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Jüdische Rundschau · 1927-08-12 · Heft 64 (12.8.1927) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 64 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 482 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 12. VIH. 1927 Für eindeutigen Zionismus Von Erich Gutkind. Nachfolgenden Artikel veröffentlichen wir als Beitrag zur Diskussion unserer wichtigsten Probleme. Red. Gefahr wächst für den Zionismus, als bloße Nachkriegserscheinung liquidiert zu werden, oder schlimmer noch, als Schein-Zionismus dahinzuvegetieren. Solcher Zusammenbruch wäre Katastrophe nicht nur des Zionismus. Wäre furchtbarer Rückschlag auf das gesamte Judentum. Wäre — wie nach dem Sabbatei Zwi — tödliche Enttäuschung entbrannter Begeisterung. Zu weit sind wir jetzt schon gegangen, um noch zurückzuköniien. Und dürfen unseren Glauben an unsere Ewigkeit nicht so versuchen wollen, als käme es auf verlorene Jahrzehnte nicht an. Sollte gerade dieser ungeheure Zeitmoment, in dem Aeonen sich scheiden, den Juden unvorhereiteR zerbrochen finden? Aber wie vermochte -es zu so gefahrvoller Krisis zu kommen? Fehler? Begreifliche Schwierigkeiten? Das wäre abwegige Deutung. Unsere Krisis ist keine andere als die große universale Menschheitskrisis, der wir auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Und nun sollten wir heut unseren untrüglichen Kompaß, der uns so sicher durch alle Weltenstürme seit je geleitete, vergessen wollen? Ucberdetitlich ist, welches die unausweichliche Frage ist, die heute in jedem Menschenherzen auf der ganzen Erde brennt. Sie heißt: Kapitalismus oder Sozialismus! Bürgerlichkeit oder Gemeinschaftlichkeit! Selbst die sublimsten Krisen des Geistes sind nichts als solche Versuche, in den höchsten Sphären Bürgerlichkeit zu überwinden. Nichts anderes ist die religiöse Katastrophe. Los von der bürgerlichen Weltauffassung, das meint alles Suchen in Kunst, in neuer Erziehung, im Drang nach erneuter Leiblichkeit, in Umwertung von Sexualität und Ehe. Erlösung vor allem der Arbeit, — los vom Kapitalismus, das ist das üonnerwort dieser großen geschichtlichcn Stunde, ist wahrhaft göttlicher Ruf an den Menschen, Wie könnte der Jude, dessen ganzes Wesen Eindeutigkeit ist, andere als eindeutige Entscheidungen treffen. Wir, das Volk, dessen Lebensgesetz Zedakah ist, dessen einsame Pathetik stets die Versackung des Menschlichen in Bürgerlichkeit immer wieder niederrang. Und nun ist eine herrliche rüstige Jugend aufgebrochen, von der einer unserer würdigsten Orthodoxen einmal sagte: ״Ich möchte sie küssen, die Chaluzim“ und ist dem göttlichen Wajikra von neuem in wüstes Land vertrauensvoll gefolgt. Und sie haben nicht einmal gemurrt wie die Väter, trotzdem ״ihr Kleid abgealtert und ihr Fuß geschwollen ist“. Und diese Menschen können wir jetzt verraten?! Aber es wäre auch verhängnisvolle Verblendung, wollte Israel sich heut unter den sinkenden Stern des Kapitalismus stellen. Wollten wir all unser köstliches Gut auf das sinkende Schif f der Bürgerlichkeit vertrachten. Von einem unserer Weisen wird berichtet, er habe sich geweigert, aus Syrien kommende Gemüse nach Palästina hereinzulassen, um den heiligen Boden nicht mit dem anhaftenden Staub unheiliger Länder zu verunreinigen. Und wir sollten das Heilige Land am Kapitalismus, dieser Eiterbeule der Menschheit, infizieren wollen? Gewiß bedeutet Eiterung auch schon Reaktion gegen die Krankheit. Was eitert denn im Kapitalismus aus der Menschheit heraus? Es ist die aus der Ur-Perversion herrührende Naturversunkenheit des Menschen. Im Kapitalismus lösen sich alle alten Bindungen. Wandelt sich die Welt, in der alles lebendig