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Jüdische Rundschau · 1927-08-05 · Heft 62 (5.8.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 62 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 62, 5. VIR 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 441 Kongreß-Tribüne ״In letzter Stunde״״ erhalten wir van Vertretern der einzelnen Richtungen noch einige Aeußerungen, die wir nachstehend widergeben. Wir haben es für richtig gehalten, in diesem Wahlkampf Neutralität der Redaktion zu wahren und alle Richtungen voll und uneingeschränkt zu Worte kommen zu lassen. Wenn uns trotzdem von der einen Seite mangelnde Objektivität, von der anderen Seite zu weitgehende Loyalität vorgeworfen wird, so müssen wir uns mit diesem Schicksal abfinden. Mit dem heutigen Tage ist der Wahlkampf, der die Empfindlichkeiten besonders zu steigern pflegt, abgeschlossen, und wir hoffen, daß in einer ruhigeren Atmosphäre die Besinnung reifen wird, die für die Entscheidung der wirkliehen zionistischen Probleme nottuf. Wir hielten es bisher für unnötig, ausdrücklich anzumerken, daß für die Beiträge der Rubrik ״Kongreß-Tribüne" die Redaktion keine Verantwortung trägt; wegen mancher Mißverständnisse holen wir diese Erklärung hier nach. Daß die ״J. R.“ in der von der großen Mehrheit des Erfurter Delegiertentages gebilligten Richtung weitergeführt wird, und im Leitartikel nicht Kundgebungen bringen kann, die dieser Politik diametral widersprechen, ist eine Selbstverständlichkeit, die mit Rücksicht auf gewisse Bemerkungen über — die Plazierung van Artikeln (!), die im Wahlkampf gemacht wurden, festgestellt werden muß. Wir lassen nun die Aeußerungen der Parfeien folgen. Red. Linkes Zentrum Van Dr. Martin Rosenblüth. In der Situation, in der sich der Zionismus heute befindet, hat ein Wahlkampf zum Kongreß schon an und für sich viele Gefahren. Zu groß ist die Verlockung, daß man Tat- Sachen entstellt, um daraus Argumente für den Parteikampf zu machen. Solche Vorgänge, die im Wesen eines Wahlkampfes liegen, bedeuten für unsere zionistische Bewegung eine starke Belastungsprobe. Denn im Kampf der Parteien gegeneinander wird von jenen Gruppen, die sich heute für das Schicksal des Zionismus nicht verantwortlich fühlen, sehr leicht das gesamtzionistische Interesse-außer Acht gelassen. Es mag sein, daß durch solche extremen Methoden auch manche Zionisten sich beeinflussen lassen. Wir haben aber soviel Vertrauen zur Disziplin und politischen Einsicht der großen Mehrheit unserer Gesinnungsgenossen, daß wir überzeugt sind, daß sie durch derartige Mätzchen nicht zu fangen sind. Eine der komischsten Seiten des Wahlkampfes ist das Bestreben jeder Partei, besonders aber der Opposition, für sich die Priorität in der Aufstellung gewisser Forderungen in Anspruch zu nehmen, die von der Gegenpartei vertreten werden. Wir haben nicht die Absicht, mit diesem Ehrgeiz in Wettbewerb zu treten und nun unsererseits etwa den Führern der Revisionisten oder Radikalen vorzuhalten, wie oft sie ihre Meinung geändert haben oder welche ihrer eigenen Forderungen sie stillschweigend in der Versenkung verschwinden f ließen. Dies alles sind Kindereien, nicht angemessen dem Ernst des gegenwärtigen Augenblicks. Es ist jedpeh wichtig, gegenüber solchen Mißdeutungen nochmals;lige%Ä poitis«h-z}o»|s|liehe lon2^i®if!2u fiÄffen, die in den letzten siebeh lahfen im giößen öanien die zionistische Leitung beherrscht "hat und die ihren repräsentativen Vertreter in Dr. Wei zmann hat Dabei muß als selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß nicht alle Einzelheiten der Auffassung und Beurteilung für alle Teile der sogenannten Regierungsmehrheit gemeinsam sind, noch kann Dr. Weizmann für alles verantwortlich gemacht werden, was hier ausgeführt wird, jeder kann nur seine eigene Auffassung darlegen und muß die Führung unterstützen, von der er annimmt, daß sie am ehesten diese Auffassung zur Geltung bringt. Wir unterstützen Dr. Weizmann, weil wir ihn unter allen vorhandenen Möglichkeiten für den geeigneten Führer, für das stärkste zionistische Temperament und den Mann von bedeutendster zionistischer Intuition und Wirkung halten. Die Opposition behauptet, Weizmann habe stets England gegenüber seine Zufriedenheit ausgedrückt, statt Unter- Stützung des Zionismus zu fordern. Die Opposition hat es leicht, denn sie arbeitet in Versammlungsreden, sie kommt nicht in Gefahr, morgen in Downing Street erscheinen zu müssen, und sie riskiert nicht viel, wenn sie in einem Zeitungsartikel ihrem Extremismus die Zügel schießen läßt. Dr. Weizmann jedoch in seiner verantwortlichen Stellung kann nicht vor die Oeffentlichkeit hintreten und die Dossiers öffnen, in denen seine Memoranden an die englische Regierung liegen. Die Eingeweihten kennen viele dieser Schriftstücke, und wenn trotzdem auch manche von ihnen in der Oeffentlichkeit behaupten, die Exekutive habe England nur ,,gelobt“ und keine Forderungen gestellt, dann fällt es schwer, ihnen den guten Glauben zuzubilligen. Faktum ist, daß viele dieser Forderungen nicht erfüllt wurden und immer wieder vorgebracht werden müssen, wobei unverkennbare Erfolge im Einzelnen erzielt wurden. Richtig ist ferner, daß Weizmann in seinen öffentlichen Reden und auf dem Kongreß gegenüber den maßlosen Angriffen der Opposition gegen die Mandatarmacht gezwungen war, die Mandatarmacht zu verteidigen. In diese Situation wurde er leider durch eine unvernünftige Opposition hineinmanöveriert, die bis heute nicht verstehen will, daß wir zwar mit England unermüdlich verhandeln müssen, unsere Argumente immer aufs neue begründen müssen, daß aber der provokatorische Ton von Protestresolutionen uns dabei schwerlich nützen wird. Weizmann hat immer betont, daß die Stärke unserer politischen Position in dem Vertrauensverhältnis zwischen uns und der Mandatarmacht liegt. Seine ״Cunctatoren“-Politik bedeutet, daß man nur dann zum Schlag ausholen darf, wenn man des Erfolges sicher ist, und daß ein sinnloses Umsichschlagen ohne Berücksichtigung der wirklichen Machtverhältnisse eine schlechte Kampfposition ist. Zu dieser überlegenen Einsicht gehört freilich viel mehr Selbstbeherrschung und Verantwortungsgefühl als zur dauernden Abhaltung von Protest- Versammlungen. Daraus aber zu schließen und der Oeffentlichkeit zu verkünden, daß Weizmann keine Forderungen gestellt hat, oder daß die Forderung nach aktiverer Unter- Stützung der Mandatarmacht von der Opposition erfunden worden ist, ist zumindest kindlich. Alte die Einzelforderungen auf politischem Gebiet die heute vertreten werden, sind seit Jahren von der Exekutive verfochten worden; sie wurden auch öffentlich von der Exekutive oder ihren Exponenten formuliert; manche Persönlichkeiten, die jetzt gern als Kronzeugen gegen die Politik der Exekutive angerufen werden, wie Colonel Wegdwood oder gar das jüngste Husarenstück der oppositionellen Rhetoriker — Sir Alfred Mond, verdanken ihre Informationen den leitenden Personkeiten der Exekutive und wären wahrscheinlich sehr erstaunt, wenn sie erführen, daß