Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1927)
- Date
- 1927-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 468 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.6S, I0.VHL 1827 Kongreß-Tribüne Kongreß-Programm der Hitadidutti Das Tel-Awiwer Hauptbüro der All weltlichen »fonistische n A r bei t s pa r t e i ״Hitachtfuth“ übersendet und das nachstehende Expose, das die Richtlinien der Kongreßpolitik darlegt, mit der Bitte um Veröffentlichung. (Von uns etwas gekürzt. — Red.) Die schwere wirtschaftliche Krise, die auf dem Jischuw und vor allem auf der Arbeiterschaft lastet, ist noch nicht überwunden. Die Arbeitslosigkeit dauert unvermindert an, die Arbeitslosenunterstützung ist noch nicht aufgehoben, auch Notstandsarbeiten bedeuten noch nicht Verwurzelung im Wirtschaftsleben des Landes. Die Aussichten auf neue Siedlung»- arbeit sind gering und entfernt, die Einwanderung ist zum Stillstand gekommen, in den Städten häuft sich noch eine Masse erwerbsloser Händler und Handwerker. In der Bewe* gung herrscht Verwirrung und Mißtrauen und die Verbitterung läßt vieles schwarzer sehen als es ist. Die Krise im Lande ist schwer, aber noch schwerer ist die Krise in der Bewegung. Die wirtschaftliche Depression in Palästina ist trotz aller Schwierigkeiten, die sie mit sich bringt, nicht mehr als vorübergehend, Die Krisis in der Bewegung ist von entscheidender Bedeutung. Diese Krisis geht darauf zurück, daß der Zionismus das ruhige Selbstbcwußtsein einer Bewegung verloren hat, die weiß, daß ihre Aufgabe nicht Ober Nacht erfüllt werden kann sondern sich nur in einem langen Prozeß der kontinuierlichen Kraftanspannung und des organisierten Aufbaus verwirklichen läßt. Die Losung von aer ״Verwirklichung des Zionismus in unseren Tagen“ ~~ so vielverneißend und glänzend sie auch für uns alle klingen mag — die in unserer politischen Konstellation der Nachkriegsjahre aufgetaucht ist, hat dieses historische Bewußtsein der zionistisehen Bewegung verwirrt. Sie hat auf der einen Seite die, in diesem Lichte gesehen, lebenswichtigen Aufgaben der Jugenderziehung und Volksaufklärung in den Hintergrund treten lassen, sie hat auf der anderen Seite jene völlig unzionistische und innerlich unsichere Einstellung geschaffen, die von der Stimmung des Augenblicks abhängig ist und in den Schwierigkeiten jeder Uebergangsstunde den Bankrott der Idee erblickt. Die Aufgabe, die unserer Generation auferlegt ist, die Fundamente zu bauen und zu untermauern, ist groß und schwer genug. Aber anstatt an der Erkenntnis festzuhalten, daß die Verwirklichung des großen Zionismus — die unser aller Streben ist, und die heute noch kaum begonnen hat — nur zu denken ist als ein Bau, zu dem mühsam nur Sandkorn für Sandkorn gereicht wird, verwandelt man jeden unvermeidlichen Rückschlag in eine wilde Panik. An dieser Grundtatsache kann auch keine Revision unserer Politik und ihrer Methoden und keine Diplomatie, mag sie noch so erfolgreich sein, entscheidend etwas ändern. Nach dem Kriege sind die politischen Bedingungen geschaffen worden, die die unentbehrlichen Voraus- Setzungen für unsere konstruktive Arbeit darstellen. In Palästina naben wir Freiheit der Einwanderung in den Grenzen der wirtschaftlichen Möglichkeiten, Freiheit der Kolonisation, in den Grenzen unserer Mittel, Freiheit der inneren nationalen OrgKtiisienuig unseres Jischuw, Freiheit und öffentliche Anerkennung unserer nationalen Sprache. Oe Mandatarmacht hat das