Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 68-69 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48» TÜEOTSWRE RÜNDSCFTÄD Nr. 68/00, 26.Vm.!027 Positives zum Kongrelj Von Dr. JakobThon, Jerusalem. )(eine günstige Prognose wird dem XV. Kongreß gestellt. Die meisten Delegierten geben nach Basel in der Stimmung von Offizieren einer geschlagenen Armee. Zu dem eingebüßten Selbstvertrauen gesellen sich die übrigen Begleiterscheinungen einer Niederlage-Stimmung: es ist leichter, die Anderen als sich selber für erlittene Mißerfolge verantwortlich zu machen. Die revisionistische Note gebt fast durch alle Teile der Partei Hier in Palästina wurde sie unerfreulich herausgehört aus den Berichten der von der letzten Londoner Sitzung zurückgekehrten Aktions ־ Comite - Mitglieder. Die Berichte von Dizengoff, genau so wie die von Remes und Ben- O urion waren auf dasselbe abgestimmt: Die Zionistische Organisation hat sich in der Sitzung ihrer Vertreter in London in ihrer vollständigen Ohnmacht gezeigt. ״S i e“, d. h. die anderen Aktions-Comitfi-Mitglieder (außer dem Berichterstatter und seinen Freunden), waren nicht imstande, die Situation zu reiten. Daß man selber, als gleichberechtigter Teilnehmer jener Versammlung, auch nicht gottbegnadet genug war, um das erlösende Wort zu finden, den Ausweg aus der Klemme zu entdecken, das verschwieg man den Zuhörern und leider wohl auch sich selber. Es wäre verhängnisvoll» wenn diese Ausschaltung seiner selbst von der Verantwortung für das Geschehene und ihre alleinige Uebertragung auf die Anderen die Parteien des Kongresses beherrschen sollte. Eine ruhige und objektive Prüfung der Tatsachen wird nicht nur eine richtigere Beurteilung der Vergangenheit und Lehren für die Zukunft ermöglichen, sondern auch die Sammlung der Kräfte bewirken, die nötig ist, um die Pause in der aktiven Aufbauarbeit zum Abschluß zu bringen. Wenn wir heute über den Zusammenbruch der Tel-Avviwer Einwanderung urteilen — 80 ״/o der vierten Alijah ging nach Tel-Awiw, und die gegenwärtige Krisis ist zu SO 0׳;״ eine Tel- Awiwer Krisis — dürfen wir nicht vergessen, daß es in all unseren Parteischattierungen nur Vereinzelte gab, die diese Einwanderung nicht mit Begeisterung begrüßten, ln bürgerliehen, wie in Arbeiterkreisen sah man in dieser beginnenden Masseneinwanderung die richtige ■אתחלתא דגאולר Als in den Jahren 1019 und 1020 Detaillisten-Aufbau- Programme empfohlen wurden, sagte ein Führer der Organisation: ״Wozu diese Programme, unsere Juden werden sich doch nicht an sie halten, sie werden aus Warschau kommen, aus Lodz, aus Bialystok, mit Geld in der Tasche, mit ihrer geschäftlichen Erfahrung und ihrem Unternehmungsgeist, und sie werden das Land aufbauen nach ihrem Geist.“ Es wurde aber bald klar, daß Tel-Awiw nicht so aufzubauen ist, wie Lodz von Juden auf gebaut wurde. Es ist nicht unrichtig, wenn behauptet wird, daß diese große Einwanderung sich selber überlassen blieb, daß die Leitung der Organisation von dem Einwanderer-Strom überrascht wurde, der ihr bald über den Kopf wuchs. Es darf dagegen auch nicht vergessen werden, daß im Taumel jener Zeit auch gutgemeinte Ratschläge nur selten befolgt wurden. Auch stand jedem Versuch, die Einwanderung systematisch und zweckentsprechend auf verschiedene Teile des Landes zu verteilen, der Herdentrieb entgegen, demzufolge die Einwanderer sich möglichst alle in der Herzlstraße in Tel-Awiw niederlassen wollten. