Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-08-19 · Heft 66 (19.8.1927) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 66 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652939--19335-2677200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 414 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nf. 66, 19. vm. 1927 Dlt Aufgaben 4er Jewteh Agency-Kommlsslon In Nr. 54 der ״J. R.“ veröffentlichten wir den von Dr. W e i z m a 11 n und Louis Marshall unterschriebenen Brief an die unparteiische Jewish Agency-Kommission. Der Brief enthält noch eine Beilage, in welcher die Aufgaben der Kommission präzise zusammen gefaßt werden. Dieses Dokument geben wir im folgenden wieder. Die Kommission ist auf Grund der abgeschlossenen Ver* cinbarung ernannt worden, um eine gründliche Wissenschaftliehe Untersuchung der landwirtschaftlichen, industriellen, kommerziellen, wirtschaftlichen und finanziellen Zustände in Palästina und seinen Nachbarländern, sowie der hiermit verbundenen Fragen durchzufiihren. Die Untersuchung soll die nachfolgenden Gebiete umfassen: Physiographie und Geologie des Landes. a) Die allgemeinen klimatischen Verhältnisse des Landes während des ganzen Jahres und ihr Einfluß auf Landwirtschaft, Gartenbau, Obstkultur und Viehzucht, sowie ihre Einwirkung auf die öffentlichen Gesundheitsverhältnisse sind zu untersuchen. b) Die Topographie, sowie die geologischen und anderen Natureigenschaften Palästinas und seiner Nachbar-!ander sollen hinsichtlich ihres Einflusses auf die Wirtschaftliehe Entwicklung der Gegend eingehend studiert werden. Hierunter fällt das Studium der Geographie de* Landes insbesondere der Differenzierungen seiner Boden• Struktur von der Küstenebene bis zum Gebir^sland, der verschiedenen Häfen und Wasserläufe, seiner Land- Straßen, der vorhandenen Möglichkeiten zur vorteilhaften Entwicklung des In- und Auslandverkehrs, der Ausbeutung der Wasserkräfte, der Beschaffung ausreichender WasseTmengen für Bewässeriingszwecke sowie die Erhöhung der verfügbaren Mengen an Trink- und Gebrauchswasser durch den Bau artesischer Quellen, Reservoirs und Wasserleitungen. c) B o d e n a 11 a 1 y s c. Hierunter fällt die Untersuchung der Zusammmcnsetzurig und der natürlichen Eigenschaften der Böden in den verschiedenen Landeszonen, seiner chemisehen und mineralischen Zusammensetzung und seiner Verwendba rkeit für den Anbau von Wäldern, Gärten, Getreide, Gemüse, Futterpflanzen und anderer Produkte, für die Märkte vorhanden sind oder geschaffen werden können. d) Bergbau und andere Möglichkeiten der Ausbeutung der Naturschätze. Hierunter fällt die Feststellung der unterirdischen Naturschätze des Landes in seinen verschiedenen Zonen, einschließlich der Ausbeutung von Petraleumquellen, Steinbrüchen, der Förderung von Mineralien, Metallen und anderen Substanzen, die verwertbare physikalisclie oder chemische Eigenschaften besitzen. Hierzu würde auch die Prüfung der Frage der Verwendbarkeit des Wassers des Toten .Meeres, sowie auch die der Aufforstung der Bergabhänge und anderer für landwirtschaftliehe Zwecke nicht verwendbaren Böden gehören. Hinsichtlich jedes dieser Probleme wird es möglich sein, alle irgendwie zugänglichen statistischen Informationen zu sammeln, wofür man allerdings in weitgehendem Maße auf die Berichte der Regierungsdepartements und anderer autoritativer Quellen wird zurückgreifen müssen. II. DetAographie. a) Ein genauer Bericht über die Bewohner P ä I ä s t in a s und der Nachbarländer, der eine Darlegung der Zusammensetzung und der Charakteristika der Bevölkerung, ihrer verschiedenen Rassen, das Verhältnis der verschiedenen Schichten zueinander, deren verschiedene Lebensmaßstäbe, Berufe, Sprachen, Bildung umfassen muß. b) Statistik der Lebens Verhältnisse. In diesem Kapitel wären in Tabellenform alle vorhandenen Informationen über Geburten, Todesfälle, Heiraten, Ehescheidungen