Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 62 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 62, 5.VTII. 1927 ru■!:hing und Werkzeug für die Chawuroth. Auch die W. 1. Z.O. 1 internationale Zionistische Frauenorganisation) hat im letzten iaiirc 1000 Pfund den Chawuroth zugewendet. Die Lage der arbeitenden Frau. In den Jahren 1924 und 1925, als es keine allgemeine \ri)t־itslosigkeit in Palästina gab und die ins Land kommenden < lialuzim sofort Beschäftigung fanden, wurde die Beschäfngmigslosigkeit unter den Chaluzoth immer größer. Jedes Seliiff brachte neue Chaluzoth, die nach einigen Tagen die Immigrationslagcr verlassen mußten, um Platz für Neuankommende zu machen. Die Lohnarbeitergruppen in den alten Kolonien konnten keine Mädchen mehr aufnehmen und so füllten sich die Städte mit Hunderten von arbeitslosen Chaluzotig unter denen eine große Depression herrschte. Es zeigte sich, daß die Faktoren, die für die Immigration von Männern bestimmend sind, nicht die Grundlage einer Immigration von f rauen bilden können. Das große Reservoir der städtischen Arbeit, die Bautätigkeit, stand den Frauen nicht offen. Die Arbeit in den Pflanzungen, die nicht nur die schon im Lande befindlichen Chaluzoth, sondern noch viele Hunderte mehr hätte beschäftigen können, war noch ein kaum angeschnittenes Problem; die ersten Arbeitergruppen wareii gerade in die alten Kolonien abgegangen, um dort als Vortruppen den ersten Kampf um die ״Eroberung der Arbeit“ zu fiinren. Fabriken, in denen Mädchen ständige Beschäftigung finden konnten, gab es noch nicht. Zudem gab es eine starke Strömung in der öffentlichen Meinung der Arbeiterschaft gegen die Arbeit als Hausgehilfin in Privathäusern. Was war zu tun? Das Arbeitsdepartement der zionistischen f Nckutive wandte dem Problem seine besondere Aufmerksamkeit zu. Es gab Vorschläge, Mädchen in größerem Maße in das Baugewerbe einzuführen; es wurde tatsächlich einer Anzahl die Möglichkeit hierzu durch Gewährung von Anleihen, mit denen sie sich während der Lernzeit erhielten, gegeben. L.s zeigte sich aber nach einiger Zeit, daß nur wenige Mädchen der Arbeit physisch gewachsen waren lind daß nur die leichteren Arbeiten, wie Anstreichen, Ziminermalen und Fliesenlegen als ständige Frauenberufe in Betracht kommen. Tatsächlich sind heute ungefähr 150 Mädchen in diesen Berufen tätig. Der Arbeiterinnenrat verlangte und die Exekutive der Arbeiterorganisation beschloß, daß aile leichte Arbeit den brauen reserviert bleibe; in Wirklichkeit ließ sich dies jedoch nicht durchführen. Man beschloß, die Herstellung von Schotter den Frauen als Monopol zu geben und das Arbeihsdepartement gab zu diesem Zweck sogar besondere kurzfristige Anleihen; es erwies sich jedoch auch hier, daß die Arbeit den Mädchen für längere Zeit nicht zuträglich ist. Zu all dem kam, daß die Chaluzoth für gewerbliche Frauenberufe nicht vorgebildet waren. Einige hatten eine kurze landwirtschaftliche Ausbildung genossen, die meisten aber waren ohne jede Vorbereitung gekommen. Anfang des Jahres 1926 war eine Zeit der Krise für die Clialuzah. Während aber im Verlaufe dieses Jahres und des Jahres 1927 die allgemeine Arbeitslosigkeit immer ^größeren Umfang annahm, wurde merkwürdigerweise die Stimmung unter den Arbeiterinnen ruhiger und hoffnungsvoller. Eine Untersuchung zu Anfang des Jahres 1927 ergab, daß sich die Lage der Arbeiterin bedeutend gebessert hatte. So wie die Arbeiterinnen aus der Hochkonjunktur der Arbeit weit getingere Vorteile gezogen hatten als die männlichen Arbeiter, so waren sie auch jetzt von der