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß der Zukauf von Boden zur Erweiterung der jüdischen Pflanzungskolonien, in denen ein erheblicher Teil der Einwanderer sich hätte produktiv ansicdeln können, überaus schwierig war und ist. Dennoch ist cs richtig, daß man viel größere Anstrengungen hätte machen müssen, um einen anschaulicheren Teil der Einwanderer in der Landwirtschaft zu verwurzeln. Wenn dies nicht geschehen! ist, so ist am wenigsten die Arbeiterschaft dafür verantwortlich zu machen, wie die Organisatoren des Mittelstandes es vielfach tun. Es ist richtig, daß die Arbeiterschaft, dank ihrer strammen Organisation und der grenzenlosen Aufopferungsfähigkeit ihrer Leiter und Mitglieder, ihre Angehörigen in Schutz nimmt, während die Einwanderer des Mittelstandes, einer unorganisierten Masse angehörend, sich selber überlassen blieben. Auch war die junge Arbeiterschaft seit Jahren als das Kolonisationselement der zionistischen Leitung anerkannt, während der Mittelstand erst seine An- Sprüche auf Kolonisierung anmelden mußte — was bis vor kurzem gar nicht geschah — und daß er die ihm zusagende Basel Von Sch. G ore 1 i k. Der 15. Kongreß, der vor so vielen und wichtigen realen, wirtschaftlichen Aufgaben steht, sollte doch eigentlich in irgendeiner anspruchslosen, durch keine zionistischen Ueberlieferungen belasteten Stadt seine Tagungen abhalten. Auf diese Weise hätte man die nottuende Sachlichkeit, die durch keine Sentimentalitäten getrübte Nüchternheit am besten dokumentieren können und des Lobes der amerikanischen Freunde des Zionismus wäre man auch sicher gewesen. Dessen ungeachtet wird der 15. Kongreß in Basel stattfinden, die Dclegierten werden gewissermaßen zu den hohen Wellen der Erinnerungen getrieben. Auch der Unromantische, der Phantasielose wird durch die Schatten der Vergangenheit Stimmungen und Betrachtungen ausgesetzt sein, die ihm diese Vergangenheit trotz der Dürftigkeit der erreichten Resultate besonders glorreich erscheinen läßt. Gemessen an dem jetzigen Stand der zionistischen Bewegung, wie bescheiden waren dann die Taten, die Triumphe wie die Sorgen. Herz! mußte mit einem Sonderling von einem Pastor, der ihm zu der Freundschaft mit dem Herzog von Baden verhalf und Audicnzen bei hohen Herren verschaffte, vorliebnehmen, er mußte mit dem zweifelhaften, wenn auch höchst interessanten Halb- Diplomaten Newlinski gemeinsame Reisen machen, jetzt aber sind für die zionistischen Führer die Türen zu den Minister- Präsidenten Europas offen. Als Her/1 in den neunziger Jahren zum ersten Male nach Palästina fuhr, bat er seinen Vater um einen Segen, und in dem Tagebuch unterhielt er sich darüber, wie gefahrvoll solch eine Reise doch ist. Alles war damals schwer, aber alles war dafür auch ein Erlebnis. Heutzutage kann ich den unermüdlichen Keren-Hajessod- Reisenden Alexander Goldstein, der soeben, sagen wir, aus Indien zurückkehrt, treffen, und cs wird mir gar nicht einfallen, ihn nach seinen Erlebnissen zu fragen weil es gar keinen Sinn hat, weil er so wie so morgen schon nach Brasilien abreist. Die zionistische Bewegung hat jetzt ihre Weltreisenden von Kolonisationsform erst amfindig machen mußte, ln dieser positiven Richtung haben die Organisatoren des Mittelstandes genug Aufgaben konstruktiven Charakters, und es ist sehr schade, wenn sie statt dessen ihre Kraft für einen Kampf mit der Arbeiterschaft verschwenden, der durch seine Giftigkeit mir Unheil über die ganze Organisation bringen kann. Die Arbeiterschaft war gar nicht abgeneigt, die Mittelstandskolonisation zu fördern — wie das Beispiel der Chassidim-An- Siedler bewies — und wird sich ihr auch in Zukunft kaum entgegenstellen. * Der Kongreß kann zu einer neuen verlorenen Schlacht werden, die über das Schicksal der zionistischen Arbeit für Jahre entscheidet, wenn die Fraktionen ihn in eine gegenwärtige sterile Befehdung ausarten lassen. Er kartn aber auch zu einem bedeutenden Wendepunkt werden, wenn er durch gemeinsame Kraftanstrengung das Mitttel zur Ueberwindung des Notstandes findet. Neue Aufbauarbeiten müssen beschlossen werden, die der Arbeits- und Erwerbslosigkeit ein Ende machen. Der Weg zur großen nationalen Anleihe ist noch nicht gefunden worden, aber die Erlangung eines bescheideneren Betrages zur Ueberwindung der Not des Augenblicks müßte schon jetzt möglich sein. In aller Stille hat die Regierung vor einigen Wochen dem Griechisch-Orthodoxen Patriarchat zur Erlangung eines Darlehens