und Gesundhcitsverhältnissc zu sammeln. c) Die erforderlichen Informationen, die in Tabellen?usammenzufassen wären, müßten sich erstrecken auf die jährliche Ein- und Auswanderung während der letzten zehn Jahre, ihre Verteilung nach Geschlecht, Alter, Ursprungsland und Beruf, die gegenwärtige Methode der Verteilung der Immigranten im Lande, ihre Beschäftigung, ihre Lebensverhältnisse, ihre wirtschaftliche Lage und finanziellen Mittel. III. Die Landwirtschaft und Ihre Entwicklungsmöglichkeiteil. Es soll hierunter festgestellt werden, welche Bodenfläche in Palästina und den Nachbarländern für produktive und gewinnbringende Bebauung für die nachfolgenden Wirtschaft* liehen Zweige zur Verfügung steht: 1. Cerealien und andere gewöhnliche Getreidearten. 2. Orangen und andere Fruchtarten, einschließlich Datteln, Feigen, Oliven, Bananen und Kieinfrüchten. 3. Gemüsebau. 4. Weide- und Wiesenwirtschaft. 5. Milchwirtschaft. 6. Zucker, Baumwolle, Tabak und Trauben. 7. Im Anschluß an die entsprechenden landwirtschaftlichen Zweige: die Produktion von Wein, Zigarren, Zigaretten, Pflanzenölen sowie der Herstellung von eingemachten und konservierten Früchten. 8. Vieh- und Geflügelzucht. Es ist zu prüfen, in welchem Umfange diese verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen und andere mit ihnen verbundenen Betriebszweige wirtschaftlich produktiv sind. ln Hinsicht aller dieser Fragen sollen die vorhandenen statistischen Materialien gesammelt und auf Ihrer Grundlage ein Urteil darüber abgegeben werden, in welchem Umfange diese verschiedenen landwirtschaftlichen Zweige und die mit ihnen verbundenen Industrien bisher betrieben worden sind, sowie auch über die Kosten der Böden, ihrer Entwicklung und der benötigten Gebäude, sowie über die angewandten Methoden und die erreichten Ergehnisse, ferner auch über den Oebrauch und die Kosten der Düngemittel. Schließlich soll die Frage geprüft werden, in welchem Umfange weitere anbaufähige Land- und Weideflächen noch vorhanden sind und in welchen Gegenden und zu welchen Preisen solche Flächen für weitere Anbauzwecke erworben werden können. Es wird ferner nötig sein, die Qualität und die Marktfähigkeit der verschiedenen oben genannten Produkte festzustellen, ferner die Frage zu prüfen, in welchem Umfange sie verbessert werden können, und inwieweit die bisher angewandten Methoden mit Erfolg entwickelt oder modifiziert werden könnten. Hierbei wird die Eignung der Böden der verschiedenen Gegenden für die zurzeit betriebenen oder evtl, mit Aussicht auf Erfolg an ihre Stelle zu setzenden landwirtschaftlichen Bebauungsformeri zu berücksichtigen sein; das Ziel muß hierbei die Einführung der Methoden sein, die sich für den Boden• und den Anbau der in Betracht kommenden Produkte am besten eignen. Es wird des weiteren nötig sein, Informationen über die landwirtschaftlichen und anderen Geräte, die in den verschiedenen landwirtschaftlichen Zweigen benützt werden, ein* zuholen, sowie ferner über den Umfang, in dem künstliche Bewässerung gegenwärtig angewandt wird oder in dem ihre Anwendung nötig, durchführbar und mit Erfolg ausdehnbar ist Auch darüber ist Material zu sammeln, in welchem Umtange und auf welche Weise die gegenwärtig angewandten Bewässerungsmethoden verbessert werden können, und mit welchem Kostenaufwand dies für die Verteiler und die Benutzer des gelieferten Wassers verbunden Ist. Die Anwendbarkeit der Trockenkulturmethode (.,Dry farming“) muß auch eingehend geprüft werden, mit Angaben über die normalerweise zu erwartenden Ergebnisse und den wahrscheinliehen Kostenaufwand der Anwendung des Systems. Ferner ist besondere Aufmerksamkeit auf die Frage der Erhaltung eines hohen Standards in der Qualität der erzeugten Produkte zu lenken, ebenso auf die Einführung der besterprobten Methoden des Pflanzens, der Ernte, der Ver- Packung, der Sortierung, der, Aufbewahrung, des