Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 68-69 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68/09, 26.Vm. 1927 JUEOISCHE RUNDSCHAU Seite 491 Judentum und Christentum Das neue Sonderheft des ״Juden'*. Es ist bezeichnend für unsere zionistische und jüdische Lage, daß von den vier Sonderheften des ״Juden“ nur ein einziges einer Frage gewidmet war, die sich vergleichsweise im abgeschlossenen Kreis des jüdischen bedenken (wenn auch nicht ״behandeln“) läßt: der Frage der jüdischen Erziehung, während die drei anderen bewußt das Problem der Grenze stellen, der Grenze zwischen uns und den anderen. ״Antisemitismus und jüdisches Volkstum“ — so begann es, zugespitzt von den entgegengesetzten Ecken her. ״Judentum und Deutschtum“ — so wurde die Ueberlegtmg fortgesetzt, anscheinend in allgemeinerer Fassung, in Wahrheit eigenhaltiger, stärker um den Mittelpunkt des geistigen Unterschiedes gelagert. Und der wird nun selbst im dritten Heft ausgesprochen und zu in Gegenstand der Erörterung gemacht: ״Judentum und Christentu in“. Es ist wichtig, zu wissen, daß diese Erörterung auf z i o n i s t i - sch em Boden stattfindet und in dieser Art wohl ohne Zionismus kaum denkbar gewesen wäre, so fern auch metaphysische Fragen seinen Gründern und ersten Führern gelegen haben mochten und manchem der heutigen Führer noch liegen mögen. Aber der Zionismus schuf eins: die jüdische öffentliehe Meinung. Im Kongreß gewann sie nicht nur ein neues Ausdrucksmittel, sondern hier fand sie sich überhaupt erstmals wieder, erstarkte im Zusammenrauschen von Ost und West zu ihrer Selbsterkenntnis und damit zur Wirklichkeit ihrer Aufgabe. Und wenn es echte öffentliche Meinung gibt, dann zieht sie auch solche Gegenstände in ihren Kreis, die ursprünglieh ganz fern zu liegen schienen, aber heimlich hinzugehören. Schon lange vor dem Zionismus sprachen Juden vor Nichtjuden über nichtjüdische Dinge, oder Juden vor einem begrenzten jüdischen Kreis auch über jüdische Dinge. Erst seit dem Zionismus sprechen Juden vor der (wenigstens möglichen) Gesamtheit Israels über Judentum und sprechen über das gleiche auch vor den Völkern der Welt. Und nun erleben wir die noch fehlende Ergänzung zu einer echten öffentlichen jüdischen Mcinung: Nichtjuden, und zwar nicht zufällige, sondern bewußte Christen, sprechen vor uns und zu uns, und was am wichtigsten ist: sie streiten mit uns vor unserer Gegenwart. Das echte Gespräch wandelt das Wort dem Redenden im Munde, da er den Hörer sich gegenüber fühlt. Der Hörer spricht das Wort mit, das er hört, und der Redner hört das Wort mit, das er spricht. Deshalb verlaufen Gespräche auch sachlich anders als Selbstgespräche — auch dann, wenn niemand den anderen überzeugen kann oder will —, deshalb verlaufen Gespräche so verschieden, je nach dem Orte, wo sie sich abspielen. Wenn im November 1925 die ״Stimmen der Zeit“ Deutschlands führende katholische Zeitschrift, einen Aufsatz ״Judentum und Christentum“ des Jesuitenpaters Erich P r / v - w a r a, der Bubcr und Cohen, ßrod und Rosenzweig, Baeck und Birnbaum alle in einen Topf warf, und was das schlimmste war: in den falschen, in das durchaus irdene Gefäß der Gott-Entthronung, wenn man damals seinen Aufstellungen scharf entgegentreten mußte, so war das kein Grund, ihn nicht zur Mitarbeit am Judenheft aufzufordern und ihn lediglich durch Oskar Wolfsbergs (an sich zutreffende) Kritik einzubeziehen. Nein! — auch er hätte