allgemeinen Krise weniger berührt. Die Sperrung der Immigration hatte eine größere Stabilisicrung im Leben der schon im Lande befindlichen Chaluzoth mit sich gebracht; sie hatten sich inzwischen an die Verhältpisse des Landes gewöhnt und gelernt, mit viel weniger ausnikammen als bisher als Existenzrainhnum gegolten hatte. In dieser Hinsicht haben sich die ATbeiterinnen-Chawuroth von großem Werte erwiesen, in denen durch genaue Kalkulierung die täglichen Erhaltungskosten auf 5l/j bis 6 Piaster reduziert wurden, ohne daß die Mädchen an Unterernährung leiden. Die ״Eroberung der Arbeit“ in den Pflanzungskolonien hatte große Fortschritte gemacht; heute sind Hunderte von Mädchen bei der Pflege der Bäume, beim Pflücken, Sortieren und Packen der Orangen, sowie beim Weinbau beschäftigt. Durch die Gründung der Arbeiterinnen-Chawuroth in den Kolonien wurde den Frauen die Möglichkeit gegeben, mit größerem Nachdruck als es einzelne Arbeiterinnen tun konnten, ihren Anteil an der Arbeit zu verlangen; ferner die Zeit /wischen den Saisonen durch Gemüsebau auf eigenem Boden zu itberbrücken und eine bessere Verteilung der Arbeit und der Einnahmen durchzuführen. Der Gemüsebau ist in größerem Maße eine Erwerbsquelle :iir Frauen geworden, ln den Arbeiterinnen-Chawuroth und in len gemischten Lolinarbeitergruppen allein sind heute ungefähr 500 Chaluzoth beim Gemüsebau beschäftigt; letzteren gab das Arbeitsdepartement besondere Anleihen zur Anlegung von Gemüsegärten. (Hierzu kommen noch zirka 150 Mädchen, die ständig in den Mädchenfarmen Gemüsebau betreiben.) Für ungefähr 600 Frauen sind in den letzten zwei Jahren durch die neugegründeten Fabriken ständige Arbeitsstellen geschaffen worden. In der Frage der Hausgehilfinnen hat eine ruhigere Beurteilung Platz gegriffen. In den Städten sind Frauen in die verschiedensten Berufe eingedrungen, so daß nach der letzten Zählung ungefähr 4000 Frauen in Tel-Awiw, Haifa, Jerusalem, Tiberias, Afule und Akko beruflich tätig sind, wobei die im eigenen oder fremden Haushalt beschättigten Arbeiterinnen nicht mitgczählt sind. Die in Tel-Awiw, Haifa, Tiberias, Afule und Akko geschaffcnen Chawuroth haben sich ebenfalls־ von großem Werte für die Verbesserung der Lage erwiesen. Imtnigration. All die genannten Faktoren — Assimilierung an die Lebensbedingungen des Landes, Eindringen in die Arbeit auf den Pflanzungen, Erweiterung des Gemüsebaus, Entwicklung der Industrie, Hebung der sozialen Stellung der Hausgehilfin — sind organische Faktoren des Aufbaus, die immer mehr an Bedeutung gewinnen und daher eine immer größere Anzahl von Frauen der Erwerbsarbeit zuführen werden. Es wäre daher gegen eine gut regulierte Einwanderung von Chaluzoth auf der Grundlage einer sorgfältigen Auswahl vom Standpunkte der menschlichen und beruflichen Ausbildung nichts einzuwenden. Schon heute ist in den gemischten Lohnarbeitergruppen in den alten Kolonien, wo den Chawuroth hauptsächlich die Leitung des Haushaltes und die Bearbeitung des Gemüsegartens obliegt, ein Mangel an Mädchen, da es keinen Ersatz gibt für jene, die die Gruppe verlassen. Dieser Mangel an frischem Nachwuchs macht sich überall fühlbar. Im Zusammenhang mit einer neuen Immigration müßte jedoch der Frage der Chaluzoth-Heime nähergetreten werden. Solche Heime oder Hostels sollten in allen größeren Punkten errichtet werden, um die Chaluzoth gleich bei ihrer Ankunft im Lande in eine LJmgebung einzuführen, die geeignet ist, einen erzieherischen Einfluß aut sie auszuüben, bzw. den negativen Einfluß des Alleinlebens in den Städten auszuschalten. Von den Heimen sollen sie dann nach einer entsprechenden Zeit und je nach Möglichkeit in Chawuroth und andere Arbeitssteilen übergehen. Der Versuch, den das Arheifsdeparternent mit einem solchen Heim in Haifa gemacht hat, hat sehr gute Resultate ergeben. Es befinden sich dort ständig 25 Mädchen und die psychische Wirkung des Zusammenlebens bringt cs mit sich, daß auch jene Elemente, die bei ihrem Eintritt der Idee des kollektivistischen Lebens ganz ferne stehen und nur der Not gehorchend in das Hostel eintreten, nach einiger Zeit um Aufnahme in eine Mädchenfarm oder eine Chawurah bitten oder selbst Plane zur Gründung von Gruppen Vorbringen. Sehr in die Wagschale fällt hierbei auch das finanzielle Moment. Neuangekommene Chaluzoth, die sich ein Zimmer nehmen und allein verköstigen, sind gewöhnlich nach einigen Tagen mit ihren Mitteln zu Ende. Von den 3 bis 4 Pfund, die sic vom Immigrationsamt beim Verlassen des Immigrationslagers als Anleihe bekommen, können sie in einem Heim 6 bis 8 Wochen erhalten werden. Diese Zeit genügt, um eine für sie passende Arbeit, bzw. Ausbildungsstätte zu finden. Ein Problem, dessen Lösung ebenfalls im Zusammenhänge mit der neuen Immigration in Angriff genommen werden muß, ist die gewerbliche Ausbildung der Frauen in Erez-Israel. Das Niveau der gewerblichen Frauenarbeit ist gegenwärtig ein sehr niedriges. Es tut not, einen Standard zu schaffen, wie er in der landwirtschaftlichen Arbejt bereits besteht. Eine Aufgäbe der Chaluzoth, die steh für die Aüjsh vorbereitet, wäre es daher, Wtteh fm Gallith eine grutfmlche AüfWldting ln einem gewerblichen Fache durchzumachen und die Verpfiichtung auf sich zu nehmen, mit einer kleinen Gruppe von Lernenden in Palästina zu arbeiten. Nur durch erstklassige Qualitätsarbeit kann der Markt gewonnen werden, wozu allerdings noch eine verständige Propaganda und gutgeleitete Verkaufsorganisation nötig sind. Die einzelnen Gruppen — Schneiderei, Hutmacherei, Buchbinderei, Strickerei, Weberei, Keramik, Bastwaren, Spielwaren, Holzwaren usw. — müßten unter einer gemeinschaftlichen kaufmännischen Leitung stehen und einen gemeinsamen Verkauf haben. Die Durchführung dieses Planes hängt natürlich davon ab, ob es möglich ist, den Pioniergeist, der in den Mädchen farmen und in den Chawuroth herrscht, wo die erfahrenen Arbeiterinnen die Führerinnen und Lehrerinnen der neuen Chaluzoth sind, auch in eine solche gewerbliche Chawurah zu übertragen. Wenn es gelänge, so wäre die Frage der gewerblichen Ausbildung der Frauen in einer Weise gelöst, die einen weiteren Faktor in der Entwicklung der jüdischen Frau in Erez-Israel darstellen würde. Hadassah News Letter Die amerikanische zionistische Fraticn-Organisation ״Hadassah“ feierte jüngst ihr fünfzehnjähriges Bestehen. Auch außerhalb Amerikas wird die Bedeutung der Hadassah sowohl in organisatorisch-zionistischer Hinsicht — sie ist der bestorganisierte Teil der zionistischen Organisation Amcrikas — als auch in ihrer praktischen Arbeit immer mehr gewürdigt. Ueber die Arbeit der ״Hadassah“ informiert ständig ihr Organ, ״Hadassah News Letter“, das wegen seines unscheinbaren Ae u Bern leider nur wenig beachtet wird. Gleich auf der ersten Seite beginnt der Text, gedrängt, selten unterbrochen durch ein Schwarz-Weißbfldchcn, das dann so bescheidene Dinge darstellt wie eine Gruppe von Krankenschwestern, von Säuglingen oder gar ein Mikhkannen schleppendes Eselchen״ Die letzten vier Seiten aber nach den 10 bis 16 Seiten Te\t, sind nichts als ein Ausweis von Spenden für verschiedene Fonds, Spenden und Aufzählungen von Veranstaltungen