Transportes und des Vertriebes auf dem ln- und Auslandsmarkt. Im Zusammenhänge mit der Vieh - und Milchwirtschaff soll erwogen werden, auf welche Weise die für den In- und Auslandsmarkt am besten geeigneten Vieharten gezüchtet werden können, unter besonderer Berücksichtigung der Fragen der Anpassung an die klimatischen Landesbedingungen und ihre Empfänglichkeit bzw. Immunität gegenüber Viehkrankheiten. Dies gilt auch für die Zucht von Pferden, Eseln, Schafen und Ziegen. Es ist außerdem wünschenswert, festzustellen, welche Beträge bis jetzt von jüdischen Organisationen und jüdischen Siedlern in Böden, Gebäuden, Wert- Verbesserungen, Einrichtungsgegenständen, Geräten und Arbeitsvieh investiert worden sind. Ferner soll der Charakter des gegenwärtigen Systems der Bodenhaltung und der allgemeinen Bestimmungen der Kontrakte, die mit den Siedlern abgeschlossen wurden, untersucht werden. Zu prüfen sind ferner: die Lebensbedingungen der Siedler, der umfang der bebauten Bodenfläche, der Ertrag der verschiedenen Landes- Produkte per Flächeneinheit, die erzielten Einheitspreise, sowie die für Getreide, Früchte, Milchprodukte, Vieh und die genannten Tierarten während jedes der letzten fünf Jahre erzielten Preise. Schließlich sind die Probleme der verschiedenen Arbeiterklassen zu prüfen, ferner die Lebensstandarte der landwirtschaftlichen Arbeiter, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Löhne. IV. Industrielle und kommerzielle Entwicklungsmöglichkeiten Palästinas und seiner Nachbarländer. ln dieses Kapitel fällt das Studium der folgenden Fragen. 1. des gegenwärtigen Standes von Handel und ln* dustne in Palästina, 2. der im Lande erzeugten und der eingeführten Rohmaterialien mit Preisangabe, verglichen mit den gleichen Produkten anderer Länder; 3. des Betrages der gegenwärtig in Handel und Industrie investierten Kapitalien, 4. der Beschaffung geeigneter Arbeitskräfte und ihrer Löhne, 5. der In- und Auslandsmärkte für die hergestellten Produkte. Zu diesem Zwecke wird es nötig sein, die gegenwärtig oder im Laufe der letzten zehn Jahre in Palästina betriebenen Industrien zu klassifizieren unter Angabe des Umfanges der erzielten Resultate sowie der Ursache der etwaigen NUß* erfolge, soweit diese festgestellt werden können; ferner der Zahl der jüdischen und arabischen Arbeiter, die gegenwärtig in den verschiedenen Industrien angestellt sind, als auch der Durchschnittszahl der in den verschiedenen industriellen Unternehmungen beschäftigten Arbeiter. Ueberhaupt ist das Arbeiterproblem in seinen verschiedenen Beziehungen gründlich zu studieren, und zwar unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Industrieklassen, einschließlich des Bauhandwerkes und der anderen Gewerbe. Hierzu gehört eine Untersuchung der verschiedenen Klassen der vorhandenen Arbeitskräfte, aer Löhne und Arbeitsfähigkeit einer jeden derselbe», der Lebenshaltung der verschiedenen Arbeiterklassen, ihrer Arbeitsstunden, ihrer Erfahrenheit sowie der Kosten der verschiedenen Arbeitsklassen, insbesondere im Vergleich mit den Kosten gleicher Arbeitskräfte in den Ländern, in denen ähnliche Waren wie in Palästina zum Verkauf auf Märkten hergesteilt werden, mit denen Palästina wird konkurrieren müssen. Hinsichtlich der kommerziellen Entwicklung des Landes ist es wünschenswert, festzustellen, in welchem Umfange Waren im Inland und im Ausland vorteilhaft abgesetzt werden können. Es wäre auch nützlich, festzustellen, in welchem Umfange hydro-elektrische Kräfte gegenwärtig oder in naher Zukunft produziert werden und zu welchem Preise sie dem Abnehmer zur Verfügung gestellt werden können. Sehr genau wird die Frage zu prüfen sein, wie sich städtische und ländliche Entwicklung zueinander verhalten. Auch werden die besonderen Probleme, die sich aus der Erfahrung der Vergangenheit hinsichtlich des Baugewerbes ttid der Arbeitslosigkeit ergeben, geprüft