schien, in Maschinerie, Kausalität, Unfreiheit, totes Ding, ja endlich (Marx) in Ware. Und der entseelte, Ding, Ware gewordene Mensch erstirbt zum Proleten. Aber dieser selbe tödliche Prozeß drängt auch die Menschheit aus der Natürlichkeit, oberhalb d,er Natur, *Autonom und unzersetzbar gegen die Naturwelt. Diese Mission hat der Kapitalismus noch nicht vollendet, und kann daher noch aussichtsreich erscheinen in der Form des Hochkapitalismus, amerikanischer Struktur. Aber niemand glaubt ja, daß solcher in Palästina durchführbar sei. Palästina ist arm und klein. Nicht größer als eine mittlere preußische Provinz. Sein anbaubares und gar für uns disponibles Areal ist ein Bruchteil selbst dieser winzigen Fläche. Wer nicht als ״Sachverständiger“, sondern als Sehender dies Land durchpilgert, — erschüttert von dieser in Heiligkeit brennenden Felseinsamkeit, — der erschaut auch unmittelbar, daß Palästina überhaupt gar kein Wirtschaftsland ist, daß es ganz , nders, ja unvergleichlich höher, zukunftssicherer, konkreter von uns aufgenommen werden muß. als auf der wesenlosen Grundlage des Profits. Herrliches Schicksal Israels, unvermögend auf der Lüge bauen zu können! So wäre denn etwa ein romantisches oder mystisches Erez Israel unser Ideal, ein unwirtschaftliches Land, eine dauernde Chalukka? Niemals! Nirgendwo ist das Wirtschaftliche, das Unausweichliche, das Lebensnächste ernster, aufrichtiger, ja mit religiöser Inbrunst zum Objekt gemacht worden als in den Kwuzzoth. Während es in der bürgerlichen Welt als ein vom ״Ideal“ ewig abgetrennter Sumpf modert, versteckt hinter einer glänzenden Kultur, die verdammt ist immer nur Ueberbau zu bleiben, letztlich illegitim, ein Selbstbetrug. Aber hier, im Neubeginn, sahen wir Kultur zart aufkeimen, verheißungsvoll, die versuchte, ihre Rechtfertigung vor dem Angesicht zu erlangen. In welcher — so ist jüdische Kultur — nichts erschwindelt war. Nur dies war der Unterschied für den neuen Menschen der brüderlichen Gemeinschaftlichkeit: für ihn ist die Wirtschaft Objekt, bitterstes ernstes Objekt, aber Objekt;nie jedoch Subjekt, wie im Kapitalismus, wo die Wirtschaft bestimmendes Subjekt bleibt, und der Mensch zum Objekt, zur Ware erniedrigt wird. Denn: Die C h a 1 u z i m sind keine Götzendiener, wie der Bürge r. Und darum, weil hier, im dicksten Innern der Wirklichkeit, eine Entscheidung gewagt wird, die gleichsam die Ur- Verderbnis aufhebt, die uns vom Baum des Lebens trennt, darf nicht vorschnell ,,rentables Funktionieren“ abverlangt werden, das nur spätes Ergebnis sein kann. Darum ist auch der — zutreffende — Vorwurf des Dilettantismus kurzsichtig. Die Chalu/im müssen getragen und gefördert werden, und sei es auf Jahrzehnte. Es gibt keine Rückkehr ins Bürgcrland mehr! Welches war doch der Sinn des Zionismus? Es war doch Uebervvindung des Gallith. Sammlung unseres Volkes in Zion. Erneuerung Israels in Zion. Ein Zentrum sollte entstehen, stark genug, alle Juden zur Einheit zu fassen. Aber cs war doch nicht die Einrichtung eines muffigen Bürgerwinkeis. War doch nicht die Ansiedlung etlicher Zehntausend Kleinbürger in schläfrigen Dörfchen oder geschmacklosen Kleinstädtchen. Weg mit der sentimentalen kitschigen ״Heimstätte“! Der herrliche Sturm, der unsere Zeit durchtobt, hat längst von den ״Heimstätten“ die Dächer abgedeckt und wird bald die Türen von den Angeln reißen. Mit Provinzideen von vorgestern erobert man nicht das sprödeste vornehmste Land der Erde. Um Juden aus Not zu helfen, gibt es weit durchgreifendere und vor allem schnellere Heilmittel, als im Schneckentempo einige Zehntausend eines Achtzehn-Millionen-Volkes dürftig und ungesichert unterzubringen. Erez Jisrael ist nicht