sich in unserem Kreise äußern sollen, hätte die Verwandlung seines Selbstgespräches in echtes Gesprach erfahren mögen und vielleicht manches zu sehen gelernt. So fehlt diesem Heft die katholische Stimme, und das ist schade! Denn der Katholizismus hat anders als der Protestantismus sich eine Stellung auch zum nachchrist'ichcn Judentum stets bewahrt, eine gewisse Gesamtverantwortung — die z. B. im Karfreitagsgebet für die Juden zum Ausdruck kommt — immer betont. Bei Przywara wäre man auch vor dem aufdringlichen Missionston sicher gewesen, den der gleichfalls katholische Theologie- Professor Krebs in einem Aufsatz, des ״Morgen“ nicht vermied (auch als Sonderdruck des Philoverlagcs erschienen) und der in die Worte mündet: ״Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“, denn ״Euer Heil ist Euch in Christus gekommen, aus Unwissenheit habt Ihr es von Euch gewiesen“. Zu derartigen Formulierungen hat sich nicht einmal derjenige Aufsatz des ״Juden“-Heftes verstiegen, der von einem berufsmäßigen Missionar verfaßt und übrigens der unbedeutendste ist: Alfred Jeremias’ Beitrag, der aber trotzdem die heile Entrüstung der C. V.-Zeitung und ihres Paul Rieger hervorruft. Was mag Herr Dr. Rieger nur zu Krebs gesagt haben, den man unwidersprochen ließ und sogar sonderdruckte, wenn er anläßlich des im gleichen Hefte (ebenfalls von Wolfsberg) scharf zurechtgewiesenen Jeremias uns zuruft: ,,Mehr Selbstachtung, meine Herren, und mehr Selbstkritik!“ — Jüdische öffentliche Meinung! Wir empfinden einen anderen Aufsatz des Heftes als bedenküchere Verirrung: Nathan Birnbaums ״Vom erledigten Judentum“. So wenig wir diesem tapferen Seelenkämpfer die Sicherheit und persönliche Ueberlegenheit seines jüdischen Gnadenbewußtseins anzweifeln mögen, so unerträglich ist es, wenn er den suchenden, von heiliger Unruhe erfaßten Juden[ der diese nicht nur zu Gott trägt, sondern auch zwischen die Menschen, der sie nicht nur oder vielleicht gar nicht religiös auslebt, sondern politisch und sozial, wenn er den, mit Oskar A. H. Schmitz, als ״nicht wünschenswert“ ansieht. In Birnbaums neuem Buche ״Im Dienste der Verheißung“ (Hermon- Verlag, Frankfurt a. M. 1927) ist dieser hier nur anmerkungsweise gegebene Gedanke ausführlicher, aber nicht besser bebegründet. Wir müssen ihn als eine Folge der agudistischen Abschnürung vom Volksganzen erkennen, als Versagen zugleich grundgegebener und gottbcfohlener Solidarität und Gemcinbürgschaft, zugleich aber auch als Kapitulation vor der Macht der Ideologie und als vollendete Unfähigkeit, das Problem des ״heimlichen Juden“ zu sehen, des Juden, der in Spinoza, in Marx, in Trotzki atmete und tat — gewiß nicht ohne weiteres fornuilicrbar, gewiß nicht zu apologetischem Schmuck zu verwenden, aber doch ganz gewiß lebendig und seiend. Von diesem Juden gerade spricht ein anderer bedeutender Aufsatz des Heftes: Max Wieners ״Säkularisierte Religion“, und es ist eine Feinheit der Redaktion, daß sie die beiden nebeneinandergestellt hat, um der voreiligen Antwort eines alten Mannes die Frage eines jüngeren folgen zu lassen. Die meisten übrigen Aufsätze sprechen von demjenigen, was sich über dem Inhalt der jüdischen Glaubensvorsteliungen aussagen läßt, und stoßen immer wieder auf das alte Gegensatzpaar von ״Gnade“ und ״Gesetz“, das Martin D i b e I i u s auf der einen Seite, Max Diene mann und Max E s c h e 1 b a c h e r auf der anderen Seite, wie auch Friedrich Thiebergers