werden müssen. V. Bank- und Finanzwesen. In diesem Kapitel wird festzustellen sein, welche Kapitalien zur Verfügung stehen: 1. in Kredit- und Depositenbanken, 2. ln Boden- und Hypothekenbanken, 3. in öffentlichen und privaten Kapitalunternehmungen, 4. in anderen Kreditinstituten. In jedem Falle ist es erwünscht, verläßliche Informationen über die folgenden Punkte zu sammeln: den Betrag des vorhandenen Kapitals, die Bedingungen, unter denen Anleihen und Kredite.gewährt werden (einschließlich der Beschaffungskosten solcher Anleihen), die Zinssätze und die geforderten Sicherheiten, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, die Zeiträume, für welche Anleihen gewährt werden, das prozentuelle Verhältnis der von den Kreditgebern erlittenen Verluste und die Schnelligkeit, mit der die Raten von den Kreditnehmern zurückgezahlt werden. Hierzu gehört ferner eine Untersuchung darüber, in welchem Ausmaße die Einführung neuer und verbesserter Bankmethoden und die Erweiterung der Kreditgewährung möglich ist, ohne daß sich dadurch das Risiko für die Kreditgeber weser.tlieh erhöht. Es ist ferner erwünscht, festzustellen, ob, bzw. in welchem Umfange eine Koordinierung der Geldinstitute durchführbar ist. VI. Oeffentliches Gesundheitswesen und Hygiene. Es sind hierunter die folgenden Fragen zu untersuchen: die klimatischen und anderen Verhältnisse, die auf das öffentliehe Gesundheitswesen Einfluß ausüben, die Regelung einer zweckmäßigen jüdischen Medizinalverwaltung, die mit den zuständigen Regierungsstellen und anderen auf medizinischem Gebiete arbeitenden Körperschaften zusammenwirkt. Es wird ferner ein Ueberblick über die vorhandenen Krankenhäuser, Kliniken und Polikliniken, sowie öffentliche und private Krankenpflegegeworden, und ein Schatten hat auch des starken David Augen umflort. ״Sei du nur still, Viktoria“, ruft Aron, der blinde Bettler ihr zu, ״war Hannahs Mann im Gefängnis, so hat er sie wenigstens nicht verprügelt, wie dich der deine jedes Mal, wenn du ihm eines deiner sechs Mädel gebarst. Wenn du den Sohn bekommst, dann kannst du andere Leute verspotten.“ Der Hunger, die Uebernnidung der F״erenden haben sic alle böse gemacht— mit einer Flut von Schimpfworten antwortet die dicke Frau: ״Ruhig, Leute!“ ruft der Hausherr, ״versündigt euch nicht. Uns allen geht es schlecht, und keiner weiß, wann es ihn trifft.“ Im selben Augenblick wird die Tür aufgerissen, und zusammeii mit dem eiskalten Wind stürzt ein Bursche in die Stube: ״Viktoria, geh nach Hause, deine Tochter ist plötzlieh niedergekommen“. Sie läuft kreischend hinaus, und einen Augenblick lang weht etwas durch den Raum, wovor die Leute sich ducken. Erst als der Bursche, der die Botschaft gebracht hat, sich auf den von Viktoria verlassenen Schemel setzt, eine Orange aus der Tasche Zieht und sie zu schälen beginnt, stürzen die Gedanken der Leute von dem eben Geahnten wieder herab auf ihre irdische Not. ln der Stube herrscht wieder Schweigen, und die Blicke der jungen Masal, die im Dämmerlicht der inzwischen angezündeten Petroleumlampe eine Weile, wie aufwachend, durch den Raum geirrt sind, kehren zurück zu dem kalten Feuer in des starken David blauen Augen. Ein paar neue Leute kommen herein, unter ihnen ein fetter junger Mann mit Pockennarben im weißen, schwammigen Gesicht, der einen Sack mit aufgesammelten Holzstückchen auf der Schulter trägt. Er wirft ihn neben Masal nieder und setzt sich ihr zur Seite, des Mädchens Hand in seine pelzweiche, feuchte Hand nehmend. ״Friede mit euch, Vater!“ grüßt er den Hausherrn; ״Friede mit euch, Schwiegersohn!“ grüßt der Schuhflicker zurück. Masa'.s weißes Blumengesicht überzieht ein Hauch wie von Winterreif, ihre Hand in der des Verlobten zieht sich zusammen als wollte sie vergehen. Ihre Augen lodern auf und suchen die des Anderen, in denen das Leben zu erlöschen scheint. Der dicke junge Mann zieht Brot und Tomaten und ein Päckchen Tee aus der Tasche und legt sie triumphierend vor seiner Verlobten auf den Tisch. Schweigend schiebt sie es beiseite. ״Iß doch“, sagt er verwundert, ״Ich habe es für dich gekauft.