Israels Bett, sondern IsraelsLcuchtturm. Ist nicht bloßes ״Siedlungsgelände“. Wer das sucht, wer ,,rentabel“ arbeiten will, findet überall günstigeres Kolonisatiohsland. Erez Jisrael kann nur zionistisch verstanden werden. Als tief geheimnisvolle Beziehung des jüdischen Menschen auf diesen Boden, der als einziger fähig ist, in seiner Seele immer wieder erneuernd die Ur-Situation, unseren Ur-Ausgangspunkt herzustellen, der in den tiefsten Schichten des Unterbewußtseins lebt. Das ist ein Mysterium, aber keine Frage der ״Kapitalinvestierung oder Ansiedlung“. Spüren kann das nur, wer beim ersten Betreten des Landes wie von einem Schla״ getroffen, gleichsam bewußtlos wird, weil aus unendlich tiefen Seelenschächten urferne Erinnerung aufklingen will und das konventionelle Tagesbewußtsein Schweigen heischt. Aber diese ferne eindringliche Stimme weiß nichts von Kapitalist und Prolet. Sie flüstert nur, hier sei heiliger Boden, auf dem der Mensch heranreifen sollte, dicht' neben der Weißglut der Schechina zu leben. Es kann kein bürgerliches Erez Jisrael geben. Bürgerlichkeit ist die unjüdischste Haltung, die sich nur ausdenken läßt. Ist die Weit ohne Rechtfertigung, die Welt ohne Zukunft. Im Bürger ist dcrMensch selbst im Galuth, und so kann der Bürger nur Galuth schaffen, nie Zion bauen. Der Bürger ist ja der Mensch der ewigen Furchtsamkeit, der illegitimen Sicherungen, in denen die Ur-Perversion stabilisiert werden soll. Er ist der auf sich selbst bezogene, narzistische, autistische Mensch, der Zerbrochene, der wesenlose Neurotiker, dessen Kultur verdämmt ist, bloßer ״Ueberbau“ zu bleiben. Aber ״Jude“ — das heißt doch der offen aus sich Herausschwingende, der weit Geöffnete, Aufgetane, der Furchtlose, Herzliche, Kameradschaftliche. Jüdische Welt ist doch die überkausale, lebendige, gewaltlose Welt. In der niemand bloß Mittel ist. Wo das Wort gilt: ״Kamocha“ — ״Er ist wie Du“, Dein Nächster. Keine konkrete Person soll mit diesen Sätzen abgewiesen sein. Denn ach — wir alle stecken ja tief in der Bürgerlichkeit und wissen, daß die kühnsten Ueberwindungen der Bürgerlichkeit oft von Menschen unternommen worden sind, die eben von dort kamen. Würde man kapitalistisch aufbauen, so wäre die unausweichliche Folge der Klassenkampf. In seiner Front scheiden sich heut alle Dinge auf Erden neu. Es wäre eitel Naivität, auf Ausgleich zu hoffen, wo der letzte Ur-Kampf aufbrennt. Aber Erez Jisrael hatte die Chance von Grund aus zu bauen ohne die Tumah der Zerstörung, ohne Negativität. Erez Jisrael ist das positivste Prinzip der Welt. Und verliert unermeßlich, wenn es bauen muß ״wie die Völker“. Sinkt es auf das Niveau des heutigen Chaos, so ist es auch den Chaosgesetzen preisgegeben, die furchtbar sich schon erheben, dies Weltzeitalter abzuschließen, zuletzt vielleicht in Katastrophen, an die nur zu denken das Herz Stillstehen macht. Und dieser apokalyptische Moment kann näher sein als Gedankenlosigkeit meint. Es eilt grausam, jene höhere Ebene zu erreichen, auf der einzig der Ausweg noch offen steht. Und unser Lebensgesetz der unbedingten Menschlichkeit ist auch, wie stets Wahrheit, nüchternste Nützlichkeit. Denn wenn man uns fragt: ״W oh er das nötige Geld? Woher die Mittel?