zugunsten der Hadassah. Das Ganze scheint also nicht mehr zu sein als ein internes Nachrichtenblatt eines Frauenvereins. Aber die Tatsache, daß das Blättchen in einer Auflagezahl verbreitet ist, um die es manche europäische Tageszeitung beneiden könnte, nämlich in 40 000 Exemplaren, sollte es vor der Nichtbeachtung schützen, die es erfährt. Und der Name, mit dem die meisten seiner Leitartikel gezeichnet sind, sollte ausreichen, um ihm Aufmerksamkeit zu sichern, der Name Hcnrietta S z o 1 d. Sie ist die Schöpferin der Hadassah- Organisation, ihre Seele und ihr geistiges Oberhaupt. Sic vereinigt in sich eine Geistigkeit und Höhe der Kultur, ein so tiefes jüdisches Wissen und eine so umfassende Bildung, daß schon diese Eigenschaften ihr die hervorragende Stellung im zionistischen Leben Amerikas sichern mußten, die sie einnimmt. Es sei nun die letzte Jahresübersicht über Hcnrietta Szolds Werk gegeben, wie sie in News Letter im An- Schluß an die obere Botschaft sich darstellt: Fas: 31 000 zahlende Mitglieder vereinigt die Aeltcre Hadassah, die Seniors, in 277 über das ganze Land verstreuten Gruppen, 7000 die Jüngere, die Juniors, in 161 Sektionen. Nicht* weniger als 8000 Mitglieder sind der Organisation im verflossenen Jahre zugewachsen und gegenüber dem Mitgliederstand von 1924 ist eine Verdopplung eingetreten. Als nächstes Ziel der Mitgliederwerbung hat die Hadassah nach der wirksamen Methode, sich selbst immer wieder eine Höher!eistung aufzugeben, die Erreichung der Zahl von 50 000 Mitgliedern in diesem Vereinsjahr angesetzt und es ist kein Zweifel, daß sie sie überschreiten wird und daß sie auch ihr ferneres Ziel, das einer panamerikanischen Hadassah, in absehbarer Zeit verwirklichen wird. Die finanziellen Leistungen der Hadassah stehen in Einklang mit ihren organisatorischen. Im verflossenen Jahre hat sie nicht weniger als rund 570 000 Dollar durch eigene Sammlungen aufgebracht. Etwa 370 000 führte sie an den UPA, den Vereinigten Palästina-Drive ab, dem sie sich angeschlossen hatte, und der ihr dafür seinerseits die Unterhaltskosten ihres medizinischen HilfsweAs in Palästina garan• tierte. Der Rest verteilt sich auf jene Fonds, die sie weitet selbständig versorgte, so über 50 000 auf die Patestine Supplies, d. h. die Naturalsendungen an Spitalsbedarf alle! Art, die dank Hadassahspenden jährlich nach Palästina abgeschickt werden und zum Teil in den 700 Nähzirkeln von Hadassahfrauen selbst angefertigt werden. Nicht weniger als 15 Nicht-FIadassah-lnstitutkmen wie das Einwanderungsamt, Waisenhäuser, Arbeiterheime usw. werden aus diesen liebevoll zusammengetragenen Schätzen beteilt. Gegen 20 000 Pfund fließen den 14 Säuglingsfürsorgestellen, die die Hadassah an verschiedenen Orten Palästinas unterhält, zum Ankauf von Milch zu, und werden in besonderen Milch- Säckchen gesammelt, die jeder tiadassahfratf mit 1 Penrty zu bedenken Pflicht ist, im Augenblick, wo sie eine Flasche Milch für ihr eigenes Haus in Gebrauch nimmt. Gegen 6000 Dollar gehen dem Penny Luncheon Fond zu, aus dem drei Mädchenschulen in Jerusalem und eine Koedukationsschute in Tiberias gespeist werden, ungefähr 500 Kinder. Hier wird Kochunterricht mit den Schulaus- Speisungen verbunden und so zwei Nöten auf einen Schlag abgeholfen, so wie es seinerzeit mit der Errichtung der Pflcgerinnenschule gemacht wurde. Ein kleiner Fonds zur Herausgabe von hebräischen Lehrbüchern für die Pflegerinnenschule und ein weiterer zur Finanzierung der ״Ha Ischa“ liegen auch in der Riehtung dieser Unternehmungen der Hadassah. Tausende von Dollar hat die