von C 375 000 verhelfen — zu recht günstigen Bedingungen: Zinssatz 5 ״>, Auszahlungsfrist 3) Jahre. Die Barclay’s Bank leiht das Geld gegen Verpfändung der Böden, der Forderungen an Käufer und anderer Einnahmen des Patriarchats, die Regicrung gibt eine Zusatzgarantie. Eine ähnliche Anleihe könnte mit einem Schlag die Arbeitslosigkeit bei u1׳s ganz aufheben. Die Regierung betonte stets ihr Interesse an der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Leider sind die Mittel, die sic für diesen Zweck bestimmt hat, viel zu gering, und vor allem geht die Ausführung der Arbeiten, die sie zur Beschäftigung von Juden beschlossen hat, in überaus langsamem Tempo vor sich, so daß die Wirkung auf die Verringerung der Arbeitslosigkeit eine minimale ist. Ganz anders wäre es, wenn die Mittel und die Initiative zur Ausführung der Arbeiten der Zionistischen Organisation überlassen würden. Ein Darlehen von £ 400 000, unter Garantie unserer Fonds und gegen Verpfändung von N.-F.-Böden, ist kein übermäßiges Verlangen und bietet der Regierung als Garantie genügende Sicherheiten. Die Schwierigkeit in der Hypothizierung von N.-F.-Böden kann und muß statutarisch behoben werden. Die Anleihe soll ausschließlich für produktive Zwecke, für Amelioration von Böden und ihre Vorbereitung für Be- Siedlung verwendet werden. Unabhängig vom Kongreß und seinem Verlauf muß im Lande mit aller Ausdauer darüber gewacht werden, daß d e durch die Regierung und die Munizipalitäten gebotenen Arbeitsmöglichkeiten in entsprechender Proportion für Juden nutzbar gemacht werden. Man kann in dieser Beziehung sich nicht mit günstigen Entscheidungen der höchsten Instanzen (Colonial Office, High Commissioner) begnügen, vielmehr muß durch tagtägliche Verhandlungen mit den zuständigen Departements die schnelle Ausführung der beschlossenen Arbeiten mit aller Zähigkeit und Energie verfolgt werden. So 1,, B, ist seit etwa eineinhalb Monaten, der Etat vpn £,522090■ für die Assanierung des 'finken Kischontales vom fcolonial Office genehmigt — vor mehr als einem halben Jahre hat sich Lord Plumer für die Schaffung dieser Arbeit zur Beschäftigung von jüdischen Arbeitslosen sehr warm eingesetzt — aber Woche um Woche vergeht, ohne daß die Arbeit, deren technische Ausführungspläne längst vorbereitet sind, bcgönnen wird. Und jede Woche bedeutet £ 2000 Arbeitslosenunterstiitzung, die durch diese Arbeit um gute 10 0/0 gekürzt werden könnte. Zur Erlangung unseres Anteils an den Regierung;,- arbeiten müssen wir uns konkurrenzfähig mit den einheimischen arabischen Arbeitern zeigen. Wir müssen aidauernd dafür kämpfen, daß die Regierung für ihre Arbeiten Löhne einsetzt, die jüdischen Arbeitern Existenzmöglichkeit bieten. Die Ministererklärungen im Parlament mit Zusicherung von fair wages bei Regierungsarbeiten besagen wenig, solange die Praxis im Lande ihnen widerspricht. Aber bis die fair wages clause zur Wirklichkeit wird, dürfen wir uns nicht an diesen wichtigen Arbeiten desinteressieren. So sehr auch die Regierungslöhne hinter dem Minimalbedarf des jüdi- Beruf. Und gar die finanziellen Sorgen van damals! Um welche Bagatellen handelte es sich, aber über die fehlenden fünfundzwanzigtausend Franken, von denen Herzl nicht wußte, woher er sie bekommen sollte, schrieb er die verzweifeltsten Zeilen in sein Tagebuch. Jetzt fehlt es auch an Geld, aber es fehlen Hunderttausende, und nicht Franken, sondern Pfunde. Jawohl, gemessen an der jetzigen Zeit, ist der Zionist von damals als ein unbeholfener Provinzler anzusehen, der sich freute, wenn eine Zeitung eine wohlwollende Notiz über den Zionismus brachte. Aber das Herz dieses Provinzlers schlug hoch, seine Seele war immer wann und huldigte einer Illusion, die ihm zum einzigen Lebensinhalt geworden war. Und in Basel vereinigten sich jedes zweite Jahr Tausende von Herzen, die hoch schlugen, und Tausende von Seelen, die immer warm fühlten. Die Bewegung ist inzwischen gewachsen, hat Weltruf, hat ■Weltforumt bekommen, aber wie bedenklich ist es doch, daß von den letzten drei Kongressen niemals eine erliebliche Stimmung ausgegangen ist. Wir sahen die Funktionäre des Zionismus nur stumm zu ihren zionistischen Pflichten zurückkehren. Nur das Pflichtbewußtsein gab ihnen die Kraft zum Weiterarbeiten, der Kongreß aber vermittelte ihnen nicht Mut, erfrischte und belebte nicht den Glauben an eine Sache, zu der man nicht immer in einer Pose des pathetisehen Schwärmers stehen kann, die aber auch nicht zu viel von dem Grau der Alltäglichkeit haben darf. Deshalb werden viele Delegierte und Gäste diesmal in Basel, wo der moderne Zionismus seinen Ursprung hatte, mit dem Gefühl einziehen, daß trotz der innerlichen Stärke der Bewegung wir innerlich doch ärmer geworden sind. Etwas Kostbares ist inzwischen verlorengegangen .... Demnach ist es also gut, daß Basel wieder einmal znni Kongreßort gewählt wurde, verhalf zu ■diesem Beschluß vielleicht doch auch die Einsicht, daß für die Stimmung in den zionistiscchen Reihen die Wallfahrt nach der Stadt der schönsten Erinnertrigen der zionistischen Bewegung mir förderlieh sein kann! Ein nicht oberflächlicher Befrachter muß zu der Erkenntnis gelangen, daß die zionistische Gegenwart nicht sehen Arbeiters Zurückbleiben, so sind sie doch viel httier und viel gesünder für die Volkswirtschaft als die Unterstützungsraten. Trotz der begreiflichen Tendenz, sich in finanzieller Hinsicht nur auf die Erhaltung des Allemotwendigsten zu beschränken und vor der Hand nichts Neues zu schaffen, sollte der Kongreß doch den Mut finden, ein Institut ins Leben zu rufen, welches für die Schaffung von neuen Arbeitsmöglichkeiten und Aussichten auf Wiederbeginn einer Ein- Wanderung im Momente von großer Bedeutung sein kann. Es handelt sich darum, eine Gesellschaft zu haben, die die vorhandene Nachfrage nach kleinen Parzellen für Orangenpflanzungen oder nach fertigen kleineren Orangengärten befriedigen kann. Wenn man auch die zur Mode gewordene Meinung, daß die Orangenplantage das Allheilmittel für die Palästina-Kolonisation ist, mit Kritik aufnehmen muß, so ist jedenfalls sicher, daß der Orangenanbau sich noch bedeutend ausdehnen läßt, daß er für jüdische Einwanderer eine geeignete Form des Ueberganges zur Land- Wirtschaft bedeutet und daß für diesen Zweig im jüdischen Publikum im Galuth erhebliche Geldbeträge aufgebracht werden können, die in den nächsten Jahren umfangreiche Arbeitsgelegenheiten und in Zukunft dauernde Erwerbsmöglichkeiten für neue Einwanderer schaffen würden. Um maßvoll zu beginnen, würde es sich darum handeln, etwa 20 000 Dunam zu erwerben, die sich für Orangenbau eignen. Es würde der Dunam Boden mit den ersten Vorbereitungsarbeiten, wie Tiefpflügen, Unkrautvemichten u. dg!, zirka £ 10 kosten. Der Gesamtbetrag von £ 200 000 würde sich in kurzer Zeit umsetzen lassen, da es zahlreiche Reflektanten auf bepflanzungsreife Parzellen gibt, die Bodenpreis und Vorbereitungskosten in bar bezahlen würden. Es bedürfte nur einer kleinen Beteiligung des Keren Hajessod an diesem Institut, da sich dafür leicht private Gelder werden finden lassen. Insbesondere wäre ein eventueller Anschluß an den Konzern Picrce-Shoolman zu erwägen, der für einen ähnlichen Zweck gebildet wurde. Es ist nämlich wesentlich, daß diese Arbeit, die unter öffentlicher Kontrolle stehen und vom öffentlichen Vertrauen getragen werden soll, unter den Auspizien des Kongresses ins Leben trittt, damit sie mit größerem Elan und größerer Wirksamkeit begonnen wird. Der Kongreß muß sich darüber hinwegzusetzen verstehen, daß er Zusammentritt, einige Monate bevor der Bericht der Expertenkommission vorliegt und das genaue Arbeitsprogramm der Jewish Agency bekannt ist. Es wäre von größtem Schaden, wenn das durch diesen Umstand hervorgerufene Gefühl der Unsicherheit bei den Delegierten eine positive Arbeit des Kongresses verhindern würde. Einerseits darf man sich nicht ״mit den kommenden