“ so gibt es nur die eine Antwort: Aus der Liebe des Volkes! Wie könnte aber das Volk ein Unternehmen lieben, das nicht nur die innere Front des Klassenkainpfcs, sondern die Front der ganzen arbeitenden Welt als Gegner hat, und nicht innig lebt mit den erneuenden aufsteigenden Kräften. Wie vermöchte ein unelektrisches Kleinbiirger-Splittervölkchen auf die Dauer Begeisterung zu erwecken! fe ist ein Verhängnis, wenn der Aufbau an Provinzideen orientiert bleibt. Nicht eine einzige der westeuropäischen Kategorien darf unbesehen übernommen werden. Nicht der viele Organisationskram, nicht das verschimmelte Ideal ״Staat“. Staat, der folgerichtig Kriegsgerät verlangt, während doch jüdische Hände solchen Unrat nicht anriihren sollten. Der bürgerliche Staat Palästina, ״wie die Völker“, wird zwischen den dämonischen Gewalten der Weltkrise zeruetscht werden, wie eine Wanze. Aber das Erez Jisrael er Menschlichkeit und Wahrheit wird durch die aufsteigenden Ströme der Geschichte hoch emporgetragen werden. Das werdende Zion, auf das alle Herzen ,warten, aber nur dieses, wird niemals auch der materiellen Mittel ermangeln. So wird ein Netz von Kwuzoth über das ganze Land die beste Lösung bleiben. Auch sollte die Ansiedlung sich um die vorhandenen Städte erweiternd fortsetzen, als Gürtel zunächst um Jerusalem, Hebron, Safed, Tiberias. Dort mag sich auch Handwerk, für den inneren Konsum, stärker ausbilden. Im Anschluß an die Siedler müßte eine ganz große Gastlichkeit des ganzen Landes sich herausbilden, die wohl auch fähig wäre, das Land zugleich wirtschaftlich mit zu stützen. Jeder Jude sollte einmal im Leben den heiligen Boden berühren können. Dazu bedarf es weitverbreiteter gänzlich reformierter, nicht hotelmäßiger Einrichtungen, in denen eine schlichte und würdige Unterkunft möglich wäre. Und hier liegt der beste ״Exportartikel“ Palästinas. Es ist die ״Lehre“, die wieder ״von Zion“ ausgehen soll. Geht aber von den radikalen Gruppen neue ״Lehre“ aus? Noch sind alle diese Erneuerer in einem Frühstadium der innerliehen Freiwerdung, der Ablösung von Ueberlebtem und Verkehrtem. Sie leiden noch an der Schwäche aller sozialistisch gerichteten Unternehmungen unserer Zeit, an der noch so geringjn und erst suchenden Entfaltung des Positiven, das gegenüber der Negation zurücktritt. Nun beruht abef alles positive Wirken auf Bindung, Konzentration, Anschluß an den ewigen Quell. Dieser Anschluß an die gewaltigen Urkräfte der Tradition kann aber in diesem Augenblick nicht gefunden werden, ja wird gerade aus religiöser Redlichkeit zu Recht abgelehnt. Nicht in dem erstorbenen Traditionsbetrieb, nur in solcher unbürgerlichen redlichen Unbedingtheit wie in den Kwuzoth1, vermag die entseelte Tradition wieder neu zu werden. (Dies gewaltige Problem kann hier nicht weiter behandelt werden. Wir hoffen, so es uns gegeben ist, eine Arbeit zu vollenden, die diesen Problemkreis berührt.) Vor uns taucht auf das Bild der heroischen Kwuzoth des Emek. Oder das herzerwärmende Ben Schemen. Es läßt sich voraussehen, daß diese große Stunde der Wiedergeburt unserer Tradition nicht mehr fern ist. Das Hindernis liegt auch hier in dem notwendigen Gegensatz zu den aus dem Galuth herrührenden kleinbürgerlichen Anschauungen. Dort ist die Weißglut jüdischer Wirklichkeit abgeschwächt zu bloßer ״Religion“, eine zutiefst unjüdische neuzeitlich protestantische Kategorie. Und das Ritual ist bürgerlich umgefälscht zu einem System lebensfeindlicher Hemmungen, geradezu als unbewußte Schutzwehr gegen die Menschenbesiimmung, mitten in der dieser Welt zu leben. So vermögen die Kwuzoth kaum eher zu lebensfähigen Urzellen des neuentstehenden Volkskörpers zu werden, ehe das Ritual nicht in der gereinigten Luft seinen Ursinn als schöpferische Lebensgestaltung wiedergewonnen hat. Dazu bedarf es aber der beschleunigten Einrichtung eines neuen Beth ha Midrasch, dessen besondere Aufgabe wäre, den erhabenen, Volkskörper schaffenden Ursinn des Rituals, wieder zu erkennen und den Erbauern des neuen Erez-Jisrael die geistigen Mittel an die Hand zu geben, jene alt-neuen Formen in unserer Gegenwärtigkeit wiederzugewinnen. Neue Formen, die