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Jüdische Rundschau · 1927-08-26 · Heft 68-69 (26.8.1927) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 68-69 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 492 JUEÜI5CHE RUNDSCHAU Nr. 68/60, 26. Vm. 1927 Beobachtungen aus dem Familienleben und von den jüdischen Festen. Ein Beispiel: die Klasse IV der Primirechulen, das ist die Klasse, in der der reguläre Zeichenunterricht beginnt, vorher zeichnen die Kinder wann und was immer sie wollen, diese Klasse also bemalt als Kollektivarbeit für die kleinern Kinder Fahnen zu Simchath Thorah mit Darstellungen von Thorahtanzen, Umzügen und svnagogalen Gebräuchen. Und diese Darstellungen sind sämtlich so lebendig, daß es eine Freude ist, sic zu sehen. Eine Klebe- und Schcrenarbcit ganz kleiner Kinder ist noch erstaunlicher. Achtjährige sind cs erst und ihr Werk ist gleichfalls ein Simchath-Thorahumzug. Das Aquarell eines ebenfalls achtjährigen kleinen Zeichenkiinstlers stellt einen Familientisch dar. Der Hausherr und zwei Frauen sind über die Charakterisierung hinaus mit so außerordentlich vertieftem seelischen Ausdruck gezeichnet, daß man den Eindruck von Gesehenem bekommt. Im anderen Zimmer zeigt eine ganze Wand die Entwickiung eines begabten Schülers, des jungen Benzion Mich ton. Es sind Zeichnungen vom 10. bis zum 19. Jahr. Der Zehnjährige zeichnet sicher und ausdrucksvoll, vor allem aber bis in die Bewegung richtig einen Sandwagen. Er lernt sehr schnell, schon — als Vierzehnjähriger! —- die künstlerischen Wirkungen des Aquarells. Eine Schulaufgabe, ein Friedhof ist darzustcllen, wird ihm nur Anlaß zur artistisehen Ausschöpfung der Farbwerte. Einem Mädchen wird aber gerade diese Aufgabe Erlebnis. Diesem Häuflein dunkler brauner Steine mit den hebräischen Buchstaben und der in die Einsamkeit hingedrückten Enge glaubt man es: Das ist wirklich der jüdische Friedhof eines ״Städtels“. Interessant ist cs, daß die Begabung für das Kunstgewerbliche, also die Freude am Ornament immer wieder durchbricht. Man sieht sehr interessante Arbeiten, bei denen man an die stark farbigen primitiven Ornamente der persischen Juden denken darf. Die Sicherheit, mit der die Kinder die Ornamente zu geschlossener künstlerischer Wirkung bringen, überrascht immer wieder. Auch Prof. M c s s c r aus Gießen und Prof. Petersen aus Jena schrieben in das Erinnerungsbild! der Ausstellung Worte lebhafter Zustimmung und Anerkennung. Besonders gerne werden auch Dichtungen, eigene und solche der Mitschüler illustriert. Ein solches Poem hat der 14 jährige Michton mit soviel Schwung illustriert, wie er ihn später nur selten aufbringt. An einer Wand findet man in Heften Kompositionen 13- und!•!jähriger Schüler. In einer dieser Schulen führten die Kinder einige Opern auf, Schöpfungen eines jungen Seminaristen. * Dem von den Delegierten der ״W a a d a t h Fl a t a r - buth“ der allgemeinen Arbeiterorganisation in Palästina überreichten interessanten Bericht über die nach den neuen Grundsätzen geleiteten palästinensischen Schulen sind die folgenden Einzelheiten zu entnehmen: ״Die beiden Hauptprobleme der neuen Erziehung: Arbeit und Gemeinschaft drangen . . . nicht zum Zwecke des pädagogisclien Experiments ein, sondern sic sind die zwangsmäßigen Folgen aus der Tatsache des neuen Lebens, das sich hier gestaltet. Sic sind nicht lebensfremd, sondern organisch verknüpft mit der national-sozialen Ideologie des neuen Juden und mit dem täglichen Leben der Arbeiterschaft, die es auf sich genommen hat, diese Ideale in ihrer ganzen Lebenshaltung im Lande Israel zu verwirklichen.