Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 66 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 473 927 eiamte d e s um me r nor• {rußen Kolo• er mit!ß der 1, dan mit• istrom 1 hm• ührter roduk• Fest• jetzige uns — ־ Ein• ondon) tiferenz cn die Herrn id nie• olleffen it ohne t hatte. m Zlo• Wellen fitatien tauchte! lang. ״Oppom Zen- Morris i Oofd. Rufus führte, hieß es i merketwa, t wohl zu tun ime zu iinden gerade waren ef von aktiver Händen 1 Wort lie Gediesmal nz *r- ׳©U■ •*UH■, hwäehi' leharts. s Ahr. eit das!nz, als Leitung Ab r. :gierten , damit Ironie e Vernz ge« müsse gab es Leitung IstiscHe bildet« es die wurden be das 1 amen« führten bessern um für :h eine schien rg das anlsche 8 Symost* ei, daß!,dringt derlage würde, m der . Auch n, Oehabe, n»r j a mpfheft 1. he Pcnferenz lehrte»!lehung derlage wiir«, Bereit* on der isgehen »n. Es : bildet einigte. ׳ notig 1 kann. of von!1 einen 1er. daß indruck Nr. 00, 19. Vm. 1927 Das Wahlergebnis in Deutschland und der deutsche Zionismus Von Alfred Landsberg. I. Die Niederlage, die die deutsche Gruppe des ״Linken Zentrums“ bei den Kongreßwahlen erlitten hat, ist nicht allein aus ihrem Kongreßprogramm oder aus Fehlern in der Wahl- Propaganda zu erklären. Gewiß, das Programm ist in seiner — als notwendig erkannten — strengen Voranstellung der wirtschädlichen Reform, nicht geeignet, Stimmung zu erzeugen. Man fand sich auch diesmal erst unmittelbar vor den Wahlen als Gruppe zusammen, Programmfragen konnten kaum unter den Kandidaten dieser Gruppe durchdiskutiert werden, geschweige denn in einer breiteren Oeffentlichkeit, und so geschah es, daß die Oeffentlichkeit, die sich bisher mit den Kandidaten dieser Gruppe einer Meinung glaubte, überrascht vor diesem Programm stand, mit dem sie nicht genügend Zeit hatte, sich auseinanderzusetzen. Andererseits aber galt es innerhalb des Stam-Zionismus in Deutschland, sich mit den beiden Oppositionsgruppen auseinanderzusetzen, die sich in der Wahlpropaganda außerordentlieh rührig zeigten, und dennoch keine sehr erhebliche Stimmenzahl auf sich zu vereinen vermochten. Ihr Mißerfolg aber kam nicht der Hauptgruppe der Stam-Zionisten zugute, obwohl die Wahlbeteiligung im ganzen in Anbetracht der Jahreszeit und der damit verbundenen Schwierigkeit jeder Propaganda sehr rege war. Den Erfolg dieser regen Beteiligung tragen allein die Flügelgruppen davon. Der Mißerfolg des Linken Zentrums muß also Gründe haben, die nicht ausschließlich im Kongreßprogramm liegen und die bewirkten, daß ein großer Teil der Stam-Zionisten, der sich bisher mit den Kandidaten des Linken Zentrums im großen und ganzen identifiziert hatte, zum ersten Mal die Gefolgschaft verweigerte, der Wahlurne fernblieb oder den Flügelparteien seine Stimme gab. II. Wir wollen die Niederlage, die wir erlitten haben, in keinem Punkte beschönigen und auf allen Gebieten aus ihr Nutzen und Lehre zu ziehen suchen. So gilt es, mit letzter Ehrlichkeit, auch die Gründe zu untersuchen, die außerhalb der eigentlichen Kongreß-Debatte liegen und die, wie wir glauben, einen erheblichen Teil zu dem Mißerfolg beigetragen haben. Nur wenn dies sofort und ohne jede Rücksicht auf Vergangenes geschieht, kann dieser Mißerfolg für unsere Gruppe und den deutschen Zionismus fruchtbar werden. Die Krisis in Palästina und die Notwendigkeit einer erhebliehen Verlangsamung des Aufbautempos selbst gegenüber den vorsichtigsten