Verkehrswesen im Lande erschlossen und öffentliche Ruhe und Ordnung gesichert. Außerhalb Palästinas haben wir gerade in den letzten Jahren unsere politischen Positionen nach Kräften ausgebaut und befestigt. Die Schaffung des interparteiischen prozionistischen Klubs der britischen Pariamentarier, die Schaffung großer politischer Ligen zur Förderung des Zionismus in Frankreich und Deutschland sind das Ergebnis dieser Bemühungen. Sehr vieles ist — mehr aus Mangel an Mitteln als aus Mangel an politischer Einsicht — versäumt worden. In der Bewegung hat oftmals ein Gef ü h I der Unsicherheit geherrscht, daß man eine systematische ununterbrochene und planmäßig geleitete Aktion vermißte. Diese Lücken müssen ausgefülrt werden. In Jerusalem und London ist systematische Arbeit vonnöten mit dem Ziel, auf der einen Seite die Administration und Gesetzgebung der Palästinaregierung an die Erfordernisse unserer Kolonisation und die Bedürfnisse unserer Wirtschaftspolitik anzupassen, auf der anderen Seite die Mandatarmacht aktiver als bisher an der unmittelbaren Verantwortung für das jüdische Aufbauwerk zu beteiligen. Ernste Aufmerksamkeit _ muß einer methodischen und sachlichen Aufklärung und Erziehung der öffentlichen Meinung in England gewidmet sein. Unsere politische Tätigkeit in anderen Staaten muß fortgesetzt werden, besonders erfordert unsere Position in Washington sorgfältige und aktive Arbeit. Aber alle diese Aktionen können nicht gelingen, wenn der Zionismus auf die Bahn politischer Abenteuer gelockt wird, mögen sie auch noch so national und übernational gefärbt sein. Jener deklamatorische Pseudoradikalismus, der in der zionistischen Politik gepredigt wird, der sich in abstrakten Endzielformen und maximalistischen Losungen bewegt, kann nur in völliger Stagnation und Unfruchtbarkeit enden. Alle diese Aktionen können nur gelingen, wenn sie in einer Haltung und mit einer Methode geführt werden, die der Wörde der Bewegung lind den p o I i t i - sehen Traditionen des Zionismus entspricht, die von jeher in den eigenen Kräften des Volkes die Grundlage für seine Autoemanzipation erblickte. Was notwendig ist, ist eine sachliche fortiter in resuaviter in modo, geführte oütische Aktion, die sich konkrete Ziele setzt und selbsteherrscht und würdig ihre Erreichung anstrebt. Wir können von ihr für die nächsten Jahre keine umstürzenden politischen und diplomatischen Sensationen erwarten, auch keine prinzipiellen Revisionen werden kommen. Was wir von ihr erwarten können, ist die aH mähliche Unterbau 11 ng und Befestigung unserer erreichten Stellungen und die Eroberung einzelner neuer Posten, die für den Fortgang unserer praktischen Arbeit die nötige politische Hilfe bieten können. Es ist selbstverständlich, daß zuerst das Problem der Liquidierung der Arbeitslosigkeit gelöst werden muß, ehe man an die Ausführung dieses Arbeitsplanes für die Zukunft gehen kann. In dieser Hinsicht muß die bedeutende Aktion des Arbeitsdepartements, die in den letzten Jahren eine große Anzahl jüdischer Arbeiter in den Kolonien zu konzentrieren und zu verwurzeln strebte, als reale Grundlage dienen. Die Wege zu einer rationellen Liquidierung der Arbeitslosigkeit sind die koionisatorisehe Basierung des Arbeiters durch die Gründung von Hilfswirtschaften und den Beginn der Ansiedfung arbeitender Elemente in der Umgebung der Pflanzungskolonien. Vor uns liegen Jahre, in denen — was immer sonst auch kommen mag — unsere äußere Expansion und unser