feiner Aufsatz. über den ״Jüdischen Erlösungsgedanken“ behandeln. Dibelius ist voll guter Kenntnis und behutsamer Humanität; er fühlt sich in seinem Wort ganz zu Hause und zugleich als Gast vor fremden Leuten, denen er Rücksicht und Takt schuldet, doch aber vor allem Offenheit und Wahrheit. Sagt er uns auch nichts neues: es ist menschlich schön, wie er es nicht tut. Von den Juden stößt Eschelbacher am tiefsten, gerade weil er — wie übrigens auch Dienemann — sich nicht aufs Formulieren legt, sondern aufs Beschreiben. Wichtig ist, gerade auch für unsere häuslichen ״kulturpolitischen Debatten“, daß keiner dieser Hb«- ralen Rabbiner die grundsätzliche Wichtigkeit und Notwendigkeit des Gesetzes bestreifet, jeder es vielmehr mit Dienmanns Worten hervorheben könnte: ״Man kann im Judentum über den Umfang des Gesetzes streiten, man kann Wertunterschiedc zwischen Sittengesetz und kultischem Gebot erörtern und ansetzen, aber einmütig ist man darin, daß die Frömmigkeits- Stimmung das ,Du sollst‘ Gottes als berechtigte Forderung anerkennt und ihm genüge zu tun sich müht.“ in Eschelbachers Aufsatz, der geradezu ״Das jüdische Gesetz“ behandelt, wird in so erlebten Worten, wie ich sie selten las, die Herrlichkeit unserer Halacha an einzelnen Beispielen nachgebildet. Auf Christen w׳ird das sicher starken Eindruck machen — vielleicht sogar auf Juden! Einige Aufsätze scheinen dem Thema auszuweichen, aber sic treffen es doch. Es ist schön, daß man Hermann Kutters, des Züricher Arbeiterpfarrers Beitrag ״Gott und die Ideen“ an die Spitze gestellt hat, denn er sagt d i e Wahrheit: ״Es gibt Judentum und Christentum, weil Gott ist. Und nicht gibt es einen Gott, weil es eine jüdische und christliche Religion gibt. Gott ist nie Bestandteil einer Religion.“ Und so etwas meint wohl auch Christoph Schrempfs Bemerkung über ״Christentümer, Judentümer und die Wahrheit“, obwohl sie nicht sieht, daß die Wahrheit sich konkretisieren muß, ohne sich dabei relativieren zu dürfen: ja, daß gerade dies zu vollziehen des Menschen Aufgabe ist. Paul Adlers Verneinung seiner Frage ״Gibt cs ein jüdisch-christliches Problem?“ hätte vielleicht besser in eines der vorhergehenden, politisch-soziologischen Hefte gepaßt, aber ganz in den Kern führt wieder der umfangreiche Aufsatz, der das Heft beschließt: A. S. Steinbergs ״Dostojewski und das Judentum“. Er zeigt den ״Antisemitismus“ des großen Russen als m e s s i a n isehen Neid auf: als widerwillige Anerkennung des gänzlich einmaligen Judentums, seiner metaphysischen Existenz, seiner überethnographischen Ewigkeit — und als den Versuch, dasjenige zu bekämpfen, was auf der Welt einzig seinem Russentum zur Seite treten könnte und es, vielleicht, in der Erlösung überflügein wird. Steinberg deutet die Frage an, die sich für unser eigenes Selbstbewußtsein als Volk daraus ergibt —■ und ich darf mich der Uebereinstimmung freuen, da ich das gleiche in einer Jahre zurückliegenden kulturpolitischen Debatte unter Zionisten gerade auch unter Berufung auf Dostojewski einmal getan habe: ״Worin besteht die ,Idee‘ der jüdischen Existenz? .ist es wirklich wahr, daß das jüdische Volk nur ein entgeisterter Körper, ein der Idee ermangelnder sozialer Organismus, nichts als ,ethnographisches Material' ist?