und minimalsten Schatzungen der vergangenen Jahre hat den deutschen Zionismus besonders empfindlich getroffen. Seine Besonderheit und seine Stoßkraft in der Aktivierung und in der Propaganda bestand in der engen Verbundenheit mit Palästina, die er förderte, und die bewußt und programmatisch in die persönlichste Sphäre jedes Einzelnen hineinführte. Das Lebensziel des deutschen Zionisten war Palästina, seine jüdische Problematik fand hierin ihre Lösung. Es war eine vollständige und eindeutige Lösung, die er verhieß, und man konnte infolgedessen die FragwüÄJigkeit zionistischen Daseins im Galuth als ein Uebergangsstadium betrachten, mit tffth bis zum letzten' sich iuseinartrferziJsetzen nicht*föhnte. Wesfc Haltung hat dem Kern des deutschen Zionismus seine werbende Kraft verliehen, und sie war ebenso berechtigt wie die Hoffnung auf einen raschen Aufbau, der dieser Generation oblag, die es auf sich nahm, jährlich mindestens 30 000 Menschen ins Land zu bringen, wie Ruppin vorsichtig unter heftigem Widersprach der Maximalisten rechnete. Was das Tempo des Aufbaus angeht, so haben uns bekanntlich schon seit langem die ehernen Tatsachen zum Umlernen gezwungen. Die Arbeit im Innern aber führten wir schlecht und recht fort, ohne dieser veränderten Situation Rechnung zu tragen und dabei ebenso umzulernen, wie wir es hinsichtlich des Aufbaus getan haben. Die Erkenntnis, daß das Lebensziel Palästinas unerreichbar war, oder zum mindesten in weiter Ferne lag, lähmte viele unserer aktivsten Menschen oder brachte sie gar zur völligen Resignation. Auch die Propaganda mußte auf Grund des alten Programms ihre Stoßkraft einbüßen, denn man konnte ehrlicherweise nicht mehr hundertprozentige Lösung in Palästina versprechen, und dadurch kam es in erster Linie, daß das Leben in unseren Ortsgruppen, die keinen Nachwuchs haben, immer mehr stagnierte und leerlief. Regen Von H e 1 e n e H a n n a T h o n. Seit drei Tagen rast der Sturm über die kahlen Hügel der Stadt Jerusalem. Seit drei Tagen stürzen Regenfluten hernieder. Die Berge in der Ferne und die Brachfelder inmitten der Stadt, d e Straßen und Plätze — alles ist versunken in einem Wogen von Feuchtigkeit und Nebel. Von Hauswänden, Kleidern der Menschen und Bäumen rieselt es nieder ohne Ende, und die Sträucher und Stauden der Gärten liegen grau, ertrunken im Schlamm. Die Hütten und Baracken beim Grabe Simons des Gerechten beginnen zu verfaulen und zu zerfallen. Durch die scheibenlosen Fenster, die schief in den Angeln hängenden Türen pfeift es eisig in die Stuben. Das Schlammwasser auf dem Estrich steht fußhoch. In dem Keller Eliahus, des persischen Schuhflickers, wogt es von nebelhaften Gestalten: inmitten des Raumes steht ein großer Tisch, darunter eine Pfanne mit brennenden Kohlen. Rings um den Tisch sitzen in dem Halbdunkel des Raumes Leute des Viertels und wärmen ihre nackten oder in zerfetzten Schuhen stehenden Füße. Oh, diese ausgetretenen, verunstalteten Füße unter dem großen Tisch — sie sind gewan&rt und gewandert, durch die Steppen Mesopotamiens, durch die syrische Wüste, durch die Sanddünen am Gestade des Roten Meeres, über die Bergkämme der Gebirge Persiens und durch die marokkanische Sandebene. Wochen und Monate lang sind sie gewandert, wund, zerrissen, von Schwielen bedeckt, aber beflügelt von der Sehnsucht, den Boden des gelobten Landes zu betreten und damit das Ende ihrer Wanderschaft zu