überstürztes Vordringen in Immigration und Konzentrierung in den Städten, wenigstens für eine bestimmte Zeit bedeutend zurückgehen muß. Auch wenn die finanziellen Ergebnisse der Jewish-Agcncy-Politik eintreten und so günstig ausfalleu werden, wie man es gerechterweise erwarten kann, werden sie in dieser Uebergangszeit dazu verwandt werden müssen, um unsere in den Jahren des Vorstoßes nur flüchtig gesicherten kolonisatorischen Positionen zu befestigen und dem natürlichen Wachstum der Bedürfnisse des Jischuw in den verschiedenen Gebieten seines sozialen Lebens nachzukommen. Auch eine verhältnismäßig bedeutende Erweiterung unserer nationalen Mittel wird also an dem Uebergangscharakter der nächsten Jahre nicht* za ändern vermögen. Unsere besten Kräfte werden nach wie vor in diesen konstruktiven Aufgaben der Siedlungsarbeit eingesetzt sein. Das Schwergewicht des Zionismus aber wird damit wieder zurückverlegt von der palästinensischen Front in das Galuth, von der praktischen Wirtschaftsarbeit in den Kampf um die Eroberung der Geister im Judentum, die der Zionismus benötigt, sobald der neue expansive Vorstoß unserer konstruktiven Arbeit einsetzen wird. Die Durchführung dieser großen und schweren Erziehung*- arbeit in allen Ländern der Diaspora erfordert vor allen Längen eine bei weitem stärkere Zusammenfassung aller z>onistischen Kräfte und der gedanklichen Arbeit in der Bewegung, als sie in den Jahren nach dem Kriege gegeben war. Den zentrifugalen Tendenzen müssen zentripetale errtgegengfcsetzt werden. Differenzierung muß in der Integrierung ihr Gegengewicht finden. Unbeschadet der Sonderexistenz und der inneren Autonomie der verschiedenen Parteien müssen in jedem Lande nach dem Vorbild der Weltorganisation interfraktionelle Landesverbände geschaffen werden, die alle zionistischen Kräfte für die gemeinsamen zionistischen Aufgaben zusammenfassen. Die Schaffung einer gemeinsamen Tribüne, auf der Zionisten aller Parteien ihre Meinungen austauschen können, wird auch innerhalb der verschiedenen Parteien die Produktivität des politischen Denkens eher erhöhen können, als ihre Abschließung in dem häuslichen Rahmen der abgesonderten Gruppe, die sowohl der Resonnanz wie des Widerspruches bar ist. Die Durchführung dieser Aufgäbe erfordert aber auch die Bewahrung des volkstümlichen und demokratischen Charakters der zionistischen Bewegung und die Aufrechterhaltung ihrer konstitutionellen Formen. Selbstverstündlich müssen sich Verfassungsformen mit den Bedingungen ändern. Mehr als einmal haben wir selbst Reformen der Organisation, des Kongresses, des Aktions-Comites, des Schekels ausgearbeitet und vertreten. Aber alle diese Reformen berühren nicht die konstitutionelle Grundlage unserer Bewegung, sondern liegen innerhalb der Grenzen unserer Verfassung. Es gibt heute Anzeichen für Versuche, an diesem oder jenem unserer Grund- Prinzipien zu rütteln oder die demokratische Verantwortlichkeit der zionistischen Exekutive zu beseitigen oder unsere konstitutionellen Organe durch andere unverantwortliche zu ersetzen. Wir werden jeden dieser Versuche auf das leidenschaftlichste bekämpfen. Wir müssen unter Anspannung aller Energie alles das tun, was geeignet ist, das Nahen des Tages neuer Einwanderung und Kolonisation zu beschleunigen. Dazu gehört vor allen Dingen die ׳־ •״ ■.. : ■ ' ' ' " ' finanzpolitische Vorbereitung einer modernen und großzügigen Kolonisation unter palästinensischen Bedingungen. Für die nächste Zeit