man sie in zionistischen Versammlungen im Kampf gegen Weizmann. zitiert. Wenn man die Weizmannsche Politik verstehen will, so muß man berücksichtigen, daß noch vor fünf Jahren die öffentliche Meinung in England, als Reaktion auf die Svmpathiewelle der Kriegszeit, scharf antizionistisch war. Die offiziellen Kreise Englands waren außerdem skeptisch in bezug auf den Aufbauwiiien des jüdischen Volkes. Um eine stärkere politische Unterstützung Englands zu erreichen, mußte daher zunächst gezeigt werden, daß die Juden zum Aufbau der nationalen Heimstätte entschlossen sind. Der englische Steuerzahler, der gegen den Zionismus als kostspieliges Experiment aufgehetzt wurde, mußte belehrt werden, daß die Juden ihre Nation nicht auf seine Kosten erneuern wollen. Die praktische Arbeit der sieben Jahre, die Pionierleistung unserer Chaluzim und die Leistung unseres Volkes für Keren Hajessod und Keren Kajemeth hat diesen Beweis erbracht. Wir danken ihn also vor allem zwei Faktoren, der Arbeiterschaft und den Männern, die in größter Aufopferung das nationale Kapital beschafften und deren prominentester Dr. Weizmann selbst ist. Weizmann hat verstanden, daß diese praktische Tat zugleich das stärkste politische Argument ist, und er hat mit dieser Erkenntnis recht behalten. Die ökonomische Aufbauarbeit war darum der Kern der zionistischen Tätigkeit. Wir alle wußten, daß diese ohne Vorbild dastehende Unternehmung mit Gefahren und Risiko verbunden ist. Dennoch mußte nach einem großzügigen Schema begonnen werden, das freilich mehrere Unbekannte in die Gleichung einsetzte. Eine dieser Unbekannten war die Hölle der zur Verfügung stehenden Geldmittel. Das Arbeitsprogramm basierte auf einer Jahreseinnahme von einer Million Pfund, die jedoch in Wirklichkeit nicht erreicht wurde. Es begann das System der rückständigen Budgets. In beständiger Hoffnung auf eine gewaltige Steigerung der Eingänge haben wir verabsäumt, dieses System rechtzeitig zu korrigieren. Die zionistisch aktivsten Gruppen, vor allem die Arbeitergruppen, wehrten sich gegen Einschränkung des Budgets, weil sie meinten, ein vom Kongreß votiertes Budgut müßte mit Notwendigkeit die entsprechenden Einnahmen nach sich ziehen. Andere Gruppen forderten aus Gründen des Prestiges und der Finanzpropaganda ein hohes Budget, unbekümmert um die Konsequenzen, die sich in Palästina daraus ergaben. Durch dieses System der Ucbersehreitung unserer Mittel sind die meisten Fehler in unserer Arbeit zu erklären, auch die unrationelle Verwaltung־. Da wir heute die Schäden einer solchen Finanzpolitik zu spüren bekommen, treten wir für eine radikale Konsolidierung unserer Wirtschaft ein. Dies bedeutet, daß, solange die alten Wirtschaften nicht programmäßig fundiert sind, keine neuen Unternehmungen begonnen werden, wobei wir uns wohl bewußt sind, daß in dem heutigen Zustand zur Kon• solidierung selbst gewaltige Mittel erforderlich sind und daß eine radikale Reform der Verwaltung entsprechend diesen Grundsätzen die Voraussetzung des Erfolges bildet. Es handelt sich also um eine Rationalisierung in technischer, kommerzieller und administrativer Beziehung. Mit den sozialen F ornten derSiedlungenhat dies alles nichts zu tun. Wir sind nach wie vor der Ansicht, daß unsere Kolonisation kein Beyormundungssystem aufrichten darf, und daß die Selbstverantwortlichkeit der Kolonisten ein wertvoller und entscheidender Faktor des Aufbaus ist. Wir bettachten die Arbeitersiedlungen als große nationale Leistpnfeit, aber:‘wir ־sind'; 'sic «uf ״’diihÄ Bestand aben können, wenn sie in Einklang mit den Erfahrungen der letzten Jahre rationalisiert werde» Wir bedauern, daß unsere Bemühungen, die Arbeiterwirtschaften zu retten, bei einem Teil der Arbeiterschaft auf völlige Verständnislosigkeit stoßen. Charakteristisch hierfür war die Rede des poale-zionistischen Führers Berl Kaznelson bei der palästinensischen Arbeiterkonferenz, der steh über die Heran- Ziehung von Fachleuten lustig machte und behauptete, unsere Forderung nach rationeller Wirtschaftsgestaltung der Arbeiterbetriebe beruhe auf sozialer Gegnerschaft. Mit einer solchen Entstellung der Tatsachen leistet man der Sache der Arbeiterschaft einen schlechten Dienst. Wir wollen, daß die von uns allen bewunderten Errungenschaften der Arbeiterschaff erhalten bleiben und wünschen gerade aus diesem Grunde ihre Fundierung und Reorganisation. Wir glauben daher, daß die Sanierung unserer Palästina-Wirtschaft die wichtigste Aufgabe des Kongresses ist. Zugleich ist sie die einzige Voraussetzung zu neuem zionistischen Vorwärtsdringen. Wir wenden uns gegen die Panikstimmung im zionistischen Lager, die nicht versteht, daß die gegenwärtigen Rückschläge eine notwendige Folge der Diskrepanz zwischen dem Gewollten und den vorhandenen Mitteln war, und daß bei jeder Kolonisation solche Rückschläge unvermeidlich sind. Ein großer Teil des palästinensischen Aufbauwerkes und unserer wirtschaftlichen Unternehmungen geht verheißungsvoll vorwärts. Wir treten dafür ein, daß die zionistischen Bemühungen vor allem darauf gerichtet werden, die Produktionsbasis Palästinas zu vergrößern und allmählich die Menschen, die bisher nur vorübergehende Beschäftigung finden konnten, dauernd im Lande zu verwurzeln. Die Erweiterung der Jewish Agency betrachteten wir stets als einen Versuch, die Mittel unserer Kolonisation in bedeutendem Ausmaß zu vergrößern. Durch verschiedene Umstände ist die erhoffte finanzielle Beteiligung des amerikanischen Judentums nicht so schnell realisiert worden, wie manche geglaubt hatten. Die Gründe lagen vor allem in dem neuerlichen Zusammenbruch des Ostjudentums, besonders «in Polen und Rußland, der zu einer Wiederbelebung der schon eingestellten Hilfstätigkeit des Joint Distribution Committee in Osteuropa führte. Leider kam es im Zusammenhang damit durch die Episode des Kampfes um das sögenannte ״Krimprojekt“ zu einem scharfen Konflikt zwischen Zionisten und amerikanischen Nichtzionisten, der erst im vergangenen Winter durch Weizmanns Eingreifen beigelegt wurde. Wenn die Opposition meint, daß eine Kampfa r o 1 e gegen die amerikanischen Nichtzionisten die bessere olitik gewesen wäre, so soll sie sich von unseren amerikanischen Freunden darüber belehren lassen, welche Folgen für Keren Hajessod und Palästina-Budget eine kämpfende Konkurrenz der beiden großen Sammlungen in Amerika gehabt hätte. Bekanntlich ist es nicht schwer, Gründe zu finden, wenn man nicht zahlen will! Daß die Einnahmen des Palästina-Drives auf der Höhe geblieben und Palästina in schwerster Lage nicht völlig von Mitteln entblößt wurde, ist das Verdienst von Weizmanns Eingreifen und der neuen Verständigung in der Agency-Frage. Die Opposition, die sich das Recht anmaßt, die Arbeiter vor uns zu verteidigen, möge einmal deutlich sagen, woher sie die Mittel nehmen will, um die nationale Arbeiterkolonisation zu finanzieren und — in absehbarer Zeit — zu erweitern. Wir glauben, daß die Agency-Frage gerade jetzt in einer gesunden und für alle Teile der zionistischen Bewegung akzeptablen