erreichen. Hier aber müssen sie weiter wandern, von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte, von Bettlerecke zu Bettlerecke, durch die Straßen der Stadt; und nun strecken sie sich aus unter dem großen Tisch Eliahus des Schuhflickers, schmutzig, wund und bloß wie einst und suchen das bißchen Wärme des kleinen Kohlenbeckens. Wenn das Auge sich an das feuchte Dämmer des Kellerraumes gewöhnt hat, unterscheidet es die Gestalten rund Gegenüber stehen, wie der Ausgang der Wahlen beweist, j die Flügelgruppen Misrachi und Poale Zion. Ihr Palästina- Programm ist naturgemäß konform ihrer Lebensanschauung und in beschränktem Maße auch ihrer Lebensform im Galuth. Der sozialistische und traditionstreue Jude, so sehr er auch nach Palästina hinstreben mag, hat schon im Galuth die Möglichkeit, sein Leben zwar nicht mit höchstem zionistischen Sinn zu erfüllen, aber dennoch innerhalb der gleichen Lebensanschauung zu wirken und zu arbeiten, die ihm im Aufbau Palästinas wesentlich und unerläßlich erscheint. Hingegen vermochte bisher keine Gruppe im deutschen Stam-Zionismus, eine weltanschauliche Gemeinschaft zu bilden. Zwar bestanden verschwommene Vorstellungen einer solchen Anschauungsgemeinschaft, man suchte nach einer bestimmten Vorstellung von dem Aufbau Palästinas, aber irgendwie klar Umrissen und programmatisch fundiert war diese Vor- Stellung nicht. Man fühlte sich durch Negativen geeint; man war nicht Sozialist noch Misrachist, man war ״bürgerlicher“ Zionist. Welchen Inhalt aber dieser bürgerliche Zionismus habe, ob er sich unterscheide von anderen Gruppen, die sich gleichfalls den Flügelgruppen nicht zurechneten, das wurde nur gelegentlich und anläßlich bestimmter Einzelfragen zu formu- Heren versucht. Man suchte dem Kapitalisten und dem sozialistischen Arbeiter gerecht zu werden, und man fühlte sich dennoch der Arbeiterschaft enger verbunden, ohne aber sich weltanschaulich mit ihr zu identifizieren. Gegenüber einer solchen inneren Situation des deutschen Zionismus konnte das Kongreßprogramm des Linken Zentrums, noch so berechtigt und noch so überzeugend vorgetragen, werbendc Kraft nicht haben, weil es außer Zusammenhang mit einer zionistischen Gesamtanschauung stand, aus der heraus es hätte entwickelt werden müssen. III. So gilt cs, der Gruppe der Stam-Zionisten, die nicht in unfruchtbarer Opposition verharren will, ein Programm zu geben, das nicht ad hoc gelegentlich einer Wahl aufzustellen ist, sondern das alle Gebiete des zionistischen Lebens umfaßt, und aus dem sich dann für den konkreten Fall leicht eine einheitiiehe Einstellung finden läßt, ln diesem Programm ist nicht so sehr der nach außen gerichtete Teil schwierig, ln den Aufbaufragen und den Fragen der Politik wird sich bald eine Einigung finden lassen, der die Radikalen noch nicht, und nur die Revisionisten vielleicht nie zustimmen werden. Ein solches Programm ist im Wahlkampf von Dr. Bileski so formuliert worden, daß es im wesentlichen übernommen werden kann. Schwierigkeiten bietet das Programm für die innere Arbeit. Wir sahen, daß die Stoßkraft unserer Gruppe dadurch geschwächt ist, daß ihrer Anschauung über den Aufbau Palästinas nicht eine konforme Anschauung über das Leben im Galuth innerhalb und außerhalb der jüdischen Sphäre bewußt geworden ist und daß es deshalb auch in Fragen des Aufbaus schwer ist, grundsätzlich festzustellen, wohin eigentlich unsere Gruppe gehöre. Ein