“ Dies ist die Frage eines Juden an das Judentum, und cs war die Frage des Christen Dostojewski an das Judentum. Es ist — über ״Judentum und Christentum“ hinaus — die jüdische Frage, Wir wollen uns freuen, daß der ״Jude“, der zionistische ״Jude“ sie fragt. Wer diese Zeitschrift entstehen sah, in allen Wechselfällen an ihr hing und sie nun so ernsten Gegenständen in so ernster Welse zugewandt wiederfindet, der muß denen dankbar sein, die ihr durch die ״Sonderhefte“ erspart haben, zur Vergangenheit zu werden — vor allen dem jetzigen Redakteur, Dr. Siegmund Katznelson — aber er wird auch wünschen müssen, daß dieser Uebergang zu einer neuen Zukunft führt. Und das liegt, wie mir scheint, lediglich an uns. Dr. Ernst Simon. Grufj an Habimah Bricht der Winter wirklich schon ein? Beginnen die Abende, die bislang den Kiefern des Grunewalds und seinen wundervollen Eichen gehörten, den Wasserfahrten, den Gartenwegen — beginnen diese Abende wirklich wieder, den Spielen des Geistes und der Kunst Vorbehalten zu werden? Dann sei also willkommen in Berlin, Habima! Wir haben Dich nicht vergessen, wir sind begierig, das graugefleckte, dämonische Farbenspiel der Dybukauffiihrung wieder zu sehen, diese Bühnenkunst, die die Grenzen unserer Anschauungen vom Szenischen erweitert hat wie selten ein Ereignis der letzten Jahre, und zwar erweitert nicht nach einer rein theatralischen und komödiantisehen Masken- und Maschinenwelt, sondern nach der bedeutenden, geisttragenden, bildgesättigten Bezauberung durch jene Gebärde symbolischer Oeifentlichkeit, Massengliederung und Einzelwirkung,־ die das Theater im Dienste der Dichtungswelt zeigt, durchscheinend, übermenschlich, ein Organ der Gruppenerkenntnisse und -erlebnisse. Nicht gut begann Euer diesmaliger Aufenthalt, Männer und Frauen der Habima! Ihr verlort einen Eurer Kameraden, den beim Baden der Tod überfiel, Efrati, dem es auch nicht vorhergesagt worden war, daß nach vielen Fahrten ihn, den hebräischen Schauspieler, das Wasser der Spree aufnehmen und wegtragen würde, Ihr werdet Eure Reihen enger schließen, und wenn Ihr an Berlin zurückdenkt später, wird sich in der Erinnerung an Erfolge und Begeisterung auch der Schatten mischen, der von einem Grab auf dem Friedhof in Eure Erfahrungen fällt. Ein Mann ist nicht sehr viel wert in dieser Zeit des Massenverschleißes und der Massenwirkung von Mensehen, aber ein wirklicher Kamerad ist unersetzlich, auch wenn er nicht unter den Spielern der ersten Reihe gestanden hat. Wir wollen seiner gedenken, wenn am ersten September Euer erster Abend beginnt. Wir wollen hier nicht Eurer vergangenen Triumphe im Einzelnen gedenken, denn wer sie sah, hat sie noch nicht vergessen, weder die Erschütterung noch den Jubel, und auch nicht das Befremdende, nur Malerische gewisser weniger anziehendem Abende. Das Publikum, so oft treulos gescholten, hat ein gutes Gedächtnis; und das jüdische besonders ist dankbar, wenn sich seine eigenen Künstler für die nur ihnen lösbaren Aufgaben bewahren und zur Wiedereinrichtung normalen jüdischen Lebens und Daseinsgefühls das ihrige beitragen. Groß wie die Diana der Epheser und vielfältig wie die Figuren an ihrem Knieband ist das Leben eines wiedererstarkenden, zu selbständiger Geltung erwachenden Volkstums; nach allen Seiten will es sich ausbreiten und sich üben im Hervorbringen autonomer Werte, die ihm unverwechselbar Rang und Gestalt unter glücklicheren Völkern sichern. So kommt Ihr, Juden aus Rußland, von russischen Theaterkräften erzogen und genährt, und spielt hebräisch in Berlin, wie einst die deutschen Komödianten umherzogen und übersetzte