“ Sie schüttelt stumm den Kopf. Die ältere Schwester legt heimlieh eine warnende Hand auf die ihre; da erschauert die jüngere und verbirgt den Kopf im Tuch der Schwester. Am anderen Ende des Tisches steht einer auf: David der Wasserträger, und geht zur Tür hinaus. Alle sehen ihm nach wie er hingeht mit seiner riesenhaften Gestalt und dem leeren Aermelfetzen. ״Wann ist ihm das geschehen?“ fragt einer, der noch nicht lange in dem Viertel wohnt. ״Vergangenes Jahr, als er Wassereimer auf einen Neubau trug, fiel eine schlecht gemauerte Wand ein und ein Steinblock ihm auf den Arm“. Flüsternd fügt sie hinzu: ״Er war verlobt mit Eliahus jüngerer Tochter, die Hochzeit sollte schon sein. Aber dem Krüppel, der nichts mehr verdienen kann, konnte der Vater sie doch nicht geben; so schickte er ihn fort und verlobte Masal mit Josef dem Schneider.“ Alle sehen hinüber zu Masal, aber sie ist ganz verschwunden an der Schulter der Schwester. Ihre Hand ist noch immer umklammert von der des fetten jungen Josef, aber sie scheint sich von Sekunde zu Sekunde in einen feuchten Nebel aufzulösen. Wieder geht die Tür auf, und aus der eisigen Dunkelheit, die draußen lauert, wirbelt es in die Stube, weiß und leicht und kalt. Ein Stöhnen durchläuft die Tischrunde: ״Schnee! Gott hat uns verlassen!“ Ein paar Frauen beginnen leise zu weinen, ein Kind schreit gellend. Einige Männer stimmen ein Gebet an. Man hört, wie der Schnee an die Scheiben des kleinen Fensterchens tickt und fühlt, wie es sich schwer auf die Dachbalken legt; an einer Stelle des Tisches beginnt es, in gleichmäßigem Fall vom Dach herunterzutropfen. Plötzlieh fragt jemand in den halbdunklen, und von einem Petroleutnlämpchen erhellten Raum hinein mit lauter Stimme; ״Warum sind wir eigentlich hergekommen? Geht es uns denn hier besser als zuvor? Draußen waren wir arm, und hier sind wir Bettler. Draußen war es wenigstens warm, und hier tötet uns die Kälte. Ach, warm war es an den Ufern des Roten Meeres! Ein Seufzen geht durch die Tischrunde, und einen Augenblick lang sieht jeder sein Heimatland vor sich, sonnendurchglüht und verklärt von einer früher nie gefühlten Schönheit. Einer gibt die Frage dem Anderen weiter: ״Warum sind wir hergekommen?“ Plötzlich durchläuft eine Unruhe Dinah, die verheiratete Tochter des Schuhflickers: der Kopf der jungen Schwester liegt wie ein schweres Gewicht auf ihrer Schulter, der an sie gelehnte junge Leib wird schwerer und schwerer: Kälte haucht aus diesem versteinerten Körner. Sie versucht den Kopf der Schwester zu heben — da sieht sie in ein erstarrtes Gesicht. ״Vater!“ schreit sie auf und springt von ihrem Schemel, daß der leblose junge Leib zu Boden gleitet, ״Vater! Masal ist totl“ Einige der Leute sehen auf und fallen wieder zurück in ihre Lethargie; die noch Kraft haben, springen auf und umringen schreiend und weinend das auf dem Fußboden ausgestreckte Mädchen. Eliahu der Schuhflicker wirft sich neben dem Mädchen nieder: ״Mein Kind! Mein Kind! Was haben wir getan, daß Gott uns so straft? Warum sind wir hierhergekommen in dieses Land, in dem Hunger und Kälte uns verzehren? Verflucht sei, der uns hergelockt hat in dieses Land voll Jammer und Not!“ Da hebt es sich plötzlich von der Lagerstätte im Innern des Raumes: ein Greis mit weißem Bart, in einem langen, fadenscheinigen Hemd im Kreise der Leute. Der Sohn ballt ihm die Fäuste entgegen: ״Warum hast du uns hergelockt in Not und Leid? Die Frau tot! Die Tochter tot! Ihr Blut über dich!“ Der Alte steht und sicht auf die junge Tote nieder: ״Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Und gelobt sei seine heilige Stadt Jeruschalajim 1“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.