nur im Leben selbst bewährt aber nicht im voraus fixiert werden können. Ein solches Institut für tiefste geistige Untergründung praktisch gegenwärtiger vitaler nicht zerbrochener religiöser Lebensgestallung gehört als wichtigstes Postulat an die Spitze unserer Repräsentanz; nicht die unmögliche provinzielle ״Universität“. So würde der Aufbau zu einem Licht der Welt, würde erfolgreich getragen von der ganzen Welt, erhöhte Israel über die Katastrophe der Welt. Der eindeutige Zionismus meint Zion, nicht ein kleinbürgerliches Splittervölkchen letzter Ordnung. Zion, als Mitte des jüdischen Volkes, Ablehnung des Kapitalismus. Stufenweise aber entschlossene Ueberwinaurg der Bürgerlichkeit in Leben und Geist. Dreifachen Zionismusgiltes zu tun. Zionismusdes Landes, Zionismus der Sprache, Zionismus des Rituals. Noch schlummert das Land. Noch ist unsere Sprache oft kaum mehr als ein Verkehrs-Esperanto, und Sprache ist doch das stärkste wesenhafteste Lehen des Menschen. Sprache lebt nicht auf in den Zettelkästen einiger Philologen, sondern nur mitten im Leben. Aber Leben ist nur, wo es geballte ritual-durchwaltete Wirklichkeit gibt. Und solche geheiligte Profanie ist nicht da, wo Bürgerlichkeit waltet. Erst um den Preis der Ueberwindung dieser Perversionen kehrt uns die verlorene Urlebendigkeit wieder. Dies ist das wahre Thema über das wir zu unterhandeln haben, nicht allerhand sekundärer organisatorischer Kram. Wer es verkennt, liefert das jüdische Geschick an die Schrecken des steigenden Mabul. Aber um das echte Problem de־׳. Aufbaus muß eindeutige Aussprache einsetzen. Juli 1927. Berlin-Grünau (Gartenstadt am Falkenbcrg). Kleine Nachrichten Dr. Lee K. Frankel, amerikanisches Mitglied der Jewish Agency- Kommission, ist in Berlin eiligetroffen, um mit Dir. Wasserma nn, der bekanntlich gleichfalls der Kommission angehört, Beratungen zu pflegen. Herr Lipsky, der Präsident der Zionistischen Organisation in Amerika und Führer der amerikanischen Delegierten zum XV. Zionistenkongreß, hat am 31. Juli Amerika verlassen und ist in London bereits eingetroffen, ln seiner Abwesenheit wird Morris R o 11 e n b e r g die Geschäfte der amerikanischen Zionistischen Organisation führen. Am Freitag, den 5. August, wurde dem Schöpfer der Esperanto-Sprache, Dr. Ludwig Zamcndorf, auf seinem Grabe auf dem Warschauer jüdischen Friedhof ein Denkmal gesetzt. Wie der Korrespondent des ״L o d z e r T a g e b 1 a 11 s“ aus T e 1 - A w i w meldet, hat der in Palästina zu Besuch weilende Ger er Wunderrabbiner seine Absicht kundgegeben, sieh dauernd in Palästina niederzulassen. Wie der ״Ziko“ aus Jerusalem telegraphiert wird, fand am Donnerstag, den 11. August, die feierliche Grundstein• I e g u n g für das Zentralkrankenhaus, das die Krankenkasse der Allgemeinen Arbeiterorganisation (Kupath Cholim) für die Sied• lungen des Emek Jesreel zwischen A f u 1 e h und K f a 1 J e f a d i m errichtet, statt. Am 15. Dezember d. J. wird auf dem Oelberg zum Gedächtnis des berühmten hebräischen Lexikographen Eliezer Ben jehuda, der im Dezember 1922 verstarb, ein Denkmal errichtet werden. Die Kosten für das Monument wurden in Amerika aufgebracht. Durch Vermittlung des bekannten Autographensammlers Dr. Abraham Schwadron wurde der Nationalbibliothek in Jerusalem eine Sammlung von Briefen des bekannten deutsehen Dichters Berthold Auerbach einverleibt. Der Verband sephardischer Juden, der in Jerusalem sein Hauptbüro hat, beschloß, im Sommer 1923 einen Weltkongreß der sephardischen Judenhcit abzuhalten. Die Jüdische Völkerbundliga für Oesterreich wird auf der Konferenz zum Schutze der jüdischen Rechte, die am 17. d. M. in Zürich eröffnet wird, durcli Oberrabbiner