“ Oder an einer anderen Stelle: ״Die Heimkehr unseres Volkes in der Absicht, das Land aufzubauen und hier ein normales Volksleben zu beginnen, stellte den Erziehern bestimmte Aufgaben, die nur die neue Erziehung lösen kann: vor allem: ,die Ueberführung eines ganzen Volkes zu produktiver Arbeit, eines Volkes, das aus dem Exil heimkehrt und dem es auferlegt ist, alle Werte der materiellen und der geistigen Kultur mit eigener Hand und aus eigener Kraft zu schaffen‘.“ Von den Erziehungsanstalten, die sich um eine ״neue Erziehung“ bemühen, werden 38 von der Waadath Hatarbuth unterhalten (12 Schulen und 26 Kindergärten an 27 Orten). Die meisten davon befinden sich in den landwirtschaftlichen Kommunen und Arbeiterkolonien. Eine Anstalt, deren Schüler- Schaft zu 90 »/o aus Arbeiterkindern besteht, befindet sich in Tel-Awiw. Für die Unterstufe wird das vortreffliche System der ״Komplexe“ erstrebt, das in den Schulen von Sowjetrußland für die Unterstufe allgemein eingeführt ist und sich dort bewährt hat. Dieses System, das in einer der kleinen Sondergruppen erläutert wurde, besteht darin, daß die Kinder von einem Mittelpunkt aus in ein Wissensgebiet eingeführt werden, von da aus in ein benachbartes eindringen und so fort. Der Lehrer geht also von der Arbeit in Stadt, Haus, Familie, Fabrik oder von der Landarbeit aus, wie cs fiir Palästina hauptsächlich in Frage kommt. Die Kinder lernen außerdem die Grundlagen dieser Arbeiten kennen und lernen möglichst bei der Arbeit selbst. Im zweiten, dritten und vierten Schuljahr lernen sie auf der Grundlage der Selbst- Verwaltung in der Schule die städtischen bzw. dörflichen Gemeindeeinrichtungeu begreifen und erfahren von da aus den Begriff der ״öffentlichen Einrichtungen“ überhaupt. Bei diesem System begreifen die Kinder ganze Gebiete in ihrem natürlichen Zusammenhang, eins entwickelt sich aus dem anderen, wodurch die erworbenen Kenntnisse von großer Lebendigkeit und Unmittelbarkeit sind. Die Einzelheiten folgen dann auf den höheren Stufen. Es wird dann im einzelnen die Arbeit in folgenden auf dem Wege zur neuen Erziehung am weitesten fortgeschritteilen Schulen dargestellt: 1. Beth Alpha, 2. En Charod, 3. Tel- Awiw. Dazu kommen folgende Waisenheimc: 4. Das Erzieliungshcim in Shfeja, gegründet 1923; 4. das Kinderdort auf Giwath hamoreh, gegründet 1924; 6. das Jugenddorf in Ben Schemen, das von Dr. Siegfried Lehmann, dem Begründer des Berliner ״Jüdischen Volksheims“ und späteren Leiter des Waisenhauses in Kowno mit Zöglingen des letzteren eingerichtet wird*). Dazu kommen die allgemeinen jüdischen Volksschulen, in denen ebenfalls schulreformerische Bestrebungen zur Geltung kommen. Schließlieh berichtet die Denkschrift: Handwerksarbeit zu manueller Uebung pflegt man auch im Herzlgymnasium in Tel-Awiw und in der Realschule in Haifa in reichem Maße.“ * Mosche Oordon, der Chef der jüdischen׳ Kulturorganisation ״Tarbuth“ in Polen, gab eine Ucbersieht über das hebräische Schulwesen in Polen. Dieses umfaßt trotz der kurzen Zeit seines Bestehens gegenwärtig zirka 42000 Schüler mit zirka 1400 Lehrern in 129 Grundschulen, 20 Gymnasien, כ Seminaren und 71 Kindergärten, ist also dem jiddischen an Umfang noch überlegen. Trotzdem haben die hebräischen Schulen auch heule noch schwer zu kämpfen. Die Orthodoxen schicken 60 000 Kinder in den Cheder und bekämpfen die fortschrittlichen Methoden. Auf der anderen Seite macht sich *) Um die Finanzierung dieses ,,Jugenddorfes“ ist die zu dem Zwecke in Berlin durch Dr. Lehmann begründete ״Jüdische Waisenhilfe“ (Büro: Passauer Str. 24) mit dankenswertem Eifer und schönem Erfolg bemüht. Uebrigens wird am 13. September in einer Veranstaltung des ״Bundes entschiedener Schulreformer“, bei der auch ein allgemeiner Bericht über die Erziehungskonferenz gegeben werden wird, Herr Rabb. Dr. Max Wiener ein eigenes Referat über das Kinderdorf Ben Schemen halten. Vgl. auch den Aufsatz von Siegfried Lehmann im ״Berliner Tageblatt“ vom 