liegt die Struktur unseres Einnahmensystems fest und wir werden wenig einschneidend daran ändern können : die beiden hauptsächlichen Spendenfonds, unterstützt von einigen nationalen oder halbnationalen Wirtschaftsgesellschaften zu Spezialzwecken, werden die Pfeiler unseres finanzpolitischen Systems für diese Uebergangszeit bleiben. Aber es ist heute wohl allen klar genug, daß auf der Grundlage dieses Finanzsystems eine großzügige moderne Kolonisation nicht geführt werden kann. Daß unsere Siedlungsarbeit, nachdem sie innerlich das Experimentstadium bereits überwunden hat, bisher nicht zu größeren Maßstäben hat übergehen können, hängt wesentlich mit dem Umstand zusammen, aaß sie die Anpassung der finanziellen Methoden an die Erfordernisse des Siedlungs- Werkes noch nicht vollzogen hat. Wir haben auf den beiden letzten Kongressen die Ansicht vertreten, daß ohne die Bereit- Stellung großer nationaler Kreditmittel auf dem Wege einer Anleihe diese Anpassung nicht zu vollziehen ist. Wir wissen, daß die gegenwärtige Konjunktur wenig geeignet ist, uin eine praktische große Anleihepolitik zu führen. Aber wir wissen auch, daß die Anleihepohtik überhaupt nicht im Laufe eines Tages und nicht in kurzer Zeit durchzuführen ist. Um eine große Anleihe auch nach Ablauf einiger Jahre für den Augenblick des Konjunkturumschwungs vorzubereiten, Ist schon heute, ohne einen Tag zu verlieren, die Aufnahme der einleitenden Arbeiten unter Einsatz aller unserer politischen und wirtschaftlichen Kräfte notwendig. Wenn unsere Anleihepolitik bisher so geringe greifbare Fortschritte gemacht hat, so liegt es zum großen Teil daran, daß ihr die Kooperation unserer politischen Instanzen vollkommen gefehlt hat, weil besonders in unserer Exekutive nicht das Bewußtsein geherrscht hat, daß die politische Vorbereitung der Anleihe zu ihren wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben gehört. Auch die politische Hilfe der Mandatarmacht für die Einleitung unserer neuen Finanzpolitik muß mobilisiert werden. Die Entwicklung, die in der Stellung der englischen Politik gegenüber dem Aufbau der nationalen Heimstätte zu merken ist, läßt hoffen, daß eine derartige Unter- Stützung unserer Finanzpolitik seitens Englands nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeiten steht. Eine der dringlichsten und grundlegendsten Voraus- Setzungen für den neuen kolonisatorischen Vorstoß des Ziwiismus ist aber die Konsolidierung unseres Siedlungswerkes in Stadt und Land und unserer Wirtschaftsinstitutionen. Aber man bemüht sich vergeblich, die Konsolidierung zu einer politischen Parteilosung zu machen und aus ihr eine Waffe gegen die palästinensische Arbeiterschaft, die bis heute die Trägerin der nationalen Kolonisation ist, zu schmieden, Die Konsolidierung*- losung kann niemals eine Kampfparole sein, und sie könnte niemals gegen den Willen und ohne die aktivste Mitarbeit der Arbeiter und Siedler selbst durchgeführt werden. Lange bevor in den Kreisen, die heute die Konsolidierungslosung zu einem Universalrezept und zu einer Kampftheorie machen wollen, diese auch nur dem Namen nach bekannt war, haben wir innerhalb der palästinensischen Arbeiterbewegung den Standpunkt vertreten, daß die Konsolidierung unserer Wirtschaft und der Aufbau rentabler und lebenswichtiger Betriebe die einzige Grundläge für eine erfolgreiche Fortsetzung und beständige Erweiterung unserer Einwanderung*- und Kolonisationspolitik bilden kann. Aber wir haben stets