Stücke französischer und englischer Herkunft und ihre deutschen Nachahmungen spielten. Und so wie aus diesen fast vergessenen Anlehnungen der frühen deutschen Theaterzeit das große reiche Gebilde des deutschen Dramas autonom und herrlich erwuchs, scheu wir in Euch die Keimzelle, aus der, sei es in Palästina, sei es anderswo, das autonome jüdische Drama und Theaterspiel wieder in die Welt tritt. Inzwischen wird sich hoffentlich auch in Berlin herumgeredet haben, die Sprache, in der Ihr spielt, sei hebräisch. Es gab viele Zuhörer an den Abenden, an welchen ich im Zuschaticrraum saß, die immer wieder bedauerten, russisch nicht zu verstehen. Das ist spaßhaft, aber manches Spaßhafte ist überflüssig, und wenn einmal russische Truppen zu uns kommen und so wundervoll Theater spielen wie sie ihre Filme unerreichbar schaffen, wollen wir dafür sorgen, daß man von ihrer Sprache nicht behauptet: hebräisch klinge ausgezeichnet von der Bühne. Und nun, meine Lieben, fangt an! Die Rollen sind verteilt, Worte und Gebärden warten in jedem von Euch, entfesselt zu werden, und ehe nach dem letzten Gong der Vorhangzieher sich in die Seile der Gardine stürzt, noch schnell nach alter Theatersitte einen Blick durchs Guckloch (da sitzen wir schon und warten), und ein kurzes: ״Mals- und Beinbruch!“ Arnold Zweig. * Habimah ■Gastspiel in Berlin Am 1. September beginnt das Gastspiel der Habimah im Berliner Komödienhaus, Das Ensemble, dem u. a. Frau R o w i 11 a . angchört, ist von Direktor Viktor Barnowsky für den ganzen Monat September eingeiaden. Das Gastspiel beginnt mit ״Ha - Dy buk“, es folgen der ״Ewige J u d e“, ״J a a k o b s Trau m“ und der ״G o I e in“. — Aus zahlreichen Städten der Provinz sind an di* Habimah Einiadungen ergangen, denen sie nach Beendigung ihres Berliner Aufenthaltes Folge leisten wird. - Unseren Lesern wird der große Erfolg des vorjährigen Gastspiels noch in bester Erinnerung sein und wir hoffen, daß die hervorragende Darstellungskunst des Ensembles auch dieses Jahr den gleichen Widerhall findet. Vom Weltkongreß für Erneuerung der Erziehung Locarno, im August. In Locarno, der Friedensstadt, oder der Stadt mit der ehemaligen Friedenshoffnuug, tagt eben ein Weltkongreß, an den man für die Verwirklichung des Friedens vielleicht wirklich Erwartungen knüpfen kann. Es ist der pazifistisch und sozial gerichtete Weltkongreß ״für neue Erziehung“ oder wie ihn die deutsche Leiterin Elisabeth Rotten lieber genannt haben will, für ״Erneuerung der Erziehung“. Er ist der vierte und an Zahl der Teilnehmer von allen bisherigen der bedeutendste. Aus 40 Ländern waren schon vor Kongreßbeginn 903 Delegierte angemeldet. Gegenwärtig sind cs mit Gästen, die für die Schulen ihrer Länder internationale Beziehungen anknüpfen wollen, über 1100. Aus China, Mexiko, Afrika und Australien, aus U. S. A., Brasilien, Indien, England, aus der Türkei, Deutschland, Frankreich und von den Balkanvöikero, aus der Negerrepublik Liberia und Neuseeland, aus Holland, Polen und Palästina sind alle die gekommen, die den Gedanken der neuen Erziehung in ihren Ländern Wege zur Wirkungsmöglichkeit bereiten wollen. Am einleitenden Abend wurde auch Herr Mosche Oordon, der Delegierte der jüdisehen Kulturorganisation Tarbuth in Polen, begrüßt. Außer ihm ist Prof. Hersch aus Warschau delegiert. Aus Pa- I ä s t i n a sind die Vertreter des Kulturausschusses der Arbeiterorganisation (Waadath Hatarbuth), Herr