24. d. M. - A. d. R. der Mangel an staatlicher Förderung schädlich bemerkbar. Die Eltern sind wirtschaftlich dazu gezwungen, ihre Kinder in die staatlich anerkannten polnischen Gymnasien zu schicken, wenn es auch in Warschau und einigen größeren Städten jüdische Gymnasien mit polnischer Unterrichtssprache gibt, die manche Fächer in hebräischer Sprache unterrichten dürfen. Diese Schulen stehen daher den hebräischen Schulen der Tendenz nach ziemlich nahe. Unter den Gegnern befinden sich leider noch immer die jiddischen Schulen. Von den jiddischen Schulen unterscheiden sich die hebräisehen dadurch, daß bei ihnen die Sprache zwar Voraussetzung und unerläßliche Bedingung zum Aufbau der neuen Kultur, trotzdem aber eben nur Mittel zum Ziel ist. Das Ziel aber ist die Lösung der Erziehungsfrage im Kontakt mit dem Wiederaufbau jüdischen Lebens. Bei den jiddischen Schulen ist die Sprache zugleich Kulturprogramm. Vor den hebräischen Schulen aber liefrt außer der Pflege der Sprache die schwere Aufgabe einer ausgedehnten Aufbauarbeit mit den Methoden der neuen Erziehung. Die hebräischen Schulen haben das Ziel, den einseitigen Intellektualismus zu bekämpfen und Erziehung zur Produktivität an seine Stelle zu setzen. Vor allem aber sind sie den Idealen eines neuen Lebens zugewandt, die den in Palästina wirksamen sehr ähnlich sind, da sie bewußt Paraliclkrcise bilden wollen zu einer gleich gerichteten palästinensischen Kultur. Die Schulen sind alle weitlieh und kooperativ. Sie haben Selbstverwaltung und neben den noch immer obligatorischen Klassen Lerngruppen: u. a. eine Sportgruppe, eine Kunstgruppc, die Theater, Konzerte und Kunstausstellungen veranstaltet, die Schulzeitung herausgibt u. a. und außerdem eine Bibliotheksgruppe, der die Schulbibliothek unterstellt ist. Lieber allem stehen die drei Hauptforderungen: Arbeit, gegenseitige Hilfe und Verbindung mit dem Leben in Palästina. Die Schüler beteiligen sich intensiv an der Arbeit für den Keren Kajemeth und sind zuin grollten Teil im Haschomer Hazai'r organisiert. Arbeitsschulen im Sinne Palästinas sind diese Schulen freilich nicht. Ein Handwerk wird aber in fast jeder Schule gepflegt. Die schlechte pekuniäre Lage dieser Schulen stellt sich hindernd vor manchen schönen Plan. Sie erhalten keinerlei staatliche Subvention. Die Eltern der Kinder sind vielfach in pekuniär sehr schlechter Lage und das Ausland hilft den hebräischen Schulen nicht in demselben Maße wie den Schulen der Orthodoxie. י Trotz aller Schwierigkeit erschlafft die Initiative nicht. Jedes Jahr im Juli und August treffen sich die hebräischen Lehrer zu Fortbildungskursen in Warschau. Auf diesem Kongreß sind sie vertreten, um mit den neuen Schulmännern der anderen Länder Fühlung zu bekommen. Die hebräischen Schulen in Bulgarien. Rumänien, Estland, Lettland, Litauen haben die gleichen Ziele. Es ist schade, daß'die hebräischen Schulen keine Aus- Stellung mitbringen konnten, was auch von Herrn Oordon bedauert wurde. Es ist nicht seine, sondern Schuld der polnischen Behörden. Bis zum letzten Augenblick galt es als unmöglich, überhaupt einen Paß zu bekommen. Erst nach Kongreßbeginn erhielt Herr Oordon Paß und Erlaubnis zur Beteiligung, und das nicht einmal für die ganze Konferenz. Er war daher auch gezwungen, seinen Bericht außerhalb der Konferenz in einem Meeting zu geben. Bei den zirka 50 anderen polnischen Kongreßtci'>־׳־hn1crn merkte man von ähnlichen Bc- Schränkungen nichts. Wegen der Unsicherheit der Beteiligung konnten die hebräischen Schulen keine Ausstellung vorbereiten. Es war interessant und erfreulich zugleich, im Rahmen dieser sehr ernst zu nehmenden internationalen Tagung eine zusarnmenfassende Uebersicht über die Erziehungsbestrebungen in den jüdischen Schulen Palästinas und der Galuth zu erhalten und