solches Programm zu formulieren ist nicht leicht, und es geht gewiß nicht auf einmal, was mit aller Deutlichkeit gegenüber dem nachfolgenden Versuch gesagt werden soll. Die Diskussion darüber aber muß beginnen, und das Nachfolgende ist nichts anderes als ein solcher Beginn. Sicherlich ist manches dürftig und anfechtbar formuliert, aber dann mag man darüber streiten und dadurch zur Klarheit kommen. Für heute sei Folgendes festgestellt: Wir sind eine freiheitlich gerichtete demokratische Gruppe, wie sie in allen Ländern unmittelbar rechts neben den Arbeiterparteien besteht. Wir haben, ohne Sozialisten zu sein, eine bestimmte Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit auch innerhalb des kapitalistischen Systems. Wir nehmen Anteil an allen freiheitlichen, fortschrittliehen Strömungen der Welt, stellen uns gegen die Reaktion, wo auch immer sie auftritt. Wie wir beim Aufbau Palästinas nicht nur aus Gründen der praktischen Politik, sondern weltanschairungsmäßig Gewalt gegen andere ablehnen, so bekennen wir uns als Gegner von Gewaltpolitik auf allen Gebieten. Aufgabe unserer Gruppe sei es, diese unsere Haltung auch in unserer zionistischen Arbeit im Galuth deutlich zu machen. Wie der Poalezionist in seiner Gruppe alle Fragen des Sozialismus und der Politik diskutiert oder diskutieren müßte, ob sie mit Zionismus im unmittelbaren Zusammenhang stehen oder nicht, so muß es auch unsere Aufgabe sein, ausgehend vom Zionismus zu diesen Fragen des allgemeinen Lebens jeweils Stellung zu nehmen. Wir sind in dieses Leben hineingestellt, es stellt die gleichen Fragen an uns wie an andere, ja wir um den Tisch: Rahel, die junge Jemenitin mit dein Kinde an der verdorrten Brust; David, der Baumstarke mit dem zerschmetterten rechten Arm, und die dicke Leah mit den Pockennarben. Da ist die schwachsinnige alte Hannah, die ununterbrochen vor sich hinmurmelt und von den Anderen allmählich aus dem Kreise herausgedrängt wird. Da ist Baruch der Händler, den der Fieberhusten schüttelt und der unter seinem feuchten Rock aus besseren Tagen zittert. Da ist Malka, die eben vor. einer Frühgeburt Aufgestandene, mit den erloschcnen Augen und Viktoria mit dem aufgetriebenen Leib. Da ist der blinde Abraham, der früher Thoraschreiber war, mit den durchsichtig zarten Zügen im wachsbleichen Gesicht. Da sind halbnackte Kinder und Mädchen mit gedrehten Locken, die sich zwischen den Erwachsenen hindurch an das kleine Feuer drängen. Ganz im Innern des Raumes sitzt die Familie des Hausherrn: er selbst schwer und dumpf vor sich hinstarrend und seine zerklüfteten großen Hände reibend. Dinah, die ältere Tochter sitzt an seiner Seite mit einem Kinde an der Brust und einem zweiten zwischen ihren Knien; in ihr noch junges Gesicht mit den edlen Zügen haben Hunger und Leid sich schon Straßen gebahnt. Neben ihr Masal, die jüngere Tochter, deren kindhaft schmächtige Gestalt ganz verschwindet unter einem bunten Wollschal, ln dem trüben Nebelgrau des Raumes scheint ein Leuchten von Masals Gesicht auszugehen, als blühe hier eine tropische Blume von überirdischer Reinheit und Zartheit in dem Keller des Schuhflickers. An die Schwester gelehnt, versunken in ihrem großen Schal sitzt sie, und aus ihrem durchsichtig weißen Gesicht leuchten zwei Kerzenflammen. Diese leuchtenden, tiefdunklen Augen sehen unverwandt in einer Richtung, sehen unverwandt hinüber zu David, dem baumstarken