Chaitn Zvili und Frau Pninah Rettenber g aus Tel-Awiw, anwesend. Die jiddischen Schulen Polens zeigten eine große Ausstellung mit interessantem Material, auf die ich später zu sprechen komme. Zuvor nur einige Worte über Wege und Gedanken dieser Bewegung, die beginnt, für die Schulen der ganzen Welt wichtig zu werden und von der auch Palästina schon profitieren könnte. Denn dieses neue Svstem, das die Befreiung von aller Dogmatik und unbiegsamem Schema bedeutet, ist für alle wichtig, die sich jedesmal frisch vor neue Aufgaben stellen. In kurzen Worten also handelt es sich um die Befreiung des Kindes von allem, was die frühere vom Erwachsenen her gesehene Erziehungsmethode an Zwang und falschem Autoritätsglauben in die Jugend hineingetragen hat. Das Kind soll selbständig, d. h. zum autonomen Menschen erzogen werden. Diese Gedanken, von vielen Seiten zugleich aufgetaucht, sind nur in Einzelbeiten verschieden. Wyncken und Lietz gaben den Kindern Selbstverwaltung in der Schulgemeinde und bewegliche Klassen (das sind Kurse für die Kinder, die der Begabung nach zusammengehören und fähig sind, sich über ein ganzes Gebiet einen Ueberblick zu schaffen); Berthold Otto befreite sie im Gesamtunterricht vom Schema. Frau Mo 11■ tessori macht im Spiel schon die Allerkleinsten selbständig, denn das Spiel ist die schöpferische Betätigung des Kindes. Nachdem der erste Schritt getan war, folgten die weiteren rasch. Für fast alle Unterrichtsfächer haben sich bereits erfolgreiche Anwendungsmöglichkeiten der neuen Methode ergeben. Der die allgemeine Einführung der neuen Unterrichtsmethoden in den Schulen bisher hindernde Einwand war der, daß ״die individuelle Methode nur für wenige Kinder auf einmal anwendbar sei und die Zahl der Lehrer verdoppelt werden müßte“. Prof. Peters en aus Jena beweist aller in seiner der Universität angegliederten Versuchsschule, daß diese neue Methode auch bei Klassen von 45 Kindem durchführbar ist; er erläutert diese Methode gegenwärtig in Locarno im sogenannten Jena-Kurs. Auch die jiddischen Schulen in Polen, deren Ausstellung hier in Locarno unbestrittene Anerkennung gefunden hat, — es sind Schulen in Warschau, Lodz und Wilna — benutzen die Vorteile der individuellen Methoden, und ihre Erfolge sind angesichts der Revolution, die all diese Neuerungen für den Osten bedeuten, erstaunlich zu nennen. Bilder von dem lebendigen und schönen Gemeinschaftsleben in diesen Schulen liegen in Photoalben aus. Rhythmische Tänze, Theaterszenen mit erstaunlich feinem Gefühl für künstlerische Wirkungen, Verkleidungen zur Darstellung der verschiedenen Völker, Bilder von Ausflügen und Ferienheimen, alles dies vermittelt sehr lebendige Anschauung. Der Ausstellung der jiddischen Schulen blieb im Rahmen der über hundert angemeldcten Wechselausstellungen leider nur ein Tag bewilligt. Nur zwei Räume, aber eine Fülle von Material und ein seltener Reichtum an Begabungen! Um es kurz zu sagen, die Befreiung der lernenden Kinder ist in dem Sinne geglückt, daß die Entwicklung aller Begabungen und die Persönlichkeitsbildung angeregt wird, und das im Ausblick von der jüdischen Kultur auf die Kultur der anderen Völker. Charakteristisch ist es, daß die stärksten künstlerischen Leistungen nicht in Zeichnungen allgemeiner Art zu finden sind, sondern hauptsächlich im jüdischen Omament oder in Darstellungen aus dem jüdischen Leben; IIIustrationen zu Dichtungen von Scholem Alechems und Eerez,