dabei zu beobachten, wie unversehens die meist unbemerkte Arbeit von Einzelnen und Gruppen allmählich Resultate erstehen läßt, die von größter Bedeutung sind und für die Zukunft noch mehr versprechen. Ruth Mor.old. Wir haben bereits vor kurzem auf die Broschüre hingewiesen, die die Gesellschaft Brith Schalom, die sich eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina zum Ziel gesetzt hat, in hebräischer Sprache herausbrachte. Die Broschüre enthält eine Reihe von Aeußcrungcn zionistischer Publizisten aus einem Zeitraum von dreißig Jahren. Aus den angeführten charakteristischen Stellen ist 711 entnehmen, daß verantwortliche Kreise des Zionismus seit langer Zeit wissen, daß wir in Palästina neben dem Problem unserer nationalen Befreiung auch noch das Problem eines nationalen Ausgleichs zu lösen haben. Von den Namen, die in der Broschüre vertreten sind, nennen wir nur Herzl, Achad Ha am. D. G o r d o n . Schlomo Schiller, fizehak Epstein, Martin Bu her, Arthur R 1! p ח i n usw. Die Broschüre, die auch von der Verwaltung der ,,Jüdischen Rundschau“ für 60 Pf. zu heziehen ist, wird in Base! im Kongreßgebäude zu haben sein. * Unter dem Titel ״P r o b 1 e m c s P o 1 i t i q u e s de l’O r - g a n i s a t i o n S i 0 n i s t e“ veröffentlichte der bekannte btilgarische Zionist Dr. Marco Romano ein Buch, worin die wichtigsten zionistischen Probleme in französischer Sprache dargestellt werden (Les Editions Ricger, 7, Place Saint-Sulpice, Paris). Das Buch beschäftigt sich ausführ'ich mit unseren Bc- Ziehungen zu den Arabern. Auf Grund der Ziffern, die der Verfasser anfi'ihrt, kommt er zu dem Ergebnis, daß in Palästina stets beide Völker, Juden und Araber, gemeinsam leben werden und daß daher eine Staatsform gesucht werden muß, die beiden Völkern Parität sichert. Er wendet sich daher gegen die Propaganda eines jüdischen Nationalstaates, die die realen Tatsachen ignoriert. Dr. Romano nolemisicrt auch ge70׳n 4ab־׳>tinskv und gegen den Gedanken der Legion. Das zweite Kapitel ist dem Problem der Jewish Agency gewidmet. Dr. Romano gibt eine zusammenfassende Begründung der Weizmannschen Po’itik der Agency-Erweiterung. Das dritte Kapitel behandelt unsere Be- Ziehung zu England. Dr. Romano betont, daß die Weizmannsehe Politik eines gegenseitigen Vertrauens die einzig mögliche ist und ein scharfer Kampf gegen die Mandatarmacht den nolitiseben Kredit des Zionismus untergraben würde. Das Biichlein ist besonders darum zu begrüßen, weil cs eine der wenigen zionistisch-politischen Publikationen in französischer Sprache, der Hauptsprache des Völkerbundes, ist: die Aufklärung der französischen Oeffentlichkeit über die Richtlinien der zionistisehen Politik ist schon darum wichtig, weil gerade in Paris der Revisionistenlärm stark ist. m Palästinensische Arbeiterschalt und Keren Kajemeth __ Die 3. Konferenz der allgemeinen jüdischen Arheiterorganisation (Histadruth) nahm am 21. Juli folgende Entschließung an: Die Konferenz beglückwünscht den Keren Kajemeth zu seinem Jubiläum namens Tausender von jungen Menschen, die in landwirtschaftlichen Siedlungen Keren Kaiemeth-Boden hearbeiten und im Namen Zehntausmder, die den Tag ersehnen, der ihnen die Möglichkeit der Ansiedlung verschafft. Die Konferenz wendet sich an alle jüdischen Arbeiter der Welt mit der Aufforderung, den Keren Kajemeth zu unterstützen, dessen große Aufgabe in der Erlösung des palästinensischen Bodens, in seiner Ueberführung in das Eigentum des jüdischen Volkes, in seiner Bewirtschaftung durch selbstarbeifende Menschen und in dem Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung besteht. Zur Frage der Pflanzungen Der nachfolgende Aufsatz stammt von einem Fachmann auf dem Gebiete des Früchte-Großhandels. Die Ansicht, daß die bisherigen Methoden der Kolonisation