Entwicklung ist, indem in den Mittelpunkt des Agency-Problems der wirtschaftliche Aufbauplan der jüdischen Heimstätte, ausgearbeitet von erstklassigen Experten, getreten ist. Der konkrete Inhalt der Agency wird also die Durchführung dieses Planes sein. Dies ist der einzige uns bekannte Versuch, aus der gegenwärtigen Stagnation herauszukommen und zu wirklicher großzügiger Aufbauarbeit zu gelangen. Wir alle haben stets betont, daß die bisherige Arbeit nur Vorbereitung war, die vor allem zwei Zwecken diente, erstens dem politischen Zweck, den Ernst unseres Aufbauwillens aller Welt darzutun und zweitens dem wirtschafts-technischen, Erfahrungen anzusammeln und die Eignung von Juden für den Aufbau unseres Gemeinwesens zu beweisen. Eine konsequente Linie führt aus dieser ersten in die zweite Periode des Aufbaus. Diese zweite Periode setzt jedoch eine viel größere materielle Macht voraus. Alle Bemühungen der zionistischen Politik, sowohl außenpolitisch als auch innerhalb des jüdischen Kreises, müssen darauf gerichtet sein, diese materiellen Machtmittel zu beschaffen. Dies ist die konsequente Fortsetzung unseres politischen und ökonomischen Systems. Einen Gegensatz herauszufinden mag eine dankbare Aufgabe für Agitatoren im Wahlkampf sein, die mangels überzeugender sachlicher Argumente den Gegner persönlich diskreditieren wollen. Mit ernster Politik hat dies nichts zu tun. Die Agcncy-Politik ist ein Versuch. Niemand kann wissen, ob er gelingen wird. Wir hoffen es, aber wir haben dabei stets betont, daß die Last der Verantwortung nach wie vor unvermindert auf der Zionistischen Orga nisation liegt. Wir sind uns bewußt, daß eine Neu- Belebung der Kraft der zionistischen Bewegung nottut. Der gegenwärtige Moment ist ein Moment innerzionistischer Besimmmg. Wir haben unsere Außenpolitik konsequent weiterzuführen, wir haben unsere Wirtschaft zu konsolidieren und zu reorganisieren, wir haben die Finanzierung unserer Kolonisation in größerem Maßstab und nach neuen Methoden in die Hand zu nehmen, wir haben unsere organisatorischen Einrichtungen auf ihre Zweckmäßigkeit zu prüfen. Dies ist unser konkretes Aktionsprogramm. Zugleich aber wissen wir, daß der Wille zum Zionismus, das Verständnis der Judenfrage aufs neue und mit elementarer Gewalt in unserem Volke geweckt werden muß. Als freibende Kraft des Paiästinaaufbaus, als Bürgschaff unserer nationalen Zukunft, als Verkiinder eines neuen Judentums gilt uns die zionistische Idee. Radikale Von Dr. Nachuni Goldmann, ln letzter Stunde, unmittelbar bevor die deutschen Zionisten! durch ihr Votum ihren Teil an der Mitbestimmung des Schicksals der zionistischen Bewegung für die nächsten Jahre auf sich nehmen, sei es mir erlaubt, noch einmal die Lage der Bewegung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Wie ist denn die Situation? Seit Jahren gleitet die Bewegung aus einer Krise in die andere, wird das Gefüge der Organisation schwächer, gebt die Zahl der Schekalim zurück, wird unsere Popularität und Autorität im jüdischen Leben geringer. Seit Jahren auch bleibt die politische Lage in Palästina in gleicher Weise unbefriedigend, hört man, wenn man nach Palästina kommt, aus allen Kreisen des Jischuw nur eine gemeinsame Stimme der Unzufriedenheit, der Entrüstung, der Empörung über die Haltung der englischen Administration und vieler ihrer maßgebendsten Beamten. Und endlich ist noch in diesen letzten zwei Jahren die ökonomische Lage eines Teiles unseres Siedlungswerkes in Palästina außerordentlich kritisch geworden, ist