auch gewußt, daß das Schwergewicht der Konsolidierungspolitik imSelbsterziehungsprozeß des Jischuw liegt, und daß Ihr Geling«» davon abhängt, daß in den Reihen der Siedler und Arbeiter der Geist der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung erhalten bleibt und daß das Selbstbewußtsein der freien Siedlerschaft nicht durch große Schemata administrativer Eingriffe gebrochen wird. Die innere Entwicklung in den landwirtschaftlichen Be trieben der nationalen Siedlung ist wohl der beste Beweis dafür, welche Fortschritte von Jahr zu Jahr in dieser Richtung gemacht werden, wenn nicht eine politische Hetze und eine Politik blinden Hasses gegen die Arbeiterschaft den Anlaß zu einem schweren und kostspieligen Rückschlag bieten wird. Es handelt sich überdies gar nicht allein — oder auch nur in erster Linie — um die Konsolidierung der Arbeiterwirtschaft. Alle Finanz- und Wirtschaftsinstitute der Zionistischen Organkation stehen vor demselben Problem. Die Wurzel der Frage ist bei allen die gleiche: Der Widerspruch zwischen den verfügbaren Mittelnund denübermäßigenund kaum tragbaren Verpflichtungen, die ihnen die Bedürfnisse des wachsenden Jischuw, der Landhunger der einwandernden Menschen, der Drang der jüdischen Massen zur Emigration auferkgt haben. Für manche unserer Expansionen, besonders in der städtischen Wirtschaft, wird überhaupt erst die Entwicklung einer längeren Zeit Heilung und Konsolidierung bringen können. Erst wenn im Laufe der nächsten Jahre die Zone des Pflanzungsbaus um Tel-Awiw herum, vor allen Dingen die Orangenzone, sich erweitern wird, wird die Expansion von Tel-Awiw in den letzten Jahren ihre wirtschaftliche Grundlage und Rechtfertigung finden. Erst wenn unsere Siedhing im Emek auf blühen und sich entfalten wird, wird die Gründung von Afule allmählich und organisch ihre Früchte tragen können. So ist die Konsolidierung unserer wirtschaftlichen Positionen im Lande auch keine mechanische Zauberformel,sonderneineLosungder Selbsterziehung und der organischen Entwic k lun g( für die es unsere Kräfte einzusetzen gilt Dabei haben auch die Erfahrungen der letzten Jahre und vielleicht gerade sie den Beweis erbracht, daß die zionistische Siedlungspolitik in ihrer Grundrichtung richtig und den objektiven Bedingungen des Landes und der Siedler entsprechend ist. Sie steht auch heute unerschüttert fest. Ihre vier Grundpfeiler sind : Primat der Landwirtschaft, nationaler Boden, jüdische Arbeit, Selbstbestimmung der Kolonisationsform durch die Siedler. Alle vier sind nicht abstrakte Prinzipien in einem theoretischen Lehrgebäude, sondern notwendige Folgerungen aus diesen objektiven Bedingungen. Das Privatkapital, das notwendig wäre, um Landwirtschaft auf Privatboden zu ermöglichen, strömt in andere Kanäle, niemals ins Bauerndorf. Ohne jüdischeArbeit gibt es niemals eine kompakte und lebensfähige nationale Siedlung, sondern nur ein ausgebeutetes Volk und eine ausbeutende Oberschicht, Klassenhaß und Nationalhaß in einer Gestalt. Auf diese Not- Wendigkeit jüdischer Arbeit gehen aber alle Siedlungsformen zurück, die auf der Grundlage jüdischer Arbeit entstanden sind. Lohnarbeit bedeutet unter palästinensischen Bedingungen in jedem kritischen Augenblick die Gefahr des Einbruchs billiger und fremder Arbeit. Ohne die innere Autonomie der Siedler in der Bestimmung ihrer Kolonisationsformen gibt es nicht den Geist der Freiheit und Selbstverantwortlichkeit, der allein imstände ist, die siedelnden