Hadassah in diesem Jahr unter ihren Sammlungen fiir den Nationalfonds ausgewiesen, dem zu dienen sie ja seit diesem Jahr als eine besonders ernste Verpflichtung ihren Mitgliedern auferlegt hat. Die Junior-Hadassah hat nach dem Muster der Seniors auch die vollständige Finanzierung und den Ausbau einer bestimmten Jttdische Märchentypen Nachdem Jakob mit einem göttlichen Wesen — fern über allem Vergleichbaren gerungen hatte, bis der Stärkere, 1mbesiegt, doch bezwungen, in dem Gelände seiner Seele den Segen niederwarf, und somit die Begegnung aller Begegnungen geschehen war, erschien — wie er überall den Menschen erschien — dem Juden doch noch zuweilen ein Dämon an dem einsamen Rand seines Lebenslandes. Wollen wir das erklären? Wir tragen das Herz lebendig in uns, das wir aufschneiden müßten, um an seinen innersten Wänden auch diese Sage keimen zu sehen. Wir wollen aber nicht von jenen jüdischen Geschichten sprechen, die die allgemeinen, überall bekannten Züge der Begegnung mit dem Dämon tragen: der zum Menschen gelangt, ihn in sein Reich bringt und ihn doch nicht halten kann, weil jener sich hütet, den Mcnschenbraueh auch nur im kleinsten aufzugeben, sich unentwegt an das geistige Gitter seiner Heimat klammert, und so den Rückweg wiederfindet; oder: der an der Schwelle vor des Menschen Seele lockt, bis der Betörte hinüberschreitet und auf Ewigkeit mit 111m verschwindet; oder: der die widerstrebende Seele, die Jie Erinnerung an die Menschenwelt nicht lassen kann, im Kusse aus des Menschen Lippen saugt. All dies finden wir an jüdischen Märchen, aber wir finden es überhaupt überall, schließlich begegnen wir, sehr spät, aber einer Märchenbildnng, die eigenartig ist und die wir als den jüdischen 1'ypus des Dämonenmärchens ansprechen. Stellen wir dieses Märchen neben das alte, aus der Tobiasycschichfe, dessen Schema es ungefähr beibehält und dessen Hauptzüge diese sind: Der Dämon hat sieh ein schönes Menschenkind gewählt, er sitzt in ihm, und tötet alle, die sich 111m nahen. Weder das Menschenkind, das seine Wohnung ist, noch irgendein Mensch ahnt ihn, obgleich alle sein entsetzliehes Wirken sehen. Der Engel Gabriel entfernt den Dämon. Mechanisch, wie die Heilung eines kranken Körpers vollzieht sich die Austreibung. Wie man Insekten aufstört, mit beizendem Geruch verscheucht er den Dämon. Das späte jüdische Märchen hat folgende Züge: Ueber einen neugierigen, ocier leichtfertigen oder begehrlichen Menschen gewinnt ein Dämon Gewalt. Der Rabbi verbannt ihn aus dem Menschen. — Alle Dämonen kommen ans der Natur und bringen ihr Recht mit. Sie wählen sich den Menschen, sie lieben den wohlgestalten, aber sie fliehen oder sie behaupten sich nach dem Gesetz, in dessen Namen die Begegnung geschieht. Darauf stehen alle Dämonenmärchen. Der Dämon in dem Tobiasmärchen bricht in den Menschen ein, den er will. Der Dämon in dem späten jüdischen Märchen bricht ein, wo er kann. Wo ein Riß — so stellt es das Märchen dar — in der Grenzmauer der menschlichen Seele ist: Neugier, Leichtsinn, böse Lust, da kann er durch. Der Engel jagt den Geist in seine Grenzen zurück, er hatte die Ordnung gestört. Hier aber ist der Dämon im Recht (es wird im Märchen durch manchen Zug ausgedrückt), er kam infolge der gestörten Ordnung; und der Rabbi verbannt ihn. Hier widerfährt dem Dämon Unrecht — das Märchen gibt es in reizvollen Zügen zu — und dennoch entflieht er. Wir kennen den Schauplatz der Welt dieses Märchens. Es hat nicht die Ausdehnung wie irgendein Schauplatz der Welt. 111m blieb nur eine Dimension: die der Tiefe. Senkrecht führt