Dr. C h a j e s, Dr. I. Goldhammer und Dr. O. Karbach vertreten sein. Gemäß Verordnung der Postverwaltung von Palästina wurde soeben mit der Anlage einer telephonischen Verbindung zwischen Haifa und Nahalal begonnen. Bei den Arbeiten sind etwa 30 Arbeiter beschäftigt. (Ziko). Der litauische Konsul der Vereinigten Staaten, Heinrich R a bino witsch, ist von seinem Posten zurück getreten. Dieser Rücktritt wurde ihm durch die jetzige litauische Regierung auf gezwungen. In der litauischen Regierungspresse wurde der Rücktritt des Generalkonsuls Rabinowitsch wiederholt gefordert; es wurde die Ansicht vertreten, daß ein Jude die Interessen Li• tauens in Amerika nicht vertreten dürfe. In der Sommerfrische Prein am Semmering ist am 9. August der bekannte Prager Schriftsteller und Theaterkritiker Heinrich Tevvelcs im 72. Lebensjahre gestorben. In seinem letzten Buche ״Goethe und die Juden“ hat Heinrich Tevvelcs mit viel Geist, Witz und Schlagkraft diejenigen Rassefanatiker und Antisemiten in die Schranken gewiesen, die versucht hatten, Goethe für sich in Anspruch zu nehmen. Das Volksbiklungssekretariat der ukrainischen Regierung hat dem in Odessa bestehenden nach Mendele niocher sforim benannten Museum eine Jahressubvention aus gesetzt und bestimmt, daß dem Museum inzwischen 150• Rubel überwiesen werden. Die Museumsleihing hat eine Expedition in den Kreis Wolyn und in andere Kreise entsandt, um historische Materialien für das Museum sicherzustellen und sie vor der Vernichtung zu bewahren. In diesen Tagen erschien Nr. 1 2׳ einer neuen Zeitschrift ״Jüdische Arbeit sundW anderfürsorge“, heraus gegeben von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge i: Gemeinschaft mit dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Or ganisationen Deutschlands und der Vereinigten Zentrale f:1. jüdische Arbeitsnachweise. Als Herausgeber zeichnen R.-A. Dr. Georg Baum, Alfred Berger, Eugen Casparv, Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim, Siddv Wronsky. Schriftleiter sind: S. Adler-Rudel, Dr. Max Kreutzb e r g e r. Auf Anregung von Dr. P i n c z o w e r und Lazarus Goldschmidt wurde vor kurzem in Berlin unter den Namen ״Achieser“ ein Verein gegründet, dessen Ziele in den Statuten wie folgt umschrieben sind: ״Im Hinblick auf die große Not, in der zurzeit in Deutschland lebende geistige Arbeiter, vornehmlich aus den ostjüdischen Zentren, sich befinden, wird ein Verein ins Leben gerufen, der den Namen Achieser (Bruderhilfe) führt, seinen Sitz in Berlin ha und bezweckt, notleidende jüdische Gelehrte, die dure wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der jüdische Geschichte und Literatur sich bereits bewährt haben, r unterstützen, womöglich auch die Veröffentlichung ihr׳ Arbeiten zu fördern.“ Dem Gründungskomitee gehören die Herren Israel Cohn-Reiß, Dr. Winkel, Dr. G ■ ' II n e r, Lazarus Goldschmidt, Rabbiner Dr. May Hildesheimer, Dr. M. P i n e f f, Dr. P i n c z o w e r u Ingenieur Schalit. In den Vorstand wurden gewähl Dr. G a 1 i n e r, Dr. Pinczower und L. G o 1 d s c 11 m i d Der Traaerfall der ״Habimah“ Am 8. August wurde der Leichnam des am 4. Aug t i Woltersdorf bei Berlin beim Baden ertrunkenen Mitglieds de Hebräischen Theaters ״Habimah“, Ephrati Tetschik gefunden. Die Bestattung fand am Mittwoch, den 10. August auf dem Friedhof zu Weißensee statt. Das gesamte Ensemble stand trauernd an der Bahre des Kameraden. Außerdem erwiesen mehrere jüdische Schriftsteller und Journalisten dem toten Künstler die letzte Ehre. Es war eine stille Begräbnisfeier. Das Habimah-Ensembie hatte den Wunsch ausgesprochen, daß keine Grabreden gehalten werden.

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