Menschen die ungeheuren Härten und Gefahren der Okkupation, die gewaltsame Hembdrückung ihrer Lebenshaltung und die mühselige Arbeit der Aufbaujahre ihr« Betriebes ertragen zu lassen. Es Ist selbstverständlich, daß jede dieser selbstgewählten Formen, vorausgesetzt, daß ihre Finanzierung systematisch und planmäßig erfolgt, ihre wirtschaftliche Fähigkeit zu erweisen hat. Ohne diesen Beweis ist weder im kapitalistischen noch im sozialistischen Wirtschaftssystem Wirt• senaft und Kolonisation möglich. Rationalisierung der Wirtschaft und Betriebskontrolle sind elementare Erfordernisse jeder modernen ökonomischen Ordnung. Aber ebenso ist es verboten zu vergessen, daß die Formen der Arbeiterkolonisation, wie sie sich in Palästina entwickelt haben, die Frucht der unermüdlichen und immer erneuten Anstrengungen der Siedler darsteilen, ihre Lebensformen an die Kolonisationsbedingungen des Landes, an die Bedürfnisse der Okkimation bis an die äußerste Grenze der psychologischen Tragfähigkeit anzupassen. Jedes Abweichen von diesen vier Grundsätzen der zionistisehen Siedlungspolitik muß eine schwere Gefahr für unser Sie treffen den Zionismus. Die kolonisatorischen Niederlagen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina werden nicht Niederlagen der Klasse oder gar Mißerfolge der einzelnen sein, sondem eine NiederlagedesZionismus, ebenso wie auch die kolonisatorischen Errungenschaften und Erfolge des jüdisehen Arbeiters in Palästina nicht Sieg einer Klasse oder Erfolge der Einzelnen gewesen sind, sondern Siege des Zionismus. Die Fortsetzung der zionistischen Siedlungspolitik — Konsolidierung und planmäßiger Ausbau des Kolonisationswerks — erfordert für die Uebergangsperiode die Konzentrierung unserer nationalen Anstrengungen und unserer nationalen Mittel aut das Lebensnotwendigste. Die Beschränkung unserer Budgetausgaben auf die unmittelbaren, lebenswichtigsten, — am stärksten gefährdeten oder am unmittelbarsten produktiven — Arbeitszweige ist eine eiserne Notwendigkeit. Aus diesen Erwägungen heraus hat die Hapoel Hazair-Konferenz in Petach Tikwah im vorigen Jahre beschlossen, dafür einzutreten, daß mindestens 50 0/0 unseres Budgets für die landwirtschaftliche Kolonisation, ein weiterer Teil für die städtische Siedlungsarbeit, d. h. also für die Oeffnung unmittelbarer neuer Erwerbsquellen verwandt wird. Außerdem verlangt auch die Boden- . Wir wissen, daß diese Umstellung unseres Budgets nicht von heute auf morgen durchgeführt werden kann, ohne daß nationale nicht minder wichtige Dienste, denen es bisher gewidmet war — vor allem das Erziehungswerk — in ihren Grundfesten erschüttert werden. Ohnehin haben die Anforderungen, die wir zuweilen an die Männer stellen mußten, die hartnäckig ihre Arbeit in unserem Erziehungswerk leisteten, das Maß des Menschenmöglichen überschritten. Aber daraus dart kein fatalistischer Schluß gezogen werden. Es muß ein Plan geschaffen werden, der im Verlauf eines bestimmten Zeitraums, nicht über zwei Jahre hinaus, diese Dienste neu organisiert. Die Beteiligung und Selbstverantwortung des Jischuw, die entsprechende Teilnahme der Landesregierung an diesen Aufgaben, innere Ersparnisse im Budget und Beschränkung auf aas Einfachste und Alkrnotwendigste, wie es dem Standard eines armen Landes und eines armen Volkes entspricht, müssen die Grundstriche für diesen R e 0 r - ganisationsplan sein. Auch die Anpassung der zio« nistischen Administration in allen Ländern, allen In-