Wasserträger mit dem zerschmetterten rechten Arm. Und die Augen Davids des Wasserträgers blicken unverwandt zurück zu der in der Regenkälte leise zitternden tropischen Blume. Hinter ihnen auf dem Bett im dunklen Winkel scheint jemand regungslos ausgestreckt zu liegen. sollten als Zionisten wacher und lebendiger darauf reagieren als diese. So sollten, konkret gesprochen und an Beispielen belegt, unsere Ortsgruppen sich mit den Fragen der deutschen Politik, der europäischen Konstellation, der Kriegsgefahr und des Pazifismus abgeben und aufzeigen, daß unser Zionismus mehr bedeutet als irgendwie Palästinaaufbau, daß er von diesem Aufbau nämlich, ausgehend von seiner Einstellung zur Politik und Wirtschaft überhaupt, ebenso wie der sozialistische Zionist eine bestimmte Vorstellung habe, die nicht so eindeutig sein mag wie die des Sozialisten, die aber auch ihr Spezifisches hat, weltanschauungsmäßig fundiert werden kann und neue Menschen anzuziehen vermag. Dazu kommt selbstverständlich die Begründung dieser Anschauung im Jüdischen. Hier kann auf die bisherige Arbeit von Hans Kohn verwiesen werden, auch auf die demnächst erscheinende Aufsatzreihe von ihm und Robert Weltseh über ״Zionistische Politik“, die genügend Diskussionsstoff bieten dürften. IV. Ueberflüssig m sagen, daß dies alles eine ehrliche und durchführbare Palästina-Leistung des deutschen Zionisten nicht zu lockern vermag, sondern sie befestigt. Im Anfang steht wie zuvor die Forderung eines jüdischen Palästinas als der einzigen Möglichkeit einer Lösung der Judenfrage auch in dem Sinne, daß nur durch eine neue produktive werktätige Gemeinschaft in Erez Israel das Judentum im Galuth Kraft und geistigen Impuls erhält, die seinen lebendigen Fortbestand verbürgen, ln diesem Sinne sprechen wir noch immer von dem Primat des Palästinaaufbaus als der entscheidenden jüdischen Aufgabe dieser Generation und der kommenden. Aber daneben anerkennen wir den Willen des Judentums im Galuth, in dem der größte Teil der Judenheit trotz Palästinas bleiben wird, auf allen Gebieten des jüdischen und nichtjüdischen Lebens Aufgaben zu übernehmen und zu erfüllen, die freilich ihre besondere Form und Gestalt durch das Prisma des Zionismus erhalten sollten. Es ist gewiß nicht leicht, in diesem Sinne den richtigen Weg im Galuth zu finden. Die von Herrn Dr. Holdheim von neuem angeregte Erziehungsdebatte und ihr Verlauf hat erwiesen, wie hilflos wir noch auf diesem entscheidenden Gebiet unserer Arbeit sind. Aber wenn wir um eine Lösung ringen, wird sie sich finden lassen, so relativ und problematisch gewiß, wie jüdisches Leben im Galuth trotz allem immer bleiben wird. Schon in diesem Ringen und schon vor der letzten Lösung wird die zionistische Idee neue Menschen gewinnen können. Längst suchen, ein Stück hinter uns zurück, den gleichen Weg wie wir alle Jugendlichen und Freiheitlichen anderer Gruppen im Judentum. Aenßerungen aus dem Kreis der liberalen Jugend und der Kameraden-Bünde sprechen dafür, Sehen sie, daß wir nicht mehr in einer überholten Palästina-Ideologie verharren, daß auch uns daran liegt, unser Galuthdasein zu gestalten, dann werden sie sich zu uns einreihen müssen und wir werden aus ihnen neue Kräfte ziehen. V. Wir glauben dennoch, daß der Wahlkampf, innerhalb des deutschen Zionismus der erste seit Jahren, in dem das Kernproblem spürbar war, wenn auch noch nicht deutlich wurde, trotz der Niederlage unserer