falsch waren und die damit verbundene Enttäuschung scheinen neuerdings ein neues Schlagwort modern gemacht zu haben: ״Pflanzunge n“. Es wäre zu begrüßen, wenn die neue Parole auch auf dem Kongreß akzeptiert würde, da nach meiner festen Ueberzeugung Pflanzungen tatsächlich das Einzige sind, was Palästina aufbauen kann. Diese Ueberzeugung haben allmählich auch Kolonisten sämtlicher Schattierungen bekommen. Auf meinen Reisen durch das Land hatte ich Gelegenheit, beinahe alle Kolonien zu besuchen, die alten wie die neuen. Und überall, mit Ausnahme derjenigen, die sich nur auf Orangenpflanzungeii eingestellt haben, ein und dasselbe unsichere Gefühl und die Sorge um ihre Zukunft. Man hat schon zuviel Schlagworte erlebt und ebenso viele Enttäuschungen. (Zuletzt: Der Tabak.) Dreierlei Pflanzungen hat man bis jetzt empfohlen: 1. Weinstocke für Tafeltrauben, 2. Obstbäume mit und ohne Bewässerting, 3. Wald- und Zierbäume. Auf die dritte Kategorie möchte ich nicht cingchcn, da ich darin nicht kompetent bin, hingegen verweile ich ausführlich bei den ersten beiden. Weinstöcke sind unbedingt in Palästina zu Hause. Ich habe im ganzen annähernd 60 Arten gesehen, die mir von anderen Ländern bekannt sind, und alle gedeihen hier gut; in manchen Fällen geben sie viel größere Frucht, als ich sie in anderen Ländern gesehen habe. Man muß also annehmen, daß der Weinstock dasjenige ist, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken sollen. Man hat auch in den letzten Jahren bereits sehr viele Stöcke gebaut, so daß jetzt •ungefähr 6000 Dunam mit Weinstöcken bepflanzt sind. Das wäre sehr erfreulich, wenn .cs die richtigen Arten wären. Leider stellt es sich heraus, daß auch hier nicht immer das Richtige gemacht wurde. Schon jetzt hörte ich oft von Kolonisten, daß sie ihre Trauben nicht zu halbwegs guten Preisen los werden können, da das Angebot zu groß sei, und Kolonien, die nicht nahe den Großstädten liegen, sind sehr schlecht daran. Die Absatzschwierigkeit wird aber von Jahr zu Jahr noch schlimmer, denn die Produktion der neuen Anlagen wird bedeutend steigen, und die Hauptanlagen sind erst in den letzten zwei Jahren gemacht worden. Man hat mit einem besonderen Eifer neue Anlagen gemacht, da Tafeltraubcn bisher hier im Lande einen guten Markt fanden. Es ist aber selbstverständlich, daß der hiesige Markt nur ein verhältnismäßig kleines Quantum aufnehmen kann, und schon jetzt, bevor noch die Hauptanlagen eine Ernte hatten (Trauben geben die erste Ernte hier bekanntlich nach drei Jahren), ist schon die Ueberproduktion fühlbar. Das Naheliegende wäre, es mit Export zu versuchen. Und da stellte es sich heraus, daß das ausgeschlossen ist, da alle bisher angebauten Varietäten nur Sommersorten sind und sich für Export nicht eignen, abgesehen davon, daß die Exportsorten nicht überall angebaut werden dürfen. Also, bevor wir noch die volle Ernte der angebatiten Fläche haben, haben wir schon eine Krise. Die Folge wird sein, daß man die Traube genau so verdammen wird wie den Tabak. Das wäre aber vollständig falsch. Es besteht leider^ die Tatsache, daß wir in unserer Leitung keinen einzigen Wtrtschaftler von Fach auf diesem Gebiete haben. Es ist auch nicht zu verwundern, daß unsere Agronomen, die sich niemals mit Export von Früchten befaßt haben, die Varietäten von Tafeltrauben eingeführt haben, die ihnen in Europa am besten schmeckten. Darnach geht es aber nicht. Palästina mit den ihm eigenen Vorbedingungen der klimatischen und Bodenverhältnisse müßte ganz andere Varietäten produzieren, von denen aber keiner unserer Agronomen etwas gewußt hat. An einer anderen Stelle habe ich mich bereits im Dezember vorigen Jahres eingehend darüber ausgesprochen (Palestine & Near East 11/12) und werde hier nicht mehr darauf eihgehen. Ich möchte nur