großen Unternehmungen“ vertrösten und sich inzwischen kleinmütig von der Arbeit zurückziehen, sondern muß mit Aufbietung aller Kräfte für die Erfordernisse des Aufbauwerkes sorgen. Andererseits sollen wir nicht verzagen, wenn das, was wir im Moment erreichen können, dem, was der Pa- Iästina-Aufbau erheischt, inadäquat ist, denn erfolgreiche Fort- Setzung der Arbeit ist bestimmt zu erwarten. Wenn der Geist des Vizepräsidenten der Jewish Agency, Dr. Lee K. Frankel, wie wir ihn während seines mehrwöchigen Aufenthaltes in Palästina kennengelernt haben, die Beschlüsse der Jewish Agency bestimmt, können wir von T^rem Eingreifen eine ,epochale Wendung in der Palflstina- Arbeit erwarten. Mißgen die Experten diese öder andere KÜlturen für Palästina empfehlen, diese oder andere Kolonisationsformen vorziehen, a1% Gesamtresultat dürfte dann nicht zu zweifeln sein, das den Beginn einer großangelegten systematischcn Aufbauarbeit bedeuten würde. Als arme Gruppe haben wir unsere Arbeit aufgenommen. Keine Erbschaft reicher Spender, kein von den Vätern aufgespeichertes Kapital stand uns zur Verfügung. Zukünftige Möglichkeiten mußten wir diskontieren, um die Arbeit beginnen und das tägliche Pensum erledigen zu können. Mitten in der Arbeit Halt zu machen, um Mittel für die Fortsetzung zu sammeln, war uns nicht erlaubt. Der Arbeitsdrang, die Schaffensnot verbot es. Wir brauchen es nicht zu bedauern, wenn wir auch jetzt in der Abspannung merken, daß es nicht weiter so geht, daß wir zunächst mit unseren eigenen Kräften Haushalten und keinen Raubbau treiben dürfen. Selbstvertrauen und Mut brauchen wir deswegen nicht zu verlieren. Ohne das Kapital, das wir mitgebracht haben, ohne Enthusiasmus und organisierten Willen bleibt jedes andere Kapital tot. nur an materiellen Nöten und Krisen aller Art allein leidet. Die anziehende Kraft dar Idee, die in Zeiten viel geringerer Erfolge, ja sogar in Zeiten der Uganda-Verwirrung stark war, hat nachgelassen. Der Zionismus gemahnt seine Anhänger täglich an ihre Pflicht, und jedef sieht nach den vorhandenen Möglichkeiten, diesen Pflichten nachzukommen. Aber die Feude, die innere Freude, die man früher dabei empfand, ist viel schwächer geworden. Und die herrschende Depression ist der Ausdruck nicht allein nur des Mißlingens dieses oder jenes Kolonialsystems, sondern auch der erwähnten Freudlosigkeit. Ich meine natürlich die Zionisten, die im Goltis leben, und unter diesen Zionisten sind nicht unsere amerikanisehen Brüder und Freunde zu verstehen. Denn jene sind stets gutgelaunt, sie haben die Genugtuung der Philanthropie . . . Alles, was in den zionistischen Reihen auf Persönlichkeit und Verdienste Anspruch hat, trägt ein äußerst müdes Antlitz zur Schau. Man wird fehlgehen, diese Müdigkeit, diese Ahgespanntheit nur als rein physische anzusehen, oder als Folge der momentan herrschenden Krise, die doch nur deshalb eingetreten ist, weil wir einmal zu anmaßend in unseren Hoffnungen und Erwartungen waren, weil wir von dem kleinen, unvorbereiteten Lande Palästina nicht allein die allmähliche Verwirklichung einer nationalen Idee, sondern die sofortige Linderung der Massennot verlangten. Palästina sollte in einem Jahre vierzigtausend Emigranten aufnehmen, während deren Zahl in der Zeit der stärksten jüdischen Amerika-Emigration nur 100 000 im Jahr betrug. Demnach Rückschlag, aber nicht Krise. Fiasko überspannter Hoffnungen, das sich wahrscheinlieh immer wiederholen wird, wenn dein Zionismus außer der Verwirklichung der nationalen Idee noch die materielle Lösung notleidender jüdischer Massen aufgebürdet wird. In den Grenzen, die dem Zionismus gesteckt sind, sehen wir trotz der vielen Unzulänglichkeiten jetzt schon das lebendige Modell einer jüdischen Gemeinschaft dastehen. Das große Interesse, daß die jüdische OoiusAVelt den! Zionismus in verschiedenen Stadien seines Bestehens dargebracht hat, war niemals abhängig nur von dem Grad des schon Erreichten in Palästina.