Gruppe zu einem guten Ergebnis geführt hat. Er hat bewiesen, daß der deutsche Zionismus noch lebendig ist und nicht ohne Prüfung und Kritik jede Parole seiner Führer übernimmt. Ein Glück, daß dieses Fieberthcrmometer rechtzeitig funktionierte und uns durch das untrügliche Ergebnis der Wahl zwingt, Konsequenzen zu ziehen. Wenn es gelingt, anläßlich dieses Wahlergebnisses einen Neuaufbau der inneren Arbeit im deutschen Zionismus durchzuführen, dann hat uns die Niederlage mehr genutzt als ein Sieg. Das ״Manna“ Die Londoner ״Times“ berichtet über den Erfolg der unter Leitung der Herren Dr. Fritz Bodenheimer (von der zionistischen Versuchsstation) und Oskar Theodor (vom Mikrobiologischen Institut der hebräischen Universität) stehenden Expedition zur Erforschung der biblischen Manna, Das von den Arabern als ״Himmels-Manna“ bezeichnete Produkt hielt man bisher für eine Absonderung der Tamariske. Die jüdische Expedition jedoch stellte fest, daß es sich um eine Absonderung verschiedener Insekten handelt, die auf den Tamarisken leben und aus deren Körper sirupartige Tropfen quellen. Während einer guten Regensaison soll es für einen Mann möglich sein, 3Va Pfund dieser zu Körnern erstarrenden Masse an einem Tage zu sammeln. Seit drei Tagen und drei Nächten sitzen sie im Keller Eliahus des Schuhflickers um den Tisch mit der Kohlenpfanne. Stundenlang hört man nichts als das Knistern des Feuerchens, das Gebrumme der schwachsinnigen alten Hannah und die Hustenanfälle Baruchs des Händlers. Mitunter beginnt ein Säugling durchdringend zu schreien und fällt, nachdem er ein paar Tropfen aus der welken Mutterbrust gesogen, zurück in seinen Entkräftungsschlaf. Manchmal wird die Tut aufgerissen und ein blau gefrorener Junge, der seine Mutter sucht, ein Mann, der vom Brotbettel zurückkehrt, kommt herein. Der Sturm scheint ihn in die Stube hineinztischleudern, und die Leute um das elende Feuerchen rufen ihm Scheit- und Fluchwarte zu. Und wenn er ein paar Brotrinden aus dem Bettelsack zieht und sie seinen Angehörigen reicht und auch dem Hausherrn — als Entgelt für das Kohlenfeuerchen — ein wenig abgibt, dann sehen die Anderen schmerzlich und neidisch zu. Sie sitzen schon seit drei Tagen hier. — Manchmal beginnt ein Gespräch: ״Laß mich ein bißchen unter dein Tuch, Leah, ich erfriere. So ein schönes neues Tuch!“ ״Aus Amerika“, sagt die Frau stolz und breitet es über dem schlafenden Säugling aus. ״Vom Manne?“ Sie schüttelt schweigend den Kopf, und Röte steigt ihr in die ausgemergelten Wangen. Am Ende des Tisches kichern zwei Mädchen: ״Pah, vorn Manne! Der hat nicht ein einziges Mal geschrieben seit er vor’m Jahr hinüberging. Der hat wohl längst eine Andere!“ ״Großmutter Hannah“, stößt ein Mann, der die Lumpen seiner Kleider und Schuhe mit Bindfaden zusammenschnürt, die schwachsinnige Alte an, ״schnauft doch nicht so. Es ekelt einen ja schon.“ ״Was sagt Ihr?“ schreit sie, ״schön? Ja, ich war schön. Drei schickten gleich den Brautwerber zu meiner Mutter. Ich sah aus dem Fenster, da ging Menachem der Wächter vorbei. Den will ich, und den nehme ich, Mutter, sagte ich. Und da bekam ich ihn.“ Und ein Jahr darauf saß er schon im Gefängnis, und wenn er nicht gestorben ist, sitzt er heute noch“, lacht Viktoria mit dem dicken Leib. Alle lachen mit. Nur die junge Masal bleibt unbeweglich; ihre Augen sind noch um einen Schatten dunkler i ׳ 4'• ׳''f4 ׳ ׳: •14 •:114 •fe 4|: ä4I