erwähnen, daß es sich um Sorten handelt, die speziell für Export angebaut werden. Iin verpackten Zustande lagern diese Trauben fünf bis sechs Monate und werden in Europa und Amerika den ganzen Winter über verkauft. Sie werden bis jetzt hauptsächlich in Spanien angebaut, Versuche, dieselben Sorten in Taschkent anzubauen, waren sehr erfolgreich. Auch Australien hat diese Varietäten übernommen und produziert sic mit größtem Erfolg. Die australischen Trauben bieten jedoch den europäischen keine Konkurrenz, da sie erst im März geerntet werden. Nach meiner Publikation im vergangenen Winter hatte ich eine Aussprache mit leitenden hiesigen Agronomen, die Folge war aber, daß man gleich danach noch ein erhebliches Quantum der bisher angebauten Sorten in Frankreich bestellt hat. Wenn ich von Palästina als von einem Rebenland spreche, so meine ich keinesfalls, daß man jede Varietät auf jedem bc• liebigen Platz pflanzen soll. Man muß ein genaues Programm ausarbeiten, nach dem man die Plätze einteilt, so daß man jedes Terrain für diejenigen Varietäten ausnutzt, für die es am rationellsten liegt. Speziell für Wein werden Trauben hauptsächlich um Rischon und Sichron herum angebaut. Erfreulicherweise hat sich durch starken französischen Einkauf die Lage dort sehr gebessert, und der Kolonist hat heute einen Ertrag von im Durchschnitt £ 5 per Dunam. Für den lokalen Markt mußte man Varietäten nehmen, die man evtl, bei einem überfüllten Markt nach Nachbarländern exportieren konnte, und das sind hauptsächlich die orientalischen Sorten, die bis jetzt die Araber pflanzen, und die wir vollkommen außer acht gelassen und zum Teil ausgerottet haben. Zur Entschuldigung unserer Agronomen möchte ich annehmen, daß sic nicht gewußt haben und auch heute noch nicht wissen, daß mit Ausnahme der einen Sorte sämtliche von ihnen aus Frankreich eingeführten Sorten nicht einmal den Transport nach Aegypten aushalten können. Die englische Regierung hat erfreulicherweise ein Interesse am Export der Trauben gezeigt. Sie hat eine Sendung nach Aegypten gemacht, die selbstverständlich schlecht angekommen ist. Außerdem hat die Regierung 12 Tonnen Trauben mit Kühldampfer nach London geschickt. Der Versuch ist, ganz gleich welches Resultat er gibt, ohne praktischen Wert; denn man kann keinesfalls mit europäischen Trauben von Nachbarländern konkurrieren, da sie außer der viel billigeren Fracht den Vorzug haben, nicht sofort verkauft werden zu müssen, wie es mit den Früchten, die mit Kiihldampfcr kommen, geschehen muß. Denn wenn sie nicht sofort dem Konsum zugeführt werden, verfaulen sie sofort, sobald sie Wärme bekommen. Für Export in entfernte Länder kommt nur eine Sorte in Betracht, das sind einige Varietäten der Ohancz-T raube. Die kann in Palästina auf jedem Boden gedeihen, taugt aber für Export nur dann, wenn sie auf Anhöhen nicht unter 403 m über dem Meeresspiegel angebaut wird. Also z. B. Obergalilaa von Roschpinah an, dam^ die ganze Gegend nach allen Richtungen um Jerusalem herum bis nach Hebron einerseits, Artuf andererseits und Jennin dritterseits. Diese Art Traube könnte sowohl fiir weiten Export dienen als auch für den lokalen Markt für den Winter aufbewahrt werden. In de! Hebroner Gegend fand ich eine Varietät vor, die mit der unveredelten Ohanez identisch ist. Dieser Export kann lohnend werden (da Spanien aus Mangel an passendem Boden nicht genügend produzieren kann) und kann einen Durchschnittspreis von 18 bis 20 Schilling pro Faß (18 bis 20 kg netto) erzielen. Einen Vorzug hat Palästina gegenüber Spanien insofern, als die Regenperiode in Palästina erst nach der Ernte anfängt. Dagegen kommt es in Spanien vor, daß der Regen mit der Ernte zusammeafällt und sic, wie im vergangenen Jahr, bis

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