die finanzielle Situation mancher unserer Institutionen außerordentlich gefährdet, hat unsere Exekutive in Palästina ihre Bedeutung als zentrale Leitung des Aufbaus nahezu eingebüßt. Krise in der Organisation, Krise in Palästina, das sind, in großen Zusammenhängen gesehen, sozusagen vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes eines einfachen Zionisten, die Ergebnisse der Richtung und der Politik, die seit dem Kriege ununterbrochen in der Bewegung herrschend ist. Ich weiß, daß für jeden dieser Mißerfolge im einzelnen zahllose Sondergründe angeführt werden können. Alles in der Welt hat seine Ursache, und es gehört besonders für einen jüdischen Kopf keine übermäßige Intelligenz dazu, um für jeden Rückschlag und für jede Schwierigkeit Dutzende Gründe ausfindig zu machen, die in der Zeitströmung, in den objektiven Bedingungen, in der Schiechtigkeit der Zionisten, in den Charakterfehlern des jüdischen Volkes und wo sonst noch immer gelegen sind. Aber es handelt sich doch bei Kongreßwahlen und bei Kongreßentscheidungen nicht um Geschichtsphilosophie, nicht um Volkspsychologie und nicht um Analyse unserer Zeit, sondern es handelt sich um Verteilung von Verantwortung, um Korrekturen begangener Fehler, um Aenderung dessen, was sich ändern läßt, auch wenn alle objektiven Bedingungen die gleichen bleiben. Und unter Beiseite- Schiebung aller objektiven Faktoren, die an der schwierigen Lage der Bewegung zweifellos auch mit Schuld tragen, bleibt die große und im Zusammenhang der Kongreßentscheidungen einzig wichtige Verantwortung übrig, die die herrschende Riehtung in der Bewegung und ihr maßgeblichster Repräsentant, Dr. Weizmann, für die Zustände, wie sie geworden sind, trägt. Nirgendwo in der Welt, bei keinem normalen Parlament wäre es denkbar, daß ein Regime so viele Fehler begangen, so viele Rückschläge erlitten hätte, und dennoch große Teile der Bewcgung bereit sind, den Wortführern dieser Politik weiterhin ihr Vertrauen zu votieren, aus Angst vor jeder Aenderung des Regimes, aus einer blinden Gläubigkeit an die Unentbehrlichkeit eines bestimmten Führers, aus jener ganzen politischen Unr reife, die das jüdische Volk noch immer charakterisiert. Es will einem manchmal nahezu überhaupt nutzlos erscheinen, für Prinzipien, für bestimmte Forderungen und ihre Durchsetzung im Zionismus zu kämpfen, wenn man konstatieren maß, wie wenig bei uns sachliche Gesichtspunkte entscheiden gegenüber persönlichen (pro oder contra Weizmann), wie wenig wir es noch gelernt haben, politische Persönlichkeiten nur als Vertreter einer bestimmten Politik und nicht als sakrosankte Wunder- Rabbis zu betrachten; vor allem, wenn man immer wieder konstatieren muß, wie die gleichen Führer Forderungen, die sie gestern bekämpft haben, weil sie inzwischen populär geworden sind, heute sich zueigen machen, wie ganze Gruppen Anschauungen, die sie vor einem Jahr noch verketzert haben, heute als ihre ureigensten Erfindungen der Welt präsentieren und dies noch immer mit einem Pathos der Ueherzeugung und einem Pochen auf ihr Verantwortungsbewiißtsein tun, als ob sie in der Tat seit Jahren die Pächter der einzigen Wahrheit im Zionismus seien und alle anderen oppositionellen Gruppen — wie lautet doch das hübsche Sprüchlein — nur Gesinnungspolitik gegen• über ihrer eigenen Verantwortungspolitik treiben (Formulierung Blumenfeld) oder aus ״Agitatoren“ bestehen im Gegensatz zu ihren eigenen ״Staatsmännern“ (Formulierung Bileski). Wül man

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