ein Weg vom Menschen zu Gott, in die Höhe — in die Tiefe. Tief, tief neigt sich der Einzelne herab, bis seine niedergedrückte Kraft wie ein Springquell im Rabbi aufsteigt, der die Zusammenfassung Aller, Glanz und Krone ist. Der Dämon ist der Name für die Sünde — dem einzigen Gegenstand auf diesem Wege — für die Sünde, die ein Name ist für alles, was nicht durch den Menschen senkrecht aufsteigen kann, für die Breite der Natur. Sie kommt an den Menschen. Durch den Riß in der Mauer dringt sic und ihr das Recht verweigern, ist Recht. — Wir wollen noch zwei Stücke in die Betrachtung ziehen. Das eine gehört zu dem besprochenen Typ. Es endet aber, nachdem der Rabbi den Dätnon gebannt, ungewöhnlich: ״Aber sein Gemüt war noch lange Zeit betrübt.“ Hier, wo die Gewalt des Dämon wunderbar nachzittert im Jüngling, liegt ein mündlich überliefertes Stück vor. Gibt es vielleicht neben dem Schriftlichen noch eine mündliche Märchentradition, in den Niederungen des Volkes, noch nicht gesammelt? Denn auch in Ans-kis dramatischer Legende, der Dybuk, mischen sich offenbar zwei Züge. Der Dämon dringt ein, wo Schuld war, sie wird gelöst, der Rabbi bannt ihn — doch er bleibt. Der hier bleibt und das Mädchen nieht verläßt und dem sie, nach der Weise der Liebe, die stärker ist als der Tod, über die Grenze folgt, ist ein anderer als der, den ein Rabbi bannt. Es ist aber möglich, daß hiermit, in gleichnishafter Bcschwörung, Ans-ki die gebannte Gewalt der Natur zurückströmen läßt über das müde, das kraftlose Wort des letzten Rabbi. Recha Freier. Fraoenbflcher Martha Osten so: ״Der Ru f der Wildgänse“ (zweite Auflage, Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien), hat schon vor einem Jahr die Aufmerksamkeit auf die jugendliche, menschlich und künstlerisch erstaunlich reife Dichterin gelenkt. Uns Juden offenbart diese ganz elementare Darstellung des Bauerniebens in seiner Erdhaftigkeit und Unmittelbarkeit besonders tiefe Werte, von denen wir weit weg sind und die doch׳ die nährende Kraft jedes Volkslebens bilden. Der Roman spielt unter nordischen Kolonisten in Amerika. Diese Bauern sind nieht etwa dumpf dahinvegetierende, primitive Menschen, sie werden von inneren Konflikten zerrissen, dem Konflikt des Landtnenschen vor allem, der wohl mit seinem Boden zutiefst verbunden ist, den cs aber doch zugleich nach dem reicheren, vielfältigeren Leben in der Stadt zieht. Das Problem des Stadtmenschen, der sich in die andern Bedingungen des Dorfes finden soll, wird ohne Sentimcntalität und ohne falsche Romantik in seiner Wahrheit enthüllt. Dies bringt das Buch uns Zionisten so nahe, wenn auch bei unsern Chaluzim der Kolonisation die Bedingungen anders liegen. Und doch bewundern wir —■ fast schmerzlich — die Kraft, welche diesen durch Jahrhunderte in ihrem Boden verwurzelten Menschen eigen ist. Ein neuer, ebenfalls bei Speidel erschienener Roman der Ostenso ״E r w a c 11 e n i m Dunkel“ behandelt ein ähnliches Problem. Auch hier die Besten unter den nachwachsenden Jungen, die sich nach schwerem Ringen von ihrer Scholle loslösen, um in der Stadt inneren Frieden zu finden. Dieses Buch iiat nicht ganz mehr die Kraft des ersten. Man hat manchmal das Gefühl, daß hier erklügelt ist, was in dem ״Ruf der Wildgänse“ aus tiefen Erschütterungen heraus an die Oberfläche mußte und uns als lebendiges, wahres Menschenbild entgegentrat. Ein Menschentum und Frauentum bedeutender, doch uns fremd anmutender Art, tritt uns entgegen in den bei Albert Langen, München, erschienenen ״Lebenserinnerungen der Franziska Rcventlow“. Franziska, eine Schwcstei