteilt werden, im Rahmen der allgemeinen Gesetzgebung־ das jüdische Schulwesen zu verwalten, die Unterrichtssprache wie das Programm der jüdischen Schulen zu bestimmen. Ihnen soll ein entsprechenden Teil des Budgets der Regierung und der Selbst- Verwaltungskörperschaften nach dem Zanlenverhältnis der jüdisehen Bevölkerung zugeteilt werden. 4. Solange in diesen Ländern die Institutionen der nationalen Autonomie noch nicht bestehen, soll den privaten jüdisehen Schulen mit hebräischer und jiddischer Unterrichtsspräche Oeffentlichkeitsrecht erteilt und ein entsprechender Budgetteit nach der Zahl ihrer Schüler zuerkannt werden, ln allen jüdischen Schulen muß — unabhängig von der Unterrichtsspräche — das Hebräische in einem genügenden Maße gelehrt werden. 5. EHe Konferenz sieht in dem Rechte, sich im öffentlichen Leben, in Versammlungen, bei Buchführungen und Dokumenten sich der hebräischen und jiddische Sprache frei zu bedienen, eine wichtige Erfüllung des allgemeinen Rechtes der Minderheiten. In Gegenden und Stadtteilen, wo die Juden nicht weniger als 20 °/0 aer allgemeinen Bevölkerung ausmachen, muß*dem jüdischen Bürger das Recht zuerkannt werden, sich im schriftlichen und mündlichen Verkehr mit den Staatsämtern seiner Sprache zu bedienen. Der Bericht des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands teilt zu unserm Artikel ״Ein erstaunlicher Bericht“ in Nr. 67 der ״J. R.“ folgendes mit: Der Bericht des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels über die Bereisung von Deutsch- und Polnisch-Oberschlesien in der Zeit vom 53. bis 30. November 1926, der die Frage des Mädchenhandels kaum erwähnt, sowie die auf diese Reise bezugnehmenden Stellen des Jahresberichtes des Deutschen Nationalkomitees für das Geschäftsjahr 1926 sind dem Arbeiterfürsorgeamt seit längerer Zeit bekannt. Eine eingehende Prüfung dieses Reiseberichtes ergab: 1. daß der Bericht im wesentlichen auf f a 1 s c h e n Voraus- Setzungen beruht. Die statistischen Unterlagen, die die Behauptungen des Berichtes bekräftigen sollten, entbehren jeder Sachkenntnis und jeder Grundlage. Die gebrachten Zahlen sind mit Ausnahme der der Denkschrift des Reichsministers des Innern entnommenen Erfindungen der antisemitischen Presse aus den Jahren 1922 und 1923. 2. Der Teil des Berichtes, der den sogenannten Menschen- Schmuggelprozessen in Deutsch- Ober- Schlesien gewidmet ist, enthält nichts, was nicht bereits in den Jahren 1923 und 1924 anläßlich der in Beuthen stattgefundenen Prozesse der breitesten Oeffentüchkeit bekannt war. Es ist schon an anderer Stelle darauf hingewiesen worden, daß gerade die Arbeiterfürsorgestelle Beuthen wesentlich zur Bekämpfung des Menschen- Schmuggels in Oberschlesien beigetragen hat. Die geschilderten Ereignisse liegen fast vier Jahre zurück und entbehren jeglicher Aktualität. Der Berichterstatter ist dabei von dem Vorwurf nicht freizusprechen, daß er als Grundlage für sjine Behauptungen offenbar ausschließlich antisemitische ’ Pressenotizen verwandt hat. 3. Was den gegen die Arbeiterfürsorgestelle Breslau erhobenen Vorwurf betrifft, so sei hier ein Schreiben des Herrn Oberpräsidenten für Schlesien an die Jüdische Arbeiterfürsorgestelle in Breslau beigegeben: ״Auf Ihr Gesuch vom 22. Juni 1924 bescheinige ich Ihnen gern, daß ich im Laufe der letzten Jahre mehrfach Gelegenheit hatte, Ihre Tätigkeit kennen zu lernen. Hierbei hatte ich stets den Eindruck, daß Sie ernstlich bemüht sind, den Behörden bei der Durchführung ihrer Aufgaben behilflich zu sein. Mich hat hierbei besonders die objektive Berichterstattung angenehm berührt; ebenso das Bestreben, die mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertrauten jüdischen Ausländer in günstiger Weise zu beeinflussen. Aus Ihren mir neuerdings abschriftlich übersandten Berichten vom 23. Januar 1923 und 7. Mai 1923 habe ich entnommen, aber auch von anderer Seite habe ich gehört, daß Sie mit Erfolg bemüht waren, die Neueinwanderung einzudämmen und die Abwanderung so zu fördern, daß die Zahl der noch in Schlesien befindlichen Ostjuden stark zusammengeschmolzen ist.“ Dieses Schreiben ist wohl die stärkste Widerlegung der von Herrn Dr. Kundt erhobenen Beschuldigungen gegen die Arbeiterfürsorgestelle Breslau. 4. Soweit der Bericht sich mit den Verhältnissen in Breslau im Jahre 1926 beschäftigt, sind seine Angaben nach Rückfrage beim Herrn Polizeipräsidenten in Breslau von diesem als falsch bezeichnet. Eine weitere Widerlegung erübrigt sich daher.